Samstag, 21. Juli 2018

125. Geburtstag vopn Hans Fallada

Hans Fallada, eigentlich Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen (* 21. Juli 1893 in Greifswald; † 5. Februar 1947 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller.

Bereits mit dem ersten, 1920 veröffentlichten Roman Der junge Goedeschal verwendete Rudolf Ditzen das Pseudonym Hans Fallada. Es entstand in Anlehnung an zwei Märchen der Brüder Grimm. Der Vorname bezieht sich auf den Protagonisten von Hans im Glück und der Nachname auf das sprechende Pferd Falada aus Die Gänsemagd: Der abgeschlagene Kopf des Pferdes verkündet so lange die Wahrheit, bis die betrogene Prinzessin zu ihrem Recht kommt.
Fallada wandte sich spätestens 1931 mit Bauern, Bonzen und Bomben gesellschaftskritischen Themen zu. Fortan prägten ein objektiv-nüchterner Stil, anschauliche Milieustudien und eine überzeugende Charakterzeichnung seine Werke. Der Welterfolg Kleiner Mann – was nun?, der vom sozialen Abstieg eines Angestellten am Ende der Weimarer Republik handelt, sowie die späteren Werke Wolf unter Wölfen, Jeder stirbt für sich allein und der postum erschienene Roman Der Trinker werden der sogenannten Neuen Sachlichkeit zugerechnet.

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Donnerstag, 19. Juli 2018

5. Todestag von Milena Milani

Milena Milani (* 24. Dezember 1917 in Savona, Ligurien, Italien; † 9. Juli 2013 ebenda) war eine italienische Künstlerin, Autorin und Journalistin.

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120. Geburtstag von Herbert Marcuse

Herbert Marcuse (* 19. Juli 1898 in Berlin; † 29. Juli 1979 in Starnberg) war ein deutsch-US-amerikanischer Philosoph, Politologe und Soziologe.

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Mittwoch, 18. Juli 2018

Wertverständnis hier & dort


Haimo L. Handl

Wertverständnis hier & dort

Wir leben in einer Überflussgesellschaft, in der auch die Benachteiligten oder Ärmeren über staatliche und private Einrichtungen ihr Auskommen zu sichern vermögen, wenn sie nicht gerade, durch das tägliche Fernsehen verführt, nur im Dauerkonsum das Lebensglück sehen und dessen Nichterfüllung als Strafe oder extreme Aussonderung definieren. Es gibt allerdings Härtefälle, aber die sind in jeder Gesellschaft auffindbar, da keine paradiesische Zustände bietet.

Für AMS-Betreute gibt es einen Kulturpass, damit sie, Interesse kultürlich vorausgesetzt, am kulturellen Leben teilnehmen können. Für Migrantinnen gibt es geförderte Sprachkurse und etliche Organisationen bieten, wie ich weiß, Gratisunterricht an.

Es gibt aber viele, die diese Einrichtungen nicht nutzen wollen. Es gibt viele Eltern, die ihre Kinder nicht schulen wollen. Es gibt, leider, nicht nur Bildungsferne, sondern, viel schlimmer, Bildungsfeindliche, und ihre Zahl wächst, unterstützt durch eine ignorante Falschtoleranz von Gutmenschen, die in diesen Leuten nur Opfer sehen, den Spracherwerb als Belastung und Zumutung denunzieren, und im Kern eigentlich keine erfolgreiche Integration wünschen.

Dafür werden gleichzeitig aber „Oberschichtler“ oder bürgerliche Familien kritisiert, nicht nur, weil sie vermögend oder vermögender sind, sondern auch kultivierter und gebildeter. Anstatt die Depravierten über eine soziale Integration im Bildungsniveau zu heben, unternehmen diese GleichheitsapostelInnen Bemühungen der Schwächung der Bessergestellten, der Begabten und Talentierten, weil es nach ihrer kruden Gleichheitsfimmelei keine Hochbegabten, keine Talentierten geben darf und, da die Orientierung an den Erfolgreicheren für die anderen unrealistisch ist, eine Ausrichtung aufs untere Niveau zu erfolgen habe. Das zeigt sich im verdünnten Bildungsprogramm und den fatalen Einübungen in EinfachDeutsch.

Doch hoher Bildungsstandard, so verrufen er für die Meute der Unteren auch ist, bildet keine Garantie dass die Sprösslinge ebenfalls erfolgreich lernen, studieren und beruflich Karriere machen. Sich aufzuregen, wenn ein Elternhaus eine positive Umgebung für seine Kinder schafft, nur, weil viele Familien das nie gelernt haben, geht am Problem völlig vorbei. Geld ist nicht der primäre Faktor für Kultivierung und Bildung. Aber die Kläffer wollen nicht zulassen, dass es auf die Einzelne ankomme, auch auf das  Kind und die Eltern. In ihren Augen ist es die Gesellschaft, die determiniert, voranbringt oder verhindert. Wie dennoch Außenseiter erfolgreich höhere Bildungsgrade erreichen, wird dann nicht erklärt oder nur als Ausnahme gesehen. Es scheint, als ob diese negativen, misanthropen Kräfte alles nivellieren wollen: wenn ein höheren Fortkommen nicht für ALLE möglich ist, dann runter in den Dreck mit ALLEN durch Zerstörung der Wertestruktur (Kultur) und der Bildungseinrichtungen bzw. Sozialeinrichtungen und Schulen oder Kindergärten im Besonderen (finanziell ausbluten).

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs war in Deutschland für ganz kurze Zeit der Schock so tiefsitzend, dass man hoffen konnte, es werde politisch entsprechend zukunftsorientiert verantwortlich gehandelt. Aber sofort ertönten die Stimmen der falschen Vernünftigkeit: um die staatlichen Aufgaben zu erfüllen, bedürfen wir leider, leider der Experten, auch wenn die meisten davon Nazis waren oder sind. Der Aufbau oder, wie es in Österreich vor allem hieß, der Wiederaufbau brauchte die Nazis. In Kürze war der radikale republikanische, demokratische Anflug verflogen und die alten Kräfte, die im Barbarenkrieg nicht umgekommen waren, viele sogar als Kriegsgewinnler ausstiegen, übernahmen die Lenkung und Organisation des neuen Deutschlande bzw. von Österreich, wovon einige Jahre später ein verkappter Faschist, Jörg Haider, zynisch als „Missgeburt“ sprach.

In dieser Missgeburt sind nun die faschistischen Kräfte erstarkt und bilden über das türkise Bubi den Koalitionspartner. Die ÖVP packet mit der faschistischen Partei (FPÖ – man lernt es, wenn man nicht EFFPÖ-Ö stammelt, sondern den Bedeutungskern anzeigt FAPAÖ oder FAPÖ), reduziert Bildung und Sozialversorgung bei gleichzeitigen Steuergeschenken an die Unternehmer und einer gesetzlich erlaubten 60-Stundewoche, die die Weiterbildung am Abend für Tausende erschweren wird, ganz unabhängig von dem Stress für die Pendler, die nach 12 Stunden Hackeln noch stundenlange Heimfahrten zu bewältigen haben. Aber so sieht die neue Politik aus, die österreichische NEP (Новая экономическая политика).

Aber es bleibt ja nicht bei der Ökonomie, der unterstützen besseren Ausbeutung durch die Unternehmer und den Reduktionen im Sozialbereich. Auch in der Bildung und Kultur wird aufgeräumt.

Gut, man kann sagen, so hart wie Mao Zedong mit seiner zerstörerischen Kulturrevolution geht es bei uns nicht zu. Auch folgt niemand den radikalen Reinigungen (Folterungen und Tötungen) des Pol Pot, der bei Mao in die Schule gegangen war. Sogar der frühere Bauernschlaue, der rote Gott, das massenmörderische Väterchen aus Georgien muss nicht bemüht werden. Bei uns läuft alles viel friedlicher, ruhiger ab, eingeübt durch eine tiefsitzende Kultivierung, die in der langen, unseligen Herrschaft der Habsburger eine ganz einseitige, überangepasste Gehorsamshaltung von Untertanen erzeugt hat, die keiner Gestapo oder Geheimpolizei bedarf, wie anno dazumal, sondern die im Verwaltungsakt schon  ab-, ein- und erdrückt. Da reichen schon die Bubis und Mädis der bräunlichen Bewegung, die jetzt das Sagen hat.

Dieser Verwaltung kommt das durch die jahrzehntelange Dekultivierung und Verbildung unverständige Volk entgegen, weil es in falscher Lobpreisung privaten Konsumglücks meint, freier zu sein als früher, sich einen Dreck um Politik schert, und schon gar nicht um Bildung. Kultur ist Spitzensport und Zuschauen, ist Popmusik und Drogenkonsum. Wer nicht unbedingt wegen der Prüfungen im Studium eine Bibliothek aufsuchen muss, geht nicht hin. Freiwillig meidet man die Mehrheit sie. Liest man die Statistiken der Entlehnungen in den Büchereien, erschrickt man, wie wenige aktive Leser es gibt, was durch die niederen Verkaufszahlen von Literatur  weiter bestätigt wird. Daran ändern auch peinliche Zirkusveranstaltungen wie das Bachmannwettlesen nichts. Die Rolle des Zuschauers hat sich seit dem Internet und der smart phone culture dramatisch geändert. Ein seltsames Phänomen: einerseits eine Isolation von Privaten, andererseits virtuelle „Gemeinschaften“, die vor allem die negativen Verhaltensweisen des shit storm, des mobbing, des Rufmords etc. unterstützen und reale Gemeinschaften extrem unterminieren. In dieser Unkultur gelten keine Argumente mehr, sondern Gefühle, Wallungen, Betroffenheiten. Alles approbiert im Opferkult der Opfergesellschaft. Wer will da noch Bildung erwarten, rationales Denken, Diskurs?

In den letzten Jahren strahlten einige öffentlich-rechtliche Sender Dokumentationen aus, die einen lehrten, wie schlimm die Zustände in Tibet, China, Vietnam oder Kambodscha waren, aber auch im arabischen oder türkischen Raum. Ich kenne viele erschütternde Dokumente aus Tibet bzw. Nordindien, wohin sich viele Tibeter flüchteten, die verzweifelt versuchen, ihre verfolgte, niedergehaltene Kultur am Leben zu erhalten, zu retten. Eine französische Ethnologin, Marianne Chaud, drehte im höchstgelegen Bergdorf im Kloster Phuktal im indischen Zanskar einen beeindruckenden, berührenden Dokumentarfilm. Sie zeigt den achtjährigen Kenrap, der seit seinem fünften Lebensjahr Novize im Kloster ist und Mönch werden will. Besonders beeindruckt hat mich die Art, wie er mit Gleichaltrigen zum Philosophieunterricht eilte, wie er und seine Freunde die heiligen Schriften lernten, die elementaren Technik der Rhetorik. Meisterhaft eingefangen vermittelt die Ethnologin die fest verankerte Kultur, die Freude am Wissen und Bewahren und Weitergeben. (Ein direkter Gegensatz zu den Vernichtern Mao Zedong oder Pol Pot, für die Wissende Feinde waren!)

Ich habe diese und ähnliche Dokumentationen mir öfters angesehen. Sie berühren mich immer wieder. Sie strotzen vor Positivem, vor humanem, freundlichen Ausblick. Nach dem Großen Krieg in Europa schätzen einige die Reste von Kulturgütern in weit höherem Ausmaß, als etwa in den „Goldenen Zwanzigerjahren“, jener selbstvergessenen Zeit des Konsumrausches und der Lebenslüge. Mühsam wurden Bibliotheken wieder errichtet oder wiederhergestellt, Bücher aus Bunkerdepots geholt und sortiert.

Nach dem Schock der Kulturrevolution, die eine Umwälzung in Unkultur und Barbarei war, wurden nicht nur die zerstörten Monumente, Denkmäler, Bildwerke, Bücher und Schriften vermisst und betrauert, sondern langsam dämmerte den Davongekommenen die Tiefe der inneren Zerstörung, die Maos Monsterwerk bewirkt hatte. Die Traumata sind heute noch lebendig und beeinflussen die Verhaltensweisen von Abermillionen. Auch bei den Deutschen, weniger den Österreichern, weil die immer jammernd sich nach ihren Untaten als Opfer beklagten und perfekt verdrängten, haben die Traumata aus der Nazizeit Nachwirkungen. Der Erfolg des Wirtschaftswunders wurde auch durch die 68er nicht wesentlich gestört. Ähnlich geht die Geschichte in China ihren vorgezeichneten Weg der Verdrängung: heute stört die Erinnerung an den Tian’anmen-Platz und dem Massaker vom 4. Juni 1989, soweit sie vielleicht noch hochkommt, niemanden mehr. Die Historie ist bereinigt, die Geisteswissenschaften und Literaturproduktion sind unter Kontrolle,  und fürs Geschäft hat man den bildenden Künstlern etwas mehr Freiheit gewährt, weil der Markt, die Kapitalisierung selbst eine Entwaffnungs- und Kontrollfunktion ausübt.

In Kambodscha, wo das Foltertodesregime von Pol Pot, je nach Schätzung, zwischen 1,7 bis 2,2 Millionen Opfer „produzierte“, waren neben der Hetzjagd und Verfolgung von Intellektuellen, Lehrern und Künstlern, auch Theater, Kinos, die bis dahin existierende Filmwirtschaft, Verlagshäuser, Bibliotheken, Klöster und Schulen zerstört worden. Eine beispiellose Vernichtungskampagne im Hass auf alle Wissenden, die das Regime, mit tatkräftiger Hilfe aus dem Ausland, zu bewerkstelligen versuchte und fast erfolgreich gewesen wäre. So konnte sich nach 30 Jahren blutigem Bürgerkrieg das Land langsam, langsam erholen. Aber die Bevölkerung ist zutiefst traumatisiert. Tempeltänzerinnen, wenn sie nicht vom Regime gefoltert, vergewaltigt und ermordet worden waren, können nicht einfach ihre Tänze wieder einüben und lernen, weil die Schriften und Bücher fehlen, die verbrannt worden waren. Die letzten Reste von „lebenden Büchern“, von Eingeweihten, die ihr Wissen mühsam erinnern und weitergeben, bilden die Quellen des Aufbaus.

Wenn ich beobachte, wie Angehörige solcher Gesellschaften die Bildung wertschätzen, wie sie mit einfachsten Mitteln versuchen Schriften zu retten und zu übertragen, wie die Kinder begeistert lernen und vorwärtskommen wollen in und mit ihrer Kultur, staune ich einfach über die Ignoranz, die ich hier in meinem Heimatland leidvoll erkenne. Hier prägen fürwahr nicht nur Bildungsferne das Bild, die (un)geistige Landschaft, sondern Bildungsunwillige oder gar Bildungsfeindliche.

Wenn ich sehen darf, wie einige beherzte Frauen in Kambodscha Tänze wieder einüben mit ihrer faszinierenden Liturgie feiner Bewegungen, staune ich über unsere verlogene Brauchtumskultur und die oberflächliche Geschäftigkeit für Ruhm und Geld.

Wenn ich die chinesische Künstlergeneration der Gegenwart mir ansehe (nicht nur den bei uns so gefeierten  Ai Wei Wei, sondern Cang Xin, Guo Jin, He Yunchang, Hu Jie, Huang Rui, Huang Zhiyang, Li Chen,  Liu Wei, Wang Luyan, Wang Shugang, Yang Yongliang, Yue Minjun, Zhang Xiaogang, Zhang Xiaoto, Zhao Zhao, Zhen Fanzhi, Zhu Qi und viele andere), ihre Werke betrachte, die Umstände der Produktionsbedingungen berücksichtige, das Ausmaß der Zensur und Verfolgung, der sozialen Ächtung in vielen Fällen, die ich wahrscheinlich nicht adäquat zu ermessen vermag, staune ich über unsere Künstlerinnen und Künstler, die sich oft und öfter in einer Art unverbindlicher Gartenlaubenneoromantik suhlen, wie man bei den „gehobenen“ Kunstshows als auch bei den Massenbeteiligungen wie den erfolgreichen niederösterreichischen Tagen des offenen Ateliers feststellen kann oder muss.

Dienstag, 17. Juli 2018

Westliche China-Klischees

Die chinesische Gefahr

Warum man sich Informationen lieber bei Le Monde Diplomatique holt als bei Österreichs neuer Außenministerin Karin Kneissl

Von Astrid Lipinsky, Literaturkritik.de 13.7.2018

 

Sonntag, 15. Juli 2018

Dekadenz?


Haimo L. Handl

Dekadente Zeiten?

Untergangsstimmungen gab es immer schon. Manchmal intensiv, epidemisch, dann wieder hochstilisiert in esoterischen Kreisen zirkulierend. Der Begriff „Dekadenz“ sollte das ausdrücken (Niedergang, Verfall). In Wikipedia wird angemerkt: „In der Geschichtswissenschaft hat man inzwischen den Dekadenzbegriff zur Charakterisierung gesellschaftlicher Entwicklungsabschnitte fallen lassen. Nur in der Dekadenzdichtung hat das Wort auch eine positive Bedeutung; im Sprachgebrauch überwiegt der abwertende Charakter.“

Aufgrund der rasanten technischen Entwicklungen könnte man behaupten, wir leben in einer prosperierenden Zeit mit hoher Entwicklungsgeschwindigkeit (wohin?), aber gleichzeitig zeigen sich, je nach Bewertungsmaßstäben, Rückentwicklungen oder Degenerationen bzw. Verfallserscheinungen. Die Bestimmung hängt wesentlich vom ideologischen Standpunkt ab: Gewinner – erfolgreich, dynamisch, entwicklungsorientiert versus Opfer – verlierend, peripher, verarmt. Da es aus vielerlei Gründen nicht opportun erscheint, als Starker, als Gewinner bzw. als Starke und Gewinnerin aufzutreten, weil dann ungeheuer viel Energie investiert werden müsste, um gegen die Meute der Opfer und ihren Anwälten sich behaupten zu können, erstarkte des Gerede, Geschreibe und Geschwafel von der Dekadenz, vom Untergang der Welt (früher beschränkte sich das noch aufs Abendland), vom Verfall.

Würde differenziert beschaut, bedacht und argumentiert werden, wäre es kein Problem, einerseits von Fortschritten zu sprechen, andererseits von Verlusten und Belastungen. Aber dieses feine Unterscheidungsvermögen haben nur wenige sich gebildet. Es ist auch nicht Ziel unserer Bildungseinrichtungen. Im Gegenteil: es geht um Vereinfachungen zwecks problemloser und schneller Kommunikation. Die Sprache wird primär auf den Mitteilungszweck reduziert, obwohl noch ästhetische Texte, Schriftstellerei betrieben und sogar gepriesen wird. Sieht man sich die gängigen Produkte an, erschrickt man allerdings über die Gleichförmigkeit, die Spracharmut gepaart mit einer Art von Themenfixierung, wie man sie seit den unguten Zeiten diktatorischer Regime und den gleichgeschalteten Mitläufern in Erinnerung hat, falls man nicht das moderne Vergessen pflegt in einer extremen Gegenwartsorientierung, der das Historische suspekt erscheint und unwichtig, „belastend“ als Ballast.

Schon früher wurde von manchem sich als Philosoph verstehenden Schreiber behauptet, alles ist gleich, alles ist möglich, anything goes. Mit der daraus folgenden Unverantwortlichkeit und „Wurstigkeit“ gelang es den Managern als auch den Kulturbetriebsangehörigen tatsächlich eine vielfältige, eigentlich widersprüchliche, im Kern aber gleichförmige Gesellschaft aufzubauen, in der die Reichen, wie früher, reicher werden, und die Armen ärmer, aber alles garniert und sogar durchdrungen von Programmen der erwünschten Gleichheit und Freiheit. Keine Verantwortung von niemandem bzw. allgemeine Kollektivverantwortung ohne Folgen für Einzelne. Freiheit überall, außér im Wesentlichen, im Einzelnen. Es regiert das Kollektiv, obwohl es keine Kolchosen mehr gibt und Parteikaderschulen und GULAGS oder KZ. Eine moderne Art des durchdringenden, beobachtenden, überwachenden, total erfassenden Kollektivs regiert und wird täglich gestärkt durch die „freiwillige“ Kollaboration von Millionen und Milliarden, die die Systeme glücklich, fast berauscht, mit ihren Daten füttern, um endlich die verhasste Privatsphäre zu vernichten, wie sie bis anhin von keinem Regime, auch den grausamsten nicht, vernichtet worden ist. Es lösen sich Gegensätze auf, alles scheint in einem Einheitsbrei zu schwimmen. Da wird auch die Rede von Fortschritt und Dekadenz obsolet, überflüssig.

Im Kulturbereich halten sich einige Scharmützel und Gefechte etwas länger, werden sogar mit staatlicher und privater Kulturförderung länger am Leben gehalten. Dort liest und hört und sieht man verwegenes Regietheater in seinen Modernisierungsbemühungen, dort hört man Industrielärm als Musik bzw. einpeitschende Rhythmen zum Training depravierter Opfer, die für kurze Zeit meinen sich „finden“ zu können in einem „Rausch“ oder „Genuss“, ähnlich den johlenden Massen, die ihre schiere Vertierung im Fußballstadium demonstrieren, was wiederum tausenden von Sozialarbeitern, Coaches, Soziologen usw. Stoff gibt zu klären, wie weit heute wieder Tragödie erfahrbar ist, nicht im bürgerlichen Theater oder Opernhaus, sondern im Stadion. Völkerverständigung über gewaltige Spiele, die die Massen enthemmen. Katharsis weltweit. Zugleich Einübung für die nächste Formierung, wenn’s wieder auf den realen Kampfplatz geht jenseits des Sports hin zum eigentlichen Geschäft, zum Krieg. Und auch die Literatur bleibt nicht außen vor. X Tausende von Preisen belegen ihre offizielle Bedeutung, kurbeln den Buchmarkt an, schönen das nationale Image, graben Gräben zwischen Konkurrierenden, auch auf staatlicher Ebene und lassen den Künstlerinnen, soweit noch einige der Schritstellerinnen solche sind, keinen Freiraum für Eigenheiten, sondern nur für nach approbierten Maßstäben Geliefertes. Aber alle fühlen sich wohl, danken für die Preisgelder, die vielen Einladungen zu Talk Shows und Lesungen und Interviews und Porträts und Vorträgen, und erfüllen damit ihre soziale, politische und ideologische Rolle.

Die Reinigung der Bibliotheken von altem, verbrecherischem oder einfach obsoletem Zeug ist noch nicht so weit fortgeschritten, wie sich das einige Eifrige wünschen, aber der Purifikationsprozess gewinnt an Geschwindigkeit und Präzision. Da sind die Sprachreinigungsprogramme und Forderungen nach politischen Maßnahmen, damit die Frauen, die Paradeopfer, die Ausgebeuteten, die Verhinderten, die Behinderten endlich nicht nur gleiche Rechte eingeräumt erhalten, z.B. gleicher Lohn für gleiche Arbeit, sondern mehr Rechte, sozusagen aus Ausgleich und Rache an der überlangen, historischen Ausbeutung durch Männer. Dieser Kampf wird vor allem im sogenannten Westen gefochten, wo die Entwicklung zwar nicht vorzüglich, aber doch besser als sonst irgendwo ist hinsichtlich der Rechte für Opfer und Frauen. In den islamischen Ländern oder afrikanischen sehen diese Frontkämpferinnen aber nur Opfer (wahrscheinlich sogar dann, wenn sie, falls sie mal solche Gesellschaften aufsuchen und länger als ein paar Tage dort leben, selbst „dran glauben müssen“. Das ist dann wahrscheinlich der Preis für die Überzeugung, denn sie wissen ja nicht, was sie tun, das wussten und wissen nur die Nazis und modernen Verbrecher bei uns…)

Man findet also noch Klassiker, die den modernen Auffassungen total widersprechen, man findet auch viel Schmock und Schonz und Kitsch, was aber eh niemanden aufregt. Noch darf man sogar als Nazi verschriene Autoren lesen, wie Benn oder Heidegger, oder Antisemiten wie Céline. Es werden auch Studien druchgeführt und publiziert über die schandvollen Figuren. Noch geht das. Morgen, wenn die herrschende Dekadenz geschwächt sein wird und das Regime der Korrekten gestärkt, wird das anders sein. (Bemerkenswert, dass die fanatischen Reiniger sich nicht der historischen Vorbilder erinnern und ihres Versagens im Bildungs- und Erziehungsprozess: DDR und USSR. Die DDR ist, staatlich, geografisch, nicht aber in den Köpfen, untergegangen und die USSR hat sich wie eine Raupe entpuppt zu einem neuen Regime mit Kadern und Sklaven, mit Oligarchen und Krisengewinnlern.)

„Ich halte mich dies Mal nur bei der Frage des Stils auf. — Womit kennzeichnet sich jede litterarische décadence? Damit, dass das Leben nicht mehr im Ganzen wohnt. Das Wort wird souverain und springt aus dem Satz hinaus, der Satz greift über und verdunkelt den Sinn der Seite, die Seite gewinnt Leben auf Unkosten des Ganzen — das Ganze ist kein Ganzes mehr. Aber das ist das Gleichniss für jeden Stil der décadence: jedes Mal Anarchie der Atome, Disgregation des Willens, „Freiheit des Individuums“, moralisch geredet, — zu einer politischen Theorie erweitert „gleiche Rechte für Alle“. Das Leben, die gleiche Lebendigkeit, die Vibration und Exuberanz des Lebens in die kleinsten Gebilde zurückgedrängt, der Rest arm an Leben. Überall Lähmung, Mühsal, Erstarrung oder Feindschaft und Chaos: beides immer mehr in die Augen springend, in je höhere Formen der Organisation man aufsteigt. Das Ganze lebt überhaupt nicht mehr: es ist zusammengesetzt, gerechnet, künstlich, ein Artefakt. —“ (Nietzsche, Der Fall Wagner 1888)

Was Nietzsche vor 130 Jahren notierte, ist nicht historisch abgeschlossen, sondern zeigt sich auch in der Gegenwart, sogar intensiver, als es früher war bzw., allein schon wegen der technischen Möglichkeiten, der Fall sein konnte. Wenn heute ein Experte vom „Werkbegriff“ spricht, wie Karlheinz Stierle in seinem Buch „Ästhetische Rationalität. Kunstwerk und Werkbegriff, 1997) als Kritik bzw. Zurückweisung der Standpunkte der postmodernen Verächter des Werkbegriffs, macht er sich verdächtig. Innert der letzten 20 Jahre ist die Toleranzbreite für Randsichten oder Außenseiter-Modelle geschrumpft, vor allem, wenn jemand wie Stierle behauptet, dass ein Werk des Verstehens und der Interpretation bedarf. Er stellt sich gegen die Alleinherrschaft des Fragmentarischen oder Unabgeschlossenen. Das ist heute eine Sünde.

Unsere fortschrittliche Zeit, die überaus bemüht ist, Gleichheit und Gerechtigkeit zu schaffen, obwohl das Eine dem Anderen fundamental widersprich, ist in eine Dekadenz gekippt, die sie als solche nicht wahrnimmt. Es ist, als ob sie es nicht vermöchte, aus dem Kreisel der immerwährenden Wiederholungen herauszutreten, und neue Wege zu beschreiten. Die Vereinfachungen, die Simplifikationen einerseits, die höchstentwickelte Technologie andererseits überdecken die Systemschwächen, den partiellen Verfall und vergewissern den vermeintlichen Fortschritt. Wir leben wahrlich in interessanten Zeiten.

Samstag, 14. Juli 2018

NATO destructed Libya, the EU has to pay the costs

Lessons That Should Have Been Learned From NATO’s Destruction of Libya

The summit meeting of the North Atlantic Treaty Organization, the military alliance that is expanding its deployments of troops, combat and surveillance aircraft and missile ships around Russia’s borders, took place on July 11-12 and was a farce, with Trump behaving in his usual way, insulting individuals and nations with characteristic vulgarity. More

100. Geburtstag von Ingmar Bergman

Ernst Ingmar Bergman (* 14. Juli 1918 in Uppsala, Schweden; † 30. Juli 2007 auf Fårö, Schweden) war ein schwedischer Drehbuchautor, Film- und Theaterregisseur. 1997 wurde Bergman bei den Filmfestspielen in Cannes als „Bester Filmregisseur aller Zeiten“ geehrt. Die Mehrzahl seiner Filme sind der Gattung des Filmdramas zuzurechnen, er drehte aber auch Komödien und Dokumentationen. In seinen Filmen thematisierte er häufig existenzielle Themen wie den Tod, die Suche nach Gott, die Einsamkeit des Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen. Seine Filmsprache zeichnete sich unter anderem durch lange Naheinstellungen und eine spezielle Lichtsetzung aus, die er zusammen mit seinem langjährigen Kameramann Sven Nykvist entwickelte. Die mitunter direkte Darstellung von Sexualität führte in den 1950er- und 1960er-Jahren wiederholt zu Problemen mit der Zensur und verhalf unter anderem dem Film Das Schweigen zu einem Skandalerfolg.  Weitere namhafte Werke sind Das siebente Siegel, Wilde Erdbeeren, Szenen einer Ehe und Fanny und Alexander.

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Freitag, 13. Juli 2018

Bibliotheken dem Namen nach

Wozu eigentlich noch Bibliotheken heutzutage?

Bibliotheken waren einst heilige Hallen des Lesens und Wissens. Heute sind sie multifunktionale Alleskönner – zum Glück für uns.
 
NZZ, Roman Bucheli 13.7.2018

Donnerstag, 12. Juli 2018

150. Geburtstag von Stefan George

Stefan Anton George (* 12. Juli 1868 in Büdesheim, heute Stadtteil von Bingen am Rhein; † 4. Dezember 1933 in Minusio bei Locarno) war ein deutscher Lyriker. Zunächst vor allem dem Symbolismus verpflichtet, wandte er sich nach der Jahrhundertwende vom reinen Ästhetizismus der zuvor in den Blättern für die Kunst propagierten „kunst für die kunst“ ab und wurde zum Mittelpunkt des nach ihm benannten, auf eigenen ästhetischen, philosophischen und lebensreformerischen Vorstellungen beruhenden George-Kreises.

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Eine literarische Sensation : Das Geheimnis des Stefan George




Stefan George : Die dunkle Seite der Macht


Für Verehrer des Dichters Stefan George ist die Biographie, die Thomas Karlauf schrieb, ein Skandal. Für alle anderen ist das Buch Schrecken und Faszination. Ein Besuch bei seinem Verfasser.













[Komm in den totgesagten park und schau]

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade ·
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb · das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau ·
Die späten rosen welkten noch nicht ganz ·
Erlese küsse sie und flicht den kranz ·

Vergiss auch diese lezten astern nicht ·
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.
Quelle:
Stefan George: Das Jahr der Seele. Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 4, Berlin 1928, S. 12.

Mittwoch, 11. Juli 2018

Donald, NATO and the upcoming wars


NATO’s Crisis and the Trans-Atlantic Conflict



When the Berlin Wall came down and the Soviet Union dissolved and the Warsaw Pact disappeared, a few of us argued that the appropriate response would be to close down NATO and develop a new all-European peace system and a policy for conflict-handling to replace the predominantly military security thinking that had dominated during the First Cold War.

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Today the NATO member states met and surrender under Donald Trumps attacks. 2018 - 1968. What historic date and event is to remember? 1968 Breschnew kissed the Czecho-Slowakian Alexander Dubcek. Shortly afterwards the USSR and her allied Warsaw countries were to invade the CSSR and break down the unwanted politics of the Pargue Spring.

The danger of repetition, this time by the American warmonger Trump, isn't acute at the moment. But forms of war have changed. As the US will destroy Iran not primarily by bombs, as it did in Irak, the economic measures and the instrumentalisations of some oppositional groups will bring the desired results. The goal is – war.

The political pressure put on Germany, especially concerning the direct pipeline from Russia to Germany, will weaken not only Germany but Europe. Trump and his hawks are clearly war oriented. Europe is divided and weak, has no will and vision and gives in. The European Union behaves like the dog who is listening (and obeying) to his master's voice.

Most mass media support the American vision and continue to fabricate fake news and falsifications of historical facts. The goal is – war.

130. Geburtstag von Carl Schmitt

Carl Schmitt (zeitweise auch Carl Schmitt-Dorotic) (* 11. Juli 1888 in Plettenberg; † 7. April 1985 ebenda) war ein deutscher Staatsrechtler, der auch als politischer Philosoph rezipiert wird. Er ist einer der bekanntesten, wenn auch umstrittensten deutschen Staats- und Völkerrechtler des 20. Jahrhunderts. Schmitt engagierte sich ab 1933 für das NS-Regime: Am 1. Mai 1933 trat er in die NSDAP ein und gehörte ihr bis zum Ende der NS-Herrschaft an. Den sogenannten „Röhm-Putsch“ 1934 rechtfertigte er durch ein juristisches Prinzip der „Führer-Ordnung“. Die antisemitischen Nürnberger Gesetze von 1935 nannte er eine „Verfassung der Freiheit“. Im Jahr darauf wurde ihm jedoch Opportunismus vorgeworfen, und er verlor seine Parteiämter.

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Dienstag, 10. Juli 2018

Sonntag, 8. Juli 2018

Jubelsprache


Haimo L. Handl

Jubelsprache

Anlässlich des 240. Todestages von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) habe ich mir wieder Werke von ihm vorgenommen um zu prüfen, ob mein negatives Urteil, das ich mir gebildet hatte, meine Abscheu und sogar Verachtung, zu revidieren wäre. Bücher lesen sich ja je nach Erfahrungsschatz, Alter  und Wissen anders. Aber die Lektüre führte nur zu einer Bestätigung meiner Ablehnung dieses Schwärmers und Träumers und seiner schlimmen Widersprüchlichkeit. Zwar lassen sich neben Ablehnungen (Zivilisationskritik, Naturideal und totalem Staatskonzept) auch Sätze oder Ansichten finden, die für sich gelesen durchaus Zustimmung finden, aber im Kontext seines Werkes und, vor allem, seiner Haltung, keinen Bestand aufweisen; sie sind mir eher Zeugnis einer sektenhaften Sprache von der Vorherrschaft des Gefühls, des eigenen, authentischen Erfahrungsgehalts wider alle Gemeinschaft und Gesellschaft, als ob der Einzelne rein aus sich, ohne jede Konvention und ohne jedes Regelwerk zu agieren vermöchte. Seine späteren Ausführungen konterkarieren seine frühen gefühlsduseligen Positionen. Er ist fürwahr ein Wegbereiter der Tyrannei, im Kern ein Gutmenschterrorist (ein Vergleich mit Maximilian Robespierre, 1758-1794, ist hoch interessant!).

Der Mensch ist zwar ein Tier, aber eines, das sich kultiviert hat. Die Rede vom „natürlichen Menschen“ folgt einem untauglichen Konzept. Es gibt Apologeten Rousseaus, die betonen, man müsse seine Person, seine Biographie unbedingt beachten, weil ohne sie das Werk widersprüchlich oder unverständlich erscheine. Das ist eine wesentliche Schwachstelle. Zu folgern, was er aus X Gründen so oder anders gemeint haben könnte, beantwortet nicht die Fragen nach der Gültigkeit seiner Sätze, seiner Konzepte, Forderungen und Programme. Auch wenn man die Rhetorik der Zeit berücksichtigt, zeigt sich im Kern wenig Annehmbares, außer man teilt seine Haltung, seine Misanthropie, seinen Tugendterror. Rousseaus überaus geschickten, winkeladvokatischen Argumente zur Freiheit im totalen Staat sind nur die Kehrseite des geistigen Terroristen. Seine Haltung kommt jener der Gutmenschen heute, besonders den Gleichheitsaposteln (männlich und, vor allem, weiblich) entgegen. So findet man einerseits eine heftige, prinzipielle Abwehr gegen jede Art von gesellschaftlicher Reglementierung, was von Kurzdenkern als Anarchismus gedeutet werden könnte.

„In unseren Sitten wie im Denken herrscht eine niedrige und betrügerische Gleichförmigkeit. Alle Geister scheinen in die gleiche Form gepreßt. Ohne Unterlaß fordert die Höflichkeit befiehlt der Anstand bestimmte Dinge; immer folgt man dem Gebrauch, nie dem eigenen Genius. Man wagt nicht mehr zu scheinen, was man ist: und in diesem ständigen Zwang tun die Menschen, die jene Herde bilden, die man Gesellschaft nennt, unter gleichen Umständen alle das Gleiche.“

Er schwärmt vom „echten Geist der Wahrheit“, von der „urwüchsigen Sprache“ als einer der Weisheitslehre. Er formuliert den Gegensatz vom natürlichen zum artifiziellen, dem zivilisierten Menschen, von „homme naturel“ und „homme artificiel“, dessen Richtschnur für richtiges Handeln nur die Selbstbesinnung und Selbsterkenntnis, der echten, ist. In diesem Authentitätskult bleibt vieles unbedacht und unbewiesen, klingt aber revolutionär.

„Woher hätte der Urheber dieser Lehre, woher hätte der Maler und der Apologet der menschlichen Natur sein Vorbild auch nehmen können, hätte er es nicht in seinem eigenen Herzen gefunden? Er hat diese Natur geschildert, so wie er sie in sich selbst fühlte. Die Vorurteile, die ihn nicht unterjocht hatten, die künstlichen Leidenschaften, denen er nicht zum Opfer gefallen war, – sie verdunkelten für seine Augen nicht, wie für die Augen aller anderen, die ersten so allgemein vergessenen und verkannten Züge der Menschheit. Mit einem Worte: es war nötig, daß ein Mensch einmal sich selbst malte, um uns den primitiven Menschen zu zeigen – und wäre der Autor nicht ebenso einzigartig wie seine Bücher gewesen, so hätte er diese Bücher niemals geschrieben. Aber wo gibt es noch diesen Menschen der Natur, der ein wahrhaft-menschliches Leben lebt; der die Meinung der anderen für nichts achtet, und der sich lediglich von seinen Neigungen und seiner Vernunft leiten läßt, ohne Rücksicht darauf. Was die Gesellschaft, was das Publikum billigt oder tadelt? Man sucht ihn vergebens unter uns. Überall nur ein Firnis von Worten: überall nur das Haschen nach einem Glück, das lediglich dem Anschein nach besteht. Niemand kümmert sich mehr um die Wirklichkeit; alle setzen ihr Wesen in den Schein. Als Sklaven und Narren ihrer Eigenliebe leben sie dahin – nicht um zu leben, sondern um andere glauben zu machen, sie hätten gelebt.“
(Zitate aus den Discours)

Der Pädagoge und Advokat der Echtheit und des natürlichen Menschen gibt implizit die Antwort: ER hat das Wissen, ER lebt die korrekt Haltung, ER kennt das wahre, echte Glück jenseits jeden Scheins, ER ist der Weg und das Licht, ER weist den Weg, ER kümmert sich um die Wirklichkeit. Aber er hält es nicht aus, glücklich zu leben, er will leiden, er will bekehren, er ist ein Missionar, ein Sektierer, ein guter Mensch, ein Halbgott. Er pfeift auf die Gesellschaft, kümmert sich als wahrer Egoist nicht um die Anderen. Aber er ist auch schwach und von Liebe durchflutet und ergriffen, sodass er dennoch zu den Dummen, den Niederen spricht, ihnen die Frohe Botschaft vermittelt. Wie Jesus verausgabt und verschwendet er sich. Ein Perverser.

Die Kritik gemahnt in manchem an spätere Autoren wie Schopenhauer oder Nietzsche, der auch nicht müde wurde, sich selbst zu loben, weil es andere nicht taten. Letzterer war aber hinsichtlich des Staates und seiner Rolle viel klarsichtiger – emanzipatorisch, revoltierend, während der Franzose der totalen Einpassung und Kontrolle das Wort redet.

Die Paradiesvorstellung impliziert, dass jede Entwicklung eine negative weg vom reinen Urzustand ist, hin zur Hölle, zur Entfremdung. Sie bildet den Boden von Rousseaus Schwärmerei und seiner Menschenverachtung.

Tyrannen haben Staaten gebildet und befehligt, die nicht nur Terror kannten, sondern auch Gratifikationen ihren Untertanen boten. Das ist heute wie damals gleich. Auch der Hitlerstaat war nicht nur Terror, ebensowenig der von Stalin oder von Mao Zedong. Noam Chomsky hat richtig erkannt, dass auch mit Hitler ein Frieden möglich gewesen wäre, allerdings nur nach seinen Bedingungen. Das gilt auch für Rousseau: folgt man seiner Doktrin, findet man in seinem Staat die größtmögliche Freiheit.

Heute werden wir permanent umspült und weichgewaschen durch eine floskelhafte Sprache der echten Werte, der authentischen Ziele, der erstrebenswerten Demokratie, der gefährdeten Freiheit usw. usf.

Vor kurzem ist der große, berühmte, meistzitierte deutsche Philosoph Jürgen Habermas mit dem Großen Deutsch-Französischen Medienpreis ausgezeichnet worden. In seiner Dankesrede forderte der Jubilar in seinem „Plädoyer, sich mit politischem Handeln gegen die augenscheinlichen Sachzwänge der Wirtschaft aufzulehnen. Gemeinsam in Europa – und nicht mit nationalen Alleingängen(Deutschlandfunk 5.7.2018). Er bedauerte die deutsche Selbsttäuschung, „gute Europäer“ zu sein und übte Selbstkritik. Der Tenor war klar und eindeutig: Europa gut, Zukunft gut, WENN wir uns nur bemühen, mutig zu sein etc.
In der WELT vom 5.7.2018 äußerte sich Joachim Lottmann etwas zynisch, ernüchtert und enttäuscht über Habermas und Co: 

Voilà: das Establishment. Hierhin verirrt sich in hundert Jahren kein AfD-Wähler. Im Saal sitzt die geistige Elite Deutschlands und Frankreichs. Die Reaktion. Das Justemilieu. Der Geist, der seit fünfzig Jahren die Bundesrepublik dominiert. Mit Jürgen Habermas wird hier heute ein „Meisterdenker“ ausgezeichnet, dessen Denken die Wirklichkeit der 60er- und 70er-Jahre beschrieb, vielleicht sogar schaffte. Unser Koran sozusagen.
Dass seitdem viel passiert ist, ficht diese Leute nicht an. Die Worte hallen weiter durch den hässlichen Bau des postmodernen ZDF-Hauptstadtstudios, wo Habermas an diesem Mittwochabend den Deutsch-Französischen Medienpreis entgegennimmt. „Freiheit“, „Utopie“, „Menschenrechte“, „Vision“, „Friede“, „Solidarität“, „Wahrheit“, „Kultur“, „Demokratie“ und immer wieder „Europa“. Die Mediengewaltigen aus besseren Tagen sprechen, öffentlich-rechtliche Intendanten, Mitarbeiter. Wenn es stimmt, dass wir in einer Mediengesellschaft leben, ist das hier die herrschende Klasse.“

Er schreibt vom Establishment, wie vor 50 Jahren (68er-Kultur), von Prototypen:

„Die Laudatio hält Heiko Maas, unser Außenminister, auch er ein Prototyp, der des gelehrigen Schülers, Strebers und Bubi-Schlaumeiers. Er macht das aber gut. Besser als Habermas.“

Dann geht er auf die Phrasen, die „holen Worte“ (= Klischees) ein:

„Nach ihm, dem „Spiritus Rector der öffentlichen Bundesrepublik“, geht es munter weiter mit den großen hohlen Worten, mit „Integration“, „Freiheit“, „Teilhabe“ und so weiter. Es ist wirklich kaum noch zum Aushalten. Man spricht sich gegen Fake News aus, für den „Kampf gegen Vorurteile“, für eine „kritische“ Berichterstattung. War „kritisch“ nicht immer schon das verlogenste Wort, im Grunde das Vorurteil selbst? Kein Wort auch – nicht einmal das, obwohl es um einen Medienpreis geht – über das Zeitungssterben oder über die Demokratisierungschancen, die das allen zugängliche öffentliche Internet bietet.“

Der Journalist bekennt, dass er Habermas nie mochte, dass er ungerecht sei. Trotzdem eine Wohltat, mal so eine Kritik an der gediegenen, abgeschirmten heilen Welt akademischer und politischer Prominenz zu vernehmen.

Die hohlen Worte bestimmen nicht nur politische Diskurse (sollen diese Art Kommunikationen wirklich „Diskurse“ genannt werden?), die Wirtschaft und Werbung, sondern auch die Kultur, vor allem in der Literatur. Neueste Belege, sozusagen das Neue vom Tage, liefern die Berichterstattungen (welch schönes Wort!) zum Klagenfurter Wettlesen, das in 3SAT breitgewalzt wird. Es sind nicht nur die Juroren bzw. Jurorinnen peinlich, sondern auch die Literatinnen und Literaten und –  kultürlich, die Journalistinnen und Journalisten.

In der Süddeutschen Zeitung (5.7.2018) wird der Eröffnungsredner Feridun Zaimoglu, ein literarischer Mitarbeiter des Apparats der Sonderklasse, erwähnt unter dem Titel „Es gibt keinen redlichen rechten Schriftsteller“ Punkt, Basta! Verbürgt Redlichkeit des Rests Qualität? In der moralischen Anstalt vermeintlich schon, real aber nicht. Es wird das Immergleiche des Gleichen beschworen. Es ist, als ob Rousseau auferstanden wäre in weiblichen und männlichen Inkarnationen, die als Literaturtugendwächter bei einer hurösen Personenbeschau ihre Urteile verhökern. In der SZ lese ich:

„Zaimoglus Aufruf zum Mitgefühl ist aber auch ein normativer Appell an die Literatur, über die in Klagenfurt gesprochen werden soll. Er erhebt die klassische Forderung nach einer politischen Literatur, die die im Dunkeln Lebenden repräsentiert.“

Der Aufruf zum Mitgefühl. Das las ich doch vor kurzem bei Jean-Jacques. Wie modern der Zaimoglu ist, wie up to date die Klagenfurter Zirkusshow. Im Tagesspiegel (5.7.2018) heißt es „Erster Tag Bachmann-Preis: Der Text stottert noch“. Weshalb, weil die Bachmann BachMANN heißt, was die Genderpolizistinnen enorm stören muss? Oder weil kein Text die Expertinnen und Experten vom Stuhl reißt (wäre doch ein schönes Fernsehbild, nicht?)? Der Journalist des Tagesspiegels, Gerrit Bartels, sagt es im Schlusssatz seines Artikels:

„Warum erkürt ein White-Trash-Junge ausgerechnet Patrice Lumumba zu seinem Helden, den ersten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten des Kongo, der 1961 ermordet wurde? So bleibt der Eindruck nach dem ersten Drittel des diesjährigen Wettbewerbs diffus. Ganz ordentlich, aber kein Siegertext. So wie das Wetter im Verlauf des Tages: Sonne, Wolken, Gewitter, Wischiwaschi – und trotzdem annehmbar.“

Der White-Trash-Junge ist der 1964 in Hamburg geborene Autor Stephan Lohse. Warum er so apostrophiert wird, vermag ich nicht zu erkennen. Interessanter, im negativen Sinn, weshalb gewisse Themen „verboten“ oder nicht ratsam sind. Verbirgt sich dahinter ein neuer Ethnofaschismus, ähnlich dem Sexismus? Nur Frauen dürfen über Frauen schreiben, Weiße nur über Weiße oder ihre Heimat, vor allem, wenn sie Trash, White-Trash, sind? Wer darf was? Weshalb sollen Fremde aus ihrer neuen Fremdenerfahrung außerhalb ihrer Herkunftsländer und -gesellschaften schreiben dürfen, jemand von hier aber nicht von dort, vor allem nicht, wenn männlich und Abfall?

Mir tun weder die Probanden der Zirkusshow leid, noch die Expertinnen. Sie machen mit im Hurengeschäft, sie verkaufen sich, sie gieren nach Aufmerksamkeit. Sie geben vor, mit und über Literatur zu arbeiten. Sie bedienen einen geilen Markt. Einerlei oder Zweierlei, weil alles gleich. Wie meinte doch Bartels: „… und trotzdem annehmbar.“ Eben. Macht ja nix, wir sind ja so tolerant, nehmen alles an, auch das Gequatsche der Expertinnen oder das Geschreibe der Journalistinnen.

Ich las letzthin und lese gegenwärtig wieder Essays von einem sehr produktiven Autor, der sich aber stets dem Literaturbetrieb verweigerte, erfolgreich sogar, nämlich von Heinz Risse (1898-1989). Zwar sind manche seine Überlegungen nicht aktuell oder von anderen Autoren ergänzt, aber vieles zeigt ein kritisches Denken, wie man es heute, vor allem in einem tadellosen Deutsch, das nicht mehr gesprochen und geschrieben wird, leicht vermisst. Ich zitiere aus zwei Essays, „Bemerkungen zum Verfall der Sprache“ sowie „Literaturkritik“, beide enthalten in seinem Buch „Feiner Unfug auf Staatskosten. 12 Essays“ (Merlin Verlag Hamburg 1963).

Zwei Zitate aus dem ersterwähnten Essay:

„Wenn man unterstellt, daß jede Sprache eine Wirklichkeit spiegelt, nämlich die ihr adäquate – die damit ihrerseits den Charakter einer von der Vorstellung unabhängigen Realität verliert –, so ergibt sich, daß die Menschen in zwei nebeneinander bestehenden, zugleich aber einander spiegelnden Welten leben; in einer, die wahrgenommen, empfunden, vor allem aber – nämlich hinsichtlich der abstrakten Begriffe – gedacht wird, und in einer, die aus den Worten besteht, mit deren Hilfe die erste erklärt, deutlich gemacht, mitgeteilt werden kann.“

„Da die Sprache das Spiegelbild der Wirklichkeit ist, leidet sie unter Elephantiasis, indem sie gezwungen wird,  in die alten Begriffe immer mehr hineinzupferchen. Worte wie Staatswirtschaft, Demokratie, Verrat, Kultur – um nur ein paar zu nennen, haben einen „Hof“ bekommen, der nicht nur aus der Erweiterung ihrer Bedeutung stammt, sondern auch aus einer – angeordneten oder suggerierten – Wertung, die wir als Sprachregelung zu bezeichnen uns gewöhnt haben.“

Das klingt fast wie ein Kommentar zu Jürgen Habermas und dem deutschen Außenminister Heiko Maas bei der großen Preisverleihung, wo es um die bemühten ewigen Grundsätze der Demokratie, der Freiheit und des Friedens ging, der Verantwortlichkeit usw. usf. Kennte der Journalist Lohmann den Autor Risse, er hätte sich vielleicht inspirieren lassen zu einer Kritik der besonderen „Hof“-Sprache bzw. „Hof“-Berichterstattung.

Im zweiten erwähnten Essay gibt Heinz Risse seinen Vortrag wieder, den er auf Einladung für ein Eröffnungsreferat zur Tagung „Literaturkritik – kritisch betrachtet“, veranstaltet im Oktober 1957 vom Wuppertaler „Bund“, hielt. Er provozierte und polarisierte damit seine Zuhörer, Kritiker, Journalisten, Autoren. Er betont eingangs, selbst keine Kritiken zu seinen Werken zu lesen, aber mit Vergnügen Kritiken an Werken von Kollegen. Dann geht er kurz auf den Begriff „Kritik“ bei Lessing ein, und welche Entwicklung er nahm, nicht zuletzt bei Karl Kraus. Dem schließt er die folgenden Sätze an:

„Das hat sich von Grund auf geändert. Von der Sprache ist heute in der literarischen Kritik weit weniger als ehedem, im Grunde sogar kaum noch die Rede – nicht besonders verwunderlich, scheint mir, da ja viele Kritiker im offenbaren Bestreben, dem durch die Beschränkung auf achthundert Worte Deutsch sprachlich verdorbenen Volk aufs Maul zu schauen, bemüht sind, sich auch in ihren kritischen Verlautbarungen mit dem solchermaßen verringerten, allenfalls durch ein paar simplifizierende Fachausdrücke angereicherten Wortschatz – das Wort ‚Schatz‘ ist hier schon Blasphemie – zu begnügen.“

Ich frage mich, wie Risse heute schriebe, angesichts der social media und der Sprachattacken der gender police. Und wenn man denkerisch in der Lage ist, die Medienentwicklung von den Zeitungen zum Internet zu verstehen, fällt es sicher nicht schwer, den Kern der folgenden Kritik, die sich damals noch an den Zeitungen orientierte, zu verstehen:

„Da Zeitungen und Zeitschriften in der Regel in sogenannten Lagern stehen, die ihnen die Welt bedeuten, richtet sich die Kritik, deren Gegenstand ausschließlich die Kunst zu sein hätte, nunmehr sehr wesentlich danach, inwieweit der Fremdling aus dem Reiche des l’art pour l’art in das Lager paßt, das ihr, der Kritik, Speise, Trank und Obdach gewährt.“

Man übertrage diese Beobachtung auf den Literaturzirkus, wie ihn das schmachvolle aber begeistert verfolgte Bachmannwettlesen bietet. Man lese die Jurorenbefunde, lasse ihre Worthülsen vor dem geistigen Auge sich drehen und rollen und fallen, um die Qualität des Geschwätzes, das sich als Expertise und Kritik gibt, zu ermessen. Denn dort, in Klagenfurt und überall, wo Anhänger dieser und ähnlicher Betriebsveranstaltungen schalten und walten, geht es weder um Literatur noch um Sprache, weder um Denken und Deuten, sondern nur um gekonntes Aufmerksamkeitsmanagement. Eigentlich müssten jene, die das negativ abwerten, sich stärker äußern, indem dort gepriesene Autorinnen und Autoren als Lit Whores, als Literaturhuren verschrien werden, und die Expertinnen und Experten als Bücklinge, Erfüllungsgehilfen, Kollaborateure in einem verwerflichen Täuschungsmanöver. Weshalb soll man das dort Anerkannte schätzen? Weil man mitmacht? Ja, was sonst.

Wohin ist das sensible Denkvermögen gefallen, versunken? Als die DDR ihre Literaten an kurzer Leine hielt, heulten viele westliche Kritiker auf und lobten nicht nur die politische Dissidenz, die sie aus jedem Sprachfehler erlasen, sondern gingen oft sachlich-fachlich, wohlüberlegt auf die Literatur ein, jedenfalls auf einem höheren Niveau, als wir es heute kennen. Heute genügt schon gender und Herkunft aus einem Opferland um als approbiertes Opfer besondere Aufmerksamkeit und salbungsvolle Nichtkritik einzuheimsen. Männer haben es da schwerer, weshalb sie oft „auszucken“ und besonders grob, verwegen böse auftreten, sich selbst verletzten, kotzen und keuchen und dann blöd lachen, so dass die Schmierenpresse, die eklige Journaille, Stoff hat zur Auflagensteigerung bzw. zum Erreichen höherer Zuschauerzahlen.

Dabei geht es, auch bei den sogenannten „Ausfällen“, immer gesittet zu. Keine Überraschungen. Es scheint, als wäre alles eingeplant, organisiert, kalkuliert. So, wie die Literatur gegenwärtig gleichförmig, oft langweilig, sich darbietet, so zahm sind sogar jene, die vorgeben zu bellen als Kritikerinnen und Kritiker, als Hohepriester einer Gemeinschaft (Gesellschaft), die nur noch Basisdenken zu beherrschen scheint in reduzierter, vereinfachter Sprache (EinfachDeutsch oder Leichtdeutsch, wie es heute in unseren Schulen unterrichtet wird). Die Sprache, der sich Aktive wie Passive, Autorinnen, Kritikerinnen wie Leserinnen befleißigen, entspricht dem herrschenden (soll ich sagen „frauenden“?) Tiefstand. Man ist unter sich. Und je näher die Literatur dem Slang der Gratiszeitungen, der Smartness der Werbung entspricht, sozusagen „korrespondiert“, desto erfolgreicher alle Geschäfte und Geschäftigkeiten des Literaturbetriebs, der Bildung, der Kunst und was sonst noch alles. Man tut so „als ob“, man suhlt sich im „Als ob“. Es ist der Triumph dessen, was Heinz Risse in seinem Essay „Das Zeitalter der Jubelsprache“ 1959 als negatives Merkmal der Leistungsgesellschaft brandmarkte. Von diesem Essay habe ich mir erlaubt den Titel zu nehmen für diesen Beitrag.