Montag, 24. September 2018

75. Geburtstag von Antonio Tabucchi

Antonio Tabucchi (* 24. September 1943 in Vecchiano bei Pisa; † 25. März 2012 in Lissabon) war ein italienischer Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Übersetzer.

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Sonntag, 23. September 2018

Säuberungen in Amerika


Haimo L. Handl

Säuberungen in Amerika

In den Vereinigten Staaten von Amerika erfolgen Säuberungen unterschiedlicher Art: von rechts, von links, von Rechtsradikalen, Neonazis und religiösen Faschisten, von Gutmenschen, Gender Engagierten, Minderheitenvertreterinnen und #MeeToo – Opfern. Viele Beweggründe vieler Aktionen sind durchaus verständlich. Einige sind jedoch nicht nur extrem, sondern verhindern jede Argumentation, stehen jenseits jeder Kritik und wirken schon allein aufgrund von Anklagen oder Verdächtigungen, weil das Klima aufgeheizt ist, weil keine Werte mehr allgemein gesellschaftlich verbindlich gelten und viele primär auf Herkunft, Gender und Religion pochen bzw. auf ihren Opferstatus als Frauen, Minderheitenangehörige usw.

Das beschränkt sich nicht nur auf den sozialen Alltag, die Politik im Allgemeinen, sondern auch auf das Bildungswesen, insbesondere im universitären Bereich, und die Massenmedien inklusive sogenannter Elitejournale. Die Elite ist der eigentliche Angriffspunkt.

Es geht um Sicherheit einerseits. In vielen Universitäten sollen „safe zones“ frei von jeder Kritik sein, um Beleidigungen oder Retraumatisierungen leidtragender Studentinnen zu verhindern oder religiöse Gefühle einer möglichen Verletzung auszusetzen. Sogenannte Trigger Warnings sollen indizieren, dass ein Buch oder ein Video eventuell verstörend wirken könnte. Der Studentin ist es freigestellt, die Lektüre zu vermeiden, ihr Kursanbieter muss Ersatz bieten bzw. darf nicht in eine Diskussion eintreten, weil das verstörend (Beleidigung, Anmaßung) sein könnte.

Vom mainstream abweichende Meinungen bedürfen besonderer Kommentierung und Vorauswarnung, damit im nachfolgenden Rechtsstreit aufgrund massenhafter, lautstarker Proteste wenigstens eine minimale Verteidigung möglich scheint.

Es herrscht ein Angst- und Verfolgungsklima wie zu Zeiten der Inquisition, als schon ein „schiefer Blick“ genügte, damit eine Frau als Hexe dem fatalen Gottesurteil überantwortet wurde. Was viele Frauen, alle Opfer in der Männergesellschaft, heute in der #MeeToo Bewegung unternehmen, ist wie der Versuch, solch eine Verfolgungsszenerie wieder aufleben zu lassen, diesmal gegen die verhassten Männer. Es genügt meist die Vermutung, die Anklage, und schon läuft das Räderwerk der Rache, der Verfolgung, der Vernichtung. Das nennt man dann Fortschritt und Gerechtigkeit.

Kontroverses zu vertreten, politisch, wissenschaftlich, kulturell, wird da immer gewagter, schwieriger. In Bälde wird es verunmöglicht sein: der Mob, die Masse der sich als Opfer Empfindenden wächst und nutzt die mediale Gewalt. Viele Institutionen geben klein bei, weil sie wirtschaftliche Einbußen befürchten (Abonnentenverlust, Geschäftsboykott, Imageschaden durch dauernde Verleumdung usw. usf.).

Weil es keine Orientierung nach gesellschaftlich allgemein anerkannten Werten mehr gibt, tobt der Kampf um Deutung und Durchsetzung mit allen Mitteln. Es ist die ungeistige Vorstufe des Kriegs, der bald die reale innere Kriegssituation folgen wird, wenn diese Entwicklung nicht gebremst wird, wenn gewisse minimale Standards nicht wieder beachtet werden. Nichts deutet darauf hin, dass die Vernunft ein bisschen gewinnen könnte, alles deutet auf Destruktion und Niedergang.

Meine Worte sind kein moralisierendes Jammern. Sie sind eine kurze Feststellung, die durchaus länger und detaillierter ausfallen könnte. Es gibt einige Vorkommnisse, die leicht als Indikatoren für die Malaise gelesen werden können.

Beispielhaft sei erwähnt:
Die ältestes, progressive (liberale) Wochenzeitschrift THE NATION druckte ein Gedicht eines jungen weißen Amerikaners, das im schwarzen Slang abgefasst ist und entschuldige sich feige und fadenscheinig nach einem Proteststurm von Minderheitenangehörigen, die jede Kulturaneignung (cultural approbriation) als Missetat verurteilten und den weißen Abfall-Schreiber scharf angriffen. Das Gedicht wurde zwar nicht entfernt, aber jetzt breit und peinlich negativ bewertet von denselben Redakteurinnen, die es ausgewählt hatten: Sie versprachen selbstkritisch zugleich, besser aufzupassen und liniengetreu auszuwählen. Der Ton erinnerte an die Selbstbezichtigungen von Bolschewiki unter Stalin oder von jenen, die während der Kulturrevolution von Mao unter die Schläge der wütenden Roten Garden gefallen waren.

Vor kurzem wurde eine mathematische Arbeit, welche ein Fachmagazin bereits zur Publikation angenommen hatte, zensuriert und nicht publiziert auf Druck von Kolleginnen, die der These, die die Arbeit behandelt, von Grund auf widersprechen und verhindern wollen, dass diese im akademischen Kreis behandelt wird. Es war zu lesen (ich zitiere beispielhaft aus dem Artikel von Matt Young, the Panda’s Thumb, Sept.15, 2018; wer Interesse hat, findet mehr Material in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften):

A professor of mathematics, Theodore P. Hill, devised what is sometimes called a toy model to help explain why males of our species display greater variability than females. He submitted the paper to two journals in succession, and both rejected the paper after having previously accepted it.
As far as I can tell, the premise of the article, that males display greater variance (particularly of intelligence), is generally accepted. Professor Hill developed a toy model, which is to say an oversimplified model designed to shed some light on a complicated problem; the term is not pejorative. According to Prof. Hill’s account, he enlisted the help of another mathematician, Sergei Tabachnikov of Pennsylvania State University, and submitted the paper to the Mathematical Intelligencer. According to Prof. Hill, the manuscript was scheduled to appear in the journal’s first issue of 2018.
Professor Hill claims that Amie Wilkinson, a mathematics professor at the University of Chicago, and her father, a statistician (who I think is not named), wrote to the editor of the Mathematical Intelligencer and announced that the article oversimplified to the point of embarrassment. The article was pulled.

Prof. Hill war natürlich überrascht, dass das Fachjournal auf äußere Intervention hin die Publikation strich, und auch ein anderes Magazin von einer Veröffentlichung Abstand nahm. Die streitbare Kollegin Amie Wilkinson schrieb kein Rebuttel, keine Kritik, sondern agierte im Verborgenen mit Verdächtigungen, ideologischen Keulenschlägen und Drohungen. Hills Bemühungen die Sache zu klären und das inakzeptable Verhalten der Intrigantin über die Universität abzustellen, fruchteten nichts. Soviel zu Würde und Anstand in American Academia. Was waren die ideologischen Gründe? Angst, dass Rechtsgerichtete sich die Thesen zu eigen machen würden, was unbedingt verhindert werden musste. Zensur aus Ideologie der Gender Force & Women Lib. Im Magazin REASON war im Hit & Run Blog am 10.9.2018 u.a. zu lesen:

Mathematical Intelligencer rescinded its acceptance of the paper. According to its editor-in-chief, publishing Hill and Tabachnikov's work would create a "very real possibility that the right-wing media may pick this up and hype it internationally." In his Quillette piece, Hill claims that a University of Chicago mathematics professor, Amie Wilkinson, lobbied the journal to abandon its plans to publish the piece.
Some time later, an editor at another publication, the New York Journal of Mathematics, wrote to Hill and offered to publish the paper. Hill accepted, and the article was published. But then:
Three days later, however, the paper had vanished. And a few days after that, a completely different paper by different authors appeared at exactly the same page of the same volume (NYJM Volume 23, p 1641+) where mine had once been. As it turned out, Amie Wilkinson is married to Benson Farb, a member of the NYJM editorial board. Upon discovering that the journal had published my paper, Professor Farb had written a furious email to [NYJM Editor-in-Chief Mark Steinberger] demanding that it be deleted at once. …
Unaware of any of this, I wrote to Steinberger on November 14, to find out what had happened. I pointed out that if the deletion were permanent, it would leave me in an impossible position. I would not be able to republish anywhere else because I would be unable to sign a copyright form declaring that it had not already been published elsewhere. Steinberger replied later that day. Half his board, he explained unhappily, had told him that unless he pulled the article, they would all resign and "harass the journal" he had founded 25 years earlier "until it died." Faced with the loss of his own scientific legacy, he had capitulated. "A publication in a dead journal," he offered, "wouldn't help you."

Das ist so unglaublich, dass ich aus dem erwähnten Artikel mehrere Absätze zitierte; man wähnt sich in der UdSSR, wo solche Einschüchterungsmanöver üblich waren. But it’s in America.

Den typischten und eindrücklichsten Fall aber bietet die berühmte NEW YORK REVIEW OF BOOKS mit dem schnellen Abgang ihres Chefredakteurs, der erst im März 2017 die Nachfolge des legendären Editors Robert B. Silvers nach dessen Tod übernahm. Die Veröffentlichung eines fragwürdigen Artikels und seine daraufhin erfolgende Verteidigung und Argumentation führte und verstärkte den Aufschrei der Opfergesellschaft, vor allem von Frauen der #MeeToo-Bewegung, so dass der Chef selbst aufgab und ging. Die Ereignisfolge, die Attacken und Verteidigungen sind überaus interessant, weil sie drastisch und dramatisch den Niedergang der offenen Gesellschaft dokumentieren, das unerbittliche Regime der (vermeintlichen) Opfermassen, die über die asocial media schier unbegrenzten Einfluss ausüben, weil die Etablierten Angst vor gewissen Auswirkungen am Markt haben (Abonnentenkündigungen, vor allem aber Einbußen im Inserategeschäft). Lesen Sie nach und bedenken Sie die Aussagen in den vielen Artikeln in amerikanischen Qualitätszeitungen und Journalen (NYT, WP, Vanity Fair, aber auch den englischen The Guardian). Hier, zur Illustration, ein paar Sätze aus VANITY FAIR (Erin Vanderhoof, 19.9.2018):

How Ian Buruma’s New York Review of Books Ouster Became Inevitable –
The controversial editorial was one thing, but after a gaffe-filled interview his tenure at the magazine was all but done for.
In a little less than a week, New York Review of Books editor Ian Buruma went from defending a controversial editorial decision in an interview to losing his job.
Buruma, however, may be a true #MeToo pioneer—a man who lost his job not for any harassing behavior, but for comments perceived as defending it. In an interview with Slate’s Isaac Chotiner that ran September 14, Buruma claimed some ignorance about the charges against Ghomeshi, but ultimately concluded that he has “no idea, nor is it really my concern.” And though he admitted that among his staff, “not everybody agreed” about running the essay, it seems likely that someone from the inside leaked its existence to writer Nicole Cliffe, who tweeted about it on September 13, hours before the publication posted the article online. Cliffe fielded comments from some of the magazine’s staffers, and relayed their dismay to her nearly 85,000 followers. By the next afternoon, Chotiner’s interview was live, and Buruma’s comments fueled another few days of criticism.

Wenn man hinsichtlich des geistigen Hintergrundes des gesellschaftlichen Klimas noch die Positionen von VIDA (Women in Literary Arts, gegründet 2009) berücksichtigt, die nicht nur Missbrauch aufzeigen und verfolgen, sondern schon die Tatsache, dass ein Medium z.B. nicht mindestens 40% Autorinnen aufweist, als ein Negativum werten, das publizistisch in ihren Kampagnen vehement vertreten wird, um gegen die Männerdominanz zu wettern, dann kann man sich leicht vorstellen, dass das bald auch auf Wissenschaftler zutrifft, weil nach Gesinnung und Ideologie einfach die Quote gelten MUSS, unabhängig vom Argument, unabhängig vom Inhalt. Da haben, wie die von VIDA veröffentlichten Counts belegen, die meisten Qualitätszeitschriften einen Bias, eine männliche Schlagseite, die über Kurz oder Lang nicht nur verbal angegriffen werden wird, sondern brachial, wie es sich schon vorbereitet.

Dies alles sieht aus wie ein Purgatorium, ein Reinigungsvorgang, ein großes Aufräumen. Man könnte es auch fertigstellen nennen im Sinne von „fertigmachen“. Man bringt etwas zu Ende, fertig, indem man etwas fertigmacht. (Das Wort „fertigmachen“ kommt etwas unschuldig daher. Man meint damit, dass etwas, eine Arbeit zum Beispiel, fertig gemacht wird, also vollendet, getan wird. Seit der Nazizeit hat sich eine weitere Bedeutung eingenistet, die schwer zu vergessen ist: die zweite Bedeutung von „erledigen“, das zuerst auch bedeutet, Aufgabe erfüllen, fertig stellen, aber im weiteren, zweiten Bedeutungsfeld heißt, „etwas töten, umbringen, kaputt machen, auslöschen, vernichten“. Ich „erledige dich“ heißt, ich töte dich. Ganz ähnlich bei fertigmachen. Ich „mache dich fertig“ heißt, ich bring dich um. Der Mensch als Material wird fertiggemacht wie ein Verschleißartikel. Usw. usf. Hier ende ich mit den Überlegungen, weil sie zu weit führten.)


Freitag, 21. September 2018

The cleansing of the American mind

The cleansing of the American mind

Haimo L. Handl

Ian Buruma on a New Era at The New York Review of Books
John Williams, NYT, Sept. 9, 2017

When Ian Buruma became editor of the famous NEW YORK REVIEW OF BOOKS, John Williams portraied him in his article. One could read:
One can understand why Ian Buruma, when he was announced as The Review’s new editor in May, thought: “What the hell have I taken on?” But that only came after a happier intitial reaction. “I thought it was a challenge I would regret not accepting,” Buruma said. “The first feeling was a sense of euphoria, of a changed life.”

A reviewer once called Buruma’s writing “disarmingly reasonable and calm,” and this is precisely how he comes across in person.

Buruma intends to feature a more unpredictable ideological roster, given the unprecedented nature of the country’s political climate.

“We’re not living in the same time as Nixon or Clinton or Bush,” he said. “Under Trump, the distinctions that used to exist, roughly speaking, between left and right, have become much more fluid. People who may never have come within a mile of the pages of The Review 20 years ago might have a place in it now. Everything will be looked at with fresh eyes.”
Now it's a fact that he has gone too far. He didn't forsee with fresh eyes the changed climate, the the changed mental sets, the changed powers.

An article which led to uproars exploded like a bomb and led to his ouster.

What has happened?

Buruma had published a very controversial peace of a Canadian writer who has been accused of sexual harassment but finally got acquitted. It wasn't just the plain article but Burumas defense and helpless explanations why he did publish that peace. Buruma had to go. One reads of the reactions:

New York Review of Books Editor Is Out Amid Uproar Over #MeToo Essay
Cara Buckley, NYT, Sept. 19, 2018
Ian Buruma, the editor of The New York Review of Books, left his position on Wednesday amid an uproar over the magazine’s publication of an essay by a disgraced Canadian radio broadcaster who had been accused of sexually assaulting women.

The upheaval at the publication shows the raw emotion still surrounding nearly every #MeToo accusation and response, less than a year after the first reports about Harvey Weinstein’s behavior unleashed a tide of allegations against other famous men.

On Wednesday, the magazine posted a note atop the essay that began, “The following article, which has provoked much criticism, should have included acknowledgment of the serious nature and number of allegations that had been made against the writer, Jian Ghomeshi.” It then listed some of the allegations. *)

Ms. Kipnis also said as news of Mr. Buruma’s departure spread, fellow writers shared alarm. “People are terrified to get caught in a Twitter storm,” she said. “And if they say they support Ian, it’s easy for someone to say, ‘There’s someone who doesn’t care about sexual assault.’”
Buruma had given an interview to a Dutch paper as well as with  Isaac Chotiner from SLATE.

Interrogation
Why Did the New York Review of Books Publish That Jian Ghomeshi Essay?
We asked the editor.
By Isaac Chotiner, SLATE, Sept. 14, 2018

*) The core of the affair:

Reflections from a Hashtag
Jian Ghomeshi   
October 11, 2018 Issue, THE NEW YORK REVIEW OF BOOKS
The following article, which has provoked much criticism, should have included acknowledgment of the serious nature and number of allegations that had been made against the writer, Jian Ghomeshi. In October 2014, Ghomeshi—about whom multiple women had filed harassment complaints—was fired from the Canadian Broadcasting Corporation after executives saw evidence that he had caused physical harm to a woman. Shortly after, more than twenty women accused him of sexual abuse and harassment, which included hitting, biting, choking, and verbal abuse during sex. Many of these allegations were made in respected publications, including The Toronto Star. That November, Ghomeshi was charged with the sexual assault of three women. (Sexual assault, under Canada’s Criminal Code, can include threats and nonconsensual physical contact. There is no specific legal provision for rape as it is defined in US law.) In January 2015, additional counts of sexual assault were brought against him by three more women. He was acquitted of all charges, and settled a further charge of sexual assault, of a coworker at the CBC, out of court with a peace bond and public apology. Substantial space will be devoted to letters responding to this article in the next issue of The New York Review, dated October 25, 2018.
[This note which has been put in front of the article, evokes a kind of déjà-vu. THE NATION felt it necessary to put their craven apology in front of a poem which has insulted thousands of readers.]

America, it seems, is getting clean. The cleansers are working hard.


Donnerstag, 20. September 2018

120. Todestag von Theodor Fontane

Heinrich Theodor Fontane (* 30. Dezember 1819 in Neuruppin; † 20. September 1898 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller. Er gilt als literarischer Spiegel Preußens und als bedeutendster deutscher Vertreter des Realismus.

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Mittwoch, 19. September 2018

Literatur und Geschwafel

In der FRANKFURTER RUNDSCHAU sind kürzlich zwei Artikel zur Literatzur erschienen, die, obwohl unabhängig, dennoch zusammengehören, weshalb wir hier auf sie verweisen:

Textland-Festival Frankfurt Das menschliche Individuum befreien

Beim Textland-Festival in Frankfurt präsentieren und reflektieren Autoren ihr multikulturell geformtes Werk.



Über Literatur schreiben Zehn Thesen für den alten Fritzen

Benutzt Gottfried Benn zu viele Fremdwörter? Zum Stand und zum Umgang mit der Gegenwartsliteratur.

Von Olga Martynova, Frankfurter Rundschau, 18.09.2018

Dienstag, 18. September 2018

Paul Virilio gestorben

Der französische Philosoph der unsteten, dauernden Bewegung, der Geschwindigkeit (Futurist!) hat seine ewige Ruhe finden müssen; er starb am 10.9., was von den Angehörigen aber verzögert, spät erst, entgegen seiner Geschwindigkeitsphilosophie, mitgeteilt worden war.

Paul Virilio (* 4. Januar 1932 in Paris; † 10. September 2018 ebenda) war ein französischer Philosoph und Kritiker der Mediengesellschaft. Virilio war vor allem als Simulations-, Virtualitäts- und Geschwindigkeitstheoretiker sowie als Begründer der Dromologie bekannt.
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Die Unbrauchbarkeit der schwätzerischen Thesen des modischen Philosophen zeigte sich eklatant, als der "weltverändernde" Terrorakt vom 11. September 2001 erfolgte, und alle Konzepte und gescheiten Erklärungen postmoderner oder simulacratischer Art der Simulation auf den Kopf stellte bzw. in den Schutt, der sich im Süden New Yorks auftürmte.

Universitätsinstitute wurden gegründet, um den Terror, dem der geschockte Präsident Bush den weltweiten Krieg erklärte, um endlich auch offiziell Krieg zum weltweiten Dauerzustand zu machen, zu ergründen, Zeitschriften widmeten sich dem Thema, Bücher erschienen und erscheinen heute noch. Dank 9/11 konnte sich eine Industrie gründen, ähnlich den Schwärmerbewegungen oder den Flagellanten in der Frühzeit der Christen, als sie marodierend und klagend die Länder versuchten, oder als Jagdszenen betreibende Horden auf der Suche nach den Sündenböcken. Und wieder waren in vorderster Front die französischen Schwätzer, die rhetorisch Begabten, auch Sprecher, die nicht sprechen konnten, sondern im Stakkato keuchten, traten und treten erfolgreich auf. Ein widerlicher Zirkus.
9/11
Appearing on the first anniversary of the attacks on the World Trade Center and the Pentagon, these series of books from Verso present analyses of the United States, the media, and the events surrounding September 11 by Europe’s most stimulating and provocative philosophers. Probing beneath the level of TV commentary, political and cultural orthodoxies, and “rent-a-quote” punditry, Baudrillard, Virilio, and Žižek offer three highly original and readable accounts that serve as fascinating introductions to the direction of their respective projects, and as insightful critiques of the unfolding events. This series seeks to comprehend the philosophical meaning of September 11 and will leave untouched none of the prevailing views currently propagated.
Die Analysen fielen so gut aus, dass Ende 2016 der berühmteste, beste und verwunderlichste Führer der Freien Welt, Donald Trump, einreiten und ausreiten konnte, der das Land, AMERICA FIRST, wieder zu neuen Geschwindigkeiten und Rekorden führt, zu neuen Kriegen.  

Was hat das mit dem armen Virilio zu tun? Direkt nichts, indirekt viel. Er war ein Büttel, ein modischer. Seine Erben, seine Gemeinde, das verdummte modische Publikum führt den Schwatz fort.


Nachtrag:

Tempo, Tempo!
Die Welt ist alles, was der Unfall ist. 
Zum Tod des französischen Geschwindigkeitsphilosophen Paul Virilio

Montag, 17. September 2018

Sinn und Form 5/2018


Sinn und Form




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Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit möchten wir Sie auf Heft 5/2018 von SINN UND FORM aufmerksam machen, das soeben erschienen ist -
mit Beiträgen von: Botho Strauß // Joë Bousquet // Kornelia Koepsell // Walter Kappacher // Jan Wagner // Michael Buselmeier // Cécile Wajsbrot // Kerstin Hensel // Dorota Stroińska // Janusz Różewicz // Stanislaw Różewicz // Bastian Reinert // Kerstin Kempker // Alain Rivière // Thomas Stölzel // Ford Madox Ford // Matthew Sweeney // Esther Kinsky // Hubert Winkels // Durs Grünbein // Matthias Bormuth // Gert Loschütz // Hanns Zischler // Inhalt
Das ausführliche Inhaltsverzeichnis und zusätzliche Informationen finden Sie weiter unten.


Inhaltsverzeichnis SINN UND FORM 5/2018:
  • Botho Strauß, Joë Bousquet oder Die ungezügelte Passivität, S. 581
  • Joë Bousquet, Das Abendweh, S. 586
  • Kornelia Koepsell, Liebesgedichte, S. 596
  • Walter Kappacher, August in Rom, S. 599
  • Jan Wagner, Aus dem Munde des Altertums. Gedanken zu Winckelmann, Freiheit und Kunst, S. 608
  • Michael Buselmeier, Rote Steine. Gedichte, S. 617
  • Matthias Weichelt und Gernot Krämer, Ein Gespräch mit Cécile Wajsbrot über Stimmen, Erinnerungen und Literatur, S. 619
  • Cécile Wajsbrot, Tag und Nacht, S. 634
  • Kerstin Hensel, Rollfeld. Gedichte, S. 640
  • Dorota Stroińska, "Zu groß für die Deutschen". Berlin als Ort der polnischen Literatur, S. 642
  • Janusz Różewicz, Słowacki in Versailles. Eine wahre Begebenheit. Mit einer Vorbemerkung von Bernhard Hartmann, S. 651 Leseprobe
  • Stanisław Różewicz, Wie ein graues Basrelief, S. 657
  • Bastian Reinert, Lauter lautloses Jetzt. Gedichte, S. 665
  • Kerstin Kempker, Einer muß wachen. Nachtstück, S. 667
  • Alain Rivière, Also ist alles gesagt. Gedichte, S. 672
  • Thomas Stölzel, Die Länge der Kürze, S. 673
  • Ford Madox Ford, Arbeiten mit Conrad, S. 674 Leseprobe
  • Matthew Sweeney, Die Eule. Gedichte, S. 678
  • Esther Kinsky, Weiße Räume – Lichtes Maß. Unsagbar und Ungesagt in der Übersetzung, S. 686
  • Hubert Winkels, Die kaum spürbare Umarmung der Toten. Laudatio zum Düsseldorfer Literaturpreis für Esther Kinsky, S. 699
  • Durs Grünbein, Das Pferdemassaker an der Autobahnmeisterei, S. 703
  • Matthias Bormuth, Der Maler Michael Triegel, S. 706
  • Gert Loschütz, Herburgers Lachen, S. 709 Leseprobe
  • Hanns Zischler, Die zurückgebliebene Spur. Nachruf auf Karl-Ernst Herrmann, S. 712




Die Zeitschrift liegt in unserer Bibliothek Gleichgewicht auf!

Sonntag, 16. September 2018

Metaphorische Sprache


Metaphorische Sprache

Haimo L. Handl


Würden wir Aussagen in unserer Alltagssprache „wörtlich“ nehmen, wir türmten Barrieren auf oder Abgrundlöcher, in die wir verwirrt hineinfielen, weil wörtlich genommen Vieles keinen Sinn macht, der kritischen Prüfung nicht standhält. Die Toleranz der Sprache in alltäglichen Sprechakten ermöglicht diese unnötigen Kollisionen, die Missverständnisse zu vermeiden; es geschieht ähnlich der Trägheit unseres Sehnervs, der zusammenhängende „Bewegung“ sieht, sogar über ein Medium, und nicht nur Einzelbilder. Einige Neosophisten wollen die Pseudorationalität hochtreiben, fast wie im pervertierten Sport und seiner Rekordsucht, und pochen auf Rationalität, Wissenschaftlichkeit und was sonst noch alles, nur, um den Unschärfenbereich zu vermeiden, ihn kleinzureden oder verächtlich abzutun. Sogar Poeten wollen rational denkend Poeme kreieren, bar jeder Metaphorik, nackt und nützlich wie die Verlautbarungssprache in der verwalteten und verwaltenden Welt.

In einem Artikel von Anfang September äußerte sich der Schweizer Autor Felix Philipp Ingold über Konkrete Poetik unter anderem folgendermaßen: „Zur Poetik der Konkreten gehörte vorab die Aufbietung von Klarheit, Einfachheit, Ordentlichkeit − insgesamt von Rationalität − im Gegenzug zu gängigen lyrischen Qualitäten wie Gefühligkeit, Stimmung oder Pathos. Der emotionalen Reduktion entsprach auf der Formebene der Verzicht auf hergebrachten Vers- und Strophenbau, auf Metaphernbildung, auf dekorativen und erklärenden Spracheinsatz.“. Also typisch deutsche Spießertugenden der Ordentlichkeit, der Einfachheit, der Klarheit, der Rationalität. Man darf sich fragen, warum denn die Konkreten vergessen sind, weshalb sich einige Klassiker trotz ihrer metaphernreichen Sprache halten.

Vielleicht hängt vielen die euphemistische Nazisprache nach, die eigene Metaphern nutzte, um den „wahren Sachverhalt“ zu kaschieren. Das war zwar auch anderorts üblich, aber der Unterschied lag in der Sanktionsgewalt: wer den nazi-korrekten Sprechakt nicht leistete, lief Gefahr, verfolgt und bestraft zu werden. Auch das hatte sich nicht auf Hitlerdeutschland  beschränkt. Aber offensichtlich wurden ähnliche Sprachpolitiken in der USSR und DDR akzeptiert oder bagatellisierend wegerklärt. Und die frappante Ähnlichkeit der vor allem in den USA zur Hochblüte gekommenen Werbesprache, die auch andere Sprachen infiziert und schwächt, wird heute als moderne Höchstentwicklung gesehen und nicht als Gefahr.

Es bietet sich also ein widersprüchliches Bild. Einerseits eine Literatur wie von Versicherungsagenten oder Buchhaltern verfasst, andererseits eine schwammige, unverbindliche Sprache, die jede Deutung erlaubt und sich nicht mehr festmachen lässt, nicht einmal im metaphorischen Sinn. Je stärker die Sucht nach Eindeutigkeit, desto rigider das Dokumentarische, vermeintlich Authentische, Beobachtbare, Belegte. Imagination und Fiktion sind verdächtig. Alles muss intersubjektiv nachprüfbar sein, belegbar sein.

Weshalb sprechen wir aber im Alltag so unklar, so bildreich? Weil wir keine Maschinen sind. Weil Rationalität nur einen Teilaspekt bildet. Aus manchen Vereinfachungen oder falschen Bildern spricht oft eine eigentümliche Annahme, ein Glauben, wenn nicht eine Überzeugung, aufgrund einer Wertstruktur, die, wird sie hinterfragt, erstaunen mag.

Oft höre ich Leute sagen, etwas sei unvergleichbar. Sie meinen das als höchstes Lob, als einzigartiger Qualitätsausweis. Aber es kann nicht stimmen. Nicht, weil ich dem Ding, der Sache, der Person oder dem Ereignis irgendetwas absprechen möchte. Aber alles, was ich finde, was ich bewerte usw. ist sinnvoll nur rezipierbar, weil ich es vergleiche. Etwas als das Ding an sich nehmen zu wollen, als Absolutes, nicht Zusammenhängendes, wäre nicht als solches wahrnehm- und kommunizierbar. Wir bedürfen des Vergleichs zur Wertung, zur Feststellung der Qualität. Nichts ist für sich alleine, alles hängt zusammen. Die Bedeutung von Zeichen liegt in den Verbindungen, den Relationen, ist nie kontextunabhängig  im Zeichen fixiert.

Vom amerikanischen Architektur- und Kunstkritiker Martin Filler (* 1948) las ich kürzlich in der New York Review of Books einen begeisterten Aufsatz über die weltberühmte bzw. berühmteste Wagner-Sängerin „So vivid are my memories of the incomparable Swedish soprano Birgit Nilsson“, dass er noch jetzt in Erinnerung an sie bebt. Filler, ein hochgescheiter Mann, weiß, wovon er spricht und schreibt. Wir meinen es auch zu wissen, und nehmen die Exklamation nicht wörtlich. Klar, dass er und alle anderen nur durch lange Beobachtung und Bewertung zum Urteil der Einzigartigkeit gelangte, die er dann, als Ausdruck des Höchsten, als unvergleichlich oder unvergleichbar hinstellte.

Es scheint, als ob das realistische Vergleichen, das allem Bewerten innewohnt, oft als Minderung gesehen wird, als profaner Versuch einer Gleichstellung, was aber nicht der Fall ist. Zu Vergleichen heißt nicht gleichzustellen oder gar gleichzuschalten. Da scheint ein Missverständnis vorzuliegen, das man aus vielen Urteilskommentaren heraushören kann: das kann man, das darf man nicht vergleichen oder die hohe Forderung, man solle nicht Äpfeln mit Birnen vergleichen, sondern nur Gleiches mit Gleichem, also Apfel mit Äpfeln. Das ist natürlich Humbug. Die falsche Forderung beruht auf der Annahme von Eindeutigkeit und sofortiger Erkennbarkeit von Sachverhalten, die kein Vergleichen erlaube, weil eh alles klar ist: dies ist das und dieses jenes. Aber so simpel ist die Welt nun mal nicht. Denn wenn dieses und jenes gleich wäre, muss es verglichen worden sein, damit die Gleichheit erkannt und bewertet werden konnte. Das gleiche gilt für Unterschiedenes. Dass etwas anders ist als dieses ist nur durch den Vergleich erkennbar. Es ist ihm nicht eingezeichnet. Der Wunsch nach Inkomparabilität ist einer nach dem Absoluten. Quasi ein religiöser Rest frommen Denkens. Das Absolute ist unabhängig von allem anderen.  Es ist, was es ist, unvergleichbar und offensichtlich. Das wäre das vielbesprochene Ding an sich. Aber dieses Konstrukt wurde schon lange als solches erkannt, kritisiert und zurückgewiesen.

Vergleiche werden meist als negative Relativierung hingestellt. Es gibt Völker, die  finden sich so einzigartig und auserwählt, dass sie nicht verglichen werden wollen. Damit verlangen sie über jeder Kritik zu stehen, weil Kritik nur durch Vergleichen möglich ist, und eben dieses Vergleichen eine Herabsetzung der Einmaligkeit, der Unvergleichbarkeit bedeutete. In Zeiten der Faschistisierung und der identitären Bewegungen wird der oft unschuldig anmutende Anspruch auf Inkomparabilität, auf extreme Eigenheit, auf Superiorität (und darauf fußender Suprematie)  zum Ausweis eines neuen Ariertums, das frech sich hochhebt und alle anderen runter drückt, unterdrückt. Das alte Lied.

Kultürlich ist der übliche Alltagsgebrauch solcher Vereinfachungen von den ideologischen Anmaßungen (z.B. von Islamisten und Israelis) zu unterscheiden. Wenn wer Freddie Mercury als unvergleichbar hinstellt, andere Jimmy Hendrix oder Mireille Mathieu, so wird der Meinungsunterschied zu keinen wirklichen Konflikten führen. Und wenn in der Philosophie jemand heute argumentiert wie zu Kants und Schopenhauers Zeiten, wird das akademisch bleiben. Wenn aber Identitäre, Nationalisten, Chauvinisten, Rassisten, Religionseiferer ihre Lehren als unvergleichbar hinstellen, weisen sie jede kritische Bewertung zurück und verlangen bedingungslose Unterwerfung. Das ist zurückzuweisen.