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Sonntag, 16. Dezember 2018

Verpönte Relativität

Haimo L. Handl

Verpönte Relativität

Martin Walser, unermüdlich auch im Alter, hat einen kleinen Band mit Gedichten und Miniaturen veröffentlicht, der wieder Aufsehen erregt. Man könnte meinen, die Deutschen seien neben den Israelis besonders geschult im Auf- und Abmerken und Verteilen von Zensuren, ärger noch als die Briten oder Amerikaner, obwohl besonders  in den USA das ungeistige Klima sich dramatisch ändert und Jäger und Hetzer als Zensoren und öffentliche Moralapostel langsam Oberhand zu gewinnen scheinen.

In Deutschland ist das Einfachdenken tief verankert. Seit der historischen Schuld verzweifeln immer noch viele am Unbewältigbaren. Viele haben ein Strafbedürfnis erlernt, das unstillbar scheint. Jede Gelegenheit zur Kasteiung wird wahrgenommen. Sie halten die Kollektivschuld am Leben und verdächtigen jeden, der differenziert oder widerspricht der braunen Untat. Sie sind die Vollstrecker der re-education im negativen Sinn.

Martin Walser war 1998 mit seiner Paulskirchenrede skandalös aufgefallen. Das Verdikt wurde über ihn gesprochen und es waren nur gewisse Umstände, die ihn vor der realen Lynchjustiz bewahrten. Geistig hatten sich die Korrekten über ihn hergemacht. Jetzt bringt er in seinem neuen Buch SPÄTDIENST ein altes Gedicht, das sofort wieder als Auslöser dient für die Kurzdenker, jene, die nicht zu differenzieren in der Lage sind, die wie Wachhunde auf bestimmte Auslöser unwillkürlich reagieren, die Zähne fletschen und bellen. Eigentlich möchten sie ihrem Training nach zubeißen, zerfleischen, aber das dürfen sie derweil noch nicht. Hierin teilen sie ein typisch deutsches Schicksal mit den Unverbesserlichen, den faschistischen Gestrigen, die sich in diesem einem Punkte treffen: nicht selbständig denken, sondern hündisch heulen und beißen.

In der WELT vom 1.12.2018 nimmt Marc Reichwein zwar Walser in Schutz bzw., wenn man so will, führt Argumente an, die positiv relativieren, leitet seine Ausführungen aber so abwertend ein, dass man sich wundert, auf welch tiefem Niveau hier ein Kritiker sich ausbreitet:

Hoch betagte Dichter sind nicht immer ganz dicht. Günter Grass hat kurz vor seinem Tod durch ein stumpfsinniges Israel-Gedicht von sich reden gemacht. Der 91-jährige Martin Walser hat soeben sein Buch „Spätdienst“ (Rowohlt, 208 S., 20 €) veröffentlicht, ein Bändchen voller literarischer Miniaturen (Gedichte, Aphorismen und Notate), die einen daran denken lassen, dass Walser heute bestens bei Twitter aufgehoben wäre – als jemand, der auf alles und jedes narzisstisch und nachtragend reagiert. In gewisser Weise dokumentiert „Spätdienst“ – neben poetischen Perlen – oft unfreiwillig komisch, die Riesen-Blase der Kränkung (durch Kritik) und Selbstbeobachtung, in der Walser seit Jahrzehnten lebt.

Herr Reichwein, Redakteur im Feuilleton der WELT, Jahrgang 1975, gibt Auskunft über die Dichte von Dichtern, und konstatiert kühl, dass viele nicht dicht seien, also ausrinnen. Es bleibt zur Spekulation offen, ob er die geistige Dichte meint, die er zynisch absprechend diagnostizieren könnte: undicht im Sinne von dement, oder ob er einen körperlichen Zustand meint, wenn alte Menschen Blasenprobleme haben. Während die Werbung vor allem den Frauen, die auszurinnen scheinen, permanent besten Schutz durch gewissen Einlagen und Binden verspricht, wird im Falle eines alten Dichters nicht von Hilfe gesprochen, sondern das Bild eines Gebrechlichen gemalt oder gezeigt, der eben verfällt und versagt, ausrinnt. Er, der Jüngere, mokiert sich über den Alten. Was für eine Kultur!

Viele haben Angst vor der Altersdemenz. Wie simpel, jemanden, den man „fertigmachen“ möchte, einfach der Demenz zu zeihen, ihn negativ zu etikettieren, abgestützt durch das Klischee „Alte sind nicht ganz dicht“. Na, er ist doch alt, also: nicht ganz dicht, dement, unzurechnungsfähig, Abfall. Lasst ihn uns entsorgen. Was, der Walser schreibt immer noch? Regt sich immer noch auf? Der ist ein Querulant, das ist ein Narziss, ein Dauergekränkter. Diagnose gestellt und geliefert: abgestempelt, zum Abschuss freigegeben. Interessant und bemerkenswert, dass dann trotzdem ein Gedicht, ob alt oder neu, Aufregung verursacht und es und den Autor zum „Fall“ macht. Die Jäger, die Literatur- und Moralpolizisten sind auf der Hut, liegen auf Lauer, beißen sofort zu.

Bei Walser finden einige, wie früher, dass er Auschwitz bagatellisiere. Ein Verbrechen. Woran lesen sie das ab? Von einem Gedicht. Allein, dass der Autor es wagt zu vergleichen bzw. in eine Reihe zu stellen, empört, weil er damit ein Verbrechen begeht: er banalisiert und bagatellisiert.

Ganz in diesem Sinne äußert sich im konservativen Vordenkerblatt (früher haben sich die klugen Köpfe dahinter versteckt!) der PD Dr. Christian Metz, auf dessen Internetseite man seine Titel und Artikelverzeichnisse findet, aber keine Auskunft über sein Geburtsdatum bzw. sein Herkommen. Eine Schwarz-weiß-Fotografie zeigt ihn in trauter Leserpose: jung und nachdenklich sinnierend. Wie nett. Ich weiß also nicht, ob er der typische 68-er-Vertreter ist oder sonst ein Schnösel aus der verwöhnten Me-Generation. Jedenfalls verurteilt er Walser in gewohnter Manier. Stein des Anstoßes ist Walsers Gedicht über den Vietnamkrieg und die Reihung von Hué mit Golgatha, Verdun und Auschwitz . Damit ist für den akademisch geschulten Literaturwissenschaftler und -kritiker der Tatbestand der Bagatellisierung festgemacht. Walser ist schuldig. Das ist sogar dem Marc Reichwein zuviel, der in seinem Beitrag meint:

Ja, die Ortsnamenreihung ist problematisch: „Neben Jesu Kreuzigung auf Golgatha, der Schlacht von Verdun im Ersten Weltkrieg und dem Kampf um die Stadt Hué im Vietnamkrieg erscheint Auschwitz in dieser Formulierung als eine tödliche Katastrophe unter vielen.“ So empört sich – ganz im Sinne der seit Walsers Paulskirchenrede von 1998 bekannten Diagnose, dass Walser ein Auschwitz-Problem hat – der „FAZ“-Kritiker Christian Metz. Doch das Gedicht ist beim besten Willen nicht, wie Metz behauptet, als unverbesserliches und Auschwitz relativierendes Walser-„Alterswerk“ abzutun. Es stand am 22. März 1968 in der „Zeit“, abgedruckt als Spottkritik am damaligen Medien- und Politikbetrieb.

Obwohl Reichwein korrekt auf die frühe Publikation von 1968 verweist, auf Walsers Engagement gegen den Vietnamkrieg (was, anstatt positiv bewertet, heute als verdächtiger Ausweis eines elenden Antiamerikanismus gesehen wird!) verweist, streift er die eigentliche Problematik nur oberflächlich. Der Skandal liegt für die Korrekten und Philosemiten darin, dass Auschwitz als eine Katastrophe neben anderen erscheint. Auschwitz darf aber nicht neben andere Verbrechen gestellt werden, Auschwitz ist singulär, ist absolut. Jeder Vergleich bagatellisiert, entwürdigt. Diese quere Logik stellt ein Denkverbot dar, das bei Strafe nicht übertreten werden darf.

Nun, semiotisch gesehen oder philosophisch sind die Ansprüche bezüglich absoluter Einmaligkeit bzw. Unvergleichbarkeit Humbug. Ohne Vergleich keine Bewertung, keine Kommunikation. Der Skandal liegt auch nicht in der Sprache oder im Vergleichen, sondern in der Tatsache, wovon Texte, insbesondere Vergleiche, aber nicht nur, Zeugnis geben: das Leben geht weiter, ob Hiob verzweifelt oder nicht. Allein die Tatsache, dass das Leben weitergeht, empört viele jener, die davongekommen sind. Sie zürnen ihrem Gott, sie zürnen noch viel mehr den Nachfahren der Täter, die leben und, welch eine Zumutung, die sogar gut leben und arbeiten und wieder zu Wohlstand gelangen. Diese Ungerechtigkeit, dieses Gottversagen, ist für viele schier unerträglich.

Das tiefe Ressentiment gegen die Deutschen, die überlebten und gut leben, hat Jean Amery in beredte Worte gefasst. Er, der Adorno wegen dessen Jargon mied und kritisierte, teilte mit ihm aber den Schmerz über die Barbarei. Nicht, weil einige Gedichte nach Auschwitz schrieben, das tat auch Bruder Celan, sondern dass es weiterging. Eigentlich hätte die Welt untergehen müssen, aber sie ging nicht unter. Sie prosperiert sogar.

Und dann kommt ein Deutscher und stellt Auschwitz, das Einmalige, das Absolute, in eine Reihe mit anderen Kriegsstätten oder Horrorszenarien. Er relativiert also, er verweigert das Denken des Undenkbaren, er denkt das Denkbare. Was ist schon der Vietnamkrieg, was war denn Verdun. Welcher Skandal, gar auf- und abrechnen zu wollen. Wenn schon, dann nur von den Opfernachfahren, den Juden. Sechs Millionen wiegen mehr, besonders im Tod, als x-fach soviele andere Opfer in Russland, in Asien, sonst wo auf der Welt. Es darf nie verglichen werden, es muss immer vom singulär Absoluten gesprochen werden.

Eigentlich ein verzweifelter Versuch gegen die Geschichte, gegen die Realität. Purer Idealismus: das Denken soll determinieren. Die Realität muss ausgeschaltet werden, Historie gilt nicht. Es gilt das Wort Gottes, der Juden, der Opfer. Aber mit jedem Tag gräbt sich die Erfahrung des Gegenteils tiefer ein, bohrt der Schmerz über den Gott, der seinen Kindern nicht zu Hilfe kam, der es geschehen ließ und der weiterleben (leiden) lässt.

Adorno hat mit seinem Verdikt eine wesentliche Schwachstelle in seinem Denken entblößt. Amery verzehrte sich in seinem Zorn und seinen Ressentiments. Celan vermochte nicht festen Boden zu gewinnen. Wen immer man dafür schuldig spricht, es wird nicht helfen, es wird nichts ändern. Das ändern auch die Kläffer und Verurteiler wie Christian Metz nicht. Sie vertiefen nur die Peinlichkeit.

Nachbemerkung:

Das ahistorische Fixieren der Nazischuld dient nicht nur der Ablenkung sondern auch der Realitätsverleugnung. Weil keine europäische Faschistenbewegung so grausig wie die Deutschen im Holocaust vorging, verringert sich für viele Nachfahren deren Schuld. Die Fokussierung auf den Holocaust als das absolute Verbrechen macht alle anderen weniger schlimm. Davon profitieren die Faschisten in Italien und Spanien.

In ihrer Rezension von Antonio Scuratis Buch "M - Il figlio del secolo" schreibt Emma Johanningsmeier in der New York Times vom 8.12.2018:

In Italy, the birthplace of fascism, Mussolini has never carried the same stigma as Hitler in Germany. The dictator still known as “Il Duce” enjoyed wide public support during his two-decade rule, despite his persecution of anti-fascists and Jews. Some in Italy today are willing to overlook those things for the perceived social stability of the fascist era.
In the collective memory, “Italy always came out as the lesser evil with respect to Nazi Germany,” Ben-Ghiat said. “Because of that, Italians were able to say, ‘Well, we weren’t so bad. We weren’t the architects of the Holocaust.’”

Die Angst vor Kritik treibt Israel und seine Unterstützer zu immer neuen Maßnahmen der Zensur und Verfolgung. In der New York Review of Books schreibt am 12.12.2018 in der Rubrik NYRDaily Katherine Franke in ihrem Beitrag "The Pro-Israel Push to Purge US Campus Critics":

At the same time, discussions on college campuses about the complexities of freedom, history, and belonging in Israel and Palestine are under increasing pressure and potential censorship from right-wing entities. In fact, new policies adopted by the US and Israeli governments are intended to eliminate any rigorous discussion of Israeli–Palestinian politics in university settings. Not since the McCarthyite anti-Communist purges have we seen such an aggressive effort to censor teaching and learning on topics the government disfavors.
Especially chilling, the US Department of Education recently adopted a new definition of anti-Semitism, one that equates any criticism of Israel with a hatred of Jews. This new stance was evident when the Department’s Office for Civil Rights recently reopened an investigation of anti-Semitism at Rutgers University regarding a complaint that had been examined and closed by the Obama administration. The case, which was brought by the Zionist Organization of America, alleged that Rutgers should not permit students to hold events at which the human rights record of the state of Israel is criticized. The ZOA applauded the reopening of the case by Kenneth Marcus, the new head of the Office for Civil Rights and a long-time proponent of the view of that all criticism of Israel is necessarily anti-Semitic.

Diese Entwicklungen belegen nicht nur das Erstarken von Rechtsextremen und Neonazis oder Faschisten, sondern stellen die Arbeiten von Autoren wie Christian Metz und dergleichen ins ganz rechte Licht. Israel wird zum Vorreiter neuer Geschichtsklitterungen und politischer Zensur im Namen politischer Korrektheit. Plötzlich sieht man diese Korrekten in Gemeinschaft mit den Tabuisierern aus China oder der Türkei. Eine Gemeinschaft der Verfolger und Hetzer, der Verleumder und Folterer.

Ich hätte die Vorgangsweisen der Korrekten auch anhand von Artikeln des radikalen Magazins „Counterpunch“ illustrieren können. Die wären dann leichter als linke Denunziationen abhakbar. Dass die biedere New York Review of Books aber auf die Problematik eingeht, macht es den Agenten Israels nicht so leicht, das alte Feindbild wachzuhalten.



Freitag, 30. November 2018

Patmos

Friedrich Hölderlin

 

Patmos

 

Dem Landgrafen von Homburg


Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.
Im Finstern wohnen
Die Adler und furchtlos gehn
Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg
Auf leichtgebaueten Brücken.
Drum, da gehäuft sind rings
Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten
Nah wohnen, ermattend auf
Getrenntesten Bergen,
So gib unschuldig Wasser,
O Fittiche gib uns, treuesten Sinns
Hinüberzugehn und wiederzukehren.

So sprach ich, da entführte
Mich schneller, denn ich vermutet
Und weit, wohin ich nimmer
Zu kommen gedacht, ein Genius mich
Vom eigenen Haus'. Es dämmerten
Im Zwielicht, da ich ging
Der schattige Wald
Und die sehnsüchtigen Bäche
Der Heimat; nimmer kannt' ich die Länder;
Doch bald, in frischem Glanze,
Geheimnisvoll
Im goldenen Rauche, blühte
Schnellaufgewachsen,
Mit Schritten der Sonne,
Mit tausend Gipfeln duftend,

Mir Asia auf, und geblendet sucht'
Ich eines, das ich kennete, denn ungewohnt
War ich der breiten Gassen, wo herab
Vom Tmolus fährt
Der goldgeschmückte Paktol
Und Taurus stehet und Messogis,
Und voll von Blumen der Garten,
Ein stilles Feuer; aber im Lichte
Blüht hoch der silberne Schnee;
Und Zeug unsterblichen Lebens
An unzugangbaren Wänden
Uralt der Efeu wächst und getragen sind
Von lebenden Säulen, Zedern und Lorbeern
Die feierlichen,
Die göttlichgebauten Paläste.

Es rauschen aber um Asias Tore
Hinziehend da und dort
In ungewisser Meeresebene
Der schattenlosen Straßen genug,
Doch kennt die Inseln der Schiffer.
Und da ich hörte
Der nahegelegenen eine
Sei Patmos,
Verlangte mich sehr,
Dort einzukehren und dort
Der dunkeln Grotte zu nahn.
Denn nicht, wie Cypros,
Die quellenreiche, oder
Der anderen eine
Wohnt herrlich Patmos,

Gastfreundlich aber ist
Im ärmeren Hause
Sie dennoch
Und wenn vom Schiffbruch oder klagend
Um die Heimat oder
Den abgeschiedenen Freund
Ihr nahet einer
Der Fremden, hört sie es gern, und ihre Kinder
Die Stimmen des heißen Hains,
Und wo der Sand fällt, und sich spaltet
Des Feldes Fläche, die Laute
Sie hören ihn und liebend tönt
Es wider von den Klagen des Manns. So pflegte
Sie einst des gottgeliebten,
Des Sehers, der in seliger Jugend war
Gegangen mit
Dem Sohne des Höchsten, unzertrennlich, denn
Es liebte der Gewittertragende die Einfalt
Des Jüngers und es sahe der achtsame Mann
Das Angesicht des Gottes genau,
Da, beim Geheimnisse des Weinstocks, sie
Zusammensaßen, zu der Stunde des Gastmahls,
Und in der großen Seele, ruhigahnend den Tod
Aussprach der Herr und die letzte Liebe, denn nie genug
Hatt' er von Güte zu sagen
Der Worte, damals, und zu erheitern, da
Ers sahe, das Zürnen der Welt.
Denn alles ist gut. Drauf starb er. Vieles wäre
Zu sagen davon. Und es sahn ihn, wie er siegend blickte
Den Freudigsten die Freunde noch zuletzt,

Doch trauerten sie, da nun
Es Abend worden, erstaunt,
Denn Großentschiedenes hatten in der Seele
Die Männer, aber sie liebten unter der Sonne
Das Leben und lassen wollten sie nicht
Vom Angesichte des Herrn
Und der Heimat. Eingetrieben war,
Wie Feuer im Eisen, das, und ihnen ging
Zur Seite der Schatte des Lieben.
Drum sandt' er ihnen
Den Geist, und freilich bebte
Das Haus und die Wetter Gottes rollten
Ferndonnernd über
Die ahnenden Häupter, da, schwersinnend
Versammelt waren die Todeshelden,

Itzt, da er scheidend
Noch einmal ihnen erschien.
Denn itzt erlosch der Sonne Tag
Der Königliche und zerbrach
Den geradestrahlenden,
Den Zepter, göttlichleidend, von selbst,
Denn wiederkommen sollt es
Zu rechter Zeit. Nicht wär es gut
Gewesen, später, und schroffabbrechend, untreu,
Der Menschen Werk, und Freude war es
Von nun an,
Zu wohnen in liebender Nacht, und bewahren
In einfältigen Augen, unverwandt
Abgründe der Weisheit. Und es grünen
Tief an den Bergen auch lebendige Bilder,

Doch furchtbar ist, wie da und dort
Unendlich hin zerstreut das Lebende Gott.
Denn schon das Angesicht
Der teuern Freunde zu lassen
Und fernhin über die Berge zu gehn
Allein, wo zweifach
Erkannt, einstimmig
War himmlischer Geist; und nicht geweissagt war es, sondern
Die Locken ergriff es, gegenwärtig, Wenn ihnen plötzlich
Ferneilend zurück blickte
Der Gott und schwörend,
Damit er halte, wie an Seilen golden
Gebunden hinfort
Das Böse nennend, sie die Hände sich reichten –

Wenn aber stirbt alsdenn
An dem am meisten
Die Schönheit hing, daß an der Gestalt
Ein Wunder war und die Himmlischen gedeutet
Auf ihn, und wenn, ein Rätsel ewig füreinander
Sie sich nicht fassen können
Einander, die zusammenlebten
Im Gedächtnis, und nicht den Sand nur oder
Die Weiden es hinwegnimmt und die Tempel
Ergreift, wenn die Ehre
Des Halbgotts und der Seinen
Verweht und selber sein Angesicht
Der Höchste wendet
Darob, daß nirgend ein
Unsterbliches mehr am Himmel zu sehn ist oder
Auf grüner Erde, was ist dies?

Es ist der Wurf des Säemanns, wenn er faßt
Mit der Schaufel den Weizen,
Und wirft, dem Klaren zu, ihn schwingend über die Tenne.
Ihm fällt die Schale vor den Füßen, aber
Ans Ende kommet das Korn,
Und nicht ein Übel ists, wenn einiges
Verloren gehet und von der Rede
Verhallet der lebendige Laut,
Denn göttliches Werk auch gleichet dem unsern.
Nicht alles will der Höchste zumal.
Zwar Eisen träget der Schacht,
Und glühende Harze der Ätna,
So hätt' ich Reichtum,
Ein Bild zu bilden, und ähnlich
Zu schaun, wie er gewesen, den Christ,

Wenn aber einer spornte sich selbst,
Und traurig redend, unterweges, da ich wehrlos wäre
Mich überfiele, daß ich staunt' und von dem Gotte
Das Bild nachahmen möcht' ein Knecht –
Im Zorne sichtbar sah' ich einmal
Des Himmels Herrn, nicht, daß ich sein sollt etwas, sondern
Zu lernen. Gütig sind sie, ihr Verhaßtestes aber ist,
So lange sie herrschen, das Falsche, und es gilt
Dann Menschliches unter Menschen nicht mehr.
Denn sie nicht walten, es waltet aber
Unsterblicher Schicksal und es wandelt ihr Werk
Von selbst, und eilend geht es zu Ende.
Wenn nämlich höher gehet himmlischer
Triumphgang, wird genennet, der Sonne gleich
Von Starken der frohlockende Sohn des Höchsten,

Ein Losungszeichen, und hier ist der Stab
Des Gesanges, niederwinkend,
Denn nichts ist gemein. Die Toten wecket
Er auf, die noch gefangen nicht
Vom Rohen sind. Es warten aber
Der scheuen Augen viele
Zu schauen das Licht. Nicht wollen
Am scharfen Strahle sie blühn,
Wiewohl den Mut der goldene Zaum hält.
Wenn aber, als
Von schwellenden Augenbraunen
Der Welt vergessen
Stilleuchtende Kraft aus heiliger Schrift fällt, mögen
Der Gnade sich freuend, sie
Am stillen Blicke sich üben.

Und wenn die Himmlischen jetzt
So, wie ich glaube, mich lieben
Wie viel mehr dich,
Denn eines weiß ich,
Daß nämlich der Wille
Des ewigen Vaters viel
Dir gilt. Still ist sein Zeichen
Am donnernden Himmel. Und Einer stehet darunter
Sein Leben lang. Denn noch lebt Christus.
Es sind aber die Helden, seine Söhne
Gekommen all und heilige Schriften
Von ihm und den Blitz erklären
Die Taten der Erde bis itzt,
Ein Wettlauf unaufhaltsam. Er ist aber dabei. Denn seine Werke sind
Ihm alle bewußt von jeher.

Zu lang, zu lang schon ist
Die Ehre der Himmlischen unsichtbar.
Denn fast die Finger müssen sie
Uns führen und schmählich
Entreißt das Herz uns eine Gewalt.
Denn Opfer will der Himmlischen jedes,
Wenn aber eines versäumt ward,
Nie hat es Gutes gebracht.
Wir haben gedienet der Mutter Erd'
Und haben jüngst dem Sonnenlichte gedient,
Unwissend, der Vater aber liebt,
Der über allen waltet,
Am meisten, daß gepfleget werde
Der feste Buchstab, und Bestehendes gut
Gedeutet. Dem folgt deutscher Gesang.

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Patmos ist der Titel einer 1803 vollendeten Hymne von Friedrich Hölderlin. Der Erstdruck erfolgte 1808 im Musenalmanach von Leo von Seckendorff, gewidmet ist die Dichtung dem Landgrafen von Homburg. Das Gedicht ist nach der griechischen Insel Patmos benannt, die als Schöpfungsort der prophetischen Offenbarung des Johannes gilt. Sie ist dem verfolgten Christen ein Zufluchtsort und kennzeichnet zugleich die apokalyptische Krisensituation. Bereits der Titel verweist so auf den esoterisch-eschatologischen Horizont des Textes, der ausgesprochen reich an verschlüsselten Zitaten und Anspielungen auf synthetisch miteinander verwobene biblische, christliche, griechische und lateinische Motive und Mythen ist.

Ähnlich den anderen Versdichtungen aus dem Spätwerk Hölderlins ist auch Patmos ein kühner Versuch der Deutung der Geschichte als fortgesetzter göttlicher Offenbarung. Sie ist Ausdruck des Scheiterns der frühromantischen politischen Träume, die nun in eine religiöse, geistige Sphäre sublimiert werden. Besonders nah steht die Hymne darin der Dichtung Der Einzige, aber auch den Gesängen Friedensfeier und Andenken. 



Die Werke Hölderlins sind in Einzelausgaben als auch in der Großen Stuttgarter Ausgabe in unserer Bibliothek Gleichgewicht aufliegend. Ebenso einiges an Sekundärliteratur als auch Bände des Hölderlin-Jahrbuches.


Freitag, 2. November 2018

Die Stille der Verstorbenen

Die Stille der Verstorbenen


Die Stille der Verstorbenen liebt den alten Garten,
Die Irre die in blauen Zimmern gewohnt,
Am Abend erscheint die stille Gestalt am Fenster

Sie aber ließ den vergilbten Vorhang herab -
Das Rinnen der Glasperlen erinnerte an unsere Kindheit,
Nachts fanden wir einen schwarzen Mond im Wald

In eines Spiegels Bläue tönt die sanfte Sonate
Lange Umarmungen
Gleitet ihr Lächeln über des Sterbenden Mund.



(Georg Trakl)

Donnerstag, 1. November 2018

Trakl an Novalis

An Novalis

In dunkler Erde ruht der heilige Fremdling.
Es nahm von sanftem Munde ihm die Klage der Gott,
Da er in seiner Blüte hinsank.
Eine blaue Blume
Fortlebt sein Lied im nächtlichen Haus der Schmerzen.


(Georg Trakl (1887 - 1914), österreichischer frühexpressionistischer Dichter und Lyriker)

Dienstag, 8. August 2017

Dichter & Leser



Das dichterische Schaffen beginnt damit, daß der Sprache Gewalt angetan wird. Dr erste Akt dieses Vorgehens beteht in der Entwurzelung der Worte. (...) Der zweite Akt ist die Rückkehr des worts: das Geedicht wird zu einem Gegenstand der Teilnahme. (...)
Das Gedicht ist originale und einzigartige Schöpfung, aber es ist auch Lektüre und Rezitation: Teilnahme. Der Dichter schafft es; der Mensch, der es rezitiert, erschafft es neu. Dichter und Leser sind zwei Momente ein und derselben Wirklichkeit.
(O)hne Leser ist das Werk zur zur Hälfte ein Werk. (...)

Octavio Paz: Dichtung und Gedicht. In: Der Bogen und die Leier. Frankfurt, Surhkamp 1983:44f