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Sonntag, 16. Dezember 2018

Verpönte Relativität

Haimo L. Handl

Verpönte Relativität

Martin Walser, unermüdlich auch im Alter, hat einen kleinen Band mit Gedichten und Miniaturen veröffentlicht, der wieder Aufsehen erregt. Man könnte meinen, die Deutschen seien neben den Israelis besonders geschult im Auf- und Abmerken und Verteilen von Zensuren, ärger noch als die Briten oder Amerikaner, obwohl besonders  in den USA das ungeistige Klima sich dramatisch ändert und Jäger und Hetzer als Zensoren und öffentliche Moralapostel langsam Oberhand zu gewinnen scheinen.

In Deutschland ist das Einfachdenken tief verankert. Seit der historischen Schuld verzweifeln immer noch viele am Unbewältigbaren. Viele haben ein Strafbedürfnis erlernt, das unstillbar scheint. Jede Gelegenheit zur Kasteiung wird wahrgenommen. Sie halten die Kollektivschuld am Leben und verdächtigen jeden, der differenziert oder widerspricht der braunen Untat. Sie sind die Vollstrecker der re-education im negativen Sinn.

Martin Walser war 1998 mit seiner Paulskirchenrede skandalös aufgefallen. Das Verdikt wurde über ihn gesprochen und es waren nur gewisse Umstände, die ihn vor der realen Lynchjustiz bewahrten. Geistig hatten sich die Korrekten über ihn hergemacht. Jetzt bringt er in seinem neuen Buch SPÄTDIENST ein altes Gedicht, das sofort wieder als Auslöser dient für die Kurzdenker, jene, die nicht zu differenzieren in der Lage sind, die wie Wachhunde auf bestimmte Auslöser unwillkürlich reagieren, die Zähne fletschen und bellen. Eigentlich möchten sie ihrem Training nach zubeißen, zerfleischen, aber das dürfen sie derweil noch nicht. Hierin teilen sie ein typisch deutsches Schicksal mit den Unverbesserlichen, den faschistischen Gestrigen, die sich in diesem einem Punkte treffen: nicht selbständig denken, sondern hündisch heulen und beißen.

In der WELT vom 1.12.2018 nimmt Marc Reichwein zwar Walser in Schutz bzw., wenn man so will, führt Argumente an, die positiv relativieren, leitet seine Ausführungen aber so abwertend ein, dass man sich wundert, auf welch tiefem Niveau hier ein Kritiker sich ausbreitet:

Hoch betagte Dichter sind nicht immer ganz dicht. Günter Grass hat kurz vor seinem Tod durch ein stumpfsinniges Israel-Gedicht von sich reden gemacht. Der 91-jährige Martin Walser hat soeben sein Buch „Spätdienst“ (Rowohlt, 208 S., 20 €) veröffentlicht, ein Bändchen voller literarischer Miniaturen (Gedichte, Aphorismen und Notate), die einen daran denken lassen, dass Walser heute bestens bei Twitter aufgehoben wäre – als jemand, der auf alles und jedes narzisstisch und nachtragend reagiert. In gewisser Weise dokumentiert „Spätdienst“ – neben poetischen Perlen – oft unfreiwillig komisch, die Riesen-Blase der Kränkung (durch Kritik) und Selbstbeobachtung, in der Walser seit Jahrzehnten lebt.

Herr Reichwein, Redakteur im Feuilleton der WELT, Jahrgang 1975, gibt Auskunft über die Dichte von Dichtern, und konstatiert kühl, dass viele nicht dicht seien, also ausrinnen. Es bleibt zur Spekulation offen, ob er die geistige Dichte meint, die er zynisch absprechend diagnostizieren könnte: undicht im Sinne von dement, oder ob er einen körperlichen Zustand meint, wenn alte Menschen Blasenprobleme haben. Während die Werbung vor allem den Frauen, die auszurinnen scheinen, permanent besten Schutz durch gewissen Einlagen und Binden verspricht, wird im Falle eines alten Dichters nicht von Hilfe gesprochen, sondern das Bild eines Gebrechlichen gemalt oder gezeigt, der eben verfällt und versagt, ausrinnt. Er, der Jüngere, mokiert sich über den Alten. Was für eine Kultur!

Viele haben Angst vor der Altersdemenz. Wie simpel, jemanden, den man „fertigmachen“ möchte, einfach der Demenz zu zeihen, ihn negativ zu etikettieren, abgestützt durch das Klischee „Alte sind nicht ganz dicht“. Na, er ist doch alt, also: nicht ganz dicht, dement, unzurechnungsfähig, Abfall. Lasst ihn uns entsorgen. Was, der Walser schreibt immer noch? Regt sich immer noch auf? Der ist ein Querulant, das ist ein Narziss, ein Dauergekränkter. Diagnose gestellt und geliefert: abgestempelt, zum Abschuss freigegeben. Interessant und bemerkenswert, dass dann trotzdem ein Gedicht, ob alt oder neu, Aufregung verursacht und es und den Autor zum „Fall“ macht. Die Jäger, die Literatur- und Moralpolizisten sind auf der Hut, liegen auf Lauer, beißen sofort zu.

Bei Walser finden einige, wie früher, dass er Auschwitz bagatellisiere. Ein Verbrechen. Woran lesen sie das ab? Von einem Gedicht. Allein, dass der Autor es wagt zu vergleichen bzw. in eine Reihe zu stellen, empört, weil er damit ein Verbrechen begeht: er banalisiert und bagatellisiert.

Ganz in diesem Sinne äußert sich im konservativen Vordenkerblatt (früher haben sich die klugen Köpfe dahinter versteckt!) der PD Dr. Christian Metz, auf dessen Internetseite man seine Titel und Artikelverzeichnisse findet, aber keine Auskunft über sein Geburtsdatum bzw. sein Herkommen. Eine Schwarz-weiß-Fotografie zeigt ihn in trauter Leserpose: jung und nachdenklich sinnierend. Wie nett. Ich weiß also nicht, ob er der typische 68-er-Vertreter ist oder sonst ein Schnösel aus der verwöhnten Me-Generation. Jedenfalls verurteilt er Walser in gewohnter Manier. Stein des Anstoßes ist Walsers Gedicht über den Vietnamkrieg und die Reihung von Hué mit Golgatha, Verdun und Auschwitz . Damit ist für den akademisch geschulten Literaturwissenschaftler und -kritiker der Tatbestand der Bagatellisierung festgemacht. Walser ist schuldig. Das ist sogar dem Marc Reichwein zuviel, der in seinem Beitrag meint:

Ja, die Ortsnamenreihung ist problematisch: „Neben Jesu Kreuzigung auf Golgatha, der Schlacht von Verdun im Ersten Weltkrieg und dem Kampf um die Stadt Hué im Vietnamkrieg erscheint Auschwitz in dieser Formulierung als eine tödliche Katastrophe unter vielen.“ So empört sich – ganz im Sinne der seit Walsers Paulskirchenrede von 1998 bekannten Diagnose, dass Walser ein Auschwitz-Problem hat – der „FAZ“-Kritiker Christian Metz. Doch das Gedicht ist beim besten Willen nicht, wie Metz behauptet, als unverbesserliches und Auschwitz relativierendes Walser-„Alterswerk“ abzutun. Es stand am 22. März 1968 in der „Zeit“, abgedruckt als Spottkritik am damaligen Medien- und Politikbetrieb.

Obwohl Reichwein korrekt auf die frühe Publikation von 1968 verweist, auf Walsers Engagement gegen den Vietnamkrieg (was, anstatt positiv bewertet, heute als verdächtiger Ausweis eines elenden Antiamerikanismus gesehen wird!) verweist, streift er die eigentliche Problematik nur oberflächlich. Der Skandal liegt für die Korrekten und Philosemiten darin, dass Auschwitz als eine Katastrophe neben anderen erscheint. Auschwitz darf aber nicht neben andere Verbrechen gestellt werden, Auschwitz ist singulär, ist absolut. Jeder Vergleich bagatellisiert, entwürdigt. Diese quere Logik stellt ein Denkverbot dar, das bei Strafe nicht übertreten werden darf.

Nun, semiotisch gesehen oder philosophisch sind die Ansprüche bezüglich absoluter Einmaligkeit bzw. Unvergleichbarkeit Humbug. Ohne Vergleich keine Bewertung, keine Kommunikation. Der Skandal liegt auch nicht in der Sprache oder im Vergleichen, sondern in der Tatsache, wovon Texte, insbesondere Vergleiche, aber nicht nur, Zeugnis geben: das Leben geht weiter, ob Hiob verzweifelt oder nicht. Allein die Tatsache, dass das Leben weitergeht, empört viele jener, die davongekommen sind. Sie zürnen ihrem Gott, sie zürnen noch viel mehr den Nachfahren der Täter, die leben und, welch eine Zumutung, die sogar gut leben und arbeiten und wieder zu Wohlstand gelangen. Diese Ungerechtigkeit, dieses Gottversagen, ist für viele schier unerträglich.

Das tiefe Ressentiment gegen die Deutschen, die überlebten und gut leben, hat Jean Amery in beredte Worte gefasst. Er, der Adorno wegen dessen Jargon mied und kritisierte, teilte mit ihm aber den Schmerz über die Barbarei. Nicht, weil einige Gedichte nach Auschwitz schrieben, das tat auch Bruder Celan, sondern dass es weiterging. Eigentlich hätte die Welt untergehen müssen, aber sie ging nicht unter. Sie prosperiert sogar.

Und dann kommt ein Deutscher und stellt Auschwitz, das Einmalige, das Absolute, in eine Reihe mit anderen Kriegsstätten oder Horrorszenarien. Er relativiert also, er verweigert das Denken des Undenkbaren, er denkt das Denkbare. Was ist schon der Vietnamkrieg, was war denn Verdun. Welcher Skandal, gar auf- und abrechnen zu wollen. Wenn schon, dann nur von den Opfernachfahren, den Juden. Sechs Millionen wiegen mehr, besonders im Tod, als x-fach soviele andere Opfer in Russland, in Asien, sonst wo auf der Welt. Es darf nie verglichen werden, es muss immer vom singulär Absoluten gesprochen werden.

Eigentlich ein verzweifelter Versuch gegen die Geschichte, gegen die Realität. Purer Idealismus: das Denken soll determinieren. Die Realität muss ausgeschaltet werden, Historie gilt nicht. Es gilt das Wort Gottes, der Juden, der Opfer. Aber mit jedem Tag gräbt sich die Erfahrung des Gegenteils tiefer ein, bohrt der Schmerz über den Gott, der seinen Kindern nicht zu Hilfe kam, der es geschehen ließ und der weiterleben (leiden) lässt.

Adorno hat mit seinem Verdikt eine wesentliche Schwachstelle in seinem Denken entblößt. Amery verzehrte sich in seinem Zorn und seinen Ressentiments. Celan vermochte nicht festen Boden zu gewinnen. Wen immer man dafür schuldig spricht, es wird nicht helfen, es wird nichts ändern. Das ändern auch die Kläffer und Verurteiler wie Christian Metz nicht. Sie vertiefen nur die Peinlichkeit.

Nachbemerkung:

Das ahistorische Fixieren der Nazischuld dient nicht nur der Ablenkung sondern auch der Realitätsverleugnung. Weil keine europäische Faschistenbewegung so grausig wie die Deutschen im Holocaust vorging, verringert sich für viele Nachfahren deren Schuld. Die Fokussierung auf den Holocaust als das absolute Verbrechen macht alle anderen weniger schlimm. Davon profitieren die Faschisten in Italien und Spanien.

In ihrer Rezension von Antonio Scuratis Buch "M - Il figlio del secolo" schreibt Emma Johanningsmeier in der New York Times vom 8.12.2018:

In Italy, the birthplace of fascism, Mussolini has never carried the same stigma as Hitler in Germany. The dictator still known as “Il Duce” enjoyed wide public support during his two-decade rule, despite his persecution of anti-fascists and Jews. Some in Italy today are willing to overlook those things for the perceived social stability of the fascist era.
In the collective memory, “Italy always came out as the lesser evil with respect to Nazi Germany,” Ben-Ghiat said. “Because of that, Italians were able to say, ‘Well, we weren’t so bad. We weren’t the architects of the Holocaust.’”

Die Angst vor Kritik treibt Israel und seine Unterstützer zu immer neuen Maßnahmen der Zensur und Verfolgung. In der New York Review of Books schreibt am 12.12.2018 in der Rubrik NYRDaily Katherine Franke in ihrem Beitrag "The Pro-Israel Push to Purge US Campus Critics":

At the same time, discussions on college campuses about the complexities of freedom, history, and belonging in Israel and Palestine are under increasing pressure and potential censorship from right-wing entities. In fact, new policies adopted by the US and Israeli governments are intended to eliminate any rigorous discussion of Israeli–Palestinian politics in university settings. Not since the McCarthyite anti-Communist purges have we seen such an aggressive effort to censor teaching and learning on topics the government disfavors.
Especially chilling, the US Department of Education recently adopted a new definition of anti-Semitism, one that equates any criticism of Israel with a hatred of Jews. This new stance was evident when the Department’s Office for Civil Rights recently reopened an investigation of anti-Semitism at Rutgers University regarding a complaint that had been examined and closed by the Obama administration. The case, which was brought by the Zionist Organization of America, alleged that Rutgers should not permit students to hold events at which the human rights record of the state of Israel is criticized. The ZOA applauded the reopening of the case by Kenneth Marcus, the new head of the Office for Civil Rights and a long-time proponent of the view of that all criticism of Israel is necessarily anti-Semitic.

Diese Entwicklungen belegen nicht nur das Erstarken von Rechtsextremen und Neonazis oder Faschisten, sondern stellen die Arbeiten von Autoren wie Christian Metz und dergleichen ins ganz rechte Licht. Israel wird zum Vorreiter neuer Geschichtsklitterungen und politischer Zensur im Namen politischer Korrektheit. Plötzlich sieht man diese Korrekten in Gemeinschaft mit den Tabuisierern aus China oder der Türkei. Eine Gemeinschaft der Verfolger und Hetzer, der Verleumder und Folterer.

Ich hätte die Vorgangsweisen der Korrekten auch anhand von Artikeln des radikalen Magazins „Counterpunch“ illustrieren können. Die wären dann leichter als linke Denunziationen abhakbar. Dass die biedere New York Review of Books aber auf die Problematik eingeht, macht es den Agenten Israels nicht so leicht, das alte Feindbild wachzuhalten.



Freitag, 27. Juli 2018

China rettet traditionelle Buchläden vor der Digitalisierung

Geldsegen für den chinesischen Buchhandel

China will traditionelle Buchläden vor der Digitalisierung retten – mit einer Millioneninvestitionen. Bereits jetzt sind sie kulturelle Hotspots. 

Aleksandra Hiltmann, Tagesanzeiger 26.7.2018
 

Einerseits behindert und bedrängt die allgegenwärtige Zensur des Regimes die Schriftsteller, Verleger und Leser, damit auch den Buchmarkt, andererseits setzt dieselbe Regierung Aktionen zur Stützung traditioneller Buchhandlungen. Eindrückliches Beispiel chinesischer Logik und Politik. Neue Kulturpolitik?!

 

Sonntag, 20. August 2017

Denkverbote in Deutschland


Hat, wie Maxim Biller meint, ein Kollektiv aus 68ern und ihren 70er Nachfolgern hier seinen «totalitären, undemokratischen Idealismus» ausgetobt? Wer sich noch an die siebziger Jahre und die Zeit der kommunistischen Sekten in Deutschland erinnert, der kennt ihn noch, den gnadenlos ausgefochtenen Kampf gegen jede Abweichung von der richtigen Linie. Oberste Priorität: niemals den «Beifall von der falschen Seite» provozieren! Das gilt heute wieder verschärft: Wer etwas sagt, was auch der AfD gefallen könnte, ist schon ein Klassenfeind, egal, ob sein Argument triftig ist.

Absatz aus dem Beitrag:

Haben die Deutschen das Streiten verlernt?


Denkverbote haben eine Tradition. Nicht nur in China, das wüst zensuriert, sogar im akademischen Bereich, sondern auch in Europa, vor allem in Frankreich, Großbritannien, Spanien und Deutschland, und, natürlich kultürlich, in den ehemaligen kommunistischen, osteuropäischen Staaten, die ihre tiefen Erfahrung mit Unterdrückung und Zensur, mit Ausgrenzung und Nationalismus nicht missen und verlieren mögen.

Es wird wieder modern zu zensurieren, zu jagen, zu verteufeln. In den Siebzigerjahren schrieb der Psychologe Alexander Mitscherlich über Toleranz, mehr Toleranz. Heute plädiert ein Henrik Broder für mehr INTOLERANZ, weil wir uns Toleranz als Schwäche nicht mehr leisten dürfen. Das sind Entwicklungswege, leider nicht nur deutsche. 

Montag, 23. November 2015

Das gebunkerte Polen schlägt um sich

Aus gegebenem Anlaß staatlicher rechtsextremer Umtriebe in Polen, Hinweis auf einen Artikel aus dem Vormonat und ein wichtiges Buch:

Poland may sue over claim Poles killed more Jews than Germans during war

Princeton University professor Jan T Gross faces possible lawsuit by the Polish prosecutors over his remarks
The Guardian, 16 Oct. 2015


Deutsche Übersetzung des epochalen Werks des Historikers
Jan T. Gross: Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne. 
C. H. Beck, München 2001
Mit einem Vorwort von Adam Micvhnik, einem speziellen Hinweis zur deutschen Ausgabe (damit es keine Unklarheiten gibt) und einem speziellen Nachwort "an meine deutschen Leser", damit alles klar ist.
 
Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ein höchst lesenswertes Buch, das in unserer Bibliothek aufliegt.


 




Poland's shift into right extremism

Polish minister tries to ban Nobel winner's ‘pornographic’ play
Piotr Glinski’s move seen by civil liberties groups as a sign country is poised for a return to draconian state censorship
Alex Duval Smith, Warsaw, for The Guardian, 23 Nov. 2015

Polish defence minister condemned over Jewish conspiracy theory
Newly appointed Antoni Macierewicz criticised for saying hoax document about plan for world domination could be real
Rajeev Syal, The Guardian, 10 Nov. 2015

Coming up:
Next moves concerning tougher censorship, people's hunt and demonstrations against former enemy Germany and the EU

Montag, 3. März 2014

Unabhängige Buchläden in China

China - Magazin - Literatur und Sprache - Goethe-Institut:                                               

Unabhängige Buchläden in China: Mehr als nur Bücher?


Eine Leserin stöbert im Guangzhouer Buchladen Fang Suo Commune; © Fang Suo Commune
Eine Leserin stöbert im Guangzhouer Buchladen Fang Suo Commune; © Fang Suo Commune

Das Internet macht die Lektüre bequem, aber bringt uns auch eine unerträgliche Leichtigkeit des Seins . Unabhängige Buchläden, die in ganz China aus dem Boden sprießen, ermöglichen jungen Menschen über das Lesen die Begegnung und den Austausch mit anderen. Man kann so über das Buch in die Realität eintauchen.

Lesen Sie hier weiter!

Samstag, 31. August 2013

Andrei Alexandrowitsch Schdanows 65. Todestag

Andrei Alexandrowitsch Schdanow (* 14.jul./ 26. Februar 1896greg. in Mariupol, Gouvernement Jekaterinoslaw, Russisches Kaiserreich (heute Oblast Donezk, Ukraine); † 31. August 1948 in Moskau) war ein sowjetischer Politiker und enger Mitarbeiter Stalins, er sich vor allem durch die rücksichtslose, äußerst repressive Kulturpolitik hervortat.

Wikipedia


Samstag, 12. Januar 2013

Und Johnny zieht in den Krieg

Dalton Trumbos «Und Johnny zog in den Krieg»
Ein Klassiker der Anti-Kriegs-Literatur – wiederentdeckt
Martin Zähringer, Neue Zürcher Zeitung, 12.1.2013

1939 veröffentlichte Dalton Trumbo seine bittere Satire auf den Ersten Weltkrieg, in der aus der Sicht eines schwerstens versehrten Soldaten erzählt wird. Zwei Jahre später, mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg, wurde das Buch verboten. Nun ist es neu übersetzt und illustriert auf Deutsch erschienen.

Mit kritischer Anmerkung zur Illustration des Romans, als ob der Text dessen bedürfte als verkaufsfördernde Maßnahme.

Der Film, vom Autor 1971 produziert, stellt eine Adaption dar und keine Illustration des Romans.

Den Film kann man als DVD kaufen, aber, neben Trailern und Clips, auch in voller Länge in Youtube sich ansehen:

Johnny Got His Gun (1971 by Dalton Trumbo, based on his novel; won the  Grand Prix Spécial du Jury  at the Cannes Film Festival  1971 as well as the FIPRESCI Prize)

Johnny Got His Gun is a 1971 anti-war film based on the novel of the same name written and directed by Dalton Trumbo and starring Timothy Bottoms, Jason Robards and Donald Sutherland with Diane Varsi. The film is well known for distinguishing between Joe's reality and fantasy with black and white for the hospital, and color for his dreams and memories. His dreams are drug induced, as when he talks to his dead father and Christ, with the color being saturated. His memories are in a clearer color, such as the fishing trip and his last night with Kareen. Joe's face is never seen in the hospital scenes, and his missing limbs are covered by hospital sheets. The film was entered into the 1971 Cannes Film Festival where it won the Grand Prix Spécial du Jury and the FIPRESCI Prize. The music video for Metallica's 1988 song "One", featured excerpts from the film. Excerpts from the film can also be heard in the first part of the DJ Shadow EP What Does Your Soul Look Like? (from the person who put the movie in full version on youtube:
http://www.youtube.com/watch?v=Rdxlds6XHps)

Read about the movie in Wikpedia

Bemerkenswert auch die Musik (komponiert und dirigiert) von Jerry Fielding, insbesonders die penetrante Miltärmusik am Anfang, deren Trommelrhythmen die Körper einstimmen und den Geist überdecken, wie es für "drilled bodies" nötig ist, damit sie bedenkenlos agieren.



Wer einmal zur Marschmusik marschierte, versteht vielleicht, wenn er nicht ganz abgestumpft ist, das Inhumane von ihr. Sie zeigt auf, wie auch Musik zum Instrument des Inhumanen werden kann. Ein Moment, das man auch an den Songs der Galeerensklaven abhören kann, ebenso an den "Arbeitsliedern" der Sklaven auf den Plantagen und in Gefängnissen oder Lagern, wo der kantige Rhythmus die Bewegung ordnet, für die Ausbeutung ergiebiger macht. (Dass später die Kleinbürgerkinder dieser Musik "Befreiendes" abnahmen, zeigt einge gewisse Pervertierung, ein tiefes Missverstehen.)

Zitat von Adorno (aus: Reflexionen zur Klassentheorie):

Die systematische Einheit der Geschichte, die dem individuellen Leiden Sinn geben oder erhaben zum Zufälligen es degradieren soll, ist die philosophische Zueignung des Labyrinths, in dem die Menschen bis heute gefront haben, der Inbegriff des Leidens. Im Bannkreis des Systems ist das Neue, der Fortschritt, Altem gleich als immer neues Unheil. Das Neue erkennen bedeutet nicht ihm und der Bewegtheit sich einschmiegen sondern ihrer Starrheit widerstehen, den Marsch der welthistorischen Bataillone als Treten auf der Stelle erraten. Die Theorie weiß von keiner »konstruktiven Kraft« denn der, mit dem Widerschein des jüngsten Unheils die Konturen der ausgebrannten Vorgeschichte zu erleuchten, um in ihr seiner Korrespondenz gewahr zu werden. Das Neueste gerade, und es allein stets, ist der alte Schrecken, der Mythos, der eben in jenem blinden Fortgang der Zeit besteht, der sich in sich zurücknimmt, mit geduldiger, dumm allwissender Tücke, wie der Esel das Seil des Oknos verzehrt. Nur wer das Neueste als Gleiches erkennt, dient dem, was verschieden wäre.



Sonntag, 30. September 2012

International Blasphemy Day

30. September: Internationaler Blasphemie-Tag

Wikipedia

Names of Gods and Goddesses, list and links

Hate speech (entry Wikipedia)

Wir leben wieder in dunklen Zeiten. Eigentlich dürfte es in keiner freien Republik einen Blasphemieparagraphen geben. Es gibt ihn aber in vielen Staaten, die sich zu den "freien" zählen. Vom Menschenrecht der freien Religionswahl pervertierte das Wertverständnis zum Schutz der Religion, die jede Kritik ahndet bzw., je nach Formulierung und Rechtsauslegung, strafbar macht. Diese Umkehrung widerspiegelt sich auch im Straftatbestand der sogenannten "hate speech", die es Beleidigten leicht macht, Strafverfolgung einzufordern.

Mit dieser Praxis wäre keine Aufkärung möglich gewesen, keine Wissenschaft, keine Pluralität. Die Befürworter dieser Praxis sind Feinde der offenen, freien Republik, der grundlegenden Bürgerrechte, der freien Meinungsäußerung bzw. der Freiheit der Wissenschaft (Forschung, Lehre, Kritik).

Der Internationale Blasphemie-Tag ist ein Tag der Trauer und Besinnung, wie in dieser schweren Zeit des Terrors die Reste der Aufklärung bewahrt werden können, um sie einstens wiederzubeleben.


Freitag, 31. August 2012

Wie "tickt" China?



Mit Wang Hui (Intellektueller, Vordenker der Neuen Linken in China), Tienchi Martin-Liao (Autorin und Übersetzerin) und Prof. Dr. Heiner Roetz (Spezialist für Konfuzius, Sinologe)

Erstausstrahlung,30.8.2012, 3SAT

China hat sich in einer rasanten Entwicklung innerhalb von nur 30 Jahren von einer Agrargesellschaft zu einer modernen Industrienation entwickelt. An Chinas politischer und wirtschaftlicher Macht kommt im Westen niemand mehr vorbei. Mit einer Bevölkerung von rund 1,4 Milliarden Chinesen - ein Fünftel der Weltbevölkerung - erobert das Riesenland die Märkte und bestimmt deren Regeln entscheidend mit. Der Hunger der Volkswirtschaft nach Ressourcen scheint grenzenlos. Ebenso der Wille, die neu gewonnene Vormachtstellung zu sichern: So hat China zum Beispiel den weltweit drittgrößten Verteidigungsetat. Die bisherige, an den westlichen Ländern orientierte Weltordnung hat sich bereits verschoben. Vielen flößt das Angst ein. Scheinen doch die Chinesen in für Europäer fundamentalen Fragen wie der der Menschenrechte, grundsätzlich anders zu denken und zu entscheiden. Ist das tatsächlich so? Was verändert sich, wenn die chinesische Mentalität größeren globalen Einfluss gewinnt? Wie wird es die bisher noch stark westlich geprägten Wertvorstellungen von Recht, Vernunft, Individualität beeinflussen?
Gert Scobel diskutiert in "scobel - wie tickt' China?" mit Experten über die grundlegenden Wertvorstellungen der neuen Supermacht und darüber, wie sich eine Brücke zwischen "Kant und Konfuzius" schlagen ließe. Es kommen unter anderen Wang Hui, einer der bedeutendsten Intellektuellen und Vordenker der neuen Linken in China, die chinesische Autorin und Übersetzerin Tienchi Martin-Liao und Prof. Dr. Heiner Roetz, Spezialist fürKonfuzianismus.


Wie "tickt" China?
Erkenntnisse über eine neue Supermacht
Gert Scobel diskutiert mit Fachleuten über die grundlegenden Wertvorstellungen der neuen Supermacht China und darüber, wie sich eine Brücke zwischen Kant und Konfuzius schlagen lässt. Wie denkt, fühlt und "tickt" China? Zur dieser Frage wird sich unter anderen Wang Hui, einer der bedeutendsten Intellektuellen und Vordenker der Neuen Linken in China äußern.

5.000 Jahre Geschichte und Kultur: China ist wieder aufgestanden, sagen die Chinesen. Das Land ist heute wieder eine Weltmacht. Jeden Morgen, wenn die Nationalfahne zum Sonnenaufgang gehisst wird, strömen Tausende auf den Tian’anmen Platz. Der Tian’anmen Platz ist das politische Zentrum Pekings, das Zentrum der Macht des neuen Supergewichts auf der politischen Weltbühne.
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Konfuzius lebte um 500 vor Christus in einer Zeit, in der auch in Indien und im antiken Europa Denktraditionen entstanden, die ganz Asien und Europa bis heute prägen. Der Philosoph Karl Jaspers hat für diese Ära deshalb den Begriff "Achsenzeit" geprägt. Der Konfuzianismus war 2000 Jahre Staatslehre in China.
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Alle fünf Jahre trifft sich Chinas kommunistische Elite zum Konklave vor pompöser Kulisse in Peking. Alle zehn Jahre wird eine neue Führungsgeneration präsentiert. Während man in der großen Halle des Volkes den Eindruck bekommt, dass viele Delegierte das Gesagte nicht zum ersten Mal hören, sichert ein riesiges Aufgebot von Sicherheitskräften und Freiwilligen die kommunistische Elite vor dem Volk.
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Mit Empörung hat Peking auf den jährlichen Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums reagiert, demzufolge sich die Lage in China verschlechtert hat. Der Bericht sei voller Vorurteile und entspreche nicht den Tatsachen, sagte ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums dazu.



Unsere Gäste am 30. August 2012
Heiner Roetz, Sinologe und Konfuzius-Spezialist
Professor Heiner Roetz ist Spezialist für Konfuzius und zudem einer der Sinologen, die für eine kritische, von China unabhängig betriebene wissenschaftliche Arbeit stehen. Seine Forschungsschwerpunkte sind chinesische Ethik, klassischer Konfuzianismus, Tradition und Moderne in China und chinesische Religionsgeschichte. Er ist Leiter der Sektion Geschichte und Philosophie Chinas am Fachbereich Ostasienwissenschaften der Ruhr-Universität in Bochum.

Tienchi Martin-Liao, Autorin und Übersetzerin
Tienchi Martin-Liao ist chinesische Autorin und Übersetzerin. Von 1991 bis 2001 leitete sie das Richard-Wilhelm-Übersetzungszentrum an der Bochumer Ruhr-Uni, danach ging sie nach Washington DC, um für die Laogai Research Foundation tätig zu werden, eine Organisation, die zu Menschenrechtsfragen in China informiert. Seit 2009 leitet sie als Vorsitzende das unabhängige chinesische PEN-Zentrum in Taipeh. Tienchi Martin-Liao lebt in Köln.

Eine Erfolgsgeschichte
Chinesen blicken stolz und kritisch in die Zukunft
5.000 Jahre Geschichte und Kultur: China ist wieder aufgestanden, sagen die Chinesen. Das Land ist heute wieder eine Weltmacht. Jeden Morgen, wenn die Nationalfahne zum Sonnenaufgang gehisst wird, strömen Tausende auf den Tian’anmen Platz. Der Tian’anmen Platz ist das politische Zentrum Pekings, das Zentrum der Macht des neuen Supergewichts auf der politischen Weltbühne.
Die Chinesen sind stolz auf ihre Heimat, aber sie sehen auch Probleme und Defizite wie die zunehmende Überalterung, die Zerstörung und Verschmutzung der Umwelt oder auch die schlechten Lebensbedingungen auf dem Land. Für den Westen ist das moderne China häufig ein Rätsel. Für Professor Wang Hui ist es Gegenstand seiner Forschung. Ausgehend von der Geschichte des Landes und im internationalen Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Systemen sagt er: "China ist das Land, das die Armut in kürzester Zeit auf der größten Fläche am stärksten reduziert hat. Das ist ein großer Erfolg."

Wang Hui analysiert aber auch die Schattenseiten der einmaligen Erfolgsgeschichte. 30 Jahre wirtschaftsliberale Reformpolitik haben China auch große Probleme beschert. "Das größte Defizit ist die Diskrepanz zwischen Armen und Reichen, die Ungleichheit in der Gesellschaft, die zunehmende Trennung von Stadt und Land und der Rückbau der Infrastruktur in den ländlichen Gebieten", so Wang Hui.

Immer die Geschichte im Blick
Bei seinen Doktoranden schärft er den Blick für die historischen Dimensionen. Die Opiumkriege, die bürgerliche Revolution, die Gründung der Volksrepublik – ohne die Analyse der Geschichte lasse sich das moderne China nicht begreifen. Tsinghua ist die Eliteuniversität Chinas. Wer hier studiert, analysiert die Gegenwart kritisch und wird die Zukunft des Landes mitgestalten.

Die Elite von morgen führt wissenschaftliche Debatten und kontroverse Diskussionen um die Zukunft des Landes. Wang Hui sieht China am Scheideweg: "Wenn die gesellschaftlichen Widersprüche nicht zu lösen sind, wenn das Volk oder große Teile der Gesellschaft denken, dass die Reformpolitik nicht für das ganze Volk gemacht wird, sondern nur für eine Minderheit, dann führt das zu einer gesellschaftlichen Krise, zu einem Legitimationsproblem der Regierenden."

Reformen sollen kommen
Herrschaft muss sich legitimieren, auch in China. Die herrschende Partei hat über 80 Millionen Mitglieder. Im Herbst 2012 wird auf dem Parteitag eine neue Führung gewählt. Wang Hui sagt: "Es herrscht Einigkeit über die Notwendigkeit von Reformen. Als Hauptpunkte sollen bei den kommenden Reformen das Wohl und die Rechte jedes einzelnen Bürgers garantiert und gestärkt werden. Und das Recht des Bürgers bedeutet nicht nur das wirtschaftsliberale Recht auf Reichtum, sondern es geht um die Möglichkeiten des politischen Engagements, um Mitsprache und Mitgestaltung."

Außerdem stehen soziale Gerechtigkeit, die Förderung der ländlichen Gebiete, Umweltschutz und die Bekämpfung der Korruption auf der Agenda. Noch traut die übergroße Mehrheit der Chinesen der Regierung die Lösung der Probleme zu.

Praxisnahe Lebensethik
Konfuzianismus als gesellschaftliche Gebrauchsanweisung
Konfuzius lebte um 500 vor Christus in einer Zeit, in der auch in Indien und im antiken Europa Denktraditionen entstanden, die ganz Asien und Europa bis heute prägen. Der Philosoph Karl Jaspers hat für diese Ära deshalb den Begriff "Achsenzeit" geprägt. Der Konfuzianismus war 2000 Jahre Staatslehre in China.
Konfuzius kam 551 vor Christus in Qufu zur Welt. Der Philosoph Laotse war vermutlich sein Zeitgenosse. Konfuzius lebte in einer Zeit gewaltsamer Umbrüche. Das Reich der Mitte war noch nicht vereinigt. Der Philosoph und seine Schüler zogen lange Jahre als Wanderlehrer umher. Sie waren durch Hunger und Krieg bedroht. Konfuzius beriet Fürsten, veröffentlichte aber seine Lehren nicht. Seine Schüler fassten die Weisheiten nach seinem Tod im sogenannten "Lun Yu" zusammen. Sie schätzten ihren Meister als einzigartigen Pädagogen und Vordenker der Bildungstheorie und folgten ihm wie Jünger.

Menschenliebe als höchste Tugend
Doch beim Konfuzianismus handelt es sich nicht um eine Religion, sondern vielmehr eine praxisnahe Lebensethik. Deshalb wird er auch "Gebrauchsanweisung für die Gesellschaft" genannt. Die Herkunft seiner Schüler zählte für Konfuzius nicht. Den Wert eines Menschen machten für ihn nur Bildung und deren Umsetzung aus. Reflektiertes Lernen dient der Selbstvervollkommnung, die einen "Edlen" auszeichnet. Er übt sich in den fünf Tugenden Rechtschaffenheit, Gewissenhaftigkeit, Gegenseitigkeit, Aufrichtigkeit und der höchsten Tugend, der Menschenliebe.

Gesellschaftliche Ordnung und Harmonie können, so Konfuzius, nur auf der Basis der sogenannten "kindlichen Pietät" entstehen. Das Kind ist gehorsam gegenüber Eltern und Großeltern, die Frau gehorcht dem Mann - und das Volk dem Herrscher. Verhält sich jeder gemäß seiner Rolle, herrscht in der Familie Ordnung. Diese Harmonie geht dann auf das Dorf, die Provinzen, das Reich und schließlich auf den gesamten Kosmos über.

Traditionelle Werte voll im Trend
In der Schule lernen die Kinder die traditionellen Werte und Tugenden des Konfuzius, ihre Eltern zu ehren und dankbar zu sein. Auch im rasant wachsenden China ist dieses Bildungsangebot sehr gefragt. Nur mit den Tugenden lässt sich das Ideal der Harmonie erreichen. Die Renaissance des Konfuzianismus begann bereits vor über 30 Jahren. Das Ziel der Kommunisten ist die harmonische Gesellschaft, die seit fünf Jahren im Parteistatut festgeschrieben ist.

Durch die Tradition des Konfuzianismus ist das Ideal der gesellschaftlichen Harmonie viel stärker verankert als individuelle Rechte. Harmonie meint allerdings kein religiöses Heilsversprechen, sondern ein weltliches Ideal. Auch wenn die Harmonie im Zentrum seiner Lehre stand, Konfuzius’ wohl wichtigste Botschaft an die heutige Welt würde wohl lauten: Harmonie ist nicht alles und Kritik ist erwünscht - selbst gegenüber Herrschenden.

Politik von der Stange
Für Chinas Einheitspartei bleibt alles beim Alten
Alle fünf Jahre trifft sich Chinas kommunistische Elite zum Konklave vor pompöser Kulisse in Peking. Alle zehn Jahre wird eine neue Führungsgeneration präsentiert. Während man in der großen Halle des Volkes den Eindruck bekommt, dass viele Delegierte das Gesagte nicht zum ersten Mal hören, sichert ein riesiges Aufgebot von Sicherheitskräften und Freiwilligen die kommunistische Elite vor dem Volk.
Auf dem kommenden Parteitag in diesem Herbst, soll nun eine neue Führungsspitze vorgestellt und abgenickt werden. Dabei läuft alles auf die Kandidaten Xi Xingping und Li Keijiang hinaus. Der erste soll Partei- und Staatschef werden, der zweite sein Regierungschef. Doch wofür sie eigentlich stehen, weiß auch in China niemand so recht. Yang Jisheng ist stellvertretender Chefredakteur der kleinen kritischen Zeitschrift "Yanhuang Chunqiu", die nicht öffentlich verkauft, sondern nur direkt an Abonnenten verschickt wird. Er sagt: "Die chinesische Politik funktioniert anders, als die im Westen. Wenn man im Westen wählt, müssen zuerst die politischen Meinungen und alle programmatischen Informationen veröffentlicht werden".

Auch neue Kandidaten ändern nichts
"In China wird das alles hinter der Roten Maurer von einigen Wenigen ausgekungelt. Die Bürger erfahren nichts. Deswegen kann niemand wirklich sagen, um was für Menschen es sich bei den beiden Kandidaten handelt, was sie denken und wollen“, so Yang weiter. Immerhin hat sein Blatt eine Auflage von 160.000 Stück. Zuvor, bis zu seiner Pensionierung, arbeitete er bei der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua, die direkt dem Propagandaministerium unterstellt ist. Auch wenn man nicht viel über die nächste Führungsgeneration wüsste, dass sie viel ändern könnte, sei praktisch ausgeschlossen, meint Yang.

"Hu Jintao, der noch Parteivorsitzende und Präsident, hat in einer Rede schon den Ton bestimmt. Er hat gesagt, bei den politischen Reformen hätten wir keinen Nachholbedarf. Wir hätten gute politische Erfahrungen gemacht, die unser politisches System bestätigen würden. Es sei nicht nötig, die politischen Reformen zu beschleunigen und wenn man etwas Gutes geschaffen habe, bräuchte man es auch nicht zu reformieren", so Yang Jisheng. Dabei steht Chinas nächste Führungsgeneration vor gewaltigen Herausforderungen. Zwischen 100.000 und 200.000 Zwischenfälle mit Massenhintergrund gibt es mittlerweile. Das ist die euphemistische Umschreibung von teils gewaltsamen Protesten gegen Korruption und illegale Landnahmen.

Kein Vertrauen in die Politik
China ist ein Rechtsstaat, der nicht durch das Recht, sondern durch die Partei bestimmt wird. Dort können Kritiker - selbst mächtige lokale Parteichefs wie jüngst Bo Xilai aus Chongqing - plötzlich und ohne Anklage verschwinden. In China wird die Schere zwischen arm und reich immer größer, der Immobilienmarkt hat sich zu einer riesigen Blase entwickelt und die Wirtschaft wächst langsamer als die Nachfrage nach Arbeitsplätzen. Dem Schulterklopfen der Partei glaube hier kaum noch jemand, meint Herr Yang: "China ist in einer Vertrauens-, Glaubens- und Zuversichtskrise. Das Vertrauen in die Regierung ist schon lange in der Krise. Was die Regierung sagt, glauben viele Bürger nicht mehr. Wenn die Politik nicht transparenter wird, wird die Politik das Vertrauen nicht zurückgewinnen können."

Dass die zukünftigen mächtigen Männer Chinas aber die Transparenz der politischen Prozesse erhöhen werden, ist eher unwahrscheinlich. Ihre Aufgabe in der Einparteien-Diktatur sei eine andere, meint Herr Yang: "Die Aufgabe der neuen Generation ist es, dafür zu sorgen, dass die Partei ihre Macht nicht verliert. Das ist ihre heilige Pflicht". Und so wird der 18. Parteitag im Herbst wohl so spannend werden wie die vergangenen.

China und die Menschenrechte
Ärger in Peking über jährlichen US-Bericht
Mit Empörung hat Peking auf den jährlichen Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums reagiert, demzufolge sich die Lage in China verschlechtert hat. Der Bericht sei voller Vorurteile und entspreche nicht den Tatsachen, sagte ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums dazu.
China habe in den vergangenen 30 Jahren "bedeutende Fortschritte" bei den Menschenrechten erzielt. Der Sprecher warf den Vereinigten Staaten vor, mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen: "So ein Thema sollte nie dazu benutzt werden, andere anzugreifen oder sich in interne Angelegenheiten anderer Länder einzumischen."

In dem im Mai 2012 veröffentlichten Bericht hatten die USA eine Verschlechterung der Menschenrechtslage in China angeprangert. Peking habe seine Bemühungen verstärkt, politische Aktivisten zum Schweigen zu bringen, hieß es unter anderem darin. Der Bericht erschien wenige Tage nach der Ausreise des blinden chinesischen Bürgerrechtlers Chen Guangcheng in die USA, dem Ende April eine dramatische Flucht aus seinem mehrjährigen Hausarrest gelungen war.

Man verbittet sich Druck und Belehrungen
Außerdem will China mit der Europäischen Union weniger intensiv über Menschenrechte sprechen als bisher. Die asiatische Großmacht plädiert dafür, statt zwei Dialogtreffen jährlich nur noch eines abzuhalten, wie der unabhängige Brüsseler Informationsdienst "EUObserver" im Juni diesen Jahres berichtete. "China ist entschlossen, die Menschenrechte zu verbessern. Aber wir denken nicht, dass jemand als Lehrer auftreten sollte. Wir geben keinem Druck nach", sagte Wang Xining, der Presseattaché der chinesischen EU-Botschaft. Das bisher letzte Treffen fand Ende Mai diesen Jahres statt. Eine Gesprächsrunde im Jahr reiche aus, wird Wang zitiert. Schon 2010 und 2011 hatte China jeweils ein zweites Treffen abgesagt.

Eine Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton unterstrich dagegen, die EU wolle an den halbjährlichen Treffen festhalten. Auch werde sie weiter Einzelfälle thematisieren: "Wir behalten uns dieses Recht vor. Wir haben dies immer getan, und daran wird sich nichts ändern."

Konfuzianismus verstehen
Buchempfehlungen von Gert Scobel
Auf dem Feld der Diskussion, das sich zwischen den großen Themen der Religion und ihrer Jahrtausende alten Geschichte, den neuen religiösen Bewegungen, aber auch den Fragen und Antworten der Philosophie und Ethik aufspannt, gibt es seit einigen Jahren eine Reihe, die nicht nur Pionierarbeit leistet, sondern zum besten gehört, was je auf diesem Gebiet zumindest in Deutschland publiziert wurde. Ich meine den Verlag der Weltreligionen , eine Zusammenarbeit des Suhrkamp Verlages, der Udo Keller Stiftung Forum Humanum und einer Reihe internationaler Spitzenwissenschaftler.

Das ehrgeizige Ziel des Verlages der Weltreligionen ist es, "die Tradition der religionsgeschichtlichen Publikationen in den Verlagen Suhrkamp und Insel, im Jüdischen Verlag und im Deutschen Klassiker Verlag fortzusetzen", um der Öffentlichkeit die großen religiösen Texte und Schriften des "Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus und Daoismus, des Judentums, Christentums und des Islam" zugänglich zu machen.

Tatsächlich macht der Verlag der Weltreligionen ernst mit der Absicht, viele religionsgeschichtliche Quellenwerke und Darstellungen der Religionen in hervorragender deutscher Übersetzung (oftmals zum ersten mal) zugänglich zu machen. In der Tat sind viele selbst er wichtigen Texte nur schwer oder gar nicht auf Deutsch erhältlich. Und wenn, so fehlen oft die solide philologische, wirkungsgeschichtliche und inhaltliche Einordnung - gerade bei Texten, die Nicht-Fachleuten nicht geläufig sind. Insofern kann man das Projekt und die bislang publizierte, erstaunlich vielseitige Produktion des Verlags der Weltreligionen nicht oft und lautstark genug loben.

Auch in Bezug auf China gibt es einige Perlen, auf die ich in kurzen Besprechungen aufmerksam machen will, wobei ich mich aus verschiedenen Gründen nicht mit den (Chan- oder Zen-) buddhistischen Texten des alten China befasse - etwa mit dem von Christian Wittern herausgegeben Band "Mazu Daoyi und Dazhu Huihai - Grundlegende Reden und Aufzeichnungen der Hongzhou-Schule des Chan-Buddhismus". Da es in meiner Sendung um China geht, will ich Ihnen kurz vier Bände vorstellen, die sich mit dem Konfuzianismus befassen:

Scobels Kolumne:
Die Widersprüchlichkeiten Chinas
Vom Streben nach Harmonie und der Akzeptanz von Folter und Gewalt

Harmonie bedeutet, dass jede Gesellschaft ihren eigenen Werten folgt und man sich - wie der Sinologe Heiner Roetz zugespitzt schrieb - "nicht wechselseitig in normativen Fragen belästigt, sondern in einem friedlichen Nebeneinander um Kooperation bemüht". Nach dieser Definition ist auch die Diskussion mit China über Fragen der Menschenrechte eine Einmischung.
Leider wird in dieser Harmonie-Debatte, die seit vielen Jahren die innere und äußere Politik Chinas bestimmt, der Gelehrte Konfuzius zitiert, der in seinen Gesprächen (Lunyu) in Kapitel XIII, Vers. 23 bemerkte, dass der (konfuzianische) Edle und Weise den Einklang, aber nicht den Gleichklang suche. Der Edle ist friedfertig, macht sich aber nicht gemein, während der Unedle sich gemein macht und dabei nicht einmal friedfertig ist.

Das chinesische Einparteiensystem, der Staat, nimmt allerdings für sich immer wieder eine andere Haltung in Anspruch. Denn der Staat setzt keineswegs auf Pluralität und Relativismus in Sachen Normen, sondern darauf, sich in alle Einzelheiten einmischen und auf Abweichungen notfalls mit Gewalt, Folter und Hinrichtung zu reagieren. Aber nicht nur notfalls. Hat das Einparteiensystem, das im Oktober einen erneuten Machtwechsel erleben wird, angesichts des 18. Parteikongresses, tatsächlich "Not"? Manches deutet darauf hin, dass es innerhalb der (nach außen gut geschützten) Partei heftige Machtkämpfe, Verwerfungen und Risse gibt.

Jedes Jahrhundert hat seinen eigenen Konfuzius
Doch wo auch immer man Fragen wie diese diskutiert, taucht wie aus dem Nichts ein Name auf: Konfuzius. Der Konfuzianismus, der sich seit fast 2500 Jahren hält (obwohl, wie manche Kenner bemerken, jedes Jahrhundert seinen eigenen Konfuzius hat), scheint eine gute Folie zu sein, um die Veränderungen Chinas über die Jahrhunderte hinweg besser zu verstehen. Gerade auch das moderne China beruft sich immer wieder auf den ersten Bildungstheoretiker und frei tätigen Lehrer Chinas. Zu seiner Zeit war Konfuzius weitaus weniger anerkannt als der steigende Ruhm nach seinem Tod ahnen lässt.

Die Frage ist also, was der historische Meister Kong lehrte und dachte. Bilden diese Gedanken, die vor allem in den sogenannten Gesprächen (Lunyu) festgehalten sind, Anhaltspunkte, um die Widersprüche auch des modernen China zu verstehen? Und wie verhalten sich Konfuzius’ Ansichten - etwa seine goldene Regel - zu den westlichen Versuchen der Begründung von Ethik und Moral? Diese und ähnliche damit verbundene Fragen stehen im Zentrum der Sendung, die das Ziel hat, über China zu informieren und die Widersprüchlichkeit dieses großen, mächtigen Landes besser zu verstehen.


Samstag, 10. März 2012

Boycott-Tradition - Weitere Anmerkung zur Trotzki-Affäre

Sollen Zensur und Verbote durch "Qualitätskriterien" begründet und legitimiert werden? Also, wenn ein fragwürdiger, schlampiger Autor Fragwürdiges publiziert, bstünden keine Bedenken, sein Werk zu verbieten oder ihn als Autorenperson zu ächten, z. B. indem man Auftritte von ihm verhindert, Aufführungen von Stücken von ihm verunmöglicht usw.?
Umgekehrt, wenn ein Autor für gewisse Kreise als hochwertig gilt, soll das verbindlich für alle gelten, auch seine Gegner?

Wir kennen solche Probleme mit den Werken und Personen wie Rolf Hochhuth oder, etwas früher, Bertolt Brecht. Gerade in Österreich taten sich aufrechte, damals politisch Korrekte hervor, die stramm antikommunistisch den Wiener Brecht-Boykott durchsetzen. Begonnen hat es noch während der Besatzungszeit, gedauert hat der Boykott bis Anfang der Sechzigerjahre. Hauptbetreiber waren die Autoren Friedrich Torberg, Hans Weigel und der Burgtheaterdirektor Ernst Haeussermann.
Jene, die Brecht unterstützt hatten (Gottfried von Einem verwandte sich für ihn für eine österreichische Staatsbürgerschaft, was, als es 1951 öffentlich bekannt wurde, zu einem Eklat und lautstarken Protesten gegen den Kommunisten und DDR-Sympathisanten Brecht führte und auch Einem sehr schadete!).

Als trotz fast flächendeckender Boycottbeachtung in Graz Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder" aufgeführt worden war, gab Günther Nenning im FORUM, dessen Herausgeber Torberg war, 13 Brechtkritikern (welche Ironie, dass damals nicht 14 mitwirkten!) Raum zur Auseinandersetzung. Weigels Forderung gipfelte in der Zumutung, dass die Theater selbst, aus sich heraus, aus ihre Einsicht in die gute Sache, Brecht-Stücke nicht spielen sollten: "... mit Gefühl für politische Sauberkeit sich die Berührung mit den Werken Bertolt Brechts selbst verbieten". Weitere Ironie, am Rande: Weigel verwendete ein Stereotyp, das in der Vorurteils- bzw. Antisemitisforschung prominent geworden ist, das der Berührungsangst bzw. des Berührungsverbots. Er, wie Torberg Jude, verwendet just dieses Stereotyp als Begründung. Es war (damals) anerkannt im politisch korrekten Lager, das eben antikommunistisch war.

Der Vergleich mit dem Appell an Suhrkamp drängt sich auf: Damals blieb es nicht nur bei einer Negation seitens des Burgtheaters, sondern die Verhinderung ergriff die gesamte Kulturszene. Würden die Historiker von heute mit ihrem Ansinnen erfolgreich sein, stünde zu befürchten, dass Services Werk, ganz unabhängig seiner Qualität, nicht nur nicht im Suhrkamp Verlag publiziert würde, sondern überhaupt nicht. Und dass die Kultur des Zensurierens und Verbietens gestärkt würde. Ein untauglicher Weg!

Die Parallelen zu den antikommunistischen Hetzkampagnen von damals gegen Linke zu den Hetzkampagnen gegen Rechte heute sind unübersehbar.

Die Gefahr ähnlicher Hatzen und Jagden durch Rechte ist manifest. Gewännen sie mehr Macht, würden sie sicher noch brutaler Gegner verfolgen. Aber das Gegenmittel darf doch nicht dieselbe Vorgangsweise sein! Es bedarf einer offenen Politik, die solches Vorgehen von KEINER Seite gestattet und ALLEN die freie Meinungsäußerung ermöglicht. Freiheit ist unteilbar. Auch für Gegner.


Freitag, 9. März 2012

Verhinderungsmaßnahmen

Zur Trotzki-Debatte


Die Kritik am Aufruf von 14 Autoren an den Suhrkamp Verlag, die Trotzki-Biografie von Robert Service nicht zu publizieren, hängt nicht von der zustimmenden oder ablehnenden Lektüre seines und seiner Kritiker Werke ab, sondern ist eine prinzipielle an einer Haltung, die jener, die sonst von solchen Leuten kritisiert wird, gleicht: Gesinnungskultur und entsprechender Druck daraus.

Die Sache ist auch mit dem Verweis auf die faktischen Mängel oder die „Unwissenschaftlichkeit“ nicht bündig erklärt. Denn sachliche Mängel lassen sich anführen und kritisieren – und beheben. Zudem bedarf es für eine Biographie keines wissenschaftlichen Ausweises. Würde das gelten, müssten die Bibliotheken um Tausende von biografischen Arbeiten gereinigt werden.

Es bleibt allein das Argument, dass der Suhrkamp Verlag dieses Buch nicht in sein Programm nehmen soll oder muss. Stimmt. Aber das öffentliche Auftreten hat Signalwirkung, bsonders in einer Zeit der Hatzen und Kampagnen. Eine bestimmte Kampagne gutzuheißen, weil sie von „Progressiven“ stammt, wäre kurzsichtig, weil eben gesinnungsmäßig. Wer aber prinzipiell gegen Jagden und Verbote ist, kann solch eine öffentliche Aufforderung nicht einfach als „sachlich“ abtun. Wäre das intern im Verkehr mit Suhrkamp geschehen, würde es keine solche Debatte geben.

Aber den Kritikern geht es nicht nur um Fakten. Es geht um Deutungen, die sie ablehnen. Der Hinweis auf „schlechte Gesellschaft“, Beifall von der „falschen Seite“ und dergleichen belegt, dass es um rechtes Gedankengut geht, das verhindert oder zumindest behindert werden soll.

Wiederum: wenn man für die Freiheit der Meinungsäußerung eintritt, heißt das nicht, dass man die Positionen damit teilt. So, wie Chomsky damals für den faschistischen Historiker Robert Faurisson eintrat hinsichtlich der Freiheit seiner Lehre und Publikationen, so wenig darf und kann man dem Linken Chomsky unterstellen, er teile die fragwürdigen Ansichten Faurissons. Chomsky machte auch den Vergleich zu Voltaire. Den machen die wackeren Historiker in dieser Affäre nicht.

Die Feststellung eines antisemitischen Subtextes ist selbst verfänglich, gefährlich und vage. Solche Konstruktionen dienten einerseits, unter anderen Vorzeichen, früher in Diktaturen wie denen der Nazis und Realkommunisten zur Jagd auf missliebige Autoren, werden andererseits gegenwärtig in diktatorischen Ländern immer noch geübt (nicht nur Iran oder China).

Wir wissen aus den vielen unfruchtbaren Debatten in der Literaturkritik, wie fadenscheinig oft solche Befunde sind; sie ähneln den vulgärpsychologischen Ferndiagnosen. Es wird oft, bedingt durch den eigenen Rezeptionsrahmen und die ideologische Position, mehr hineingelesen oder herausgelesen, als dort steht, eben weil die Konstruktion des Subtextes Freiheiten offeriert, die der eigentliche Text nicht aufweist.

Wenn ein Werk von politischer Seite, die einem unangenehm ist, Beifall erhält, entwertet das nicht das Werk. Würde diese krumme Logik stimmen, müssten Agenten nur Kräfte aus dem jeweiligen konträren Lager animieren oder beauftragen, sich positiv oder negativ zu äußern, damit in der Öffentlichkeit die gewünschte Auf- oder Abwertung erfolgt. Dieses konterdependente Verhalten stellt aber keine Freiheit dar, sondern ein Befolgen vorgegebener Deutungsraster. Diese Praxis verringert den Raum der Kritik, verengt die Blicke, determiniert Urteile.

Auch wenn das Buch von Service ein Machwerk wäre, verdient es nicht so einen Feldzug. Würde die Sache intern geregelt worden sein, bestünden für andere Verlage bei Interesse genügend Gelegenheiten, es doch zu publizieren. Ein ganz normaler Vorgang. Diese Normalität wurde aber durch die öffentliche Kampagne zunichte gemacht. Wenn jetzt ein Verlag, sei es Suhrkamp oder ein anderer, es trotzdem publiziert, wird immer dieser Schatten, in ganz anderer Qualität als ohne diese Kampagne, über der Veröffentlichung liegen. Das heißt, es wird eine unwissenschaftlichen Polarisierung angeheizt, die weit über den Anlass hinausreicht.

Als Peter Huchel in SINN & FORM 1962 den Sartre-Aufsatz über Kafka publizierte, bekam er Probleme und wurde entlassen. Der Text entsprach nicht den gültigen Vorstellungen der Literaturwissenschaftler und Ideologen. Heute sieht man das anders. Werden andere morgen das Verhalten der Historiker auch anders sehen?

Als 1998 bzw. 2004 Emma Gersteins Buch „Moscow Memoirs“ erschien, erklang, neben einigem Lob, sofort ein Aufschrei. Er ähnelte den Verdikten gegen Service. Doch Gerstein hatte mit ihrer Arbeit eine wichtige Korrektur des gezimmerten Bildes von Nadeschda Mandelstam geliefert, das natürlich alle jene störte und vor den Kopf stieß, denen Mandelstam und seine Witwe „heilig“ geworden waren und die meinten, durch die Aussagen von Gerstein werde das Erbe und das Bild der beiden beschmutzt. Wurde es aber nicht, sondern nur zurechtgerückt.

Der Hinweis, man solle „nicht nur rechte Ideologen in der NZZ oder FAZ“ lesen, klingt links und progressiv, ist aber eine nichtssagende Stereotype. Soweit es um Fakten geht, finden sie sich auch in diesen Quellen. Umgekehrt kenne ich viele „linke“ Quellen, deren Faktenlage prekär ist. Dennoch würde ich nie eine solche Verallgemeinerung gebrauchen. – Übrigens ist es die Presse, auch in den USA, UK oder Deutschland und Schweiz, die der Öffentlichkeit Gehalte näherbringt, die sonst, weil nur in Fachjournalen oder –werken publiziert, nicht bekannt würden. Damit wird überhaupt erst eine gesellschaftliche Auseinandersetzung ermöglicht. Immerhin nutzen das auch linke Autoren, oder sind Kluge, Chomsky, Enzensberger oder Habermas Rechte, weil sie in der ZEIT oder FAZ publizieren?

Es wird auch argumentiert, Service erfreue sich deshalb großer Beliebtheit, weil er den Rechten das „historische Unterfutter gegen eine Linksentwicklung in der Gesellschaft“ liefere. Das ist doch an den Haaren herbeigezogen. Erstens erleben wir alles andere als eine Linksentwicklung. Zweitens, wenn es stimmte, könnte dem anders als mit Publikationsverboten entgegnet werden. Aus den Dokumentationen der DDR-Literaturproduktion und –rezeption lässt sich belegen, wie üblich damals diese reinigenden Staatsmaßnahmen waren bzw. wie hurtig man präventiv vorging, um das geistige Klima zu schützen.

Die Historiker, die diese Kampagne unterzeichnet haben, befinden sich also in unguter Gesellschaft, wiewohl sie sich als Vordermänner der Korrektheit sehen. Ihre Haltung entspricht den Experten, die das Publikum für zu dumm halten, sich selbst eine Meinung zu bilden, und es durch „Machwerke“ gefährdet sehen. Sie verhalten sich wie Priester, die die Schafe ihrer Gemeinde beschützen wollen. Das kann aber nur für Schafe und Hirten gelten, nicht aber für andere.

Ich kann sehr gut verstehen, dass jemand die Biografie von Service zerreist und in Grund und Boden kritisiert. Nichts Ungewöhnliches. Wogegen ich mich wende, sind die Haltungen, die einem Gesinnungsterror nahekommen, wenn also Meinungen, Sichten nicht nur kritisiert werden, sondern nach ihrer Verhinderung oder Verfolgung gerufen wird. In einer offenen Gesellschaft müssen ALLE Vertreter, ob links oder rechts oder unpolitisch, religiös, reaktionär oder konservativ oder esoterisch oder sonst was ohne Verbotsandrohung zu Wort kommen dürfen. Sonst haben wir Zustände wie in der damaligen DDR oder anderen Diktaturen. Und das wollen doch unsere tapferen Historiker sicher nicht.

Noch ein Wort zum Antisemitismusvorwurf: Es ist leider modisch geworden, allzurasch mit diesem Urteil etwas so zu kritisieren, dass es aus dem öffentlichen Diskurs (fast) eliminiert wird. Ich sah eine ähnliche Vorgehensweise in den Debatten um die Geldtheorie, wo sogar Kritik am Kapitalismus und Zinssystem als antisemitisch denunziert wurde (z. B. Hermann Lührs vs. Bernd Senf). Ähnliche Vorgangsweisen waren in Debatten um Heinrich Heine oder Paul Celan festzustellen. Immer öfter scheint Antisemitismus alle anderen Argumente zu ersetzen. Nun, dort wo Antisemitismus festzustellen ist, soll er, wie jede Vorurteilshaltung, kritisiert werden. Aber die stereotype, inflationäre Nutzung dieser Kategorie, vor allem in Konstruktionen eines Subtextes, entwertet die Vorurteilskritik und öffnet einer Hexenjagd Tür und Tor. Hier sind, wie in der Tagespolitik, Keulenschwinger am Werk, die keine Debatte wollen, sondern öffentliche Brandmarkung aufgrund von Etiketten, die sie freigiebig verteilen.

Charles Cohen

Samstag, 25. Februar 2012

Die Trotzki-Affäre der Historiker


Streit um Trotzki
Suhrkamp hält an der Publikation der Übersetzung von Robert Service' Biografie des Revolutionärs fest
Ulrich M. Schmid, Neue Zürcher Zeitung, 21. Februar 2012

Vor zwei Jahren ist eine Trotzki-Biografie des Oxforder Historikers Robert Service erschienen, die nicht nur Zustimmung erntet. Gegen eine bei Suhrkamp angekündigte deutsche Übersetzung hat sich Protest formiert. Der Verlag hält an der Veröffentlichung fest – zu Recht.

Ein hochinteressanter Beitrag, sogar mit Hinweis und Link auf die World Socialist Web Site, wo die Kontroverse nachgelesen werden kann.

Während die WSWS Pro- und Contra-Stimmen veröffentlicht, haben sich schon 2011 in Deutschland 14 bekannte Historiker und Soziologen gegen die geplante Publikation im Suhrkamp Verlag gewandt (darunter Helmut Dahmer, Hermann Weber, Bernhard Bayerlein, Heiko Haumann, Mario Kessler, Oskar Negt, Oliver Rathkolb und Peter Steinbach); sie plädieren für die Verhinderung der Veröffentlichung, also für eine Vorauszensur der detuschen Übersetzung. DAS ist ihr Beitrag für eine offene Gesellschaft nach nebulosen Kriterien politischer Korrektheit.

Als Argumente dienen ihnen fachliche Mängel (in der Tat einige kleine Fehler, die bei einer Übersetzung leicht zu beheben sind, die jedoch dem Buch und seiner Aussage keinen Abbruch tun) sowie, wieder einmal, das Keulenargument des "unterschwelligen Antisemitismus".

Ein Skandal, dass und wie Wissenschaftler, die sonst nicht müde werden für offene Auseinandersetzung zu plädieren, hier für Zensur und Publikationsverbot eintreten!
Wenn diese Form politischer Korrektheit mit dem fragnotwendigen Bemühen pädagogischer Führungsarbeit für bzw. über die "dummen Leser" sich weiter so entwickelt, müssen neue Zensurinstanzen, wie sie früher die Kirche bildeten oder, im Osten, die Zensurstellen der Diktaturen, errichtet werden – alles im Namen von Recht und Freiheit und Würde – und politischer Korrektheit.

Weshalb herrscht so eine Angst vor kontroversiellen Argumenten oder Formulierungen, die vielleicht nicht ganz dem eigenen Stil und Wortschatz entsprechen. Weshalb die Angst vor "abweichenden" Ansichten?

Die präventive Reinigung der politisch Korrekten verhindert Auseinandersetzung. Zugunsten eines kontrollierten "guten Friedens" nach politisch korrekter Facon?

Diesen Aposten gehört aufs Brett vor dem Kopf geklopft, damit sie sich besinnen und sie ihre hochpriesterliche Stellvertreterposition überdenken, und vor allem ihren Ruf nach Zensur!


 






















Nachträge & weitere Hinweise:




Verhinderungsmaßnahmen
Zur Trotzki-Debatte,
Charles Cohen, 9.3.2012

Boycott-Tradition - Weitere Anmerkung zur Trotzki-Affäre
Schwedinger, 10.3.2012

Nochmals zur Trotzki-Affäre & Robert Service
Schwedinger, 19.7.2012


Leo Trotzkis 72. Todestag
Leopold, 21.8.2012


„No more heroes“
Über Robert Service’ Trotzki-Biografie
Jürgen Weber,  literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2013