Mittwoch, 14. November 2018

Israel’s Mockery of Security: 

101 Actions Israel Could Take

In debating an Israeli friend from Jerusalem, I challenged him that Israel consciously plans and uses its military might to damage the Palestinian’s national project to build a state and free itself from Israeli control. Avner, my Israeli friend, argued otherwise, buying into the Israeli state narrative that Israel is “forced” to take measures which negatively affect Palestinians because Israeli security requires it. My knee-jerk reaction as someone living and working under Israeli military occupation for over two decades, was that this was hogwash and, short of ending its illegal (note: legal occupations are temporary by definition) occupation of Palestinians, I claimed that Israel—the occupying power—could immediately take 101 measures to reduce tensions on the ground, without jeopardizing any true and rational security needs. He shrugged and said, “tell me”?
...
So, here it is. A quick compilation, with the generous assistance of several friends here in Palestine, and with a few items selected from the umpteen reports being published about the rapidly deteriorating state of affairs. This list is not intended to be comprehensive by any means, but rather a look beyond the daily headlines to give readers, especially those who have bought into the Israeli propaganda—hook, line and sinker—that this military occupation is all about “security”.
 

Dienstag, 13. November 2018

Die Jungen, die singen wie die Alten, falsch und verstimmt

Aber wie wollen Sie Ihr intellektuelles Vorgartenbeet überhaupt für andere öffnen?
"Hilfreich wäre es zum Beispiel, einen intellektuellen Pakt mit jungen, selbstbewussten, liberalen Muslimen zu schliessen. Ob man es nun will oder nicht, aber sie bestimmen immer mehr unsere Gesellschaft. Man darf nicht vor lauter Angst, dass es Probleme geben könnte, das Gespräch verweigern. Wenn man den muslimischen Hintergrund ernst nimmt, findet man ein reges Interesse an Transzendenz, Anbindung an die Vergangenheit und der Vorstellung, dass das Gegenwärtige nicht alles ist. Über Fragen des kulturellen Gedächtnisses kann ich vielleicht mit einem Muslim besser sprechen als mit einem rechten Identitären oder einem linken Aktivisten, der allein auf Identitätspolitik setzt."
Der junge Konservative Simon Strauss im Interview:

«Man muss das Konservative von den älteren Herren mit Mundgeruch wegbekommen»

Der junge Buchautor und Journalist Simon Strauss wehrt sich leidenschaftlich gegen die kalte Ironie der Gegenwart. Stattdessen plädiert er für einen flamboyanten Konservativismus und würde den intellektuellen Pakt mit jungen Muslimen begrüssen.
 

 
Was soll man sagen, wenn die Jungen reden und schreiben wie die frühen Alten? Die doppelbödige Standpunktlosigkeit, die falsche Toleranz und neu-altes Nationalitätsdenken, die Sehnsucht nach dem Gespräch mit JEDEM, erinnert an die Versuche der Reaktionäre und Konservativen, auch mit den Nazis oder, auf der anderen Seite, den Stalinisten ins Gespräch zu kommen, es ja nicht zu verweigern. Der konservative Realist setzt auf Realien, auf Fakten, auf die Masse derer, die bestimmen. Kollaborationsdenken.

Man tausche nur zwei Worte aus und überlege, wie sich die Botschaft wandelt:
Hilfreich wäre es zum Beispiel, einen intellektuellen Pakt mit jungen, selbstbewussten, liberalen Faschisten zu schliessen. Ob man es nun will oder nicht, aber sie bestimmen immer mehr unsere Gesellschaft. Man darf nicht vor lauter Angst, dass es Probleme geben könnte, das Gespräch verweigern. Wenn man den faschistischen Hintergrund ernst nimmt, findet man ein reges Interesse an Transzendenz, Anbindung an die Vergangenheit und der Vorstellung, dass das Gegenwärtige nicht alles ist. Über Fragen des kulturellen Gedächtnisses kann ich vielleicht mit einem Muslim besser sprechen als mit einem rechten Identitären oder einem linken Aktivisten, der allein auf Identitätspolitik setzt.
Ja, man realisiert, dass es  "ein reges Interesse an Transzendenz, Anbindung an die Vergangenheit und der Vorstellung, dass das Gegenwärtige nicht alles ist." Genau: Zurück in die Vergangenheit, aber diesmal ohne Mundgeruch alter Herren, aber mit dem Fluidum einer chicken Alice Weidel. Lernt man erst, dass "das Gegenwärtige nicht alles ist", wird man offensichtlich besonders empfänglich fürs Zukünftige, das sich am Vergangenen orientiert. Es geht um Gesprächsverbesserung, basierend auf dem intensivierten kulturellen Gedächtnis. Na, das ist doch etwas Neues – oder doch nicht? Nein, es ist ein Wiederaufwärmen des Anpassens und Kollaborierens.



Das Phänomen Österreichische Literatur

Österreichische Literatur:  

Wahrhaft, ein Phänomen

Warum es eine eigenständige österreichische Literatur gibt und warum das nie zweifelhaft war 
 

150. Todestag von Gioachino Rossini

Gioachino Antonio Rossini (auch Gioacchino) (* 29. Februar 1792 in Pesaro, Kirchenstaat, heute Marken; † 13. November 1868 in Passy, Paris) war ein italienischer Komponist. Er gilt als einer der bedeutendsten Opernkomponisten des Belcanto; seine Opern Il barbiere di Siviglia („Der Barbier von Sevilla“), L'italiana in Algeri („Die Italienerin in Algier“) und La Cenerentola („Aschenputtel“) gehören weltweit zum Standardrepertoire der Opernhäuser.

Wikipedia
Abbildung aus Wikipedia




Montag, 12. November 2018

12. November, Karl Kraus und die nationale Ehre

Die nationale Ehre

ist das Feld, auf dem die deutschösterreichische Sozialdemokratie zu leben entschlossen ist, denn seitdem sie ihre verdienstvolle Arbeit zur Überwindung des Krieges beendet hat, scheint sie das geistige Inventar, mit dem einst die Lüge der Notwehr verteidigt wurde, an sich gebracht zu haben. Den ranzigen Begriff eines Patriotismus also, dessen bloße Vorstellung – mit all seiner Nichtvorstellung des Kontrastes zwischen Fahnen und Flammenwerfern schon den Hochverrat zugunsten der Menschheit diktiert, ja jedes Landes, dessen Menschenart in anderer Gefühlszone geboren ist –; dieses Relikt aus der Sündflut, das nur der Belebung durch Phantasiearmut harrt, um sich mit dem technischen Fortschritt zum Ruin sämtlicher Vaterländer zu verbünden. Daß es den Höhlenbewohnern, denen die kriegerische Niederlage nicht mit jenen Sinnbildern vor Augen geführt wurde, die sie für den Sinn des Kriegs gehalten haben und halten – daß es dieser nicht sinnfällig besiegten und darum wieder ermutigten Sorte geistig zugehört, ist seit 1918 ein natürliches Erlebnis, und erschütternd nur das Schauspiel des Gegenwahns: wie das freieste Volk der Erde vor einem im Stahlhelm starrenden Gespenst in den doch verabscheuten Militarismus flüchtet. Aber kein größeres Greuel vor dem Herrn, den sie leugnen und den die andern wenigstens als Segnet der Waffen anerkennen, könnte es geben als Sozialisten, die am Spiel mit Fahnen und Flaggen Freude haben, zum Rot noch Schwarz und Gold brauchen, sich, weit über alle wirtschaftliche Berechnung hinaus, gefühlsmäßig an der nationalen Zusammengehörigkeit erlaben und am liebsten die trennenden Sudeten wegräumen möchten, die das nationale Bürgertum doch ganz legitim vor der Stirn hat und ohne die es geistig unbeschäftigt wäre. Grippe und Nationalismus: das ist nebst dem Bankrott der Bodensatz verwichener Giftschwaden; derzeit grassiert die nationale Ehre. Es ist diesem armseligen Wrack von einem Staat, das nun einmal die Nation beherbergt, die sich die Hauptkriegsverbrecher als Führer gefallen ließ, keineswegs zu verdenken, daß es, über die angestammte Sehnsucht nach den Fremden hinaus, das »Vertrauen des Auslands« wenigstens in dem Maße zu erringen trachtet, als es sich dieses durch politische Handlungen oder Duldungen gleichsam verscherzt. Aber In solchem Milieu, wo Selbstbestimmung nur die Wahl zwischen Korruption und Gewalttätigkeit bedeutet und wo jede Partei den Schmutz vor eigenen Tür kehrt, den die andere abgelagert hat, wird lauter als irgendwo in der Welt die »nationale Ehre« reklamiert, sooft an einer der Interessentengruppen die Reihe ist, die andere des Hochverrats zu beschuldigen, und der vollste Brustton, der sich dann dem nationalen Pathos entringt, ist der Protest gegen die Zumutung, eine »Kolonie« zu werden. Nun muß einmal ganz kalt und klar gesagt werden, daß der Sinn des Menschenlebens eigentlich in ganz anderen Entscheidungen beruht als in der, von welcher Konsumgenossenschaft man sein Futter zugewiesen bekommt, welche Schließgesellschaft für die Sicherheit und welches Unternehmen für die Reinhaltung der Straßen zu sorgen hat. Pathos ist da weit weniger am Platz als bei Shakespeare. Uns interessieren diese Probleme nicht mehr, geistig gehn sie uns einfach nichts an. Trifft's England, soll's England machen, trifft's Frankreich, so Frankreich, und ich ließe mich zur Not auch von den Persern verwalten. Kein Zweifel, daß in rein organisatorischen Belangen Deutschland den Vorzug hätte, aber da wäre vielleicht die Gefahr jener Verbindung des Nutzlebens mit dem Geistigen vorhanden, die den Krebs der zentraleuropäischen Kultur bildet. Menschendank verdient jeder, der dient; doch die Heiligung der Gesamtdienerschaft als Autorität, die Vorstellung einer Staatsbürgerlichkeit, die den Beamten als Vorgesetzten des Menschen annimmt, gehört jenem Bereich fossilen Denkens zu, dem die kriegerische Romantik entspringt wie jener Mangel an Phantasie, der die Antithese der Technik nicht gewahr wird. Vaterland ist die Summe von Landschaft und Menschentum, von der wir durch Geburt oder Gewöhnung umgeben sind; Staat ist Einmischung in dieses Verhältnis und sein Anspruch auf Beteiligung am Sentiment werde mit jener Kälte abgewiesen, die das Stigma unpatriotischer Gesinnung als geistige Ehre annimmt. Wenn wilde Völkerschaften eine nichtbodenständige Verwaltung ertragen müssen, so ist auch der Gedanke nicht abzuweisen, daß Völkerschaften, die wild geworden sind, die in dem Unvermögen, sich selbst zu verwalten, gegen den Zimmerschmuck ihrer Kultur wüten, einer Vormundschaft teilhaft werden. Die Befürwortung dieses Gedankens entspräche nicht nur jenem bestverstandenen Patriotismus, der dem mitgefühlten Jammer einer ursprünglich gutmütigen Landsmannschaft kein Ende durch die Führung unfähiger oder habgieriger Politiker absieht, sondern auch jenem wahren Nationalismus, der das heilige Erbgut einer von ihren Sprechern besudelten Sprache nur in der Befreiung aus dem Verkehrsgebrauch geborgen sähe und ihre Ehrenrettung dem Volapük vorbehält. Mit einem nur von solchem Interesse, aber von keinem Phrasenschwindel zu bewegenden Herzen, das sich durch kein Volkstum einer Amtlichkeit angemutet oder abgestoßen fühlt, der ich die Steuer zu entrichten habe, spreche ich diese Meinung aus, für deren Recht ich Verständnis und Duldung von einer Partei der Freiheit erwarte, nicht minder als für das Recht, eben sie über alle Maßen unerträglich zu finden, wenn sie sich nationalistisch gebärdet und den großdeutschen Interessen nun geradezu als Hinternationale Gefolgschaft leistet. Es ist noch ein Glück, daß was immer hier verlustbringend wirkt nicht die Macht hat, den Humor abhanden kommen zu lassen, der wie jedem Mißverhältnis zwischen Wollen und Gelingen auch diesem innewohnt, und daß der tägliche Wirrwarr der Gedanken und Taten unserer Politik sich ins Groteske auflöst. Die Christlichsozialen lassen sich von Bekessy aus Budapest die Wahrheit zutragen, daß Deutschland durch die Oktroyierung Schobers Einfluß auf unser Inneres genommen hat, und die Sozialdemokraten – die gegen Bekessys Lügen weniger einzuwenden hatten – erzeugen in Versammlungsreden »Bewegung« durch den Hinweis auf den Versuch, »uns in eine Lage zu bringen, ähnlich der afrikanischer Negerstämme, über die die französische Kolonialmacht herrscht«. Wenn Herr Otto Bauer warm wird, geht mich ein Frösteln an. Von dem Klischee »Ihr Herren« abgesehen, bleibt er sonst frei von Pathos, zu klug, um sich an die Weisung zu halten: »Schaff Augen dir von Glas, und wie Politiker des Pöbels tu, als sähst du Dinge, die du doch nicht siehst«. Ein so beherrschter Führer durch Wellenberge und Wellentäler einer unabänderlich vorgezeichneten Entwicklung, Tiktaktiker der Parteiuhr, darf sich durch nichts überrascht und nie bewegt, niemals bewegend zeigen. Der Intelligenz, die mit den Gegebenheiten operiert, steht die Benützung der von Herrschaften abgelegten Fetische am wenigsten an. Er schien längere Zeit der einzige sozialdemokratische Führer, der sich gegenüber Herrn Schober wenigstens die freie Hand vorbehalten hatte, sie ihm nicht zu reichen. Aber ans seiner Rede geht jener, der bei den Sozialisten schon als Vertreter der »einfachen bürgerlichen Ehrbarkeit« beglaubigt ist, als der wahre Träger nationaler Würde hervor. Darum sei dem Redner in Erinnerung gebracht, daß es nur eine Gelegenheit gab, ihm Gefühlstöne zu glauben: als er, Tatzeuge der Ringstraßentaten, im Parlament zur Anklage ausholte. Gewiß, er hat selbst kürzlich an dem Grabe der Juliopfer, vor dem die längste Zeit Pietät nur markiert wurde, sich erinnert; und fast so, daß man auf Verletzung der Disziplin oder auf den Plan schließen könnte, Felonie an Schober zu üben. Macht die freie Hand von ihrer Freiheit Gebrauch? Sind wir auf einem Wellenberg angelangt? Jedenfalls ist es die Betätigung einer andern, des sozialistischen Gewissens würdigern Sorge als der um die Nation. Was diese betrifft, so weiß man, daß man doch keineswegs die, Macht anderer Entscheidung hätte, wenn Österreich die Wahl bliebe, französische Kolonie zu werden oder Domäne des Bekessy. Und auch, daß wir zunächst und mit aller nationalen Ehre nichts sind als Bekessys Verlassenschaft.


(Aus: Karl Kraus: Vor der Walpurgisnacht. Aufsätze 1925-1936)

 

Sonntag, 11. November 2018

Karl Kraus & die 3. Walpurgisnacht

DIE DRITTE WALPURGISNACHT

Auszüge

... Goebbels ist ein Kenner aller einschlägigen Terminologie, deren Verwendung dem Asphaltschrifttum nicht mehr möglich ist. Er hat die Einstellung wie die Einfühlung, er kennt den Antrieb wie den Auftrieb, die Auswertung wie die Auswirkung, die szenische Aufmachung, den filmischen Aufriß wie die Auflockerung und was sonst zum Aufbruch gehört, er hat das Erlebnis und den Aspekt, und zwar sowohl für die Realität wie für die Vision, er hat Lebensgefühl und Weltanschauung, er will das Ethos, das Pathos, jedoch auch den Mythos, er besorgt die Einordnung wie die Gliederung in den Lebensraum und den Arbeitsraum der Nation, er umfaßt den Gefühlskreis der Gemeinschaft und die Vitalität der Persönlichkeit, er bejaht das Volksmäßige wie das Übernationale und bevorzugt die Synthese, er verleiht Impulse und gibt Andeutungen im Peripherischen, ehe er zur zentralen Erfassung gelangt, um das Latente zu verankern und das Problematische im Zerebralen herauszustellen, er weiß Bescheid um Epigonisches und um Werdendes, wertet das Wollen, erkennt das Gewollte, wie daß Kunst ein Gekonntes ist, würdigt das Gelöste, das Aufgeschlossene, das Geformte, und kann zwischen einem Gestuften und einem Geballten unterscheiden, ja ich vermute, daß er sogar im Kosmischen orientiert ist; jedenfalls sieht er Entwicklungsmöglichkeiten und bestimmt gefühlsmäßig den Typ, der sich zwangsläufig, aber letzten Endes doch in der Geschmacksbildung auswirkt, er weiß, daß, wenn die Willensbildung zur Willenseinheit und von hier zur Tateinheit und Kultureinheit vordringt, Sturm und Rhythmus prominente Faktoren bilden und daß es dann zwar aufs Ganze geht, aber zunächst aufs Stählern-Romantische – kurzum, ihm wird man nichts vormachen, was man ehedem in der Kulturkonfektion von B. T. oder B. Z. gefunden hat und was, ob neudeutsch oder neujüdisch, auf die Gegend wies, wo kein Gras wuchs außer jenem, das sie hörten ...

... Diese Fixigkeit in dem, was sie »Aufziehn der Chose« (oder auch der »Kiste«) nannten, setzt die gerissensten Kulturfaiseure in Staunen, die det Kind ja immer schon geschaukelt haben, beschämt alle Wunder einer entthronten Theaterregie, läßt aber auch die Vertreter einer bessern Sache bedauern, daß ihr solch eine Kraft als Minister für Greuelpropaganda verloren ging. Und doch hat sich eben im Tonfall der deutschen Welt nichts verändert. Mit den gleichen geistigen Mitteln erfolgt die Verankerung dessen, was heute zu verankern ist, Vision ist Phrase, Rhythmus das alte Überbleibsel der Syntax, das der Expressionismus für kollektives Erlebnis festgelegt hat, und selbst verdrängte Komplexe, die doch zweifellos verdächtiger Herkunft sind, finden Unterkunft. Hat doch sogar der Führer, dessen Ausdrucksvermögen keineswegs von Gundolf geschult wurde und dessen Weltbild nicht so sehr durch Freud als durch Karl May geformt scheint, bereits den Minderwertigkeitskomplex beklagt, an dem die Nation leide ...

... Denn unbezähmbar ist der Drang nach Erneuerung der Gebote, gegen den die alten nichts mehr auszurichten vermöchten, und fata-morganahaft lockt der Heiligenschein, der im Blutdunst ersteht. Daß sich die Gleichschaltung von Nibelungen und Hunnen unter der Sonne vollziehen kann, verhindert sie nicht, trotz allem, was sie sieht, zu lachen. Denn der Versuch, noch Tag und Nacht gleichzuschalten, kommt ihr untunlich vor, wie etwas, dem zum Hirn-Gespinst etwas fehlt. Doch die Erdenwelt tut unrecht, wenn sie dem, was sich in ihrer Mitte abspielt, mit Skepsis begegnet. Geschieht es nicht zum erstenmal, daß das dunkle Wort »fröhliche Urständ feiern« anschaulich wird? Bedarf's noch einer Ursache für das, was Ursache selbst ist? Die Weit verwundert sich des Volkes: kein Wunder, daß sich das Volk der Welt verwundert. Stellt sie die Täter vor die Tat, so machen sie große Kinderaugen, wie der Wolf, dem man das Märchen vom Wolf erzählte. Denn sie haben, was sie Böses taten, doch so gut gemeint und können nicht fassen, daß man sie so arg verkennt. Auf die Gefahr hin, ihrem Bekenntnis untreu zu scheinen, dessen Parole »Juda verrecke!« mindestens als Wunsch aufgefaßt wurde, beteuern sie, nichts dergleichen sei geschehen. Es war eine Lüge, jetzt sprechen sie wahr. Gewiß, es muß ein Mißverständnis sein, und vielleicht wäre es durch die Erkenntnis zu beseitigen, daß sich hier eben mit schrankenloser Offenheit ein Wesen kundgibt, das von Natur nicht schlecht ist, nur mit spezifischen Sinneswerkzeugen sein Tun verrichtet und verantwortet. Daß der Volksgenosse die Dinge nicht glaubt, von denen er vielleicht einmal hört, mag noch durch die Absperrung zu erklären sein, die sich im Umschwung der Lebensverhältnisse als notwendig herausgestellt hat. Daß er aber auch die Dinge nicht glaubt, die er sieht, ja nicht einmal die, die er tut; daß er nicht weiß, was er tut, und sich darum gleich selbst vergibt, das zeugt von einem Gemüt ohne Falsch, dem die Andersgearteten wohl ausweichen, aber nicht mißtrauen sollten. Da ihm die Gabe ward, nicht lügen zu können, und weil es doch auch unmöglich wäre, so viel zu lügen wie der Tatbestand erfordern würde, so kann nur ein mediales Vermögen im Spiele sein, das solchem Wesen die Dinge, die aus Illusion erschaffen sind, wieder durch Illusion entrücken hilft. Schon die konsequente und auf den ersten Blick etwas stupide Vergeltung politischer Ansichten, deren Zurücknahme keinen Pardon gewährt, und gar von Tatsachen der Geburt, die durch nichts gutzumachen sind, und wenn einer auch noch so sehr bereute, Jude zu sein – schon solche Unversöhnlichkeit beweist doch, daß kein Plan am Werke ist, sondern etwas wie ein vages Sehnen, irgendwo hinaus zu wollen, vermutlich um einen Platz an der Sonne zu gewinnen, den man dem andern nimmt.
Diese Unvergleichlichen
Wollen immer weiter,
Sehnsuchtsvolle Hungerleider
Nach dem Unerreichlichen.
Und dann wieder diese rührende Inkonsequenz, nicht nur in den Richtlinien, sondern auch in der Befolgung: wenn zum Beispiel ein Jude auf der Spandauer Brücke geprügelt wird, weil er die Fahne nicht gegrüßt hat, und ein anderer Jude in der Neuen Friedrichstraße geprügelt wird, weil er durch seinen Gruß das Deutschtum beleidigt hat. Konsequent nur das Staunen, daß, wie man's macht, es nicht recht sei. Ein SA-Mann prügelt auch im Ausland:

Der Täter wurde sofort ergriffen und ins Gefängnis gesteckt. Als ihn die Polizei festnahm, war er außerordentlich verwundert, da er doch nicht anders gehandelt habe, als das in Deutschland üblich sei.

Daheim werden Diplomaten geprügelt und gefragt, »was sie denn als Ausländer in Deutschland zu tun hätten«. Triebhaft ist es, nicht geplant. Das wäre ja eine primitive Psychologie, welche dem Traumleben, das die Maße verschiebt, Berechnung unterstellte. Durch die ganze Reihe der Gesichte, die so vom Reichstagsbrand bis zu den erfolgreichen Missionen Rosenbergs und Habichts vor uns anrückten, den Versuchen, England zu gewinnen und Österreich zu erobern, hat doch jeder Tag den Eindruck von etwas noch mehr Sonderbarem als Schrecklichem hinterlassen, zu dessen Erklärung nichts übrig bleibt als: Ehrlichkeit. Wenn die Umwelt, die sich der Armeniergreuel erinnert (gegen welche sie eingreifen konnte), an Torturen Anstoß nimmt, deren Ersinnung weit mehr Phantasie gebraucht hat als zu ihrer Erfindung nötig wäre, so bekommt sie zu hören:

Glauben Sie uns, es tut uns allen weh, auf welches Unverständnis manchmal unsere Maßnahmen stoßen.

Sie meinen's nicht so; sondern immer nur anders. Sie fühlen die Vergewaltigung, wenn man ihnen Handlungen zutraut, die sie begehen. Solche Handlungen pflegen sie dann als »angeblich« zu bezeichnen, eine kurze, aber gute Formel des Entschlusses, sich auf so etwas gar nicht einzulassen, bezogen von der Unanfechtbarkeit einer Staatsmoral, die sich auf die Angeberei dessen gründet, was nicht geschehen ist. Um für den Unbefähigten eine Funktion freizubekommen, beschuldigen Taschendiebe den Funktionär der Gewinnsucht, und indem man einer gerichtlichen Überführung die ins Konzentrationslager vorzieht, wird der Verdacht erhärtet, daß er wie zum Amt zu allem fähig war. So wird das Angebliche wirklich und das Wirkliche angeblich; und das eben bedeutet den großen Durchbruch zum »neuen Zivilisationstyp«, dessen Begriff die Literaten beistellen: daß der Mörder, wenn er dazu noch lügt, nicht gemordet hat und daß die Feigheit des Mords ihm ein Heroenmaß leiht. Es ist die prinzipielle Tarnung, die sich durch das Wörtchen »angeblich« vollzieht, welches wir im Kommentar der Begebenheiten immer wieder auftauchen sehen. Daß es Greuel gibt, deren Geruch zum Himmel dringt, weiß die Welt natürlich längst und erträgt solches Wissen. Aber sie genießt offenbar auch das Schauspiel einer moralischen Ausdauer, die ihr noch heute »angebliche Greuel« offeriert, ohne die Antwort zu empfangen: Schluß! Weg! Hinaus aus dem Planeten! ...

... Man sollte aber glauben, daß auch einer deutschen Mehrheit, die aus Geschöpfen Gottes besteht, diese Lautsprecher von Natur, denen sie sich ausgeliefert hat, Mißbehagen verursachen; man sollte hoffen, daß ihr die Erweiterung der akustischen Möglichkeiten des Rundfunks und der optischen einer illustrierten Presse das Bewußtsein der Absurdität beibringt, die ihrem kulturellen Dasein nunmehr aufgezwungen ist. Fällt es den Deutschen nicht auf – denn den andern fällt es auf –, daß keine Nation nicht nur so häufig sich darauf beruft, daß sie eine sei, sondern daß im Sprachgebrauch der ganzen Welt durch ein Jahr nicht so oft das Wort »Blut« vorkommt wie an einem Tag dieser deutschen Sender und Journale? Blut und Erde, als gäbe es so etwas nur hier. Und immer neue Begriffsbestimmungen für den Deutschen, für die Deutsche und für das Deutsche, als wäre das alles eben erst von einer deutschen Expedition entdeckt worden. Mammutknochen aus der Scholle geholt. »Der deutsche Mensch«, »der deutsche Arbeitsmensch«, das Staatsvolk, der Reichsbürger, der dem Reichsvolk zugehört, und dergleichen mehr, womit sich der Armut keine Stulle belegt.
Sind's Menschenstimmen, die mein Ohr vernimmt?
Wie es mir gleich im tiefsten Herzen grimmt!
Gebilde, strebsam, Götter zu erreichen,
Und doch verdammt, sich immer selbst zu gleichen.
– – – – – – – – – – – – – – – – – –
Die Ungestalten seh ich an
Als irden-schlechte Töpfe,
Nun stoßen sich die Weisen dran
Und brechen harte Köpfe.
 Sollten denn nicht wenigstens diese Stimmen und diese Gesichter dem von einer Mutter Geborenen Aufschluß gewähren, indem er doch nichts hört als das Gebell des immer gleichen Inhalts und als hochpolitische Faktoren Monstren gewahr wird, wie sie Präuschers Panoptikum zeigt, weil sie einst auf Dienstboten mit Sparkassenbuch magnetisch gewirkt haben, und vor allem das schlichte Antlitz, dem man schon in einem alpenländischen Gasthofe begegnet sein muß, dessen Dependance einer »Teppetanz« nannte. Was sich da in allen Varianten einer als Zielsetzung keineswegs erwünschten Volksmäßigkeit darbietet, in allen Typen der Erdgebundenheit zwischen Waterkant und Mühlviertel; wie da unermüdliche Illustration dem Versuch gerecht wird, eine »art- und blutmäßig bedingte politische Führerauslese aufzubauen« – daß solches ermutigend und nicht eher deprimierend wirkt, das ist das Phänomenale. Man weiß schon, es sind Heroen, die den Befehl gaben, Gefangene anzuspucken; aber warum immer wieder die Visagen vorführen? Wenn der neue Ernährungsminister empfahl, »Kampfuntüchtige in Sümpfen zu ersticken«, was bisher nur erfolgreich mit Russen unternommen wurde, so erhält man durch diesen Anschauungsunterricht wahrlich einen so niederschmetternden Begriff von Eugenik wie der biedere Kent, als er vor der Runde ausbrach:
Herr! Grad heraus und offen ist mein Brauch:
Ich sah mitunter bessere Gesichter
Als hier auf irgend einer Schulter jetzt
Vor meinen Augen stehn.
 Also das sind die, die die andern sterilisieren wollen? Wie, und der Betrachter verspürt nicht Sodbrennen, wenn immer wieder vor Gruppen Einer leutselig und insbesondere kinderlieb erscheint?
Sein Herz gehört der Jugend.
Die Schuljugend von Oberstaufen mit ihren Hakenkreuzfahnen hat's dem hohen Herrn besonders angetan.
Dieses kleine Mädchen rief dem Führer aus der harrenden Menge zu: »Ich habe heute Geburtstag«, worauf es von Adolf Hitler zu Kaffee und Kuchen eingeladen und mit Bild und Namenszug beschenkt wurde. Links Reichsjugendführer Baldur von Schirach.
 Und überhaupt: dieses gigantische Pfauenrad einer Popularität, vor der das Dasein Bismarcks zum Inkognito wird; dieses unersättliche Byzanz aller Arten von Lächeln und Händedruck mit Hoch und Nieder, Auwi und Unterwelt; diese unerschöpfliche Monotonie der Gesichter, hinter deren gleichgeschalteter Sehnsucht riesengroß die allbegnadende Form durchscheint; dieser tausendfache Zerrspiegel aller Positionen zu Land und Lufthansa, mit allem, was da kreucht und fleucht, und noch mit den Amateurinnen in dem Moment der Ekstase, wo es knipst – wem, der hineinschaut, würde nicht für Volk und Menschheit bangen? Einem nicht:
Er liest keine Bücher. Ihn interessieren nur die tatsächlichen Probleme des Lebens ... Seine Lektüre besteht aus illustrierten Zeitungen. [Die Zahl der Nichtleser hat dramatisch zugenommen in der Gegenwart, die damals Zukunft war.]
Und sie zeigen ihn noch, wie er sie liest, allein oder kordial mit Göring, der, als Hias verkleidet, sich mit ihm freut. Und es ist die Lektüre der Millionen, denen alles vor Augen tritt und nichts auf fällt ...

... Vor Augen, müde des Mords, vor Ohren, müde des Betrugs, vor allen Sinnen, die nicht mehr wollen und denen die Mixtur aus Blut und Lüge widersteht, taumeln und gellen noch diese täglichen Kommandos vorüber einer Pestgewalt, die alles Erdenkliche gegen sich selbst vorkehrt: Vermögenseinziehung, Aberkennung der Staatsbürgerschaft, Verhinderung der Neubildung politischer Parteien, Zulassung von Spielbanken, Ausschaltung von Wirtschaftskommissaren, Zulassung von nur einem Drittel als Hospitanten, Zwangsbeitritt zur Arbeitsfront, Eingliederung der Studenten in den freiwilligen Arbeitsdienst, Zusammenschließung der Musiker in die Fachschaft, Anmeldepflicht für mit Erbkrankheit Behaftete, Verhaftung von Verwandten Entflohener, Anordnung zur Erhebung des rechten Armes, Erschießung auf der Flucht. Wie lange noch? Die Handlung rückt an den Punkt, wo, wollt' er nun im Waten stille stehn, Rückkehr so schwierig wär', als durchzugehn. Seltsames glüht im Kopf, es will zur Hand, und muß getan sein, eh' noch recht erkannt. Doch ist's gewiß, er kann den wild empörten Zustand nicht mehr schnallen in den Gurt der Ordnung. Jetzt empfindet er geheimen Mord an seinen Händen klebend; jetzt straft Empörung stündlich seinen Treubruch; die er befehligt, handeln auf Befehl, aus Liebe nicht. Jetzt fühlt er seine Würde zu weit und lose, wie des Riesen Rock hängt um den dieb'schen Zwerg. Mir war, als rief es: »Schlaft nicht mehr. Macbeth mordet den Schlaf!« Und drum wird Macbeth nicht mehr schlafen. »Denn so zu sein, ist nichts: doch sicher so zu sein!« Beispiele gibt es, wie solcher Aufstieg, der Konsorten hat, verläuft, wenn jeglicher Mitwisser, mehr als sein Teil begehrend, nach der ergriffnen Macht greift. Nach außen alles einig: sie wird Jahrhunderte überdauern; wir sind keine Partei, wir sind eine Weltanschauung. Wer wagt es, den Mythos durch Hunger zu stören?
Wir denken in Jahrhunderten ... Es fangen manche an zu meckern.. In Deutschland hat keiner zu meckern ...
Heilloses Wort, das aus der Walhalla in die Hölle reißt, wo sie asphaltiert ist! Verbürgt es jene Dauer? Überall Zeichen des Kleinmuts. Goebbels stellt fest, die nationale Presse
hat auf dem Gebiet des Feuilletons und damit auf dem Gebiet der Kultur überhaupt fast hundertprozentig versagt.
Es gilt, den neuen Menschen zu schaffen, es fehlt aber an einem hauptamtlichen Buchbesprecher. Brückner sagt, die Revolution ist nicht beendigt, sondern geht weiter. Doch man soll sich nicht festlegen. Der Reichsführer der SS, Himmler heißt er, hat die Burg Schwabenberg zwecks Einrichtung der Reichsrassenschule bloß auf 99 Jahre gepachtet. Dann kann man weiter sehn. Er, der im praktischen Leben steht und auch für die Sicherheit Münchens zu sorgen hat, kann doch schon heute, nicht ohne Einschränkung, schätzen:
ein neuer Geschichtsraum hat begonnen, der sich – es mag vielleicht lächerlich klingen – über 20 000 bis 30 000 Jahre ausdehnen wird.
Die SS wird »auf der Erkenntnis vom Wert des Blutes« (ganz besondrer Saft) aufgebaut werden; dürfte, wenn die ersten Äonen vorbei und die Stabilisierung begonnen hat, in den Rang himmlischer Heerscharen aufsteigen. Und die SA – mißvergnügt und der Erdennot überlassen? Geistliche Tröster erstehen, welche sagen, die deutschen Christen seien die SA Jesu Christi im Kampf zur Vernichtung der leiblichen, sozialen und geistigen Not. Wer aber hilft der SA? Im Bürgerbräu kündet einer, der Führer habe ihm anvertraut, daß er in der Entwicklung – sie ging von dort aus – ein Wunder sehe
und sich als ein von Gott berufenes Werkzeug empfinde.
Doch die SA – wie will sie nun vollbringen? Anders als begonnen? Nichts anders: ganz wie begonnen! Was immer sie vollbrachte, es waren ja Kommunisten. Brandlegend, grundlegend – Kommunisten waren es. Raub und Mord an Kommunisten: Kommunisten befleckten die unblutigste aller Revolutionen. Sie legten die Uniformen jener an, immer mehr, immer mehr – und nun stecken in allen nur noch Kommunisten. Furchtbare Enthüllung letzten Endes: alles war getarnt! Der Birnamwald rückt heran. »Das Gesicht der Bewegung steht nun eindeutig da.« Immer schon; denn es ward aus zwei Gestalten, die Tag für Tag sich zum Unikum verbanden, zur deutschen Doppelsage. Von jenem Schweppermann, dem Braven, der statt eines Ei's deren zwei bekam, und jenem Haarmann, den nach mehr Menschen noch gelüstet. Wie hat uns das Monstrum gerührt und gewürgt! Erstand es aus den Gasschwaden des Kriegs, um neue, allerstickende heraufzubringen? Der Giftgeist, dem die Gehirne erlagen, droht der Apokalypse zu widerstehn. Soll frommer Sinn in zivilisiertem Mißbrauch der Gottesgaben die Zuchtrute am Himmel erkennen? Ist, worunter die Erde gelangt ist, ein Komet, dem Kreuze gleichend, von dem die Bücher sagen, rechtsgeflügelt bedeute es Niedergang, Vergehen, Tod? Ein armes Volk hebt beschwörend die Rechte empor zu dem Gesicht, zu der Stirn, zu der Pechsträhne: Wie lange noch! – Nicht so lange, als das Gedenken aller währen wird, die das Unbeschreibliche, das hier getan war, gelitten haben; jedes zertretenen Herzens, jedes zerbrochenen Willens, jeder geschändeten Ehre, aller Minuten geraubten Glücks der Schöpfung und jedes gekrümmten Haares auf dem Haupte aller, die nichts verschuldet hatten, als geboren zu sein! Und nur so lange, bis die guten Geister einer Menschenwelt aufleben zur Tat der Vergeltung:
Sei das Gespenst, das gegen uns erstanden,
Sich Kaiser nennt und Herr von unsern Landen,
Des Heeres Herzog, Lehnsherr unsrer Großen,
Mit eigner Faust ins Totenreich gestoßen!
 (Aus: Karl Kraus: Vor der Walpurgisnacht. Aufsätze 1925-1936)














Die Intelligenzmaschinen


Haimo L. Handl

Die Intelligenzmaschinen

Am Freitag begann die Schachweltmeisterschaft in London. Der norwegische 28jährige „Serienweltmeister“ wird herausgefordert von dem um zwei Jahre jüngeren Amerikaner Fabiano Caruana. Die Weltmeisterschaft verspricht äußerst spannend zu werden.
In der Schachwelt tat sich in den letzten Jahren viel. Auch Seitens Künstlicher Intelligenz. Das von Deep Mind entwickelte Schachprogramm AlphaZero gewann überlegen und in kürzester Zeit gegen das bis anhin beste Schachprogramm Stockfish. Die Berichte dazu sind hoch interessant und gehen weit über die Schachwelt hinaus. Das selbstlernende System von AlphaZero überrascht mit seiner Dynamik und Stärke.

Künstliche Intelligenz wird nicht nur für Roboter verschiedenster Art verwendet, sondern unterstützt auch militärische Strategen bzw. Überwachungseinrichtungen. Facebook hat eine Patentierung für seine emotion recognition technology (ECT) beantragt und verspricht praktisch totale Kontrolle und Deutung.

Dass dies nicht nur eine Angelegenheit für die kapitalistische Wirtschaft ist, beweist der Einsatz ähnlicher Software der Gesichtserkennung und humaner Emotionen durch die chinesische bzw. die israelische Regierung in der Verfolgung von Palästinensern. Zensur gibt es ja nicht nur in China oder in der Türkei, sondern auch in Israel und den USA (die Fälle sind dokumentiert, wo facebook accounts löschte, weil der Inhaber auf einer Sanktions-Liste der Amerikaner stand. Das reichte für die Kooperation.) Wenn Palästinenser sich über solche Maßnahmen der Israelis und Amerikaner beklagen, werden die Argumente nicht ernst genommen bzw. einfach zurückgewiesen. Facebook und Google sind aber nicht apolitisch, sondern eingebettet in die politische Strategie der Amerikaner und ihres Verbündeten Israel. Ähnliches gilt hinsichtlich der „Kooperation“ mit China, das seine Bevölkerung einer strikten Überwachung aussetzt und die Zensurmaßnahmen verschärft.

Durch die massenweise Teilnahme von Milliarden von „Usern“ stehen Facebook und Google enorme Datenmassen zur Verfügung, die, wenn sie durch neue Erkenntnisse der Gesichtserkennung der emotion recognition technology ergänzt werden, schier undurchdringliche, von außerhalb unkontrollierbare Datenfelder generieren, die nicht nur hinsichtlich des Konsums genutzt werden können, sondern auch für soziale, politische Manipulationen. Die bisherigen Berichte bezüglich Datenmissbrauch und Wählermanipulationen in den USA, der enorme Datenklau durch die NSA und in Großbritannien durch den englischen Inlands- und Auslands-Geheimdienst (MI5, Security Service, MI6, Secret Intelligence Service) , die nur durch Zufall und dem couragierten Verhalten des Whistleblowers Edward Snowden bekannt geworden sind, belegen die systematische Aushorchung, Datensammlung und Spionage durch Großbritannien und die USA. Dass deren befreundete Verbündete davon profitieren, ist gesichert.

China entwickelt sich als Diktatur immer extremer zu einem Überwachungs- und Bestrafungsstaat, wie man ihn aus frühen Berichten und deren literarischen Verarbeitung nach dem 2. Weltkrieg kannte. Ein asiatischer Faschismus macht sich breit und tief, technisch hochentwickelt, wie es dem Massenmörder Mao Zedon und seinen Schergen nicht möglich war. Damals standen dem inhumanen, chinesischen Denken nur konventionelle Methoden der Jagd und Verfolgung, Folter und Tötung zur Verfügung. Heute, als starke Wirtschafts- und militärische Macht, gelingt die totale Kontrolle als Vorstufe für den Totalen Krieg (der muss nicht unbedingt nach außen gerichtet sein; zuerst trifft es die Untertanen!).

In einem kürzlichen Artikel im TAGESANZEIGER (Zürich, 2.11.2018) schrieb Martin Ebel über den langjährigen China-Korrespondenten Kai Strittmatter und sein neues Buch „Die Neuerfindung der Diktatur: Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert“.  Zwei Absätze aus diesem Artikel:

Ein anderes Kontrollmittel sind Überwachungskameras. Hikvision, der grösste Hersteller weltweit, gehört mehrheitlich dem Staat. Kombiniert mit der neuen Technik der Gesichtserkennung, erlauben die Kameras die perfekte Kontrolle über die Bevölkerung. Die Polizeicomputer speichern, was das Zeug hält, von Gesichtern über Stimmen bis hin zur DNA, und teilen die Bevölkerung in Gefährdungsklassen ein, von «vorbildlich» über «verdächtig» bis zu «kriminell». Ziel ist ein nationales, ­lückenloses System, das ganz poetisch «Himmelsnetz» heisst.  

«Amt für Ehrlichkeit» 

Die Stadt Rongcheng ist Schauplatz eines Pilotprojekts, das einmal auf ganz China ausgedehnt werden soll: Ein «Amt für Ehrlichkeit» sammelt alle Informationen über die Einwohner und verteilt Punkte an sie. Schon eine rote Ampel zu ignorieren, gibt Abzüge. «Schlechte» Bürger werden mit Schautafeln an den Pranger gestellt. Eltern erkundigen sich über das Konto potenzieller Schwiegersöhne. Flug- und Eisenbahntickets werden danach zugeteilt oder verweigert. 

Was in Österreich in der langen Herrschaft der Habsburger sich zu einem duckmäuserischen Verhalten im vorauseilenden Gehorsam entwickelt hat, ist jetzt in China wieder aktuell – und technisch höherentwickelt und wirksamer, als alle Untaten der Kulturrevolution (die immer noch so hießt, obwohl sie eine Unkulturrevolution war). Die neuen Regeln werden verinnerlicht: „Am Ende übernehmen die Kontrollierten selbst ihre Kontrolle.“ Das klingt doch bekannt: im Westen, ohne jeden staatlichen Druck, ohne Sanktionsandrohung, geben Millionen und Abermillionen von sklavenhaften Menschen FREIWILLIG ihre Daten her, erlauben jeden Missbrauch und brüsten sich dumm damit, dass sie ja nichts zu verbergen hätten. Sie sind willige, dumme und höchst gefährliche Wegbereiter einer neuen Barbarei, die in China schon erfolgreich praktiziert wird.

Zur Erinnerung und für den Vergleich: Im Wohlfahrtsstaat Schweden gilt weitestgehende Transparenz. Es gibt kein Steuergeheimnis, keinen Schutz für Privatdaten. Steuerakte samt Adresse und persönlichen Daten sind jedem Interessierten online zugänglich. Fehlverhalten der Eltern in der Erziehung wird über ein besonderes Denunziationsnetz erfasst, ebenso soziale Abweichungen. Der Staat übt eine intensive Kontrolle aus – und die braven Schweden machen mit.

Im Wettlauf der Knechtung und totalen Überwachung arbeiten westliche Länder und östliche wie Hand in Hand. Es gibt nur graduelle Unterschiede. Die Observationswerkzeuge werden laufend verfeinert, der Datendiebstahl staatlich organisiert. Wer kritisiert, wird zum devianten Fall. Bald werden solche Fälle wie in Israel oder China oder islamistischen Mörderstaaten  „bereinigt“ werden mit Hilfe der Kollaboration der Schwachen und Dummen, der Mitläufer.


Samstag, 10. November 2018

Karl Kraus & Letzte Tage im Ausland

Der Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt

Bevor ich in einem Pariser Saal aus meinem Kriegsdrama »Die letzten Tage der Menschheit« vorlese, fühle ich mich zu einer Klarstellung bemüßigt. Sittlich hinreichend begründet wäre die Vorlesung als solche schon in der Erkenntnis, daß die Menschheit, von der ja das Drama handelt und die sich dem Autor doch in jeder Hörerschaft vorstellt, den Krieg vergessen hat und lieber einen neuen haben möchte. Darum darf und muß man ihr vom Kriege sagen. Es ist aber leider auch unerläßlich, den sittlichen Beweggrund klarzustellen für das Auftreten vor einer ausländischen Hörerschaft mit eben dem Werke, worin das allgemein Menschliche vom Lokalen aus betrachtet und eine Vision des Untergangs geschöpft wird von den Beispielen des dem Autor nächsten nationalen und kulturellen Milieus. Wie wäre ihm auch eine andere Quelle erschlossen? Ich habe in dreißig Jahren keine Zeile geschrieben, in der nicht die allgemeinste Kulturkritik, die Umfassung des zeitlichen Verfalls vom besondersten und erlebtesten Anlaß bezogen war. Ich habe freilich auch dreißig Jahre lang anzukämpfen gehabt gegen das stupide Unvermögen, diese Perspektive zu erkennen, gegen den bösen Widerwillen, ihr gerecht zu werden, gegen das elende Komplott zeitverdorbener, journalisierter Gehirne, die mir das Glück, totgeschwiegen zu sein, noch durch die Aussage und Ausrede stören möchten, die kleinen und lokal beschränkten Anlässe seien eben das, was meinen Gedanken den Zutritt zur Welt unmöglich mache. Welch raffiniertes Selbstberuhigungsmittel der ungezählten Dummköpfe und Spitzbuben, an deren Beispielen ich das große Thema, das größte aller Themen: den Naturverrat dieser entleerten Zeit dargestellt habe! Sie möchten sich durch den bescheidenen Hinweis auf die eigene Winzigkeit darüber hinwegbetrügen, daß sie durch mich todsicher auf die Nachwelt gelangen werden; aber es nützt ihnen nichts, sich noch so klein zu machen, wenn ich doch jeden von ihnen zum ganzen Übel vergrößere. Der zeitferne Leser wird es verstehen, daß sie Symbolwert hatten, und der ortsferne spürt es, und fehlten ihm auch alle Voraussetzungen. Nur Leute, deren Sprachgenosse zu sein ich das Unglück habe – ein Unglück, weil ich die deutsche Sprache für die tiefste halte und ihre heutigen Sprecher für die seichtesten –, nur diese werden auch in der Fremde mir mit dem Einwand hinderlich sein, ich wäre mit meinen kulturellen Abneigungen auf das lokalste Verständnis angewiesen. Dazu glauben sie noch die Chance zu haben, sich des hoffnungslosesten Argumentes bedienen zu können, das die Idioten sämtlicher Vaterländer immer gegen den bereit hatten, der den Mut bewährt hat, seinen Landsleuten die Wahrheit zu sagen. Des Argumentes: daß man diese Wahrheit vor Fremden nicht wiederholen dürfe. Aber wenn es Mut war, sie zu sagen, und vielleicht der wahre Mut im Kriege, sie im Kriege zu sagen, warum sollte es nicht sittlich sein, sie immerdar und allerorten zu sagen, vorausgesetzt natürlich, daß sie den Wert allgemein menschlicher Nutzanwendung hätte und den besondern Fall nur als den unmittelbar geschauten hervortreten ließe. Warum sollte ich die Tragik der von der Vorstellungsarmut in den Tod gepeitschten Menschheit – und dies ist das Problem des Dramas – warum sollte ich es nicht dieser Menschheit im weiteren Umfange vorstellen, wenngleich das Erlebnis nur vom Zustand der Volksgenossen abgeschöpft war? Ich behaupte, daß im Krieg jeder geistige Mensch ein Hochverräter an der Menschheit war, der nicht gegen sein eigenes kriegführendes Vaterland aufgestanden ist – mit allen Mitteln, die ihm seine geistige Natur gewährt hat. Ich behaupte, daß das Schauspiel ausgedienter Kriegslyriker und Speichellecker der eigenen Kriegsgewalt, die da nach Friedensschluß ins Feindesland kommen, um die schmierige Hand den Völkern entgegenzustrecken, die Hand, die mit Tinte das Blut gemehrt hat – ich behaupte, daß diese Wendung der Völkerverbrüderer noch weit schandvoller ist als ihre Wirksamkeit im Krieg, die sie verleugnen möchten. Als ich zum erstenmal hier aus meinem Kriegswerk vorlas – worin freilich die mir nächstliegenden Beispiele als die abschreckenden vorgeführt sind, um die allgemeinste Schmach zu treffen und gültig zu formen –, wer würde sagen wollen, daß mich da die Absicht geleitet hat, mich der andern Nation anzubiedern, der ich doch auch die direkte Wahrheit über das Schrecknis nicht vorenthalten habe jener »Reklamefahrten zur Hölle«, worin der Heldentod zum Ausbeutungsobjekt der Fremdenindustrie erniedrigt wird. Nein, ich hatte anderes im Sinn, aber ich wollte auch meine wahre Berechtigung dartun, im Ausland aufzutreten, frei von dem Verdacht, der heute mit Recht in jedem pazifistischen Gast einen ehemaligen Kriegsdichter wittert. Wäre ich, geartet wie ich bin, im fremden Sprachgebiet geboren, so wären die »Letzten Tage der Menschheit« vielleicht als eine solche Darstellung entstanden, die von den falschen Kunstrichtern als ein ausschließlicher Angriff auf den französischen Militarismus mißverstanden worden wäre, wie sie heute als Dokument des Hasses gegen die sogenannten Zentralmächte verschrien sind. Soll man dem nationalen Kretinismus ernsthaft auch noch über Prozesse der geistigen Natur Rechenschaft ablegen? Wenn er es hören will, so empfange er das Bekenntnis, daß ich kein Vaterland habe außer meinem Schreibtisch, den ich aus irgendwelchen Gründen privater Art nicht in eine Gegend übersiedeln kann, deren Lebensform meinen Nerven tatsächlich genehmer ist und die mir vor allem den wünschenswertesten aller Vorteile bietet: daß ich da immerhin sicherer wäre, wenigstens die Sprache, in der ich denke und der ich darum als einer Herrin diene, nicht prostituiert zu sehen, nicht stündlich in Lettern und Lauten geschändet zu empfangen. Nun, man möge zur Kenntnis nehmen, daß ich wirklich das bin, was sie mit der dümmsten, niedrigsten, ungesehensten Metapher zu bezeichnen lieben: Der Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt. Ich frage den Menschen, der die Tierwelt durch den Vergleich mit sich beschimpft, der es wagt, seine schäbige Denkart in die Sphäre freier Gottesgeschöpfe einzuschmuggeln, und der seine Eitelkeit im wahrsten Sinne des Wortes mit fremden Federn schmückt – ich frage ihn, ob er denn wirklich glaubt, daß ein Vogel es vorziehen wird, das fremde Nest zu beschmutzen, weil der Mensch ihm das zutraut und weil er seinerseits solche Gemeinheit für praktisch hält. Der Mensch, der die Redensart ersonnen hat, in der seine ganze Selbstsucht mit so naiver Schamlosigkeit zum Ausdruck kommt, ist da offenbar in eine falsche Redensart hineingetreten, in die vom Kuckuck, der seine Eier in fremde Nester legt, und hat diesen Akt des Egoismus in der ihm nächsten Richtung des Schmutzes ausgebaut und vertieft. Doch die Seichtigkeit des Anwurfs, der dieser Redensart zugrundeliegt, ist gar nicht auszuschöpfen. Um Schmutz handelt es sich allerdings. Aber weil der Vogel, der sein Nest schmutzig findet, der Vogel, den sein eigenes Nest beschmutzt, es reinigen möchte, weil er Lust und Mut hat zu dieser Arbeit, so sagen die anderen Vögel, die sich im Schmutze wohl fühlen, er »beschmutze« das Nest. Der Zusammenstoß zwischen einer Wirklichkeit und einer Metapher ist immer eine Katastrophe: der Zustand der Schmutzigkeit und dessen Darstellung, die ein Beschmutzen genannt wird von jenen, die den Schmutz zwar haben, aber verbergen wollen. Nun, ich habe mein ganzes Leben hindurch nichts anderes als dieses Beschmutzen getrieben und mir dafür den Haß der Schmutzigen bis zu einem Grade zugezogen, der in der Geschichte des Geisteslebens ohne Beispiel sein dürfte. Dieser Haß, der das Machtmittel der Presse durch dessen Ausschaltung betätigt, durch die Exekutive des Totschweigens – dieser Haß ist noch gewachsen durch das vernichtende Gefühl der vollkommenen Wehrlosigkeit, in der sich die Mächtigen mir gegenüber befinden, die Mächtigen dieser Erde, die Preßtyrannen, vor denen die Ohnmachthaber der Staaten und Kunstwelten im Staube liegen, und die bei mir keinen Respekt durchzusetzen vermögen. Der vernichtenden Wehrlosigkeit, da sie erkennen, daß mich der Verzicht auf ihre Gunst und Gnade nicht geschwächt hat, sondern gestärkt, und daß mein Pfeifen auf diese Gunst schon ein Pfiff ist, der mit Vehemenz ihr Totschweigen durchdringt und es ihnen selbst unheimlich macht. Daß nun mit solchem Ausdruck völliger Wurstigkeit gegen jedweden äußeren Erfolg es etwa das Trampeln abgehender Hörer aufnehmen könnte, wie es neulich hier erlebt wurde, ist natürlich eine Wahnidee. Solche Reaktion der Minderwertigkeit könnte doch nur als Verletzung der Gastfreundschaft im engsten und im weiteren Sinne in Betracht kommen; es ist Sache der Hörwilligen, sich gegen die gewalttätige Störung ihres Rechtes zu schützen, und es wird erforderlichen Falles an ihnen sein, den Triumph des freiwilligen Abganges rechtzeitig in die Niederlage des unfreiwilligen zu verwandeln. Unbeschadet aller Befugnisse des Hörers, seinem Beifall oder seinem Mißfallen in einer der üblichen Formen Ausdruck zu geben, bin ich als Sprecher natürlich keineswegs gesonnen, zu dulden, daß sich individuelle Teile von der Hörerschaft loslösen und sich gebärden, als ob für sie oder gegen sie gesprochen wäre. Ich spreche nur zu allen, die ich mir, um überhaupt sprechen zu können, vorstellen muß als solche, die mich entweder schon verstehen oder mich verstehen lernen wollen. Ich habe keine Geschäfte im Sinn und keine Machtstütze als die meines Wortes. Wer es nicht versteht, mag es nicht verstehen, wer es verschmäht, mag es verschmähen; nur hüte er sich, anderen, die es annehmen und verstehen wollen, das Geräusch der eigenen Persönlichkeit aufzudrängen, die in diesem Saal nicht das Wort hat, solange ich es habe. Wenn es niemand hören wollte, so erlebte ich weiß Gott keine größere Enttäuschung als die, deren Gefühl doch der Inhalt meines ganzen Wirkens ist. Man sieht, es ist wieder einer der zahllosen winzigen Anlässe, um zu menschheitlich Gültigem, Prinzipiellem zu gelangen, und es hängt mit dem Problem dieser Darbietungen vor dem Ausland zusammen. Soweit dieses Problem eine Taktfrage ist, wird es von Tramplern schwer zu einer befriedigenden Lösung gebracht werden und die Art, wie an deutschem Wesen die Welt genesen soll, wird, glaube ich, schon eine andere sein müssen. Als neulich hier der Name des fragwürdigen Repräsentanten deutscher Kultur fiel, gegen den im Auslande zu wirken einer wohlverstandenen Mission für die deutsche Kultur gemäß ist, entstand pünktlich etwas Unruh. Da ein Zitat gebracht wurde, wo er selbst den Eindruck vom Milieu der deutschen Botschaft beschreibt und übertreibt, so sagte ich freilich, es fehle der Welt für das, was da hörbar wird, der Glaube. Aber sollte sie ihn gewinnen, wenn es sich in Trampeln und Türenzuschlagen manifestiert? Ob nun kleine deutschnationale oder gar libertinische Literaten sich hier als Schützer der deutschen Sache aufspielen – ich glaube ihr mit jedem Wahrwort besser zu dienen und meine Kulturkritik weist es von sich, mit diesem widerlichen Aufgehebe von nationalen Ehrenpunkten, mögen sie nun die deutsche oder welche Botschaft immer betreffen; irgendetwas zu tun zu haben. Ein sonderbarer Zufall wollte es, daß ich wenige Minuten vor der Belästigung im Zimmer da hinten ein Telegramm aus Deutschland empfangen habe, das den Wortlaut hat:

Herzliches Gedenken heutiger Vorlesung als wirklicher Repräsentation deutschen Geistes.

Ja, ich neige mit dem Absender dem Wahne zu, daß ein freies, von keiner Macht nationalen Irrsinns beeinflußbares Wirken gegen die Übel im eigenen Lebenskreise den wahren Dienst an dessen Kultur bedeutet, die wahre Huldigung für deren hohe und so tief kompromittierte Schätze. Ich glaube, daß der Autor, der kürzlich hier den während des Krieges geschriebenen Satz gesprochen hat – in der Satire auf die österreichischen Kriegsschulaufsätze wie »Die Hauptgestalten in Goethes Egmont oder der verschärfte U-Bootkrieg« –, den Satz. »wir Deutsche möchten schließlich doch der Welt mit dem Egmont noch mehr imponieren als mit dem verschärften U-Bootkrieg« – ich glaube, daß dieser Autor frei von dem Verdacht wirken kann, er sei ein Verkleinerer deutschen Wertes in der schmählichen Absicht, sich der fremden Macht anzubiedern. Und ich glaube nicht, daß Schopenhauer auf ausländischem Terrain ein Jota von seiner Kritik der landsmännischen Verhunzer und Besudler seiner edlen Sprache verleugnet oder unterdrückt hätte. Um aber meiner Berufung zum Angriff gegen die heimischen Übel jedes Mißverständnis fernzuhalten, und zur Ehre der heimischen Sache, möchte ich darauf hinweisen, daß selbst deren extremste Schützer noch lichte Momente haben, in denen sie der Erkenntnis zugänglich sind, daß auch der Angreifer ihr auf seine Weise dient. Unmöglich hätte sonst in der repräsentierenden Zeitung der deutschnationalen Politik vor einigen Monaten die folgende Kritik meines Kriegswerkes erscheinen können unter dem Titel »Der Triumph des Thersites«. Der bin aber nicht ich, von dem es doch heißt:

Wir trennen ein Buch, dessen literarischer Unwert sich mit Niedrigkeit der Gesinnung paart, von Werken, die genialer Gestaltungskraft, der reinsten Absicht und der tiefsten Einsicht den Ursprung verdanken, wie jene »Letzten Tage der Menschheit« des einzigen Karl Kraus, der berufen war, einem Staate den Fluch und Hohn nachzurufen, dem er durch Jahrzehnte ins Angesicht getrotzt hatte ...

Ich bedürfte eines solchen Zitats aus dem Blatte des Herrn Stresemann nicht zu meiner Rechtfertigung, aber es diene zur Zurückweisung des frechen Anspruchs, mir in Sachen des Geistes Beschränkungen diktieren zu wollen, die dem Maße der Beschränktheit entsprechen. Daß hier ein beliebiger deutscher Literat, der sich vielleicht durch Trampeln besser als durch die Sprache vernehmbar macht, es wagen wollte, die deutsche Sache, die deutsche Botschaft gegen mich zu vertreten, daraus könnte mir doch keine Einschüchterung erwachsen, sondern höchstens eine Satire.

Ein für allemal: ich habe mein ganzes Leben lang nichts anderes geschrieben als Dinge, durch die ein ideales Ziel im Menschlichen aus der Unvollkommenheit des Vaterländischen gefördert wird. Wer mich der Niedrigkeit für fähig hält, daß ich um des stofflichen Ausgangspunktes willen, eben zu dessen Erniedrigung, das Gehör des Auslands suche, macht sich solcher Gesinnung selbst verdächtig und ist ein Vogel, der zu dem Vorteil, sein Nest verlassen zu haben, auch noch das Geschäft machen möchte, reiner Herkunft zu sein. Mein ganzes Werk und insbesondere mein Kriegswerk besteht aus nichts anderem als aus dem, was der Menschheit ist, ihrer Ehre und ihres Geistes, in der Sprache und in der Materie des deutschen und österreichischen Erlebnisses. Daß ich mit dieser Sprache und mit dem Mut, sie zu sprechen, ein deutscher Schriftsteller war, das zu verleugnen wird mir nicht gelingen; das hoffe ich von einem ferneren Forum anerkannt zu erhalten.


(Aus: Karl Kraus: Vor der Walpurgisnacht. Aufsätze 1925-1936)