Freitag, 21. Juli 2017

Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, 4. Buch 326

326.

Die Seelen-Aerzte und der Schmerz. — Alle Moralprediger, wie auch alle Theologen, haben eine gemeinsame Unart: alle suchen den Menschen aufzureden, sie befänden sich sehr schlecht und es thue eine harte letzte radicale Cur noth. Und weil die Menschen insgesammt jenen Lehren ihr Ohr zu eifrig und ganze Jahrhunderte lang hingehalten haben, ist zuletzt wirklich Etwas von jenem Aberglauben, dass es ihnen sehr schlecht gehe, auf sie übergegangen: sodass sie jetzt gar zu gerne einmal bereit sind, zu seufzen und Nichts mehr am Leben zu finden und miteinander betrübte Mienen zu machen, wie als ob es doch gar schwer auszuhalten sei. In Wahrheit sind sie unbändig ihres Lebens sicher und in dasselbe verliebt und voller unsäglicher Listen und Feinheiten, um das Unangenehme zu brechen und dem Schmerze und Unglücke seinen Dorn auszuziehen. Es will mir scheinen, dass vom Schmerze und Unglücke immer übertrieben geredet werde, wie als ob es eine Sache der guten Lebensart sei, hier zu übertreiben: man schweigt dagegen geflissentlich davon, dass es gegen den Schmerz eine Unzahl Linderungsmittel giebt, wie Betäubungen, oder die fieberhafte Hast der Gedanken, oder eine ruhige Lage, oder gute und schlimme Erinnerungen, Absichten, Hoffnungen, und viele Arten von Stolz und Mitgefühl, die beinahe die Wirkung von Anästheticis haben: während bei den höchsten Graden des Schmerzes schon von selber Ohnmachten eintreten. Wir verstehen uns ganz gut darauf, Süssigkeiten auf unsere Bitternisse zu träufeln, namentlich auf die Bitternisse der Seele; wir haben Hülfsmittel in unserer Tapferkeit und Erhabenheit, sowie in den edleren Delirien der Unterwerfung und der Resignation. Ein Verlust ist kaum eine Stunde ein Verlust: irgendwie ist uns damit auch ein Geschenk vom Himmel gefallen — eine neue Kraft zum Beispiel: und sei es auch nur eine neue Gelegenheit zur Kraft! Was haben die Moralprediger vom inneren „Elend“ der bösen Menschen phantasirt! Was haben sie gar vom Unglücke der leidenschaftlichen Menschen uns vorgelogen! — ja, lügen ist hier das rechte Wort: sie haben um das überreiche Glück dieser Art von Menschen recht wohl gewusst, aber es todtgeschwiegen, weil es eine Widerlegung ihrer Theorie war, nach der alles Glück erst mit der Vernichtung der Leidenschaft und dem Schweigen des Willens entsteht! Und was zuletzt das Recept aller dieser Seelen-Aerzte betrifft und ihre Anpreisung einer harten radicalen Cur: so ist es erlaubt, zu fragen: ist dieses unser Leben wirklich schmerzhaft und lästig genug, um mit Vortheil eine stoische Lebensweise und Versteinerung dagegen einzutauschen? Wir befinden uns nicht schlecht genug, um uns auf stoische Art schlecht befinden zu müssen!

Donnerstag, 20. Juli 2017

Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, 4. Buch 325

325.

Was zur Grösse gehört. — Wer wird etwas Grosses erreichen, wenn er nicht die Kraft und den Willen in sich fühlt, grosse Schmerzen zuzufügen? Das Leidenkönnen ist das Wenigste: darin bringen es schwache Frauen und selbst Sclaven oft zur Meisterschaft. Aber nicht an innerer Noth und Unsicherheit zu Grunde gehn, wenn man grosses Leid zufügt und den Schrei dieses Leides hört — das ist gross, das gehört zur Grösse.

Mittwoch, 19. Juli 2017

Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, 4. Buch 324

324.

In media vita. — Nein! Das Leben hat mich nicht enttäuscht! Von Jahr zu Jahr finde ich es vielmehr wahrer, begehrenswerther und geheimnissvoller, — von jenem Tage an, wo der grosse Befreier über mich kam, jener Gedanke, dass das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe — und nicht eine Pflicht, nicht ein Verhängniss, nicht eine Betrügerei! — Und die Erkenntniss selber: mag sie für Andere etwas Anderes sein, zum Beispiel ein Ruhebett oder der Weg zu einem Ruhebett, oder eine Unterhaltung, oder ein Müssiggang, — für mich ist sie eine Welt der Gefahren und Siege, in der auch die heroischen Gefühle ihre Tanz- und Tummelplätze haben. „Das Leben ein Mittel der Erkenntniss“ — mit diesem Grundsatze im Herzen kann man nicht nur tapfer, sondern sogar fröhlich leben und fröhlich lachen! Und wer verstünde überhaupt gut zu lachen und zu leben, der sich nicht vorerst auf Krieg und Sieg gut verstünde?

Dienstag, 18. Juli 2017

Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, 4. Buch 323

323.

Glück im Schicksal. — Die grösste Auszeichnung erweist uns das Schicksal, wenn es uns eine Zeit lang auf der Seite unserer Gegner hat kämpfen lassen. Damit sind wir vorherbestimmt zu einem grossen Siege.

Montag, 17. Juli 2017

Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, 4. Buch 322

322.

Gleichniss. — Jene Denker, in denen alle Sterne sich in kyklischen Bahnen bewegen, sind nicht die tiefsten; wer in sich wie in einen ungeheuren Weltraum hineinsieht und Milchstrassen in sich trägt, der weiss auch, wie unregelmässig alle Milchstrassen sind; sie führen bis in’s Chaos und Labyrinth des Daseins hinein.

Sonntag, 16. Juli 2017

In memoriam of Liu Xiaobo

We recommend to read these articles to remember Liu Xiaobo and to deepen the understanding of China, the mighty country, which is so afraid of free spirits.
 












Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, 4. Buch 321

321.

Neue Vorsicht. — Lasst uns nicht mehr so viel an Strafen, Tadeln und Bessern denken! Einen Einzelnen werden wir selten verändern; und wenn es uns gelingen sollte, so ist vielleicht unbesehens auch Etwas mitgelungen: wir sind durch ihn verändert worden! Sehen wir vielmehr zu, dass unser eigener Einfluss auf alles Kommende seinen Einfluss aufwiegt und überwiegt! Ringen wir nicht im directen Kampfe! — und das ist auch alles Tadeln, Strafen und Bessernwollen. Sondern erheben wir uns selber um so höher! Geben wir unserm Vorbilde immer leuchtendere Farben! Verdunkeln wir den Andern durch unser Licht! Nein! Wir wollen nicht um seinetwillen selber dunkler werden, gleich allen Strafenden und Unzufriedenen! Gehen wir lieber bei Seite! Sehen wir weg!

Samstag, 15. Juli 2017

Kulturförderung in Deutschland. Eine Expertinnenstimme.

Ein Artikel vom Goethe-Institut, im Newsletter des Goethe-Instituts China kürzlich versandt:
[Anmerkungen am Schluss hinzugefügt.]


Kulturförderung in Deutschland „Klassische Hochkultur verliert ihre Relevanz“


Nirgendwo auf der Welt gibt es im Vergleich zur Einwohnerzahl so viele Theater, Museen und Konzerthäusern wie in Deutschland. Das liegt auch an einem einzigartigen Fördersystem. Die Daten belegen: Kulturförderung wird groß geschrieben in Deutschland. Im Gespräch erklärt Birgit Mandel, Professorin für Kulturvermittlung und Kulturmanagement der Universität Hildesheim, warum sich die Förderung dennoch ändern sollte.

Frau Mandel, im Januar 2017 eröffnete die Elbphilharmonie in Hamburg. Allein der Bau hat etwa 800 Millionen Euro gekostet, der Betrieb wird weitere Milliarden verschlingen. In Deutschland werden solche großen Kulturinstitutionen sehr stark staatlich gefördert. Ist das eigentlich sinnvoll?

Zumindest ist es Ausdruck der Art und Weise, wie wir in Deutschland Kultur fördern: Mit hohem finanziellen Einsatz und einer Vorliebe für klassische bürgerliche Hochkulturinstitutionen.
 
Bei den Fördersummen für einzelne Kulturbereiche im Jahr 2013 wird nicht nach Bund, Ländern oder Gemeinden unterschieden. Der mit Abstand größte Anteil öffentlicher Gelder (35 Prozent) floss in den Bereich „Theater und Musik“ – so viel, wie die zwei nächstgrößten Kategorien, „Bibliotheken“ und „Museen und Ausstellungen“ zusammen. Insgesamt erhielten diese drei mehr als zwei Drittel der öffentlichen Kulturfördermittel.

Das sieht man auch an der Verteilung der Fördergelder. Theater, Musik und Museen erhalten mehr als die Hälfte der Mittel.

Ja, das ist richtig. Und auch in absoluten Zahlen sind die Summen beeindruckend. Mit insgesamt rund 9,9 Milliarden Euro staatlicher Kulturförderleistungen sind wir absoluter Spitzenreiter weltweit – auch wenn dies nur 1,7 Prozent des Gesamtetats der öffentlichen Haushalte ausmacht. Abgesehen davon gibt es noch eine weitere Besonderheit des deutschen Fördersystems, das den hohen Stellenwert der Hochkultur in der Fördermittelvergabe erklärt.

Welche Besonderheit ist das?

Es ist die dezentrale Organisation. Jedes der 16 Bundesländer ist hauptverantwortlich für die Kulturförderung. Hinzu kommt das Subsidiaritätsprinzip, das besagt, dass immer zuerst die kleinste Verwaltungseinheit eine entsprechende Aufgabe übernimmt, bevor die jeweils übergeordnete Institution übernimmt. Im Falle der Kulturförderung sind die kleinsten Einheiten die Städte und Kommunen, sie tragen 45 Prozent der Kulturförderung. Die Länder übernehmen rund 40 und der Bund rund 15 Prozent. Und diese Konstellation wiederum führt zu einer sehr hohen Dichte an kulturellen Angeboten, die so wahrscheinlich auch weltweit einzigartig ist.

Könnten Sie das bitte erklären.

Wenn jedes Bundesland eigenverantwortlich für das Kulturangebot ist, entsteht der Anspruch, jeweils eigene repräsentative Kulturstätten anbieten zu können. Dabei stehen die Bundesländer auch in Konkurrenz zueinander. Insgesamt haben wir in Deutschland über 150 öffentliche Theater, oftmals Drei-Sparten-Häuser mit Repertoirebetrieb, 130 öffentliche Symphonie- und Kammerorchester, rund 6.000 Museen, davon ungefähr die Hälfte öffentlich gefördert, 40 Festspielhallen und zirka 7.000 Festivals. Ein Viertel aller professionellen Musikorchester und 14 Prozent aller permanenten Opernhäuser weltweit befinden sich in Deutschland; hinzu kommen zirka 8.000 Bibliotheken.
 
Länder und Gemeinden bestritten 2013 den Großteil der Kulturförderung. Bei den Bereichen „Theater und Musik“, „Museen und Ausstellungen“ sowie „Bibliotheken“ stellen die Gemeinden jeweils mindestens die Hälfte der Finanzmittel. Der Bund dagegen ist besonders aktiv bei Kultureinrichtungen in der Bundeshauptstadt Berlin sowie bei kulturellen Auslandsaktivitäten.
Lassen Sie uns etwas näher auf die Rolle des Bundes in diesem System eingehen. Auffällig ist, dass dieser nur wenig zur Förderung etwa von Theater und Musik beiträgt; den Bereich Kulturelle Förderung im Ausland übernimmt der Bund jedoch fast ganz alleine. Warum ist das so?

Grundsätzlich hat der Bund im deutschen föderalistischen Fördersystem sehr eingeschränkte Zuständigkeiten; er ist im Prinzip nur für Förderung gesamtstaatlicher Angelegenheiten wie den Schutz besonderen Kulturgutes, das preußische Kulturerbe mit seinen Museen und Schlössern, Spezialbibliotheken, die überregionale Filmförderung und eben die internationalen kulturellen Beziehungen verantwortlich. Was wir allerdings in den letzten Jahren beobachten, ist eine stete Zunahme der Bundesmittel, besonders für bundesweite modellhafte Förderprogramme, unter anderem in der Kulturellen Bildung.

Kommen wir zurück zur Elbphilharmonie. War der Bau im Sinne der Kulturförderung eine gute Investition?

Das kommt darauf an, wie man definiert, was Kulturförderung leisten soll. Auf der einen Seite wissen wir, dass Prestigeprojekte wie die Elbphilharmonie eine wichtige Rolle für die kulturelle Identität einer Stadt oder Region spielen. Selbst wenn Menschen solche Häuser gar nicht nutzen, neigen sie dennoch dazu, sich positiv mit ihnen zu identifizieren. Auf der anderen Seite erhebt Kulturförderung in Deutschland spätestens seit den 1970er-Jahren unter anderem den Anspruch, zur kulturellen Bildung für alle Bevölkerungsgruppen in unserer Gesellschaft beizutragen. Die große Frage ist, ob sie diesem Anspruch gerecht werden kann. Wir wissen inzwischen, dass nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung, größtenteils Akademiker mit gehobenem sozialen Status, Kultureinrichtungen wie Konzerthäuser, Theater und Museen überhaupt nutzen. 

„HOCHKULTUR GILT ALS KERN DEUTSCHER IDENTITÄT“

Aber war Hochkultur nicht schon immer nur an ein Nischenpublikum gerichtet?

Tendenziell ja, wobei das Interessante am deutschen Kulturfördersystem ist, dass das im Grunde gar keine Rolle spielt. In Deutschland ist die Auffassung, dass Kunst und Kultur ein wichtiges gesamtgesellschaftliches Gut sind, fest in der öffentlichen Meinung verankert. Es wird auch durch das Grundgesetz gestützt: Kulturpolitik basiert auf der Kunstfreiheitsgarantie [Art.5 Abs.3 Satz 1 GG, Anm.d.Red.]. Daraus leitet sich durch ergänzende Gesetzeserklärungen ab, dass der Staat diese Autonomie sichern muss, indem er Kunst und Kultur fördert, um sie auch von den Zwängen des freien Marktes und konkreten Nutzenerwartungen zu schützen.

Das ist doch eigentlich ein guter Gedanke.

Grundsätzlich ja, aber er hat eben auch dazu geführt, dass es in Deutschland lange Zeit überhaupt kein Bedürfnis gab, sich mit der tatsächlichen Nutzung der öffentlich geförderten Angebote zu beschäftigen. Die klassische bürgerliche Hochkultur gilt immer noch als Kernbestandteil einer deutschen Identität, die selbst von denjenigen nicht hinterfragt wird, die darunter leiden, dass große Häuser in der Vergabe der Mittel so drastisch bevorzugt werden: die freie Kulturszene oder die Soziokultur. Dabei unterliegt jedoch genau diese sogenannte Identität einem Wandel.

Mit welchen Veränderungen haben wir es zu tun?

Für einen immer größeren Teil der deutschen Bevölkerung verliert klassische Hochkultur ihre Relevanz. Das hat zum einen mit einer generellen Veränderung der Rezeptionsgewohnheiten zu tun, auch bedingt durch die Digitalisierung. Ein weiterer Aspekt sind die neuen Impulse, die von Migrationsbewegungen ausgehen. Menschen anderer ethnischer Herkunft tragen andere Rezeptionsgewohnheiten und kulturelle Vorlieben in unsere Gesellschaft. Die große Herausforderung für Kunstbetrieb und Kulturpolitik in Deutschland besteht darin, die bestehenden Institutionen gemeinsam mit neuem Publikum, neuen Nutzern, neuen Akteuren zu verändern. Zudem müssen dem institutionalisierten Kulturbetrieb neue, flexiblere Organisationsformen entgegengesetzt werden, die auch kulturelle Interessen zukünftiger Generationen und Kulturschaffender berücksichtigen.
 
Prof. Dr. Birgit Mandel leitet den Bereich Kulturvermittlung und Kulturmanagement im Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Sie ist unter anderem Vize-Präsidentin der Kulturpolitischen Gesellschaft sowie Aufsichtsratsmitglied der Berlin Kulturprojekte GmbH.

[* 1963; eine wissenschaftliche Arbeit ist als pdf abrufbar: Mandel, Birgit/Renz, Thomas (Hg.): Mind the gap? Zugangsbarrieren zu kulturellen Angeboten und ein kritischer Diskurs über Konzeptionen niedrigschwellige Kulturvermittlung. Hildesheim/Berlin 2014. Download.]

Zu den Visualisierungen
Die Daten stammen aus dem Kulturfinanzbericht 2016, den die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder alle zwei Jahre herausgeben. Darin werden alle öffentlichen Ausgaben für Kultur gesammelt und ausgewertet. Aufgrund des hohen zeitlichen Aufwands (bis zur Gemeindeebene müssen alle Daten vorliegen) bezieht sich der Kulturfinanzbericht 2016 auf das Jahr 2013.
Im Kulturfinanzbericht sind im Wesentlichen die Kulturausgaben der öffentlichen Hand enthalten. Private Mittel, zum Beispiel aus Stiftungen, finden sich nur als Schätzung. Demnach flossen 2013 aus dem privaten Bereich 1,17 Milliarden Euro an öffentlich geförderte Einrichtungen. Ohne öffentliche Zuschüsse arbeitende Kultureinrichtungen wie Musical-Theater sind im Kulturfinanzbericht nicht aufgeführt.
Die öffentlichen Ausgaben für Kultur erreichten im Jahr 2013 mit 9,892 Milliarden Euro 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dies entspricht 1,68 Prozent des Gesamtetats aller öffentlichen Haushalte. Bund, Länder und Gemeinden stellten also pro Einwohner 122 Euro der Kultur zur Verfügung. Dabei wies der Bund der Kultur 0,8 Prozent seiner Gesamtausgaben zu, die Länder 1,8 Prozent und die Gemeinden 2,4 Prozent. Nicht enthalten sind in beiden Visualisierungen die sogenannten kulturnahen Bereiche: Für Rundfunkanstalten, Fernsehen, kirchliche Angelegenheiten, Volkshochschulen und sonstige Weiterbildung gaben Bund, Länder und Gemeinden im Jahr 2013 1,9 Milliarden Euro aus. Zusammen mit den 9,892 Milliarden Euro belaufen sich die öffentlichen Kulturausgaben auf rund 11,8 Milliarden Euro.
Viele der dargestellten Kategorien sind ohne größere Erklärungen verständlich. Bei einigen sind kurze Erläuterungen hilfreich: „Bibliotheken“ beinhaltet im Kulturfinanzbericht „öffentliche, wissenschaftliche und Spezialbibliotheken“. Denkmalschutz umfasst neben künstlerisch herausragenden Einzeldenkmälern auch historische Ortskerne, Parks oder Industriebauten. Die Kategorie „Sonstige Kulturpflege“ schließlich sind “Mittel für die Filmförderung, die Förderung der Kultur der Vertriebenen, der Volks- und Heimatkunde sowie die kommunalen Ausgaben für Heimatpflege”.

Autor
Interview: Klaus Lüber, Kultur- und Medienwissenschaftler, arbeitet als freier Autor.
Datenanalyse/Datengrafik: Michael Hörz, Datenjournalist und Spezialist für Open Data. 

Copyright: Text: Goethe-Institut, Klaus Lüber. Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
Creative Commons Lizenzvertrag
März 2017
Links zum Thema: Kulturfinanzbericht 2016 

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Anmerkungen:

Sprachliche und inhaltliche Feinheiten: Der Interviewer fragt, nachdem er einen Ausgangswert genannt hat und eine falschfolgernde Erwartung formuliert nach der Sinnhaftigkeit und erhält von der Expertin KEINE direkte Antwort:

Allein der Bau hat etwa 800 Millionen Euro gekostet, der Betrieb wird weitere Milliarden verschlingen.[Weitere Miulliarden wäre korrekt und sinnvoll, wenn bereits mindestens eine Milliarde ausgegeben worden wäre. Aber er selbst nennt eine Summe von nur 800 Millionen, denkt aber in Milliarden. Ist ja nicht so wichtig, genau zu sein...]

Ist das eigentlich sinnvoll?
Antwort siehe oben. Diplomatensprache, Ausweichen...

Wie bemisst und bewertet man eine "gute Investition"? Der Interviewer fragt bezüglich der Elbphilharmonie. Man erinnere sich: Bei der Eröffnung wurde betont, dass die X-fache Überschreitung der Baukosten, die Korruptionen und Misswirtschaften überhaupt keine Rolle spielen, nur Kleingeister sich daran stoßen, gemessen am Einmaligen, was erreicht wurde. – Und tatsächlich lobten fast alle das unnötige Gebäude, schluckten die Misswirtschaft und die Korruption, die enorme Geldverschwendung, weil das Resultat so einmalig war. Wie bei den Pyramiden, wie bei der chinesischen Mauer. Wer fragt da noch nach vernünftigen Relationen oder gar rechtlichen? Es geht um Größe und Geschäft und – Identität! Hamburg ist groß, Deutschland ist mächtig, die Deutschen sind gebildet und kultiviert und zahlen. Zahlmeister! 
War also der Bau der Elbphilharmonie "im Sinne der Kulturförderung eine gute Investition?"

Was sagt die Expertin, die Frau Professorin? Sie weicht wieder einer klaren oder eigenen Beurteilung aus und offeriert, wie eine Beobachterin, eine Feststellung über die Relevanz von Standpunkten: es käme darauf an, wie man definiere, was Kulturförderung leisten solle. Wer hätte das Gedacht? Die Frage war ja danach, wie gut diese Kulturförderung im Falle der Elbphilharmonie war. Dann erklärt die Professorin, was die meisten auch ohne ihre Erklärung wissen: dass Prestigeprojekte wichtig sind für die kulturelle Identität... 
Dann kommt sie zu ihrem 2. Problemkern: Bildungsauftrag seit den 1970er-Jahren: "Die große Frage ist, ob sie diesem Anspruch gerecht werden kann." Na, die große Frage wird also seit Jahrzehnten gehört und irgendwie, wahrscheinlich in der vagen Art der ideologisierenden, politisierenden Professorin beantwortet, indem sie NICHT beantwortet wird. Die angehängte Pseudoerklärung hebt einen Minderheitenaspekt hervor, gibt aber keine Stellungnahme oder Richtungsweisung, wie gehandelt werden sollte. Ein Paradebeispiel, wie man als Expertin, als Vertreterin einer Profession, eines Instituts, einer Universität, unverbindlich bleibt, viel schwätzt, aber nichts Relevantes sagt. Wenn die Unterrichts- und Forschungstätigkeit sich ähnlich gestaltet wie dieses Gerede, ist wirklich nichts Konkretes zu erwarten. (Man kann ja die Publikationsliste in der Internetseite ihres Universitätsinstituts ansehen und alles lesen oder Rezensionen suchen, um einen Eindruck vom modernen Kulturforschen zu erhalten...)

Der Interviewer bemerkt, dass Hochkultur immer nur an ein Nischenpublikum gerichtet war. In der Antwort verweist die Professorin auf die in Deutschland anerkannte Wichtigkeit des kulturellen gesamtgesellschaftlichen Guts und die Kunstfreiheitsgarantie. Worauf der Interviewer anmerkt, dass das eigentlich ein guter Gedanke sei. Antwort: Grundsätzlich ja, aber. Was ist das "aber"?

Die klassische bürgerliche Hochkultur gelte immer noch als Kernbestandteil einer deutschen Identität, aber für einen immer größeren Teil der deutschen Bevölkerung verliere die klassische Hochkultur ihre Relevanz, vor allem wegen der Änderung der Rezeptionsgewohnheite und wegen der Migrationsbewegungen. Die Immigranten werden als dem deutschen Volk zugerechnet. Folgerung: die Institutionen müssen mit dem neuen Publikum sich verändern. Inwieweit? Keine präzisen oder konkreten Angaben. Aus dem Gesagten lässt sich aber schließen, dass eine Ausrichtung auf die neuen Kulturwerte erfolgen solle. 

Worum könnte es sich dabei handeln? Ähnlich wie in den USA, wo es fast keine öffentliche Förderung gibt, wo der Markt reguliert, der Massengeschmack oder die privaten Sponsoren und Mäzene? Eine pseudodemokratishe Ansicht als Allheilmittel, als Legitimation des Bildungsauftrages für ALLE Bevölkerungsschichten. Und weil die Mehrheit auf Hochkultur keinen Wert legt,  Neuausrichtung auf Quantitäten, Quote und Massengeschmack. Denn Kultur oder Kunst hat demokratisch zu sein.

Noch ein wichtiger Aspekt wird von der Expertin genannt: dem Kulturbetrieb sind "neue, flexiblere Organisationsformen" entgegenzusetzen. Aha. Also Gegnerschaft zum Eingerichteten, weil es als Hochkultur nur viel kostet, aber hauptsächlich die sogenannte Elite bedient. Man wundert sich, dass nicht auch die Universitäten stärker dem Bildungsabbau sich verpflichten, als sie es schon unternehmen, weil ja niemand, der wahrer Demokrat ist, diese Elitenpflege gutheißen mag und darf. Die Forderung wird untermauert mit der fadenscheinigen Begründung, dass damit auch die "kulturelle[n] Interessen zukünftiger Generationen und Kulturschaffender" berücksichtigt würden.

Wie kommt die Expertin zu so einer verwegenen, philosophisch dennoch unhaltbaren Aussage? In ihren Augen, in ihrem Kurzdenken, scheint die Zukunft als Gegebenes, Bemessbares, Sicheres verwaltbar. Der verwaltende und verwaltete Mensch muss Verantwortung für die Zukunft, für die zuikünftigen Generationen tragen. (Hat sie denn die Schriften über den verwalteten Menschen in den Werken der Frankfurter Schule nie gelesen und bedacht?) Was für Unbedarft als sozialverantwortlich zukunftsorientiert lesbar scheint, entpuppt sich in anderer Lesart als ungeheure Anmaßung, als Vorwegnahme des Künftigen, als Schmälerung der Möglichkeiten und Potentiale, weil heute bereits etwas geschaffen werden soll, das die zukünftgen Generationen dann haben werden. Immer haben die Nachfahren etwas. Aber wann ließ und ließe sich beurteilen, dass das Visionieren von Zukünftigen tatsächlich so eintrat oder eintreten werde, wie es sich die Expertin, der kleine Maxl oder die tapfere Liese es sich heute vorstellen, denn ihr Denken und Handeln findet bedingterweise immer vom Gegenwärtigen aus statt. Die Erwartbarkeit, die Ahnung eines Zukünftigen ist bedingterweise schwach und extrem tentativ. Wer hätte vor Jahren in seinen Prognosen der Zukunft oder der Zukünfte gewagt zu denken, dass in einer Zeit, die heute unsere Gegenwart darstellt, eine derart immense Flüchtlingsbewegung existiert, dass allerorten Chauvinismen, Nationalismen und faschistoide oder faschistische Systeme erstarken, dass die westliche Leitmacht selbst ihren faschistischen Kern zutage fördert, dass die Briten einen Exit dem realistischen europäischen Zusammenwirken vorziehen? Wer hätte je geahnt oder gedacht, gar erwartet, dass ein ungebildeter Rülpel, ein Rassist und Fotzengreifer (pussy graber) sogar die Stimmen eines hohen Anteils weiblicher Wählerschaft gewinnt? Wer hätte vermutet, dass der islamofaschistische Staat der Türkei wie einige hinterwäldlerische US Bundesstaaten die Naturwissenschaften ins Eck stellt, die Kreationenlehre präferiert und Jagd auf unliebsames, freies Denken veranstaltet? Und das alles mit heftiger Unterstützung seitens der EU. Welche kulturellen Interessen will da die Frau Professor berücksichtigt wissen?

Heute, da im Unterricht mittlerer und höherer Schulen KEINE geistige und kulturelle Traditionspflege mehr unternommen wird, es keine Wertstruktur mehr gibt, die man der früheren Hochultur zurechnen könnte, da eben die Reste der Hochkultur deshalb so teuer in Prestigeprojekten inszeniert werden, soll auch neben der einnebelnden Popkultur, dem übliche Sprachslang und dem Regime des Neudeutsch oder Einfachdeutsch weiter reduziert und vereinfacht werden, damit die pseudodemokratische Legitimation funktioniert? Das bedeutet, es geht NICHT darum, das Bildungsniveau zu heben, die Migranten und Zuwanderer (ha, was für ein Wort!) sozialisierend zu integrieren, sondern sie, wie der dumme Volksmund meint, abzuholen wo sie sind, allerdings nicht, um sie anders wohin zu bringen (was ja Bildung täte, unternähme), sondern, umgekehrt, die Institutionen so zu ändern, dass sie sich dem niederen Niveau anpassen. Keine Hochsprache mehr, kein kompliziertes Denken, dafür Leichtsprech, Betreuerverhalten, Bevormundung auf eine Weise, die das Gefühl vermittelt, dazuzugehören, dabei zu sein. Aber da stellt sich das Problem wie mit der Freiheit: es ist ein wesentlicher Unterschied, ob ich frei bin oder nur das Gefühl habe frei zu sein. Die Manager der Verwaltungswelt, als welche sich Frau Mandel darstellt, wollen Gefühle vermitteln. Sie täuschen also. 


Die Misere und Malaise sind dabei nicht auf solche Expertinnen beschränkt. Anhand von Artikeln wie "Denkkultur. Das coole Intellektuellenbuch, das in den 1960er und 1970er Jahren für Furore sorgte, ist tot – warum nur? (von Jan Söffner, NZZ 12.7.2017) kann man das überaus niedere Nivau einerseits der universitären Lehre ablesen (Söffner ist professoraler Kulturtheoretiker der Zeppelin Universität), andererseits den Niedergang einer Zeitungbemessen, die bislang als Qualitätsblatt angesehen wurde (/NZZ), heute aber offentlichtlich ohne redaktionelle Reaktion Schwachtexte in einem üblen Neudeutschjargon, inhaltlich schwach argumentiert, unkritisch übernimmt. Belege wie diesen für die Nichtexistenz einer stilisierten Hochkultur gibt es zuhauf. Ebenfalls ein Uniprofessor (diesmal in St. Gallen), Dieter Thomä, glänzte schon öfters mit bornierten Aussagen zu Heidegger oder kürzlich zu Thoreau (NZZ 8.7.2017). Dort durfte der verdutzte Leser erfahren, dass man Amerika auch lieben dürfe – "zum Beispiel dafür, dass es Henry David Thoreau in seine Heldengalerie aufgenommen hat." Der Satz insinuiert, dass Amerika nicht geliebt werde, dass es eine humanistische Heldentat darstelle, es AUCH zu lieben, weil... Zum Schluss des Elaborats des Uniprofessors folgt eine Schlussfolgerung, die es in sich hat:  "Solange Thoreau gefeiert wird, ist Amerika nicht verloren, sondern quicklebendig." Na, da haben wir's. Mit solchen Experten und Befindungen lässt sich gut Staat machen. Wie war das bei den Hitler-Deutschen? Hätte man nicht sagen, urteilen und befinden sollen/dürfen/müssen, "solange Hölderlinwerke im Tornister sind oder solange Goethe gefeiert wird, ist Deutschland nicht verloren, sondern quicklebendig."? Damals reichte die Lebendigkeit für 12 schreckliche Jahre. An der nazistischen Unkultur und ihren Auswirkungen leiden oder zehren wir noch heute. Nicht zuletzt Typen wie Frau Mandel oder die Herren Söffner und Thomä perpetuieren die schlimme Traditon des Halbwissens (man lese einmal "Theorie der Halbbildung" von Adorno!), des gutmeinenden Lehrers, des Gutmenschlichen.