Mittwoch, 31. Oktober 2018

The Menace of Eco-Fascism

"Much of what the German émigré critical theorist Theodor Adorno had to say about fascism and democracy in 1959 applies equally well to fascism and environmentalism today: the survival of these tendencies within environmentalism could be potentially more menacing than the survival of fascist tendencies against environmentalism. For most of our lives, we’ve lived with the persistent threat of extreme-right movements backed by capital invested in historical dead-ends such as fossil fuels and the freedom to pollute. But far-right movements backed by new sectors of the economy could threaten to be something far worse. They could be sustainable."

The Menace of Eco-Fascism

100. Todestag von Egon Schiele

Egon Leo Adolf Ludwig Schiele (* 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Niederösterreich; † 31. Oktober 1918 in Wien) war ein österreichischer Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.
Egon Leo Adolf Ludwig Schiele (* 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Niederösterreich; † 31. Oktober 1918 in Wien) war ein österreichischer Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.

Wikipedia
Abbildung aus Wikipedia





MERKUR 834

Die November-Ausgabe des MERKUR ist soeben erschienen und kann in unserer Bibliothek Gleichgewicht gelesen werden.

MERKUR, Heft 834, November 2018, 72. Jahrgang

 

Dienstag, 30. Oktober 2018

Literaturschulung als Gesellschaftsspiel

Ich lese viele verschiedene Zeitungen, die allermeisten aus dem Ausland. Letzthin fiel mir auf, dass allein schon aus den Titeln und dem "Teaser", dem aufmerksamkeitsheischenden Vortext, die herrschende Ideologie, sogar, wenn Stilblüten den Text verunstalten, sich nackt und bar zeigt bzw. den Tenor dessen, was der Artikel dann bietet, tatsächlich präzise zusammenfasst. Die Qualitätspresse nicht nur als Informations-, sonder als ideologisches Schulungsorgan. Nimmt man noch die wenigen verbliebenen Literaturzeitschriften, die übers Niveau von Gartenlaubenselbstbeschauer sich zu erheben vermögen, hinzu, hat man das breite Feld der Kulturkalamitäten. Ein "Kampf" findet nicht statt, das Abstruseste hat Koexistenzberechtigung mit dem üblich Banalen, dem gewohnten Geschäftigen. Der Fokus auf Politik und Ideologie, die Person und das verpfuschte Leben, erlaubt es auch Kleingeistern mit burükratischem Denken sich "kultiviert" gesellschaftsverantwortlich zu äußern. Irgendwer von irgendwo findet dank der Medien und der willigen Hörer- und Leserschaft immer Aufmerksamkeit und Lob (z.B. der amerikanische Literaturprofessor W. Daniel Wilson oder die Physiognomikerin Claudia Schmölders; beide geeignet, die Verwunderung bis hin zum Ärger zu steigern ob ihrer kruden, hingebogenen, verbogenen Welt- und Geistessicht, die man seit den Tagen der propagandistischen Zurechtrückung durch ZK-Vertreter im glorreichen Arbeiter- und Bauernstaat als überwunden glaubte, die aber jetzt, unterstützt vom Neomob einer #MeeToo-ähnlichen Ungeistbewegung wieder Oberwasser erhalt.)

Als Beispiel hier Artikel der vergangenen Woche und einer, der Wichtigkeit wegen, vom August:


Auch das Kopieren ist eine Kunst. Liegt also im Copy-and-Paste-Modus die Zukunft des Schreibens?
Wenn im Netz alles irgendwie schon gesagt und abrufbar ist, geht es nur noch darum, es neu zu montieren. Bedeutet dies das Ende des schöpferischen Autors?
Felix Philipp Ingold, NZZ 4.8.2018

Ingold, ein fleißiger Autor mit Kompetenz in fast allem, geht hier auf den US-amerikanischen Plagiator Kenneth Goldsmith ein, der vorgab, eine Art "Generalpoetik" formuliert zu haben, der er plagiierend folgt. Sein Unterfangen ist nicht zu verwechseln mit dem Begriff der "Universalpoetik", wie ihn der epochemachende Frühromantiker Friedrich Schlegel prägte. Das wäre auch zuviel erwartet vom Amerikaner, der zwar Shakespeare zitiert, weil der auch alles plagiierte, was ihm tauglich schien, sonst aber wenig Wissen aufzweisen scheint außer, dass es nicht um Kreativität gehe, sondern, im Gegenteil, ums Nichtkreative. Das parasitäre Denken und Handeln als Kultureigenschaft im höchstentwickelten Ausbeutekapitalismus, das ist, was der Goldsmith, Jahrgang 1961, Angehörigher der verwöhnten, egoistischen Generation, liefert. Ingold kann sich nicht klar entscheiden. Einerseits lobt er die Copy-&-Paste Culture, andererseits ist er doch klug genug, die Limitationen und die immensen Widersprüche nicht zu übersehen, die so eine Fritze dauernd produziert. Auch wenn Godard und sein Materialklau bemüht werden, oder eben Shakespeare oder Platonov oder Davied Shields oder Marjorie Perloff oder Clemens J. Setz, er kommt nicht umhin zu fragen: 

"Wie kann man den individuellen Autor und dessen Kreativität verabschieden und gleichzeitig darauf bestehen, als Kopist ein Künstler zu sein und seine Kompilate unter eigenem Namen gedruckt zu sehen? Kein Adept des angeblich neuen «unkreativen» Schreibens scheint sich bisher bereitgefunden zu haben, seine angeeigneten Werke anonym herauszubringen und damit die Poetik des Plagiarismus zu beglaubigen."

Ja, da tut sich sogar ein geübter Jongleur schwer. Waren früher die aspirierenden Kulturmassen gebannt und begeistert vom Slogan "Jeder Mensch ist Künstler", heißt es heute bei Setz & Co schnöde, dass KEINER Künstler sei.

Jetzt rührt sich bei Ingold wieder das Gewissen, angreichert mit historisch-politischem Wissen und er stellt, erfreulicherweise, die Schlussfrage:  

"Doch wo bleibt die Literatur, die dem Zeitgeist nicht adäquat ist, ihm vielmehr zuwiderläuft, sich markant von ihm absetzt, ihn souverän konterkariert − eine Literatur, die nicht unbedingt zeitgemäss sein will und somit die Chance behält, über die Gegenwart hinaus wirksam zu bleiben?"

Ah, lesen wir hier eine Kritik an verhätschelten Autoren wie Clemens J. Setz und anderen seines Fahrwassers? Dehnt er die Kritik aus und schließt den Plagiator, den Fledderer Kenneth Goldsmith mit ein? 

Japanische Lyrik ist, wenn die Sonne durch Moorbirken geht und einem die Mücken der Sprache durch den Kopf schwirren
Die Lust der Japaner an der vollendeten Form noch im Kleinsten macht auch vor dem Gedicht nicht halt. Haiku, die kürzeste Lyrikform der Weltliteratur, und Tanka, seine grössere Schwester, komprimieren den Moment in der Sprache in berückender Weise. Das zeigen drei neu vorliegende Sammelbände.
Nico Bleutge, NZZ 23.10.2018,

Ich  nehme mal an, der Autor meinte etwas anderes, als er sagte. Die Sonne bzw. ihre Lichtstrahlen gehen natürlich nicht durch einen Festkörper. Bleutge dachte an einen Birkenwald oder Wäldchen, wo die Sonnenstrahlen durchscheinen, und zwar dort, wo sie nicht aufgefangen, aufgehalten werden. Dass einem dabei die "Mücken der Sprache" im Kopf schwirren, ist ein schönes Bild, sagt aber wenig aus, weil es ach so vieldeutig ist im Gegensatz zur beschworenen und belobigten Kürze und Strenge der japanischen "vollendeten Form". Worum geht es? Um Komprimierung, um Verdichtung, um Konzentration und Reduktion.Und, ganz wichtig, um UNSERE westliche Sicht von Fernost, von Japan und den Japanern bzw. Japanerinnen, die heutzutage ja nicht nur als Pornodarstellerinnen für Perversionen stehen oder als Geisha-Nachfolgerinnen, brave Dienerinnen für die Männer, die immer noch das Sagen haben in einer Weise, die dem Westler, beschaut er die Wertstruktur, innerhalb welcher dieser Machismo gedeiht, eigentlich graust, wenn er innerlich nicht vor Neid erblasst ob der Privilegien, die die Penisträger im Land der Sonne, auch ohne Kirschblüten, noch haben. Von der mückenschwirrenden Verwirrung, die irrigerweise als Erleuchtung und Sensibilität interpretiert wird, schwärmen die Schwärmgeister der Schwarmintelligenz.

"In Japan ist das Verfassen von Haiku heute so beliebt, wie es hierzulande allenfalls das Tagebuchschreiben in früheren Zeiten war. Viele Japaner haben sich mindestens einmal in ihrem Leben an einem Kürzestgedicht versucht, es gibt Haiku-Schulen, Haiku-Vereine, zahllose Haiku-Wettbewerbe und Haiku-Kolumnen in grösseren Tageszeitungen."

Genau wie bei uns: anstatt Tagebuchschreiben haben wir Selfies und unendliche Blogs und intensiven Austausch. Sogar die "professionelle" Lyrik beweist ihre Herkunft und Orientierung am Gewöhnlichen. Man holt die Leute ab, wo sie sind, auch wenn das ganz abseits, ganz unten ist. (Wer hier an "Aber abseits, wer ist's" denkt, liegt falsch. Es ist alles viel einfacher, simpler, gewöhnlicher!) Das darf man nie vergessen. Drum erinneret Bleutge: "Wenn der Dichter Thomas Kling ein Haiku schrieb, konnte sich das so anhören: «hinterlid – bläue! / während rasant di sonne / durch moorbirken geht.»" Dem Kling ist der Klang des birkendurchdringenden Sonnenlichts nicht gut bekommen. Na ja, irgendwann stirbt jeder, mit oder ohne Haiku. Immerhin hat er sich multikulturell als "Sprachinstallateur" bemüht. 


"Die Begeisterung für das Haiku hat gewiss auch etwas mit seiner Kürze zu tun. Dabei ist es ursprünglich aus seinem genauen Gegenteil hervorgegangen, dem japanischen Kettengedicht des Mittelalters, einer Langform, die sich über mehrere Seiten erstrecken kann."

Die Japaner haben viel vorweggenommen, waren irgendwie zukunftsorientiert und verabschiedeten sich von der Länge zugunsten der Kürze und Würze. Das passte zum Teetrinken und Häppchenessen bzw., für die meisten früher, dem Zählen der Reiskörner in der Schale. Die vielgelobte Versenkung, die ZEN-Meditation, war weniger dem weiten Geist, als der realen Enge der Lebensverhältnisse geschuldet. Fast nirgends eine Rückzugsmöglichkeit ins Private. Da musste man das Kollektive hochschätzen und preisen, da musste man lernen, inmitten aller anderen sich einen Freiraum zu schaffen, wenn schon  nicht real, dann übers Meditieren. Das hatte natürlich Auswirkungen aufs Denken und Dichten und Musizieren. Deshalb ist es fraglich, ob gesättigte Westler, geübt in der Pflege einer unverbindlichen Individualität überhaupt nahe kommen können dem Verlangen nach Leere, das die armen Japaner unstillbar in sich spüren, so dass die Haikus als strenge Ritualform, nur so sprießen und blühen, durch Birken gehen und was sonst noch alles.

 


«Ich hole die Literatur aus dem Elfenbeinturm», sagt die Schriftstellerin Julia Weber zur Eröffnung von Zürich liest
Die Kunst ist ein Haus, in dem das Wohnen umständlich ist. Darum oder gerade deswegen sollen viele einziehen.
Julia Weber, NZZ 24.10.2018,

Julia Weber, geboren 1983, in den jüngsten Jahren mit Nominierungen und Preisen überhäuft, hat sich eine Aufgabe gestellt. Sie holt die Literatur aus dem Elfenbeinturm. Aber wo sind die Elfenbeintürme? Ist die gegenwärtige Literatur tatsächlich in einem Elfenbeinturm? Das setzte doch Absonderung, Eigenheit und Individualismus voraus, alles Eigenschaften, die dem Zeitgeist und den neuen Medien widersprechen. Ist die Weber ein weiblicher Don Quichote? Behauptet sie Elfenbeintürme, um ihre "normale" Literatur ihres Literaturdienstes aufzuwerten? Der Untertitel sagt es, wie oben klar lesbar.: Im Haus soll es "umständlich" sein (übersetzen viele als "ungemütlich"), aber gerade deswegen soll man einziehen. Es gheht um Lustverweigerung, Körperfeindlichkeit, Strenge. Irgendwie puritanisch, kühl, mühsam: nur keine Freude, keine Gemütlichkeit, soviel Umstände wie möglich. Die Weber macht einen Literaturdienst. Sie lässt sich anheuern, mieten. Sie berichtet dann nicht wie eine Journalistin, nein, auch wenn es ähnlich aussieht. Sie bietet Gebrauchsliteratur, Umstandslitertur, die mehr darf, als jede Journalistin je dürfte.

"Als Literaturdienst sitze ich an Hochzeiten und Geburtstagsanlässen, an Vernissagen, anderen Festen. Ich sitze an meiner Schreibmaschine und dokumentiere den Tag bis in den Abend hinein. Ich beschreibe die Gerüche, das Licht, die Menschen, die manchmal aussehen, als würden sie am Grunde eines Gewässers gehen oder als würden sie sich gerne selber küssen. Ich beschreibe die Konsistenz der Musik oder die Konsistenz der Stimmen. Oft werde ich als Geschenk mitgebracht und lese den Text, wenn er fertig ist, den Anwesenden vor. Die Beschenkten können die literarische Dokumentation direkt mit nach Hause nehmen."

Das erinnert an Japan und die Geishas. Oft wird sie also als Geschenk mitgebracht und liefert Texte, die literarisch sind. Sie dokumentiert. Sie montiert. Sie kreiert als Autorin auch kreativ, aber immer umständlich, geschult:

"Letzte Woche hingegen war ich als Literaturdienst an einer Hochzeit in Basel, dort traf ich auch eine Frau, wie ich eine Frau bin, sie stand da vor mir als Frau. Und als wir nebeneinander in eine weiss geschmückte, sehr romantische Trambahn einstiegen, sagte sie, die Frau, zu mir, ich sei doch Schriftstellerin, sie müsse mich mal etwas fragen. Ihr Mann, so sagte sie, sei Lehrer, und er, der Mann, habe das Problem, dass er mit seiner Klasse wirklich gerne Bücher von Frauen lesen würde, es sei ihm bewusst, dass das wichtig sei, aber leider hätten die Bücher von Frauen immer sehr wenig Handlung, die Bücher von Frauen würden seine Schüler einfach nicht interessieren."

Das ist doch gekonnt. So nebensächlich, umständlich, das Unbedeutende, Alltagsgewöhnliche in schöne Reihung gestellt. Man meint, die Gedanken beobachten zu können, wie sie im Haus der Weber umständlich sich ein- und abrichten. Eine Dienstwohnung in einem Diensthaus. "Als Literaturdienst sitze ich ... an Vernissagen, anderen Festen". Hm, an und nicht bei. Das ist die neue Umstandsbeobachtung.

"Kunst darf den Schrecken neben die Schönheit stellen, kann den Tod und das Essen von Schwarzwälderkirschtorte ineinanderfügen."

O Jammer, o Schreck! Darf das nur die Kunst? Erledigt das nicht dauernd die ganz gewöhnliche Alltagsjournalistik? Es gibt doch seit langem, langem die Koexistenz von Fickbuden, Rudelfickplätzen und Lokalen einerseits, und staatlich geförderten Bühnen für Nacktdarsteller, Brunzer und Scheißer und elende Ficker andererseits. Wo lebt die Weber? In Zürich? Wie geschönt ist dort die Elfenbeintrumrealität, aus der die Jean d'Arc die Lit herausholen will?

Ich will nicht ungerecht sein. Julia Weber will für alle Leser schreiben. Sie will Schranken niederbrechen und Türme aufbrechen. Sie will die Literatur befreien. Sie will ihre Authentizität reinbringen. Sie will die Aussage anreichern mit ihrer Reflexion, mit den Hinweisen der benutzten Mitteln. Sie will das Elitäre verlassen bzw. gar nie dorthin kommen, tortzdem aber schreiben, aber nicht für Bücherleser:

"Und diese Texte, die ich normalerweise an Hochzeiten, an Geburtstagen, an Festen in der Waldhütte schreibe und eben nicht im Kämmerchen, in langer Arbeit am Eichenholztisch und vom seltsamen Mysterium der Genialität umgeben, sind keine Werke mit hundert Ebenen, sind nicht nur für den Literaturbetrieb geschrieben, nicht für den engen Kreis der Menschen, die Bücher lesen."

Zuerst dachte ich mir, ungeübt mit der Literaturdienstgebrauchsliteratur, hier handele es sich um Ironie. Nein. Es handelt sich um ein Schreiben über den  "engen Kreis der Menschen, die Bücher lesen" hinaus. Dafür erhält sie Literaturpreise.


Bücher als „Onanieprodukte“
Kein Nischenverlag prägte die alte Bundesrepublik so sehr mit wie Jörg Schröder. Er kämpfte gegen links und rechts. Jetzt erscheint sein Skandalbuch „Siegfried“ pünktlich zum 80. Geburtstag wieder.

Philipp Haibach, WELT, 24.10.2018

Der Rundumschläger Jörg Schröder ist alt geworden. Wer hätte das je gedacht. Nach so einem Leben! War nicht nur gegen Rechts, sondern auch gegen Links. War fürs Geschäft, für Pornographie. Hat gut verdient und die anderen ausgelacht.
Liest man Haibachs Artikel, wird man neugierig. Falls man nicht schon die Geschichten und Publikationen von ihm und seinem Verlag kennt, falls man nicht schon die Kulturleistung dieses ungehobelten Energiebündels gewürdigt hat, lädt der Beitrag ein nachzulesen, zu überdenken und - zu genießen. Jörg Schröder ist 80 Jahre alt geworden. Aber er ist lebendiger, frecher, überzeugender, als alle Webers oder Klings oder Haikubastler zusammengenommen. Er ist echt und braucht keine spießerhaften Hilfslegitimationen. Wenigstens ein Artikel, denke ich mir, der mich in dieser Woche zum schmunzeln bringt und mich in der Bibliothek die alten März-Bände hervorholen lässt.


Kleinbürger, ganz diskret
Alles lieb gemeint, aber ziemlich spießig: Der Bestsellerautor Wolf Haas präsentiert in seinem neuen Roman "Junger Mann" wohlkalkulierte, anspruchslose Kabarettprosa.
Eine Rezension von Carsten Otte, ZEIT, 24. Oktober 2018

Eine Kritik wie eine "Watschn", eine Ohrfeige: "Alles lieb gemeint" müsst eigentlich heute vernichten, vor allem, wenn in Verbindung mit Spießigkeit. Der Shluss des zweiten Satzes hat es in sich: "wohlkalkulierte, anspruchslose Kabarettprosa". Einerseits attestiert der Rezensent dem Autor Kalkül und Kalkulationsvewrmögen, sogar "wohlkalkuliert", aber nur im Negativen, der "anspruchslosen Kabarettprosa". Suuuuper! Das läse ich gerne öfters. In Österreich gibt es Kabarettisten, die sich als Kabarettisten missverstehen und vom Publikum gerade deshalb geschätzt werden, weil alles im Rahmen bleibt, wohlkalkuliert, eingepasst, approbiert. Es gibt keine echten Kabarettisten in Österreich. Jene, die man als solche ansieht, sind nur Wohlkalkulierte, die es lieb meinen, aber ihren Spießerkern nicht verleugnen oder verdecken können. Normalerweise wird das vom "Betrieb" nicht nur goutiert, sondern begrüßt und gefördert. Man sehe sich nur die lange Liste der verschiedenen Literatur- und Kabarettpreise an. Was ritt den Carsten Otte, die traute Abmachung, die allgemeine Übung, zu missachten und negative Töne der sonst anerkannten, akklamierten Kakophonie beizumischen?

Wolf Hass, Österreicher, geboren 1960, bekannt als erfolgreicher Krimiautor in Büchern und Fernsehfilmen, hat auch viele Preise und Auszeichnungen erhalten; 2017 den Österreichischen Kunstpreis für Literatur. Er ist ein Autor, der schreibgeübt sein breites Publikum hat. Warum wird er spießig? Macht er es sich zu einfach:

"Dabei geht es Haas weniger um eine originell konstruierte oder sprachlich überraschende Inszenierung dieser Themenmuster, der erfolgreiche Schriftsteller setzt auf ein bekanntes Erfolgsrezept, das auch er in früheren Arbeiten schon durchgespielt hat. Seine dialektal gefärbte Comedyprosa besteht aus kleinen Szenen mit erstaunlicher Pointendichte, die von mehr oder weniger lustigen Wortkombinationen, selbstironischer Austria-Satire und dem wohlkalkulierten Überraschungsmoment leben, nach einem Witz noch einen draufzusetzen." 

Jetzt wird der Terminus "Kabarettprosa" verständlicher auch für jene, die die hiesige Szene nicht kennen: "Comedyprosa". Das trifft's. Haas hat abgewirtschaftet und bedient die Unterschicht seines Publikums, eben ganz wohlkalkuliert, spießig und anspruchslos.

Sonntag, 28. Oktober 2018

Modernes Lesen


Haimo L. Handl

Modernes Lesen

Die Manöver der Bildungsreformer in unserem Land sind hausbacken, altmodisch, weil sie zu simpel auf Technologie setzen, kurzsichtig und sogar bildungsfeindlich. Zwar kann oder könnte eine gewisse funktionale Alfabetisierung, unterstützt von Tabletts und Smart Phones, erreicht werden, jedoch nicht eine Lesekompetenz, die den Anforderungen einer gebildeten Person entsprechen. Das Drama liegt in dem Umstand, dass eine Persönlichkeitsbildung, die von vielen als altes, obsoletes Modell verhassten Bildungsbürgertums gilt, gar nicht angestrebt wird. Die Wirtschaft, Hauptmotor der neuen Un- oder Verbildung, will funktionierende Aufgabenlöser, willige, ordentliche Arbeitskräfte, die in ihrem Bereich durchaus spezialisiert sein dürfen oder sollen, sie will aber nicht den Luxus von höherer Bildung. Das Nutzendenken wird von den meisten Eltern, insbesondere den bildungsfernen, um von den bildungsfeindlichen Schichten gar nicht zu reden, bemüht, um etwaige mögliche Bildungsgehalte, die nicht sofort direkt einen Nutzen versprechen oder gar garantieren, zurückzuweisen und zu verweigern. Dass musische Fächer so schwach vertreten sind an unseren Schulen ist nicht nur Resultat eines mageren Lehrplans, sondern auch Reaktion auf die Abweisungen von Eltern, die ihren Kindern nichts zumuten wollen, was im Leben nicht direkt zum Erfolg führt, das heißt, sich bezahlt macht.

Aus den Neurowissenschaften wissen wir, dass Lesen vom Monitor oder Smart Phone heute weder die Augen schädigt, noch sonstwie das Lesen beeinträchtigt. Man kann auch über den Monitor lesen. Kultürlich. Das Problem liegt nicht in der technischen Versorgung, den Geräten, sondern in der Sozialisation, im ungelernten oder gelernten Umgang mit den neuen technischen Mitteln bzw. der erweiterten Kultursozialisation. Auf die beiden wichtigsten Aspekte, die sich negativ auswirken, komme ich gleich.

Der Lesevorgang ist ein komplexer Prozess. Heute lässt er sich durch besondere bildgebende Verfahren und dank Hochleistungscomputern abbilden. Was früher vermutet wurde, wird heute ersichtlich. Erst werden visuelle Symbole erfasst. Werden diese als Sprachzeichen erkannt, gelangen sie in die sprachverarbeitenden Systeme unseres Gehirns. Interessanterweise ist dieses System im akustischen Bereich verankert. Bevor wir sehen, hören wir. Das Sprachnetzwerk ist auch nicht nur auf eine Hirnhälfte beschränkt, wie man früher zu wissen meinte, sondern komplex verteilt in beiden Hirnhälften; die „Sprachproduktion“ aktiviert Strukturen und Zellen in beiden Hirnhemisphären. Wird eine Wortform erkennend gelesen und verarbeitet, folgt das Verstehen ihrer Bedeutung, des semantischen Gehalts. Diese Zeichen- oder Wortbedeutung wird noch gewichtet oder verändert durch die Stellung in der Reihe, also durch den Satz bzw. das Regelwerk, die Syntax, die den (korrekten) Satz bedingt. Einzelne Wörter als Zeichen haben einen Bedeutungskern, der aber nicht fixiert ist, sondern durch die Grammatik näher bestimmt wird. Je höher das Wissen um die Regeln, die Möglichkeiten einerseits, der vielen Bedeutungsgehalte und –felder andererseits, desto komplexer die Deutung, die Interpretation des Wahrgenommenen. Der einfache Satz „Hund beißt Mann.“ scheint klar und eindeutig. Die Veränderung der Wortstellung stellte den Sinn auf den Kopf: „Mann beißt Hund.“ Auch die Vollständigkeit eines Satzes wird entscheidend: „Ich komme.“ Oder: „Ich komme nicht.“

Wenn wir jetzt noch im Auge behalten, dass zur eigentlichen Bedeutung des Zeichens (Wort, Begriff), der Denotation, die Nebenbedeutung, das Bedeutungsumfeld, die Konnotation, sich hinzugesellt, wird die Komplexität gesteigert. Wir verarbeiten keine pure Information und nie nur Denotationen. Immer schwingt die Konnotation mit, immer haben wir mehr oder weniger Redundanzen, sozusagen Füllzeichen, die den Austausch der Zeicheneinheiten erleichtern.

Die Farbe Rot hat, um ein einfaches Beispiel zu nennen, mehrere mögliche Bedeutungen: „Stop“ als Ampellicht im Verkehr, entsprechend der Straßenverkehrsordnung. Als Himmelsfärbung mit jeweils etwas anderer Bedeutung einmal im „Morgenrot“ oder „Morgenröte“ bzw. als „Abendrot“. Das Rot einer Blutorange mag ähnlich klingen wie das Rot des Blutes, aber das Bedeutungsumfeld, die Konnotation wird von einem zum andern stark abweichen. „Lieber rot als tot.“ sagt viel über Geschichte und Politik, über die Wertung aus: eigentlich will ich nicht rot sein, wenn ich aber wählen müsste, zöge ich es doch dem Tod vor, also: lieber rot, als tot. Die Abwertung ist ausgedrückt allein durch die Wendung „lieber, als“.

Frühere oder ganz früh wurde viel langsamer gelesen, weil meist laut. Lesen Lernende murmeln manchmal noch, wie sie auch mit dem Finger in den Zeilen den Buchstaben folgen, weil sie noch ungeübt sind im Erfassen der Schriftbilder. Wir haben gelernt, rasch, stumm lesend, die Zeichen entweder innerlich hörbar zu machen bzw. sie zu „übersetzen“. Geht es nicht nur um Informationsverarbeitung, sondern um Ästhetik der Sprache, verliert man allerdings eine Dimension, wenn man es beim stummen Lesen belässt. Gedichte erschließen sich fast immer übers Gehör, erst recht, wenn sie in einer anderen Sprache als der eigenen geschrieben sind.

Worauf es beim Lesen ankommt, ist also, soviel ist deutlich geworden, nicht nur die Fähigkeit der Zeichenerkennung, sondern die rasche adäquate Verarbeitung. Und die hängt mit dem Wissen zusammen. Jemand, der zwar lesen kann, aber ungebildet kein Wissen hat, wird sich ziemlich bald schwer tun, weil ihm der Sinn der Bedeutungen, den die Zeichen vermitteln, verschlossen bleibt. Da helfen dann auch keine technischen Geräte. Im Gegenteil.

Wenn ich spreche, bin ich aktiv. Ein Gespräch ist ein Austausch: ich rede, ich höre zu, ich antworte, ich erwidere, ich höre wieder usw. Es ist ein Prozess, der in einer bestimmten Geschwindigkeit abrollt und von mir mitbestimmt wird. Bei gewissen Abhängigkeiten gelten strenge Regeln: im Verhör darf oder muss ich nach Fragen antworten, ich werde gemaßregelt, wenn ich nicht folge oder abschweife, wenn ich verzögere usw. Ein Vortrag verlangt eine gewisse Redeweise. Vermag ich die nicht zu liefern, verliere ich die Aufmerksamkeit der Hörer, erlebe einen Misserfolg usw. Ein Verkaufsgespräch verläuft anders als ein Tratsch. Ähnlich lese ich verschiedene Texte spezifisch: ein Memo, eine Notiz, eine Verlautbarung, einen fachkundigen Artikel, ein Buch, und da wiederum unterschiedlich eine leichte Unterhaltungserzählung, einen anspruchsvollen Roman oder ein Sachbuch.

Ob ich nun am Smart Phone lese, vom Monitor oder aus einem Buch ist hinsichtlich des Leseprozesses einerlei. Oder doch nicht? Was den Lesevorgang betrifft, gibt es keine wesentlichen Unterschiede. Aber was die Lesesozialisation betrifft, sehr wohl. Diese Unterschiede sind nicht nur technischer Art, wohl aber durch die Technik begünstigt. Sie hängt auch mit der Betreuerhaltung von vielen kurzdenken, kurzsichtigen Pädagogen zusammen, die meinen, jede Anforderung von den Lernenden, die fast als Opfer angesehen werden, denen man zuviel zumutet, fernzuhalten. In der Sucht der Vereinfachung bzw. der „Hilfe“, ufert man aber aus und lenkt ab, nimmt zuviel ab, trägt zur Verkümmerung bei.

Ich bin kein Anhänger der Theorie der Reizüberflutung. Das ist ein ideologisch bedingtes Konstrukt jener, die einseitig gewisse Anforderungen ablehnen bzw. in Verruf bringen, eine Art Generalentschuldigung. Immer war die Welt, die Umwelt in der jemand lebt und sich bewegt, als aktive Umwelt eine Fülle von Reizen, die der Lebende als Agierender, als Aktiver eben, erwiderte. Alles, was zuviel ist, kommt gar nicht heran, prallt ab, perlt ab, gelangt nicht ins Sehfeld, wird nicht aktiv gehört, weil ich nicht zuhöre, wird zum Geräusch, zum Hintergrund. Nie bin ich in einer leeren, hintergrundlosen, stillen Welt. Immer ist mehr Licht, wenn die Sonne scheint, als ich verarbeiten kann, immer selektiere ich in der Wahrnehmung, weil ich nie ALLES wahrnehmen kann und auch nicht soll. Information ist Auswahl.

Wie wollte ich auch das Zuviel messen? Man stelle sich ein Gefäß vor. Es kann nur voll werden, nie übervoll. Denn alles, was das Fassungsvermögen übersteigt, fließt über. Das Gefäss kann nur bis zum Fassungsvermögen gefüllt werden. Die sozialen Opfer der beanspruchenden Industriegesellschaft sind dankbar, wenn Coaches und andere Helfer ihnen versichern, dass sie einer „Flut“ ausgesetzt seien, dass sie an einer Reizüberflutung litten usw. Das ist Humbug und reines ideologisches Geschwätz. Vielleicht soll es helfen, die Leseverweigerung dieser armen Opfer zu legitimieren: als ob ein Buch mit 1000 Seiten eher eine Reizüberflutung darstellte als eines mit 100 Seiten. Das wäre so dumm, wie eine lange Reise, die auch mit ersten Bewegungen beginnt, wie alles, als überfordernd oder überflutend zu sehen, und den Kurzgang zum Schrebergartenzaun schon als Maximum zu sehen, hinter den man nicht gelangen soll, um sich nicht zu überfordern, denn die weite Welt holt man sich ja heim im Nahsehen (wird irrtümlicherweise als fernsehen hingestellt) bzw. aufs Smart Phone, das einem alles hereinbringt und die Welt ortlos, grenzenlos macht, als ob alles sich im Vorgarten oder auf dem Vorplatz ereigne.

Tatsächlich führt aber die Aufbereitung über die neuen Medien, die erfolgt, um die Kids oder Kunden abzuholen, wo sie sind, dazu, die Reizintensivierung zu steigern, womit allerdings die eh schon strapazierte Aufmerksamkeitsspanne weiter reduziert wird. Beim Lesen konventioneller Bücher bestimmt der Leser das Tempo bzw. die Dichte der Sprachverarbeitung. Was als Hilfe über die neuen Medien gedacht war, wird nun zur Ablenkung und Wegführung anstatt zur Hinführung. Die Netzkommunikation bzw. das Lesen am Smart Phone oder Tablett ist ja nicht nur ein „gewöhnliches“ Lesen, sondern ein dichtes Angebot von Reizen wie Hören, rhythmisierte Geräusche, Kommentare oder illustrierende Fotos und Videos. Was beim regulären Lesen der Leser durch seine Fantasie schafft, indem er sein Vorstellungsvermögen aktiviert und verfeinert, muss im modernen, neuen Lesen nicht mehr geleistet werden: der Apparat übernimmt sozusagen die Aufgabe der Vorstellung. Bald wird er auch das Denken übernehmen und die Neuleser müssen nur noch „folgen“. Weil die Reize nicht immerfort oder unendlich erhöht oder verstärkt werden können, ergeben sich viel rascher Ermüdungen. Die zeigen sich dann in der Abnahme der Aufmerksamkeit. Die Kinder und Jugendlichen haben nicht gelernt, selbständig auch Pausen zu ertragen bzw. Strecken ohne gesteigerte Handlungsabläufe. Immer muss „action“ sein, muss was los sein. Es ist wie mit den fatalen UNIVERSUM-Filmen, die die Natur auf- und eingerichtet für ein sensationsgeiles Publikum darstellen, wo, wie im Zeitraffer, dauernd etwas dramatisch geschieht, wie es sich in der Natur, in der Realität nie und nimmer vollzieht. Man kann sagen, die oft preisgekrönten Dokumentation verfälschen das Naturbild, unterstützen Fehlsichten der Realität, helfen also zur Realitätsverkennung. Sie sind KEIN Beitrag zur Bildung, sondern unterhaltsame Verbildung. Auch viele Dokumentation der HISTORY-Reihen entsprechen diesen schlimmen Zurichtungen und Simplifikationen. Unternehmen derart trainierte Schülerinnen und Schüler mal einen Ausflug in die wirkliche Natur, sind sie enttäuscht und vielleicht erstaunt, dass sie nichts sehen und finden, was ihnen die actionreichen Filme gezeigt haben. Sie haben nämlich nie gelernt, was Anschaulichkeit bedeutet, Kontemplation. Das könnte nämlich zu leicht mit Müßiggang verwechselt werden, wäre zu nahe am unnützen Luxus, der nichts bringt, der sich nicht lohnt. Es zählen „action“ und das handlungsstarke „Event“.

Gewisse Wirkungen ergeben sich nur über Dauer und Konzentration. Das Programm ist aber ausgerichtet auf starke Reize, Kürze und Wechsel. Entschleunigungen werden nur toleriert oder sogar gesucht als geplante Kuren im verordneten Wellnessprogramm. Das Regelprogramm ist hohes Tempo, Hektik, Spannung. Entspannung nur unter kontrollierten Bedingungen. Das äußert sich in der gleichförmigen Literatur, die nach einem einheitlichen Strickmuster einer nervösen Gesellschaft abgefasst erscheint, das klingt noch drastischer in der immergleichen Musik, die lokale oder regionale Eigenheiten nur in ganz begrenzten Bereichen, dem Tourismuskonzept folgenden Merkmalen, zeigen. So, wie in der Wirtschaft die heimischen Standorte der globalisierten Ausbeutung sich anpassen müssen, so soll der Rest an Kultur, ob in Musik oder Literatur, wie der Sport, sich der Globalisierung anpassen. Die neuen Medien bilden die Instrumente dafür.

Das verringerte und dadurch verkümmerte Vorstellungsvermögen MUSS daher verstärkt und vermehrt auf die Medienangebote der angereicherten Massenkommunikation, des betreuten, geleiteten Lesens zurückgreifen, so, wie man für einfachste Additionen das Smart Phone als Rechner benutzt, weil man 2 und 2 nicht mehr zusammenzählen kann.

Damit wird auch das allgemeine Denkvermögen geschwächt. Da die kognitiven Fakultäten vernachlässigt werden, drückt die neue instrumentalisierte Selbstzufriedenheit eine fatale Infantilisierung aus: die neuen Bürger werden immer mehr bedürftig ihrer Coaches und Psychologen, um einfachste Aufgaben im Alltag erfüllen zu können. Das von unseren Experten im Bildungsbereich besorgte Programm ist ein aktiver Beitrag zur Entmündigung und zur Herrichtung von Funktionaltypen, wie ihn die Unternehmer heute in ihrer Kurzsichtigkeit als Human Capital ihrer geschätzten Art, als Menschenmaterial wünschen. Mit dem Nichtlesenkönnen fängt es an, geht weiter über die Vernachlässigung des Musischen und wird enden in einer neuen Barbarei.


Samstag, 27. Oktober 2018

Welttag des audiovisuellen Erbes

Der Welttag des audiovisuellen Erbes soll das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Menschheit in den letzten gut 100 Jahren ein großes Erbe an Tonaufnahmen, Filmen und Videos geschaffen hat, die es zu erhalten gilt. Der Tag wurde 2005 von der UNESCO ausgerufen und wird seit 2007 auch offiziell in Deutschland jährlich am 27. Oktober begangen. Die Deutsche Kinemathek in Berlin hat die Leitung für den Welttag in Deutschland.

Audiovisuelle Medien werden auf unterschiedlichen analogen und digitalen Trägern gespeichert. Diese sind in unterschiedlichem Maße vom Verfall bedroht. So gibt es heute zum Beispiel keine vollständige Fassung des bedeutenden Stummfilms "Metropolis". Die Unesco setzt sich dafür ein, diese Medien als Teil des Weltkulturerbes zu erhalten.

Wikipedia

Freitag, 26. Oktober 2018

Zu wenige gute Vorlesebücher

Warum gute Vorlesebücher selten sind 
Verlage bieten nur Lektüre-Häppchen

Nicht nur am Frederick-Tag ist Vorlesen wichtig. Doch wer Stoff dafür sucht, findet neben den Klassikern wenig, was Kinder wie Erwachsene anspricht. Warum Verlage kaum Anspruchsvolles bieten, hat mehrere Gründe. 


Mittwoch, 24. Oktober 2018

On Translation

Why Translation Deserves Scrutiny

 
 
Nonfiction

Did He Really Say That? On the Perils and Pitfalls of Translation

THIS LITTLE ART
By Kate Briggs
365 pp. Fitzcarraldo Editions. 

Letters to the Editor

 
 

To the Editor: Here you find some of the angry letters in reaction the the review by Benjamin Moser. It illustrates the points Tim Parks reflects in his article.

Montag, 22. Oktober 2018

The Library

Nonfiction

The Library Fire That Ignited an Author’s Imagination

The New York Times, Oct. 15, 2018

Review By Michael Lewis


THE LIBRARY BOOK
By Susan Orlean
Illustrated. 317 pp. Simon & Schuster. $28
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12 Authors Write About the Libraries They Love

The New York Times, Oct. 15, 2018


Freitag, 19. Oktober 2018

Katholische Priester als Missbrauchstäter

In meinem kurzen Artikel "Der Papst und das Töten" griff ich die Doppelmoral und Doppelbödigkeit der katholischen Kirche an. Einerseits denunziert der Papst Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen als Mörderinnen (Auftragsmord),. andererseits deckt die Kirche seit Jahrzehnten Pädophile, die sich an Kindern und Jugendlichen vergehen, gibt die Daten nicht an staatliche Stellen, schützt die Täter vor Verfolgung und entlässt nur in ganz wenigen Fällen, wo der Skandal und das Verbrechen nicht mehr zuzudecken ist, die Missbrauchstäter. Der Staat kollaboriert, indem er nicht hart dagegen vorgeht. Viele Fälle sind verjährt. Aber nicht alle.Wenn dann die Bischöfe bei offenliegender Faktenlage sich zu einer "Entschuldigung" durchringen, meint man, dass das genüge. Es genügt nicht. Der Staatsschutz ist eine inakzeptable Unterstützung von Verbrechern.

Ich erhielt einige ablehnende Rückmeldungen. Einige regten sich auf über meine "Anklage" bzw. meinen harschen, verurteilenden Ton. Andere warnten, dass ich Prozesse gewärtigen müsse, wenn ich so pauschal die Kirche angreife.

Gerade heute, am 19.10.2018, wurde wieder im ARD, Tagesschau 24, eine Dokumentation ausgestrahlt: "Die Story im Ersten: Meine Täter, die Priester." Diese Doku ist leider nicht in der Mediathek abrufbar, wie einige andere auch nicht. Aber in Youtube gibt es z.B. drei jüngere Dokumentationen, die empfehlenswert sind und etwas Licht in die Machenschaften der Kirche und einiger ihrer Vertreter bringen:

Missbrauch in der Kirche Doku Neu
https://www.youtube.com/watch?v=F2zV-h02vcQ

Missbrauch durch Priester und dann? Richter Gottes. Die geheimen Prozesse der Kirche | DAS ERSTE
https://www.youtube.com/watch?v=XBizuzUD0cI

Die Story im Ersten: Meine Täter, die Priester
https://www.youtube.com/watch?v=X9Mz04dQKdw&list=PLQrsocOZ_VCkLO18itQZ4qyNvWJFXtfZ2


75. Todestag von Camille Claudel

Camille Claudel  (* 8. Dezember 1864 in Fère-en-Tardenois; † 19. Oktober 1943 in Montdevergues, Département Vaucluse) war eine französische Bildhauerin und Malerin, die von der Gesellschaft zerbrochen, vernichtet wurde.

Wikipedia
Abbildungen aus Wikipedia

Eine begnadete Künstlerin, arbeitete bei dem berühmten Rodin, wurde von ihm "fallen gelassen" und erkrankte psychisch. Nach dem Tod ihres Vaters, der sie immer unterstützt hatte, konnten die  Mutter und der Bruder endlich ihr Schandwerk vollenden. Sie steckten sie in eine Irrenanstalt, aus der sie nie mehr rauskam. Sie wurde praktisch zu Lebzeiten ermordet im französischen Geist der Männlichkeit. Ihre letzte große Marmorstatue "Perseus & Gorgone" ist ein Ebenbild ihres Endes geworden: sie porträtiert sich als eine vom Mann Enthauptete.










Donnerstag, 18. Oktober 2018

Der Papst und das Töten


Der Papst und das Töten

Haimo L. Handl

Kürzlich äußerte sich der Papst, das Oberhaupt der katholischen Kirche, wieder zur Abreibung. In einer Rede zum Generalthema Töten („Du sollst nicht töten“) ging der Pontifex nicht etwa auf Kriege und Terrorismus ein, auf gezieltes Töten durch Regierungsorgane, oder auf mafiotische Racheakte, sondern auf den Schwangerschaftsabbruch. Man muss die skandalösen Aussagen dieses Mannes, der sich in weißem Gewand als die Verkörperung des Herrn mit der weißen Weste gibt, so richtig von allen Seiten beleuchten, um die abgrundtiefe Widersprüchlichkeit, von der seine „Heiligkeit“ (ja, sie nennen ihn „Heiligkeit“!) redet, würdigen zu können.

Er prangert ein widersprüchliches Denken an, aufgrund dessen viele sich das Recht herausnehmen, ungeborenes Leben zu töten. Er erwähnt natürlich nicht das widersprüchliche Handeln Kirche, dem sicher ein widersprüchliches Denken unterliegt, Er fokussiert auf die Frauen und die Ausübung des Rechts der Frauen, über IHREN Köper samt dem darin befindlichen ungeborenen Leben selbst bestimmen zu dürfen. Das widerstrebt der Kirche seit je. Es geht auch weniger um den Lebensschutz als um Kontrolle der Frauen, des weiblichen Geschlechts und einer Fixierung ihrer Rolle als Gebärerin.

Der Papst verglich den Schwangerschaftsabbruch mit Auftragsmord. Nun, man kann sich denken, dass die Kirche, die größte Organisation mit systematischem Kindsmissbrauch, die auch heute noch eine Aufdeckung, Verfolgung und Ahndung der Sexualstraftäter, der Kriminellen in ihren Reihen, Priester und Bischöfe, ver- oder zumindest behindert, hier eine Kampagne führt, die ablenken soll vom Bösen, das sie seit je verfolgt.

Der Papst meinte, und seine Meinung hat ja was Heiligmäßiges: „Man darf kein menschliches Leben beenden, auch kein kleines, um ein Problem zu lösen. Das ist so, als ob man einen Killer anheuern würde, um ein Problem zu lösen". Klingt interessant. Der Oberhirte legt für seine Herde, seine Schafe, noch eins drauf. Er wendet sich gegen den Individualismus und sieht im Annehmen behinderter Kinder, die trotz Pränataldiagnostik zur Welt gebracht werden, einen Humanakt.

Denn alle, auch behinderte Kinder (und er verbindet das gleich mit den Alten, Gebrechlichen, Pflegebedürftigen), seien „Geschenke Gottes“. Wer hat nicht gern Geschenke? Also, Schlussfolgerung: Mehr behinderte Kinder als Geschenke Gottes, um unsere tiefe Liebe und Humanität zu beweisen. Alle, die Prenataldiagnostik nutzen, sind des Teufels, sind Unterstützer des Aussonderungsprogramms, sind Vorbereiter der Auftragsmorde. Keine Gentests im Mutterleib. Der Mutterleib gehört nicht der Mutter, der Frau, sondern der Gesellschaft. Die Frau ist nur Werkzeug, Maschine. Sie darf keine Rechte haben. Sie muss das Programm der maskulinen Kirche, der „herr-lichen“ Gesellschaft, erfüllen, sie muss weiblich denken und handeln, und zwar weiblich im Verständnis des Mannes (der Neid auf die moslemischen Gesellschaften, wo dieses alte, männliche Denken noch viel „ursprünglicher“ und extremer gilt und waltet, ist unüberhörbar).

Wäre die Kirche eindeutig in ihrer Haltung gegen das Töten, könnte man vernünftig argumentieren, weshalb es sich beim Schwangerschaftsabbruch um einen Spezialfall handelt. Aber die Kirche ist widersprüchlich, seit je. Und gerade hinsichtlich des Tötens, des geborenen Lebens, nimmt sie dieses nicht nur hin, sondern segnet es bzw. hat es selbst bis zur schieren Perfektion in der Geschichte organisiert. Ich spreche vom Krieg und vom kriegerischen Töten. Und das betrifft nicht nur die Frühzeit der Kirche, die Kreuzzüge und die Religionskriege, sondern die Haltung der Kirche zum Militär und zum organisierten Töten. Heute widerspricht sie nicht nur nicht, sondern unterstützt es weiterhin. Das geborene Leben ist tötenswert, das Ungeborene aber muss geschützt werden. Männer, die vorgeben im Zölibat ohne nahe Beziehung zum weiblichen Geschlecht zu leben, legen Richtlinien für dieses vor. Es ist, als ob die Pfaffen die Frau als Gebärmaschine kontrollieren wollen, um dann, später, die Jungmänner in den Tod schicken zu können im Programm der „Verteidigung“.

Und wie steht’s mit den Missbräuchen? Die sind ja kein reales Töten, „nur“ Missbrauch. Wen kümmern die Traumata? Bevor die Buben Jungmänner oder Männer werden, dürfen sie die Realität des Sexus, der Homosexualität durch Missbrauchstäter erfahren. Die wenigstens stellen sich das deutlich vor, was da vor sich geht: der geile Typ spritzt seinen Samen nicht in die Scheide einer Frau zwecks Nachwuchs, das überlässt er dem gemeinen Volk, er, der „Soldat der Kirche“ reibt sich am Buben und entlädt sich in den wunden Arsch des Knaben, den er dann segnet. Später, wenn der Täter nicht mehr so viril und agil ist, bleibt’s beim Grapschen und Tätscheln, beim intimen Hinwenden. Der Eros der Pädagogik.

Aber ein großer Teil der Bevölkerung hört auf solche Männerbündler, solche Täter im Talar, geht gegen die Frauen vor (in Argentinien, von wo der jetzige Papst Fanziskus, Jorge Mario Bergoglio SJ, ein geschulter Jesuit, der die Frauen, die die Abreibung reklamieren, als Auftragsmörderinnen denunziert, vermochte die Kirche die Haltung der Mehrheit der Bevölkerung derart zu beeinflussen, dass der Abtreibungsparagraf nicht aus der Verfassung genommen werden konnte, während die Missbrauchskriminellen der Kirche Unterschlupf finden bzw. nicht verfolgt und belangt werden) und erfüllt das Unterdrückungsprogramm der Katholiken.

„Man darf kein menschliches Leben beenden, auch kein kleines, um ein Problem zu lösen. Das ist so, als ob man einen Killer anheuern würde, um ein Problem zu lösen“. Ein wahres Wort, wenn, ja wenn das Wenn nicht wär‘. Die wahren Mörder, die gegen das geborene Leben rücksichtslos vorgehen, bleiben nicht nur ungeschoren, sie walten auch im Segen der Kirche bzw. anderer Religionen. Ungläubige sind für viele bloßes Menschenmaterial, das wie Material entsorgt wird. Devianten, unwertes Leben, gab es nicht nur bei den Nazis. Die Staaten, die Militärs unterhalten, haben Killer angeheuert. Für die Opfer ist es einerlei, ob sie wegen rigider Parteiprogramme oder religiöser Überzeugungen „drankommen“, im Namen Gottes, der (immer männlich!) viele Ausformungen kennt, ob christlich oder moslemisch oder sonst was.

„Soldaten sind Mörder“, schrieb Tucholsky. Es gab Zeiten, und bald wird es wieder welche geben, als diese allgemeine Aussage zur gerichtlichen Verfolgung und Bestrafung führte. Der Papst unternimmt wieder Schritte dorthin; eine verantwortungslose Herde folgt dem Oberhirten, einem Wolf im Schafspelz.