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Freitag, 19. Oktober 2018

Katholische Priester als Missbrauchstäter

In meinem kurzen Artikel "Der Papst und das Töten" griff ich die Doppelmoral und Doppelbödigkeit der katholischen Kirche an. Einerseits denunziert der Papst Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen als Mörderinnen (Auftragsmord),. andererseits deckt die Kirche seit Jahrzehnten Pädophile, die sich an Kindern und Jugendlichen vergehen, gibt die Daten nicht an staatliche Stellen, schützt die Täter vor Verfolgung und entlässt nur in ganz wenigen Fällen, wo der Skandal und das Verbrechen nicht mehr zuzudecken ist, die Missbrauchstäter. Der Staat kollaboriert, indem er nicht hart dagegen vorgeht. Viele Fälle sind verjährt. Aber nicht alle.Wenn dann die Bischöfe bei offenliegender Faktenlage sich zu einer "Entschuldigung" durchringen, meint man, dass das genüge. Es genügt nicht. Der Staatsschutz ist eine inakzeptable Unterstützung von Verbrechern.

Ich erhielt einige ablehnende Rückmeldungen. Einige regten sich auf über meine "Anklage" bzw. meinen harschen, verurteilenden Ton. Andere warnten, dass ich Prozesse gewärtigen müsse, wenn ich so pauschal die Kirche angreife.

Gerade heute, am 19.10.2018, wurde wieder im ARD, Tagesschau 24, eine Dokumentation ausgestrahlt: "Die Story im Ersten: Meine Täter, die Priester." Diese Doku ist leider nicht in der Mediathek abrufbar, wie einige andere auch nicht. Aber in Youtube gibt es z.B. drei jüngere Dokumentationen, die empfehlenswert sind und etwas Licht in die Machenschaften der Kirche und einiger ihrer Vertreter bringen:

Missbrauch in der Kirche Doku Neu
https://www.youtube.com/watch?v=F2zV-h02vcQ

Missbrauch durch Priester und dann? Richter Gottes. Die geheimen Prozesse der Kirche | DAS ERSTE
https://www.youtube.com/watch?v=XBizuzUD0cI

Die Story im Ersten: Meine Täter, die Priester
https://www.youtube.com/watch?v=X9Mz04dQKdw&list=PLQrsocOZ_VCkLO18itQZ4qyNvWJFXtfZ2


Donnerstag, 18. Oktober 2018

Der Papst und das Töten


Der Papst und das Töten

Haimo L. Handl

Kürzlich äußerte sich der Papst, das Oberhaupt der katholischen Kirche, wieder zur Abreibung. In einer Rede zum Generalthema Töten („Du sollst nicht töten“) ging der Pontifex nicht etwa auf Kriege und Terrorismus ein, auf gezieltes Töten durch Regierungsorgane, oder auf mafiotische Racheakte, sondern auf den Schwangerschaftsabbruch. Man muss die skandalösen Aussagen dieses Mannes, der sich in weißem Gewand als die Verkörperung des Herrn mit der weißen Weste gibt, so richtig von allen Seiten beleuchten, um die abgrundtiefe Widersprüchlichkeit, von der seine „Heiligkeit“ (ja, sie nennen ihn „Heiligkeit“!) redet, würdigen zu können.

Er prangert ein widersprüchliches Denken an, aufgrund dessen viele sich das Recht herausnehmen, ungeborenes Leben zu töten. Er erwähnt natürlich nicht das widersprüchliche Handeln Kirche, dem sicher ein widersprüchliches Denken unterliegt, Er fokussiert auf die Frauen und die Ausübung des Rechts der Frauen, über IHREN Köper samt dem darin befindlichen ungeborenen Leben selbst bestimmen zu dürfen. Das widerstrebt der Kirche seit je. Es geht auch weniger um den Lebensschutz als um Kontrolle der Frauen, des weiblichen Geschlechts und einer Fixierung ihrer Rolle als Gebärerin.

Der Papst verglich den Schwangerschaftsabbruch mit Auftragsmord. Nun, man kann sich denken, dass die Kirche, die größte Organisation mit systematischem Kindsmissbrauch, die auch heute noch eine Aufdeckung, Verfolgung und Ahndung der Sexualstraftäter, der Kriminellen in ihren Reihen, Priester und Bischöfe, ver- oder zumindest behindert, hier eine Kampagne führt, die ablenken soll vom Bösen, das sie seit je verfolgt.

Der Papst meinte, und seine Meinung hat ja was Heiligmäßiges: „Man darf kein menschliches Leben beenden, auch kein kleines, um ein Problem zu lösen. Das ist so, als ob man einen Killer anheuern würde, um ein Problem zu lösen". Klingt interessant. Der Oberhirte legt für seine Herde, seine Schafe, noch eins drauf. Er wendet sich gegen den Individualismus und sieht im Annehmen behinderter Kinder, die trotz Pränataldiagnostik zur Welt gebracht werden, einen Humanakt.

Denn alle, auch behinderte Kinder (und er verbindet das gleich mit den Alten, Gebrechlichen, Pflegebedürftigen), seien „Geschenke Gottes“. Wer hat nicht gern Geschenke? Also, Schlussfolgerung: Mehr behinderte Kinder als Geschenke Gottes, um unsere tiefe Liebe und Humanität zu beweisen. Alle, die Prenataldiagnostik nutzen, sind des Teufels, sind Unterstützer des Aussonderungsprogramms, sind Vorbereiter der Auftragsmorde. Keine Gentests im Mutterleib. Der Mutterleib gehört nicht der Mutter, der Frau, sondern der Gesellschaft. Die Frau ist nur Werkzeug, Maschine. Sie darf keine Rechte haben. Sie muss das Programm der maskulinen Kirche, der „herr-lichen“ Gesellschaft, erfüllen, sie muss weiblich denken und handeln, und zwar weiblich im Verständnis des Mannes (der Neid auf die moslemischen Gesellschaften, wo dieses alte, männliche Denken noch viel „ursprünglicher“ und extremer gilt und waltet, ist unüberhörbar).

Wäre die Kirche eindeutig in ihrer Haltung gegen das Töten, könnte man vernünftig argumentieren, weshalb es sich beim Schwangerschaftsabbruch um einen Spezialfall handelt. Aber die Kirche ist widersprüchlich, seit je. Und gerade hinsichtlich des Tötens, des geborenen Lebens, nimmt sie dieses nicht nur hin, sondern segnet es bzw. hat es selbst bis zur schieren Perfektion in der Geschichte organisiert. Ich spreche vom Krieg und vom kriegerischen Töten. Und das betrifft nicht nur die Frühzeit der Kirche, die Kreuzzüge und die Religionskriege, sondern die Haltung der Kirche zum Militär und zum organisierten Töten. Heute widerspricht sie nicht nur nicht, sondern unterstützt es weiterhin. Das geborene Leben ist tötenswert, das Ungeborene aber muss geschützt werden. Männer, die vorgeben im Zölibat ohne nahe Beziehung zum weiblichen Geschlecht zu leben, legen Richtlinien für dieses vor. Es ist, als ob die Pfaffen die Frau als Gebärmaschine kontrollieren wollen, um dann, später, die Jungmänner in den Tod schicken zu können im Programm der „Verteidigung“.

Und wie steht’s mit den Missbräuchen? Die sind ja kein reales Töten, „nur“ Missbrauch. Wen kümmern die Traumata? Bevor die Buben Jungmänner oder Männer werden, dürfen sie die Realität des Sexus, der Homosexualität durch Missbrauchstäter erfahren. Die wenigstens stellen sich das deutlich vor, was da vor sich geht: der geile Typ spritzt seinen Samen nicht in die Scheide einer Frau zwecks Nachwuchs, das überlässt er dem gemeinen Volk, er, der „Soldat der Kirche“ reibt sich am Buben und entlädt sich in den wunden Arsch des Knaben, den er dann segnet. Später, wenn der Täter nicht mehr so viril und agil ist, bleibt’s beim Grapschen und Tätscheln, beim intimen Hinwenden. Der Eros der Pädagogik.

Aber ein großer Teil der Bevölkerung hört auf solche Männerbündler, solche Täter im Talar, geht gegen die Frauen vor (in Argentinien, von wo der jetzige Papst Fanziskus, Jorge Mario Bergoglio SJ, ein geschulter Jesuit, der die Frauen, die die Abreibung reklamieren, als Auftragsmörderinnen denunziert, vermochte die Kirche die Haltung der Mehrheit der Bevölkerung derart zu beeinflussen, dass der Abtreibungsparagraf nicht aus der Verfassung genommen werden konnte, während die Missbrauchskriminellen der Kirche Unterschlupf finden bzw. nicht verfolgt und belangt werden) und erfüllt das Unterdrückungsprogramm der Katholiken.

„Man darf kein menschliches Leben beenden, auch kein kleines, um ein Problem zu lösen. Das ist so, als ob man einen Killer anheuern würde, um ein Problem zu lösen“. Ein wahres Wort, wenn, ja wenn das Wenn nicht wär‘. Die wahren Mörder, die gegen das geborene Leben rücksichtslos vorgehen, bleiben nicht nur ungeschoren, sie walten auch im Segen der Kirche bzw. anderer Religionen. Ungläubige sind für viele bloßes Menschenmaterial, das wie Material entsorgt wird. Devianten, unwertes Leben, gab es nicht nur bei den Nazis. Die Staaten, die Militärs unterhalten, haben Killer angeheuert. Für die Opfer ist es einerlei, ob sie wegen rigider Parteiprogramme oder religiöser Überzeugungen „drankommen“, im Namen Gottes, der (immer männlich!) viele Ausformungen kennt, ob christlich oder moslemisch oder sonst was.

„Soldaten sind Mörder“, schrieb Tucholsky. Es gab Zeiten, und bald wird es wieder welche geben, als diese allgemeine Aussage zur gerichtlichen Verfolgung und Bestrafung führte. Der Papst unternimmt wieder Schritte dorthin; eine verantwortungslose Herde folgt dem Oberhirten, einem Wolf im Schafspelz.


Sonntag, 7. Oktober 2018

Der Nobelpreis als Farce


Haimo L. Handl

Der Nobelpreis als Farce

Der Nobelpreis, vom Industriellen Alfred Nobel (1833–1896) gestiftet, war für den Stifter und Initiator eine Art Wiedergutmachung und Gewissensberuhigung; nach seinem Testament wird er seit 1901 verliehen. Üb er die Jahre hat er seinen Sinn und seine Aufgabe verloren und passt nicht mehr in die veränderte Zeit. Bei den Naturwissenschaften, wo eine Bemessung preiswürdiger Leistungen sich nachvollziehbar zeigen kann, mag es noch angehen auszuzeichnen, im Falle des Friedenspreises, aber vor allem in der Literatur, ist die Auszeichnung peinlich und ideologische Camouflage.

Sieht man sich an, wer den Friedensnobelpreis in den letzten Jahren erhalten hat, erschrickt man über die vordergründigen Manöver und Auszeichnungen. Der Preis widerspiegelt die Machtverteilung der westlichen Welt, den enormen Einfluss früher von Großbritannien, später von den USA und die Herrschaft wenig oder nicht reflektierter Werte des Christentums und daraus gespeister oder determinierter Staatstheorien.

In den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts finden sich Namen wie Willy Brandt, aber auch Politiker, die gnadenlos eine Kriegspolitik konzipierten und unterstützten, wie Henry Kissinger, Anwar as-Sadat, Menachem Begin, Elie Wiesel, Michail Gorbatschow oder Aung San Suu Kyi, die heute die Massenmorde an den Rohingya deckt, Jassir Arafat, Schimon Peres, Jitzchak Rabin, Jimmy Carter, Al Gore, Barack Obama, Europäische Union, (Obama weitete die amerikanischen Kriege aus, führte den Drohnenkrieg ein, die EU kooperiert mit faschistischen Regimen und unterstützt amerikanische Kriegsmaßnahmen sowie Terrorfinanziers wie Saudi Arabien).

Es sind nicht nur gewisse Persönlichkeiten oder Institutionen, die als preiswürdig erachtet wurden, womit von den brennenden politischen Problemen abgelenkt wurde. Es ist das dahinterliegende Wertsystem, das beleidigt.

Eine völlig veraltete Veranstaltung stellte der Nobelpreis für Literatur dar. Die Konstruktion der Akademie mit absolutistischen Rechten entstammt einem monarchischen Denken, das jeden emanzipatorischen Vorstellungen Hohn spricht. Die hohe Korruption, die Missbrauchsfälle in der Akademie indizieren nicht nur einen Niedergang der schwedischen Gesellschaft hinsichtlich westlicher Werte, sondern auch eine institutionelle Verkommenheit. Es wäre am besten, die Akademie löste sich auf und „streckte die Waffen“. Sie stellt eine andauernde negative Provokation dar. Die Staatsführung, der Monarch, niemand greift ein, die Statuten schützen die Privilegierten und Pfründehalter.

Dabei geht es überhaupt nicht um die Preisträger. Gerechtigkeit kann es nie geben, ist auch nicht ernstlich verlangt (außer von einigen, die solche Auswahlen nicht verstehen wollen). Ab er der Anspruch, „Weltbestes“ auszuzeichnen, ist unhaltbar und peinlich. Den Rekurs darauf brauchte es gar nicht. Alfred Nobel hat in seiner Lebenszeit nach anderen Wertmaßstäben geurteilt und gefordert, dass man künftig danach urteilen solle. Aus und vorbei. Es ist an der Zeit, mit solchem Humbug aufzuhören. Die Nobelpreisstiftung hat sich zu einer Kirche entwickelt, die Ideologie praktiziert. Sie ist unzeitgemäß. Dass Mitglieder auf Lebenszeit praktisch sakrosankt schalten und walten können, ist unerträglich (das ist bei den auf Lebenszeit bestellten Höchstrichtern ähnlich). Solch eine Praxis verträgt sich nicht mit Republikanismus oder offener Gesellschaft. Das sind Überbleibsel einer alten, unguten  Zeit.

Die Massen, auch die vermeintlich gebildeten, verlangen aber nach Zirkus, nach Spielen. Es gibt Versuche eines alternativen Nobelpreises für Literatur, nur am das Geschäft am Laufen zu halten. Man könnte ja daraus eine Art Publikumspreis machen: über die social media ließen sich sicher „gerechtere“ Preisträgerinnen finden. Eigene Spezialeinheiten einer Cyber Police würden prüfen, wie viele Stimmen über automatisierte Systeme produziert wurden. Man hätte neue Affären, neue Arbeitsplätze und eine weltumfassende Ablenkung. Die extreme Orientierung auf Quantität würde das geschwächte Wertsystem bzw. die Wertsysteme unserer Gesellschaften weiter unterminieren und ausdünnen, was den Gesellschaftsveränderinnen nur recht wäre. Der Schein der „demokratischen“ Entscheidungen wäre gewahrt und könnte in tausenden Kursen an Colleges und Volkshochschulen behandelt werden. Das wäre dann ein Beitrag zur Weltliteratur und zum Weltfrieden.


Dienstag, 23. August 2011

Die Freiheit der Interpretation

Zur Problematik des Gebrauchs und Missbrauchs von Literatur:

Die Freiheit der Interpretation

 
Stalinisten, die Puschkin lesen, neben Gorki auch Tolstoi, Nazis die ergriffen Bach, Mozart oder Beethoven lauschen, auch wenn auf ihren Bühnen nicht Fidelio gebracht wird...

Werke gehören der Allgemeinheit und sind nicht reserviert für Auserwählte. Der freie Zugang erlaubt auch jenen, die die Freiheit zerstör(t)en, die Reproduktion, die Interpretation. 

Woran soll eine „Schändung“ bemessen werden? Zur falschen Zeit, an falschem Ort von falschen Menschen? Welches sind die richtigen, korrekten Zeiten, Orte und Menschen, die dieses oder jenes wiedergeben dürfen?

Missbrauch! Ist die Vergewaltigung durch die Kulturindustrie von geringerem Übel als der offensichtlichere durch Gewaltmenschen diktatorischer Regimes? Wie tief reicht der Abgrund? Und welchen Schaden fügt er dem missbrauchten Werk zu?

Kehrseite: Aufwertung durch Gesinnung, durch den historischen Kontext. Welchen Qualitätskriterien hält solches Urteilen stand?

„Der Tod fürs Vaterland“ des letzten deutschen Jakobiners Friedrich Hölderlin. Die Politisierung Hölderlins, der lange Zeit als Schwärmer, Träumer, Umnachteter gehandelt wurde, setzte in den späten Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ein. Aber die Indienstnahme durch die Nazis war auch schon eine Politisierung. Eine, der man sich ungern erinnert. Damals die Nazis, später Peter Weiss und die Linken. Gepasst hat es immer im entsprechenden Kontext. Dann aber gilt das auch für das esoterische Lesen und Deuten. Es gibt keine allgemeingültigen, verbindlichen Deutungen. Es gibt nur plausible oder plausiblere. 

Sind Gedichte des jetzt in Den Haag angeklagten Kriegsverbrechers Radovan Karadžić zu negieren? Dürfen sie nicht gelesen und vielleicht sogar als literarisch gut befunden werden? Wird der Wert von Lyrik an der Person und ihrem Verhalten gemessen? MUSS danach bemessen werden? Welche Werke müsste man dann aber aus dem Verkehr ziehen, weil ihre Autoren Kinderschänder, Frauenprügler, Säufer, Drogenabhängige, Vergewaltiger, unverantwortliche Väter, betrügerische Mafiosi, verbrecherische Asoziale, haltlose Labile, gemeine Diebe waren? 

In Youtube hat jemand einen Filmausschnitt aus einem Nazifilm gestellt, in dem aus einem Hölderlingedicht (Der Tod fürs Vaterland) zitiert wird. 

Friedrich Hölderlin

 

Der Tod fürs Vaterland

Du kömmst, o Schlacht! schon wogen die Jünglinge
Hinab von ihren Hügeln, hinab ins Tal,
Wo keck herauf die Würger dringen,
Sicher der Kunst und des Arms, doch sichrer 

Kömmt über sie die Seele der Jünglinge,
Denn die Gerechten schlagen, wie Zauberer,
Und ihre Vaterlandsgesänge
Lähmen die Kniee den Ehrelosen.


O nehmt mich, nehmt mich mit in die Reihen auf,
Damit ich einst nicht sterbe gemeinen Tods!
Umsonst zu sterben, lieb ich nicht, doch
Lieb ich, zu fallen am Opferhügel!


Fürs Vaterland, zu bluten des Herzens Blut
Fürs Vaterland – und bald ists geschehn! Zu euch,
Ihr Teuern! komm ich, die mich leben
Lehrten und sterben, zu euch hinunter!


Wie oft im Lichte dürstet' ich euch zu sehn,
Ihr Helden und ihr Dichter aus alter Zeit!
Nun grüßt ihr freundlich den geringen
Fremdling, und brüderlich ists hier unten;


Und Siegesboten kommen herab: Die Schlacht
Ist unser! Lebe droben, o Vaterland,
Und zähle nicht die Toten!
Dir ist,
Liebes! nicht Einer zu viel gefallen.


Hier das Video (Stukas: Holderlin Poem "Der Tod fürs Vaterland" as Nazi propaganda):



Dass nichts nur EINES ist, sondern alles oder jedes mehrere Seiten oder Aspekte hat, mindestens eine "Kehrseite", ist eigentlich bekannt, wird aber oft übersehen. Zur Doppel- oder Mehrseitigkeit, ja Mehrdimensionalität, auch im Bereich der Sprache oder der Künste, findet sich bei George Steiner eine Bemerkung in seinem Buch "Real Presences":

""In words, as in particle physics, there is matter and anti-matter. There is construction and annihilation. Parents and children, men and women, when facing each other in exchange of speech, are at ultimate risk. One word can cripple a human relation, can do dirt on hope. The knives of saying cut deepest. Yet the identical instrument, lexical, syntactic, semantic, is that of revelation, of ecstasy, of the wonder of understanding that is communion. Reciprocally, speech that can articulate the ethics of Socrates, the parables of Christ, the master-building of being in Shakespeare or Hölderlin, can, by exactly the same virtue of unconstrained potentiality, blueprint and legislate the death camps and chronicle the torture chamber. The mountebank's virtuosity with words of a Hitler is anti-matter, it realizes a counter-Logos which conceptualizes and then enacts the deconstruction of the humane." (pp.58f)


Sonntag, 8. Mai 2011

Broch und Anhänger

Heuer wird des 125. Geburtstages und des 60. Todestages von Hermann Broch gedacht. Eine Theatergruppe organisiert ein Antifestival und sagt: "Anläßlich des 125. Geburtstages (zugleich 60. Todestag) des österreichischen Dichters Hermann Broch veranstaltet bluatschwitzblackbox ein Antifestival zu seinen Ehren: Streit um Broch". Ich wundere mich. Broch wurde am 1. 11. 1886 geboren und verstarb am 30. Mai 1951. Sein Geburtstag ist nicht zugleich sein Todestag. – Wieso auch "Antifestival"? Darum: "'Antifestival' deshalb, weil es in Sachen Broch tatsächlich nichts zu feiern gibt."

Lesen -sie die Kolumne "Wort zum Sonntag" von Haimo L. Handl vom 8. Mai 2011 in kultur-online.net

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