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Sonntag, 5. Februar 2012

75. Todestag von Lou Andreas-Salomé

Lou Andreas-Salomé – geborene Louise von Salomé; gelegentliches Pseudonym „Henry Lou“ – (12. Februar 1861 in St. Petersburg - 5. Februar 1937 in Göttingen), war eine weitgereiste Schriftstellerin, Erzählerin, Essayistin und Psychoanalytikerin aus russisch-deutscher Familie. Die Art ihrer persönlichen Beziehungen zu prominenten Vertretern des deutschen Geisteslebens – in erster Linie zu Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud – war und ist bis heute Gegenstand unterschiedlicher Interpretationen.

Wikipedia

Lou Andreas-Salomé - Internetseite

H. Walther:  Die Lou-Episode: Friedrich Nietzsche, Paul Rée und Lou Salomé

MedienEdition Welsch zu LAS

Lou Andreas-Salomé:Fenitschka. Eine Ausschweifung (1898)

Hinweise zum Text hier


Auszug des Beginns:


Es war im September, der ſtillſten Zeit des Pariſer Lebens. Die vornehme Welt ſteckte in den Seebädern, die Fremden wurden ſcharenweiſe von der drückenden Hitze vertrieben. Trotzdem drängte ſich an den ſchwülen Abenden auf den Boulevards eine ſo vielköpfige Menge, daß ſie der Hochſaiſon jeder andern Stadt immer noch genügt hätte.
Max Werner flanierte nach Mitternacht über den Boulevard St. Michel, als er in eine kleine Geſellſchaft ihm bekannter Familien hineingeriet. Sie hatten mit durchreiſenden Freunden ein Theater beſucht, und wollten nun dieſen Herren und Damen ein wenig „Paris bei Nacht“ zeigen, — nämlich erſt in einem charakteriſtiſchen Nachtcafé des Quartier latin einkehren, und dann, im Morgengrauen, um die Stunde, wo die Stadt ſchläft, den intereſſanten Trubel bei den Hallen betrachten, wenn der verödete Platz ſich mit den Marktleuten belebt, die ihre Waren vom Lande einfahren und ſie ausbreiten.
Nach einigem Zögern und Schwanken von ſeiten der Damen entſchied man ſich für das Café Darcourt, das um dieſe Stunde ſchon überfüllt war mit den Griſetten und Studenten des Quartiers, und beſetzte ein paar der kleinen Marmortiſche draußen, die auf dem Trottoir, mitten unter den Paſſanten, an den weitgeöffneten, hellerleuchteten Fenſtern entlang ſtanden.
Max Werner kam neben eine junge Ruſſin zu ſitzen, die er zum erſtenmal ſah, — ihren langklingenden Namen überhörte er bei der Vorſtellung, doch wurde ſie von den anderen einfach als „Fenia“ oder „Fenitſchka“ angeredet. In ihrem ſchwarzen nonnenhaften Kleidchen, das faſt drollig unpariſeriſch ihre mittelgroße ganz unauffällige Geſtalt umſchloß, und eine beliebte Tracht vieler Züricher Studentinnen ſein ſollte, machte ſie zunächſt auf ihn keinerlei beſonderen Eindruck. Er muſterte ſie nur näher, weil ihn im Grunde alle Frauen ein wenig intereſſierten, wenn nicht den Mann, dann mindeſtens den Menſchen in ihm, der ſeit einem Jahre doktoriert hatte, und nun ein brennendes Verlangen beſaß, in der Welt der Wirklichkeit praktiſch Pſychologie zu lernen, ehe er von einem Katheder herab welche las: was ihm einſtweilen noch keine begehrenswerte Zukunft ſchien.
An Fenia fielen ihm nur die intelligenten braunen Augen auf, die jeden Gegenſtand eigentümlich ſeelen-offen und klar — und jeden Menſchen wie einen Gegenſtand
— anſchauten, ſowie der ſlaviſche Schnitt des Geſichtes mit der kurzen Naſe: einer von Max Werners Lieblingsnaſen, die da vernünftigen Platz zum Kuſſe laſſen, — was eine Naſe doch gewiß thun ſoll.
Aber dieſes gradezu blaß gearbeitete, von Geiſtesanſtrengungen zeugende Geſicht forderte ſo gar nicht zum Küſſen auf.
Anfangs ſprachen ſie kaum miteinander, denn im Innern des Lokals, neben demſelben Fenſter, an deſſen Außenſeite ſie ſaßen, ſpielte ſich eine erregte Scene ab, die aller Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Dort befanden ſich zwei Pärchen am Tiſch, die ihre Unterhaltung mit Scherzreden und Neckereien begannen, und damit endeten, ſich fürchterlich zu zanken.
Das eine der beiden Mädchen — wenig ſchön und am Verblühen, aber trotzdem ein unverwüſtlich graziöſes Pariſer Köpfchen — wurde ſchließlich vom Gegenpaar mit einer Flut häßlicher Schmähreden überſchüttet, ohne daß ihr eigner Begleiter ihr auch nur im mindeſten beigeſtanden hätte. Vielmehr ſtimmte er bei jedem erneuten Angriff johlend in das brutale Gelächter der beiden andern ein, das ſich bald auch auf die benachbarten Tiſche fortpflanzte, wo neben den erhitzten halbbezechten Männern die geputzten Genoſſinnen des mißhandelten Geſchöpfs mit lärmender Schadenfreude ihre Konkurrentin niederjubelten.
Durch die ſchwere, dumpfe, vom Tabaksrauch und vom Dunſt der Menſchen, Gasflammen und Getränke erfüllte Luft des Lokals ſchallten die rohen Stimmen
laut bis zu dem Tiſch draußen hinüber, an dem es ganz ſtill geworden war. Auf den Geſichtern der Damen prägten ſich deutlich Mitleid, Ekel, Entrüſtung und eine gewiſſe Verlegenheit darüber aus, einer ſolchen Situation beizuwohnen; eine von ihnen knüpfte furchtſam ihren Schleier feſter. Niemand aber war ſo benommen von
dem, was er ſah, wie Fenia.
Sie hatte von allem Anfang an mit ſachlichem Intereſſe um ſich geblickt, jede Einzelheit, die ihr auffiel, mit großer Unbefangenheit beobachtet. Jetzt aber
wurde ſie ganz ſichtlich von einer ſo intenſiven Anteilnahme erfüllt, daß ſie zuletzt, — offenbar ganz unwillkürlich, wie außer ſtande länger paſſiv zu verharren, — ſich langſam erhob und die eine Hand gegen die Lärmenden ausſtreckte, als müſſe ſie eingreifen oder Halt gebieten. Im ſelben Augenblick ward ſie ſich ihrer ſpontanen Bewegung bewußt, hielt ſich zurück, und errötete ſtark, wodurch ſie plötzlich ganz lieb und kindlich, und ein wenig hilflos ausſah.
Während ſie aber ſo daſtand, traf ihr Blick den der Griſette, die in ihrer Ratloſigkeit und Verlaſſenheit angefangen hatte zu weinen, ſo daß große Thränen ihr über die heißen geſchminkten Wangen rollten, und ihre Lippen ſich konvulſiviſch verzogen. Unter dem langen, eigentümlichen Blick, den ſie mit Fenia austauſchte, ver¬
änderte ſich der Ausdruck des weinenden Geſichts; von Fenias Augen ſchien eine Hilfe, eine Liebkoſung, eine Aufrichtung auszugehn, etwas, was die Einſamkeit dieſes
getretenen Geſchöpfes aufhob. Man konnte vom Tiſch aus deutlich den Stimmungswechſel auf ihren Zügen verfolgen, denn ſie ſaß faſt grade gegenüber am Fenſter. Ein Danken, Staunen, Nachſinnen, — ein momentanes Taubwerden für ihre lärmende Umgebung und deren Schmähreden ließ ihre Thränen verſiegen, und ſie achtete kaum noch darauf, daß das Paar neben ihr ſich erhob, um fortzugehn, und auch ihr Begleiter ſeinen ſchäbigen Cylinder vom Wandhaken abhob.
Da ſtieß er ſie brutal mit dem Ellenbogen an und forderte ſie auf, ſich zu beeilen. Sie ſchüttelte den Kopf und erwiderte einige Worte im Pariſer Argot, die man draußen nicht deutlich vernehmen konnte, die aber eine äußerſt deutliche Gebärde der Geringſchätzung und Ablehnung begleitete. Er machte eine verdutzte Miene und rief dadurch neues Gelächter hervor. Diesmal jedoch galt es ihm, dem Geprellten, der mit wütendem Geſicht das Lokal verließ.
Das Mädchen nahm ihr fadenſcheiniges Seidenmäntelchen von der Stuhllehne, hing es um, und ſchaute dabei mit einem ſtolzen und leuchtenden Blick zu Fenia hinüber, die unbeweglich ſtehn geblieben war, — eine ganz wunderlich ernſte, ergriffene Geſtalt inmitten der verſchleierten Damen und der buntgekleideten, lachenden Dämchen um uns her.
Gleich darauf ſah man ihren Schützling aus der Thür treten und am Tiſch vorüberkommen. Aber da geſchah etwas allen ganz Unerwartetes: denn neben Fenia blieb das Mädel ſtehn, öffnete die Lippen, wie um ſie anzuſprechen, und plötzlich, mit einer impulſiven Bewegung, deren Natürlichkeit eine mit ſich fortreißende Anmut beſaß, ſtreckte ſie Fenia beide Hände entgegen.
Dieſe ergriff die dargebotenen Hände und ſchüttelte ſie mit herzhaftem Druck. Einige Augenblicke lang ſtanden ſie da und lächelten einander an wie Schweſtern, während alle verblüfft, intereſſiert, amüſiert um die beiden herum ſaßen. Dann entfernte ſich das Mädchen mit einer Kopfneigung gegen die andern und verſchwand im vorüberhaſtenden Menſchenſtrom.
Man lachte über das kleine Drama, man ſcherzte über Fenias „Erfolg“ und neckte ſie nicht wenig. Sie ſelbſt war ſehr einſilbig geworden.
Eine der Damen mißverſtand ihren ernſthaften Geſichtsausdruck und bemerkte: „Ja, chérie, eine ziemlich unerbetene und unbequeme Freundſchaft! Sie könnte Ihnen eines ſchönen Tages recht peinlich werden, wenn dies Weſen Sie irgendwo auf der Straße wiederfindet und Sie auf das intimſte begrüßt, — zur Ueberraſchung derer, die vielleicht mit Ihnen gehen.“
„Das brauchen Sie nicht zu fürchten,“ widerſprach Max Werner raſch, „ich wette darauf, daß dieſes Mädchen ohne merkbaren Gruß an Ihnen vorübergehen wird, falls es Ihnen je begegnet. Anderswo würden Sie vielleicht von ihrer Dankbarkeit verfolgt werden, — die Franzöſin würde es für eine ſchlechte Dankbarkeit halten, Sie eventuell dadurch zu kompromittieren. Das iſt der franzöſiſche Takt, — der Takt einer alten Kultur, die allmählich bis in alle Schichten eines Volkes durchdringt und ihm ſeine faſt inſtinktive Intelligenz giebt.“ „Ich würde ſie aber gern wiederſehen!“ ſagte Fenia
leiſe.
„Um was zu thun?“
„Ich weiß es nicht. Aber was mich vorhin ſo entſetzte, das war das Gefühl, als ob dieſe Mädchen gleichmäßig ſowohl von den Männern wie von den Genoſſinnen preiſgegeben würden, — als ob ſie gradezu wie in Feindesland lebten. — Ich habe noch nie ſo viel höhniſche Verachtung geſehen, wie in den Mienen der Männer, — ſo viel höhniſche Schadenfreude wie in den Blicken der andern Mädchen. — Und das iſt hier im Lokal, wo ſie ſozuſagen bei ſich iſt, unter den Ihrigen. — Außer¬ halb nun erſt! — O ich denke mir, ein ſolches armes Ding muß nach einer freundlichen, einfach menſchlichen Berührung lechzen.“
„Das iſt richtig. Manchmal ſind ſie ſehr dankbar dafür. Ich hab es mitunter auch ſchon beſtätigt gefunden.“
„Sie?“ Fenia heftete voll Intereſſe ihre hellbraunen Augen auf ihn. Sie war ganz und gar bei der Sache.
„Warum nicht ich?“
„Weil ich mir vorſtelle, daß ſolche Mädchen einem jeden Mann mit Mißtrauen begegnen, — müſſen ſie nicht annehmen, er wolle von ihnen etwas ganz andres als ihr Vertrauen?“
„Donnerwetter!“ dachte er und ſah ſich Fenia genauer an. Dieſer Grad von Unbefangenheit, womit ſie über ſo heikle Dinge mit einem ihr ganz fremden Manne ſprach, hier, in Paris, in der Nacht, in dieſem Café, — und dabei ein Ausdruck in ihren Mienen, als unterhielten ſie ſich über fremdländiſche Käfer.



Samstag, 21. Januar 2012

140. Todestag Franz Grillparzers

Franz Grillparzer (15. Jänner 1791 in Wien - 21. Jänner 1872 ebenda) war ein österreichischer Schriftsteller, der vor allem als Dramatiker hervorgetreten ist. Aufgrund der identitätsstiftenden Verwendung seiner Werke, vor allem nach 1945, wird er auch als österreichischer Nationaldichter bezeichnet.

Wikipedia

Franz Grillparzer - Website

Franz Grillparzer

Friedrich Nietzsche (in "Unzeitgemäße Betrachtungen) zu einem Satz Grillparzers:

    Nun gibt es aber auch eine berühmte Gefahr dieser Innerlichkeit: der Inhalt selbst, von dem es angenommen ist, daß er außen gar nicht gesehen werden kann, möchte sich gelegentlich einmal verflüchtigen; außen würde man aber weder davon noch von dem früheren Vorhandensein etwas merken. Aber denke man sich immerhin das deutsche Volk möglichst weit von dieser Gefahr entfernt: etwas recht wird der Ausländer immer behalten, wenn er uns vorwirft, daß unser Inneres zu schwach und ungeordnet ist, um nach außen zu wirken und sich eine Form zu geben. Dabei kann es sich in seltenem Grade zart empfänglich, ernst, mächtig, innig, gut erweisen und vielleicht selbst reicher als das Innere anderer Völker sein; aber als Ganzes bleibt es schwach, weil alle die schönen Fasern nicht in einen kräftigen Knoten geschlungen sind: so daß die sichtbare Tat nicht die Gesamttat und Selbstoffenbarung dieses Inneren ist, sondern nur ein schwächlicher oder roher Versuch irgendeiner Faser, zum Schein einmal für das Ganze gelten zu wollen. Deshalb ist der Deutsche nach einer Handlung gar nicht zu beurteilen und als Individuum auch nach dieser Tat noch völlig verborgen. Man muß ihn bekanntlich nach seinen Gedanken und Gefühlen messen, und die spricht er jetzt in seinen Büchern aus. Wenn nur nicht gerade diese Bücher neuerdings mehr als je einen Zweifel darüber erweckten, ob die berühmte Innerlichkeit wirklich noch in ihrem unzugänglichen Tempelchen sitze: es wäre ein schrecklicher Gedanke, daß sie eines Tages verschwunden sei und nun nur noch die Äußerlichkeit, jene hochmütig täppische und demütig bummelige Äußerlichkeit als Kennzeichen des Deutschen zurückbliebe. Fast ebenso schrecklich, als wenn jene Innerlichkeit, ohne daß man es sehen könnte, gefälscht, gefärbt, übermalt darinsäße und zur Schauspielerin, wenn nicht zu schlimmerem geworden wäre: wie dies zum Beispiel der beiseite stehende und still betrachtende Grillparzer von seiner dramatisch-theatralischen Erfahrung aus anzunehmen scheint. "Wir empfinden mit Abstraktion", sagt er, "wir wissen kaum mehr, wie sich die Empfindung bei unseren Zeitgenossen äußert; wir lassen sie Sprünge machen, wie sie sie heutzutage nicht mehr macht. Shakespeare hat uns Neuere alle verdorben."



2006, zu Grillparzers 215. Gebudrtstag, schrieb Haimo L. Handl in kultur-online.net:

Franz Grillparzer - der Verhinderte

Grillparzer stellt die Persönlichkeit und den Typus des pflichtbewussten und -treuen Menschen dar, der von der Behörde drangsaliert und niedergehalten wird, der jedoch Angst und Schrecken vor den Alternativen und Änderungen hat, so dass er, verbittert und vereinsamt, sein Schicksal erträgt und sich sogar Leistungen versagt, die er hätte erbringen können, wären die "Umstände" nur etwas humaner gewesen.

In meiner Schulzeit wurde ich zuerst mit einigem seines Werkes konfrontiert. Als Kind oder früher Jugendlicher war es kein leichter Zugang. Er hatte den bitteren Geschmack eines obligaten Klassikers - und von daher wiederholte sich die Barriere und Abgrenzung, die so gar nicht seinem Werk gerecht wurde und werden kann. Erst später, gegen einige übernommene Vorurteile aus der politischen Literaturkritik seiner (die des "Jungen Deutschland" vor allem) und meiner Zeit (Fünfzigerjahre mit dem offiziellen Belobigen und dem antiautoritären Ablehnen, was sich später in der Achtundsechzigergeneration lautstark artikulierte), konnte ich nicht nur mehr Konturen unterscheiden, sondern auch Inhalte und Positionen anders schätzen lernen.

Von zwei Literaten, wovon einer ein profunder Politiker war, nämlich Ernst Fischer und Hans Weigel, las ich zwei höchst unterschiedliche Artikel über Grillparzer, die seine geteilte, höchst uneinheitliche, umstrittene Bewertung auch gegenwärtig widerspiegeln.

Hans Weigel (In: Flucht vor der Größe. Sechs Variationen über die Vollendung im Unvollendeten. Graz 1960) fokussiert die Person, das Individuelle, während der Marxist Ernst Fischer (  Von Grillparzer zu Kafka. Sechs Essays. Wien 1962) den historischen Aspekt, die gesellschaftlichen Hintergründe umfassend berücksichtigt und zu deuten versucht an und durch die Person Grillparzer.
Nach Weigel ist Grillparzer eine "regionale Erscheinung", die sich in zerfleischendem Selbsthass selber abwürgt, ein "Fanatiker der Selbstzerstörung". "Grillparzer fühlt sich nur wohl, wenn er sich nicht wohlfühlt".

"Und Grillparzer findet aus der Tatsache des bevorstehenden Untergangs nicht zur Bejahung. Er bejaht nicht die Zeit vorher, er bejaht den Untergang." "Er nimmt willig, fast freudig die Gefahr, die Bedrohung auf sich, die Herausforderung, auf dass, wie einst angesichts der napoleonischen Gefahr, die Völker sich besinnen. Welch eine unglaublich weitgehende Bejahung des Negativen!"
Wenn man diesen Sätzen solche von Fischer gegenüberstellt, verdeutlicht sich einiges:
"Er haßte das Regime Metternichs und fürchtete zugleich die demokratische Revolution." "Der romantische Protest gegen die kapitalistische Entwicklung war für Grillparzer zugleich Abwehr gegen die Bedrohung des österreichischen Staatsgefüges durch eben diese Entwicklung." Wenn Grillparzer immer wieder den Konflikt der Naturmenschen, der "Barbaren" mit der Zivilisation heraufbeschwört, so greift dies über die nationale Problematik Österreichs hinaus. "Es ist nicht nur das Erbe der katholischen Gegenreformation (...), sondern auch die zunehmende Angst Grillparzers vor der Wirklichkeit, seine Tendenz, sich aus dem Treiben zurückzuziehn, in Melancholie zu versinken".

Fischer sieht also nicht einfache Bejahung des Untergangs, sondern ohnmächtiges Inkaufnehmen dessen, weil keine Energie für einen Widerstand oder überhaupt für eine Aktion aufgebracht werden kann. Zwar hängt dies mit der Person Grillparzer zusammen, muss es ja, aber es hat einen objektiven Hintergrund, es ist eben nicht ideosynkratisch: Grillparzer entspricht mit diesem Zögern, mit dieser Passivität dem typischen Österreicher. Fischer vermag es, in wenigen Sätzen die historische Entwicklung darzulegen. Natürlich hätte Grillparzer mit einer etwas anders ausgelegten Persönlichkeit anders handeln können. Das Umfeld bestimmt keinen Menschen bis ins Kleinste. Aber es gibt Rahmen und Wertstrukturen vor. Grillparzer fand solche, die ihm, mit seinen Anlagen, keine Alternative liessen: er sah die Zersetzung, aber die Furcht vor der Veränderung sass zu tief. Er war gelähmt, wie der Hase vor der Schlange.

Während Weigel die Person als Versager herauskehrt, sich mokiert über die Verteidigungen Grillparzers, für dessen Scheitern auch literarische Belege findet und zitiert, konzediert Fischer zwar Mängel und Schwächen, stellt diese aber in einen tiefen, weiten Kontext, worin sogar das Scheitern, die bedingte Dürftigkeit einen Sinn erhält, den es herauszulesen gilt. Das heisst, der geschulte historische Blick öffnet mehr Tiefen, als es der des Theater- und Literaturkritikers vermöchte. Liest man beide, erweitert sich das Bild zum opulenten Gemälde.

Dem "Jungen Deutschland" war er wegen dessen vehementer Ablehnung des Metternich-Regimes bzw. jeder staatlichen Bevormundung ein Grund zur Attacke. Trotzdem traf Grillparzer 1836 auf seiner Reise nach Paris dort zwei ihrer Vertreter, nämlich Ludwig Börne und Heinrich Heine. Die Bewegung entstand um 1830 und war schon 1835 vom Frankfurter Bundestag verboten worden; Georg Herwegh, Heinrich Laube, Karl Gutzkow, Ferdinand Freiligrath, Ludolf Wienbarg und Theodor Mundt gehörten ihr an und, zumindest zeitweise, auch Georg Büchner, Heinrich Heine und Ludwig Börne. Jene, die selbst zum Teil ins Exil flüchten mussten, deren Werke der Zensur zum Opfer fielen, höhnten und schmähten Grillparzer, der von der Habsburgischen, Metternichschen Polizei verfolgt und demütigend drangsaliert wurde und der selbst unter der Zensur litt. Nicht nur eine literaturhistorische Ironie.

Grillparzers "Selbstbiographie" dokumentiert einen Leidensweg in einer Gesellschaft, die in den klischierten Überlieferungen als niedlich biedermeierlich bekannt ist; man denke nur an die verzerrte, kitschige Sicht von Franz Schubert (1797-1828), die lange seine adäquate Würdigung behinderte.

Nach dem Durchfall seines Lustspiels "Weh' dem, der lügt!" 1838 schreibt er keine Dramen mehr. Er wird 1856 pensioniert, erfährt noch einige Ehrungen, wird 1861 ins Herrenhaus berufen, 1864 zum Wiener Ehrenbürger und stirbt 1872. Drei bedeutende Stücke seines Spätwerks erscheinen erst nach seinem Tode: "Libussa", "Ein Bruderzwist in Habsburg" und "Die Jüdin von Toledo".



Karl Kraus zu Grillparzer (In: Untergang der Welt durch schwarze Magie, 1912)

Ich habe Erscheinungen von dem, was ist. Ich mache aus einer Mücke einen Elefanten. Ist das keine Kunst? Zauberer sind die andern, die das Leben in die Mückenplage verwandelt haben. Und der Mücken werden immer mehr. Oft kann ich sie nicht mehr unterscheiden. Tausend habe ich zu Hause und komme nicht dazu, sie zu überschätzen. Bei Nacht sehen sie wie Zeitungspapier aus und jedes einzelne Stück lacht mich an, ob ich nun endlich auch ihm die Verbindung mit dem Weltgeist gönnen wolle, von dem es stammt. Gegen die Plage dieser Ephemeren gibt es keinen Schutz, als sie unsterblich zu machen. Das ist eine Tortur für sie und für mich. Doch wachsen sie nach und ich werde nicht fertig. Finde ich da ein Stück:
Man hat ihn mit Geschenken, Blumen, Reden gefeiert. Die Vertreter der Stadt und des Landes, das Zivil wie hohe Offiziere wetteiferten darin, diesem Jubilar zu zeigen, daß so redliche Tüchtigkeit nicht nur Ehre, sondern auch herzliche Zuneigung einbringt.

Was war das nur? Warum habe ich das aufgehoben? "Man hat ihn ...": dieser Ton muß einer Feier gelten, die schon etwas Selbstverständliches hat. Was kann es nur sein, wobei Stadt und Land, Zivil und Militär wetteifern? Grillparzer? Der Ausschnitt ist doch nicht so alten Datums, und damals hat man sich noch nicht so ins Zeug gelegt für die Jubilare. "Herzliche Zuneigung:" das würde für Alfred Grünfeld sprechen, aber da gibts keine Vertreter des Landes. "Redliche Tüchtigkeit:" für Schnitzler, aber da rückt wieder das Militär nicht aus. Auch dürfte es sich nicht um einen der Fünfziger handeln, die heuer wie falsches Geld herumlaufen, sondern eher um einen, der seit fünfundzwanzig Jahren - ich weiß es nicht, aber man sollte mir helfen. Man muß doch schließlich schon viel besser als ich wissen, wem ein verlorener Tonfall gehört. Ich habe die Übersicht verloren. Ich kann nicht mehr mit Sicherheit sagen: So haben die Wiener einen ihrer titanischen Kaffeesieder gefeiert. Denn inzwischen ist ein Geschlecht von Epigonen nachgewachsen, und denen wird auch schon gehuldigt.





"Das goldene Vlies", Franz Grillparzer

Hörfassung aus dem Jahr 1956  in Youtube in 2 Teilen:


Teil 1 (1:42:49), Youtube

Teil 2 (2:00:03), Youtube

Freitag, 20. Januar 2012

Bettina von Arnim (153. Todestag)

Bettina von Arnim (geborene Elisabeth Catharina Ludovica Magdalena Brentano, auch Bettine;  4. April 1785 in Frankfurt am Main - 20. Januar 1859 in Berlin) war eine deutsche Schriftstellerin und bedeutende Vertreterin der deutschen Romantik.

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Mittwoch, 18. Januar 2012

71. Todestag von Anton Kuh

Anton Kuh (12. Juli 1890 in Wien - 18. Januar 1941 in New York) war ein österreichisch-jüdischer Journalist, Essayist, Erzähler und Redner.

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Über Anton Kuh und die Kunst, als Schnorrer zu leben
Klaus Geitel plaudert
Welt Online, 11.03.2000

Samstag, 14. Januar 2012

Fritz Grünbaum wurde vor 71 Jahren im KZ ermordet

Fritz Grünbaum, auch Fritz Gruenbaum, eigentlich Franz Friedrich Grünbaum (7. April 1880 in Brünn - 14. Januar 1941 im KZ Dachau) war ein österreichischer Kabarettist, Operetten- und Schlagerautor, Regisseur, Schauspieler und Conférencier.

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Eintrag im Österreichischen Kabarettarchiv







35. Todestag von Anais Nin

Anaïs Nin (21. Februar 1903 in Neuilly-sur-Seine bei Paris als Angela Anaïs Juana Antolina Rosa Edelmira Nin y Culmell - 14. Januar 1977 in Los Angeles) war eine französische Schriftstellerin.

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Anais Nin Homepage



 

Freitag, 6. Januar 2012

71. Todestag von Franz Hessel

Franz Hessel (21. November 1880 in Stettin - 6. Januar 1941 in Sanary-sur-Mer) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Lektor.
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Franz Hessel
Autor, Übersetzer und Lektor

Sein Sohn ist Stéphane Hessel
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Mittwoch, 4. Januar 2012

126. Todestag von Moses Mendelssohn

Moses Mendelssohn (6. September 1729 in Dessau - 4. Januar 1786 in Berlin) war ein deutsch-jüdischer Philosoph der Aufklärung.

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Mendelssohn Gesellschaft

Moses Mendelssohn Zentrum Europäisch-jüdische Studien Universität Potsdam

Texte online bei:

Erstdruck: Berlin und Stettin (Friedrich Nicolai) 1767. Die 2. Auflage erschien 1768, die 3. Auflage 1769.

Daraus hier die Vorrede:

Folgende Gespräche des Sokrates mit seinen Freunden, über die Unsterblichkeit der Seele, sollten meinem Freunde Abbt gewiedmet werden. Er war es, der mich aufgemuntert hatte, diese vor einigen Jahren angefangene und weggelegte Arbeit wieder vorzunehmen. Als er noch zu Rinteln Professor war, gab er mir, in einem von seinen freundschaftlichen Briefen, seine Gedanken über Spaldings Bestimmung des Menschen zu erkennen. Aus unserm Briefwechsel über diese Materie sind die kleinen Aufsätze entstanden, die in dem neunzehnten Theil der Litteraturbriefe, unter dem Titel: Zweifel und Orakul die Bestimmung des Menschen betreffend, vorkommen. Ich hatte das Glück, über einige der wichtigsten Punkte meines Freundes Einstimmung zu erhalten, ob ich ihm gleich nicht in allem Genüge leisten konnte. Mit der Offenherzigkeit eines wahren Freundes, goß er die geheimsten Empfindungen seiner Seele, sein ganzes Herz in meinen Busen aus. Seine philosophischen Betrachtungen erhielten durch die sanften Empfindungen des guten Herzens einen eignen Schwung, wodurch sie die Liebe zur Wahrheit in der kältesten Brust würden entzündet haben, und seine Zweifel selbst unterließen niemals neue Aussichten zu entdecken, und die Wahrheit in ein helleres Licht zu setzen. Unserer Abrede gemäß, sollte ich folgende Gespräche ausarbeiten, und darinn die vornehmsten Lehrsätze, worinn wir übereinkamen, auseinandersetzen; und diese sollten in der Folge zur Grundlage unseres Briefwechsels dienen.


Allein es hat der Vorsehung gefallen, dieses aufblühende Genie vor der Zeit der Erde zu entziehen. Kurz und rühmlich war die Laufbahn, die er hienieden vollendet hat. Sein Werk vom Verdienst wird den Deutschen ein unvergeßliches Denkmaal seiner eigenen Verdienste bleiben: mit seinen Jahren verglichen, verdienet dieses Werk die Bewunderung der Nachkommenschaft. Was für Früchte  konnte man nicht von einem Baume hoffen, dessen Blüthe so vortrefflich war. Er hatte noch andre Werke unter der Feder, die an Vollkommenheit, wie er an Erfahrenheit und Kräften des Geistes, zugenommen haben würden. Alle diese schönen Hoffnungen sind dahin! Deutschland verliert an ihm einen trefflichen Schriftsteller, die Menschlichkeit einen liebreichen Weisen, dessen Gefühl so edel, als sein Verstand aufgeheitert war; seine Freunde den zärtlichsten Freund, und ich einen Gefährten auf dem Wege zur Wahrheit, der mich vor Fehltritten warnete. –

Nach dem Beyspiel des Plato, habe ich den Sokrates in seinen letzten Stunden die Gründe für die Unsterblichkeit der menschlichen Seele seinen Schülern vortragen lassen. Das Gespräch des griechischen Schriftstellers, das den Namen Phädon führet, hat eine Menge ungemeiner Schönheiten, die, zum Besten der Lehre von der Unsterblichkeit, genutzt zu werden verdieneten. Ich habe mir die Einkleidung, Anordnung, und Beredsamkeit desselben zu Nutze gemacht, und nur die metaphysischen Beweisthümer nach dem Geschmacke unserer Zeiten einzurichten gesucht. In dem ersten Gespräche konnte ich mich etwas näher an mein Muster halten. Verschiedene Beweisgründe desselben schienen nur einer geringen Veränderung des Zuschnitts, und andere einer Entwickelung aus ihren ersten Gründen zu bedürfen, um die Ueberzeugungskraft zu erlangen, die ein neuerer Leser in dem Gespräche des Plato vermisset. Die lange und heftige Deklamation wider den menschlichen Körper und seine Bedürfnisse, die Plato mehr in dem Geiste des Pythagoras, als seines Lehrers geschrieben zu haben scheinet, mußte, nach unsern bessern Begriffen von dem Werthe dieses göttlichen Geschöpfes, sehr gemildert werden; und dennoch wird sie den Ohren manches jetzigen Lesers fremde klingen. Ich gestehe es, daß ich blos der siegenden Beredsamkeit des Plato zu Gefallen, diese Stelle beybehalten habe.

In der Folge sahe ich mich genöthiget, den Plato völlig zu verlassen. Seine Beweise für die Immaterialität der Seele scheinen, uns wenigstens, so seichte und grillenhaft, daß sie kaum eine ernsthafte Widerlegung verdienen. Ob dieses von unserer bessern Einsicht in die Weltweisheit, oder von unserer schlechten Einsicht in die philosophische Sprache der Alten herrühret, vermag ich nicht zu entscheiden. Ich habe in dem zweyten Gespräche einen Beweis für die Immaterialität der Seele gewählet, den die Schüler des Plato gegeben, und einige neuere Weltweisen von ihnen angenommen. Er schien mir nicht nur überzeugend, sondern auch am bequemsten, nach der Sokratischen Methode vorgetragen zu werden.

In dem dritten Gespräche mußte ich völlig zu den Neuern meine Zuflucht nehmen, und meinen Sokrates fast wie einen Weltweisen aus dem achtzehnten Jahrhunderte sprechen lassen. Ich wollte lieber einen Anachronismus begehen, als Gründe auslassen, die zur Ueberzeugung etwas beytragen können.

Auf solche Weise ist folgendes Mittelding zwischen einer Uebersetzung und eigenen Ausarbeitung entstanden. Ob ich auch etwas Neues habe, oder nur das so oft gesagte anders vorbringe, mögen andere entscheiden. Es ist schwer, in einer Materie, über welche so viel große Köpfe nachgedacht haben, durchgehends neu zu seyn, und es ist lächerlich, es affektiren zu wollen. Wenn ich hätte Schriftsteller anführen mögen, so wären die Namen Plotinus, Cartes, Leibnitz, Wolf, Baumgarten, Reimarus u. a. oft vorgekommen. Vielleicht wäre dem Leser auch alsdann deutlicher in die Augen gefallen, was ich von dem Meinigen hinzugethan habe. Allein dem bloßen Liebhaber ist es gleichgültig, ob er einen Beweisgrund diesem oder jenem zu verdanken hat; und der Gelehrte weiß das Mein und Dein in so wichtigen Materien doch wohl zu unterscheiden. Ich bitte gleichwohl meine Leser, auf die Gründe, die ich von der Harmonie der moralischen Wahrheiten, und insbesondere von dem System unserer Rechte und Obliegenheiten herhole, aufmerksam zu seyn. Ich erinnere mich nicht, sie bey irgend einem Schriftsteller gelesen zu haben, und sie scheinen mir für denjenigen, der in die Grundsätze einstimmet, überzeugend zu seyn. Die Art des Vertrags hat mich genöthiget, sie als bloße Ueberredungsgründe anzubringen: ich halte sie aber für fähig, nach der Schärfe der strengsten Logik ausgeführet zu werden.

Den Charakter des Sokrates habe ich für dienlich erachtet, voraus zu schicken, um bey meinen Lesern das Andenken des Weltweisen aufzufrischen, der in den Gesprächen die Hauptperson ausmachet Coopers Life of Socrates hat mir dabey zum Leitfaden gedienet, jedoch sind auch die Quellen zu Rathe gezogen worden.


Montag, 2. Januar 2012

140. Todestag von Ludolf Wienbarg


Geboren am 25. Dezember 1802 in Altona; gestorben am 2. Januar 1872 (Wikipedia: 08.01.1872) in Schleswig. Schriftsteller des Vormärz.

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Ästhetische Feldzüge

Vorwort.

I.

Ich schreibe gern für das neugedruckte Buch dieses tapferen Holsteiners den Auftakt. Ehrlich zu sprechen: ich hab' ihn bis jetzt nicht genauer gekannt. Heute weiß ich, daß er eins von den brennenden Geblüten war, für die (wie für unsereinen) alles Aesthetische nur ein Aushängeschild bleibt, ein Vorwand, ein Anlaß: die Welt vorwärtszubringen – in bessere Freiheit und klügere Menschlichkeit.
Ludolf Wienbarg (welcher das Wort vom Jungen Deutschland in dieser Schrift geprägt hat) war einunddreißig, als er seine Reden vor der Jugend hielt, nach vier Jahrzehnten starb er, in Vergessenheit; ein Zeitungsmann; einer vom Troß. Dennoch umleuchtet.
Wienbarg hatte »das Vertrauen auf die Zeit, die Rosen und Ketten bricht.« Kam sie heut? Rosen brach sie kaum. Ketten doch. Aller guten Vorläufer soll gedacht sein.

II.

Wienbarg ist, unterirdisch, ein Schwarmgeist. Aber zugleich ein heutiger Mensch. So gewiß er das Mittelalter schätzt: so gewiß verlacht er die nach ihm rückgewandte Sehnsucht. Er haßt Schnürung der Seelen, romantischen Schlendrian ... und den »Unfug Historie«. Unfug Historie? Derlei kann bei Nietzsche stehn. Es steht bei Nietzsche – in dem Abschnitt vom »Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben.«
Wer spricht: Wienbarg oder Nietzsche? wenn es etwa heißt: »Das Leben ist des Lebens höchster Zweck« –? Der Satz steht in diesem Buch. Wer spricht, Wienbarg oder Nietzsche? wenn es heißt: »Befreit die Welt von den Sünden der Schwäche« –? Der Satz steht wieder in diesem Buch. (Auch der andre: die herrschende Moral stelle »alles Treibende und Liebende in uns ... als das Sündhafte dar«.) Ja, dergleichen ist zwar ein Vorklang für Nietzsche. Doch nicht minder, scheint mir, ein Nachklang: von der deutschen Romantik; von Friedrich Schlegel und dem ganz jungen Clemens Brentano.
Nietzsche war ein wildgewordener Romantiker – das Junge Deutschland aber hat erkennenden Verstand auf die blaue Blume gepfropft. Auch Wienbarg. Es war kein Unglück.

III.

Dieser reisige Holste bleibt ein feurig edles Herz. Kein großer Stilist im Sinn eines Bahnbrechers: doch ein guter Kopf mit reiner, morgenfrischer Seele. Mit einem Ohr für die Musik der Zukunft.
Wienbarg, der vorgebliche Aesthetiker, fesselt am stärksten, wenn er die Zeit erziehen will. Wenn er Geschichtsphilosopheme zusammenträumt. Er kommt in den »Aesthetischen Feldzügen« vom Hundersten ins Tausendste, spricht manchmal sogar von Aesthetik – doch hier nicht am glücklichsten. Der Schmus, welcher mit diesem ... Wissenszweig verbunden ist, hat bei Wienbarg mildere Form.
Er ist kein Wissenschaftler: sondern ein Beflügler. Am fortreißendsten, wo er Ankläger der stumpfen Epoche wird und Künder des Ersehnten. Ein Mensch mit phantastischem Windhauch – dennoch vernunftklar. Man spürt Fördernd-Unverdrossenes, Umwehtes, Offenmütiges. Auch er hätte das Wort sagen können, das in der Einleitung zu meinen Gesammelten Schriften steht: »Beschäftigungen mit der Kunst – ja. Bis aufs Herzblut. Aber sie waren fast immer ein Vorwand für den Kampf um eine kühne vernünftigere Menschenordnung.«

IV.

Wienbarg zeigt im Ausdruck zwischendurch Manches vom Jean Paul. Doch Ziel des Zeitalters wird ihm nicht der verschwärmte Freund aus Wunsiedel: sondern der revolutionäre Dichter. Das ist für ihn Heinrich Heine.
Wienbarg hat in dieser Schrift Heines Weltbedeutung früh erkannt – als Heine noch ein junger Dreißiger war. Er merkt, daß Heine, dem Byron »an Penetration des Verstandes überlegen« ist. Heine wird zur Akme des Buchs.
Ein Jrrtum begegnet ihm. Heine stammt von Juden, sagt er, »aber von einer christlichen Mutter«. Er führt nun gewisse seeleninnigere, tiefere Züge Heinrich Heines auf diese vermeinte »deutsche Mutter« zurück – darin ein drolliger (wenn auch edlerer) Vorläufer der späteren Rassenf ... f ... so.. forschung, worin H. St. Chamberlain als erster Käse geduftet hat, seit er das Material zu den »Grundlügen des neunzehnten Jahrhunderts« zusammentrog.
Ludolf Wienbarg war von adligerem Holz. Der Ammenglaube blieb ein Nebenzug an ihm. Sein Hauptzug wies in Wahnlosigkeit und bessere Ferne.
Er war einer von Vielen. Doch ein Entflammer. Ein Kämpe. Ein Mithelfer. Sein Andenken sei gesegnet.

Juni 1919.

Im Projekt Gutenberg-DE vorhanden

Ludolf Wienbarg

Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?

Gegen Ersteres und für Letzteres beantwortet von Dr. Ludolf Wienbarg

Motto: ceterum ceterumque censeo....
1834

Donnerstag, 29. Dezember 2011

85. Todestag von Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke (4. Dezember 1875 in Prag - 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz; eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke), Österreichischer Dichter und einer der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache, dessen Werk vielfach vertont wurde.

Wikipedia

Oskar Werner liest von Rilke "Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort"

Musik

Wüsste ich für wen ich spiele, ach!
immer könnt ich rauschen wie der Bach.

Ahnte ich, ob tote Kinder gern
tönen hören meinen innern Stern;

ob die Mädchen, die vergangen sind,
lauschend wehn um mich im Abendwind.

Ob ich einem, welcher zornig war,
leise streife durch das Totenhaar...

Denn was wär Musik, wenn sie nicht ging
weit hinüber über jedes Ding.

Sie, gewiss, die weht, sie weiss es nicht,
wo uns die Verwandlung unterbricht.

Dass uns Freunde hören, ist wohl gut -,
aber sie sind nicht so ausgeruht

wie die Andern, die man nicht mehr sieht:
tiefer fühlen sie ein Lebens-Lied,

weil sie wehen unter dem, was weht,
und vergehen, wenn der Ton vergeht.


Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.


Oskar Werner rezitiert:



Liebeslied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt,wenn deineTiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.


Fritz Stavenhagen rezitiert:




In Youtube findet man sehr sehr viele Rezitationen oder Musikfilme als Verhunzungen von Rilkes Gedichten. Es scheint, als ob das Wort und die Stimmen nicht mehr genügten, und es Musik brauchte, damit die Modernen, die Ungeduldigen, überhaupt noch hin- oder zuhören. Viele versuchen sich im Lesen und Rezitieren von Rilkes Werken. Oft klingt das peinsam und ist peinlich. Das Positive ist wenigstens, dass viele lesen und dann vorlesen, auch wenn sie es noch nicht können. Das Negative aber bleibt, dass eine Unbekümmertheit einer Verantwortungslosigkeit gleichkommt, wenn man die Mitwelt mit Minderem abspeist. Jeder darf lernen und sich alles vornehmen. Aber gleich mit jeder Übung an die Öffentlichkeit zu gehen, ist doch eine Zumutung. 

Den Gedichten von Rilke tut das nichts an. Den herausragenden Rezitationen auch nicht. Aber den vielen, die sich mit dem Billigen füttern, verdirbt es weiter den Geschmack, festig die Blindheit.


Donnerstag, 22. Dezember 2011

Louis-Ferdinand Célines 50. Todestag

war eher still. Anders als früher wollte die offizielle Welt nicht politisch unkorrekt sein; Célines politische Haltung, sein Antisemitismus, wogen schwerer als sein schriftstellerisches Werk, das dennoch viele Autoren nachhaltig beeinflusst hat.

Henri Godards Céline-Biographie - Um keinen Preis bürgerlich
Der fünfzigsten Todestag Louis-Ferdinand Célines brachte erwartbare Auseinandersetzungen - aber auch die große Biographie von Henri Godard.
Helmut Mayer, FAZ, 16.12.2011







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Sonntag, 20. November 2011

Heinrich von Kleist starb vor 200 Jahren

Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist (* 18. Oktober, nach Kleists eigenen Angaben 10. Oktober 1777 in Frankfurt (Oder); † 21. November 1811 am Stolper Loch, heute Kleiner Wannsee (Berlin)), war ein deutscher Dramatiker, Erzähler, Lyriker und Publizist.
Eintrag Wikipedia


Sonntag, 8. Mai 2011

Broch und Anhänger

Heuer wird des 125. Geburtstages und des 60. Todestages von Hermann Broch gedacht. Eine Theatergruppe organisiert ein Antifestival und sagt: "Anläßlich des 125. Geburtstages (zugleich 60. Todestag) des österreichischen Dichters Hermann Broch veranstaltet bluatschwitzblackbox ein Antifestival zu seinen Ehren: Streit um Broch". Ich wundere mich. Broch wurde am 1. 11. 1886 geboren und verstarb am 30. Mai 1951. Sein Geburtstag ist nicht zugleich sein Todestag. – Wieso auch "Antifestival"? Darum: "'Antifestival' deshalb, weil es in Sachen Broch tatsächlich nichts zu feiern gibt."

Lesen -sie die Kolumne "Wort zum Sonntag" von Haimo L. Handl vom 8. Mai 2011 in kultur-online.net

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