Donnerstag, 14. Februar 2019

75. Geburtstag von Carl Bernstein

Carl Bernstein (* 14. Februar 1944 in Washington, D.C.) ist ein US-amerikanischer Journalist. Er deckte zusammen mit Bob Woodward als Reporter der Washington Post die Hintergründe der Watergate-Affäre auf.
President Trump attackierte Bernstein, der sich über Trumps Verwickilungen mit Russland geäußert hatte.

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Dienstag, 12. Februar 2019

215. Todestag von Immanuel Kant

Immanuel Kant (* 22. April 1724 in Königsberg, Preußen; † 12. Februar 1804 ebenda) war ein deutscher Philosoph der Aufklärung. Kant zählt zu den bedeutendsten Vertretern der abendländischen Philosophie. Sein Werk Kritik der reinen Vernunft kennzeichnet einen Wendepunkt in der Philosophiegeschichte und den Beginn der modernen Philosophie.

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40. Todestag von Jean Renoir

Jean Renoir (* 15. September 1894 in Montmartre (Paris), Frankreich; † 12. Februar 1979 in Beverly Hills, Kalifornien, USA) war ein französischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Schauspieler. Jean Renoir schuf als Vertreter des Poetischen Realismus der 1930er-Jahre im französischen Film bedeutende Filmklassiker wie Die große Illusion und Die Spielregel. Bei einer Umfrage des Magazins Sight & Sound unter Filmkritikern wurde Renoir auf Platz 4 der größten Regisseure aller Zeiten gewählt. Im Jahre 1975 wurde Renoir mit einem Ehrenoscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

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30. Todestag von Thomas Bernhard

Nicolaas Thomas Bernhard (* 9. Februar 1931 in Heerlen, Niederlande; † 12. Februar 1989 in Gmunden, Österreich) war ein österreichischer Schriftsteller. 1970 erhielt er den Georg-Büchner-Preis; seit den 1980er Jahren wird er international zu den bedeutendsten österreichischen und deutschsprachigen Autoren gerechnet.

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Vor 30 Jahren ist Thomas Bernhard gestorben. Er fehlt den Österreichern vermutlich weniger als dem Rest der Welt

Thomas Bernhard schrieb einen der finstersten Romane der deutschsprachigen Literatur. Heuer jährt sich sein Todestag zum 30. Mal. Aber seine Schmähreden bleiben, und das sardonische Lachen hallt nach.
Paul Jandl, NZZ 11.2.2019

Die Wirkung von Bernhard in Österreich, dem Objekt seiner Hassliebe, ist unbestritten. Aber sie führte bei den Fans (Fanatikern) von ihm zu einer höchst einseitigen, undifferenzierten Wertschätzung. Seine charakterlichen Deformationen, seine Bosheit, werden umgedeutet und verklärt. Bernhard erscheint wie ein Missbrauchstäter, einer der in den Napf zurückspuckt, aus dem er fraß und soff, der einerseits diesbezüglich verniedlicht wird, andererseits als Übertreibungskünstler hochgelobt wird. Denkt man sich die ideologisch-politische Lage weg, reduziert sich sein Literaturentum merklich und etwas steretyp eindimensional. Nur die Skandale, das gesellschaftliche Umfeld hat ihn aufgewertet, was viele Bewunderer aufrecht erhalten wollen, obwohl es längst aus und vorbei ist. Aus seinem Frühwerk glänzen Texte und Stücke anderer Qualität, aber gerade sein Geifern und Kotzen wird ja geschätzt
Wie er Leute "fertigmacht" ist heute keine sonderliche Kunst mehr, weil in den social media bis zum Überdruss unternommen. Damals, als man noch Bücher meinte kaufen zu müssen, worin sich ein Autor so böse, primitiv, hassend ausließ, war das für einige noch Genussvoll. Der Zweck heiligte die Mittel. Damit allerdings glich sich Bernhard den Schergen an, die er kritisierte. Und viele Kritiker und ein Teil des Publikums sind einfach Mitläufer und Adabeis, die sich geil unterhalten bei diesem Kloakengeraune. Nicht einmal die miesesten Rechtsextremen in Österreich kommen rand an die Perfidie dieses Künstlers. Man muss den Duktus, das Übertreibungsschema nur einem Faschisten oder Rechtsextremen, einem Spießer eben, in den Mund legen, um zu sehen, welcher Ungeist hier west.


125. Gebudrtstag von Ludwig Marcuse

Ludwig Marcuse (* 8. Februar 1894 in Berlin; † 2. August 1971 in Bad Wiessee) war ein deutscher Philosoph und Schriftsteller. Ab 1944 hatte er die amerikanische Staatsbürgerschaft.
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Ein freier Schriftsteller
Zum 125. Geburtstag Ludwig Marcuses am 8. Februar 2019
Dieter Lamping, Literaturkritik.de




In unserer Bibliothek Gleichgewicht liegen viele Werke von Ludwig Marcuse auf! 

 

210. Geburtstag von Charles Darwin

Charles Robert Darwin (* 12. Februar 1809 in Shrewsbury; † 19. April 1882 in Down House/Grafschaft Kent) war ein britischer Naturforscher. Er gilt wegen seiner wesentlichen Beiträge zur Evolutionstheorie als einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler.

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Montag, 11. Februar 2019

150. Geburtstag von Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler, eigentlich Elisabeth Lasker-Schüler (geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld; gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem), war eine bedeutende deutsch-jüdische Dichterin. Sie gilt als herausragende Vertreterin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur. Sie trat aber auch als Zeichnerin hervor.

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Sonntag, 10. Februar 2019

Der Überpapa


Haimo L. Handl

Der Überpapa

Gegenwärtig bemerken wir eine Renaissance autoritärer Systeme. Rechte, rechtsextreme, faschistoide und faschistische Politiker und ihre Anhänger werden immer lauter, bestimmen in immer weiteren Teilen den öffentlichen Diskurs. Jene Teile, die sich als „Linke“ bezeichnen, versuchen eine einheitliche Kritik zu formulieren, finden aber keine mehrheitliche Unterstützung in den Bevölkerungen, sei es in Europa oder den USA, von den anderen Gesellschaften ganz zu schweigen.

Dabei ist es nicht lange her, dass insbesondere im Westen Linke dem Faszinosum des Führerkults erlagen. Natürlich nicht von Hitler, aber Stalin und inssonders von Mao Zedong. Ich erinnere mich, wie maoistische Gruppen in Frankreich oder Deutschland (und einige wenige Vertreter in Österreich) dem großen Vorsitzenden zujubelten und seine Schriften fleißig verteilten, wie auf Kernaussagen des weisen Führers verwiesen wurde und, ganz besonders, wie die als antiautoritär gesehene Kulturrevolution bejubelt wurde. Man stelle sich vor: das Manöver eines machtgeilen Massenmörders, des schlimmsten in der Geschichte, die Jugend wie eine Meute räudiger Wölfe und Hunde loszulassen, als positives, antiautoritäres Korrekturmittel, als „Aufräumen“ einer Gesellschaft, die noch nicht ganz den Zielen und Maßnahmen des weisen Führers entspricht, als ideologisches Reinigungsmittel. Das Persilprogramm der Linken übersah alle Negativa. Das geschah nicht nur durch Studenten, die die Unterstützung durch die Werktätigen suchten, sondern auch durch Experten, Soziologen und Philosophen, wie z. B. Michel Foucault. Gut, als der Eifer (manche sprechen von „blindem Eifer“ und „blinder Gefolgschaft“, was falsch ist, weil man sich ganz konkret auf attraktive Programme des chinesischen Meisterdenkers und Kriegsherrn berief) ihm zu weit zu gehen schien, rückte er etwas ab, relativierte, blieb aber bei der prinzipiellen Unterstützung. Er, der die französische Gesellschaft kritisch untersucht hatte hinsichtlich zentraler Problembereiche (Wahnsinn und Gesellschaft, Überwachen und Strafen), hörte keine Alarmglocken, sah keine Gefahren im Überwachungs- und Verfolgungssystem Maos und seiner Roten Garden. Foucault nenne ich hier stellvertretend für viele andere.

1968, als die Studentenrevolte von Frankreich ausgehend erstarkte, war ich zwanzig Jahre alt. Ich hielt mich viel in der quirligsten Stadt der Schweiz, in Zürich, auf und besuchte oft viele der ausgezeichneten Bibliotheken und lernte auch einige Anarchisten kennen. Hinsichtlich Politik, politischer Kritik (Vietnam, Studentenrevolte) und Kultur war Zürich mir damals wie ein offenes Fenster, ein Lichtblick und eine Lichtschneise. Aus dem dunklen, erzkonservativen Vorarlberg kommend, war die Schweiz, wie ich sie damals erlebte, das Gegenteil, eine motivierende Öffnung.

Später arbeitete ich bei einer Schweizer Großbank, um mir das Geld für meine Amerikareise zu erarbeiten. Damals lernte ich neben vielen anderen auch Giovanni Blumer kennen, dessen Buch „Die chinesische Kulturrevolution 1965/67“ 1968 herausgekommen war. Blumer war ein „schräger Vogel“, wie ich heute sagen würde, gebildet, charmant, überaus kulturinteressiert. Wir plauderten oft lange in einem der Kaffeehäuser an der Limmat. Er hatte eine kleine Erbschaft dazu verwendet, um die Schrift „Unfeig“ von Otto Nebel zu verlegen, schenkte mir ein Exemplar und diskutierte mit mir über den Künstler und Schriftsteller Nebel. Ich war begeistert und versenkte mich in den Stoff. Da ich keinen Katalog auftreiben konnte, kontaktierte ich das Berner Kunstmuseum und durfte die Kollektion, die dort gelagert war, ansehen (dass das möglich war, erstaunt mich heute noch). Ich fotografierte das Material, und vertiefte meine Studien.

Das andere Thema, worüber wir uns intensiv ausließen, war China und seine Kulturrevolution. Ich hatte kein breites oder tiefes Wissen über dieses Land, seine Geschichte und Politik. Da „Rotchina“ von den Konservativen oder Bürgerlichen pauschal verteufelt wurde, lagen deren Kritiken außerhalb meines Wahrnehmungskreises. Im linken Lager war nur Positives über den großen Vorsitzenden zu lesen. Auch die Kulturrevolution, die wegen ihres antiautoritären Charakters faszinierte,  wurde gepriesen. (Ich habe heute noch einige Publikationen jener Zeit über Mao, China und die glorreiche Zukunft, darunter auch Blumers Buch.) Mein Vermögen zur Selbstkritik bzw. Kritik der eingenommenen ideologischen Position, war damals noch unterentwickelt. Ich war ein typischer Linker, der die Vorgaben der „Lehrer“, der mehr Erfahrenen interessiert übernahm. Ich las ungeheuer viel, vermochte aber nicht, wie ich später erkennen musste, kritisch zu bewerten und eine eigene Position zu beziehen, weil jene, die mir als eigene erschien, eigentlich eine Übernahme war.

Blumer sprach wie ein Agent oder Missionar. Er war überzeugt von seinen Ansichten und ich lauschte wissbegierig. Im Zuge der Diskussion kam ich zu einigen Ungereimtheiten. Schlussendlich gipfelte die Debatte in die Haltung, „Der Zweck heiligt die Mittel“. Nun, das war mir schon seit meiner kurzen Beschäftigung mit den Anarchisten und Bolschewiki bekannt und ich meldete Kritik an. Blumer wischte sie weg. Nein, die Kulturrevolution sei ein Klassenkampf und dürfe nicht an Einzelaktionen gemessen oder wegen dieser verworfen werden. Sie ist auch aus der chinesischen Geschichte zu erklären und ihrem harten Kampf mit der UdSSR, wobei das kommunistische Lager seit dem Kalten Krieg permanent verzerrt und einseitig gesehen und dargestellt werde, so dass ein genuines Verständnis der chinesischen Position fast niemandem möglich sei. Wir müssten uns deshalb vor stereotypen Verallgemeinerungen und Zuschreibungen hüten und das Eigentliche Chinas und Maos herausschälen und bewerten. Blumer: „Die ‚Geopolitik‘ feierte Triumphe. Die Niederungen der politischen Halbbildung sind immer noch mit solchem Unkraut angepflanzt und die eifrigen Gärtner, die Chinaspezialisten vom Dienst, bemühen sich in keiner Weise um eine objektive Erfassung ihres Aufgabenbereiches, löbliche Ausnahmen ausgenommen.“ Ich hörte damals Begründungen und Apologien, wie sie später von Chinaspezialisten, diesmal aber in Verteidigung von Mao Zedong, vertreten wurden und werden, wie die Debatte um Mao ablesen lässt unter dem Titel „War Mao wirklich ein Monster?“, was natürlich von vielen verneint wird. Nach einer Phase der Kritik des Führers und Massenmörders vertreten viele namhafte Historiker und Politikwissenschaftler, besonders im Westen, wieder die Apologie des großen Vorsitzenden. Heute hat der Führer, soweit es sich nicht um Hitler handelt, wieder Saison. Er strahlt als Übervater. Im Vergleich zu Stalin und Mao Zedong ist die Schar jener, die Hitler verehren, heute gering. Mao führt.

In Erinnerung dieser Gespräche, meiner damaligen Lektüren und der Re-Lektüre einiger Interviews mit Michel Foucault bin ich erstaunt, wie lange sich diese Fehlsicht auch bei mir hielt. Ich war zwar nie Maoist, aber ich hatte den Ansprüchen des Führerkults für mich keine explizite Kritik entgegengestellt. Es dauerte eine Weile, bis ich eine kritische Position gegen den Führer einnehmen konnte. Als ich vor einigen Jahren The Academic Response to Chang and Halliday’s “Mao The Unknown Story” las, kam ich mir fast zeitversetzt vor. Es war, als ob die Historie sich nicht weiterentwickelt hätte, als ob die Apologeten des Verbrechens, getreu der Maxime „Der Zweck heiligt die Mittel“, die Verbrechen wegredeten, abbuchten, als vielleicht bedauerlichen, aber bedingten Kollateralschaden hinstellten. Die Sucht, die Welt extrem zu vereinfachen durch ideologisches Denken scheint in Ost und West wieder zur Hauptübung geworden zu sein. Ein Zug der Gesinnungskultur zeigt sich im Betonen der Intentionen und guten Absichten. Nein, Mao war kein Monster, er war hingebungsvoll und liebend für sein Volk da. Er organisierte die Kulturrevolution aus Sorge um die Zukunft. Dass er diese für China fast zerstörte, wird von vielen geleugnet.

Heute sind ehemalige Opfer, die davongekommen sind, in maßgebenden Positionen. In der höchsten Xi Jinping (*1953) als Staatspräsident mit einer Machtkonzentration, wie sie früher Mao Zedong genoss, der seine Erfahrungen aus der Kulturrevolution, die er als Jugendlicher durchmachen musste, offensichtlich nicht kritisch emanzipatorisch, sondern weiterführend, eben als großer starker Mann, einsetzt. Die meisten anderen, die als Jugendliche kulturrevolutioniert worden waren und durchkamen, haben sich heute in der kapitalistischen Welt eingerichtet und schlagen die Brücke zum Übervater, zum großen Vorsitzenden eher symbolisch. Das Gegenteil zum Gewinner Xi Jingping stellt Zhang Shihe dar. Er hat auch überlebt, aber keine Karriere gemacht. Er hat sich, obwohl kein Intellektueller, nicht richtig ideologisch eingepasst. Nicht alle Chinesen beugen sich dem Diktat, nicht alle sonnen sich im Licht des Führers. 

Donnerstag, 7. Februar 2019

Saul Friedländer im Interview

Saul Friedländer: «Früher hatte ich Panikattacken, wenn ich nach Deutschland kam»

Saul Friedländer überlebte den Holocaust und wurde einer seiner bedeutendsten Historiker. Vor einer Woche redete er vor dem Deutschen Bundestag. Demütigungen wie früher erlebe er in Deutschland nicht mehr, aber noch heute erhalte er Briefe von Nazis, die fragten: «Glauben Sie nicht auch, Herr Friedländer, dass die Juden schuld sind am Antisemitismus?»
 
Benedict Neff, Berlin, NZZ 7.2.2019


Der Holocaust-Überlebende Saul Friedländer sieht das heutige Deutschland als Bollwerk gegen die Gefahren des Extremismus

Im Deutschen Bundestag hat am Donnerstagmorgen eine Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus stattgefunden. Die diesjährige Ehrenrede hielt der Holocaust-Historiker und Überlebende Saul Friedländer.
 
Benedict Neff, Berlin, NZZ 31.1.2019

25. Todestag von Witold Lutosławski

Witold Lutosławski (* 25. Januar 1913 in Warschau; † 7. Februar 1994 ebenda) war ein polnischer Komponist und Dirigent.

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Mittwoch, 6. Februar 2019

Brexit & British History

Brexit in the Context of British History


How should Brexit be seen against the broad backdrop of British history? Analogies multiply, with the crudest coming from prominent Brexiteer MP Mark Francois who denounced the head of Airbus for writing a letter stressing the negative economic impact for Britain of leaving the EU.

Read on at COUNTERPUNCH

Amélie Wen Zhao wird wegen Blood Heirs zugeschissen


Fantasyroman nach Shitstorm zurückgezogen Erstlingsautorin wird von Vorwürfen überrollt

Es war der große Durchbruch: 2018 konnte die US-Autorin Amélie Wen Zhao ihren Erstlingsroman „Blood Heir“ bei einem guten Verlag platzieren. Jetzt hat sie selbst die geplante Veröffentlichung gestoppt. Im Netz wurde das Buch vorab heftig attackiert. 

Die Tugendwächter haben zugeschlagen. Nein, sie haben in einem SHITSTORM, einem Begriff, der sich mit "Scheiß-Sturm" nicht korrekt übersetzen lässt, ihrem Bedürfnis nach Scheiße und scheißen, nach Fäkalien und Folter (was anderes ist es, jemanden in einen Sturm von Scheiße zu reißen?) als typischen Ausdruck von Menschen, gefangen in der Analphase ihrer Entwicklung, "erledigt", "fertig gemacht". Sie schwangen wieder die Rassismuskeule, sie fanden Klischees unerträglich und, natürlich, fanden und finden sich beleidigt. 

Klingenmaier:
"Ton und Unbedingtheit der Vorwürfe selbst lassen darauf aber nicht unbedingt schließen. Die Attacken folgen den Mustern Politischer-Korrektheits-Erregung: Die Darstellung von etwas wird nach Belieben mit der Befürwortung des Dargestellten gleichgestellt; das Spielerische von Kunst wird geleugnet und jedes Gedankenspiel als Handlungsanweisung für die Realität gedeutet; die Fähigkeit der Konsumenten, Fiktion und Realität zu trennen, überhaupt nicht in Betracht gezogen."
Leute, die sich oft aufregen über ihre Eltern- oder Großelterngeneration üben sich in einer strikten Intoleranz und Strafhaltung wie zu Zeiten der Inquisition. Ermöglicht durch die neueste Technologie, also den Spitzenprodukten der Moderne, aber gepaart mit einem dumpfen, atavistischen Herdenverhalten von vor 100 Jahren.

Klingenmaier:
"Dass Amélie Wen Zhao ihr Buch nun selbst zurückgezogen hat, also mit Selbstzensur reagiert, ist ein Punktsieg für jene, die Minderheitenrechte als System exklusiver Ansprüche begreifen. Über Ethnien, sexuelle Orientierungen und andere Gruppen dürfte demnach nur schreiben, wer ihnen angehört. Und selbst innerhalb dieser Gruppen gibt es Sittenwächter, die entscheiden, was geschrieben werden darf."
In unseren Zeiten der allumfassenden Freiheit und Offenheit, wovon die social media einerseits zeugen, andererseits aber in einem besorgniserregenden Paradoxon Diktate durchgesetzt werden, die strenger sind, als die der GESTAPO oder  Tscheka bzw. des ihr nachfolgenden KGB sie je zu praktizieren vermochten, wird der sogenannte shitstorm zur Vorbereitung extremerer Verfolgungen und "Bestrafungen". China, das seine Zensur flächendeckend ausbaut, weiß solche negative Entwicklungen zu schätzen und fördert im Ausland das Erstarken dieser asozialen Entwicklungen über die social media. Und Russland folgt nach.

Unabhängig von politischen Unterstützern indiziert dieses Verhalten nicht nur den Stand der Wertekrise in unseren Gesellschaften, sondern auch den neuen Terror, wie er sich über die Tugendwächter vorbereitet hat und jetzt ungehemmt ausbreitet. Kennt jemand von den jungen dummen Sittenwächtern "1984"?

Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!

Das scheint die wiederbelebte Devise zu sein, wie sie Orwell in seiner Dystopie visionioerte.  

 

Schweizer Buchhandel schwächer

Schweizer kaufen deutlich weniger Bücher

Der Buchhandel kompensiert den Rückgang durch höhere Preise und setzt seine Hoffnungen auf die Jungen.

Martin Ebel, TAGESANZEIGER, 5.2.2019

Der Abstieg des Taschenbuchs

Buchkäufer wenden sich zunehmend ab von Taschenbüchern. Die Gründe, und wie die Verlage reagieren.

Martin Ebel, TAGESANZEIGER, 5.2.2019


 

Dienstag, 5. Februar 2019

Saul Friedländers & Wolfgang Schäubles Holocaust-Gedenkreden im Deutschen Bundestag

Am 31. Jänner 2019 hielt Prof. Dr. Saul Friedländer seine Gedenkrede zum Holocaust im Deutschen Bundestag. Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble sprach die Einleitungsrede. Beide Vorträge bemerkenswert gut und eindrücklich.





Rorty & Gadamer

Alles, was ist, könnte auch anders sein: das Geschlecht, die Stimmung, das Begehren. Wie zwei grosse Denker von der Sprache zur Welt zurückfinden

Richard Rorty war ein verkrampfter Ironiker, Hans-Georg Gadamer ein charmanter Hermeneutiker. Je älter sie wurden, desto näher kamen sich ihre Denkstile. Sie galten zu Lebzeiten als Klassiker – was hat uns ihre Philosophie heute zu sagen?
Hans Ulrich Gumbrecht, NZZ 5.2.2019



Hinweis auf zwei Artikel in diesem Zusammenhang:

Being that can be understood is language
Richard Rorty on H.-G. Gadamer
LRB, Vol. 22 No. 6 · 16 March 2000

N A C H R U F : Die Sprache ist das Licht der Welt
Zum Tod von Hans-Georg Gadamer: Schüler, Freunde und Wegbegleiter erinnern sich an das Werk und das Wirken des bedeutenden Philosophen. Würdigungen von Charles Taylor, Gianni Vattimo, Richard Rorty, Jürgen Habermas, Albrecht Wellmer und Rüdiger Bubner
ZEIT, 21. März 2002, 7:00 Uhr Editiert am 22. Dezember 2013

Sonntag, 3. Februar 2019

The British Failure

Quotation:

On December 30 an editorial in London’s Sunday Times spluttered:
After more than four decades in the EU we are in danger of persuading ourselves that we have forgotten how to run the country by ourselves. A people who within living memory governed a quarter of the world’s land area and a fifth of its population is surely capable of governing itself without Brussels.

From the review by Hari Kunzru (NEW YORK REVIEW OF BOOKS, February 21, 2019)  of

Heroic Failure: Brexit and the Politics of Pain by Fintan O’Toole.

 

 

 

Cicero: De oratore

Im Zusammenhang mit dem Essay "Überfühlen" von Haimo L. Handl hier ein Auszug aus Ciceros Werk "De oratore / Über den Redner" in der deutschen Übersetzung von Raphal Kühner und mit Annotationen von Waltraud Künstler (2006):

Cicero, M. T. (106 vC-43 vC) - Übersetzt und erklärt von Raphael Kühner (1802-1878). Drei Bücher vom Redner. Berlin, Langenscheidtsche Verlagsbuchhandlung,o. J. (3/ca. 1909).

Auszug aus: De oratore / Über den Redner

 48
Denn gesetzt, es wolle einer den für einen Redner halten, der nur mit Rechtsangelegenheiten und in den Gerichten entweder vor dem Volk oder im Senat mit Fülle reden könne, so muss er doch selbst diesem vieles einräumen und zugestehen. Ohne gründliche Behandlung aller öffentlichen Angelegenheiten, ohne die Kenntnis der Gesetze, der Sitte und des Rechtes, ohne die Bekanntschaft mit dem Wesen und den Sitten der Menschen kann ja niemand selbst in diesen Dingen sich mit genügender Einsicht und Geschicklichkeit bewegen. Wer sich aber diese Kenntnisse angeeignet hat, ohne die niemand auch nur das Geringfügigste in den Rechtssachen wahren kann, wie wird dem die Wissenschaft der wichtigsten Sachen fern sein können? Verlangt man aber auch vom Redner weiter nichts als einen wohlgeordneten, geschmückten und reichhaltigen Vortrag, so frage ich, wie er selbst dieses ohne die Wissenschaft erreichen kann, die ihr ihm nicht einräumt. Denn Tüchtigkeit im Reden kann nur stattfinden, wenn der Redner den Gegenstand, über den er sprechen will, erfasst hat.
 49
    Hat also jener Naturphilosoph Demokritos einen schönen Vortrag gehabt, wie man sagt und mir scheint, so gehörte der Stoff, über den er sprach, dem Naturphilosophen an, der Schmuck der Worte aber muss als ein Eigentum des Redners angesehen werden. Und wenn Platon über Gegenstände, die von bürgerlichen Streitigkeiten weit entfernt sind, unvergleichlich schön gesprochen hat, was ich zugebe, wenn gleichfalls Aristoteles, wenn Theophrastos, wenn Karneades die von ihnen behandelten Gegenstände in einer beredten, anmutigen und geschmückten Sprache darlegen, so mögen die Gegenstände ihrer Vorträge anderen Wissensgebieten angehören, der Vortrag selbst ist sicherlich Eigentum dieser Kunst allein, die wir in unserem Gespräch untersuchen.
 50
    Wir sehen ja, dass einige über dieselben Gegenstände trocken und dürftig gesprochen haben, wie zum Beispiel Chrysippos, dessen großen Scharfsinn man rühmt und der darum, dass er diese Geschicklichkeit im Reden aus einer fremden Kunst nicht besaß, nicht minder der Philosophie Genüge geleistet hat. Was findet also für ein Unterschied statt? Oder wie wirst du die Reichhaltigkeit und Fülle der eben genannten Männer von der Dürftigkeit derer unterscheiden, welche diese Mannigfaltigkeit und Zierlichkeit der Rede nicht haben? Eines wird in der Tat sein, was diejenigen, welche gut reden, als ihr Eigentum mit sich bringen: eine wohlgeordnete, geschmückte und durch Kunst und Feile mit mannigfaltiger Abwechslung versehene Rede. Wenn aber einer solchen Rede nicht ein Stoff zugrunde liegt, der von dem Redner erfasst und erkannt ist, so muss sie notwendigerweise entweder ganz bedeutungslos sein oder der Gegenstand allgemeinen Spottes und Gelächters werden.
 51
    Denn was ist so unsinnig wie ein leerer Schall von Worten, wenn sie auch noch so schön und zierlich sind, wenn kein Gedanke und keine Wissenschaft zugrunde liegt? Man nehme nun aus irgendeiner Wissenschaft einen Stoff, gleichviel von welcher Art, so wird der Redner denselben, wenn er sich zuvor von der Sache seines Schutzbefohlenen hat belehren lassen, besser und geschmückter vortragen als selbst der Erfinder und Kenner dieser Sache.
 52
    Denn wenn jemand behaupten sollte, es gebe gewisse den Rednern eigentümliche Gedanken und Verhandlungen und eine durch die Schranken des Gerichtes begrenzte Wissenschaft von bestimmten Gegenständen, so will ich allerdings gestehen, dass unsere Redeweise sich häufiger mit diesen beschäftige, aber doch befindet sich selbst in diesen Gegenständen sehr vieles, was die sogenannten Redekünstler weder lehren noch kennen.
 53
    Denn wer weiß nicht, dass die größte Stärke des Redners sich darin zeigt, dass er die Gemüter der Menschen zum Zorn oder zum Hass oder zum Schmerz anreizt und von diesen Leidenschaften wieder zur Sanftmut und zum Mitleid zurückführt? Wer die Gemütsarten der Menschen und das ganze Wesen der menschlichen Natur und die Ursachen, durch die die Gemüter entweder angereizt oder beschwichtigt werden, nicht von Grund aus erkannt hat, wird durch seine Rede das nicht erreichen können, was er will.
 54
    Und dieser ganze Gegenstand wird als ein Eigentum der Philosophen betrachtet, und der Redner wird, wenn er meinem Rat folgen will, dies nie bestreiten. Aber wenn er diesen die Kenntnis der Sachen einräumt, weil sie hierauf allein das Ziel ihrer Bestrebungen gerichtet haben, so wird er die Behandlung des Vortrages, der ohne jene Kenntnis ganz bedeutungslos ist, für sich in Anspruch nehmen. Denn das ist, wie ich schon oft bemerkte, das Eigentum des Redners: der würdevolle, geschmückte und den Empfindungen und Gedanken der Menschen angemessene Vortrag.
 55
    Dass über diese Gegenstände Aristoteles und Theophrastos geschrieben haben, gestehe ich zu. Aber sieh zu, Scaevola, ob nicht dieses ganz für mich spricht! Denn ich entlehne nicht von jenen, was der Redner mit jenen gemein hat; diese aber räumen ein, dass das, was sie über diese Gegenstände abhandeln, den Rednern angehöre. Daher benennen sie ihre übrigen Bücher mit dem Namen ihrer Wissenschaft, diese hingegen überschreiben und benennen sie die rednerische.
 56
    Allerdings, wenn in der Rede, wie es sehr oft der Fall ist, Veranlassungen eintreten, jene Gemeinsätze über die unsterblichen Götter, über Frömmigkeit, über Eintracht, über Freundschaft, über das gemeinsame Recht der Bürger, der Menschen und Völker, über Billigkeit, über Besonnenheit, über Seelengröße, über jede Art der Tugend zu behandeln, so werden, glaube ich, alle Gymnasien und alle Schulen der Philosophen laut erklären, dieses alles sei ihr Eigentum, gar nichts hiervon gehe den Redner an.
 57
    Wenn ich nun diesen auch zugeben will, dass sie diese Gegenstände in ihren Winkeln, um sich die Zeit zu vertreiben, erörtern, so werde ich doch das dem Redner zuerteilen und zuerkennen, dass, während jene diese Gegenstände in einer mageren und kraftlosen Sprache abhandeln, dieser die nämlichen mit aller Anmut und Würde entwickelt. Dies verhandelte ich damals zu Athen mit den Philosophen selbst. Denn dazu nötigte mich unser Marcus Marcellus, der jetzt kurulischer Ädil ist und unfehlbar, wenn er nicht jetzt die Spiele besorgte, unserer Unterredung hier beiwohnen würde; auch schon damals hatte er sich als angehender Jüngling diesen gelehrten Beschäftigungen mit bewunderungswürdigem Eifer ergeben.
 58
    Ferner in betreff der Gesetzgebung, des Krieges und Friedens, der Bundesgenossen, der Staatsgefälle, der nach Verschiedenheit der Stände und Alter angeordneten Rechte der Bürger mögen die Griechen, wenn sie wollen, behaupten, Lykurgos oder Solon – wiewohl diese wenigstens meines Erachtens unter die Zahl der Redner gerechnet werden müssen – hätten von diesen Gegenständen eine bessere Kenntnis gehabt als Hypereides oder Demosthenes, Männer, die in der Beredsamkeit schon ganz vollkommen und fein ausgebildet sind; oder mögen die Unsrigen den Decemvirn, den Verfassern der zwölf Gesetzestafeln, welche einsichtsvolle Männer sein mussten, in dieser Beziehung den Vorzug geben vor dem Servius Galba und deinem Schwiegervater Gaius Laelius, die sich bekanntlich durch Rednerruhm auszeichneten.
 59
    Denn ich will nicht leugnen, dass es gewisse Wissenschaften gibt, die das Eigentum derer sind, die der Erforschung und Behandlung derselben ihren ganzen Eifer zuwenden; aber ich behaupte: Der erst ist ein vollendeter und vollkommener Redner, der über alle Gegenstände mit Fülle und Mannigfaltigkeit zu reden versteht. Allerdings liegt oft in den Sachen, die nach dem Geständnis aller den Rednern eigentümlich angehören, etwas, was nicht aus der gerichtlichen Erfahrung, die ihr den Rednern allein einräumt, sondern aus einer tieferen Wissenschaft geschöpft und entlehnt werden muss.
 60
    Denn ich frage, ob man wohl entweder gegen einen Feldherrn oder für einen Feldherrn reden könne ohne Erfahrung im Kriegswesen, oft auch ohne Kenntnis der Gegenden zu Wasser und zu Land, ob vor dem Volk über Genehmigung oder Verwerfung von Gesetzesvorschlägen, ob im Senat über alle Zweige der Staatsverwaltung ohne die tiefste Einsicht und Kenntnis der bürgerlichen Angelegenheiten, ob die Rede zur Entflammung oder auch Dämpfung der Empfindungen und Bewegungen des Gemütes – und das ist ja das eigentliche Gebiet des Redners – zur Anwendung gebracht werden könne ohne die sorgfältigste Erforschung aller Lehrsätze, welche die Philosophen über die Gemütsarten und Sitten des Menschengeschlechts entwickeln.
 61
    Und vielleicht dürfte ich euch hiervon nicht ganz überzeugen; doch ich will keinen Anstand nehmen, meine Ansicht mitzuteilen. Die Physik und Mathematik selbst, sowie das, was du kurz zuvor als das Eigentum anderer Wissenschaften aufstelltest, gehört der Kenntnis derer an, die sie zu ihrem Berufsgeschäft machen; will aber jemand eben diese Wissenschaften durch den Vortrag beleuchten, so muss er zu der Geschicklichkeit des Redners seine Zuflucht nehmen.
 62
    Denn wenn bekanntlich jener Baumeister Philon, der den Athenern ein Zeughaus baute, dem Volk auf sehr beredte Weise von seinem Werk Rechenschaft ablegte, so darf man nicht glauben, er sei eher durch die Kunst des Baumeisters als durch die des Redners beredt gewesen. Und wenn unser Marcus Antonius für den Hermodoros über den Bau von Schiffswerften hätte reden müssen, so würde er, sobald er von diesem über die Sache belehrt worden wäre, einen geschmückten und reichhaltigen Vortrag über eine fremde Kunst gehalten haben. Und ferner, wenn Asklepiades, der mein Arzt und Freund war, alle andern Ärzte an Beredsamkeit übertraf, so machte er gerade darin, dass er so geschmackvoll redete, nicht von seiner Arzneikunde Gebrauch, wohl aber von der Beredsamkeit.
 63
    Und das hat einen ziemlichen Schein von Wahrheit, ist jedoch nicht wahr, was Sokrates zu sagen pflegte, alle seien in dem, was sie wissen, hinlänglich beredt; wahrer ist das: Niemand kann in dem beredt sein, was er nicht weiß; aber wenn er es auch noch so gut weiß und nicht versteht, die Rede zu bilden und zu glätten, so kann er selbst das, wovon er Kenntnis hat, nicht beredt vortragen.
 64
    Will man also den Begriff des Redners im allgemeinen und besonderen bestimmen und zusammenfassen, so wird meines Erachtens der Redner eines so ehrenvollen Namens würdig sein, der über jeden vorfallenden Gegenstand, der durch die Rede entwickelt werden soll, mit Sachkenntnis, in guter Ordnung, mit Geschmack und aus dem Gedächtnis, zugleich auch mit einer gewissen Würde des äußeren Vortrages reden kann.
 65
    Sollte aber manchem der von mir gebrauchte Ausdruck über jeden vorfallenden Gegenstand allzu unbestimmt erscheinen, so mag er hiervon abschneiden und wegnehmen, soviel ihn gut dünkt; doch das werde ich festhalten: Mag der Redner auch den Stoff der anderen Künste und Wissenschaften nicht kennen und nur das verstehen, was zu den Rechtserörterungen und zur gerichtlichen Übung erforderlich ist, so wird er doch, wenn er über jene Gegenstände reden soll, sobald er sich bei denen Rats erholt hat, die das, was jeder Sache eigentümlich angehört, kennen, als Redner weit besser darüber reden als selbst jene, die diese Gegenstände berufsmäßig treiben.
 66
    Wenn zum Beispiel unser Sulpicius hier über das Kriegswesen reden soll, so wird er bei unserem Verwandten Gaius Marius Erkundigungen einziehen und, wenn er sie erhalten hat, einen solchen Vortrag halten, dass selbst Gaius Marius glauben dürfte, dieser habe davon fast eine bessere Kenntnis als er selbst. Soll er aber über das bürgerliche Recht reden, so würde er sich mit dir besprechen und dich, den einsichtsvollsten und erfahrensten Mann, in eben den Dingen, die er von dir erlernt hat, an Redekunst übertreffen.
 67
    Und kommt ein Fall vor, wo er über die Natur, über die Laster der Menschen, über die Begierden, über Mäßigung und Enthaltsamkeit, über Schmerz, und Tod sprechen soll, so dürfte er sich vielleicht, wenn es ihn gut dünkte – wiewohl dieses wenigstens der Redner kennen muss –, mit dem Sextus Pompeius besprechen, einem in der Philosophie unterrichteten Mann, und in der Tat, es wird ihm gelingen, über jeden Gegenstand, den er von irgend jemand erlernt hat, weit geschmückter zu reden als selbst jener, der ihn belehrt hat.
 68
    Aber wenn ihm ein Rat etwas gilt, so wollen wir, weil die Philosophie in drei Teile zerfällt, in die dunkle Naturwissenschaft, die scharfsinnige Dialektik und die Lehre von dem Leben und den Sitten, die beiden ersten aufgeben und unserer Trägheit zugute halten; wollen wir aber den dritten, der immer den Rednern angehört hat, nicht behaupten, so werden wir dem Redner nichts zurücklassen, worin er sich groß zeigen könnte.
 69
    Darum muss dieser ganze Teil, der von dem Leben und den Sitten handelt, von dem Redner gründlich erlernt werden; das übrige wird er, wenn er es auch nicht erlernt hat, doch, sobald es einmal nötig ist, durch die Rede auszuschmücken verstehen, wenn ihm nur zuvor der Stoff dazu überliefert und eingehändigt worden ist. Denn wenn, wie es unter den Gelehrten bekannt ist, ein in der Sternkunde unerfahrener Mann, Aratos, den Himmel und die Gestirne in den schönsten und herrlichsten Versen besungen, wenn ein Mann, der sehr fern vom Land lebte, Nikandros aus Kolophon, über die Landwirtschaft vermöge dichterischer Befähigung, nicht aber wegen seiner Kenntnis im Landbau, vortrefflich geschrieben hat, warum sollte dann nicht der Redner über solche Gegenstände sehr beredt reden, die er für eine gewisse Sache und Zeit erlernt hat?
 70
    Dem Redner ist ja der Dichter nahe verwandt, durch das Versmaß ein wenig mehr gebunden, in dem Gebrauch der Worte hingegen freier, in vielen Arten des Schmuckes aber Teilnehmer und fast gleich, darin wenigstens ohne Zweifel ihm beinahe gleich, dass er sein Gebiet durch keine Schranken so umgrenzt und einschließt, dass es ihm nicht freistehen sollte, sich mit der nämlichen Gewandtheit und Fülle des Ausdruckes zu ergehen, wo er Lust hat.
 71
    Ich muss nämlich hier auf deine frühere Äußerung, Scaevola, zurückkommen. Warum sagtest du, du würdest, wenn du dich nicht auf meinem Gebiet befändest, meine Behauptung nicht ertragen haben, dass der Redner in jeder Art des Vortrages, in jedem Zweig menschlicher Bildung vollkommen sein müsse? Niemals fürwahr würde ich eine solche Behauptung ausgesprochen haben, wenn ich mich selbst für das Vorbild, das ich aufstellte, hielte.
 72
    Aber was Gaius Lucilius oft zu sagen pflegte, der dir ein wenig grollte und gerade deshalb mir weniger, als er es wünschte, befreundet, aber doch ein gelehrter und sehr fein gebildeter Mann war, dasselbe ist auch mein Urteil, dass nämlich niemand unter die Zahl der Redner gerechnet werden dürfe, der nicht in allen, eines freien Mannes würdigen Wissenschaften ausgebildet sei. Denn wenn wir von ihnen selbst auch beim Reden keinen Gebrauch machen, so ist es doch sichtbar und stellt sich heraus, ob wir derselben unkundig sind oder sie gelernt haben.
 73
    So wie zum Beispiel die Ballspieler beim Spiel selbst die der Ringschule eigentümliche Kunst nicht anwenden, aber schon ihre Bewegung anzeigt, ob sie die Ringkunst erlernt haben oder nicht kennen, und so wie die Bildhauer, wenn sie auch für den Augenblick von der Malerei gar keinen Gebrauch machen, doch nicht undeutlich zu erkennen geben, ob sie zu malen verstehen oder nicht, so offenbart es sich bei unseren Reden vor Gericht, in den Volksversammlungen und im Senat, auch wenn in ihnen andere Wissenschaften nicht ausdrücklich zur Anwendung kommen, doch leicht, ob der Redner sich nur in den gewöhnlichen Redeübungen herumgetummelt hat oder ob er mit allen edlen Wissenschaften ausgerüstet als Redner auftritt."
 74
    Hierauf erwiderte Scaevola lachend: "Ich will nicht weiter mit dir streiten, Crassus. Deine Gegenrede selbst hast du ja mit einem gewissen Kunstgriff zustande gebracht, indem du einerseits mir in dem, was ich dem Redner abgesprochen wissen wollte, beipflichtetest, andererseits eben dieses, Gott weiß wie, wieder umdrehtest und dem Redner als Eigentum zuerteiltest.
 75
    Als ich als Prätor nach Rhodos kam und jenem ausgezeichneten Lehrer eurer Wissenschaft, Apollonios, das, was ich von Panaitios vernommen hatte, mitteilte, verspottete er nach seiner Gewohnheit die Philosophie und setzte sie herab und sagte vieles weniger mit würdevollem Ernst als auf witzige Weise. Dein Vortrag hingegen hatte nicht die Absicht, irgendeine Kunst oder Wissenschaft herabzusetzen, sondern alle als Begleiterinnen und Gehilfinnen des Redners darzustellen.
 76
    Sollte nun ja ein einziger Mensch sie alle umfasst und zugleich hiermit jene Geschicklichkeit einer wohl geschmückten Rede verbunden haben, so muss ich ihn für einen hervorragenden und bewunderungswürdigen Mann erklären; aber ein solcher würde, wenn es einen gäbe oder auch je gegeben hätte oder auch nur geben könnte, fürwahr kein anderer sein als du. Du hast ja nach meinem und aller Urteil allen anderen Rednern – unsere jungen Freunde mögen mir dieses Geständnis nicht übel nehmen – kaum irgendeinen Ruhm übriggelassen.
 77
    Doch wenn es dir an keiner Kenntnis der gerichtlichen und bürgerlichen Angelegenheiten gebricht und du doch die Wissenschaft nicht umfasst hast, die du dem Redner beigesellst, so las uns sehen, ob du ihm nicht mehr zuteilst, als es die Sache und Wirklichkeit zulässt."
 78
    Da sagte Crassus: "Bedenke doch, dass ich nicht über meine, sondern des Redners Geschicklichkeit gesprochen habe. Denn was habe ich gelernt oder was konnte ich wissen, der ich eher zum Handeln als zum Lernen kam, den auf dem Forum, in der Bewerbung um obrigkeitliche Ämter, in Staatsgeschäften, in Rechtshändeln meiner Freunde die Sache selbst eher aufgerieben hat, als ich eine Ahnung von der Wichtigkeit dieser Sachen haben konnte?
 79
    Wenn ich dir nun auch so schon Großes zu leisten scheine, dem es, wenn auch nicht gerade an Anlagen, wie du meinst, doch sicherlich an Gelehrsamkeit und an Muße und wahrlich auch an jener feurigen Lernbegierde gemangelt hat – was meinst du, wenn zu jemandes besseren Anlagen auch noch die Wissenschaften, die ich nicht berührt habe, hinzukämen, wie herrlich und wie groß würde ein solcher Redner sein?"
 80
    Hierauf sagte Antonius: "Du überzeugst mich, Crassus, von der Wahrheit deiner Behauptungen, und ich zweifle nicht, dass derjenige im Reden weit reicher ausgestattet sein wird, der die Beschaffenheit und das Wesen aller Dinge und Wissenschaften umfasst.


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Auszug aus:

aventinus antiqua Nr. 9 (Winter 2006)

Waltraud Künstler

Ciceros orator perfectus – ein realisierbares Rednerideal? :
Im Jahre 56 oder 55 v. Chr. [30] entstand de oratore. Cicero stellt darin seinem Bruder Quintus die gesamte Redekunst, welche für Cicero universale Bildung, für Quintus aber Talent und Übung voraussetzt, als Dialog eloquentissimorum [31] dar. Achard ist der Auffassung, Ciceros Absicht sei es gewesen, sich selbst ein Denkmal zu setzen und durch die Wiedervereinigung von Rhetorik und Philosophie den orator perfectus zu schaffen [32]. Das Werk wird also als eine verschlüsselte politische Botschaft gesehen [33]. Auf diese politische Komponente wird in dieser Arbeit zu einem späteren Zeitpunkt genauer eingegangen.

Die wichtigsten Teilnehmer des Dialogs sind Lucius Licinius Crassus, der das bereits erwähnte Edikt erließ [34], sowie der drei Jahre ältere homo novus [35] Marcus Antonius. Beide standen der Senatspartei, wenn auch nicht von Anfang an, wohlwollend gegenüber [36]. Des Weiteren war ihnen der Erfolg vor Gericht, sowie der daraus resultierende politische Aufstieg gemeinsam.

Ein weiterer Teilnehmer tritt im ersten Buch mit dem Augur und Rechtsgelehrten Quintus Mucius Scaevola [37], Anhänger des Scipionenkreises und Konsul des Jahres 117 v. Chr. [38], in Erscheinung.

Sah  Crassus seinen Erfolg in der Erlernung des römischen Privatrechts und der griechischen Bildung sowie in der Kenntnis des mos maiorum, so standen bei Antonius die natürliche Begabung und praktische Übung im Vordergrund [39].

Publius Sulpicius Rufus und Gaius Aurelius Cotta stehen Crassus bzw. Antonius als Schüler zur Seite [40].

Am Gespräch nehmen außerdem der Griechisch sprechende Quintus Lutatius Catulus, und dessen für seinen Witz bekannter Stiefbruder Gaius Julius Caesar Strabo teil [41].

Das in drei Bücher gegliederte Werk beginnt mit dem Prooemium Ciceros. Darin stellt Cicero die Absichten seiner Schrift dar und die Dialogpartner vor. Außerdem erfährt der Leser, dass das Gespräch 91 v. Chr. während der ludi Romani in Crassus' Villa in Tusculum stattfindet. Bestimmt wird das erste Buch von einem Lob der Redekunst aus dem Munde Crassus [42] und der Frage, ob die Rede auf Gericht und Politik beschränkt sei oder nicht [43]. Im Gegensatz zu Crassus befürworten Antonius und Scaevola die Beschränkung [44]. Einig sind sich Crassus und Antonius nur darin, dass Talent, Lerneifer und Übung wichtig sind [45]. Crassus glaubt außerdem an die Notwendigkeit der Erlernung aller Kenntnisse [46].

Im zweiten Buch ist es an Antonius die Redekunst zu loben [47]. Anschließend stellt er die drei Redegattungen dar [48], empfindet das rhetorische System in der Praxis als unpraktikabel [49] und wendet sich schließlich den officia oratoris zu. Nach dem Prooemium des letzten Buches, das diesmal auf die aktuelle politische Lage eingeht [50], behandelt Crassus die noch ausstehenden Aufgaben: Stil, rhetorischer Ausdruck und Ausschmückung, sowie Vortrag der Rede [51]. Durch seine erneute Forderung nach universaler Bildung des Redners ist ein Rückbezug auf das erste Buch zu erkennen [52]. Mit einem kurzen Ausblick in die Zukunft der römischen Beredsamkeit endet der Dialog [53].

Der orator perfectus

Im Folgenden werden die Standpunkte des Antonius und des Crassus bezüglich des  orator perfectus dargestellt. Da es für dieses Gespräch und somit der darin vertretenden Auffassungen keine Belege gibt, ist davon auszugehen, dass Cicero seinen Dialogpartnern die Worte in den Mund gelegt hat. Trotzdem werden zum leichteren Verständnis bei der Nachzeichnung der Standpunkte sowohl Crassus als auch Antonius als Vertreter der jeweiligen Meinung benannt.

Die Meinung des Antonius

Antonius stellt den orator perfectus als einen Meister der Rede dar. Dieser beherrscht die Redekunst ebenso, wie er seine Absicht mit wohlgesetzten Worten darzulegen vermag [54]. Erreicht wird dieser Anspruch nur durch kontinuierliches Üben [55], unter der Voraussetzung, dass sowohl eine natürliche Begabung Vorträge zu halten, als auch eine voluminöse Stimme vorhanden sind [56]. Letzteres liegt vor allem in dem von Antonius beschränkten Tätigkeitsbereich des Redners, dem Gericht und der Politik, begründet [57]. Trotz dieser Beschränkung sieht Antonius keine Veranlassung für den Redner ein Rechtsgelehrter [58] oder Philosoph [59] zu sein.

Gegen das wissenschaftliche Rechtsstudium spricht, dass bei kompliziert gelagerten Gerichtsverfahren die Entscheidung durch eine überzeugende Rede, nicht durch Gesetze getroffen wird [60]. Für die übrigen Fälle, sofern sie denn vor Gericht verhandelt werden [61], reicht es den Rat von peritis bzw. von libris depromi hinzuzuziehen [62].

Auch in der Philosophie sind Menschenkenntnis und Allgemeinbildung ausreichend [63]. Vor allem Letzteres erlangt ein zum Referieren begabter Mensch mühelos durch seine ihm angeborene Intelligenz [64].

Die Meinung des Crassus

In Crassus’ Augen muss sich der orator perfectus auf jedem Gebiet wortgewandt und vielseitig äußern können [65]. Das heißt, dass ein  angeborenes Talent vorhanden [66], die Redekunst [67] beherrscht und viel, unter anderem schriftlich, geübt werden muss [68].

Darüber hinaus sind das Studium des bürgerlichen Rechts [69] und der Geschichte [70] unentbehrlich. Beides wird durch eine Fülle von Beispielen verdeutlicht [71]. So wäre es zum Beispiel ohne Rechtsstudium möglich, dass einem Redner der Erfolg, trotz eloquentia, versagt bleibt, wenn er bei Gericht für etwas plädiert, das den Gesetzen widerspricht [72].

Aber auch mit der Philosophie muss sich der Redner vertraut machen. Hierbei misst Crassus der Ethik den höchsten Stellenwert bei. [73] Denn nur die durch das Geschichts- und Philosophiestudium erworbenen Kenntnisse helfen dem Redner bei Lobreden oder in politischen Versammlungen. So wird etwa vermieden, Gesetzesvorschläge entgegen dem mos maiorum einzubringen [74].

Für Cicero braucht der orator perfectus mehr als Talent und Übung

Antonius und Crassus sind sich also darin einig, dass die grundlegendste Voraussetzung, um ein Idealredner zu werden, das Talent darstellt. Schließlich gebe es für die Redekunst kein wissenschaftlich erlernbares System [75]. Aber erst durch das ständige Üben kommt das Talent zur Entfaltung. Den Schulen bescheinigen beide, dass die dort vorgetragenen Fälle die Wirklichkeit nur unzulänglich widerspiegeln [76]. Sinnvoller sei es, frühestmöglich den Rednern auf dem Forum oder bei Gericht zuzuhören.

In Verbindung mit einem gesunden Menschenverstand und Allgemeinbildung entspricht der Redner Antonius’ Forderungen nach einen orator perfectus [77].

Crassus gibt sich damit nicht zufrieden. Ein beredter Mensch ist in der Lage Menschen zu beeinflussen. Um den möglichen Missbrauch dieser Tugend zu vermeiden, ist es wichtig talentierte Menschen vor allem in Recht und Philosophie zu unterweisen. [78] Somit stellt das Verbot der Rednerschulen, die auf diese Teile in der Ausbildung verzichten, nur eine logische Konsequenz dar [79].

Auf welcher Seite Cicero im Dialog steht, ist leicht zu erkennen. Im Prooemium zum ersten Buch schreibt Cicero, sein jüngerer Bruder Quintus sei davon überzeugt, dass Talent und Übung ausreichende Voraussetzungen für einen Idealredner seien [80]. Im Dialog lässt Cicero diesen Standpunkt durch Antonius vertreten.  Der orator perfectus nach Ciceros Vorstellung hingegen wird durch Crassus verkörpert. Nur wer auf wissenschaftlichem Gebiet gebildet sei, könne ein vollendeter Redner werden [81].  Dass dies allein der Weg zum Idealredner ist, wird, abgesehen von Crassus ausgedehnten Ausführungen zum bürgerlichen Gesetz, der Geschichte und der Philosophie [82], an drei weiteren Stellen besonders deutlich. Zunächst, als Cicero am Ende des ersten Buches Crassus feststellen lässt, Antonius hätte mit seiner Darlegung nur die Kunst des Widerlegens, was bereits in den Bereich der Philosophie gehöre, unter Beweis stellen wollen [83]. Das Gleiche behauptet Cicero, diesmal aus eigenem Mund, zu Beginn des zweiten Buches. Antonius hätte niemals ohne Bildung griechischer Art eine derartige Wortgewandtheit erlangt [84]. Schließlich verleiht Crassus/Cicero im letzten Buch der universalen Bildung ein weiteres Mal Nachdruck [85].


Neue Methoden

Zitat:
In welchem politischen System dies passierte, erschien dem Politiker je länger, je nebensächlicher. Wie viele Zeitgenossen bewunderte Laval die Dynamik der aufkommenden diktatorischen Regime in den Nachbarländern und äusserte bereits 1933 seine Bereitschaft, auch «neue Methoden» auszuprobieren.
Aus der lesenswerten Rezension von Claudia Mäder in der NZZ vom 2.2.2019 über die Biografie von Pierre Laval vom Historiker Renaud Meltz.

Ein dreivierteljahrhundert später "genießen" und beobachten oder pflegen wir erneut diese fatale Wertschätzung  von autoritären oder diktatorischen Systemen. Dabei handelt es sich aber um keine Wiederholung der Geschichte.

210. Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy

Jakob Ludwig Felix Mendelssohn Bartholdy (* 3. Februar 1809 in Hamburg; † 4. November 1847 in Leipzig) war ein deutscher Komponist, Pianist und Organist. Er gilt als einer der bedeutendsten Musiker der Romantik und setzte als Dirigent neue Standards, die das Selbstverständnis des Dirigierens bis heute maßgeblich mitprägen.
Daneben setzte sich Mendelssohn Bartholdy für die Aufführung von Werken Händels und Johann Sebastian Bachs ein. Damit trug er wesentlich zu ihrer Wiederentdeckung und zur Herausbildung eines Verständnisses für die „klassische“ Epoche der deutschen Musik bei. Er gilt als Mitbegründer der historischen Musikpflege und gründete das erste Konservatorium in Deutschland

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Haimo L. Handl

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Während meiner Studienzeit wurde am Publizistikinstitut in Wien keine Rhetorik gelehrt. Wer daran interessiert war, musste selbst Material suchen. Man konnte Nachrichtentheorie und andere theoretische Versatzstücke studieren, auch Medienhistorie und dergleichen, nicht aber Rhetorik. Das war eher etwas für Germanisten oder Philosophen, nicht aber für Kommunikationswissenschaftler oder Publizisten. Ich beschäftigte mich trotzdem damit, vor allem mit den Fragenkomplexen zu „überreden“ bzw. „überzeugen“ und sogenannter Objektivität. Mich faszinierte die Frage der Performanz, des exekutierten Sprechaktes vor dem Hintergrund der verschiedenen Theorien, besonders im Zuge der Wirkungsanalyse bzw. Inhaltsanalyse und der verschiedenen Interpretationstheorien von Texten. Im Allgemeinen sah es ja aus, als ob die Medienprodukte, die Texte, aber auch Bild-Text-Aktionsformen (Television, Video) primär wichtig und bedeutsam seien. Nur zögerlich wurde die Art und Qualität der Performanz berücksichtigt auf Seiten der Performer als auch der Rezipienten.

Dabei war der Einfluss der Rhetorik in unserer abendländischen Kulturen tief und stark. Nicht nur bezüglich der Werke berühmter Rhetoren, sondern auch wegen der Auffassungen, was Kommunikation überhaupt bewirken könne, worauf es ankomme, was weshalb wie wirke. Einen bissigen Text von Karl Kraus zu lesen, vielleicht nur leise und unbedarft, ist von anderer Wirkung, als wenn man ihn gekonnt vorgetragen hört. Klar, dass das (Kontext)Wissen immer determiniert, was überhaupt zu einer Wirkung gelangen kann.

Kommunikation erfolgt nicht in einem herrschaftsfreien Raum. Vereinfachte Kommunikationsmodelle, die suggerieren, es komme wesentlich auf die Qualität der Kommunikation an, ob ein Kommunikationsziel erreicht werde oder nicht, sind zu simpel, grob und falsch. Auch ein guter Rhetor, sogar einer wie Cicero, bedurfte eines entsprechenden Publikums, damit seine Rede die erwünschte Wirkung zu erzielen vermochte. Er musste auch darauf achten, dass neben dem Publikum, den Adressaten seiner Rede, er auch andere Aspekte für ihn und seine Rede „günstig“ oder vorteilhaft waren (Kenntnisse, Wissen, gesellschaftliche und politische Lage). Dass der beste Rhetor versagen muss, wenn die Sache vorher oder von vornherein schon entschieden war, ist mir ziemlich bald klar geworden. Dafür lieferten mir nicht zuletzt die historischen Beispiele der Schauprozesse unter Stalin beredtes Material, sondern auch die Schandprozesse unter Freisler bei den Nazis. Es wäre sträflich dumm gewesen zu meinen, mit Argumentationsqualität hätte man hier oder dort etwas Positives ausrichten können. Das heißt, lernte ich, die Sache darf noch nicht entschieden sein, und die Beteiligten müssen sich an gewisse Minima von Diskurs- oder Kommunikationsregeln halten. Ich sehe das formell ähnlich wie beim Schachspiel. Dort darf der alte Großmeister, wenn er von einem Kind geschlagen wird, aus verletztem Stolz auch nicht die Regeln brechen. Tut er es trotzdem, geht es offensichtlich nicht mehr um Schach.

Auch wenn wir keine wirklich herrschaftsfreien Kommunikationsräume kennen, ist es möglich, relativ frei zu kommunizieren, wenn den Beteiligten aus ihrem Kommunikationsverhalten keine Sanktion erfolgen. Das ist jedoch nur in Ausnahmefällen Realität. In der Regel bestimmt die Macht oder bestimmen Mächtige, wie kommuniziert wird bzw. wie mit jenen umgegangen wird, die argumentativ eigenständig vorgehen und damit vielleicht systemgefährdend werden. Aber noch weit vor diesem Extrem gibt es Kommunikationen, die so tun, als ob. Als ob sie frei und „ungezwungen“ seien. Man vermittelt das Gefühl von Freiheit. Aber das Gefühl von Freiheit ist nicht, nie und nimmer, die Freiheit selbst. Das Gefühl ist immer eine Täuschung. Sogar authentische Kommunikation kann aufgrund der Machtstrukturen und der Anpassung an die Diskursregeln leicht zu einer Täuschung werden: alle tun dann so, als ob sie sich verstünden, als ob sie z. B. frei wären. Sie erzeugen das Gefühl, das Kommunikationsziel trotz widerstreitender Argumente aber erreicht zu haben, das Wohlgefühl sich zu verstehen, das Gefühl von Anerkenntnis oder Freiheit oder Erfolg oder sonst irgend etwas Positives.

Wenn jemand dieses Sprachspiel nicht mitmacht, wird er leicht zum Störfaktor, der schlussendlich gejagt und verfolgt wird, der mundtot gemacht wird, wenn nicht real getötet. Der erwähnte Karl Kraus war so ein Störfall.

Wenn ich annehmen darf und kann, dass es sinnvoll und tauglich ist, auf hohe Qualität meiner Rede und Sprache zu schauen, auf die Seriosität meiner Argumente, auf die bestmögliche Darbietung (Performanz), wird es vernünftig, rhetorisch geschult zu argumentierten. Denn Rhetorik zielt nicht zuerst auf Überredung. Ihr Ziel ist Überzeugung. In einer unfreien Gesellschaft, in einer ohne Werte und Ethik, wäre es sinnlos, also unvernünftig zu meinen oder zu hoffen, man könne über rhetorische Qualität etwas erreichen. Deshalb wird es gegenwärtig in unseren Gesellschaften immer schwerer zu argumentieren.

Die Stringenz einer Beweisführung, die Schönheit einer gewagten Argumentationskette und dergleichen können nur zur Wirkungen kommen, wenn das oder die Gegenüber Kenntnisse haben, diese zu erkennen und zu würdigen. Einer, der logisches Denken unbekannt ist, wird nie eine Stringenz von Ausführungen ermessen können. Jemand, der borniert in seiner Echokammer verharrt, wird nie Wort- und Satzformen als Abbildung bzw. Symbol nicht nur stimmig, sondern auch „schön“ finden können. Und so geht das weiter mit jedem Aspekt.

Es ist wie bei der Weinverkostung, die einem Geschulten, Gebildeten spezifische, nuancierte Urteile gestattet, während der Einfache, der kein Unterscheidungsvermögen eignet, nichts bemerkt, außer den groben, einfachen Unterscheidungen: Getränk, bitter, süß, stark oder schwach. Fertig.

So ähnlich ist es mit der Bildung und der Rhetorik bzw. der Kommunikation. Damit überhaupt zwischen Überredung und Überzeugung unterschieden werden kann, muss viel gewusst und anerkannt sein. Überzeugung ergibt sich aus Einverständnis und Kenntnis. Dieses wiederum kann sich einstellen, wenn ich genügend Wissen habe, um der neuen Argumentation folgen zu können, mich eben nicht nur vom Gefühl oder der emotionalen Wirkung des Moments leiten lasse, und dieses Wissen auch exekutiere, ausführe, umsetze und nicht, aus Mangel an Charakter oder Courage, feige unterlasse. Ein Wissen, das nur „theoretisch“ gespeichert bleibt, aber nicht aktiv ein- und umgesetzt wird, ist keines, ist nur ein halbes oder potentielles.

Wir leben in Zeiten, in denen vor allem überredet wird. Das geht nun schon über 70 Jahre so. Seit dem Ende des letzten Großen Krieges hat nicht nur die Werbung gelernt besser und wirksamer zu überreden, sondern auch die politische Kommunikation, die zur Propaganda absackte. Der Erfolg der social media stellt den Abyssus dar, den wir mit der Überredungskommunikation erreicht haben: es gelten fast ausschließlich Gefühle, Emotionshaltungen, vorgefasste Meinungen, Vorurteile, Gerüchte, Stimmungen, Verschwörungsannahmen (man nennt sie meist immer noch „Verschwörungstheorien“, obwohl sie nicht wie Theorien geprüft werden. Eine Theorie muss angeben, wann sie durch welche Fakten als widerlegt gilt. Eine unwiderlegbare Theorie ist keine im wissenschaftlichen Sinne).

Deshalb wählte ich für diesen Aufsatz den Titel „Überfühlen“ in Anlehnung an „Überreden“. Wir sind jenseits des argumentativen Austausches, jenseits verantwortlicher Rhetorik. Wir sind im Kreis. Aus ihm auszubrechen gelingt nur wenigen. Die Phalanx der Schwätzer, Täuscher und Überreder scheint unermesslich stark (von den Dadaisten über Thomas Bernhard bis zu Robert Menasse, um nur einige zu nennen).