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Dienstag, 12. Februar 2019

215. Todestag von Immanuel Kant

Immanuel Kant (* 22. April 1724 in Königsberg, Preußen; † 12. Februar 1804 ebenda) war ein deutscher Philosoph der Aufklärung. Kant zählt zu den bedeutendsten Vertretern der abendländischen Philosophie. Sein Werk Kritik der reinen Vernunft kennzeichnet einen Wendepunkt in der Philosophiegeschichte und den Beginn der modernen Philosophie.

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Dienstag, 5. Juni 2018

245. Geburtstag von Adam Smith

Adam Smith, FRSA (getauft am 5. Junijul./ 16. Juni 1723greg. in Kirkcaldy, Grafschaft Fife, Schottland; † 17. Juli 1790 in Edinburgh), war ein schottischer Moralphilosoph und Aufklärer und gilt als Begründer der klassischen Nationalökonomie.
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Mittwoch, 30. Mai 2018

240. Todestag von Voltaire

Voltaire (eigentlich François-Marie Arouet * 21. November 1694 in Paris; † 30. Mai 1778 ebenda) war ein französischer Philosoph und Schriftsteller. Er ist einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung.
In Frankreich nennt man das 18. Jahrhundert auch „das Jahrhundert Voltaires“ (le siècle de Voltaire). Als Lyriker, Dramatiker und Epiker schrieb er in erster Linie für ein Publikum gebildeter Franzosen, als Erzähler und Philosoph für die gesamte europäische Oberschicht im Zeitalter der Aufklärung, deren Mitglieder für gewöhnlich die französische Sprache beherrschten und französische Werke zum Teil im Original lasen. Viele seiner Werke erlebten in rascher Folge mehrere Auflagen und wurden häufig auch umgehend in andere europäische Sprachen übersetzt. Voltaire verfügte über hervorragende Kenntnisse der englischen und der italienischen Sprache und veröffentlichte darin auch einige Texte. Er verbrachte einen beträchtlichen Teil seines Lebens außerhalb Frankreichs und kannte die Niederlande, England, Deutschland und die Schweiz aus eigener Erfahrung.
Mit seiner Kritik an den Missständen des Absolutismus und der Feudalherrschaft sowie am weltanschaulichen Monopol der katholischen Kirche war Voltaire ein Vordenker der Aufklärung und ein wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution. In der Darstellung und Verteidigung dessen, was er für richtig hielt, zeigte er ein umfangreiches Wissen und Einfühlungsvermögen in die Vorstellungen seiner zeitgenössischen Leser. Sein präziser und allgemein verständlicher Stil, sein oft sarkastischer Witz und seine Kunst der Ironie gelten oft als unübertroffen.
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Thema beim jour fixe in der Bibliothek Gleichgewicht am 25.5.2018




Donnerstag, 15. September 2016

260. Geburtstag von Karl Philipp Moritz

Karl Philipp Moritz (* 15. September 1756 in Hameln; † 26. Juni 1793 in Berlin) war ein vielseitiger Schriftsteller des Sturm und Drang, der Berliner Aufklärung und der Weimarer Klassik, der auch der Frühromantik Impulse gab. Er hatte ein bewegtes Leben als Hutmacherlehrling, Schauspieler, Hofmeister, Lehrer, Redakteur, Schriftsteller, Spätaufklärer, Philosoph und Kunsttheoretiker.

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Montag, 27. Juni 2016

225. Todestaqg von Johann Heinrich Merck

Johann Heinrich Merck (* 11. April 1741 in Darmstadt; † 27. Juni 1791 ebenda) war ein bedeutender Darmstädter Herausgeber, Redakteur und Naturforscher,[1] der zur Zeit der Aufklärung Rezensionen, Essays unter anderem zu Fragen der Kunst[1] und erzählende Prosa verfasste.
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Freitag, 6. Mai 2016

160. Geburtstag von Sigmund Freud

Sigmund Freud (geboren am 6. Mai 1856 in Freiberg in Mähren, als Sigismund Schlomo Freud; gestorben am 23. September 1939 in London) war ein österreichischer Neurologe, Tiefenpsychologe, Kulturtheoretiker und Religionskritiker. Er wurde weltweit als Begründer der Psychoanalyse bekannt. Freud gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Seine Theorien und Methoden werden bis heute angewendet und diskutiert.

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Montag, 15. Februar 2016

235. Todestag von Gotthold Ephraim Lessing

Gotthold Ephraim Lessing (* 22. Januar 1729 in Kamenz, Markgraftum Oberlausitz; † 15. Februar 1781 in Braunschweig) war ein bedeutender Dichter der deutschen Aufklärung. Mit seinen Dramen und seinen theoretischen Schriften, die vor allem dem Toleranzgedanken verpflichtet sind, hat dieser Aufklärer der weiteren Entwicklung des Theaters einen wesentlichen Weg gewiesen und die öffentliche Wirkung von Literatur nachhaltig beeinflusst. Lessing ist der erste deutsche Dramatiker, dessen Werk bis heute ununterbrochen in den Theatern aufgeführt wird.

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Samstag, 4. Juli 2015

Christian Fürchtegott Gellerts 300. Geburtstag

Christian Fürchtegott Gellert (* 4. Juli 1715 in Hainichen; † 13. Dezember 1769 in Leipzig) war ein deutscher Dichter und Moralphilosoph der Aufklärung und galt zu Lebzeiten neben Christian Felix Weiße als meistgelesener deutscher Schriftsteller.

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Freitag, 21. November 2014

Voltaires 320. Geburtstag

Voltaire (eigentlich François-Marie Arouet  * 21. November 1694 in Paris; † 30. Mai 1778 ebenda) war einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung.

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(Der einleitende Satz "Von Geburt an war er ein großer Schriftsteller..." ist so dumm und falsch, dass es einem / einer fast vergällt, weiterzuhören...)

Mittwoch, 6. August 2014

Adornos 45. Todestag

Theodor W. Adorno (* 11. September 1903 in Frankfurt am Main; † 6. August 1969 in Visp, Schweiz; eigentlich Theodor Ludwig Wiesengrund) war ein deutscher Philosoph, Soziologe, Musiktheoretiker und Komponist. Mit Max Horkheimer zählt Adorno zu den Hauptvertretern der als Frankfurter Schule oder Kritische Theorie bekannten Denkrichtung.

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Dienstag, 22. April 2014

Immanuel Kants 210. Todestag

Immanuel Kant (* 22. April 1724 in Königsberg, Preußen; † 12. Februar 1804 ebenda) war ein deutscher Philosoph der Aufklärung. Kant zählt zu den bedeutendsten Vertretern der abendländischen Philosophie. Sein Werk Kritik der reinen Vernunft kennzeichnet einen Wendepunkt in der Philosophiegeschichte und den Beginn der modernen Philosophie.
Kant schuf eine neue, umfassende Perspektive in der Philosophie, welche die Diskussion bis ins 21. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst. Dazu gehört nicht nur sein Einfluss auf die Erkenntnistheorie mit der Kritik der reinen Vernunft, sondern auch auf die Ethik mit der Kritik der praktischen Vernunft und die Ästhetik mit der Kritik der Urteilskraft. Zudem verfasste Kant bedeutende Schriften zur Religions-, Rechts- und Geschichtsphilosophie sowie Beiträge zu Astronomie und Geowissenschaften.

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Samstag, 5. Oktober 2013

Denis Diderots 300. Geburtstag

 

Denis Diderot,  (* 5. Oktober 1713 in Langres; † 31. Juli 1784 in Paris) war ein französischer Schriftsteller, Philosoph, Aufklärer und einer der wichtigsten Organisatoren und Autoren der Encyclopédie.

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Abbildung aus Wikipedia (Louis-Michel van Loo; Sammlung Diderot. Geschenk von M. de Vandeul an den französischen Staat, 1911)






Donnerstag, 5. September 2013

Christoph Martin Wielands 280. Geburtstag

Christoph Martin Wieland (* 5. September 1733 in Oberholzheim bei Biberach an der Riß; † 20. Januar 1813 in Weimar, Sachsen-Weimar-Eisenach) war ein deutscher Dichter, Übersetzer und Herausgeber zur Zeit der Aufklärung. Wieland war einer der bedeutendsten Schriftsteller der Aufklärung im deutschen Sprachgebiet und der Älteste des klassischen Viergestirns von Weimar, zu dem er neben Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller gezählt wurde.

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Abbildung aus Wikipedia (Gemäldekopie eines Originals aus 1805)








Sonntag, 20. Januar 2013

Christoph Martin Wielands 200. Todestag

Christoph Martin Wieland (* 5. September 1733 in Oberholzheim; † 20. Januar 1813 in Weimar) war ein deutscher Dichter, Übersetzer und Herausgeber in der Aufklärung.

Wieland war einer der bedeutendsten Schriftsteller der Aufklärung im deutschen Sprachgebiet und der Älteste des klassischen Viergestirns von Weimar, zu dem er neben Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller gezählt wurde.

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Wieland-Gesellschaft e. V.







Mittwoch, 26. Dezember 2012

Ernst Moritz Arndts 243. Geburtstag

Ernst Moritz Arndt,  26.12.1769 in Groß Schoritz auf Rügen, damals Schwedisch-Pommern; - 29.1.1860 in Bonn, war ein deutscher Schriftsteller und Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung. Er widmete sich hauptsächlich der Mobilisierung gegen die Besatzung Deutschlands durch Napoleon. Er gilt als einer der bedeutendsten Lyriker der Epoche der Freiheitskriege. Arndt wird sehr unterschiedlich beurteilt.

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Trotz vieler Vorwürfe, vor allem, er sei antisemtisch gewesen, heißt die Universität Greifswald immer noch "Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald".

Auch eine Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft wurde in Deutschland 1992 (!) ins Leben gerufen.

Allerdings sind neue Indexi in Vorbereitung, die Purifikation von öffentlichen Bibliotheken (inklusive der öffentlichen Universitäten!) betreffend, die sicherstellen sollen, dass kein kontaminiertes Buchgut zugänglich gemacht wird. Dies betrifft nicht nur neonazistische Literatur und Historie, sondern überhaupt revisionistische, soweit sie dem herrschenden System nicht tauglich ist, sowie religionskritische und ideologische, soweit sie andere Systeme als das demokratische zu positiv behandeln.

Immer wieder, wie 2009 in der renommierten Wochenzeitung DIE ZEIT, wird die Frage gestellt, warum immer noch so viele Schulen, Kindergärten, Kasernen oder universitäten "den Namen des völkischen Ideologen und Antisemiten" tragen.

Es darf erwartet werden, dass mit heftiger Unterstützung jüdischer Kreise ein Reinigungsprogramm in Angriff genommen wird, um endlich politisch korrekte Zustände auch in Deutschland herzustellen.









Dienstag, 16. Oktober 2012

Adolph Freiherr Knigges 260. Geburtstag

Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge, 16.10.1752 - 6.5.1796, war ein deutscher Schriftsteller und Aufklärer. Bekannt wurde er vor allem durch seine Schrift "Über den Umgang mit Menschen". Sein Name steht heute stellvertretend, aber irrtümlich für Benimmratgeber, die mit Knigges eher soziologisch ausgerichtetem Werk im Sinne der Aufklärung nichts gemein haben.

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Von Knigge ist den meisten nur ein Buch bekannt; sein breites, umfangreiches Werk wird, außer von Spezialisten, übersehen. Seine Bedeutung wird, typisch für unsere Zeit, reduziert und zurechtgerückt, dient als Vorlage für billige Beratertexte, als Vorlage für die dümmliche Therapie- und Coaching-Kultur.

Sein Werk verdient gelesen und nachgedacht zu werden. Jenseits der kurzen "Brauchbarkeiten".

Sonntag, 1. Juli 2012

Georg Christoph Lichtenbergs 270. Geburtstag

Georg Christoph Lichtenberg (1. Juli 1742 - 24. Februar 1799) war Mathematiker und der erste deutsche Professor für Experimentalphysik. Als deutscher Schriftsteller begründete er den deutschsprachigen Aphorismus im Zeitalter der Aufklärung.

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Lichtenberg-Gesellschaft

Georg Christoph Lichtenberg

Rede der Ziffer 8 am Jüngsten Tage des 1798sten Jahres, im Grossen Rat der Ziffern gehalten

(Die Nulle, wie gewöhnlich, im Präsidentenstuhl)

Anfang; die Rednerin spricht viel von sich; wird ausgelacht; ereifert sich; Lobrede auf die Nulle; Dezimalsystem; Touloner Flotte; Berg Sinai; die Nulle wird rot; erster Tag des XIX. Jahrhunderts; Beschluß; Ende.
  Durchlauchtigste Nulle,
     Großgütigste Präsidentin und Stellvertreterin Unser Aller,
        Allerseits, nach angestammter Ungleichheit, höchst zu
           verehrende Mitschwestern,
              9, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1.
Morgen wird der Tag sein, an welchem ich in unserem geheimen chronologischen Ausschuß die Bank der Einer auf zehn Jahre verlassen und morgen über ein Jahr (tiefer Seufzer) der, an dem ich die der Hunderte wieder besteigen werde, auf der ich nun seit ultimo Decembris 899 nicht gesessen habe. Ihr werdet mir also verstatten, teuerste Mitschwestern, daß ich, ehe ich meine Stelle im geheimen Ausschuß der Schwester Neune übertrage, ein paar Worte zu euch rede, wozu mir einige Vorfälle während meines Sitzes auf dieser Bank Veranlassung gegeben haben und worüber es in dem Jahre, das morgen seines Anfang nimmt, vielleicht noch oft zur Sprache kommen möchte.

Ich finde zwar in den Annalen des chronologischen Ausschusses kein Beispiel, daß je von irgendeiner Schwester bei ähnlichen Gelegenheiten öffentlich im großen Rat wäre gesprochen worden. Ja, ich erinnere mich noch sehr wohl, ob es gleich tausend Jahre her sind, daß ich sogar am ersten Jänner 800, an dem Tage, da ich die Ehre hatte, zum erstenmal in centgräflicher Glorie im Ausschuß zu sitzen, nicht zu euch geredet habe. Aber, geliebte Mitschwestern, tempora mutantur. Die 8, die das neunte Jahrhundert beherrschte, ist nicht mehr die, die das neunzehnte beherrschen wird; in tausend Jahren läßt sich wohl was lernen. Oh, ich habe es hundertmal bereuet, daß ich am letzten Dezember 1789, als ich mich von der Bank der Zehner zurückzog, nicht manches über den Fall der alten Bastille und der alten Philosophie, der sich unter meinem praesidio ereignete und mir schwer auf dem Herzen lag, gleich damals deklariert habe. Gottlob aber, es kann mir, als der sichern Erbin des Vorsitzes der Hunderte im nächsten Jahrhunderte nicht an Gelegenheit fehlen, nachzuholen, was ich versäumet habe, nämlich zu erweisen, daß Bastillen und Philosophien geboren werden und sterben und wieder geboren werden und wieder sterben, so wie mutatis mutandis ihre Erbauer und ihre Erfinder. (Hier Geräusch.) Oh! ich verstehe euch wohl. Ihr scheint es nicht zum besten zu nehmen, daß ich, als bloße Mitschwester, und weder die höchste noch die geringste unter euch, es zuerst wage, Schlüsse zu machen und von Rechenschaft zu sprechen. Schlimm genug für euch. (Gemurmel.)

Doch damit ihr seht, daß ich meinen Wert kenne und meinen Stammbaum studiert habe, so müßt ihr allerdings wissen: Ich bin unter euch allen erstens die vollkommenste gerade Zahl (große Stille); bin zweitens unter euch allen der einzige wahre Würfel (spöttisches Lächeln von der Präsidentin und der Eins); bestehe drittens aus zwei gleichen Quadraten (die Präsidentin lächelt fort); bin viertens, was das sonderbarste ist, zugleich der Würfel der Zahl, deren doppeltes Quadrat ich bin; und diese Zahl ist fünftens die ewige unverwerfliche Schiedsrichterin über alles Gerade und Ungerade im unermeßlichen Reiche der Zahlen von vorn und hinten in alle Ewigkeit. (Spöttisches »Amen!« von einigen; tiefe Verbeugung der Schwester Zwei.) Daher mich auch, ohne Ruhm zu melden (heimliches Gickeln), die gütige Natur nach ihrer anbetungswürdigen, ewigen Weisheit im Range der arithmetischen Größe zwischen dich, Quadrat aller guten Dinge, hochverehrliche Neune, und dich, hochwürdige apokalyptische Sieben, von Ewigkeit her gestellt hat. Ja, wenn ich alles zusammennehme, so fühle ich mich kühn genug, geradeheraus zu sagen, daß keine unter euch allen, in Rücksicht auf Naturgabe, sich mit mir messen kann als unsere erhabenste Präsidentin, die Nulle. (Lautes Gelächter. »Sehr naiv«, riefen einige; »sehr wahr«, andere; und eine hatte sogar die Verwegenheit, »ancora« zu rufen. Dieses brachte die Rednerin sichtbarlich auf, und sie fuhr mit einiger Heftigkeit fort:) Pfui, schämt euch! Ist das eine Aufführung für ganze Zahlen? Oder befinde ich mich vielleicht unter einer Rotte nichtswerter Dezimalbrüche, wovon man unendliche Reihen wegwirft und am Ende den ganzen mächtigen Verlust mit einem paar Pünktchen oder einem et cetera ersetzt? (Große Stille, weil man wohl fühlen mochte, daß man mehr die Präsidentin als die Achte beleidigt hatte.)

Und sagt mir, was ist denn Lächerliches darin, daß ich mich neben der Nulle wichtig dünke? Kennt ihr wohl die wahrscheinliche Grenze des menschlichen Lebens? Was für Ziffern hat denn die allgütige Natur ausersehen, dies Grenzen zu bestimmen? Habt ihr wohl von einem Buche gehört, worin es heißt: »Wenn's hoch kommt, so sind's achtzig?« Und wie schreibt man diese Achtzig? Wie? – Oh! es sollte mir ein leichtes sein, auch mit drei Worten zu Jakobinern zu machen. Ich tue es aber nicht und werde bloß zeigen, daß euer Mangel an Respekt gegen unsere Präsidentin sich allein auf eure Ignoranz gründete. Erlaube mir also, erhabene Nulle, Präsidentin unseres Rats, Kreis, Kugel, Bild der Ewigkeit, Schöpferin und Erbin des Chaos oder wie du sonst genannt sein willst, daß ich, ehe ich zum Hauptvortrage meiner Angelegenheiten komme, ein paar Augenblicke, einigen dieser Elenden zuliebe, bei deinem Verdienst verweile. Sagt, Spötterinnen war es nicht die Nulle, die die Jahre zählte, ehe noch Zeit und Zahl waren, und dann wieder zählen wird, wenn diese nicht mehr sein werden? Fand nicht Shakespeare, der große Allfühler, selbst das Zeichen der Nulle so wichtig und ehrwürdig, daß er sogar die Welt damit bezeichnete und die Schaubühne, die seine Privatwelt war?  Wäre er ein Deutscher gewesen, so würde er sicherlich jetzt sein Vaterland dankbar ebenfalls damit bezeichnen. War Sie es nicht, die den großen Gedanken faßte, die 1 zur 10, 100, 1000, etc. zu erheben und dann, durch eine leichte Schwenkung, wiederum zu 0,1; 0, 01;0, 001 etc. zu erniedrigen, wie man eine Hand umwendet? Wahrlich, das Größeste, was je in der Welt, im Felde sowohl als auf dem Papier, durch Schwenkung ausgerichtet worden ist, und überdies so schwanger an Betrachtungen über Größe und Hinfälligkeit menschlicher Dinge, deren Wert oft bloß von Schwenkungen einiger Nullen abhängt, daß, teuerste Mitschwestern (so nenne ich euch schwesterlich wieder, da ich Zeichen der Rührung bei euch bemerke), daß, sage ich, die Zeit meines Aufenthaltes auf dieser Bank, ja, daß die ganze Zeit, die ich hier gesessen habe, zu kurz sein würde, alles dieses zur Geburt zu bringen.

So wurde die Nulle endlich Schöpferin des großen Dezimalsystems und der großen Zehnfingrigkeit, die, wenn nicht Admiral Nelson, der bekanntlich nur fünf Finger hat, den Lauf der Taten hemmt, sich mit ihren zehn Fingern alles unterwerfen wird. Denn ihr müßt wissen, daß die große Nation, die ihre Freiheit mit 581 Schlachten, wovon 580 auf der Erde und eine über den Wolken vorgefallen ist, erkauft hat, die Ebnerin der mächtigsten Thronen, die Durchstecherin der Landenge von Suez, die Abgleicherin durch Ungleichheit und die Käuferin des mit Geld Unerkäuflichen – daß, sage ich, diese Nation dieses Dezimalsystem mit der ihr eignen Kraft und Barschaft an Taten unterstützt und mit dem Feldgeschrei: »Friede dem Einmaleins und Krieg allen Tafeln, Sonnenuhren und Zifferblättern der ganzen Welt«, von Westen nach Osten zieht. Oh! wie habe ich während meines Präsidiums auf der Einerbank oft gelächelt, wenn man von Bonapartes geheimen Absichten sprach und die hauptsächlichste darunter vergaß, nämlich: den Berg Sinai zu erobern, eine Druckerei auf demselben anzulegen und so das Dezimalsystem über die ganze rechnende Welt zu verbreiten. Der Gedanke hat in der Tat etwas Großes .

Denn erstlich ist das der Berg, auf welchem bekanntlich das erste Dezimalsystem auf steinernen Tafeln gedruckt worden, das daher, gottlob! auch so ziemlich Eingang gefunden hat; zweitens beweist es eine gewisse Erkenntlichkeit der großen Nation, die allerdings jenem Berge eine Art von Satisfaktion schuldig war, da bei ihr, zugleich mit der Einführung der neuen Dezimalmaße, manche Hauptartikel jenes alten Systems gleichsam aboliert worden waren. Wie ich höre, so wird mit den neuen Sinustafeln der Anfang gemacht werden und in der großen Universalorographie der Berg künftig seinen Namen von dieser Stiftung erhalten, wiewohl man der Schwachen wegen ihn einige Zeit bloß mit Mons sin bezeichnen wird, jedes Herz lesen kann, wie es will: Sinai oder Sinuum. Doch ich fühle, ich verliere mich in der Erzählung deiner Taten und deines Wertes, große erhabene Nulle, sinnliches Bild des unabbildlichen Nichts. Wo würde ich ein Ende finden in dir, dem unerschöpflichen Thema von Tausenden? Ich ermüde. Doch erlaube mir, nur noch einige Minuten deinen bürgerlichen Verhältnissen in tiefster Verehrung zu weihen. Warst du es nicht, Citoyenne, die seit jeher deutsche Verdienst, wenn alles fehlte, aus deinem unerschöpflichen Vorrate belohntest, den hungrigen Dichter bald mit deinem runden Ambrosiazwieback labtest, bald in die leere Tasche des Lottospielers und des tief spekulierenden Kaufmanns, weiß, klar und rund, tröstend hinabperltest? Warst du es nicht, die allein den Armen nicht verließ und bar übrigblieb, wenn Alexander, Tamerlan, der Kosake Pugatschow und der Zigeuner Gallant, oder sonst noch älteres oder neueres Gesindel, alles, Häuser, Schiebladen und Börsen, à jour gefaßt, zurückließen? (Die Präsidentin verhüllt sich und glüht schamrot durch den Schleier durch wie der volle Mond bei einer Totalverfinsterung. Die Rednerin bemerkt es und geht zu einem neuen Gegenstand mit einer tiefen Verbeugung über.)

Teuerste Mitschwestern, ich komme nun (indem sie sich die Augen wischt), da ein großer Teil der Zeit, die ich zu reden hatte, verstrichen ist, nach Rednerart geschwind zur Hauptsache. Ob ich ebenso geschwind darüber hingehen werde, hängt von der Zeit ab. Ihr wißt, ich rede in der Gespensterstunde. Schlägt die Glocke zwölf – weg bin ich. Ich habe sowohl aus dem Reichs- als Allgemeinen literarischen Anzeiger und noch aus einigen andern Anzeigern, und darunter sogar einigen englischen, mit Verwunderung ersehen, daß man in der Christenwelt über die Grenzlinie des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts eine Art Streit führt, der mit dem über die Rheingrenze einige Ähnlichkeit hat, nur mit dem Unterschiede, daß die eine Partei ganz auf dem rechten, die andere ganz auf dem linken Ufer besteht. An eine Mittellinie ist noch nicht gedacht worden. Das hätte auch noch gefehlt! Ich will mich erklären. Ihr wißt, morgen über ein Jahr besteige ich die Bank der Hunderte, und unsere Präsidentin ist, trotz so vieler diplomatischen Geschäfte, die sie in der Welt jetzt zu dirigieren hat, entschlossen, das Präsidium auf der Bank der Zehner und nebenher der Einer als Filial zu übernehmen, das ist, wir werden 1800 schreiben. Morgen über zwei Jahre tritt sie die niedrigere Stelle von beiden der Eins, die mit so vielen Ruhme die Allerhöchste seit 800 Jahren begleitet hat, zum Filial ab, und wir werden 1801 haben. Die Frage ist nun, wann und an welchem Tage sollen Personen, die viel auf Geburtstagsschmäuse halten, den Geburtstag des neunzehnten Jahrhunderts feiern? An dem Tage, an welchem ich auf die Bank der Hunderte trete, oder (nachdem ich diese ein Jahr besessen habe) an dem Tage, da die Eins das Geschäft der Einer übernimmt? Kürzer: am 1. Jänner 1800 oder 1801? Ihr seht deutlich, daß mich dieser Streit notwendig sehr interessieren muß. Mein ganzes erstes Regierungsjahr mit Hunderterrang steht auf dem Spiel und ist gerade die Strombreite, um welche gestritten wird. Keine Kleinigkeit für den, der zu Herzen nimmt, daß es hier auf die Frage ankommt, ob jenes, mein erstes Jahr, den jämmerlichen Nachtrab eines alten Jahrhunderts machen oder die Anführerin eines neuen sein soll, das mit verjüngter Glorie seinen Einzug in die staunende Welt nehmen wird. Bedenkt, Mitschwestern, die Anführerin des neunzehnten, als des Jahrhunderts, das vermutlich die Zahl der Planeten verdoppeln und die der Trabanten und der Metalle vervierfachen wird, des Jahrhunderts, worin vermutlich die Luftschlachten der Völker sich zu den Land- und Seeschlachten wie 580 zu 1 verhalten werden, so daß die Zeitungsschreiber von Paris bis Hamburg sie mit hundertfüßigen Teleskopen aus dem Kontor selbst bevisieren, bephantasieren und als Augenzeugen beschreiben können, und worin man die hoch vorübersausenden Helden und ihre Sänger wie Raubvögel und Lerchen aus der Luft schießen wird. Oh! und des Jahrhunderts, das gewiß die Ehre haben wird, die Früchte einer neuen Wissenschaft, ich meine der mit großem Geld- und Blutaufwand eröffneten neufränkischen Experimentalpolitik, entweder einzuernten oder, als hienieden unreifbar, zum Dünger für etwas minder Utopisches wieder unterzupflügen. Das Herz blutet mir, wenn ich bedenke, daß wahrscheinlich mein Antrittsjahr 1800 noch an das vergangene wird abgeliefert werden müssen. Hierüber muß ich mich erklären (sieht nach der Uhr und fängt an, geschwinder zu reden).

Ihr wißt allerseits, daß im 6. Jahrhundert zu Rom ein kaum vier Fuß hoher Abt lebte, der, wo ich nicht irre, aus Skythien stammte. Er hieß Dionysius, und wegen seines geringfügigen Körpers: der Kleine (Exiguus). Dieser kleine Mann hatte zuerst den großen Einfall, unsere Jahre nach der Geburt Christi zu zählen, das ist, unsere jetzige Zeitrechnung zu stiften. Soviel ich weiß, ist sein Geist nie gemessen worden; allein das weiß man mit vieler Zuverlässigkeit, daß er sich im Jahr der Geburt Christi wohl geirrt haben möge, praeter propter um etwa vier Jahre. Doch darauf kommt hier nichts an. Genug, seine Zeitrechnung, wahr oder falsch, gleichviel, fand Beifall, und dieser mächtige Epochenstamm wuchs auf christlichem Boden ungestört fort, trotz der vielen kleine Schmarotzerepochen, die sich an denselben hier und da angesetzt haben und noch immer ansetzen. Allein, jammerschade ist, daß noch sogar gestritten wird, wie eigentlich der kleine Dionysius gerechnet habe, ob er, weil Christus nicht auf den ersten Jänner geboren worden ist, sondern vorher und die eigentliche Inkarnation noch weiter in das Jahr der Geburt zurückfiel, das Jahr der Geburt und der Inkarnation selbst das erste Jahr genannt habe oder das Jahr nach diesem Geburts- und Inkarnationsjahre. Diese Schwierigkeit ist so groß (denn Kleinigkeiten aus reine zu bringen hat oft große Schwierigkeiten), daß ein zweiter Dionysius, der tausend Jahre nach jenem kam, kein winziger vier Fuß hoher Abbé, sondern ein derber Sechsfüßer von einem französischen Jesuiten namens Dionysius Petavius, der, ob er gleich im 16. Jahrhundert zu Orleans und Paris sichtbar herumwandelte, im Geist größtenteils in den alten Zeiten spükte, sie so groß fand, daß er anfangs nicht recht mit sich selbst eins darüber werden konnte, sich einmal sogar selbst widersprach, doch aber am Ende bewies, wir zählten, wenn wir dionysisch zählen wollten, jetzt wirklich falsch und müßten eigentlich bisher schon 1799 gezählt haben, da wir 1798 zählten. Doch diese nur im Vorbeigehen und zum Beweis einer Unsicherheit in diesen Rechnungen, die wenigstens dazu dienen kann, eine andere zu entschuldigen.

Ihr werdet, teuerste Mitschwestern, allerseits gesehen haben, daß die Zweideutigkeit, von der ich soeben geredet habe, den Grenzstreit der Jahrhunderte gar nichts angeht. Genug, wir zählen Jahre, ob scharf dionysisch oder nicht, das ist nun gleichviel. Es wäre lächerlich, zumal ohne eine Armee von dreihunderttausend Mann, sich jetzt noch einem so alten christlichen Gebrauche durch solche Finessen zu widersetzen und die Ordnung der Dinge zu stören. Es hieße außerdem ja, als wenn unsere Erfindungskraft so erschöpft wäre, daß wir gar nichts weiter erfinden könnten als neue Meilen, neue Thermometerskalen und neue Schmarotzerepochen. (Hier etwas Gemurmel von Mons Sin: und Uhrzifferblättern. Die Rednerin hört es, fährt aber ruhig fort.) Mit einem Wort, wir zählen Jahre nach Tausenden, nach Hunderten usw. Sobald wir aber dieses tun, so müssen wir auch offenbar, um die Hundert vollzumachen, die Hundert selbst nicht fehlen lassen. Wo nach Hunderten gezählt wird, macht die Hundert selbst den Beschluß. So wäre also das Jahr, das nun in wenigen Minuten zu Ende gehen wird, das 798ste nach Christi Geburt gewesen, folglich fehlen noch zwei, um das Hundert vollzumachen, und der Geburtstagsschmaus des neunzehnten Jahrhunderts muß gefeiert werden: am 1. Jänner 1801. Also das erste Jahr, worin ich auf der Bank der Hunderte erscheine, ist wirklich (man bemerkt ein Zittern in der Stimme) der Nachtrab das vergangenen Jahrhunderts, und ich muß mich damit trösten, daß ich, in rangmäßiger Verbindung mit der Schwester Eins, die Ehre habe, das 18. Jahrhundert endlich einmal mit voller Zahl zu besiegeln, welches bisher immer mit einer 17 und Dezimalbrüchen des Säkulums geschehen ist. Da ich dieses mir von der Vernunft übergebene Siegel ein ganzes Jahr noch als Bürgerin des 18. Jahrhunderts führen werde, so hoffe ich, auch damit selbst die bruta, die bisher nicht begreifen konnten, warum das 18. Jahrhundert mit einer 17 bezeichnet wurde, zu überzeugen, daß wir bisher im 18. Jahrhundert gelebt haben. Der Gerechte erbarmt sich auch seines Rindviehes. Ihr erkennt nunmehr, teuerste Mitschwestern, hieraus meine Unparteilichkeit. Ja (sich ermunternd), mit Freuden lege ich die schimmernde Krone, die mir bei meiner Erhöhung gereicht wurde, in das Grab des hingestorbenen Jahrhunderts. – Indessen sollte es mich nichts weniger als betrüben, wenn die Geburtstagsschmauser auch den ersten Tag meiner Erscheinung (1. Jan. 1800), an welchem sich Millionen Hände zu einem neuen Zuge gewöhnen müssen und sich mit kalligraphischem Wonnegefühl gewiß, wiewohl nicht ohne unzählige Schnitzer, endlich gewöhnen werden, auch ein wenig feierten. Denn so würden ja (sie lächelt in sich selbst hinein), was die Welt immer liegt, der Schmaustage, statt eines, zwei (frohes, jovialisches Lächeln von allen Seiten). Ja, wo ich nicht sehr irre, so ist gerade jener neue Datumszug wohl hauptsächlich Ursache, warum über die Frage gestritten wird, und ebendeswegen schon eines kleinen Präliminärschmauses, vor dem großen Definitivschmause, wert.

Indessen aber, teuerste Mitschwestern, so sehr ich auch alte, ehrwürdige Gebräuche respektiere und überzeugt bin, daß sich unser christliches Jahrhundert erst mit dem 1. Jänner 1801 anfange, so kann ich euch doch unmöglich verhehlen, daß es auch Gründe gibt, die entgegengesetzte Meinung zu verteidigen, wiewohl ich sehr gern zugebe, daß diese Gründe eben nicht gerade die sein mögen, womit sie von ihren gewöhnlichen Anhängern verteidigt wird.

Es ist nämlich gewiß: 1. daß unsere gegenwärtige, wahr oder fälschlich so genannte dionysische Epoche sich von der Beschneidung Christi und weder von seinem Geburtstage, dem 25. Dezember, noch von dem Inkarnationstage desselben anhebt. einem Tage, der hierbei so wichtig gehalten wurde, daß die Engländer bis 1752 sogar ihr Jahr von demselben zu zählen anfingen, und noch bis jetzt spielt dieser Tag (der 25. März, Lady-day, Mariaverkündigung) unter ihnen bei Mietkontrakten u. dgl. seine Rolle. Also fällt weder der Geburts- noch der Inkarnationstag an den Anfang unserer jetzt rezipierten Epoche, sondern beide Tage, auf die doch alles ankommt, fallen in das Jahr vorher, und folglich zählen wir, im strengsten Verstande, nicht Jahre nach dem Geburts- und Inkarnationstage, sondern nach dem Geburts- und Inkarnationsjahr Christi; 2. ist wohl ganz außer allem Zweifel, daß wir nicht vergangene, sondern laufende Jahre zählen. Unser gewöhnlicher Ausdruck anno 1, anno 1000, anno 1798 zeugt, so wie der lateinische Ausdruck anno post Christum natum primo, millesimo etc., daß man im bürgerlichen Leben nicht vergangene Jahre zählet, sondern laufende. Man datiert Briefe nach dem laufenden Jahre so wie nach dem laufenden Monatstage. Bezeichnet aber jener Ausdruck bloß Jahre nach dem Geburts- und Inkarnationsjahre, wie soll man denn dieses Geburts- und Inkarnationsjahr selbst bezeichnen? Doch wohl nicht mit dem Namens des ersten Jahres vor der Geburt und Inkarnation? Dieses wäre ja ebenso widersinnig, als es das erste nach derselben zu nennen. Es bleibt also nichts übrig, als – da unsere Jahrrechnung mit einem ersten Jänner anfängt, vor welchem die Geburt und Inkarnation Christi liegt und liegen muß – das ganze Jahr der Begebenheit selbst mit 0 zu bezeichnen und dessen Anfangspunkt um ein ganzes Jahr hinter den der christlich-bürgerlichen Epoche zurückzusetzen, aber nicht ein ganzes Jahr hinter das Datum der Begebenheiten selbst, auf die es eigentlich hier ankommt, sondern nicht einmal ein ganzes Vierteljahr hinter den Tag der Inkarnation. Sobald man aber ein Jahr Christi 0 hat, das ist ein Jahr, das man weder das erste Jahr vor dessen Geburt noch das erste nach derselben nennen kann, so ist es wenigstens niemand zu verdenken, am allerwenigsten aber jemandem, der etwa mehr mit dem Absoluten der Meßkunst als mit dem Konventionellen bürgerlicher Beschlüsse bekannt wäre, wenn er für recht und billig hielte, unsere Jahre von jenem Nullpunkte an zu zählen, also nicht laufende, sondern verstrichene Jahre, geradeso wie der Astronom ohnehin schon seine Zeichen des Tierkreises bei den Längen der Planeten und seine Monatstage zählt und wie wir selbst im gemeinen Leben unsere Stunden zählen. Denn drei Uhr fünfzig heißt ja auch nicht fünfzig Minuten der dritten Stunde, sondern der vierten, so wie 100 Rtlr. 6 Ggr. nicht 6 Ggr. des hundertsten Talers oder soviel als 99 Rtlr. 6 Ggr. bedeutet. Warum soll denn nun 1798, 1. Juli, geradesoviel sagen als sechs Monate des 1798sten Jahres und nicht 1798 Jahr und sechs Monate nach jenem 0, das nicht viel unrichtiger liegt als jener Anfangspunkt und wodurch obendrein so viele Gleichförmigkeit in die Sprache über Zeitrechnung überhaupt gebracht würde? Denn soviel ich sehe, würde dadurch die Ordnung der Tafeln nicht im mindesten gestört werden. Wenn man den Ort der Sonne für 1798, den 1. Juli 5 Uhr, berechnen will, so schreibt man aus den Tafeln den Ort für die Epoche von 1798, d. i. für den Anfang dieses Jahres nach bürgerlicher Rechnung, ab, addiert dazu die Veränderung von 6 Monaten und von 5 Stunden. Aber der Anfang des 1798sten Jahres, nach der gewöhnlichen Rechnung, ist ja mit dem Ende das 1798ste, von jener 0 an gerechnet, einerlei. Allein, so gerechnet, schreiben wir jetzt, da ich rede (sieht nach der Uhr), von jenem 0 an, 1798 Jahre, 11 Monate, 30 Tage, 23 Stunden, 56 Minuten, und heute über ein Jahr ginge mit dem 1799sten Jahr nach der gewöhnlichen Rechnung, das hundertste des Jahrhunderts, auf dies Weise gezählt, zu Ende. Noch merke ich an, daß es ja nicht sonderbarer wäre, wenn die Astronomen ihre Jahrhunderte anders zählten, als daß sie ihre Tage anders zählen wie sie wirklich tun, nämlich nicht laufende, sondern vergangene, und dies noch obendrein von einem anderen 0 ab als das im bürgerlichen Leben. Zum Beschluß erinnere ich noch einmal, daß ich nicht verbessern, nicht neuern, sondern bloß entschuldigen wollte. (Die Neune regt sich, um von der Bank Besitz zu nehmen.) Ich sehe, teuerste Schwester und Nachfolgerin, du eilst, meine Stelle einzunehmen. Ich weiche. Bedenke, du hast ein wichtiges Jahr vor dir. Sorge ja für Frieden und halte dich durchaus während deiner Regierung als das Quadrat aller guten Dinge und nicht (etwas in den Bart murmelnd) wie im kalten Winter. (Die Glocke schlägt 12, man hört etwas von: Viel Lärm um nichts; die 8 geht ab, und die 9 setzt sich auf die Bank. Gratulationen zum neuen Jahr von allen Seiten.)

Nachschrift des Herausgebers

Vorstehende Rede ist von unbekannter Hand mit der beigefügten Versicherung eingeschickt worden, daß einigen Freunden des hiesigen Taschenbuchs ein Dienst geschehe, wenn sie in diesen Jahrgang eingerückt würde. Man konnte der Erfüllung dieses Wunsches um so weniger entgegen sein, als man wirklich willens war, etwas Ähnliches im Jahrgang für 1800 zu sagen. Da indessen die Wendung, die der Verfasser genommen hat, die Einrückung im gegenwärtigen ganz gut entschuldigt, so mag der Aufsatz nun hier stehen. Auf den Nullpunkt der Epochen als schicklichen terminum a quo hätte der Verfasser wohl einen noch stärkern Akzent legen können. Wir zählen die geographischen Längen mit Recht von dem westlichen Ende der alten Welt, von der Insel Ferro, wie man sich ausdrückt. Aber da, wo der Nullpunkt dieses Maßstabes hinfällt, liegt weder das westliche Ende der alten Welt noch die Insel Ferro. Sondern jener Punkt ist eigentlich derjenige, von welchem ab gezählt das Pariser Observatorium eine Länge von zwanzig runden Graden erhält. Vielleicht nahm der Verfasse Anstoß an der Vergleichung des Festes der Beschneidung mit dem Pariser Observatorio. Allein, diese Bedenklichkeit wäre von geringer Bedeutung gewesen. Denn wirklich ist dem Herausgeber kaum ein Beispiel bekannt, worin das alte Paris so bescheiden gehandelt hätte als in dieser Längenzählung. Nunmehr aber freilich, da bei der neuen Teilung des Quadranten die Länge des Pariser Observatoriums = 22°, 222...... et sic in infinitum, werden müßte, so müssen wir die Entscheidung des Direktoriums erwarten, wo die alte Welt künftig aufhören soll.

Wie wir hören, soll die 7 gewillet sein, ebenfalls vor ihrem Abtritt von der Bank der Hunderte, Rechenschaft von ihrer Verwaltung abzulegen. Da diese große Aufklärerin, oder, wie sie in obiger Rede heißt, die apokalyptische, hundert merkwürdige Jahre darauf gesessen hat, so kann ein solcher compte rendu allerdings sehr interessant werden. Da wir nun Hoffnung haben, das Original so früh als möglich zum Gebrauch für unser Taschenbuch zu erhalten, so machen wir dieses, um Kollisionen zu vermeiden, hierdurch vorläufig bekannt. Wir werden indessen nur dasjenige aus dem weitläufigen Werke ausziehen, was für unser Taschenbuch, nach seiner bisherigen Einrichtung gehört und wie es sein geringer Umfang verstattet. Daher denn einige der wichtigsten Rubriken, wie wir hören, als: wie die Karte von Europa zu illuminieren sei, vom neuesten Völkerrecht, über die neueste Bedeutung von meum und tuum oder das politische Ich und Nicht-Ich usw., den Herren Verlegern gewiß nicht werden verweigert werden, wenn sie sich an die benannte apokalyptische 7 selbst wenden wollen.


Donnerstag, 28. Juni 2012

Jean-Jacques Rousseaus 300. Geburtstag

Jean-Jacques Rousseau (* 28. Juni 1712 in Genf; † 2. Juli 1778 in Ermenonville bei Paris) war ein eidgenössisch-französischer Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher und Komponist der Aufklärung. Der bedeutende Aufklärer gilt als einer der wichtigsten geistigen Wegbereiter der Französischen Revolution und hatte großen Einfluss auf die Pädagogik und die politischen Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts.

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Rousseau Studies

espace Rousseau (französisch & englisch)

Die Grenzen der Geselligkeit
Jean-Jacques Rousseau hatte geahnt, dass man seine Kultur- und Gesellschaftskritik missverstehen würde, weil man sie missverstehen wollte, und deshalb liess er 1755 in seinen «Diskurs über die Ungleichheit» noch während der Drucklegung einen Passus einfügen, in dem er fragt: «Was denn? Soll man die Gesellschaften zerstören, Dein und Mein vernichten und dazu zurückkehren, in den Wäldern mit den Bären zu leben?»
NZZ, 23.6.2012

Rousseaus Eingebung
Von Uwe Justus Wenzel, NZZ, 23.6.2012

Schule der Frauen
Ein anderer Blick auf Rousseau.
Von Hannelore Schlaffer, NZZ, 23.6.2012

Lies und erröte
In seinen Briefen fand Rousseau zu seinem ganz eigenen Ton.
Von Ralf Konersmann, NZZ, 23.6.2012

Das Leben der Wahrheit weihen
Vier Gründe, den Philosophen Rousseau zu denken.
Von Heinrich Meier, NZZ, 23.6.2012

300 Jahre RousseauDas Leben der Wahrheit weihen
Heinrich Meier, NZZ 23.6.2012

Rousseau und die SchweizDas glücklichste Volk auf Erden?
NZZ, 24.6.2012


Dienstag, 14. Februar 2012

Alexander Kluge, 80. Geburtstag

Alexander Ernst Kluge (* 14. Februar 1932 in Halberstadt) ist ein Filmemacher, Fernsehproduzent, Schriftsteller und Drehbuchautor sowie ein promovierter deutscher Rechtsanwalt. Kluge wurde als einer der einflussreichsten Vertreter des Neuen Deutschen Films bekannt, den er in Theorie und Praxis mitbegründet und weiterentwickelt hat.

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Alexander Kluge Seite






Ein Satz aus dem Interview scheint besonders bedeutsam:

Alexander Kluge berichtet kurz über sein zufälliges Überleben in Halberstadt, als neben ihm eine Sprengbombe explodiert. Erst später habe er das, was er damals "oberflächlich" wahrgenommen habe, in seiner Tgragweite erkannt.

"... dass es eigentlich ein reiner Zufall ist, dass man überlebt. Das macht auch lebendig, denn der Antirtealismus des Gefühls, den wir in uns tragen, dass wir mit einer Wirklichkeit, die es nicht gut mit uns meint, nicht einverstanden sein können, dass wir sie ablehnen, das ist einer der Gründe, warum man literarisch erzählt. Es ist nicht Abbildung der Wirklichkeit, sondern Protest."

Kunst, hier Literatur, als Mittel der Realitätsbewältigung, indem sie eben nicht nur als gegeben abgebildet wird, sondern eine Art Gegenwelt ihr gegenübergestelt wird.

Montag, 6. Februar 2012

245. Geburtstag von Saul Ascher

Saul Ascher (6. Februar 1767 in Berlin - 8. Dezember 1822 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Buchhändler.

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Ascher war ein Aufklärer, der leider keine nachhaltige Wirkung erzielte und bald vergessen wurde. Er wandte sich früh gegen antisemitische und nationalistische Strömungen in Deutschland.



Saul Ascher

Die Germanomanie

Skizze zu einem Zeitgemälde

(1815)

Wer länger schon als ein Vierteljahrhundert, und vollends um eine solche Zeit wie die des letzten, in der Ideenwelt gelebt oder wer das Treiben und Handeln der denkenden Köpfe von Ausbruch der Französischen Revolution an bis jetzt zu beobachten Gelegenheit hatte, dem wird endlich das Resultat werden: daß auch in dieser Region der Liebe zum Wahren und Vortrefflichen ein gewisser, in der Natur angeordneter Kreislauf sich erhärtet.
Werfen wir nun einen Blick auf den Ideengang, der den Menschen über die wichtigsten Angelegenheiten ihres physischen und intellektuellen Seins während des letzten Vierteljahrhunderts geworden, so dürften wir finden, daß sie diejenigen Anordnungen, welche von Ewigkeit her in ihrer Mitte bestanden und die eine Folge ihrer körperlichen und geistigen Organisation sind, welche das begründen, was wir Wissenschaft, Kunst und Sittlichkeit nennen, die drei Pfeiler der in der Idee begründeten Menschheit daß sie dies alles mit Betriebsamkeit und Aufopferung auszubilden, zu läutern und zu reorganisieren suchten.
Der befangene Beobachter oder derjenige, dem die Grundprinzipien der Welt sich bloß nach den vormals bestandenen oder zu seiner Zeit bestehenden Formen darstellen, sah in der Rotation, in dem Wogen der verschiedenen Grundstoffe des menschlichen Seins und in dem Kampf zwischen Vernichtung und Dasein, der sich seit fünfundzwanzig Jahren in dem Gebiet der Religion, der Politik und der Wissenschaft, als den drei Repräsentanten der im Menschen liegenden Prinzipien seiner Intellektuellität, vor unsern Augen entfaltete, den Untergang aller Sittlichkeit, alles Staatenvereins und aller Geistesbildung.
Anders sah aber der denkende Kopf, der in dem Gang der Erscheinungen dieser Welt einen allgemeinen gesetzmäßigen Lauf der Dinge ahnt und solchen darin aufzusuchen sich bestrebt, anders sieht und folgert er. Es ging und geht aus dem sich angehäuften Chaos eine verjüngte Form von allen Grundfesten des menschlichen und bürgerlichen Daseins hervor. Wir haben nun beinahe wieder einen von denjenigen Kreisen durchlaufen, die der Menschheit zum Fortschritt ihrer Vollkommenheit vorgezeichnet sind, wir stehen wieder auf dem Punkt, von welchem vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren die Menschheit ausgegangen und exzentrisch sich fortbewegte. Wir haben die Anwartschaft, Religion, Staatsverfassung und Wissenschaft ganz nach den bisher bestandenen Zwecken in dem Kreise der Menschheit fortleben zu sehen wie vormals; aber verfeinert, bereichert mit den mancherlei Erfahrungen, Ansichten und idealen Empfindungen, die das menschliche Gemüt in dem Drängen und Treiben der Nationen und der revolutionären und exzentrischen Köpfe sich eigen zu machen Gelegenheit fand. Die Menschheit gleicht jetzt dem Ulysses, der nach mancherlei Wanderungen in die Heimat zurückkehrt; wie er, erscheint sie erschöpft und armseligen Ansehens. Indes laßt sie nur sich erholen; sie wird nicht athletisch, aber besonnen und gewandt die Kräfte handhaben, die ihr zu Gebote stehen.
Es darf nicht befremden, wenn in diesem fieberhaften Zustande, in welchem die Menschheit ein Vierteljahrhundert vegetierte, denkende Köpfe, vorzüglich in Deutschland, wo bisher immer mehr gedacht als gehandelt worden, in dem chaotischen Zustand der Dinge bald das Heil der Welt erblickten, bald aber wieder den Untergang der Weltordnung ahneten. Sie sahen in dem Gange der Begebenheiten nicht einen Prozeß, den die Natur mit dem menschlichen Gemüt vornimmt, um es zu steigern für die Fortschritte, die der Mensch in technischer und sinnlicher Hinsicht gemacht, oder es zu verfeinern. Nein! Sie wollten eine neue Ordnung der Dinge oder einen förmlich reinen intellektuellen Zustand dem Menschen bereitet sehen.
Es sollten Religion, Regierung und Gesetzgebung, in Hinsicht ihrer positiven Seite, ganz aufgegeben werden; man wollte nur Naturreligion, Republik und gleiche Rechte im Kreise der Menschheit verpflanzt wissen. Für dieses Experiment, das der Fortgang der Französischen Revolution nur möglich machte, stimmten alle die denkenden Köpfe in Deutschland, die seit einem Zeitraum von zwanzig Jahren in der intellektuellen Welt die Richtung der Geister betrieben, dahin tendierten die transzendentalen Idealisten, die Anhänger des Identitätssystems und ein Heer Afterund Nebendenker, die, wie Trabanten und Nebelsterne, die großen Lichter arn Horizont der Geisterwelt zu urnschwärrnen pflegen.
Die meisten von diesen noch lebenden Anhängern der neuen Schule, als Buchholz, Arndt etc., wollen es jetzt nicht mehr wissen, daß sie als lebhafte Anhänger der Grundsätze und Ideen sich proklamierten, welche durch die Revolution in Frankreich unter den Nationen verbreitet wurden. Eitle Scham! Wer wird ihnen dieses zurechnen. Jene Grundsätze und Ideen hatten eine hohe Idealität, und Idealismus für Wissenschaft und Kunst war der Stein der Weisen, den die philosophischen Adepte an den Mann zu bringen suchten.
Während nun in Deutschland mancherlei aufgeboten ward, um eine revolutionäre Denkart geltend zu machen, sähe man in Frankreich durch sie den schrecklichsten Zustand herbeigeführt. Die positive Religion ward dort nicht durch Religion, sondern durch Freigeisterei verdrängt; die verjährten Regierungsrechte wurden angetastet, endlich über den Haufen geworfen und nicht durch feste Grundsätze des Staatsrechts, sondern durch einen immerwährenden Wechsel demagogischer Gewalt und tyrannischer Willkür ersetzt, und die positive Gesetzgebung, gefährdet und hintenangesetzt, mußte einer frechen Handhabung des Eigentumsrechts weichen.
Die Folge war nun, daß das Resultat der Revolution, welche in Frankreich wütete, sich über die dasselbe umgebenden Länder verbreitete. Die Macht, alles nach den neuen Ansichten zu konstituieren, verblieb bloß in den Händen der Franzosen. Sie waren es, die den Meister spielten, und es geschah daher nichts fürs Heil der Menschheit, sondern fürs Heil der Franzosen.
Indes der allmähliche Verfall des Republikanismus in Frankreich, die Wiederherstellung der alten Ordnung durch allmähliche Einführung eines Oberhaupts und der Mißbrauch, den dieses Oberhaupt durch seine Übermacht von seinem Einfluß auf die Völker, vorzüglich die Deutschen, machte, reizte das Ehrgefühl der idealen Politiker in Deutschland auf. Sie wollten sich von dem Oberhaupt Frankreichs nicht in dem Grade wie von den republikanischen Grundsätzen dominieren lassen, und so entwickelte sich denn jene Idee der Deutschheit bei ihnen, die dahin tendierte, daß alle diejenigen Ideen, die für den ganzen Kreis der Menschheit in dem Idealismus ihre Anwendung erhalten, durch jene bestimmte Richtung ihres Gemüts ihre bestimmte Anwendung bloß für die Deutschen erhalten sollten.
Die höchsten Interessen der menschlichen Natur, Religion, Vaterland, Recht, erwarben in dem Gemüt der deutschen Denker nunmehr ein eigenes Gepräge, das sich durch eine Gemütsäußerung aussprach, die man füglich Germanomanie benennen könnte.
Die fixe Tendenz oder das einzige Bestreben der Germanomanen war und ist es noch, in der Deutschheit gegen die Gallomanie ein Gegengewicht zu erlangen. In dieser Hinsicht wurden nun alle Hebel aufgeboten, den denkenden Teil Deutschlands für die Idee von Deutschheit empfänglich zu machen, als das einzige Mittel, gegen das Joch der gallischen Tyrannei sich zu waffnen, um es endlich durch beharrlichen Widerstand ganz abschütteln zu können.
Die Hauptwirkung, die man sich von der aufgeregten Idee der Deutschheit versprach, war nun, daß die deutschsprechende Nation, welche der Lauf der Begebenheiten gleichsani aufgelöst hatte und die in einer wahren Entzweiung lebte, wodurch es einzig und allein den Ausländern gelang, ihren Einfluß zu behaupten, unter einen Hut gebracht und zum gemeinsamen Streben für ihre Freiheit und Selbständigkeit aufgeregt werden sollte.
Das größte Hindernis, diese Einheit zu bewirken, lag aber in dem religiösen Zwiespalt Deutschlands, in dem Antagonismus der Katholiken und Protestanten. Dies zu beseitigen, ward nun von unsern idealistischen Denkern das protestantische Christentum zu einer Idealität gesteigert, die es der Richtung des Katholizismus näher brachte, und so bemerkte man unter den denkenden Köpfen des protestantischen Deutschlands allmählich eine religiöse Geistesrichtung, die gleichsam dem Katholizismus huldigte. Philosophen, Dichter, Künstler und Politiker sprachen, schrieben und stellten dar in einer in Nimbus der Legendenheiligkeit gehüllten Stimmung, und die Begeisterung für diese Stimmung gedieh schon so weit, daß der Katholizismus in mehreren Anhängern an dieselbe laute Bekenner und Proselyten erhielt.
Nichts war natürlicher, als daß bei diesem verblendeten und warmen Enthusiasmus für jenes gesteigerte Christentum gegen jede religiöse Denkart anderer Weise eine befangene Gesinnung sich entwickeln mußte. Die Denkart des Philosophen, der liberalen Konfessionen des Christentums und die der Juden ward als Hindernis für den Fortschritt des gesteigerten Christentums betrachtet, und natürlich war dann immer eine von diesen Denkarten das Stichblatt unserer intellektuellen Tonangeber und Identitätsphilosophen, die sich nun deutsche Philosophen oder Christen nannten.
Christentum und Deutschheit war bald in eines verschmolzen; dies ist für den transzendentalen Idealisten und Identitätsphilosophen ein leichter Prozeß. Es ward so von ihnen gefolgert. Deutschlands Rettung von dem Joche der fremden Tyrannei kann nur vorbereitet werden durch Einheit und Einigkeit des Volkes in der Idee. Die Einheit und Einigkeit in der Religion spricht dies Erfordernis ganz aus; dies soll nun durch den zum Katholizismus gesteigerten Protestantismus hergestellt werden, und so bestand daher für diese Denker ein deutsches Christentum oder eine christliche Deutschheit, die sie zu gründen und zu verbreiten sich vorsetzten.
Die Anhänger dieser Lehre fanden freilich hin und wieder ihre Gegner an den echten, unbefangenen Denkern Deutschlands und wahren Protestanten, indes sie hatten doch ein ganzes Heer von jungen Männern durch ihre enthusiastische Denkart elektrisiert, und so konnten sie ungestört mehrere Mittel ausbilden, ihren Zweck zu erreichen.
Es darf nicht befremden, daß nach den Ansichten dieser enthusiastischen Idealisten, wodurch Deutschheit und Christentum so verquickt werden sollten, daß eines das andere auszuschließen nicht vermögend war, von ihnen vorzüglich in den Juden ein Gegensatz dieser Lehre vorgefunden ward, und daraus läßt sich denn erklären der rohe und abschreckende Ton, in welchem am Ende des achtzehnten Jahrhunderts von Fichte, einem der ersten Restauratoren der neuen Lehre, an bis herab auf seine Schüler und Verehrer gegen Judentum und Juden losgestürmt ward.
Die Anfälle sind gefährlicher und nachdrücklicher, da sie eine potenzierte Quelle haben. Die Juden, heißt es, sind weder Deutsche noch Christen, folglich können sie nie Deutsche werden. Sie sind als Juden der Deutschheit entgegengesetzt, folglich dürfen sie die Christen nicht als ihresgleichen aufnehmen und können sie unter ihnen höchstens mit der Einschränkung geduldet werden, daß man überzeugt sei, sie treten der Deutschheit nicht in den Weg.
Diese Grundsätze verbreitete ein unter dem Namen deutsche christliche Gesellschaft im nördlichen Deutschland sich gebildeter Verein in dem Zeitraum, wo Deutschland dem ganzen Druck des gallischen Despotismus erlag. Er proklamierte seine Grundsätze in Broschüren und Pamphlets, die er mitunter mit hieroglyphischen Deutungen ausgab [Fußnote], und er scheint innig verwandt und in Einverständnis mit dem sogenannten deutschen Tugendbund gewesen zu sein, über den Herr Schmalz und mehrere Männer von wahrem deutschen Sinn kürzlich so mancherlei zur Sprache gebracht.
Man muß die Menge, um auch sie für eine Ansicht oder Lehre einzunehmen, zu begeistern suchen; um das Feuer der Begeisterung zu erhalten, muß Brennstoff gesammelt werden, und in dem Häuflein Juden wollten unsere Germanomanen das erste Bündel Reiser zur Verbreitung der Flamme des Fanatismus hinlegen.
Der Fanatismus kennt aber keine Grenzen. Er blieb bei der Idee, die Juden seine Geißel fühlen zu lassen, nicht stehen. Kaum war Frankreichs Despotismus gebrochen, so gingen unsere Germanomanen noch weiter. Arndt, Jahn etc. und mehrere Nachbeter derselben wollten nun schon keinen Franzosen mehr in Deutschlands Gauen dulden, sogar die Sprache der Franzosen sollte aus Deutschlands Marken verbannt sein, und bei Verfolgung der fixen Idee der Germanomanie: alles Fremdartige von Deutschlands Boden entfernt zu sehen, geht endlich der lauteste Germanomane der jetzigen Zeit in seiner neuesten Broschüre so weit, auch gegen England, das von den Germanomanen mit Huld bisher behandelte England, eine vollständige Philippika abzuhalten. [Fußnote]
Wer wird und muß es nicht dem deutschen Gemüt für eine hohe Tugend anrechnen, seine Selbständigkeit und Eigenheit von der Willkür einer ändern selbständig sein wollenden Nation zu befreien? Wer wird es dem Deutschen verdenken, wenn er heute gegen die Tyrannei des Franzmanns, morgen gegen die des Engländers und endlich so gegen die Tyrannei einer jeden fremden Willkür sich erhebt, und das mit der Kraft, die des deutschen Volkes Erbe ist? Aber die Hebel, welche der intellektuelle Teil deutscher Nation seit kurzem aufbietet, um diese Kraft in Bewegung zu setzen, dies wird jeder Unbefangene einräumen, waren nicht von der Art, daß sie eine kräftige und biedere Nation ehren sollten.
Beleuchten wir ein wenig näher die Hebel, welche unsere Germanomanen ansetzten, so finden wir zuerst, daß die Christusreligion als Erbteil der Väter in hohe Protektion von ihnen genommen ward, und um darin ein heroisches Mittel für das protestantische Gemüt zu besitzen, ward von denen protestantischen Denkern, die an der Germanomanie kränkelten, der Katholizismus in bedeutender Dosis darin verwendet. Frömmelei, abenteuerliche Bilder, affektierte Anhänglichkeit an dogmatische Formen und Geheimnisse waren die Maschinen, welche mit allem Nachdruck die schöne Richtung, in welcher Zollikofer, Spalding und Teller die christliche Religiosität erhielten, verdrängten. Jene Besonnenheit und Lauterkeit, welche das protestantische Deutschland selbst in den religiösen Ideen begründet hatte, wurden mit der Kraft eines begeisterten Fanatismus von unsern katholisierenden Denkern bestürmt und gehöhnt. Der Erfolg davon war, daß in dem Gebiet der Kunst und der Philosophie sich ein exzentrischer Geist verbreitete, der die Denker und Dichter, welche Deutschlands Kultur im achtzehnten Jahrhundert auf eine hohe Stufe der Bildung emporgehoben, für flache, bodenlose Wesen erklärte. So ward in Deutschland der Keim zu einer Denkart und einer Literatur gelegt, für die von den Fichten, Schlegeln, Wernern, Müllern etc. und einem ganzen Heere ihnen zu Gebot stehender junger Männer, im nördlichen Deutschland mit dem glücklichsten Erfolg, ein hoher Grad von Empfänglichkeit aufgeregt ward. Nachdem man in geistiger Hinsicht einen Gegensatz gegen fremde oder gallische Tyrannei glücklich begründet zu haben wähnte, wollte man auch einen irdischen Gegensatz aufstellen, und es ward nun die Deutschheit kräftig und nachdrücklich empfohlen. Um beim Volke Empfänglichkeit dafür zu finden, wurden Äußerungen vorgebracht, die Grundsätze verrieten, welche dem Geist der Zeit entgegenzuarbeiten vermögend sind. Deutschland, hieß es, ist vor uralten Zeiten einem Volk anheimgefallen, das sich in Hinsicht des Charakters, der Denkart, der Sprache und der Sitte von allen ändern Nationen unterscheidet. Diese Individualität, die im Laufe der Zeit und durch den Gang der Begebenheiten zerrüttet worden, wiederherzustellen und zu erhalten ist der Beruf eines jeden echten Deutschen. Hierzu ist nun die erste Bedingung, alles Fremde, von außen her Eingewanderte von Deutschlands Gauen zu entfernen und Deutschland gleichsam für einen geschlossenen Staat zu erklären.
So waren also Religion und Vaterland, diese beiden Ideen, welche in den Staaten des Altertums die herrschenden Prinzipien ausmachten und deren Stärke und Festigkeit begründeten, in der neuem Zeit von den Germanomanen als die lichten Punkte aufgestellt und empfohlen worden, um Deutschland wieder zu Kraft und Ansehen zu bringen. Die Fortschritte, die der menschliche Geist in Hinsicht seiner Denkart über Religion, Nationalität und bürgerliche Verfassung gemacht, waren keinesweges berücksichtigt, vielmehr sollte in Deutschland wieder der Zeitgeist des Mittelalters aufleben, wo der Pfaffengeist seine Macht zu üben und das Feudalrecht sein Haupt emporzuheben vermochten.
Diese Absicht ward von mehreren Germanomanen ziemlich klar schon angedeutet. Zum wenigsten verfehlte Herr Adam Müller [Fußnote] nicht, dem Mittelalter eine kräftige Lobrede zu halten und es in Hinsicht seiner Vortrefflichkeit dem unsrigen zum Muster aufzustellen, so wie mehrere Germanomanen zur Beförderung echt deutscher Gesinnung nicht allein die Verbreitung des Katholizismus als den kräftigsten Hebel empfahlen, sondern auch durch den Übergang zu demselben die Aufrichtigkeit ihrer Gesinnung erhärteten.
Unglaublich wirkte diese Tendenz der Germanomanen zum Katholizismus auf den großen Haufen der Afterdenker und Schwachköpfe. Dies geht ganz natürlich zu. Der Katholizismus, wie er von den Germanomanen gehegt und gepflegt wird, hat mehr Intensität als der in den katholischen Landen herrschende. Es zeigt sich in den Gesinnungen der Germanomanen über die geheimnisvollen Lehren des Christentums eine Salbung, ein Mystizismus, der sich bei dem wahren Katholiken in dem Grade nicht äußert. Dem kalten und unparteiischen Beobachter wird es daher nicht entgangen sein, daß der Protestantismus, der, wie das Wort gleichsam es andeutet, dem Katholizismus entgegenstehen sollte, von den bedeutendsten Germanomanen mit der ihnen eignen Innigkeit und Herzlichkeit so umstrickt wird, die ihn eigentlich von seinem wahren Geist entfremdet und ihn gleichsam dem alleinseligmachenden Glauben unterordnet. Man könnte den mystischen Geist, der jetzt in dem protestantischen Deutschland in Hinsicht des Christentums sich so lebhaft regt, füglich den idealen Katholizismus, im Gegensatz des realen Katholizismus, der im katholischen Deutschland dominiert, nennen.
Dieser ideale Katholizismus, da er in tieferen Regionen des menschlichen Gemüts sich entfaltet und daher wirksamer als der reale ist, muß nun da, wo er sich mitteilt, weit nachdrücklicher und bestimmter seinen Einfluß behaupten. Er ist also weit mehr zu berücksichtigen. Die Anhänger desselben sind gleichsam für ihre Meinung mit einem hohen Grad von Fanatismus oder mindestens Enthusiasmus eingenommene Wesen, die deren Unverletzlichkeit mit Beharrlichkeit behaupten werden, und mag darüber um und neben ihnen der Zustand der Dinge seinem Untergang entgegeneilen, so betrachten sie dies als ein geringes Opfer ihrer Individualität.
Für jeden selbst katholischen Staat ist es bedenklich, so gestimmte Gemüter in seiner Mitte zu hegen. Befangen von ihrer idealen Religiosität, werden sie selbige mit den Gesinnungen des Volkes zu assimilieren suchen, und könnten sie endlich Herren der Volksstimmung werden, vor welchen die Regierung ihre edelsten Plane nie durchzusetzen vermögen dürfte, wenn sie diese geistigen Stimmengeber für ihre Absichten nicht zu gewinnen wissen wird.
Indes dürfte aber in katholischen Landen der ideale Katholizismus nicht in so hohem Grade wirksam sein oder die Phantasie der Völker ergreifen, weil das Volk daselbst, an symbolische oder zeremoniöse Darstellung der Religionswahrheiten gewöhnt, für die ideale oder fanatische Darstellung derselben nicht die dazu erforderliche Tiefe des Gemüts innehaben wird. Anders ist es in protestantischen Landen, dort ist im allgemeinen die Tiefe des Gemüts durch äußere Ritualien der Religion nicht unterminiert. Winke, Worte, Andeutungen, die Religion betreffend, welche ein guter Kopf unter eine Masse für Ideen empfänglicher Wesen hinwirft, fassen sofort einen festen Grund, sie werden gleich ein Gegenstand der Meditation, die gemütlichsten Köpfe sind dafür gewonnen und werden elektrisch von jeder Berührung getroffen, in die sie mit denen geraten, die sie in religiöser Absicht anzusprechen verstehen.
Daher hat sich die frömmelnde Religiosität in neuerer Zeit im nördlichen Deutschland, der Wiege des Protestantismus, zum Erstaunen des Beobachters des Geistes der Zeit, lebhafter und deutlicher ausgesprochen, als es im südlichen Deutschland, dem Sitz des Katholizismus, der Fall ist. Dort liegt ihr eine Idealität zugrunde, die der transzendentale Idealismus und die Identitätsphilosophie mächtig entwickelt, und ich bin überzeugt, daß die Autorität des Papstes und die Hirtenbriefe aller Bischöfe auf die genialen Köpfe ihrer Herde den Einfluß nicht haben werden, den die Fichte, Schlegel, Tieck, Schelling und wie die idealistischen Märtyrer ferner heißen mögen, über ihre Jünger geübt.
Sehr genau standen mit ihrem Enthusiasmus für den idealen Katholizismus ihre Ansichten über die bürgerlichen Verhältnisse des Menschen in Verbindung. Es war ganz in der Ordnung, daß Köpfe, welche in den mystischen Ansichten vom Christentume den Kern der Seligkeit fanden und es in dieser Hinsicht für die alleinseligmachende Religion hielten, auch in ihrem Geiste diejenigen für vorzügliche Wesen hielten, die sich diesem Glauben hingaben. Sie machten es wie die Epopten oder Hierokraten aller derjenigen Völker, welche durch ihre Ansichten ihren Einfluß zu begründen suchten; sie gingen zu Werke wie die Priester der alten Völker und Staaten, die der Nation, deren Glauben sie leiteten, und dem Boden, der sie nährte, eine Präeminenz aufbürdeten. So geschah es denn, daß Deutschland, deutsches Volk, deutsche Sitte und deutsche Gemütlichkeit von ihnen als das Höchste und Würdigste aufgestellt und von ihnen mit einem Nimbus von Vortrefflichkeit umwölbt ward, worin man vielmehr einen fieberhaften Rausch als eine vernünftige Besonnenheit ahnen könnte.
Der Deutsche, den die Natur gleichsam ausersehen zu haben schien, in sich die vielseitige Kultur aller Zeitalter und Nationen aufzunehmen, sowohl in Hinsicht der Religiosität als der Staatsverfassung und Geisteskultur, sollte nach den Ansichten dieser deutschen Adepten oder Germanomanen sich plötzlich von allem auswärtigen Einfluß absorbieren. Fremde Sitte und Sprache sollte er von sich weisen und die entferntesten Verhältnisse, die ihm etwas Ausländisches aneignen könnten, aufgeben. Offenherzig zu bekennen, muß der kaltblütige und unparteiische Denker über die Grundsätze, welche die sonst nicht zu verachtende Geisteskraft dieser deutschen Denker hier aufstellt, die Achsel zucken.
Was wollen diese von beschränkten Ansichten und schiefen Resultaten begeisterten Germanomanen, wie weiland Fichte und jetzt noch Arndt, Jahn etc., bezwecken? Es soll Deutschland durch sie von der Tyrannei der Fremdlinge, der es in unserer Zeit erlag, für immer befreit werden.
Ist denn Deutschland einer ändern Macht untertan worden, weil es fremde Sprachen übte, fremden Sitten huldigte und dem Auslande in Kultur und Industrie nachzustreben sich beeiferte? Mitnichten! Was Deutschland in die Gewalt des Franzmanns brachte, war die Ohnmacht seiner militärischen und bürgerlichen Kraft. Ging es denn Italien, Spanien, Portugal und Holland anders? Hätten alle Staaten von Anfang der Revolution in Frankreich die Begebenheiten in jenem Lande mehr berücksichtigt und mit der Entwickelung der politischen Kraft desselben gleichen Schritt gehalten, nie wären sie sowohl als Deutschlands Völker in jene abhängige Lage geraten, die sie noch nicht verschmerzen können. Zum wenigsten hätte Deutschland seine Macht mehr konzentriert gehabt und so dem gänzlichen Unterliegen vorkommen können.
Unsere deutschen Politiker oder Germanomanen häufen nun Entwürfe über Entwürfe, wie Deutschlands Kräfte so gestellt werden könnten, daß sie gegen den Andrang eines auswärtigen Feindes schnell und mit Erfolg gebraucht werden könnten.
Indes die umsichtsvollste Kunst des Diplomatikers und Politikers dürfte hier gewiß scheitern. Die Verschiedenheit der Religion, der Verfassung und der Interessen der deutschen Staaten sowohl untereinander als gegen die auswärtigen Mächte, welche letztere durch die Lage oder die Nachbarschaft mit Deutschland bestimmt werden, alle diese Umstände zusammengenommen berücksichtigt, werden es für immer verhindern, Deutschland zu einem politischen Körper umzubilden.
Wenn man aber die unzähligen Plane, Entwürfe und Umrisse zu einer deutschen Konstitution, einem deutschen Föderativsystem durchläuft, welche unsere Stubenpolitiker und sogenannten Schuldiplomatiker, die den Gang der Welthändel bloß aus den Lektionen kennen, welche sie in ihrem Kreise abhalten, uns zum Besten geben, muß man über die beschränkte Umsicht der deutschen Gelehrten erstaunen. Sie betrachten die deutsche Nation als ein Schulthema, das sich in Abschnitten, Kapiteln und Paragraphen darstellen lasse. Ich glaube, daß Frankreich ihnen seit zwanzig Jahren das Beispiel hinreichend gegeben, wie durch Entwürfe, die nach Abschnitten, Kapiteln und Paragraphen entworfen sind, bei Staaten und Völkern wenig ausgerichtet wird. Wenn Versuche der Art in dem einen und vormals ungeteilten Frankreich mißlangen, was dürfen wir in Deutschland erwarten?
Das Bekritteln und Zurechtweisen der Regierungen versteht man in Deutschland ebensogut wie in ändern Staaten, aber den meisten politischen Schriftstellern fehlt es am praktischen Blick und Geschäftstakt. Ihre Entwürfe gleichen größtenteils denen des St. Pierre und Mably. Sie schweben immer in höheren Regionen, anstatt auf festem Boden zu bleiben. Das rührt aber daher, weil sie von überspannten oder mystischen Ideen über ihr Land und Volk, über Deutschland und Deutsche begeistert sind. Nach ihnen ist Deutschland das Gelobte Land und deutsches Volk das von der Vorsicht ausgewählte Volk. Und eben weil sie hohe Zwecke und unendliche Plane für ihr Vaterland und ihr Volk zu entwickeln sich berufen fühlen, gehen ihre Ideen in dem Strom der Begebenheiten immer und immer unter.
Was beabsichtigen endlich diese Fanatiker in dem Eifer ihrer Germanomanie? Wozu die Anregung zu einem Kreuzzuge gegen alles Undeutsche oder Ausländische? Soll Deutschland das Beispiel zur Zwietracht und zum Nationalhaß aufstellen? Gibt es denn für Deutschland kein anderes Mittel, seine Selbständigkeit und Eigenheit zu erhalten? Hat es nicht einen Fonds von Kräften, diese Lage zu erschwingen, in der Geradheit, Betriebsamkeit und der Kraft seiner Nation?
Glücklich ist Deutschland, daß seine Regierungen sich nicht von dem Miasma der Germanomanie berauschen ließen. Deutschland ist frei, ist wiederhergestellt wie vormals, und bloß durch die Kräfte, die seine Regierungsoberhäupter in der treuen Anhänglichkeit der Völker an ihre Person, in ihrer Bravour und Beharrlichkeit fanden. Ehren wird es Deutschlands Völker für immer, bloß solche Hebel zur Rettung ihrer Selbständigkeit angewendet zu haben, die dem Zeitalter, wo echte Aufklärung und Menschenliebe so trefflich zu keimen begonnen, entsprachen.
Glücklich ist Deutschland ferner, daß die Idealität unserer Germanomanen in den Regionen der politischen Verhandlungen keinen Zutritt gewann. Wir sehen dort nur in Geschäften geübte und bewanderte Köpfe wirken, die ganz andere Ansichten von Nationen, Staaten, Allianzen und politischen Verhandlungen und Institutionen mitbringen, als unsere literarischen Kongreßadepten zutage fördern. Merkwürdig ist es aber, beiläufig gesagt, daß selbst unter den deutschen Diplomatikern, die bei den zeitigen politischen Verhandlungen wirksam sind, auch diejenigen, die einesteils von den idealen Ansichten unserer Germanomanen begeistert waren, von ihrer Idealität gleichsam herabgestimmt worden sind und den praktischen Ansichten, die ihnen ihre Stellen verleihen, sich unterzuordnen wissen.
Man durchlaufe doch nur die Legion von Broschüren, Aufsätzen, Entwürfen und Bruchstücken, welche das Reich der deutschen Literatur seit der wieder bestehenden Integrität Deutschlands aufzuweisen hat und worin über Deutschlands Rettung, Erhaltung und Verfassung verhandelt wird. Man durchblättere sie nur und zeige aus denselben eine Idee auf, welche für die Kongreßverhandlungen, die in Wien und Paris abgehalten worden sind oder wo noch stattfinden sollten, tauglich gefunden werden könnte, um angewendet zu werden. Kann es wohl einen in die Augen fallendem Beweis von dem überspannten oder abgespannten Ideenverkehr der deutschen Politiker oder vielmehr Germanomanen geben? Wird man nicht folgern müssen, daß die Zuversicht, mit welcher sie sich vernehmen lassen, keinesweges auf Geschichte, Erfahrung und Beobachtung, die ersten Elemente einer gründlichen diplomatischen Verhandlung, gegründet ist?
Bei einigem Nachdenken und einiger Bekanntschaft mit dem Ideengang der Germanomanen wird sich jedem leicht die Ursach ihrer Grundlosigkeit ergeben. Keiner von ihnen will sich zu dem Gedanken erheben: daß das Band des gesellschaftlichen Lebens sich jetzt mehr auf das Prinzip des Rechts als auf jedes andere gründet. Ebendeshalb weil das Rechtsprinzip eine solche Präponderanz in den Einrichtungen und Verhältnissen der Staaten untereinander gewonnen, sind sie alle eigentlich von einem sittlichen und staatswirtschaftlichen Geiste belebt, wodurch ihnen eine gleiche Wirksamkeit oder Tendenz die Tendenz zur Menschenbildung allmählich eingeimpft ward.
Man mag Rousseau, den Ökonomisten und einigen andern Denkern auch zurechnen, an allen Übeln, welche die Französische Revolution über Europa verbreitet, schuld gewesen zu sein, man mag auch in der Deduktion ihrer Grundsätze manche Fehlschlüsse und Irrtümer aufdecken können. So viel ist aber gewiß, daß sie eigentlich in ihren Schriften solche Grundsätze zu einer Handlungsweise aufstellten, wohin die Menschheit schon seit einem Jahrhundert tendierte, nämlich zu einer staatsrechtlichen.
Es mag ferner wahr sein, daß durch ihre Schriften im Kreise der Gesellschaften die staatsrechtlichen Prinzipien in Umlauf und endlich zur Sprache kamen, die sie endlich denjenigen Zustand schneller zu begründen begeisterten, den man den rechtlichen nennen kann. Indes der Keim zu diesem System zeigte sich bereits im siebzehnten Jahrhundert. Schon seit dem Westfälischen Frieden ward bei politischen Verhandlungen, Traktaten, Besitznehmungen nicht mehr Sprache, Religion, Urpopulation eines Landes scharf berücksichtigt. Die Erde oder der Erdball ward als eine Substanz betrachtet, die das Erbteil der Menschheit ist, wo das Bedürfnis mehrere Gesellschaften gebildet, die von verschiedenen Regentendynastien beherrscht werden. Diese verschiedenen, von verschiedenen Regentendynastien beherrschten Gesellschaften nennt man zwar Staaten, indes es ist nicht die Naturgrenze, die Sprache oder das Urvolk, das einen Boden in Besitz hat, wodurch ein Staat das Gepräge der Individualität jetzt noch einzig und allein hat. Vielmehr ist es die Regierung, die mehrere Naturgrenzen, mehrere verschieden sprechende Nationen und mehrere Urvölker unter ihrer Botmäßigkeit oder rechtlichen Handhabung zusammenhält, die den Staat bildet. So stehen jetzt die Staaten alle vor uns, so stehen Rußland, England, Preußen, Osterreich als die vier zuschlagenden Mächte Europas, und eine solche Basis haben die Staaten schon seit einiger Zeit.
Wir wollen nun einmal unsern Germanomanen, die den Mund immer so voll von echter Deutschheit nehmen, die in der Deutschheit das Ding kat exochen (orig. griechisch, Anm.) sehen, die von dem deutschen Urvolk, von der deutschen Ursprache, von der Integrität, welche man Deutschland zu erhalten verpflichtet ist, nie genug sprechen können, den Standpunkt der vorhandenen Staaten und Regierungen unter die Augen bringen und sie fragen: woher sie für Deutschland eine abgerundete, geschlossene und selbständige Verfassung hernehmen wollen. Und wenn es der Fall wäre, wenn Aussicht, dieser Federung zu genügen, vorhanden sein sollte, warum sie der deutschen Nation vor allen ändern, vor den Ungarn, Polen, Italienern, Tirolern, ja selbst Franzosen, eine solche abgeschlossene Selbständigkeit anwünschen möchten. Sie werden mit den Fichten, Arndten, Müllern etc. in der Hoheit und Vortrefflichkeit ihres Volkes vor jedem ändern ihren Anspruch begründen, sie werden auf ihre Namen als Deutsche pochen, aber Gründe werden sie ebensowenig für ihre Ansprüche vorbringen können, ebensowenig wie die Franzosen, als sie sich die große Nation nannten, und die Juden, wenn sie sich für das auserwählte Volk Gottes achten.
Bei dem jetzigen Standpunkt der Regierungen kann es keinesweges Zweck derselben sein, in Deutschland einen Urstaat, ein Urvolk und eine Ursprache zu erhalten und aufzustellen. Er kann und wird es nicht sein. Wir sind, dem Himmel sei Dank! so weit gekommen, daß wir die Menschen nicht in Stämme und Rassen einteilen und von der Verschiedenheit des Bodens auf eine Verschiedenheit in der menschlichen Gattung folgern. Die menschliche Gattung wird jetzt durch den Namen Menschheit in staatsrechtlicher Hinsicht nach ihrem ganzen Umfange aufgefaßt, und in welchen polizierten Staat ein Glied derselben hinversetzt wird, läßt man es Ansprüche auf die Rechte machen, welche die Regierung ihren Untergebenen sichert. Es können Eigenheiten, Nationalitäten noch hin und wieder diesem Fortschritt des menschlichen Geistes in den Weg treten, es sind noch Staaten vorhanden, wo dem Fremdling sich Beschränkungen entgegenstellen, die den freien Gebrauch seiner Kräfte hindern oder seine Tätigkeit hemmen; allein bei dem jetzigen Standpunkt der Dinge, wo nach Lage der politischen Verhältnisse durch Verträge, Konventionen der Regierungen die Grenzen der Staaten verlegt, die Regenten der Völker verändert und die innern Verhältnisse derselben von dem fortschreitenden Geist des Nachdenkens, als Folge der zunehmenden Kultur und Industrie, kontrolliert und reformiert werden, ist leicht mit Sicherheit zu folgern, daß allmählich in allen Regionen des Erdbodens jedem menschlichen Individuum ein gleicher Spielraum zur Übung seiner Kräfte gesichert werden wird.
In den Zeiten des Altertums, ja noch in der Epoche, mit der die neuere Geschichte beginnt, wo Nationalund Vernichtungskriege, Völkerwanderungen und Hordenzüge den Nationen nicht allein ihr Heiligstes, ihre Religion, sondern auch ihren Boden, ihr Eigentum oder ihre Existenz zu entreißen drohten, da stand es den Nationen an, auf den Genuß gewisser Vorrechte eifersüchtig zu sein oder sie jedem zu versagen, der nicht ihres Stammes, ihres Glaubens etc. war, so wie es wieder der Lage der Dinge angemessen war, ihrer Abstammung, ihrem Glauben und ihrer Sitte, trotz der vorteilhaftesten Aussichten einer schönem Zukunft, kurz, unter keiner Bedingung zu entsagen.
Diese Abgeschlossenheit der Nationen gründete sich auf die niedrige Bildungsstufe, worauf sich die Menschen vormals befanden. Der Perser, Jude, Grieche und Römer, Deutsche, Gallier und Franke, kurz, jeder beschränkte auf sein Volk die Menschheit. Nur in seiner Nationalität erkannte und schätzte jeder die Würde der menschlichen Gattung, in jedem ändern Volke sah er seinen Feind oder seinen Gegner.
Soll es wieder so werden, und kann es wieder so kommen? Wenn wir unsere Germanomanen, die im Tone eines Arndt, Jahn etc. ihren Patriotismus verlautbaren lassen, vernehmen, so sollte, so dürfte es wieder dahin kommen. Von Deutschland wollen diese Patrioten alle Ausländerei entfernt halten. Bald haben sie es mit den Franzosen, bald mit den Engländern zu tun. Bald haben ihnen jene zu vielen Einfluß aufs deutsche Vaterland, bald sehen sie diese darauf ausgehen, ihn zu erlangen. Wenn sie doch aber so kräftig und nachdrücklich zu raten wissen, warum zeigen sie denn den Deutschen nicht den Weg, sich ebenfalls über das Ausland des Einflusses, den England und Frankreich sich über Deutschland zu erschwingen weiß, zu bemeistern?
Mit ihrem Bestreben, dem Deutschen ein Wohlgefallen an sich selbst, an seiner Individualität, an seinen Sitten, seiner Sprache aufzudringen, damit werden sie nicht weit reichen. Das liegt in der Natur der Sache.
Deutschland hat sich in Hinsicht seiner Kultur und Industrie lange nachher, als Spanien, Italien, Holland, Frankreich und England schon bedeutende Fortschritte geniacht, erst emporgehoben. Alles übrigens, was es jetzt darin Vorzügliches leistet, verrät seinen Ursprung oder zum wenigsten das Muster des Auslandes. Wir mögen uns hinwenden, in Vielehe Region des Wissens wir wollen, so finden wir entweder die antike oder moderne Bildung in jedem Zweige des deutschen Wissens und Tuns wirksam; wollen unsere enthusiastischen Germanomanen von Deutschland alle Ausländerei entfernen, so mögen sie auch den Einfluß des Altertums auf uns zu entfernen suchen, den Einfluß vorzüglich der Griechen, deren ganzes Wesen so innig den Deutschen anspricht, wie schon die trefflichen Übertragungen ihrer Meisterwerke, die der Deutsche in seiner Sprache aufzuweisen hat, erhärten. Freilich geschehen Bestrebungen der Art von unsern Germanomanen genug. Es verlautet schon, daß das Lied der Nibelungen die Stelle der llias und Odyssee auf den Schulen vertreten soll und daß von manchem Minneund Meistersänger Schulausgaben veranstaltet werden, um sie den Knaben anstatt des Pindar und Horaz in die Hände zu geben. Schade nur, daß Versuche der Art eben den Erfolg haben werden wie das Bestreben, die Meisterwerke eines Lessing, Schiller und Kotzebue durch die Alarkos und Ion etc. zu verdrängen!
Aber der hauptsächlichste Umstand, der es verhindern dürfte, in jetzigem Zeitalter unter den Nationen und Staaten eine Abgeschlossenheit zu bewirken, ist wohl das Familienband, das die Regenten des größten Teils der kultivierten Staaten umschlingt. Die Machthaber der Staaten und Nationen, die den Zügel in Händen haben, an welchem sie die Kräfte ihrer Völker leiten, stehen gleichsam durch Familienund Vermählungsbande im trautesten Verein. Sie begeistert eine Seele, eine Liebe, die der Einheit, die keine andere Rücksicht in Verfolgung des allgemeinen Wohls stören dürfte als die vom politischen Interesse für die jedem von seinen Kommilitonen ihm garantierte Selbständigkeit.
Bei diesem Verhältnis der Regenten untereinander ist es eine leere und spitzfindige Idee, noch an eine Abgeschlossenheit der Nationen zu denken, noch daran zu denken, daß der Deutsche durch eine Chinesische Mauer von dem intellektuellen Einfluß des Auslandes abgeschreckt werden dürfte.
Und wie beseligend, wie labend ist nicht der Gedanke für den, der in der Gegenwart der Nationen die Idee der Menschheit ahnt und der das Ziel des Haders und der Entzweiung der Völker in der Idee aufgelöst und beseitigt findet: daß in der Existenz der Völker die Idee der Menschheit sich dereinst ganz abspiegeln wird! Wie tröstend ist nicht der Gedanke, daß, bei dem sich immer mehr ausbildenden Familienbande der Regenten, im Kreise der Gesellschaft die Idee der Menschheit verwirklicht werden wird!
Dies wären nun meine Ansichten und Ideen über das Resultat, das dem Gang der zeitigen Begebenheiten zum Grunde liegt. Sie weichen natürlich sehr an Inhalt und Ton von denen des Großteils der deutschen Politiker oder der sogenannten Germanomanen ab, indes sie erhärten sich schon durch die begonnene Auflösung des großen Dramas, das sich vor unsern Augen entwickelt hat. Ich erspare mir die spezielle Anwendung der gegebenen Andeutungen, weil sie der unparteiische Beobachter sich selbst verschaffen kann und der Parteigänger nimmer überführt werden wird.
Keinesweges sind sie aber hier hingelegt, um einen Kampf mit den sogenannten Stimmgebern der deutschen Literatur einzuleiten. Alle diese Ideen habe ich, bald umständlicher, bald etwas anders gestellt, teils in gelesenen Zeitschriften, durch Rezensionen, Abhandlungen, teils in besondern Schriften, schon hingelegt.
Meinen Ideengang werde ich nicht so bald aufzugeben mich berufen fühlen, ob er freilich nicht so berücksichtigt zu werden sich schmeicheln kann wie der von Männern, die an der Spitze von Fakultäten und Dikasterien stehen und denen ein Heer von Nachbetern und jungen Männern als Anhänger zu Gebote steht. Ich würde ihn aber auch hier keinesweges von neuem wieder hingelegt haben, wenn ich nicht etwas Löbliches dabei beabsichtigte.
Seit mehreren Jahren ist vieles über Christusreligion, Patriotismus und Deutschheit in der Art, wie ich eben vorgetragen, gesagt und geschrieben worden. Ich habe darüber kein Wort seit längerer Zeit verloren, weil es nicht in die Verhältnisse derjenigen eingreift, deren Charakter zu vertreten ich mich verpflichtet halte, und, wenn es eingriff, so gesagt und gestellt war, daß ich dabei nichts zu sagen mich bewogen fühlte. Wer wird das Urteil der Horazischen „Erntorum nucis" berichtigen wollen? Wer wird in das Gespräch der Routiniers und gelehrten Schwätzer sich mischen? Ich achte kein Urteil, das man vom Zaune greifet. Soll ich ein Urteil beurteilen, so muß es verraten, daß es sich auf Prinzipien gründe, deren Schwäche man beweisen muß, nur dann vermag man die Kraft des Urteils zu schwächen.
Der Fall tritt jetzt ein. Vor kurzem bekam ich einen Aufsatz des Herrn Professor Rühs zu Gesichte, betitelt: „Über die Ansprüche der Juden auf das deutsche Bürgerrecht" [Fußnote]. Es gibt vielleicht nichts Gutes und Schlechtes mehr an den Juden, was man nicht schon von ihnen gesagt, geschrieben, ja auf der Bühne und durch den Griffel dargestellt hätte. Herr Rühs und ich können daher beide im ganzen nichts Neues für und gegen die Juden sagen. Aber der Standpunkt, von welchem Herr Rühs ausgeht, gründet sich auf eine Denkart, die von einem großen Teil der denkenden Köpfe in Deutschland, von den von mir so genannten Germanomanen protegiert wird und die, wie ich schon vorhin geäußert, durch den Fichtisch-transzendentalen Idealismus und Schellingsche Identitätssysteme Sanktion erhalten.
Ich finde es nun zuträglich und heilsam, mich etwas nachdrücklich über jenen Standpunkt zu äußern. Denn außerdem daß die edelsten und gebildetsten Jünglinge Deutschlands für jene philosophischen Systeme — und das mit vielem Grunde — gewonnen werden, wissen auch die Verfechter derselben eine Harmonie oder Verbindung zwischen jenen Systemen und der Germanomanie herzustellen, wodurch ein großer Teil der Verehrer jener Philosophie zu einer Germanomanie gestimmt wird, einer Gesinnung, die keinesweges weder die Regierungen noch der unbefangene Teil deutscher Denker weit umher verbreitet zu sehen wünschen dürften.
An Herrn Rühs wird es sich nun ziemlich bestimmt dartun lassen, welchen Einfluß die Germanomanie auf das Gemüt zu machen vermag.
Außerdem daß des Herrn Rühs vorhin erwähnter Aufsatz ganz von dem Geiste eines echten Germanomanen oder Anhängers des politisch kranken Fichte, eines Mitgliedes des deutschen Tugendbundes und der deutschen christlichen Gesellschaft durchdrungen ist, zeigt schon die Überschrift desselben die ganze Tendenz des Verfassers: „Über die Ansprüche der Juden auf das deutsche Bürgerrecht". Deutsches Bürgerrecht! Was will der Verfasser mit diesem Epitheton? Bei ihm ist wohl das deutsche Bürgerrecht etwas Vorzüglicheres als das preußische oder englische?
In dem Aufsatze selbst stellt nun Herr Rühs das Resultat auf: daß man den Juden das Bürgerrecht nicht erteilen soll. Er betrachtet alle Gründe, die man seit Dohm gegen seine Meinung aufgestellt, als unzureichend und schwach. So will Herr Rühs zum Beispiel die Folgerung der Judenfreunde: daß, wenn zunehmende Bevölkerung jedem Staate zuträglich sei, man den Juden allgemeine Aufnahme gewähren solle, als grundlos betrachtet wissen. Nach seiner Meinung hat man den Satz: die immer fortschreitende Zunahme der Bevölkerung sei die wesentlichste Bedingung des größtmöglichsten allgemeinen Wohls, theoretisch aufgegeben. Allein dem Satz, wie ihn Herr Rühs aufstellt, kann man eigentlich nie gehuldigt haben. Er wird vielmehr sagen sollen: Da, wo die Zunahme der Bevölkerungfortschreitet, ist die Bedingung des größtmöglichsten Wohles in Wirksamkeit. Auf diese Weise den Satz aufgestellt, wird er wohl immer ein Axiom in der politischen Ökonomie abgeben. Nur dies wird stets praktisch schwierig bleiben und für den Staatsmann ein anhaltendes Studium erfordern, die für jeden einzelnen Staat, als individuelles Wesen, erforderliche Bedingung zur Erhaltung des größtmöglichen allgemeinen Wohls nach ihrer ganzen Individualität aufzufassen.
Als einem echten Germanomanen kommt es Herrn Rühs darauf nicht an. Er macht es dem Staatsmann leicht. Es heißt bei ihm: „Auf die Zahl, die Betriebsamkeit und den Gewerbfleiß kommt es nicht an, sondern auf den Geist (!), der ein Volk belebt, der es vereinigt und die einzelnen zu einem unauflöslichen Ganzen zusammenkettet, auf die Treue, die es bewahrt, auf die Liebe für das Vaterland, auf seinen Glauben an Gott und an sich, auf seine Bereitwilligkeit, die irdischen Güter geringzuachten und alles, selbst das Leben, den unwandelbaren Heiligtümern (!!) und den Forderungen des Gemüts (!!) zum Opfer zu bringen. Ein Volk kann nur zu einem Ganzen werden (immer hab ich gehört, daß ein Volk schon ein Ganzes ist) durch einiges (?) Zusammenwachsen aller seiner Eigentümlichkeiten (das muß ein schönes Gewächs werden), durch die gleiche Art seiner Anstrengungen, durch Gesinnung, Sprache, Glauben, durch die Anhänglichkeit an seine Verfassung. Nur darf ein Volk, ohne sich selbst zu schaden, sich nicht so scharf absondern, um die Aufnahme einem jeden Fremden zu versagen, aber nur unter der Bedingung, daß, wer Mitglied eines ändern Volks werden will, sich ihm ganz hingebe und gleichstelle. Wäre der erste Erwerber eines neuen Volksrechts nicht ganz mit seinen Landsleuten verschmilzt, so werden es seine nächsten Nachkommen, so sind ja unzählige Franzosen und selbst Juden, sobald sie aufhörten, Juden zu sein, Deutsche geworden."
Hier hört man doch wohl den wahren Germanomanen! Der Franzose und der Jude müssen nach ihm aufhören, Franzose und Jude zu sein, um Deutsche zu werden. Was versteht aber Herr Rühs unter diesem Aufhören? Der Franzose und Jude sollen nicht daran denken, daß sie Franzose und Jude sind, sie sollen ganz ihrer Nationalität entsagen, um Deutsche zu werden. Und solchen Menschen, die das Innigste ihres Gemüts wie die Wäsche zu wechseln vermögen oder zu wechseln entschlossen wären, würde Herr Rühs sein Vertrauen schenken? Solche Menschen würde Herr Rühs für Deutsche anerkennen? Was würde er von einem Deutschen sagen, der seinen Ursprung im Auslande verleugnen wollte? Als Germanomane müßte er ihn verdammen und als Mensch in ihm an aller Wahrheit verzweifeln. Noch ist nicht nachgewiesen worden: daß ein Franzose, Jude, kurz, jedes Individuum einer Nation im Auslande seine ganze innere Individualität völlig abgelegt. Der Brennpunkt der kindlichen Gefühle und jugendlichen Eindrücke bleibt immer im menschlichen Busen zurück. Wer etwas anders von einem Fremdlinge zu glauben sich berechtigt fühlt, wer ahnen kann, daß er seine ganze Individualität zu unterdrücken vermag, der setzt bei ihm eine Geistesstärke voraus, die ihn verhindern wird, die Eigenheiten der Nation, unter die er sich begibt, anzunehmen.
Hierin haben eben die Regierungen der neuen Welt etwas Unterscheidendes von denen der alten. Letztere waren nur auf Individualität des Volks, des Bodens und des Klimas berechnet, diese gründen sich aber durchgängig und allgemein auf das Rechtsprinzip: „Qui vit comme philosophe, peut vivre en citoyen." Man fragt nicht oder sollte nicht fragen: Was denkt der Ankömmling?, sondern: Was treibt er, wie lebt er? Fügt er sich in die Gesetze des Staats, so ist er ein guter Bürger. Hätten die Juden dies von Anbeginn getan und, wie jetzt in den meisten Staaten, zur Bürgerlichkeit sich bequemt, sie würden schon längst oder gleich alle Bürgerrechte erlangt haben, die man ihnen jetzt allgemein einzuräumen sich entschließt.
Mit dem größten Teil der Judengegner führt nun Herr Rühs mehrere Gründe gegen die Judenduldung auf, die schon längst entkräftet sind. Unter anderm stützt er sich aber, bei der verlegenen Behauptung: daß die Juden einen Staat im Staate bilden, auf Maimon. Wenn doch Herr Rühs die eigenen Worte Maimons hierüber angeführt hätte.
Ich habe Maimon persönlich und genau gekannt. – Aus meinen Händen erhielt er zuerst ein Exemplar von Kants „Kritik der reinen Verkunft", das er mir erst nach Jahren zurückgab und sich noch in meinem Büchervorrat findet. Ich war es, der ihn zum Schriftsteller ermunterte, ihm oft mit Rat aushelfen mußte. Ich werde daher wohl seinen literarischen Charakter und die Gemütlichkeit, mit der er die Sachen darstellte, beurteilen können. Maimon hatte, als geborner Pole, bei Abfassung seiner Lebensgeschichte bloß die im vormaligen Polen lebenden Juden vor Augen, und diese stellen, ebenso wie der polnische Staat selbst, eine eigene Seite der Bildung auf. Auf diese Juden ist alles nun anzuwenden, was Mainion sagt. Diese hatten eine eigene Verfassung unter sich, da der Staat selbst keine besaß und daher noch weniger den Juden eine zu geben sich berufen fühlen konnte.
Übrigens muß man sowohl die wohlwollenden als die gehässigen Äußerungen Maimons gegen seine Landsleute gar nicht als aus festen Grundsätzen hergeleitete Raisonnements betrachten, mit denen es ihm ein bestimmter Ernst war. Maimon hatte, wie der größte Teil der Polen oder überhaupt alle von Politur entblößten, geistreichen Menschen, gewisse Launen, die ihn in seinen Urteilen leiteten. Wie jene wechselten, bekamen seine Urteile eine andere Stellung, und ich war oft Zeuge, wie er seine besten Freunde durch die von seiner Laune herbeigeführte Veränderlichkeit seines Urteils empfindlich zu kränken sich ein Vergnügen machte. Die im Gemüt des Menschen haftende Portion von Bosheit, die der Gebildete zu verbergen versteht, äußerte sich bei Maimon oft unwillkürlich, und das machte ihm viele Feinde.
Die paar Worte, die Herr Rühs von Maimon anführt: „daß die jüdische Nation unter dem Schein einer Theokratie von einer immerwährenden Aristokratie beherrscht wird", haben eigentlich nur eine subjektive Bedeutung; sie sollen nicht mehr sagen als das, was man von jeder Kirchenverfassung behaupten könnte: Es ist nicht der Glaube, der sie erhält, sondern die Macht oder der Einfluß derjenigen, die ihr vorstehen.
Übrigens kann man es Herrn Rühs nicht verübeln, wenn er glaubt: daß das Wesen des Judentums durch das Ansehen der Rabbiner und in der Beobachtung des Zeremonialgesetzes besteht. Dieses ist eine Lieblingsansicht des größten Teils der theologischen Denker, welches sie wahrscheinlich auf die Autorität Spinozas geworden, der in seinem vormals allgemein gelesenen „Theologisch-politischen Traktat" das Judentum als ein offenbartes Gesetz erklärte. Unter den neuem Juden hat diese Ansicht vorzügliche Popularität durch das Ansehn Mendelssohns erhalten, der sie ohne aber Spinoza als Urheber zu nennen, wozu ihn vielleicht gewisse Rücksichten veranlaßten in seinem Werkchen „Jerusalem, oder über religiöse Macht und Judentum" wieder aufgefrischt.
Allein der höhere Standpunkt, den der menschliche Geist über die Idee von Religion durch den Fortschritt der neuem Philosophie genommen, dürfte wohl auch einen denkenden Kopf dahin führen, dem Judentum eine edlere Basis zu geben. – Ein Versuch der Art ist bereits vor längerer Zeit erschienen. [Fußnote] Allein trotz des ungeteilten Beifalls, den er in der christlichtheologischen Welt erhalten, ist er nicht von den Anhängern des Judentums berücksichtigt worden, wahrscheinlich weil er dem Ideengange entgegensteht, für den sie durch die Autorität Mendelssohns gestimmt werden. Daher ist Mendelssohns Ansicht vom Judentum auch noch diejenige, welche die aufgeklärten Juden vorzüglich im Auge haben.
Mendelssohn kam auf ganz natürlichem Wege dazu, die von Spinoza gegebene Idee vom Judentum durch seine Autorität geltend zu machen. Mendelssohn lebte in dem Zeitalter der Aufklärungssucht oder in der sogenannten Aufklärungsperiode, wo die denkenden Köpfe Deutschlands jede positive Religion bloß als ein Vehikel betrachteten, den gemeinen Mann oder das Volk zu zügeln und zu leiten. Dieser Meinung war Abt, Lessing, Nicolai etc. Geistesbildung war ihnen einzig und allein das Mittel, wodurch der große Zweck der Vorsicht, in der menschlichen Gattung die Menschheit zu generieren, erreicht werden dürfte, und Religion ging bei ihnen bloß den Weg dabei nebenher. Diese Ansicht teilte nun Mendelssohn mit seinen gelehrten Freunden. Es war ihm daher willkommen, das Judentum nicht als Sache des Geistes und Herzens, sondern als offenbartes Gesetz darzustellen, das man ohne Liberwindung dereinst dürfte fahrenlassen können. Er ge^vann hierbei die Aussicht, daß seine Glaubensgenossen, je mehr sie sich bilden und den Wissenschaften obliegen werden, wie die Anhänger jeder ändern Konfession, dasjenige Interesse an ihrer Religion verlieren werden, das sie zu seiner Zeit an sie fesselte.
Er täuschte sich auch nicht in seiner Erwartung. Es lebte seitdem eine große Masse von Juden auf, wie sie Herr Rühs richtig charakterisiert. „Juden, die sich über die strengen Vorschriften wegsetzen, das Ansehn der Rabbiner und des Zeremonialgesetzes nicht mehr anerkennen, die Bande zerrissen haben, die ihnen lästig waren, und die Hauptlehre der jüdischen Religion, von der Zukunft des Messias, als lächerlich erklären. Sie bilden ein Mittelding zwischen Juden und Christen, die sich eine eigene Art von völlig unhaltbarer Religion in törichtem Dünkel zusammengesetzt haben, eine eigene Sekte, die kein Staat anerkannt, und nur eine stillschweigende Duldung genießen."
So strenge Herr Rühs gegen die jüdischen Indifferentisten ist, so sollte er doch bedenken, daß es auch unter den christlichen Konfessionen der Indifferentisten genug gibt, ja selbst der Orient, wo der Mahomedanismus auf den Menschen lastet, hat deren aufzuweisen. Noch mehr kann ich Herrn Rühs zur Beruhigung sagen, daß die Indifferentisten des Judentums eben beschäftigt sind, die Vorwürfe, die ihnen Herr Rühs macht, für die Folge abzuwenden, indem sie alle Vorkehrungen zu einem Ritus treffen, der dem Zeitalter und der Bildung der Juden angemessen ist.
Um aber Herrn Rühs einen Beweis von meiner Unbefangenheit zu geben, will ich hier im Vorbeigehen bemerken, daß ich dem bisher gemachten Versuch, einen neuen jüdischen Ritus einzuführen, einen geringen Wert beilege. Die Liturgie ist nur das Äußere der Form der Religion, der Firnis, der dem Auge dies Äußere angenehm darstellen soll. Nach meiner Ansicht muß daher der Liturgie einer jeden Religion, wenn sie anders individuelle Bedeutung haben soll, eine Dogmatik vorausgehen. Sie ist die Grundsäule jeder Religion. Wo sie fehlt, ist das Ganze eine Farce, ein Schauspiel, das bloß das Auge belustigt oder ergötzt, Herz und Geist aber nicht im Geiste der individuellen Religion ergreift. So wird, nach meinem Bedünken, die von den im Mendelssohnschen Geiste gebildeten Juden eingeführte Liturgie nicht das Judentum befördern, sondern ein Material, das man aufs Wort dafür nimmt, absetzen.
Nach Mendelssohns Ansicht sollen im Judentum keine Dogmen gestattet werden, dieser Ansicht wollen nun seine Verehrer treu bleiben. Sie beschäftigen sich bloß mit der Reform des äußeren Gottesdienstes oder der Liturgie, und so wird und muß das Judentum in Hinsicht seiner Intensität immer mehr entkräftet werden, so daß man die Anzahl der Indifferentisten unter den Juden im progressiven Fortschritt verbreitet zu sehen erwarten darf.
Deshalb glaube aber Herr Rühs nicht, daß die indifferenten Anhänger des Judentums einen Pleonasmus, eine Moosart oder eine Schmarotzerpflanze in der Weltordnung abgeben. Im Gegenteil, ich glaube vielmehr, daß sie in der Weltordnung bestimmt sind, den Grund zu einem Antidot gegen den religiösen Dogmatismus zu legen, und dereinst Werkzeuge abgeben dürften, allen positiven Glauben verschiedener Art und Form, wie er noch in der Welt besteht, zu einer freiem und einfachem Form hinzuleiten. Diese Hypothese dürfte indes Herrn Rühs Veranlassung geben, mich zu beschuldigen: daß ich, im Geiste eines echten Juden, meinen Glaubensgenossen eine höhere und vorzüglichere Bestimmung im Kreise der Wesen ausersehen. Indes kann ich ihm zu seiner Beruhigung sagen: daß ich diese meine Hypothese nur vorgebracht, um sie der seinigen entgegenzustellen, die er im Geiste eines echten Germanomanen, und also als Gegner der Juden, zu erhärten sucht.
Vielleicht dürfte Herr Rühs dereinst, wenn er, befreit von seiner Germanomanie, zur Weltbürgerlichkeit zurückkehren sollte, mildere Grundsätze gegen Franzosen und Engländer und mithin auch gegen die Juden aufstellen mildere Grundsätze, vorzüglich gegen die letzteren, als diejenigen, die er als Resultate seines Raisonnements vorbringt; nämlich: daß man bei einer präsumtiven Organisation der deutschen Reichsverfassung
1) das Verhältnis genau bestimme, worin die Juden zu den Deutschen stehen sollen;
2) ihre Vermehrung durch Einwanderung in Deutschland verhindere und
3) ihnen den Übergang zum Christentum, als die erste und unumgängliche Bedingung, wie sie zu Deutschen umgebildet werden können, erleichtere.
Wer verkennt hier in Herrn Rühs den Germanomanen? Jeder Schritt, der in Deutschland für und gegen die Juden getan wird, soll nach Herrn Rühs und seinen Freunden mit der Brille der Germanomanie beäugelt werden, alles soll nur mit Rücksicht auf die Germanomanie geschehen. Man soll bestimmen, in welchem Verhältnis der Jude zu den Deutschen stehen soll! Als wenn dies Verhältnis verschieden sein müßte von dem, das der Jude gegen jede andere Nation hat, oder als wenn der Deutsche hierin keine andere Nation zum Muster nehmen sollte. Man soll ferner der Juden Vermehrung in Deutschland durch Einwanderung verhindern! Als wenn dies nicht schon längst geschehen wäre. Und soll endlich der Juden Übergang zum Christentum befördern, damit sie zu Deutschen umgebildet werden! Als wenn das Christentum die unumgängliche Bedingung der Deutschheit wäre. Ich erinnere mich eben, daß die Deutschen, wie sie Tacitus darstellt, die unter Brennus, Hermann etc. ihre Freiheit gegen die Römer erkämpften, recht brave Deutsche waren, ohne Christen zu sein.
Aber auch dieser Bemerkung weiß Herr Rühs wie ein echter Germanomane zu begegnen. Er verlangt nämlich aus hohem Rücksichten, daß der Jude in Deutschland von der Pflicht, das Vaterland zu verteidigen, ausgeschlossen sein soll. Man höre! „Das Kriegesheer der Deutschen soll den Kern und die Blüte des Volkes enthalten, und es soll die edelste Kraft in sich vereinigen und muß daher durchaus volksmäßig sein. Es können daher nur Deutsche darin aufgenommen werden, weil gerade in ihnen sich die Volkseinheit am kräftigsten darstellen muß. Nur Deutsche dürfen neben Deutschen fechten. Es muß eine Ehre sein, das Schwert zu tragen, die nur dem Volksgenossen zukommen kann, und daher ist es billig, daß die Juden keinen Teil daran haben." Verewigter Michaelis! du gabst dir die Mühe, zu beweisen, daß der Jude untauglich zum Wehrstand sei; Herr Rühs glaubt, daß sie dessen unwürdig wären. In dem fanatischen Eifer eines echten Germanomanen vergißt er, daß Deutschlands Heere in dem Kampf gegen Frankreich unterlagen, ehe noch die Juden in ihrer Mitte teil daran nahmen, und erinnert sich nicht, wie folgenreich sie in den Jahren 1812 und 1814 kämpften, als die Juden aus Rußland, Polen, Ostreich und Preußen mit ihnen in Reihe und Glied standen? Es mag daher wohl nicht so ganz auf Herrn Rühs' Meinung ankommen, daß, um mit glücklichem Erfolg für Deutschland zu kämpfen, Deutsche neben Deutschen fechten müssen.
Da nun aber Herr Rühs einmal die Miene eines echten Germanomanen angenommen, darf es nicht befremden, ihn mit der Bemerkung seine Diatribe schließen zu hören: daß den Juden überhaupt keine bürgerliche Würde zugestanden werden müsse, und zwar weil sie keine Christen sind. „Denn", folgert Herr Rühs, „der größte Teil unserer bürgerlichen Rechte und Verpflichtungen fällt unmittelbar mit unserm Glauben zusammen, und es ist von der wahren Aufklärung zu erwarten, daß sie immer genauer wieder mit demselben in Verbindung gesetzt werden. Wir verpflichten uns durch dieselbe Versicherung: , so wahr uns Gott helfe und sein Evangelium', uns ist das Kreuz das Symbol zur Aufopferung und zur freudigsten Hoffnung; wir können auf dieselbe Weise mit allen Christen alle große und bedeutende Ereignisse des Lebens, der Lust wie der Trauer, würdig und von Herzen feiern. Dies sind die innigsten und die geheimsten Bande, die die Christen vereinigen sollen und woran sie als Brüder einander erkennen." Sollte man nicht glauben, hier einen modernisierten Asketiker aus dem mittlern Zeitalter zu vernehmen? Wahrscheinlich war Herr Rühs, in dem Moment, als er diese Zeilen niederschrieb, von der Lobschrift begeistert, die Adam Müller dem mittlern Zeitalter hält, und da ist es denn kein Wunder, daß, bei seiner Genialität, er den Ideengang und Schriftstellerton jener Zeit aufzufassen vermochte.
Auf jeden Fall wird man aber an Herrn Rühs, wenn man seine Ideen, Urteile und Äußerungen, wovon ich dem Leser nur einen Teil aufgeführt, sich in ein Ganzes vereinigt, das Bild eines wahren Germanomanen erkennen, und ich darf nun wohl dem unparteiischen Leser die Frage vorlegen: ob eine Denkart, die Grundsätze hegt, welche sowohl dem Geist der Zeit überhaupt als dem Fortschritt der Menschenbildung entgegenstehen und noch ein Verdienst darin suchen, ihn mit solchem kecken Ernst zu höhnen ob eine solche Denkart nicht eine Merkwürdigkeit der Zeit ist und nicht verdient, wie ein jedes ausgezeichnete Phänomen im Gebiet der Geisterwelt, nach ihrem Ursprung, Fortgang und ihrer gänzlichen Gestaltung nicht allein dargestellt, sondern auch durch einen eigenen Namen in den Annalen der Geschichte aufbehalten zu werden?
Ich habe es bloß versucht, der lesenden Welt einen Umriß davon zu geben. Möge dereinst eine geschicktere und gewandtere Hand ein vollkommenes Gemälde davon aufzustellen sich berufen fühlen, dann wird in der Galerie der deutschen Verirrungenneben der Gallomanie und Anglomanie die Germanomanie eine würdige Stelle einnehmen können.