Saul Ascher (6. Februar 1767 in Berlin - 8. Dezember 1822 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Buchhändler.
Wikipedia
Ascher war ein Aufklärer, der leider keine nachhaltige Wirkung erzielte und bald vergessen wurde. Er wandte sich früh gegen antisemitische und nationalistische Strömungen in Deutschland.
Saul Ascher
Die Germanomanie
Skizze zu einem Zeitgemälde
(1815)
Wer länger schon als ein Vierteljahrhundert, und vollends um eine
solche Zeit wie die des letzten, in der Ideenwelt gelebt oder wer das
Treiben und Handeln der denkenden Köpfe von Ausbruch der Französischen
Revolution an bis jetzt zu beobachten Gelegenheit hatte, dem wird
endlich das Resultat werden: daß auch in dieser Region der Liebe zum
Wahren und Vortrefflichen ein gewisser, in der Natur angeordneter
Kreislauf sich erhärtet.
Werfen wir nun einen Blick auf den Ideengang, der den Menschen über
die wichtigsten Angelegenheiten ihres physischen und intellektuellen
Seins während des letzten Vierteljahrhunderts geworden, so dürften wir
finden, daß sie diejenigen Anordnungen, welche von Ewigkeit her in ihrer
Mitte bestanden und die eine Folge ihrer körperlichen und geistigen
Organisation sind, welche das begründen, was wir Wissenschaft, Kunst und
Sittlichkeit nennen, die drei Pfeiler der in der Idee begründeten
Menschheit daß sie dies alles mit Betriebsamkeit und Aufopferung
auszubilden, zu läutern und zu reorganisieren suchten.
Der befangene Beobachter oder derjenige, dem die Grundprinzipien
der Welt sich bloß nach den vormals bestandenen oder zu seiner Zeit
bestehenden Formen darstellen, sah in der Rotation, in dem Wogen der
verschiedenen Grundstoffe des menschlichen Seins und in dem Kampf
zwischen Vernichtung und Dasein, der sich seit fünfundzwanzig Jahren in
dem Gebiet der Religion, der Politik und der Wissenschaft, als den drei
Repräsentanten der im Menschen liegenden Prinzipien seiner
Intellektuellität, vor unsern Augen entfaltete, den Untergang aller
Sittlichkeit, alles Staatenvereins und aller Geistesbildung.
Anders sah aber der denkende Kopf, der in dem Gang der
Erscheinungen dieser Welt einen allgemeinen gesetzmäßigen Lauf der Dinge
ahnt und solchen darin aufzusuchen sich bestrebt, anders sieht und
folgert er. Es ging und geht aus dem sich angehäuften Chaos eine
verjüngte Form von allen Grundfesten des menschlichen und bürgerlichen
Daseins hervor. Wir haben nun beinahe wieder einen von denjenigen
Kreisen durchlaufen, die der Menschheit zum Fortschritt ihrer
Vollkommenheit vorgezeichnet sind, wir stehen wieder auf dem Punkt, von
welchem vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren die Menschheit ausgegangen
und exzentrisch sich fortbewegte. Wir haben die Anwartschaft, Religion,
Staatsverfassung und Wissenschaft ganz nach den bisher bestandenen
Zwecken in dem Kreise der Menschheit fortleben zu sehen wie vormals;
aber verfeinert, bereichert mit den mancherlei Erfahrungen, Ansichten
und idealen Empfindungen, die das menschliche Gemüt in dem Drängen und
Treiben der Nationen und der revolutionären und exzentrischen Köpfe sich
eigen zu machen Gelegenheit fand. Die Menschheit gleicht jetzt dem
Ulysses, der nach mancherlei Wanderungen in die Heimat zurückkehrt; wie
er, erscheint sie erschöpft und armseligen Ansehens. Indes laßt sie nur
sich erholen; sie wird nicht athletisch, aber besonnen und gewandt die
Kräfte handhaben, die ihr zu Gebote stehen.
Es darf nicht befremden, wenn in diesem fieberhaften Zustande, in
welchem die Menschheit ein Vierteljahrhundert vegetierte, denkende
Köpfe, vorzüglich in Deutschland, wo bisher immer mehr gedacht als
gehandelt worden, in dem chaotischen Zustand der Dinge bald das Heil der
Welt erblickten, bald aber wieder den Untergang der Weltordnung
ahneten. Sie sahen in dem Gange der Begebenheiten nicht einen Prozeß,
den die Natur mit dem menschlichen Gemüt vornimmt, um es zu steigern für
die Fortschritte, die der Mensch in technischer und sinnlicher Hinsicht
gemacht, oder es zu verfeinern. Nein! Sie wollten eine neue Ordnung der
Dinge oder einen förmlich reinen intellektuellen Zustand dem Menschen
bereitet sehen.
Es sollten Religion, Regierung und Gesetzgebung, in Hinsicht ihrer
positiven Seite, ganz aufgegeben werden; man wollte nur Naturreligion,
Republik und gleiche Rechte im Kreise der Menschheit verpflanzt wissen.
Für dieses Experiment, das der Fortgang der Französischen Revolution nur
möglich machte, stimmten alle die denkenden Köpfe in Deutschland, die
seit einem Zeitraum von zwanzig Jahren in der intellektuellen Welt die
Richtung der Geister betrieben, dahin tendierten die transzendentalen
Idealisten, die Anhänger des Identitätssystems und ein Heer Afterund
Nebendenker, die, wie Trabanten und Nebelsterne, die großen Lichter arn
Horizont der Geisterwelt zu urnschwärrnen pflegen.
Die meisten von diesen noch lebenden Anhängern der neuen Schule,
als Buchholz, Arndt etc., wollen es jetzt nicht mehr wissen, daß sie als
lebhafte Anhänger der Grundsätze und Ideen sich proklamierten, welche
durch die Revolution in Frankreich unter den Nationen verbreitet wurden.
Eitle Scham! Wer wird ihnen dieses zurechnen. Jene Grundsätze und Ideen
hatten eine hohe Idealität, und Idealismus für Wissenschaft und Kunst
war der Stein der Weisen, den die philosophischen Adepte an den Mann zu
bringen suchten.
Während nun in Deutschland mancherlei aufgeboten ward, um eine
revolutionäre Denkart geltend zu machen, sähe man in Frankreich durch
sie den schrecklichsten Zustand herbeigeführt. Die positive Religion
ward dort nicht durch Religion, sondern durch Freigeisterei verdrängt;
die verjährten Regierungsrechte wurden angetastet, endlich über den
Haufen geworfen und nicht durch feste Grundsätze des Staatsrechts,
sondern durch einen immerwährenden Wechsel demagogischer Gewalt und
tyrannischer Willkür ersetzt, und die positive Gesetzgebung, gefährdet
und hintenangesetzt, mußte einer frechen Handhabung des Eigentumsrechts
weichen.
Die Folge war nun, daß das Resultat der Revolution, welche in
Frankreich wütete, sich über die dasselbe umgebenden Länder verbreitete.
Die Macht, alles nach den neuen Ansichten zu konstituieren, verblieb
bloß in den Händen der Franzosen. Sie waren es, die den Meister
spielten, und es geschah daher nichts fürs Heil der Menschheit, sondern
fürs Heil der Franzosen.
Indes der allmähliche Verfall des Republikanismus in Frankreich,
die Wiederherstellung der alten Ordnung durch allmähliche Einführung
eines Oberhaupts und der Mißbrauch, den dieses Oberhaupt durch seine
Übermacht von seinem Einfluß auf die Völker, vorzüglich die Deutschen,
machte, reizte das Ehrgefühl der idealen Politiker in Deutschland auf.
Sie wollten sich von dem Oberhaupt Frankreichs nicht in dem Grade wie
von den republikanischen Grundsätzen dominieren lassen, und so
entwickelte sich denn jene Idee der Deutschheit bei ihnen, die
dahin tendierte, daß alle diejenigen Ideen, die für den ganzen Kreis der
Menschheit in dem Idealismus ihre Anwendung erhalten, durch jene
bestimmte Richtung ihres Gemüts ihre bestimmte Anwendung bloß für die
Deutschen erhalten sollten.
Die höchsten Interessen der menschlichen Natur, Religion,
Vaterland, Recht, erwarben in dem Gemüt der deutschen Denker nunmehr ein
eigenes Gepräge, das sich durch eine Gemütsäußerung aussprach, die man
füglich Germanomanie benennen könnte.
Die fixe Tendenz oder das einzige Bestreben der Germanomanen war und ist es noch, in der Deutschheit gegen die Gallomanie
ein Gegengewicht zu erlangen. In dieser Hinsicht wurden nun alle Hebel
aufgeboten, den denkenden Teil Deutschlands für die Idee von Deutschheit
empfänglich zu machen, als das einzige Mittel, gegen das Joch der
gallischen Tyrannei sich zu waffnen, um es endlich durch beharrlichen
Widerstand ganz abschütteln zu können.
Die Hauptwirkung, die man sich von der aufgeregten Idee der
Deutschheit versprach, war nun, daß die deutschsprechende Nation, welche
der Lauf der Begebenheiten gleichsani aufgelöst hatte und die in einer
wahren Entzweiung lebte, wodurch es einzig und allein den Ausländern
gelang, ihren Einfluß zu behaupten, unter einen Hut gebracht und zum
gemeinsamen Streben für ihre Freiheit und Selbständigkeit aufgeregt
werden sollte.
Das größte Hindernis, diese Einheit zu bewirken, lag aber in dem
religiösen Zwiespalt Deutschlands, in dem Antagonismus der Katholiken
und Protestanten. Dies zu beseitigen, ward nun von unsern idealistischen
Denkern das protestantische Christentum zu einer Idealität gesteigert,
die es der Richtung des Katholizismus näher brachte, und so bemerkte man
unter den denkenden Köpfen des protestantischen Deutschlands allmählich
eine religiöse Geistesrichtung, die gleichsam dem Katholizismus
huldigte. Philosophen, Dichter, Künstler und Politiker sprachen,
schrieben und stellten dar in einer in Nimbus der Legendenheiligkeit
gehüllten Stimmung, und die Begeisterung für diese Stimmung gedieh schon
so weit, daß der Katholizismus in mehreren Anhängern an dieselbe laute
Bekenner und Proselyten erhielt.
Nichts war natürlicher, als daß bei diesem verblendeten und warmen
Enthusiasmus für jenes gesteigerte Christentum gegen jede religiöse
Denkart anderer Weise eine befangene Gesinnung sich entwickeln mußte.
Die Denkart des Philosophen, der liberalen Konfessionen des Christentums
und die der Juden ward als Hindernis für den Fortschritt des
gesteigerten Christentums betrachtet, und natürlich war dann immer eine
von diesen Denkarten das Stichblatt unserer intellektuellen Tonangeber
und Identitätsphilosophen, die sich nun deutsche Philosophen oder Christen nannten.
Christentum und Deutschheit war bald in eines
verschmolzen; dies ist für den transzendentalen Idealisten und
Identitätsphilosophen ein leichter Prozeß. Es ward so von ihnen
gefolgert. Deutschlands Rettung von dem Joche der fremden Tyrannei kann
nur vorbereitet werden durch Einheit und Einigkeit des Volkes in der
Idee. Die Einheit und Einigkeit in der Religion spricht dies Erfordernis
ganz aus; dies soll nun durch den zum Katholizismus gesteigerten
Protestantismus hergestellt werden, und so bestand daher für diese
Denker ein deutsches Christentum oder eine christliche Deutschheit, die sie zu gründen und zu verbreiten sich vorsetzten.
Die Anhänger dieser Lehre fanden freilich hin und wieder ihre
Gegner an den echten, unbefangenen Denkern Deutschlands und wahren
Protestanten, indes sie hatten doch ein ganzes Heer von jungen Männern
durch ihre enthusiastische Denkart elektrisiert, und so konnten sie
ungestört mehrere Mittel ausbilden, ihren Zweck zu erreichen.
Es darf nicht befremden, daß nach den Ansichten dieser
enthusiastischen Idealisten, wodurch Deutschheit und Christentum so
verquickt werden sollten, daß eines das andere auszuschließen nicht
vermögend war, von ihnen vorzüglich in den Juden ein Gegensatz
dieser Lehre vorgefunden ward, und daraus läßt sich denn erklären der
rohe und abschreckende Ton, in welchem am Ende des achtzehnten
Jahrhunderts von Fichte, einem der ersten Restauratoren der neuen Lehre,
an bis herab auf seine Schüler und Verehrer gegen Judentum und Juden
losgestürmt ward.
Die Anfälle sind gefährlicher und nachdrücklicher, da sie eine
potenzierte Quelle haben. Die Juden, heißt es, sind weder Deutsche noch
Christen, folglich können sie nie Deutsche werden. Sie sind als Juden
der Deutschheit entgegengesetzt, folglich dürfen sie die Christen nicht
als ihresgleichen aufnehmen und können sie unter ihnen höchstens mit der
Einschränkung geduldet werden, daß man überzeugt sei, sie treten der
Deutschheit nicht in den Weg.
Diese Grundsätze verbreitete ein unter dem Namen deutsche christliche Gesellschaft
im nördlichen Deutschland sich gebildeter Verein in dem Zeitraum, wo
Deutschland dem ganzen Druck des gallischen Despotismus erlag. Er
proklamierte seine Grundsätze in Broschüren und Pamphlets, die er
mitunter mit hieroglyphischen Deutungen ausgab, und er scheint innig verwandt und in Einverständnis mit dem sogenannten deutschen Tugendbund
gewesen zu sein, über den Herr Schmalz und mehrere Männer von wahrem
deutschen Sinn kürzlich so mancherlei zur Sprache gebracht.
Man muß die Menge, um auch sie für eine Ansicht oder Lehre
einzunehmen, zu begeistern suchen; um das Feuer der Begeisterung zu
erhalten, muß Brennstoff gesammelt werden, und in dem Häuflein Juden
wollten unsere Germanomanen das erste Bündel Reiser zur Verbreitung der Flamme des Fanatismus hinlegen.
Der Fanatismus kennt aber keine Grenzen. Er blieb bei der Idee, die
Juden seine Geißel fühlen zu lassen, nicht stehen. Kaum war Frankreichs
Despotismus gebrochen, so gingen unsere Germanomanen noch
weiter. Arndt, Jahn etc. und mehrere Nachbeter derselben wollten nun
schon keinen Franzosen mehr in Deutschlands Gauen dulden, sogar die
Sprache der Franzosen sollte aus Deutschlands Marken verbannt sein, und
bei Verfolgung der fixen Idee der Germanomanie: alles Fremdartige von
Deutschlands Boden entfernt zu sehen, geht endlich der lauteste
Germanomane der jetzigen Zeit in seiner neuesten Broschüre so weit, auch
gegen England, das von den Germanomanen mit Huld bisher behandelte
England, eine vollständige Philippika abzuhalten.
Wer wird und muß es nicht dem deutschen Gemüt für eine hohe Tugend
anrechnen, seine Selbständigkeit und Eigenheit von der Willkür einer
ändern selbständig sein wollenden Nation zu befreien? Wer wird es dem
Deutschen verdenken, wenn er heute gegen die Tyrannei des Franzmanns,
morgen gegen die des Engländers und endlich so gegen die Tyrannei einer
jeden fremden Willkür sich erhebt, und das mit der Kraft, die des
deutschen Volkes Erbe ist? Aber die Hebel, welche der intellektuelle
Teil deutscher Nation seit kurzem aufbietet, um diese Kraft in Bewegung
zu setzen, dies wird jeder Unbefangene einräumen, waren nicht von der
Art, daß sie eine kräftige und biedere Nation ehren sollten.
Beleuchten wir ein wenig näher die Hebel, welche unsere Germanomanen
ansetzten, so finden wir zuerst, daß die Christusreligion als Erbteil
der Väter in hohe Protektion von ihnen genommen ward, und um darin ein
heroisches Mittel für das protestantische Gemüt zu besitzen, ward von
denen protestantischen Denkern, die an der Germanomanie kränkelten, der Katholizismus
in bedeutender Dosis darin verwendet. Frömmelei, abenteuerliche Bilder,
affektierte Anhänglichkeit an dogmatische Formen und Geheimnisse waren
die Maschinen, welche mit allem Nachdruck die schöne Richtung, in
welcher Zollikofer, Spalding und Teller die christliche Religiosität
erhielten, verdrängten. Jene Besonnenheit und Lauterkeit, welche das
protestantische Deutschland selbst in den religiösen Ideen begründet
hatte, wurden mit der Kraft eines begeisterten Fanatismus von unsern
katholisierenden Denkern bestürmt und gehöhnt. Der Erfolg davon war, daß
in dem Gebiet der Kunst und der Philosophie sich ein exzentrischer
Geist verbreitete, der die Denker und Dichter, welche Deutschlands
Kultur im achtzehnten Jahrhundert auf eine hohe Stufe der Bildung
emporgehoben, für flache, bodenlose Wesen erklärte. So ward in
Deutschland der Keim zu einer Denkart und einer Literatur gelegt, für
die von den Fichten, Schlegeln, Wernern, Müllern etc. und einem ganzen
Heere ihnen zu Gebot stehender junger Männer, im nördlichen Deutschland
mit dem glücklichsten Erfolg, ein hoher Grad von Empfänglichkeit
aufgeregt ward. Nachdem man in geistiger Hinsicht einen Gegensatz gegen
fremde oder gallische Tyrannei glücklich begründet zu haben wähnte,
wollte man auch einen irdischen Gegensatz aufstellen, und es ward nun
die Deutschheit kräftig und nachdrücklich empfohlen. Um beim
Volke Empfänglichkeit dafür zu finden, wurden Äußerungen vorgebracht,
die Grundsätze verrieten, welche dem Geist der Zeit entgegenzuarbeiten
vermögend sind. Deutschland, hieß es, ist vor uralten Zeiten einem Volk
anheimgefallen, das sich in Hinsicht des Charakters, der Denkart, der
Sprache und der Sitte von allen ändern Nationen unterscheidet. Diese
Individualität, die im Laufe der Zeit und durch den Gang der
Begebenheiten zerrüttet worden, wiederherzustellen und zu erhalten ist
der Beruf eines jeden echten Deutschen. Hierzu ist nun die erste
Bedingung, alles Fremde, von außen her Eingewanderte von Deutschlands
Gauen zu entfernen und Deutschland gleichsam für einen geschlossenen
Staat zu erklären.
So waren also Religion und Vaterland, diese beiden Ideen, welche in
den Staaten des Altertums die herrschenden Prinzipien ausmachten und
deren Stärke und Festigkeit begründeten, in der neuem Zeit von den Germanomanen
als die lichten Punkte aufgestellt und empfohlen worden, um Deutschland
wieder zu Kraft und Ansehen zu bringen. Die Fortschritte, die der
menschliche Geist in Hinsicht seiner Denkart über Religion, Nationalität
und bürgerliche Verfassung gemacht, waren keinesweges berücksichtigt,
vielmehr sollte in Deutschland wieder der Zeitgeist des Mittelalters
aufleben, wo der Pfaffengeist seine Macht zu üben und das Feudalrecht
sein Haupt emporzuheben vermochten.
Diese Absicht ward von mehreren Germanomanen ziemlich klar schon angedeutet. Zum wenigsten verfehlte Herr Adam Müller
nicht, dem Mittelalter eine kräftige Lobrede zu halten und es in
Hinsicht seiner Vortrefflichkeit dem unsrigen zum Muster aufzustellen,
so wie mehrere Germanomanen zur Beförderung echt deutscher
Gesinnung nicht allein die Verbreitung des Katholizismus als den
kräftigsten Hebel empfahlen, sondern auch durch den Übergang zu
demselben die Aufrichtigkeit ihrer Gesinnung erhärteten.
Unglaublich wirkte diese Tendenz der Germanomanen zum
Katholizismus auf den großen Haufen der Afterdenker und Schwachköpfe.
Dies geht ganz natürlich zu. Der Katholizismus, wie er von den Germanomanen
gehegt und gepflegt wird, hat mehr Intensität als der in den
katholischen Landen herrschende. Es zeigt sich in den Gesinnungen der Germanomanen
über die geheimnisvollen Lehren des Christentums eine Salbung, ein
Mystizismus, der sich bei dem wahren Katholiken in dem Grade nicht
äußert. Dem kalten und unparteiischen Beobachter wird es daher nicht
entgangen sein, daß der Protestantismus, der, wie das Wort gleichsam es
andeutet, dem Katholizismus entgegenstehen sollte, von den bedeutendsten
Germanomanen mit der ihnen eignen Innigkeit und Herzlichkeit so
umstrickt wird, die ihn eigentlich von seinem wahren Geist entfremdet
und ihn gleichsam dem alleinseligmachenden Glauben unterordnet. Man
könnte den mystischen Geist, der jetzt in dem protestantischen
Deutschland in Hinsicht des Christentums sich so lebhaft regt, füglich
den idealen Katholizismus, im Gegensatz des realen Katholizismus, der im katholischen Deutschland dominiert, nennen.
Dieser ideale Katholizismus, da er in tieferen Regionen des
menschlichen Gemüts sich entfaltet und daher wirksamer als der reale
ist, muß nun da, wo er sich mitteilt, weit nachdrücklicher und
bestimmter seinen Einfluß behaupten. Er ist also weit mehr zu
berücksichtigen. Die Anhänger desselben sind gleichsam für ihre Meinung
mit einem hohen Grad von Fanatismus oder mindestens Enthusiasmus
eingenommene Wesen, die deren Unverletzlichkeit mit Beharrlichkeit
behaupten werden, und mag darüber um und neben ihnen der Zustand der
Dinge seinem Untergang entgegeneilen, so betrachten sie dies als ein
geringes Opfer ihrer Individualität.
Für jeden selbst katholischen Staat ist es bedenklich, so gestimmte
Gemüter in seiner Mitte zu hegen. Befangen von ihrer idealen
Religiosität, werden sie selbige mit den Gesinnungen des Volkes zu
assimilieren suchen, und könnten sie endlich Herren der Volksstimmung
werden, vor welchen die Regierung ihre edelsten Plane nie durchzusetzen
vermögen dürfte, wenn sie diese geistigen Stimmengeber für ihre
Absichten nicht zu gewinnen wissen wird.
Indes dürfte aber in katholischen Landen der ideale
Katholizismus nicht in so hohem Grade wirksam sein oder die Phantasie
der Völker ergreifen, weil das Volk daselbst, an symbolische oder
zeremoniöse Darstellung der Religionswahrheiten gewöhnt, für die ideale
oder fanatische Darstellung derselben nicht die dazu erforderliche Tiefe
des Gemüts innehaben wird. Anders ist es in protestantischen Landen,
dort ist im allgemeinen die Tiefe des Gemüts durch äußere Ritualien der
Religion nicht unterminiert. Winke, Worte, Andeutungen, die Religion
betreffend, welche ein guter Kopf unter eine Masse für Ideen
empfänglicher Wesen hinwirft, fassen sofort einen festen Grund, sie
werden gleich ein Gegenstand der Meditation, die gemütlichsten Köpfe
sind dafür gewonnen und werden elektrisch von jeder Berührung getroffen,
in die sie mit denen geraten, die sie in religiöser Absicht
anzusprechen verstehen.
Daher hat sich die frömmelnde Religiosität in neuerer Zeit im
nördlichen Deutschland, der Wiege des Protestantismus, zum Erstaunen des
Beobachters des Geistes der Zeit, lebhafter und deutlicher
ausgesprochen, als es im südlichen Deutschland, dem Sitz des
Katholizismus, der Fall ist. Dort liegt ihr eine Idealität zugrunde, die
der transzendentale Idealismus und die Identitätsphilosophie mächtig
entwickelt, und ich bin überzeugt, daß die Autorität des Papstes und die
Hirtenbriefe aller Bischöfe auf die genialen Köpfe ihrer Herde den
Einfluß nicht haben werden, den die Fichte, Schlegel, Tieck, Schelling
und wie die idealistischen Märtyrer ferner heißen mögen, über ihre
Jünger geübt.
Sehr genau standen mit ihrem Enthusiasmus für den idealen
Katholizismus ihre Ansichten über die bürgerlichen Verhältnisse des
Menschen in Verbindung. Es war ganz in der Ordnung, daß Köpfe, welche in
den mystischen Ansichten vom Christentume den Kern der Seligkeit fanden
und es in dieser Hinsicht für die alleinseligmachende Religion hielten,
auch in ihrem Geiste diejenigen für vorzügliche Wesen hielten, die sich
diesem Glauben hingaben. Sie machten es wie die Epopten oder
Hierokraten aller derjenigen Völker, welche durch ihre Ansichten ihren
Einfluß zu begründen suchten; sie gingen zu Werke wie die Priester der
alten Völker und Staaten, die der Nation, deren Glauben sie leiteten,
und dem Boden, der sie nährte, eine Präeminenz aufbürdeten. So geschah
es denn, daß Deutschland, deutsches Volk, deutsche Sitte und deutsche Gemütlichkeit
von ihnen als das Höchste und Würdigste aufgestellt und von ihnen mit
einem Nimbus von Vortrefflichkeit umwölbt ward, worin man vielmehr einen
fieberhaften Rausch als eine vernünftige Besonnenheit ahnen könnte.
Der Deutsche, den die Natur gleichsam ausersehen zu haben schien,
in sich die vielseitige Kultur aller Zeitalter und Nationen aufzunehmen,
sowohl in Hinsicht der Religiosität als der Staatsverfassung und
Geisteskultur, sollte nach den Ansichten dieser deutschen Adepten oder Germanomanen
sich plötzlich von allem auswärtigen Einfluß absorbieren. Fremde Sitte
und Sprache sollte er von sich weisen und die entferntesten
Verhältnisse, die ihm etwas Ausländisches aneignen könnten, aufgeben.
Offenherzig zu bekennen, muß der kaltblütige und unparteiische Denker
über die Grundsätze, welche die sonst nicht zu verachtende Geisteskraft
dieser deutschen Denker hier aufstellt, die Achsel zucken.
Was wollen diese von beschränkten Ansichten und schiefen Resultaten
begeisterten Germanomanen, wie weiland Fichte und jetzt noch Arndt,
Jahn etc., bezwecken? Es soll Deutschland durch sie von der Tyrannei der
Fremdlinge, der es in unserer Zeit erlag, für immer befreit werden.
Ist denn Deutschland einer ändern Macht untertan worden, weil es
fremde Sprachen übte, fremden Sitten huldigte und dem Auslande in Kultur
und Industrie nachzustreben sich beeiferte? Mitnichten! Was Deutschland
in die Gewalt des Franzmanns brachte, war die Ohnmacht seiner
militärischen und bürgerlichen Kraft. Ging es denn Italien, Spanien,
Portugal und Holland anders? Hätten alle Staaten von Anfang der
Revolution in Frankreich die Begebenheiten in jenem Lande mehr
berücksichtigt und mit der Entwickelung der politischen Kraft desselben
gleichen Schritt gehalten, nie wären sie sowohl als Deutschlands Völker
in jene abhängige Lage geraten, die sie noch nicht verschmerzen können.
Zum wenigsten hätte Deutschland seine Macht mehr konzentriert gehabt und
so dem gänzlichen Unterliegen vorkommen können.
Unsere deutschen Politiker oder Germanomanen häufen nun
Entwürfe über Entwürfe, wie Deutschlands Kräfte so gestellt werden
könnten, daß sie gegen den Andrang eines auswärtigen Feindes schnell und
mit Erfolg gebraucht werden könnten.
Indes die umsichtsvollste Kunst des Diplomatikers und Politikers
dürfte hier gewiß scheitern. Die Verschiedenheit der Religion, der
Verfassung und der Interessen der deutschen Staaten sowohl untereinander
als gegen die auswärtigen Mächte, welche letztere durch die Lage oder
die Nachbarschaft mit Deutschland bestimmt werden, alle diese Umstände
zusammengenommen berücksichtigt, werden es für immer verhindern,
Deutschland zu einem politischen Körper umzubilden.
Wenn man aber die unzähligen Plane, Entwürfe und Umrisse zu einer
deutschen Konstitution, einem deutschen Föderativsystem durchläuft,
welche unsere Stubenpolitiker und sogenannten Schuldiplomatiker, die den
Gang der Welthändel bloß aus den Lektionen kennen, welche sie in ihrem
Kreise abhalten, uns zum Besten geben, muß man über die beschränkte
Umsicht der deutschen Gelehrten erstaunen. Sie betrachten die deutsche
Nation als ein Schulthema, das sich in Abschnitten, Kapiteln und
Paragraphen darstellen lasse. Ich glaube, daß Frankreich ihnen seit
zwanzig Jahren das Beispiel hinreichend gegeben, wie durch Entwürfe, die
nach Abschnitten, Kapiteln und Paragraphen entworfen sind, bei Staaten
und Völkern wenig ausgerichtet wird. Wenn Versuche der Art in dem einen
und vormals ungeteilten Frankreich mißlangen, was dürfen wir in
Deutschland erwarten?
Das Bekritteln und Zurechtweisen der Regierungen versteht man in
Deutschland ebensogut wie in ändern Staaten, aber den meisten
politischen Schriftstellern fehlt es am praktischen Blick und
Geschäftstakt. Ihre Entwürfe gleichen größtenteils denen des St. Pierre
und Mably. Sie schweben immer in höheren Regionen, anstatt auf festem
Boden zu bleiben. Das rührt aber daher, weil sie von überspannten oder
mystischen Ideen über ihr Land und Volk, über Deutschland und Deutsche
begeistert sind. Nach ihnen ist Deutschland das Gelobte Land und
deutsches Volk das von der Vorsicht ausgewählte Volk. Und eben weil sie
hohe Zwecke und unendliche Plane für ihr Vaterland und ihr Volk zu
entwickeln sich berufen fühlen, gehen ihre Ideen in dem Strom der
Begebenheiten immer und immer unter.
Was beabsichtigen endlich diese Fanatiker in dem Eifer ihrer
Germanomanie? Wozu die Anregung zu einem Kreuzzuge gegen alles
Undeutsche oder Ausländische? Soll Deutschland das Beispiel zur
Zwietracht und zum Nationalhaß aufstellen? Gibt es denn für Deutschland
kein anderes Mittel, seine Selbständigkeit und Eigenheit zu erhalten?
Hat es nicht einen Fonds von Kräften, diese Lage zu erschwingen, in der
Geradheit, Betriebsamkeit und der Kraft seiner Nation?
Glücklich ist Deutschland, daß seine Regierungen sich nicht von dem Miasma der Germanomanie
berauschen ließen. Deutschland ist frei, ist wiederhergestellt wie
vormals, und bloß durch die Kräfte, die seine Regierungsoberhäupter in
der treuen Anhänglichkeit der Völker an ihre Person, in ihrer Bravour
und Beharrlichkeit fanden. Ehren wird es Deutschlands Völker für immer,
bloß solche Hebel zur Rettung ihrer Selbständigkeit angewendet zu haben,
die dem Zeitalter, wo echte Aufklärung und Menschenliebe so trefflich
zu keimen begonnen, entsprachen.
Glücklich ist Deutschland ferner, daß die Idealität unserer Germanomanen
in den Regionen der politischen Verhandlungen keinen Zutritt gewann.
Wir sehen dort nur in Geschäften geübte und bewanderte Köpfe wirken, die
ganz andere Ansichten von Nationen, Staaten, Allianzen und politischen
Verhandlungen und Institutionen mitbringen, als unsere literarischen
Kongreßadepten zutage fördern. Merkwürdig ist es aber, beiläufig gesagt,
daß selbst unter den deutschen Diplomatikern, die bei den zeitigen
politischen Verhandlungen wirksam sind, auch diejenigen, die einesteils
von den idealen Ansichten unserer Germanomanen begeistert waren,
von ihrer Idealität gleichsam herabgestimmt worden sind und den
praktischen Ansichten, die ihnen ihre Stellen verleihen, sich
unterzuordnen wissen.
Man durchlaufe doch nur die Legion von Broschüren, Aufsätzen,
Entwürfen und Bruchstücken, welche das Reich der deutschen Literatur
seit der wieder bestehenden Integrität Deutschlands aufzuweisen hat und
worin über Deutschlands Rettung, Erhaltung und Verfassung verhandelt
wird. Man durchblättere sie nur und zeige aus denselben eine Idee auf,
welche für die Kongreßverhandlungen, die in Wien und Paris abgehalten
worden sind oder wo noch stattfinden sollten, tauglich gefunden werden
könnte, um angewendet zu werden. Kann es wohl einen in die Augen
fallendem Beweis von dem überspannten oder abgespannten Ideenverkehr der
deutschen Politiker oder vielmehr Germanomanen geben? Wird man
nicht folgern müssen, daß die Zuversicht, mit welcher sie sich vernehmen
lassen, keinesweges auf Geschichte, Erfahrung und Beobachtung, die
ersten Elemente einer gründlichen diplomatischen Verhandlung, gegründet
ist?
Bei einigem Nachdenken und einiger Bekanntschaft mit dem Ideengang der Germanomanen
wird sich jedem leicht die Ursach ihrer Grundlosigkeit ergeben. Keiner
von ihnen will sich zu dem Gedanken erheben: daß das Band des
gesellschaftlichen Lebens sich jetzt mehr auf das Prinzip des Rechts als
auf jedes andere gründet. Ebendeshalb weil das Rechtsprinzip eine
solche Präponderanz in den Einrichtungen und Verhältnissen der Staaten
untereinander gewonnen, sind sie alle eigentlich von einem sittlichen
und staatswirtschaftlichen Geiste belebt, wodurch ihnen eine gleiche
Wirksamkeit oder Tendenz die Tendenz zur Menschenbildung allmählich
eingeimpft ward.
Man mag Rousseau, den Ökonomisten und einigen andern Denkern
auch zurechnen, an allen Übeln, welche die Französische Revolution über
Europa verbreitet, schuld gewesen zu sein, man mag auch in der
Deduktion ihrer Grundsätze manche Fehlschlüsse und Irrtümer aufdecken
können. So viel ist aber gewiß, daß sie eigentlich in ihren Schriften
solche Grundsätze zu einer Handlungsweise aufstellten, wohin die
Menschheit schon seit einem Jahrhundert tendierte, nämlich zu einer staatsrechtlichen.
Es mag ferner wahr sein, daß durch ihre Schriften im Kreise der
Gesellschaften die staatsrechtlichen Prinzipien in Umlauf und endlich
zur Sprache kamen, die sie endlich denjenigen Zustand schneller zu
begründen begeisterten, den man den rechtlichen nennen kann.
Indes der Keim zu diesem System zeigte sich bereits im siebzehnten
Jahrhundert. Schon seit dem Westfälischen Frieden ward bei politischen
Verhandlungen, Traktaten, Besitznehmungen nicht mehr Sprache, Religion,
Urpopulation eines Landes scharf berücksichtigt. Die Erde oder der
Erdball ward als eine Substanz betrachtet, die das Erbteil der
Menschheit ist, wo das Bedürfnis mehrere Gesellschaften gebildet, die
von verschiedenen Regentendynastien beherrscht werden. Diese
verschiedenen, von verschiedenen Regentendynastien beherrschten
Gesellschaften nennt man zwar Staaten, indes es ist nicht die
Naturgrenze, die Sprache oder das Urvolk, das einen Boden in Besitz hat,
wodurch ein Staat das Gepräge der Individualität jetzt noch einzig und
allein hat. Vielmehr ist es die Regierung, die mehrere Naturgrenzen,
mehrere verschieden sprechende Nationen und mehrere Urvölker unter ihrer
Botmäßigkeit oder rechtlichen Handhabung zusammenhält, die den Staat
bildet. So stehen jetzt die Staaten alle vor uns, so stehen Rußland,
England, Preußen, Osterreich als die vier zuschlagenden Mächte Europas,
und eine solche Basis haben die Staaten schon seit einiger Zeit.
Wir wollen nun einmal unsern Germanomanen, die den Mund immer so voll von echter Deutschheit nehmen, die in der Deutschheit
das Ding kat exochen (orig. griechisch, Anm.) sehen, die von dem
deutschen Urvolk, von der deutschen Ursprache, von der Integrität,
welche man Deutschland zu erhalten verpflichtet ist, nie genug sprechen
können, den Standpunkt der vorhandenen Staaten und Regierungen unter die
Augen bringen und sie fragen: woher sie für Deutschland eine
abgerundete, geschlossene und selbständige Verfassung hernehmen wollen.
Und wenn es der Fall wäre, wenn Aussicht, dieser Federung zu genügen,
vorhanden sein sollte, warum sie der deutschen Nation vor allen ändern,
vor den Ungarn, Polen, Italienern, Tirolern, ja selbst Franzosen, eine
solche abgeschlossene Selbständigkeit anwünschen möchten. Sie werden mit
den Fichten, Arndten, Müllern etc. in der Hoheit und Vortrefflichkeit
ihres Volkes vor jedem ändern ihren Anspruch begründen, sie werden auf
ihre Namen als Deutsche pochen, aber Gründe werden sie
ebensowenig für ihre Ansprüche vorbringen können, ebensowenig wie die
Franzosen, als sie sich die große Nation nannten, und die Juden, wenn sie sich für das auserwählte Volk Gottes achten.
Bei dem jetzigen Standpunkt der Regierungen kann es keinesweges
Zweck derselben sein, in Deutschland einen Urstaat, ein Urvolk und eine
Ursprache zu erhalten und aufzustellen. Er kann und wird es nicht sein.
Wir sind, dem Himmel sei Dank! so weit gekommen, daß wir die Menschen
nicht in Stämme und Rassen einteilen und von der Verschiedenheit des
Bodens auf eine Verschiedenheit in der menschlichen Gattung folgern. Die
menschliche Gattung wird jetzt durch den Namen Menschheit in
staatsrechtlicher Hinsicht nach ihrem ganzen Umfange aufgefaßt, und in
welchen polizierten Staat ein Glied derselben hinversetzt wird, läßt man
es Ansprüche auf die Rechte machen, welche die Regierung ihren
Untergebenen sichert. Es können Eigenheiten, Nationalitäten noch hin und
wieder diesem Fortschritt des menschlichen Geistes in den Weg treten,
es sind noch Staaten vorhanden, wo dem Fremdling sich Beschränkungen
entgegenstellen, die den freien Gebrauch seiner Kräfte hindern oder
seine Tätigkeit hemmen; allein bei dem jetzigen Standpunkt der Dinge, wo
nach Lage der politischen Verhältnisse durch Verträge, Konventionen der
Regierungen die Grenzen der Staaten verlegt, die Regenten der Völker
verändert und die innern Verhältnisse derselben von dem fortschreitenden
Geist des Nachdenkens, als Folge der zunehmenden Kultur und Industrie,
kontrolliert und reformiert werden, ist leicht mit Sicherheit zu
folgern, daß allmählich in allen Regionen des Erdbodens jedem
menschlichen Individuum ein gleicher Spielraum zur Übung seiner Kräfte
gesichert werden wird.
In den Zeiten des Altertums, ja noch in der Epoche, mit der die
neuere Geschichte beginnt, wo Nationalund Vernichtungskriege,
Völkerwanderungen und Hordenzüge den Nationen nicht allein ihr
Heiligstes, ihre Religion, sondern auch ihren Boden, ihr Eigentum oder
ihre Existenz zu entreißen drohten, da stand es den Nationen an, auf den
Genuß gewisser Vorrechte eifersüchtig zu sein oder sie jedem zu
versagen, der nicht ihres Stammes, ihres Glaubens etc. war, so wie es
wieder der Lage der Dinge angemessen war, ihrer Abstammung, ihrem
Glauben und ihrer Sitte, trotz der vorteilhaftesten Aussichten einer
schönem Zukunft, kurz, unter keiner Bedingung zu entsagen.
Diese Abgeschlossenheit der Nationen gründete sich auf die niedrige
Bildungsstufe, worauf sich die Menschen vormals befanden. Der Perser,
Jude, Grieche und Römer, Deutsche, Gallier und Franke, kurz, jeder
beschränkte auf sein Volk die Menschheit. Nur in seiner Nationalität
erkannte und schätzte jeder die Würde der menschlichen Gattung, in jedem
ändern Volke sah er seinen Feind oder seinen Gegner.
Soll es wieder so werden, und kann es wieder so kommen? Wenn wir unsere Germanomanen,
die im Tone eines Arndt, Jahn etc. ihren Patriotismus verlautbaren
lassen, vernehmen, so sollte, so dürfte es wieder dahin kommen. Von
Deutschland wollen diese Patrioten alle Ausländerei entfernt halten.
Bald haben sie es mit den Franzosen, bald mit den Engländern zu tun.
Bald haben ihnen jene zu vielen Einfluß aufs deutsche Vaterland, bald
sehen sie diese darauf ausgehen, ihn zu erlangen. Wenn sie doch aber so
kräftig und nachdrücklich zu raten wissen, warum zeigen sie denn den
Deutschen nicht den Weg, sich ebenfalls über das Ausland des Einflusses,
den England und Frankreich sich über Deutschland zu erschwingen weiß,
zu bemeistern?
Mit ihrem Bestreben, dem Deutschen ein Wohlgefallen an sich selbst,
an seiner Individualität, an seinen Sitten, seiner Sprache
aufzudringen, damit werden sie nicht weit reichen. Das liegt in der
Natur der Sache.
Deutschland hat sich in Hinsicht seiner Kultur und Industrie lange
nachher, als Spanien, Italien, Holland, Frankreich und England schon
bedeutende Fortschritte geniacht, erst emporgehoben. Alles übrigens, was
es jetzt darin Vorzügliches leistet, verrät seinen Ursprung oder zum
wenigsten das Muster des Auslandes. Wir mögen uns hinwenden, in Vielehe
Region des Wissens wir wollen, so finden wir entweder die antike oder
moderne Bildung in jedem Zweige des deutschen Wissens und Tuns wirksam;
wollen unsere enthusiastischen Germanomanen von Deutschland alle
Ausländerei entfernen, so mögen sie auch den Einfluß des Altertums auf
uns zu entfernen suchen, den Einfluß vorzüglich der Griechen, deren
ganzes Wesen so innig den Deutschen anspricht, wie schon die trefflichen
Übertragungen ihrer Meisterwerke, die der Deutsche in seiner Sprache
aufzuweisen hat, erhärten. Freilich geschehen Bestrebungen der Art von
unsern Germanomanen genug. Es verlautet schon, daß das Lied der
Nibelungen die Stelle der llias und Odyssee auf den Schulen vertreten
soll und daß von manchem Minneund Meistersänger Schulausgaben
veranstaltet werden, um sie den Knaben anstatt des Pindar und Horaz in
die Hände zu geben. Schade nur, daß Versuche der Art eben den Erfolg
haben werden wie das Bestreben, die Meisterwerke eines Lessing, Schiller
und Kotzebue durch die Alarkos und Ion etc. zu verdrängen!
Aber der hauptsächlichste Umstand, der es verhindern dürfte, in
jetzigem Zeitalter unter den Nationen und Staaten eine Abgeschlossenheit
zu bewirken, ist wohl das Familienband, das die Regenten des größten
Teils der kultivierten Staaten umschlingt. Die Machthaber der Staaten
und Nationen, die den Zügel in Händen haben, an welchem sie die Kräfte
ihrer Völker leiten, stehen gleichsam durch Familienund Vermählungsbande
im trautesten Verein. Sie begeistert eine Seele, eine
Liebe, die der Einheit, die keine andere Rücksicht in Verfolgung des
allgemeinen Wohls stören dürfte als die vom politischen Interesse für
die jedem von seinen Kommilitonen ihm garantierte Selbständigkeit.
Bei diesem Verhältnis der Regenten untereinander ist es eine leere
und spitzfindige Idee, noch an eine Abgeschlossenheit der Nationen zu
denken, noch daran zu denken, daß der Deutsche durch eine Chinesische
Mauer von dem intellektuellen Einfluß des Auslandes abgeschreckt werden
dürfte.
Und wie beseligend, wie labend ist nicht der Gedanke für den, der
in der Gegenwart der Nationen die Idee der Menschheit ahnt und der das
Ziel des Haders und der Entzweiung der Völker in der Idee aufgelöst und
beseitigt findet: daß in der Existenz der Völker die Idee der Menschheit
sich dereinst ganz abspiegeln wird! Wie tröstend ist nicht der Gedanke,
daß, bei dem sich immer mehr ausbildenden Familienbande der Regenten,
im Kreise der Gesellschaft die Idee der Menschheit verwirklicht werden wird!
Dies wären nun meine Ansichten und Ideen über das Resultat, das dem
Gang der zeitigen Begebenheiten zum Grunde liegt. Sie weichen natürlich
sehr an Inhalt und Ton von denen des Großteils der deutschen Politiker
oder der sogenannten Germanomanen ab, indes sie erhärten sich
schon durch die begonnene Auflösung des großen Dramas, das sich vor
unsern Augen entwickelt hat. Ich erspare mir die spezielle Anwendung der
gegebenen Andeutungen, weil sie der unparteiische Beobachter sich
selbst verschaffen kann und der Parteigänger nimmer überführt werden
wird.
Keinesweges sind sie aber hier hingelegt, um einen Kampf mit den
sogenannten Stimmgebern der deutschen Literatur einzuleiten. Alle diese
Ideen habe ich, bald umständlicher, bald etwas anders gestellt, teils in
gelesenen Zeitschriften, durch Rezensionen, Abhandlungen, teils in
besondern Schriften, schon hingelegt.
Meinen Ideengang werde ich nicht so bald aufzugeben mich berufen
fühlen, ob er freilich nicht so berücksichtigt zu werden sich
schmeicheln kann wie der von Männern, die an der Spitze von Fakultäten
und Dikasterien stehen und denen ein Heer von Nachbetern und jungen
Männern als Anhänger zu Gebote steht. Ich würde ihn aber auch hier
keinesweges von neuem wieder hingelegt haben, wenn ich nicht etwas
Löbliches dabei beabsichtigte.
Seit mehreren Jahren ist vieles über Christusreligion, Patriotismus und Deutschheit
in der Art, wie ich eben vorgetragen, gesagt und geschrieben worden.
Ich habe darüber kein Wort seit längerer Zeit verloren, weil es nicht in
die Verhältnisse derjenigen eingreift, deren Charakter zu vertreten ich
mich verpflichtet halte, und, wenn es eingriff, so gesagt und gestellt
war, daß ich dabei nichts zu sagen mich bewogen fühlte. Wer wird das
Urteil der Horazischen „Erntorum nucis" berichtigen wollen? Wer wird in
das Gespräch der Routiniers und gelehrten Schwätzer sich mischen? Ich
achte kein Urteil, das man vom Zaune greifet. Soll ich ein Urteil
beurteilen, so muß es verraten, daß es sich auf Prinzipien gründe, deren
Schwäche man beweisen muß, nur dann vermag man die Kraft des Urteils zu
schwächen.
Der Fall tritt jetzt ein. Vor kurzem bekam ich einen Aufsatz des
Herrn Professor Rühs zu Gesichte, betitelt: „Über die Ansprüche der
Juden auf das deutsche Bürgerrecht".
Es gibt vielleicht nichts Gutes und Schlechtes mehr an den Juden, was
man nicht schon von ihnen gesagt, geschrieben, ja auf der Bühne und
durch den Griffel dargestellt hätte. Herr Rühs und ich können daher
beide im ganzen nichts Neues für und gegen die Juden sagen. Aber der
Standpunkt, von welchem Herr Rühs ausgeht, gründet sich auf eine
Denkart, die von einem großen Teil der denkenden Köpfe in Deutschland,
von den von mir so genannten Germanomanen protegiert wird und die, wie ich schon vorhin geäußert, durch den Fichtisch-transzendentalen Idealismus und Schellingsche Identitätssysteme Sanktion erhalten.
Ich finde es nun zuträglich und heilsam, mich etwas nachdrücklich
über jenen Standpunkt zu äußern. Denn außerdem daß die edelsten und
gebildetsten Jünglinge Deutschlands für jene philosophischen Systeme —
und das mit vielem Grunde — gewonnen werden, wissen auch die Verfechter
derselben eine Harmonie oder Verbindung zwischen jenen Systemen und der Germanomanie herzustellen, wodurch ein großer Teil der Verehrer jener Philosophie zu einer Germanomanie
gestimmt wird, einer Gesinnung, die keinesweges weder die Regierungen
noch der unbefangene Teil deutscher Denker weit umher verbreitet zu
sehen wünschen dürften.
An Herrn Rühs wird es sich nun ziemlich bestimmt dartun lassen, welchen Einfluß die Germanomanie auf das Gemüt zu machen vermag.
Außerdem daß des Herrn Rühs vorhin erwähnter Aufsatz ganz von dem Geiste eines echten Germanomanen oder Anhängers des politisch kranken Fichte, eines Mitgliedes des deutschen Tugendbundes und der deutschen christlichen Gesellschaft
durchdrungen ist, zeigt schon die Überschrift desselben die ganze
Tendenz des Verfassers: „Über die Ansprüche der Juden auf das deutsche
Bürgerrecht". Deutsches Bürgerrecht! Was will der Verfasser mit diesem
Epitheton? Bei ihm ist wohl das deutsche Bürgerrecht etwas Vorzüglicheres als das preußische oder englische?
In dem Aufsatze selbst stellt nun Herr Rühs das Resultat auf: daß
man den Juden das Bürgerrecht nicht erteilen soll. Er betrachtet alle
Gründe, die man seit Dohm gegen seine Meinung aufgestellt, als
unzureichend und schwach. So will Herr Rühs zum Beispiel die Folgerung
der Judenfreunde: daß, wenn zunehmende Bevölkerung jedem Staate
zuträglich sei, man den Juden allgemeine Aufnahme gewähren solle, als
grundlos betrachtet wissen. Nach seiner Meinung hat man den Satz: die immer fortschreitende Zunahme der Bevölkerung sei die wesentlichste Bedingung des größtmöglichsten allgemeinen Wohls,
theoretisch aufgegeben. Allein dem Satz, wie ihn Herr Rühs aufstellt,
kann man eigentlich nie gehuldigt haben. Er wird vielmehr sagen sollen: Da, wo die Zunahme der Bevölkerungfortschreitet, ist die Bedingung des größtmöglichsten Wohles in Wirksamkeit.
Auf diese Weise den Satz aufgestellt, wird er wohl immer ein Axiom in
der politischen Ökonomie abgeben. Nur dies wird stets praktisch
schwierig bleiben und für den Staatsmann ein anhaltendes Studium
erfordern, die für jeden einzelnen Staat, als individuelles Wesen,
erforderliche Bedingung zur Erhaltung des größtmöglichen allgemeinen
Wohls nach ihrer ganzen Individualität aufzufassen.
Als einem echten Germanomanen kommt es Herrn Rühs darauf
nicht an. Er macht es dem Staatsmann leicht. Es heißt bei ihm: „Auf die
Zahl, die Betriebsamkeit und den Gewerbfleiß kommt es nicht an, sondern
auf den Geist (!), der ein Volk belebt, der es vereinigt und die
einzelnen zu einem unauflöslichen Ganzen zusammenkettet, auf die Treue,
die es bewahrt, auf die Liebe für das Vaterland, auf seinen Glauben an
Gott und an sich, auf seine Bereitwilligkeit, die irdischen Güter
geringzuachten und alles, selbst das Leben, den unwandelbaren
Heiligtümern (!!) und den Forderungen des Gemüts (!!) zum Opfer zu
bringen. Ein Volk kann nur zu einem Ganzen werden (immer hab ich
gehört, daß ein Volk schon ein Ganzes ist) durch einiges (?)
Zusammenwachsen aller seiner Eigentümlichkeiten (das muß ein schönes
Gewächs werden), durch die gleiche Art seiner Anstrengungen, durch
Gesinnung, Sprache, Glauben, durch die Anhänglichkeit an seine
Verfassung. Nur darf ein Volk, ohne sich selbst zu schaden, sich nicht
so scharf absondern, um die Aufnahme einem jeden Fremden zu versagen,
aber nur unter der Bedingung, daß, wer Mitglied eines ändern Volks
werden will, sich ihm ganz hingebe und gleichstelle. Wäre der erste
Erwerber eines neuen Volksrechts nicht ganz mit seinen Landsleuten
verschmilzt, so werden es seine nächsten Nachkommen, so sind ja
unzählige Franzosen und selbst Juden, sobald sie aufhörten, Juden zu
sein, Deutsche geworden."
Hier hört man doch wohl den wahren Germanomanen! Der
Franzose und der Jude müssen nach ihm aufhören, Franzose und Jude zu
sein, um Deutsche zu werden. Was versteht aber Herr Rühs unter diesem
Aufhören? Der Franzose und Jude sollen nicht daran denken, daß sie
Franzose und Jude sind, sie sollen ganz ihrer Nationalität entsagen, um
Deutsche zu werden. Und solchen Menschen, die das Innigste ihres Gemüts
wie die Wäsche zu wechseln vermögen oder zu wechseln entschlossen wären,
würde Herr Rühs sein Vertrauen schenken? Solche Menschen würde Herr
Rühs für Deutsche anerkennen? Was würde er von einem Deutschen sagen,
der seinen Ursprung im Auslande verleugnen wollte? Als Germanomane
müßte er ihn verdammen und als Mensch in ihm an aller Wahrheit
verzweifeln. Noch ist nicht nachgewiesen worden: daß ein Franzose, Jude,
kurz, jedes Individuum einer Nation im Auslande seine ganze innere
Individualität völlig abgelegt. Der Brennpunkt der kindlichen Gefühle
und jugendlichen Eindrücke bleibt immer im menschlichen Busen zurück.
Wer etwas anders von einem Fremdlinge zu glauben sich berechtigt fühlt,
wer ahnen kann, daß er seine ganze Individualität zu unterdrücken
vermag, der setzt bei ihm eine Geistesstärke voraus, die ihn verhindern
wird, die Eigenheiten der Nation, unter die er sich begibt, anzunehmen.
Hierin haben eben die Regierungen der neuen Welt etwas
Unterscheidendes von denen der alten. Letztere waren nur auf
Individualität des Volks, des Bodens und des Klimas berechnet, diese
gründen sich aber durchgängig und allgemein auf das Rechtsprinzip: „Qui
vit comme philosophe, peut vivre en citoyen." Man fragt nicht oder
sollte nicht fragen: Was denkt der Ankömmling?, sondern: Was treibt er,
wie lebt er? Fügt er sich in die Gesetze des Staats, so ist er ein guter
Bürger. Hätten die Juden dies von Anbeginn getan und, wie jetzt in den
meisten Staaten, zur Bürgerlichkeit sich bequemt, sie würden schon
längst oder gleich alle Bürgerrechte erlangt haben, die man ihnen jetzt
allgemein einzuräumen sich entschließt.
Mit dem größten Teil der Judengegner führt nun Herr Rühs mehrere
Gründe gegen die Judenduldung auf, die schon längst entkräftet sind.
Unter anderm stützt er sich aber, bei der verlegenen Behauptung: daß die
Juden einen Staat im Staate bilden, auf Maimon. Wenn doch Herr Rühs die
eigenen Worte Maimons hierüber angeführt hätte.
Ich habe Maimon persönlich und genau gekannt. – Aus meinen Händen
erhielt er zuerst ein Exemplar von Kants „Kritik der reinen Verkunft",
das er mir erst nach Jahren zurückgab und sich noch in meinem
Büchervorrat findet. Ich war es, der ihn zum Schriftsteller ermunterte,
ihm oft mit Rat aushelfen mußte. Ich werde daher wohl seinen
literarischen Charakter und die Gemütlichkeit, mit der er die Sachen
darstellte, beurteilen können. Maimon hatte, als geborner Pole, bei
Abfassung seiner Lebensgeschichte bloß die im vormaligen Polen lebenden
Juden vor Augen, und diese stellen, ebenso wie der polnische Staat
selbst, eine eigene Seite der Bildung auf. Auf diese Juden ist alles nun
anzuwenden, was Mainion sagt. Diese hatten eine eigene Verfassung unter
sich, da der Staat selbst keine besaß und daher noch weniger den Juden
eine zu geben sich berufen fühlen konnte.
Übrigens muß man sowohl die wohlwollenden als die gehässigen
Äußerungen Maimons gegen seine Landsleute gar nicht als aus festen
Grundsätzen hergeleitete Raisonnements betrachten, mit denen es ihm ein
bestimmter Ernst war. Maimon hatte, wie der größte Teil der Polen oder
überhaupt alle von Politur entblößten, geistreichen Menschen, gewisse
Launen, die ihn in seinen Urteilen leiteten. Wie jene wechselten,
bekamen seine Urteile eine andere Stellung, und ich war oft Zeuge, wie
er seine besten Freunde durch die von seiner Laune herbeigeführte
Veränderlichkeit seines Urteils empfindlich zu kränken sich ein
Vergnügen machte. Die im Gemüt des Menschen haftende Portion von
Bosheit, die der Gebildete zu verbergen versteht, äußerte sich bei
Maimon oft unwillkürlich, und das machte ihm viele Feinde.
Die paar Worte, die Herr Rühs von Maimon anführt: „daß die jüdische
Nation unter dem Schein einer Theokratie von einer immerwährenden
Aristokratie beherrscht wird", haben eigentlich nur eine subjektive
Bedeutung; sie sollen nicht mehr sagen als das, was man von jeder
Kirchenverfassung behaupten könnte: Es ist nicht der Glaube, der sie
erhält, sondern die Macht oder der Einfluß derjenigen, die ihr
vorstehen.
Übrigens kann man es Herrn Rühs nicht verübeln, wenn er glaubt: daß
das Wesen des Judentums durch das Ansehen der Rabbiner und in der
Beobachtung des Zeremonialgesetzes besteht. Dieses ist eine
Lieblingsansicht des größten Teils der theologischen Denker, welches sie
wahrscheinlich auf die Autorität Spinozas geworden, der in seinem
vormals allgemein gelesenen „Theologisch-politischen Traktat" das
Judentum als ein offenbartes Gesetz erklärte. Unter den neuem
Juden hat diese Ansicht vorzügliche Popularität durch das Ansehn
Mendelssohns erhalten, der sie ohne aber Spinoza als Urheber zu nennen,
wozu ihn vielleicht gewisse Rücksichten veranlaßten in seinem Werkchen
„Jerusalem, oder über religiöse Macht und Judentum" wieder aufgefrischt.
Allein der höhere Standpunkt, den der menschliche Geist über die
Idee von Religion durch den Fortschritt der neuem Philosophie genommen,
dürfte wohl auch einen denkenden Kopf dahin führen, dem Judentum eine
edlere Basis zu geben. – Ein Versuch der Art ist bereits vor längerer
Zeit erschienen.
Allein trotz des ungeteilten Beifalls, den er in der
christlichtheologischen Welt erhalten, ist er nicht von den Anhängern
des Judentums berücksichtigt worden, wahrscheinlich weil er dem
Ideengange entgegensteht, für den sie durch die Autorität Mendelssohns
gestimmt werden. Daher ist Mendelssohns Ansicht vom Judentum auch noch
diejenige, welche die aufgeklärten Juden vorzüglich im Auge haben.
Mendelssohn kam auf ganz natürlichem Wege dazu, die von Spinoza
gegebene Idee vom Judentum durch seine Autorität geltend zu machen.
Mendelssohn lebte in dem Zeitalter der Aufklärungssucht oder in der
sogenannten Aufklärungsperiode, wo die denkenden Köpfe Deutschlands jede
positive Religion bloß als ein Vehikel betrachteten, den gemeinen Mann
oder das Volk zu zügeln und zu leiten. Dieser Meinung war Abt, Lessing,
Nicolai etc. Geistesbildung war ihnen einzig und allein das Mittel,
wodurch der große Zweck der Vorsicht, in der menschlichen Gattung die
Menschheit zu generieren, erreicht werden dürfte, und Religion ging bei
ihnen bloß den Weg dabei nebenher. Diese Ansicht teilte nun Mendelssohn
mit seinen gelehrten Freunden. Es war ihm daher willkommen, das Judentum
nicht als Sache des Geistes und Herzens, sondern als offenbartes Gesetz
darzustellen, das man ohne Liberwindung dereinst dürfte fahrenlassen
können. Er ge^vann hierbei die Aussicht, daß seine Glaubensgenossen, je
mehr sie sich bilden und den Wissenschaften obliegen werden, wie die
Anhänger jeder ändern Konfession, dasjenige Interesse an ihrer Religion
verlieren werden, das sie zu seiner Zeit an sie fesselte.
Er täuschte sich auch nicht in seiner Erwartung. Es lebte seitdem
eine große Masse von Juden auf, wie sie Herr Rühs richtig
charakterisiert. „Juden, die sich über die strengen Vorschriften
wegsetzen, das Ansehn der Rabbiner und des Zeremonialgesetzes nicht mehr
anerkennen, die Bande zerrissen haben, die ihnen lästig waren, und die
Hauptlehre der jüdischen Religion, von der Zukunft des Messias, als
lächerlich erklären. Sie bilden ein Mittelding zwischen Juden und
Christen, die sich eine eigene Art von völlig unhaltbarer Religion in
törichtem Dünkel zusammengesetzt haben, eine eigene Sekte, die kein
Staat anerkannt, und nur eine stillschweigende Duldung genießen."
So strenge Herr Rühs gegen die jüdischen Indifferentisten ist, so
sollte er doch bedenken, daß es auch unter den christlichen Konfessionen
der Indifferentisten genug gibt, ja selbst der Orient, wo der
Mahomedanismus auf den Menschen lastet, hat deren aufzuweisen. Noch mehr
kann ich Herrn Rühs zur Beruhigung sagen, daß die Indifferentisten des
Judentums eben beschäftigt sind, die Vorwürfe, die ihnen Herr Rühs
macht, für die Folge abzuwenden, indem sie alle Vorkehrungen zu einem
Ritus treffen, der dem Zeitalter und der Bildung der Juden angemessen
ist.
Um aber Herrn Rühs einen Beweis von meiner Unbefangenheit zu geben,
will ich hier im Vorbeigehen bemerken, daß ich dem bisher gemachten
Versuch, einen neuen jüdischen Ritus einzuführen, einen geringen Wert
beilege. Die Liturgie ist nur das Äußere der Form der Religion, der
Firnis, der dem Auge dies Äußere angenehm darstellen soll. Nach meiner
Ansicht muß daher der Liturgie einer jeden Religion, wenn sie anders
individuelle Bedeutung haben soll, eine Dogmatik vorausgehen. Sie ist
die Grundsäule jeder Religion. Wo sie fehlt, ist das Ganze eine Farce,
ein Schauspiel, das bloß das Auge belustigt oder ergötzt, Herz und Geist
aber nicht im Geiste der individuellen Religion ergreift. So wird, nach
meinem Bedünken, die von den im Mendelssohnschen Geiste gebildeten
Juden eingeführte Liturgie nicht das Judentum befördern, sondern ein
Material, das man aufs Wort dafür nimmt, absetzen.
Nach Mendelssohns Ansicht sollen im Judentum keine Dogmen gestattet
werden, dieser Ansicht wollen nun seine Verehrer treu bleiben. Sie
beschäftigen sich bloß mit der Reform des äußeren Gottesdienstes oder
der Liturgie, und so wird und muß das Judentum in Hinsicht seiner
Intensität immer mehr entkräftet werden, so daß man die Anzahl der
Indifferentisten unter den Juden im progressiven Fortschritt verbreitet
zu sehen erwarten darf.
Deshalb glaube aber Herr Rühs nicht, daß die indifferenten Anhänger
des Judentums einen Pleonasmus, eine Moosart oder eine
Schmarotzerpflanze in der Weltordnung abgeben. Im Gegenteil, ich glaube
vielmehr, daß sie in der Weltordnung bestimmt sind, den Grund zu einem
Antidot gegen den religiösen Dogmatismus zu legen, und dereinst
Werkzeuge abgeben dürften, allen positiven Glauben verschiedener Art und
Form, wie er noch in der Welt besteht, zu einer freiem und einfachem
Form hinzuleiten. Diese Hypothese dürfte indes Herrn Rühs Veranlassung
geben, mich zu beschuldigen: daß ich, im Geiste eines echten Juden,
meinen Glaubensgenossen eine höhere und vorzüglichere Bestimmung im
Kreise der Wesen ausersehen. Indes kann ich ihm zu seiner Beruhigung
sagen: daß ich diese meine Hypothese nur vorgebracht, um sie der
seinigen entgegenzustellen, die er im Geiste eines echten Germanomanen, und also als Gegner der Juden, zu erhärten sucht.
Vielleicht dürfte Herr Rühs dereinst, wenn er, befreit von seiner Germanomanie,
zur Weltbürgerlichkeit zurückkehren sollte, mildere Grundsätze gegen
Franzosen und Engländer und mithin auch gegen die Juden aufstellen
mildere Grundsätze, vorzüglich gegen die letzteren, als diejenigen, die
er als Resultate seines Raisonnements vorbringt; nämlich: daß man bei
einer präsumtiven Organisation der deutschen Reichsverfassung
1) das Verhältnis genau bestimme, worin die Juden zu den Deutschen stehen sollen;
2) ihre Vermehrung durch Einwanderung in Deutschland verhindere und
3) ihnen den Übergang zum Christentum, als die erste und
unumgängliche Bedingung, wie sie zu Deutschen umgebildet werden können,
erleichtere.
Wer verkennt hier in Herrn Rühs den Germanomanen? Jeder Schritt,
der in Deutschland für und gegen die Juden getan wird, soll nach Herrn
Rühs und seinen Freunden mit der Brille der Germanomanie beäugelt werden, alles soll nur mit Rücksicht auf die Germanomanie
geschehen. Man soll bestimmen, in welchem Verhältnis der Jude zu den
Deutschen stehen soll! Als wenn dies Verhältnis verschieden sein müßte
von dem, das der Jude gegen jede andere Nation hat, oder als wenn der
Deutsche hierin keine andere Nation zum Muster nehmen sollte. Man soll
ferner der Juden Vermehrung in Deutschland durch Einwanderung
verhindern! Als wenn dies nicht schon längst geschehen wäre. Und soll
endlich der Juden Übergang zum Christentum befördern, damit sie zu
Deutschen umgebildet werden! Als wenn das Christentum die unumgängliche
Bedingung der Deutschheit wäre. Ich erinnere mich eben, daß die
Deutschen, wie sie Tacitus darstellt, die unter Brennus, Hermann etc.
ihre Freiheit gegen die Römer erkämpften, recht brave Deutsche waren,
ohne Christen zu sein.
Aber auch dieser Bemerkung weiß Herr Rühs wie ein echter Germanomane
zu begegnen. Er verlangt nämlich aus hohem Rücksichten, daß der Jude in
Deutschland von der Pflicht, das Vaterland zu verteidigen,
ausgeschlossen sein soll. Man höre! „Das Kriegesheer der Deutschen soll
den Kern und die Blüte des Volkes enthalten, und es soll die edelste
Kraft in sich vereinigen und muß daher durchaus volksmäßig sein. Es
können daher nur Deutsche darin aufgenommen werden, weil gerade in ihnen
sich die Volkseinheit am kräftigsten darstellen muß. Nur Deutsche
dürfen neben Deutschen fechten. Es muß eine Ehre sein, das Schwert zu
tragen, die nur dem Volksgenossen zukommen kann, und daher ist es
billig, daß die Juden keinen Teil daran haben." Verewigter Michaelis! du
gabst dir die Mühe, zu beweisen, daß der Jude untauglich zum Wehrstand
sei; Herr Rühs glaubt, daß sie dessen unwürdig wären. In dem fanatischen
Eifer eines echten Germanomanen vergißt er, daß Deutschlands Heere in
dem Kampf gegen Frankreich unterlagen, ehe noch die Juden in ihrer Mitte
teil daran nahmen, und erinnert sich nicht, wie folgenreich sie in den
Jahren 1812 und 1814 kämpften, als die Juden aus Rußland, Polen,
Ostreich und Preußen mit ihnen in Reihe und Glied standen? Es mag daher
wohl nicht so ganz auf Herrn Rühs' Meinung ankommen, daß, um mit
glücklichem Erfolg für Deutschland zu kämpfen, Deutsche neben Deutschen
fechten müssen.
Da nun aber Herr Rühs einmal die Miene eines echten Germanomanen
angenommen, darf es nicht befremden, ihn mit der Bemerkung seine
Diatribe schließen zu hören: daß den Juden überhaupt keine bürgerliche
Würde zugestanden werden müsse, und zwar weil sie keine Christen sind.
„Denn", folgert Herr Rühs, „der größte Teil unserer bürgerlichen Rechte
und Verpflichtungen fällt unmittelbar mit unserm Glauben zusammen, und
es ist von der wahren Aufklärung zu erwarten, daß sie immer genauer
wieder mit demselben in Verbindung gesetzt werden. Wir verpflichten uns
durch dieselbe Versicherung: , so wahr uns Gott helfe und sein Evangelium',
uns ist das Kreuz das Symbol zur Aufopferung und zur freudigsten
Hoffnung; wir können auf dieselbe Weise mit allen Christen alle große
und bedeutende Ereignisse des Lebens, der Lust wie der Trauer, würdig
und von Herzen feiern. Dies sind die innigsten und die geheimsten Bande,
die die Christen vereinigen sollen und woran sie als Brüder einander
erkennen." Sollte man nicht glauben, hier einen modernisierten Asketiker
aus dem mittlern Zeitalter zu vernehmen? Wahrscheinlich war Herr Rühs,
in dem Moment, als er diese Zeilen niederschrieb, von der Lobschrift
begeistert, die Adam Müller dem mittlern Zeitalter hält, und da ist es
denn kein Wunder, daß, bei seiner Genialität, er den Ideengang und
Schriftstellerton jener Zeit aufzufassen vermochte.
Auf jeden Fall wird man aber an Herrn Rühs, wenn man seine Ideen,
Urteile und Äußerungen, wovon ich dem Leser nur einen Teil aufgeführt,
sich in ein Ganzes vereinigt, das Bild eines wahren Germanomanen
erkennen, und ich darf nun wohl dem unparteiischen Leser die Frage
vorlegen: ob eine Denkart, die Grundsätze hegt, welche sowohl dem Geist
der Zeit überhaupt als dem Fortschritt der Menschenbildung
entgegenstehen und noch ein Verdienst darin suchen, ihn mit solchem
kecken Ernst zu höhnen ob eine solche Denkart nicht eine Merkwürdigkeit
der Zeit ist und nicht verdient, wie ein jedes ausgezeichnete Phänomen
im Gebiet der Geisterwelt, nach ihrem Ursprung, Fortgang und ihrer
gänzlichen Gestaltung nicht allein dargestellt, sondern auch durch einen
eigenen Namen in den Annalen der Geschichte aufbehalten zu werden?
Ich habe es bloß versucht, der lesenden Welt einen Umriß davon zu
geben. Möge dereinst eine geschicktere und gewandtere Hand ein
vollkommenes Gemälde davon aufzustellen sich berufen fühlen, dann wird
in der Galerie der deutschen Verirrungenneben der Gallomanie und Anglomanie die Germanomanie eine würdige Stelle einnehmen können.