Hans Heinrich Gerth (* 24. April 1908 in Kassel; † 29. Dezember 1978 in Glashütten, Taunus) war ein US-amerikanischer Soziologe deutscher Herkunft.
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Dienstag, 24. April 2018
Sonntag, 3. Dezember 2017
Die Welt von gestern
"Die Welt von gestern" und andere Bücher von und über Stefan Zweig (1881-1942) finden Sie in unserer Bibliothek Gleichgewicht!
Dienstag, 2. Februar 2016
90. Geburtstag von Fritz Stern
Fritz Richard Stern (* 2. Februar 1926 in Breslau) ist ein US-amerikanischer Historiker deutscher Herkunft.
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Freitag, 25. September 2015
E. M. Remarques 45. Todestag

Erich Maria Remarque (eigentlich Erich Paul Remark; * 22. Juni 1898 in Osnabrück; † 25. September 1970 in Locarno) war ein deutscher Schriftsteller. Seine überwiegend als „pazifistisch“ eingestuften Romane, in denen er die Grausamkeit des Krieges thematisiert, finden bis heute große Verbreitung. Bereits zu Beginn der NS-Herrschaft, als der Autor durch sein Hauptwerk, den 1928 erstmals erschienenen, 1930 in Hollywood verfilmten Antikriegsroman Im Westen nichts Neues, schon weltberühmt war, emigrierte er in die Schweiz. Seine Arbeiten wurden in Deutschland als „schädliches und unerwünschtes Schrifttum“[1] verboten und 1933 öffentlich verbrannt. Die deutsche Staatsbürgerschaft wurde ihm 1938 aberkannt. In den USA fand er Aufnahme, bekam die amerikanische Staatsbürgerschaft und Anerkennung als Schriftsteller.
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Sonntag, 1. Dezember 2013
Ernst Tollers 120. Geburtstag
Ernst Toller (* 1. Dezember 1893 in Samotschin, Provinz Posen; † 22. Mai 1939 in New York City) war ein deutscher Schriftsteller, Politiker und Revolutionär jüdischer Herkunft. Wegen seiner führenden Rolle in der kurzlebigen Münchner Räterepublik als zeitweiliger Vorsitzender der bayerischen USPD (1919) entging er nur knapp einer Verurteilung zum Tode. Im Folgenden machte er sich vor allem als Dramatiker einen Namen. Bereits ein Jahr vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigriert, beging er 1939 in den Vereinigten Staaten mit 45 Jahren Suizid.
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Sonntag, 4. August 2013
Liao Yiwu (* 4. August 1958 in Yanting, Sichuan), auch bekannt als Lao Wei, ist ein chinesischer Schriftsteller, Dichter und Musiker, der international durch sein Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten ab 2009 Beachtung fand. Aufgrund seiner kritischen Haltung zur chinesischen Regierung sind Liaos Werke in der Volksrepublik China verboten. In Deutschland stieg seine Bekanntheit durch den Erhalt des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2012[1] und des Geschwister-Scholl-Preises 2011.Wikipedia
Abbildung aus Wikipedia ( Elke Wetzig (Elya) 2010)
Chinesischer Dissident
Was hat der Schriftsteller wirklich erlebt, was hat er erfunden?
Der in Berlin lebende Dissident Liao Yiwu soll seine Berichte über Folter in chinesischen Gefängnissen frei erfunden haben. Stimmt das?
ZEIT, 21.3.2013
Der Westen liebt Dissidenten, wenn sie aus anderen Ländern stammen. So auch beim Vorzeigekritiker Chinas, Liao Yiwu. Der kritisiert nicht nur sein Herkunftsland, nein, er fordert, dass es zerfallen, auseinanderbrechen müsse. Er tdritt ein für Zerstörung, Vernichtung, Krieg. Klar, das Regime pflegt keine Demokratie. Klar, es gibt Unterdrückung. Aber reicht das, um mit Rachefeldzügen, Aufwiegelung, Bürgerkrieg oder Krieg dagegen vorzugehen? Der Friedenspreisträger, der zur Gewalt aufruft, zum gewalttäigen Widerstand! Würde diese gepriesene Logik im Westen hinsichtlich der Verbrechen westlicher Regierungen angewendet, müssten die Gutmenschen und politisch Korrekten für einen Bürgerkieg in den eigenen Landen eintreten, was sie tunlichst vermeiden. Unfreiwillig liefert der Dissident und seine Unterstützer eine Geschichte der Heuchelei und Lüge. Wie immer, im guten Dienst...
Samstag, 20. Juli 2013
Pavel Kohouts 85. Geburtstag
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Abbildung aus Wikipedia (Mariusz Kubik)
Samstag, 13. Juli 2013
Victor Langes 105. Geburtstag
Victor Lange (13 July 1908 — 29 June 1996) was a renowned Germanist, known primarily for his work at Princeton University. In 1966, he arranged the meeting of the Gruppe 47 in Princeton and, as President of the International Verein Germanstein he hosted their meeting in Princeton in 1970.
He wrote the preface to Jorge Luis Borges' "Dreamtigers", published in the US by Dutton 1970.
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He wrote the preface to Jorge Luis Borges' "Dreamtigers", published in the US by Dutton 1970.
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Montag, 21. Januar 2013
Leo Löwenthals 20. Todestag
Leo Löwenthal (* 3. November 1900 in Frankfurt am Main; † 21. Januar 1993 in Berkeley, Kalifornien) war ein deutscher Literatursoziologe.Wikipedia
Abbildung von Seite FU Berlin
Mittwoch, 18. Juli 2012
Georg Kreislers 90. Geburtstag
Georg Franz Kreisler, 18. 7.1922 - 22. 11.201, war ein Komponist, Sänger und Dichter, der aus einer jüdischen österreichischen Familie stammte und als Emigrant 1943 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte.
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Freitag, 22. Juni 2012
Liao Yiwu erhält den Friedenspreis 2012
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
Ehrung für Schriftsteller Liao Yiwu
NZZ, 22.6.2012
Liao Yiwu: Chronist seiner Generation
TAZ, 22.6.2012
Kommentar
Wort und Tat
Von Wieland Freund, Welt online 22.6.2012
Friedenspreis für Liao Yiwu
Vom Studium des Überlebens
Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels geht an den chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu - eine mutige Entscheidung und die beste. Denn er fordert das undurchsichtigste aller Regime mit seinen Büchern heraus.
Andreas Platthaus, FAZ, 21.06.2012
Sonntag, 27. Mai 2012
Joseph Roths 73. Todestag
Moses Joseph Roth, 2. September 1894 in Brody, Österreich-Ungarn - 27. Mai 1939 in Paris, war ein österreichischer Schriftsteller und Journalist.Wikipedia
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Joseph Roth
Auf der Wolga bis Astrachan
(Aus: Reise in Rußland)
Frankfurter Zeitung, 5. 10. 1926
Der Wolga-Dampfer, der von Nishnij-Nowgorod nach Astrachan geht, liegt weiß und festlich im Hafen. Er erinnert an einen Sonntag. Ein Mann schüttelt eine kleine, unerwartet starke Glocke. Die Lastträger laufen, nur mit Trikothosen und einem Tragleder bekleidet, durch die hölzerne Halle. Sie sehen aus wie Ringer. Vor dem Kassenschalter stehen Hunderte. Es ist die zehnte Stunde eines hellen Vormittags. Ein fröhlicher Wind weht. Es ist hier wie bei der Ankunft eines neuen Zirkus außerhalb der Stadt.
Der Wolga-Dampfer trägt den Namen eines berühmten russischen Revolutionärs und hat vier Klassen für Passagiere. In der ersten fahren die neuen Bürger Rußlands, die Nep-Männer, dem Sommerurlaub entgegen, in den Kaukasus und in die Krim. Sie essen im Speisesaal, im spärlichen Schatten einer Palme, gegenüber dem Porträt des berühmten Revolutionärs. Es ist über der Tür mit Nägeln befestigt. Die jungen Bürgerstöchter spielen auf dem harten Klavier. Es klingt wie das Anschlagen metallener Löffel an Teegläser. Die Väter spielen Sechsundsechzig und klagen über die Regierung. Einige Mütter haben eine deutliche Vorliebe für orangefarbene Schals. Der Kellner ist keineswegs klassenbewußt. Als die Dampfer noch nach den Großfürsten hießen, war er schon Kellner. Ein Trinkgeld bringt in sein Angesicht jenen Ausdruck unterwürfigen Respekts, der die ganze Revolution vergessen läßt.
Die vierte Klasse befindet sich tief unten. Ihre Passagiere schleppen schwere Bündel, billige Körbe, Musikinstrumente und ländliche Geräte. Alle Nationen, die an der Wolga und weiter, in der Steppe und im Kaukasus, wohnen, sind hier vertreten: Tschuwaschen, Tschuwanen, Zigeuner, Juden, Deutsche, Polen, Russen, Kasacken, Kirgisen. Es gibt hier Katholiken, Orthodoxe, Mohammedaner, Lamaisten, Heiden, Protestanten. Hier sind Greise, Väter, Mütter, Mädchen, Kinder. Hier sind kleine Landarbeiter, arme Handwerker, wandernde Musikanten, blinde Korsaren, fliegende Händler, halbwüchsige Schuhputzer und die obdachlosen Kinder, die »Bezprizorni«, die von der Luft und vom Unglück leben. Die Menschen schlafen in hölzernen Schubläden, in zwei Etagen übereinander. Sie essen Kürbisse, suchen nach Ungeziefer auf den Köpfen der Kinder, stillen Säuglinge, waschen Windeln, kochen Tee und spielen Balalaika und Mundharmonika.
Am Tage ist dieser enge Raum beschämend, laut und unwürdig. In der Nacht aber weht eine Andacht durch ihn. So heilig sieht die schlafende Armut aus. Auf allen Gesichtern liegt das echte Pathos der Naivität. Alle Gesichter sind wie offene Tore, durch die man in weiße, klare Seelen sieht. Verwirrte Hände wollen die schmerzenden Lampen vertreiben wie zudringliche Fliegen. Männer bergen ihre Köpfe in den Haaren der Frauen, Bauern umklammern die heiligen Sensen, Kinder ihre schäbigen Puppen. Die Lampen schaukeln im Takt der stampfenden Maschinen. Rotbackige Mädchen entblößen lächelnd ihr offenes, weißes, starkes Gebiß. Ein großer Friede ist über der armen Welt, und als ein durchaus pazifistisches Wesen erweist sich der Mensch, solange er schläft.
Auf eine so billig symbolische Weise: oben und unten – sind reich und arm auf dem Wolga-Dampfer nicht getrennt. Unter den Passagieren der vierten Klasse sind reiche Bauern, unter den Passagieren der ersten nicht immer reiche Händler. Der russische Bauer fährt lieber in der vierten. Sie ist nicht nur billiger. Der Bauer ist in ihr auch heimischer. Die Revolution hat ihn von der Demut gegenüber dem »Herrn« befreit, aber noch lange nicht von der Demut gegenüber dem Objekt. In einem Restaurant, in dem ein schlechtes Klavier steht, kann der Bauer seinen Kürbis nicht mit Appetit essen. Ein paar Monate lang fuhren alle in allen Klassen. Dann schieden sie sich, beinahe freiwillig.
»Sehen Sie«, sagte mir ein Amerikaner auf dem Schiff, »was hat die Revolution erreicht? Die armen Leute drängen sich unten und die reichen spielen Sechsundsechzig!«
»Das ist aber auch die einzige Tätigkeit«, sagte ich, »der sie sich ohne Sorgen hingeben können! Der ärmste Schuhputzer in der vierten Klasse hat heute das Bewußtsein, daß er zu uns heraufkommen könnte, wenn er nur wollte. Die reichen Nepleute fürchten aber, daß er jeden Augenblick kommen würde. ›Oben‹ und ›unten‹ sind auf unserem Dampfer längst nicht mehr symbolische, sie sind rein sachliche Bestimmungen. Vielleicht werden sie einmal wieder symbolisch sein.«
»Sie werden es wieder sein«, sagte der Amerikaner.
Der Himmel über der Wolga ist nah und flach und mit unbeweglichen Wolken bemalt. Zu beiden Seiten, hinter den Ufern, sieht man in weiten Fernen jeden emporragenden Baum, jeden aufsteigenden Vogel, jedes weidende Tier. Ein Wald wirkt hier wie ein künstliches Gebilde. Alles hat die Tendenz sich auszubreiten und zu zerstreuen. Dörfer, Städte und Völker sind weit voneinander entfernt. Gehöfte, Hütten, Zelte wandernder Menschen stehen da, umgeben von Einsamkeit. Die vielen verschiedenen Stämme vermischen sich nicht. Auch wer sich festgesetzt hat, bleibt sein Leben lang auf der Wanderung. Diese Erde gibt das Gefühl der Freiheit, wie bei uns nur das Wasser und die Luft. Hier würden auch die Vögel nicht fliegen wollen, wenn sie wandern könnten. Der Mensch aber streicht über das Land wie über einen Himmel, beschwingt und ohne Ziel, ein Vogel der Erde.
Der Fluß ist wie das Land: breit, unendlich lang (von Nishnij-Nowgorod bis Astrachan sind es mehr als zweitausend Kilometer) und sehr langsam. An seinen Ufern erwachsen erst spät die »Wolga-Hügel«, niedrige Würfel. Ihr nacktes felsiges Innere haben sie dem Fluß zugekehrt. Sie sind nur der Abwechslung wegen da, eine spielerische Viertelstunde Gottes hat sie geschaffen. Hinter ihnen dehnt sich wieder die Fläche, vor der die Horizonte zurückweichen, immer weiter, bis hinter die Steppe.
Ihren großen Atem schickt sie über die Hügel, über den Fluß. Man schmeckt die Bitternis der Unendlichkeit. Im Anblick der großen Berge und der uferlosen Meere fühlt man sich verloren und bedroht. Gegenüber der weiten Ebene ist der Mensch verloren, aber getröstet. Er ist nichts mehr als ein Halm, aber er wird nicht untergehen: Man ist wie ein Kind, das in der ersten Stunde eines Sommermorgens erwacht, wenn alle noch schlafen. Man ist verloren und geborgen zugleich in der unbegrenzten Stille. Wenn eine Fliege summt, ein gedämpfter Pendelschlag tönt, liegt in diesen Geräuschen dieselbe tröstliche, weil überirdische und zeitlose Trauer einer weiten Ebene.
Wir halten vor Dörfern, deren Häuser aus Holz sind und aus Lehm, mit Schindeln und mit Stroh gedeckt. Manchmal ruht die breite mütterliche gute Kuppel einer Kirche in der Mitte der Hütten, ihrer Kinder. Manchmal steht die Kirche an der Tête einer langen Hütten-Zeile und hat auf der Kuppel einen feinen spitzen langen Turm aufgepflanzt, wie ein vierkantiges französisches Bajonett. Es ist eine bewaffnete Kirche. Sie führt ein wanderndes Dorf an.
Kasan bleibt vor uns stehen, die Hauptstadt der Tataren. Ihre bunten Verkaufszelte lärmen am Ufer. Mit offenen Fenstern grüßt sie wie mit gläsernen Fahnen. Man hört das Getrappel ihrer Droschken. Man sieht das grüne und goldene abendliche Glänzen ihrer Kuppeln.
Eine Landstraße führt vom Hafen nach Kasan. Die Straße ist ein Fluß, es hat gestern geregnet. In der Stadt plätschern stille Teiche. Überreste eines Pflasters ragen selten in die Höhe. Die Straßentafeln und die Ladenschilder sind vom Kot bespritzt und unleserlich. Sie sind übrigens doppelt unleserlich, weil zum Teil in alter türkisch-tatarischer Schrift abgefaßt. Deshalb sitzen die Tataren lieber selbst vor den Läden und zählen jedem ihre Waren auf. Sie sind kluge Händler, wie man berichtet. Sie tragen schwarze Pinsel am Kinn. Seit der Revolution hat bei ihnen die alte Volkssitte des Analphabetismus um 25 Prozent abgenommen, jetzt können viele lesen und schreiben. In den Buchhandlungen liegen tatarische Schriften, die Zeitungsjungen rufen tatarische Blätter aus. Tatarische Beamte sitzen hinter dem Postschalter. Ein Postbeamter erklärte mir, die Tataren wären das tapferste der Völker. »Sie sind aber mit Finnen gemischt« – sagte ich boshaft. Der Postbeamte war beleidigt.
Mit Ausnahme der Gastwirte und der Händler sind alle mit der Regierung zufrieden. Die tatarischen Bauern haben im Bürgerkrieg bald mit den Roten, bald mit den Weißen gekämpft. Sie wußten manchmal gar nicht, worum es ging. Heute sind alle Dörfer des Kasaner Gouvernements politisiert. Die Jugend ist in den Komsomol-Organisationen. Wie bei den meisten mohammedanischen Völkern Rußlands ist auch bei den Tataren die Religion mehr Übung als Glaube. Die Revolution hat eher eine Gewohnheit zerstört als ein Bedürfnis unterdrückt. Die armen Bauern sind hier zufrieden wie überall in den Wolga-Gouvernements. Die reichen Bauern, denen man viel genommen hat, sind unzufrieden wie überall, wie die Deutschen in Pokrowsk, wie die Bauern von Stalingrad und die von Saratow.
Die Dörfer an der Wolga – mit Ausnahme der deutschen – liefern übrigens der Partei die gläubigsten jugendlichen Anhänger. In den Wolgagebieten kommt der politische Enthusiasmus vom Lande häufiger als aus dem städtischen Proletariat. Viele Dörfer waren hier von der Kultur am weitesten entfernt. Die Tschuwaschen zum Beispiel sind heute noch heimliche »Heiden«. Sie beten Götzen an und opfern ihnen. Für den naiven Naturmenschen aus dem Wolga-Dorf ist Kommunismus – Zivilisation. Für den jungen Tschuwaschen ist die städtische Kaserne der Roten Armee ein Palast und der Palast – der ihm auch offen steht – ein siebenhundertster Himmel. Elektrizität, Zeitung, Radio, Buch, Tinte, Schreibmaschine, Kino, Theater – also alles, was uns so ermüdet, belebt und erneuert den primitiven Menschen. Alles hat »die Partei« gemacht. Sie hat nicht nur die großen Herren gestürzt, sie hat auch das Telephon erfunden und das Alphabet. Sie hat den Menschen gelehrt, auf sein Volk stolz zu sein, auf seine Kleinheit, seine Armut. Sie hat seine niedrige Vergangenheit in ein Verdienst gewandelt. Vor dem Ansturm so vieler Herrlichkeiten erliegt sein bäuerliches instinktives Mißtrauen. Sein bewußter kritischer Sinn ist noch lange nicht wach. So wird er ein Fanatiker des neuen Glaubens. Das »kollektivistische Gefühl«, das dem Bauern fehlt, ersetzt er doppelt und dreifach durch Ekstase.
Die Städte an der Wolga sind die traurigsten, die ich je gesehen habe. Sie erinnern an die zerstörten Städte des französischen Kriegsgebiets. Diese Häuser brannten im roten Bürgerkrieg; und dann sahen ihre Trümmer den weißen Hunger durch die Straßen galoppieren.
Hundertmal, tausendmal starben die Menschen. Sie aßen Katzen, Hunde, Raben, Ratten und die verhungerten Kinder. Sie bissen sich die Hände wund und tranken ihr eignes Blut. Sie kratzten in der Erde nach fetten Regenwürmern und nach weißem Kalk, den das Auge für Käse hielt. Zwei Stunden, nachdem sie gegessen hatten, starben sie unter Qualen. Daß diese Städte überhaupt noch leben! Daß die Menschen feilschen und Koffer tragen und Äpfel verkaufen, Kinder zeugen und gebären! Schon wächst eine Generation heran, die das Grauen nicht kennt, schon stehen Gerüste da, schon sind Zimmerleute und Maurer beschäftigt, das Neue aufzurichten.
Ich wundere mich nicht darüber, daß diese Städte so schön sind nur aus der Höhe und aus der Ferne; daß mir in Samara ein Ziegenbock den Eintritt in das Hotel verwehrte; daß in Stalingrad ein Platzregen in mein Zimmer niederging; daß die Servietten aus buntem Packpapier sind. Wenn man über die schönen Dächer spazieren könnte, statt über das bucklige Pflaster!
Man kann in allen Städten des Wolgagebiets mit den Menschen dieselben Erfahrungen machen: Überall sind die Händler unzufrieden, die Arbeiter optimistisch, aber müde, die Kellner respektvoll und unzuverlässig, die Portiers demütig, die Schuhputzer unterwürfig. Und überall ist die Jugend revolutionär, – auch die Hälfte der bürgerlichen Jugend ist in den Pionier- und Komsomol-Organisationen.
Übrigens richten sich die Menschen nach meiner Kleidung: Wenn ich die Stiefel anziehe und ohne Krawatte bin, wird das Leben plötzlich märchenhaft billig. Die Früchte kosten ein paar Kopeken, eine Droschkenfahrt einen halben Rubel, man hält mich für einen ausländischen politischen Flüchtling, der in Rußland lebt, sagt »Genosse« zu mir, die Kellner haben proletarisches Bewußtsein und erwarten kein Trinkgeld, die Schuhputzer sind mit 10 Kopeken zufrieden, die Händler sind mit der Lage zufrieden, im Postamt bitten mich die Bauern, ich möchte ihnen eine Adresse auf ihren Brief schreiben, »mit klarer Schrift«. Wie teuer aber ist die Welt, wenn ich eine Krawatte anziehe! Man sagt: »Grashdanin« (Bürger) zu mir und schüchtern auch: »Gospodin« (Herr). Die deutschen Bettler sagen: »Herr Landsmann«. Die Händler fangen an, über die Steuern zu klagen. Der Wagenbegleiter erwartet einen Rubel. Der Speisewagenkellner erzählt, daß er eine Handelsakademie absolviert habe und »eigentlich ein intelligenter Mensch« sei. Er beweist es, indem er zwanzig Kopeken aufschlägt. Ein Antisemit gesteht mir, daß bei der Revolution nur die Juden gewonnen hätten. »Sogar in Moskau« dürften sie schon leben. Ein Mann möchte mir imponieren. Er erzählt, daß er im Krieg Offizier und in Magdeburg gefangen war. Ein Nep-Mann droht mir: »Alles werden Sie bei uns nicht sehen können!«
Indessen scheint es mir, daß ich in Rußland genau so viel, genau so wenig sehen kann wie in anderen fremden Ländern. Ich bin in keinem Lande noch von fremden Menschen so selbstverständlich, so freimütig eingeladen worden. Ich kann in Ämter, Gerichte, Spitäler, Schulen, Kasernen, Arreste, Strafanstalten, zu Polizeidirektoren und Universitätsprofessoren gehen. Der Bürger kritisiert lauter und schärfer, als dem Fremden angenehm ist. Ich kann mit dem Soldaten und mit dem Regimentskommandanten der Roten Armee in jedem Gasthaus über Krieg, Pazifismus, Literatur und Bewaffnung sprechen. In anderen Ländern ist es gefährlicher. Die Geheimpolizei ist wahrscheinlich so geschickt, daß ich sie nicht bemerke.
Die berühmten Lastträger an der Wolga singen immer noch ihre berühmten Lieder. In den russischen Kabaretts des Westens werden die »Burlaki« bei violettem Scheinwerfer und gedämpftem Geigenklang dargestellt. Aber die wirklichen Burlaki sind trauriger, als ihre Darsteller ahnen können. Obwohl sie mit traditioneller Romantik so stark belastet sind, gleitet ihr Gesang tief und schmerzlich in die Zuhörer. Sie sind wahrscheinlich die stärksten Männer dieses Zeitalters. Jeder von ihnen kann zweihundertundvierzig Kilogramm auf dem Rücken tragen, hundert Kilogramm von der Erde heben, eine Nuß zwischen Zeige- und Mittelfinger zermalmen, ein Ruder auf zwei Fingern balancieren, drei Kürbisse in fünfundvierzig Minuten essen. Sie sehen aus wie bronzene Denkmäler, die man mit menschlicher Haut überspannt und mit einem Tragfell bekleidet hat. Sie verdienen verhältnismäßig viel, vier bis sechs Rubel durchschnittlich. Sie sind stark, gesund, sie leben am freien Fluß. Aber ich habe sie noch nicht lachen sehen. Sie werden nicht froh. Sie trinken Schnaps. Der Alkohol vernichtet diese Riesen. Seitdem die Wolga Frachten trägt, leben die stärksten Träger hier und alle trinken. Heute verkehren auf der Wolga mehr als 200 Dampfer mit etwa 85 000 Indikatorstärken, einer Gesamt-Tonnage von 50 000 Tonnen. – 1 190 Lastschiffe ohne Motorbetrieb mit einer Gesamt-Tonnage von beinahe zwei Millionen Tonnen. Aber die Lastarbeiter ersetzen immer noch die Kräne wie vor zweihundert Jahren.
Ihr Gesang kommt nicht aus den Kehlen, sondern aus den unbekannten tiefen Winkeln des Herzens, in denen wahrscheinlich Gesang und Schicksal zusammen gewoben werden. Sie singen wie zum Tode Verurteilte. Sie singen wie Galeerensträflinge. Niemals wird der Sänger von seinem Tragfell frei werden, und niemals vom Schnaps. Solch ein Segen ist die Arbeit! Solch ein Kran ist der Mensch!
Selten hört man ein ganzes Lied, immer nur einzelne Strophen, ein paar Takte. Die Musik ist ein mechanisches Hilfsmittel, sie wirkt wie ein Hebel. Es gibt Lieder zu singen beim gemeinsamen Ziehen der Taue, beim Heben, beim Abladen, beim langsamen Versenken. Die Texte sind alt und primitiv. Ich habe verschiedene Texte zu denselben Melodien gehört. Einige handeln vom schweren Leben, vom leichten Tod, von tausend Pud, von Mädchen und von Liebe. Sobald die Last auf dem Rücken verstaut ist, bricht das Lied ab. Dann ist der Mensch ein Kran.
Es ist unmöglich, wieder das gläserne Klavier zu hören und Sechsundsechzig spielen zu sehen. Ich verlasse den Dampfer. Ich sitze auf einem winzigen Schiff. Zwei Träger schlafen neben mir einen weichen Schlaf auf einem gerollten Bündel dicker Taue. In vier, fünf Tagen sind wir in Astrachan. Der Kapitän hat seine Frau schlafen geschickt. Er ist seine eigene Bemannung. Jetzt brät er einen Schaschlik. Wahrscheinlich wird er fett und hart sein, und ich werde ihn essen müssen. –
Bevor ich ausstieg, beschrieb der Amerikaner mit dem Zeigefinger einen großen Bogen, zeigte auf die kalk- und lehmhaltige Erde und auf den sandigen Strand und sprach:
»Wieviel kostbares Material liegt hier ungenützt! Welch ein Strand für Erholungsbedürftige und Kranke! Welch ein Sand! Wenn all dies mitsamt der Wolga in der zivilisierten Welt läge!«
»Wenn das in der zivilisierten Welt gelegen wäre, würden hier Fabriken dampfen, Motorboote rattern, schwarze Kräne schweben, die Menschen würden krank werden, um sich dann zwei Meilen weiter im Sand zu erholen, und es wäre sicherlich keine Wüste. In einer bestimmten hygienisch einwandfreien Entfernung von den Kränen lägen Restaurants und Cafés hingestreut, mit ozonhaltigen Terrassen. Die Musikkapellen müßten das »Lied von der Wolga« spielen und einen schmissigen Wolga-Wellen-Charleston, Text von Arthur Rebner und Fritz Grünbaum...«
»Ah, Charleston!« rief der Amerikaner und freute sich. –
Sonntag, 15. April 2012
Robert Musils 70. Todestag
Robert Musil, 6. November 1880 in Klagenfurt - 15. April 1942 in Genf, von 1917 bis zur Adelsaufhebung von 1919: Robert Edler von Musil, war ein österreichischer Schriftsteller.Wikipedia
Internationale Robert Musil Gesellschaft
Montag, 9. April 2012
Lew Kopelews 100. Geburtstag
Lew Sinowjewitsch Kopelew, 27. März jul./ 9. April 1912 greg. in Kiew - 18. Juni 1997 in Köln, war ein russischer Germanist und Schriftsteller.
Wikipedia
Lew Kopelew-Forum
Lew-Kopelew-Preis
Filmnotizen über Lew Kopelew
Wikipedia
Lew Kopelew-Forum
Lew-Kopelew-Preis
Filmnotizen über Lew Kopelew
Donnerstag, 23. Februar 2012
Stefan Zweigs 70. Todestag
Stefan Zweig (28. November 1881 in Wien - 23. Februar[1] 1942 in Petrópolis, Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien) war ein österreichischer Schriftsteller.
Wikipedia
Internationale Stefan Zweig Gesellschaft
Linksammlung zu Stefan Zweig auf TourLiteratur
Stefan Zweig ~ Schachnovelle Hörbuch (Youtube)
Joseph Roth's letter to Stefan Zweig, November 1935, read by Michael Hoffman
A Life in Letters, impeccably translated and read here by the poet Michael Hofmann, offers a vivid picture of Roth the author. (Article and Video)
The Telegraph, February 23, 2012
Sonntag, 19. Februar 2012
Georg Büchners 175. Todestag
Karl Georg Büchner (17. Oktober 1813 in Goddelau, Großherzogtum Hessen - 19. Februar 1837 in Zürich) war ein hessischer Schriftsteller, Mediziner, Naturwissenschaftler und Revolutionär. Er gilt trotz seines schmalen Werkes als einer der bedeutendsten Literaten des Vormärz.Wikipedia
In Deutschland ist der Georg-Büchner-Preis, der erstmals 1923 vrliehen wurde, in besonders hohem Ansehen.
Sein Bühnenfragment "Woyzeck" (1837) wurde vertont (Alban Berg: Wozzeck)), ebenso sein Drama "Dantons Tod" ( (Gottfried von Einem), Lenz (Wolfgang Rihm: Jakob Lenz) der das Lustspiel "Leonce und Lena (Paul Dessau).
Büchners Bühnenwerke werden meist bearbeitet; sie bilden einen Steinbruch für Bearbeiter, die dazu zu eigenem Ruhm und Tantiemen gelangen, als ob seine Werke einer modernen Bearbeitung berüften. (Vertonungen sind keine Bühnenbearbeitung, sondern legitime Übertragungen.)
Abr der Aktualitätsbezug der Büchnerstücke kann auch heute noch lautstark vernehmlich werden:
Störaktion bei Peymann-Premiere
Berlin,4.1.2012
Die Premiere von Dantons Tod am Berliner Ensemble wurde gestern, am 03.01.2012, durch eine künstlerische Intervention bereichert. Aufhänger ist der laufende Arbeitskampf der "unsichtbaren" Mitarbeiter des Hauses (Bühnentechnik, Requisite etc.), die sich seit dem vergangenen Jahr organisieren. Sie wehren sich gegen zunehmend prekäre Beschäftigungsverhältnisse und fordern einen Tarifvertrag, wie er an anderen Berliner Theatern längst üblich ist.
Ende 2011 bekommt Claus Peymann den Lessing-Preis, mit der Begründung, er halte das Ideal des Theaters als "moralische Anstalt" hoch. Währenddessen herrschen dort Hungerlöhne, es fehlt an Kündigungsschutz und Transparenz. Uns als Zuschauer widert diese Diskrepanz zwischen aufklärerischer Fassade und ausbeuterischer Praxis an.
Direkt nach der Pause drängte deshalb ein Menschenhaufen, die Marseillaise quäkend, auf einen der Gänge im ersten Rang und ließ, mit Megaphon und Sprechchor, eine Collage aus Dantons Tod erschallen, die den Büchner-Text mit der aktuellen Situation in Beziehung setzte. Zum Abschluss regnete es Flugblätter auf die Köpfe der Zuschauer, welche die Aktion überwiegend mit Zuspruch und Applaus kommentierten. Nur ein Mann brüllte den Aktivisten empört hinterher: "Wer macht denn die Revolution? [...] Dann tut doch was dafür, und spinnt nicht nur!"
gez. Das Grollen im Zuschauermagen
Viele berufen sich auf ihn, obwohl sie, wenn sie seinesgleichen heute begegneten, ihn scheuten oder verfolgten, wie er und seine Schriften damals verfolgt wurde. Als fixe Kulturgröße hat man ihm fast die Zähne gezogen, den Biss genommen. Aber nur fast. Wer Ohren hat zu hören, Augen hat zu sehen, vermag zu denken.
Und manchmal wird auch noch sein "Der Hessische Landbote" von 1834 gelesen.
Kommentar zu Georg Büchners "Der Hessische Landbote"
Friede den Hütten! Krieg den Palästen!
Im Großherzogtum Hessen sind 718.373 Einwohner, die geben an den Staat jährlich an 6.363.436 Gulden, als
| 1. Direkte Steuern | 2.128.131 Fl. |
| 2. Indirete Steuern | 2.478.264 " |
| 3. Domänen | 1.547.394 " |
| 4. Regalien | 46.938 " |
| 5. Geldstrafen | 98.511 " |
| 6. Verschiedene Quellen | 64.198 " |
| 6.363.436 Fl. |
Dies Geld ist der Blutzehnte, der vom Leib des Volkes genommen wird. An 700.000 Menschen schwitzen, stöhnen und hungern dafür. Im Namen des Staates wird es erpreßt, die Presser berufen sich auf die Regierung, und die Regierung sagt, das sei nötig, die Ordnung im Staat zu erhalten. Was ist denn nun das für gewaltiges Ding: der Staat? Wohnt eine Anzahl Menschen in einem Land und es sind Verordnungen oder Gesetze vorhanden, nach denen jeder sich richten muß, so sagt man, sie bilden einen Staat. Der Staat also sind alle; die Ordner im Staate sind die Gesetze, durch welche das Wohl aller gesichert wird und die aus dem Wohl aller hervorgehen sollen. – Seht nun, was man in dem Großherzogtum aus dem Staat gemacht hat; seht, was es heißt: die Ordnung im Staate erhalten! 700.000 Menschen bezahlen dafür 6 Millionen, d.h. sie werden zu Ackergäulen und Pflugstieren gemacht, damit sie in Ordnung leben. In Ordnung leben heißt hungern und geschunden werden.
[335]
Wer sind denn die, welche diese Ordnung gemacht haben und die wachen,
diese Ordnung zu erhalten? Das ist die Großherzogliche Regierung. Die
Regierung wird gebildet von dem Großherzog und seinen obersten Beamten.
Die andern Beamten sind Männer, die von der Regierung berufen werden, um
jene Ordnung in Kraft zu erhalten. Ihre Anzahl ist Legion: Staatsräte
und Regierungsräte, Landräte und Kreisräte, geistliche Räte und
Schulräte, Finanzräte und Forsträte usw. mit allem ihrem Heer von
Sekretären usw. Das Volk ist ihre Herde, sie sind seine Hirten, Melker
und Schinder; sie haben die Häute der Bauern an, der Raub der Armen ist
in ihrem Hause; die Tränen der Witwen und Waisen sind das Schmalz auf
ihren Gesichtern; sie herrschen frei und ermahnen das Volk zur
Knechtschaft. Ihnen gebt ihr 6.000.000 Fl. Abgaben; sie haben dafür die
Mühe, euch zu regieren; d.h. sich von euch füttern zu lassen und euch
eure Menschen- und Bürgerrechte zu rauben. Sehet, was die Ernte eures
Schweißes ist!
Für das Ministerium des Innern und der
Gerechtigkeitspflege werden bezahlt 1.110.607 Gulden. Dafür habt ihr
einen Wust von Gesetzen, zusammengehäuft aus willkürlichen Verordnungen
aller Jahrhunderte, meist geschrieben in einer fremden Sprache. Der
Unsinn aller vorigen Geschlechter hat sich darin auf euch vererbt, der
Druck, unter dem sie erlagen, sich auf euch fortgewälzt. Das Gesetz ist
das Eigentum einer unbedeutenden Klasse von Vornehmen und
Gelehrten, die sich durch ihr eignes Machwerk die Herrschaft zuspricht.
Diese Gerechtigkeit ist nur ein Mittel, euch in Ordnung zu halten, damit
man euch bequemer schinde; sie spricht nach Gesetzen, die ihr nicht
versteht, nach Grundsätzen, von denen ihr nichts wißt, Urteile, von
denen ihr nichts begreift. Unbestechlich ist sie, weil sie sich gerade
teuer genug bezahlen läßt, um keine Bestechung zu brauchen. Aber die
meisten ihrer Diener sind der Regierung mit Haut und Haar verkauft. Ihre
Ruhestühle stehen auf einem Geldhaufen von 461.373 Gulden (so viel
betragen die Ausgaben für die Gerichtshöfe und die Kriminalkosten). [336]
Die Fräcke, Stöcke und Säbel ihrer unverletzlichen Diener sind mit dem
Silber von 197.502 Gulden beschlagen (so viel kostet die Polizei
überhaupt, die Gendarmerie usw.). Die Justiz ist in Deutschland seit
Jahrhunderten die Hure der deutschen Fürsten. Jeden Schritt zu ihr müßt
ihr mit Silber pflastern, und mit Armut und Erniedrigung erkauft ihr
ihre Sprüche. Denkt an das Stempelpapier, denkt an euer Bücken in den
Amtsstuben und euer Wachestehen vor denselben. Denkt an die Sporteln für
Schreiber und Gerichtsdiener. Ihr dürft euern Nachbar verklagen, der
euch eine Kartoffel stiehlt; aber klagt einmal über den Diebstahl, der
von Staats wegen unter dem Namen von Abgabe und Steuern jeden Tag an
eurem Eigentum begangen wird; damit eine Legion unnützer Beamten sich
von eurem Schweiße mästen; klagt einmal, daß ihr der Willkür einiger
Fettwänste überlassen seid und daß diese Willkür Gesetz heißt, klagt,
daß ihr die Ackergäule des Staates seid, klagt über eure verlorne
Menschenrechte: wo sind die Gerichtshöfe, die eure Klage annehmen, wo
die Richter, die Recht sprächen? – Die Ketten eurer Vogelsberger
Mitbürger, die man nach Rockenburg schleppte, werden euch Antwort geben.
Und will endlich ein Richter oder ein andrer
Beamte von den wenigen, welchen das Recht und das gemeine Wohl lieber
ist als ihr Bauch und der Mammon, ein Volksrat und kein Volksschinder
sein, so wird er von den obersten Räten des Fürsten selber geschunden.
Für das Ministerium der Finanzen 1.551.502 Fl.
Damit werden die Finanzräte, Obereinnehmer,
Steuerboten, die Untererheber besoldet. Dafür wird der Ertrag eurer
Äcker, berechnet und eure Köpfe gezählt. Der Boden unter euren Füßen,
der Bissen zwischen euren Zähnen ist besteuert. Dafür sitzen die Herren
in Fräcken beisammen, und das Volk steht nackt und gebückt vor ihnen;
sie legen die Hände an seine Lenden und Schultern und rechnen aus, wie
viel es noch tragen kann, und wenn sie barmherzig sind, so geschieht es
nur, wie man ein Vieh schont, das man nicht so sehr angreifen will.
Für das Militär wird bezahlt 914.820 Gulden.
[337]
Dafür kriegen eure Söhne einen bunten Rock auf den Leib, ein Gewehr oder
eine Trommel auf die Schulter und dürfen jeden Herbst einmal blind
schießen und erzählen, wie die Herren vom Hof und die ungeratenen Buben
vom Adel allen Kindern ehrlicher Leute vorgehen und mit ihnen in den
breiten Straßen der Städte herumziehen mit Trommeln und Trompeten. Für
jene 900.000 Gulden müssen eure Söhne den Tyrannen schwören und Wache
halten an ihren Palästen. Mit ihren Trommeln übertäuben sie eure
Seufzer, mit ihren Kolben zerschmettern sie euch den Schädel, wenn ihr
zu denken wagt, daß ihr freie Menschen seid. Sie sind die gesetzlichen
Mörder, welche die gesetzlichen Räuber schützen; denkt an Södel! Eure
Brüder, eure Kinder waren dort Bruder- und Vatermörder.
Für die Pensionen 480.000 Gulden.
Dafür werden die Beamten aufs Polster gelegt,
wenn sie eine gewisse Zeit dem Staate treu gedient haben, d.h. wenn sie
eifrige Handlanger bei der regelmäßig eingerichteten Schinderei gewesen,
die man Ordnung und Gesetz heißt.
Für das Staatsministerium und den Staatsrat
174.600 Gulden. Die größten Schurken stehen wohl jetzt allerwärts in
Deutschland den Fürsten am nächsten, wenigstens im Großherzogtum. Kommt
ja ein ehrlicher Mann in einen Staatsrat, so wird er ausgestoßen. Könnte
aber auch ein ehrlicher Mann jetzo Minister sein oder bleiben, so wäre
er, wie die Sachen stehn in Deutschland, nur eine Drahtpuppe, an der die
fürstliche Puppe zieht; und an dem fürstlichen Popanz zieht wieder ein
Kammerdiener oder ein Kutscher oder seine Frau und ihr Günstling oder
sein Halbbruder – oder alle zusammen.
In Deutschland stehet er jetzt, wie der
Prophet Micha schreibt, Kap. 7, V. 3 und 4: ›Die Gewaltigen raten nach
ihrem Mutwillen, Schaden zu tun, und drehen es, wie sie es wollen. Der
Beste unter ihnen ist wie ein Dorn, und der Redlichste wie eine Hecke.‹
Ihr müßt die Dörner und Hecken teuer bezahlen! denn ihr müßt ferner für das großherzogliche Haus und den Hofstaat 827.772 Gulden bezahlen.
Die Anstalten, die Leute, von denen ich bis jetzt gesprochen, [338]
sind nur Werkzeuge, sind nur Diener. Sie tun nichts in ihrem Namen, unter der Ernennung zu ihrem Amt steht ein L., das bedeutet Ludwig
von Gottes Gnaden, und sie sprechen mit Ehrfurcht: ›Im Namen des
Großherzogs.‹ Dies ist ihr Feldgeschrei, wenn sie euer Gerät
versteigern, euer Vieh wegtreiben, euch in den Kerker werfen. Im Namen
des Großherzogs sagen sie, und der Mensch, den sie so nennen, heißt:
unverletzlich, heilig, souverän, königliche Hoheit. Aber tretet zu dem
Menschenkinde und blickt durch seinen Fürstenmantel. Es ißt, wenn es
hungert, und schläft, wenn sein Auge dunkel wird. Sehet, es kroch so
nackt und weich in die Welt wie ihr und wird so hart und steif
hinausgetragen wie ihr, und doch hat es seinen Fuß auf eurem Nacken, hat
700.000 Menschen an seinem Pflug, hat Minister, die verantwortlich sind
für das, was es tut, hat Gewalt über euer Eigentum durch die Steuern,
die es ausschreibt, über euer Leben durch die Gesetze, die es macht, es
hat adliche Herrn und Damen um sich, die man Hofstaat heißt, und seine
göttliche Gewalt vererbt sich auf seine Kinder mit Weibern, welche aus
ebenso übermenschlichen Geschlechtern sind.
Wehe über euch Götzendiener! – Ihr seid wie
die Heiden, die das Krokodil anbeten, von dem sie zerrissen werden. Ihr
setzt ihm eine Krone auf, aber es ist eine Dornenkrone, die ihr euch
selbst in den Kopf drückt; ihr gebt ihm ein Zepter in die Hand, aber es
ist eine Rute, womit ihr gezüchtigt werdet; ihr setzt ihn auf euern
Thron, aber er ist ein Marterstuhl für euch und eure Kinder. Der
Fürst ist der Kopf des Blutigels, der über euch hinkriecht, die Minister
sind seine Zähne und die Beamten sein Schwanz. Die hungrigen Mägen
aller vornehmen Herren, denen er die hohen Stellen verteilt, sind
Schröpfköpfe, die er dem Lande setzt. Das L., was unter seinen
Verordnungen steht, ist das Malzeichen des Tieres, das die Götzendiener
unserer Zeit anbeten. Der Fürstenmantel ist der Teppich, auf dem sich
die Herren und Damen vom Adel und Hofe in ihrer Geilheit übereinander
wälzen – mit Orden und Bändern decken sie ihre Geschwüre, und mit
kostbaren Gewändern [339]
bekleiden sie ihre aussätzigen Leiber. Die Töchter des Volks sind ihre
Mägde und Huren, die Söhne des Volks ihre Lakaien und Soldaten. Geht
einmal nach Darmstadt und seht, wie die Herren sich für euer Geld dort
lustig machen, und erzählt dann euern hungernden Weibern und Kindern,
daß ihr Brot an fremden Bäuchen herrlich angeschlagen sei, erzählt ihnen
von den schönen Kleidern, die in ihrem Schweiß gefärbt, und von den
zierlichen Bändern, die aus den Schwielen ihrer Hände geschnitten sind,
erzählt von den stattlichen Häusern, die aus den Knochen des Volks
gebaut sind; und dann kriecht in eure rauchigen Hütten und bückt euch
auf euren steinichten Äckern, damit eure Kinder auch einmal hingehen
können, wenn ein Erbprinz mit einer Erbprinzessin für einen andern
Erbprinzen Rat schaffen will, und durch die geöffneten Glastüren das
Tischtuch sehen, wovon die Herren speisen, und die Lampen riechen, aus
denen man mit dem Fett der Bauern illuminiert.
Das alles duldet ihr, weil euch Schurken
sagen: diese Regierung sei von Gott. Diese Regierung ist nicht von Gott,
sondern vom Vater der Lügen. Diese deutschen Fürsten sind keine
rechtmäßige Obrigkeit, sondern die rechtmäßige Obrigkeit, den deutschen
Kaiser, der vormals vom Volke frei gewählt wurde, haben sie seit
Jahrhunderten verachtet und endlich gar verraten. Aus Verrat und
Meineid, und nicht aus der Wahl des Volkes, ist die Gewalt der deutschen
Fürsten hervorgegangen, und darum ist ihr Wesen und Tun von Gott
verflucht! ihre Weisheit ist Trug, ihre Gerechtigkeit ist Schinderei.
Sie zertreten das Land und zerschlagen die Person des Elenden. Ihr
lästert Gott, wenn ihr einen dieser Fürsten einen Gesalbten des Herrn
nennt, d.h. Gott habe die Teufel gesalbt und zu Fürsten über die
deutsche Erde gesetzt. Deutschland, unser liebes Vaterland, haben diese
Fürsten zerrissen, den Kaiser, den unsere freien Voreltern wählten,
haben diese Fürsten verraten, und nun fordern diese Verräter und
Menschenquäler Treue von euch! – Doch das Reich der Finsternis neiget
sich zum Ende. Über ein kleines, und Deutschland, das jetzt die Fürsten
schinden, wird als ein Freistaat mit einer vom Volk gewählten Obrigkeit
wieder auferstehn. Die Heilige[340]
Schrift sagt: ›Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist.‹ Was ist aber dieser Fürsten, der Verräter? – Das Teil von Judas!
Für die Landstände 16.000 Gulden.
Im Jahr 1789 war das Volk in Frankreich müde,
länger die Schindmähre seines Königs zu sein. Es erhob sich und berief
Männer, denen es vertraute, und die Männer traten zusammen und sagten,
ein König sei ein Mensch wie ein anderer auch, er sei nur der erste
Diener im Staat, er müsse sich vor dem Volk verantworten, und wenn er
sein Amt schlecht verwalte, könne er zur Strafe gezogen werden. Dann
erklärten sie die Rechte des Menschen: ›Keiner erbt vor dem andern mit
der Geburt ein Recht oder einen Titel, keiner erwirbt mit dem Eigentum
ein Recht vor dem andern. Die höchste Gewalt ist in dem Willen aller
oder der Mehrzahl. Dieser Wille ist das Gesetz, er tut sich kund durch
die Landstände oder die Vertreter des Volks, sie werden von allen
gewählt, und jeder kann gewählt werden; diese Gewählten sprechen den
Willen ihrer Wähler aus, und so entspricht der Wille der Mehrzahl unter
ihnen dem Willen der Mehrzahl unter dem Volke; der König hat nur für die
Ausübung der von ihnen erlassenen Gesetze zu sorgen.‹ Der König schwur,
dieser Verfassung treu zu sein; er wurde aber meineidig an dem Volke,
und das Volk richtete ihn, wie es einem Verräter geziemt. Dann schafften
die Franzosen die erbliche Königswürde ab und wählten frei eine neue
Obrigkeit, wozu jedes Volk nach der Vernunft und der Heiligen Schrift
das Recht hat. Die Männer, die über die Vollziehung der Gesetze wachen
sollten, wurden von der Versammlung der Volksvertreter ernannt, sie
bildeten die neue Obrigkeit. Sie waren Regierung und Gesetzgeber vom
Volk gewählt, und Frankreich war ein Freistaat.
Die übrigen Könige aber entsetzten sich vor der
Gewalt des französischen Volkes; sie dachten, sie könnten alle über der
ersten Königsleiche den Hals brechen und ihre mißhandelten Untertanen
möchten bei dem Freiheitsruf der Franken erwachen. Mit gewaltigem
Kriegsgerät und reisigem Zeug stürzten sie von allen Seiten auf
Frankreich, und ein großer Teil der [341]
Adligen und Vornehmen im Lande stand auf und schlug sich zu dem
Feind. Da ergrimmte das Volk und erhob sich in seiner Kraft. Es
erdrückte die Verräter und zerschmetterte die Söldner der Könige. Die
junge Freiheit wuchs im Blut der Tyrannen, und vor ihrer Stimme bebten
die Throne und jauchzten die Völker. Aber die Franzosen verkauften
selbst ihre junge Freiheit für den Ruhm, den ihnen Napoleon darbot, und
erhoben ihn auf den Kaiserthron. – Da ließ der Allmächtige das Heer des
Kaisers in Rußland erfrieren und züchtigte Frankreich durch die Knute
der Kosaken und gab den Franzosen die dickwanstigen Bourbonen wieder zu
Königen, damit Frankreich sich bekehre vom Götzendienst der erblichen
Königsherrschaft und dem Gotte diene, der die Menschen frei und gleich
geschaffen. Aber als die Zeit seiner Strafe verflossen war und tapfere
Männer im Julius 1830 den meineidigen König Karl den Zehnten aus dem
Lande jagten, da wendete dennoch das befreite Frankreich sich abermals
zur halberblichen Königsherrschaft und band sich in dem Heuchler Louis
Philipp eine neue Zuchtrute auf. In Deutschland und ganz Europa aber war
große Freude, als der zehnte Karl vom Thron gestürzt ward, und die
unterdrückten deutschen Länder rüsteten sich zum Kampf für die Freiheit.
Da ratschlagten die Fürsten, wie sie dem Grimm des Volkes entgehen
sollten, und die listigen unter ihnen sagten: Laßt uns einen Teil
unserer Gewalt abgeben, daß wir das übrige behalten. Und sie traten vor
das Volk und sprachen: Wir wollen euch die Freiheit schenken, um die ihr
kämpfen wollt. Und zitternd vor Furcht warfen sie einige Brocken hin
und sprachen von ihrer Gnade. Das Volk traute ihnen leider und legte
sich zur Ruhe. – Und so ward Deutschland betrogen wie Frankreich.
Denn was sind diese Verfassungen in Deutschland?
Nichts als leeres Stroh, woraus die Fürsten die Körner für sich
herausgeklopft haben. Was sind unsere Landtage? Nichts als langsame
Fuhrwerke, die man einmal oder zweimal wohl der Raubgier der Fürsten und
ihrer Minister in den Weg schieben, woraus [342]
man aber nimmermehr eine feste Burg für deutsche Freiheit bauen kann.
Was sind unsere Wahlgesetze? Nichts als Verletzungen der Bürger- und
Menschenrechte der meisten Deutschen. Denkt an das Wahlgesetz im
Großherzogtum, wornach keiner gewählt werden kann, der nicht
hochbegütert ist, wie rechtschaffen und gutgesinnt er auch sei, wohl
aber der Grolmann, der euch um die zwei Millionen bestehlen wollte. Denkt
an die Verfassung des Großherzogtums. – Nach den Artikeln derselben ist
der Großherzog unverletzlich, heilig und unverantwortlich. Seine Würde
ist erblich in seiner Familie, er hat das Recht, Krieg zu führen, und
ausschließliche Verfügung über das Militär. Er beruft die Landstände,
vertagt sie oder löst sie auf. Die Stände dürfen keinen
Gesetzesvorschlag machen, sondern sie müssen um das Gesetz bitten, und
dem Gutdünken des Fürsten bleibt es unbedingt überlassen, es zu geben
oder zu verweigern. Er bleibt im Besitz einer fast unumschränkten
Gewalt, nur darf er keine neuen Gesetze machen und keine neuen Steuern
ausschreiben ohne Zustimmung der Stände. Aber teils kehrt er sich nicht
an diese Zustimmung, teils genügen ihm die alten Gesetze, die das Werk
der Fürstengewalt sind, und er bedarf darum keiner neuen Gesetze. Eine
solche Verfassung ist ein elend jämmerlich Ding. Was ist von Ständen zu
erwarten, die an eine solche Verfassung gebunden sind? Wenn unter den
Gewählten auch keine Volksverräter und feige Memmen wären, wenn sie aus
lauter entschlossenen Volksfreunden bestünden?! Was ist von Ständen zu
erwarten, die kaum die elenden Fetzen einer armseligen Verfassung zu
verteidigen vermögen! – Der einzige Widerstand, den sie zu leisten
vermochten, war die Verweigerung der zwei Millionen Gulden, die sich der
Großherzog von dem überschuldeten Volke wollte schenken lassen zur
Bezahlung seiner Schulden. – Hätten aber auch die Landstände des
Großherzogtums genügende Rechte, und hätte das Großherzogtum, aber nur
das Großherzogtum allein, eine wahrhafte Verfassung, so würde die
Herrlichkeit doch bald zu Ende sein. Die Raubgeier in Wien und Berlin
würden ihre Henkerskrallen ausstrecken und die kleine Freiheit mit Rumpf
und Stumpf ausrotten. Das ganze deutsche Volk muß sich die Freiheit
erringen. Und diese Zeit, geliebte Mitbürger, ist nicht ferne. – Der
Herr hat das schöne deutsche Land, [343]
das viele Jahrhunderte das herrlichste Reich der Erde war, in die Hände
der fremden und einheimischen Schinder gegeben, weil das Herz des
deutschen Volkes von der Freiheit und Gleichheit seiner Voreltern und
von der Furcht des Herrn abgefallen war, weil ihr dem Götzendienste der
vielen Herrlein, Kleinherzoge und Däumlings-Könige euch ergeben hattet.
Der Herr, der den Stecken des fremden Treibers
Napoleon zerbrochen hat, wird auch die Götzenbilder unserer
einheimischen Tyrannen zerbrechen durch die Hände des Volks. Wohl
glänzen diese Götzenbilder von Gold und Edelsteinen, von Orden und
Ehrenzeichen, aber in ihrem Innern stirbt der Wurm nicht, und ihre Füße
sind von Lehm. – Gott wird euch Kraft geben, ihre Füße zu zerschmeißen,
sobald ihr euch bekehret von dem Irrtum eures Wandels und die Wahrheit
erkennet: daß nur ein Gott ist und keine Götter neben ihm, die sich
Hoheiten und Allerhöchste, heilig und unverantwortlich nennen lassen,
daß Gott alle Menschen frei und gleich in ihren Rechten schuf, und daß
keine Obrigkeit von Gott zum Segen verordnet ist als die, welche auf das
Vertrauen des Volkes sich gründet und vom Volke ausdrücklich oder
stillschweigend erwählt ist! daß dagegen die Obrigkeit, die Gewalt, aber
kein Recht über ein Volk hat, nur also von Gott ist, wie der
Teufel auch von Gott ist, und daß der Gehorsam gegen eine solche
Teufelsobrigkeit nur so lange gilt, bis ihre Teufelsgewalt gebrochen
werden kann! – daß der Gott, der ein Volk durch eine Sprache zu einem
Leibe vereinigte, die Gewaltigen, die es zerfleischen und vierteilen
oder gar in dreißig Stücke zerreißen, als Volksmörder und Tyrannen hier
zeitlich und dort ewiglich strafen wird, denn die Schrift sagt: was Gott
vereinigt hat, soll der Mensch nicht trennen! und daß der Allmächtige,
der aus der Einöde ein Paradies schaffen kann, auch ein Land des Jammers
und des Elends wieder in ein Paradies umschaffen kann, wie unser
teuerwertes Deutschland war, bis seine Fürsten es zerfleischten und
schunden.
Weil das deutsche Reich morsch und faul war
und die Deutschen von Gott und von der Freiheit abgefallen waren, hat
Gott das Reich zu Trümmern gehen lassen, um es zu einem Freistaat zu
verjüngen. Er hat eine Zeitlang den Satansengeln Gewalt gegeben, daß sie
Deutschland mit Fäusten schlügen, er hat den Gewaltigen und Fürsten,
die in der Finsternis herrschen, den bösen Geistern unter dem Himmel
(Ephes. 6), Gewalt gegeben, daß sie Bürger und Bauern peinigten und ihr
Blut aussaugten und ihren [344]
Mutwillen trieben mit allen, die Recht und Freiheit mehr lieben als Unrecht und Knechtschaft. – Aber ihr Maß ist voll!
Sehet an das von Gott gezeichnete Scheusal,
den König Ludwig von Bayern, den Gotteslästerer, der redliche Männer vor
seinem Bilde niederzuknieen zwingt und die, welche die Wahrheit
bezeugen, durch meineidige Richter zum Kerker verurteilen läßt! das
Schwein, das sich in allen Lasterpfützen von Italien wälzte, den Wolf,
der sich für seinen Baals-Hofstaat für immer jährlich fünf Millionen
durch meineidige Landstände verwilligen läßt, und fragt dann: ›Ist das
eine Obrigkeit von Gott, zum Segen verordnet?‹
Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus;
Du raubst, du schindest, kerkerst ein,
Du nicht von Gott, Tyrann!
Ich sage euch: sein und seiner Mitfürsten Maß ist voll. Gott, der Deutschland um seiner Sünden willen geschlagen hat durch diese Fürsten, wird es wieder heilen. ›Er wird die Hecken und Dörner niederreißen und auf einem Haufen verbrennen.‹ Jesaias 27, 4. So wenig der Höcker noch wächset, womit Gott diesen König Ludwig gezeichnet hat, so wenig werden die Schandtaten dieser Fürsten noch wachsen können. Ihr Maß ist voll. Der Herr wird ihre Körper zerschmeißen, und in Deutschland wird dann Leben und Kraft als Segen der Freiheit wieder erblühen. Zu einem großen Leichenfelde haben die Fürsten die deutsche Erde gemacht, wie Ezechiel im 37. Kapitel beschreibt: ›Der Herr führte mich auf ein weites Feld, das voller Gebeine lag, und siehe, sie waren sehr verdorrt.‹ Aber wie lautet des Herrn Wort zu den verdorrten Gebeinen: ›Siehe, ich will euch Adern geben und Fleisch lassen über euch wachsen, und euch mit Haut überziehen, und will euch Odem geben, daß ihr wieder lebendig werdet, und sollt erfahren, daß Ich der Herr bin.‹ Und des Herrn Wort wird auch an Deutschland sich wahrhaftig beweisen, wie der Prophet spricht: ›Siehe, es rauschte und regte sich, und die Gebeine kamen wieder zusammen, ein jegliches zu seinem Gebein. – Da kam Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und richteten sich auf ihre Füße, und ihrer war ein sehr groß Heer.‹ Wie der Prophet schreibet, also stand es bisher in Deutschland: eure Gebeine sind verdorrt, denn die Ordnung, in der ihr lebt, ist eitel Schinderei. Sechs Millionen bezahlt ihr im Großherzogtum einer [345] Handvoll Leute, deren Willkür euer Leben und Eigentum überlassen ist, und die anderen in dem zerrissenen Deutschland gleich also. Ihr seid nichts, ihr habt nichts! Ihr seid rechtlos. Ihr müsset geben, was eure unersättlichen Presser fordern, und tragen, was sie euch aufbürden. So weit ein Tyrann blicket – und Deutschland hat deren wohl dreißig –, verdorret Land und Volk. Aber wie der Prophet schreibet, so wird es bald stehen in Deutschland: der Tag der Auferstehung wird nicht säumen. In dem Leichenfelde wird sich's regen und wird rauschen, und der Neubelebten wird ein großes Heer sein.
Hebt die Augen auf und zählt das Häuflein eurer
Presser, die nur stark sind durch das Blut, das sie euch aussaugen, und
durch eure Arme, die ihr ihnen willenlos leihet. Ihrer sind vielleicht
10.000 im Großherzogtum und eurer sind es 700.000, und also verhält sich
die Zahl des Volkes zu seinen Pressern auch im übrigen Deutschland.
Wohl drohen sie mit dem Rüstzeug und den Reisigen der Könige, aber ich
sage euch: Wer das Schwert erhebt gegen das Volk, der wird durch das
Schwert des Volkes umkommen. Deutschland ist jetzt ein Leichenfeld, bald
wird es ein Paradies sein. Das deutsche Volk ist ein Leib, ihr
seid ein Glied dieses Leibes. Es ist einerlei, wo die Scheinleiche zu
zucken anfängt. Wann der Herr euch seine Zeichen gibt durch die Männer,
durch welche er die Völker aus der Dienstbarkeit zur Freiheit führt,
dann erhebet euch, und der ganze Leib wird mit euch aufstehen.
Ihr bücktet euch lange Jahre in den Dornäckern
der Knechtschaft, dann schwitzt ihr einen Sommer im Weinberge der
Freiheit und werdet frei sein bis ins tausendste Glied.
Ihr wühltet ein langes Leben die Erde auf,
dann wühlt ihr euren Tyrannen ein Grab. Ihr bautet die Zwingburgen, dann
stürzt ihr sie und bauet der Freiheit Haus. Dann könnt ihr eure Kinder
frei taufen mit dem Wasser des Lebens. Und bis der Herr euch ruft durch
seine Boten und Zeichen, wachet und rüstet euch im Geiste und betet ihr
selbst und lehrt eure Kinder beten: ›Herr, zerbrich den Stecken unserer
Treiber und laß dein Reich zu uns kommen – das Reich der Gerechtigkeit.
Amen.‹
TourLiteratur zu Georg Büchner
Dietmar Goltschnigg (Hg.): Georg Büchner und die Moderne. Texte, Analysen, Kommentare Band 2: 1945-1980. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2002.
Dazu: Die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel. Dietmar Goltschniggs zweiter Band der Büchner-Rezeption. Rezension von Werner Weiland, Literaturkritik
Und dass auch die Wissenschaft ein Feld von bösen, gemeinen, eitlen Übeltätern sein kann oder immer wieder ist, beweist die Kontroverse um die Georg Büchner Gesellschaft und einiger mit ihr involvierter Fachleute. Lesen Sie hier die peinliche Kontroverse:
"... die Büchnerforschung ist ein Schlachtfeld":
Zur Kontroverse um die Büchner-Herausgabe siehe GEORG BÜCHNER ONLINE
Zum Verhältnis Drama & Oper:
Angela von Streit: Woyzeck oder Wozzeck? Das Drama von Georg Büchner und die Oper von Alban Berg. Oregon State University, March 10, 1998
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Dienstag, 31. Januar 2012
71. Todestag von René Schickele

René Schickele (4. August 1883 in Oberehnheim im Elsass - 31. Januar 1940 in Vence, Alpes-Maritimes) war ein deutsch-französischer Schriftsteller, Essayist und Übersetzer.Wikipedia
Eintrag zu René Schickele im exil-archiv
Der „zweisprachige Grenzvogel“ René Schickele – Journalist, Schriftsteller und früher Europäer
von Carsten Tergast, ZVAB-Blog
Kohser-Spohn, Christiane: « Hier Allemand, aujourd’hui citoyen français, je m’en contrefous ». René Schickelé (1883-1940), alsacien, européen, pacifiste. In: Themenportal Europäische Geschichte (2009), URL: http://www.europa.clio-online.de/2009/Article=366. Abgerufen am 31.1.2012

»Zeit zum Reisen«
Aus: René Schickele: Himmliche Landschaft (1933)
Am Nachmittag kommen die ersten Wanderburschen.
Während der Schneezeit waren sie wie begraben. Nicht ein einziges Mal ging die Gartentür auf, um eine dieser entschlossenen Gestalten durchzulassen, wie sie jetzt mit Knüppel und forschendem Blick auf das Haus losgehn.
»Wo waren Sie denn während des Schnees?« fragte ich den ersten. Es ist ein zwanzigjähriger Bursche mit leuchtend blauen Augen.
»Ha, da haben wir halt bei die Bauern Holz gehackt.«
Glänzend! Auch hier gibt es Holz zu hacken, Leimringe an die Obstbäume zu legen und sonst allerhand Arbeit. Aber der Junge verzieht das Gesicht, sein Blick schweift in die Weite, blau durch die blaue Weite, bis zu den blauen Vogesen . . . Die Sonne wärmt, die Vögel singen Sieg – überwunden die Zeit, wo das Futter unerreichbar unter dem Schnee lag und die Maden sich vor der Kälte verkrochen! Auf den Straßen knallen die Peitschen der Fuhrleute, am Gartenzaun steht der Hund auf den 32 Hinterpfoten und bellt ein Eichhörnchen an, das ihm vom Ast einer Lärche in den Rachen hineinsieht. Dabei verzieht es die Oberlippe, als ob es grinste . . .
»Nee«, sagt der Bursche, »nee, lieber Herr. Jetzt ist die Zeit zum Reisen. Ich bin ein Durchreisender, verstehn Se?«
Ein Durchreisender folgt dem andern. Tag um Tag, und wenn der Hund unbeaufsichtigt herumläuft, bleiben sie am Gartenzaun stehn und warten, bis sich jemand im Hofe zeigt.
Sie wandern!
Als ich endlich einen erwische, der arbeiten will, ist es ein alter Mann. Er kommt mit den Jungen nicht mit, sie betteln ihm alles vor der Nase weg, sie betteln die Welt leer und lachen ihn aus.
Da fasse ich einen Beschluß. Die Jungen bekommen zu essen und, wenn sie wollen, ein Buch. Geld gibt es nur für die Alten.
Mittwoch, 18. Januar 2012
71. Todestag von Anton Kuh
Anton Kuh (12. Juli 1890 in Wien - 18. Januar 1941 in New York) war ein österreichisch-jüdischer Journalist, Essayist, Erzähler und Redner.Wikipedia
Über Anton Kuh und die Kunst, als Schnorrer zu leben
Klaus Geitel plaudert
Welt Online, 11.03.2000
Freitag, 6. Januar 2012
71. Todestag von Franz Hessel
Franz Hessel (21. November 1880 in Stettin - 6. Januar 1941 in Sanary-sur-Mer) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Lektor. Wikipedia
Franz Hessel
Autor, Übersetzer und Lektor
Sein Sohn ist Stéphane Hessel
Wikipedia
Donnerstag, 5. Januar 2012
Josef Škvorecký am 3.1.2012 in Toronto gestorben
Josef Škvorecký (* 27. September 1924 in Náchod, Tschechoslowakei; † 3. Januar 2012 in Toronto, Kanada) war ein in Kanada lebender tschechischer Schriftsteller, Übersetzer und Verleger.Wikipedia
(In der Wikipedia-Seite gibt es Links zu anderen Sprachversionen des Wikipediaeintrages als auch Links zu Artikel über den Autor, in denen wiederum weitere Verweise zu finden sind.)
Unser Danny
Zum Tod des tschechischen Schriftstellers und Exilverlegers Josef Škvorecký
Der tschechische Schriftsteller Josef Škvorecký ist am 3. Januar im Alter von 87 Jahren in Toronto gestorben, wo er seit 1970 lebte und einen Exilverlag leitete. Zu seinen bekanntesten Werken zählte der Roman «Der Seeleningenieur».
Katarina Holländer, Neue Zürcher Zeitung, 5.1.2012
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