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Freitag, 7. September 2018

F. P. Ingold über Gomringer und die Vollkommenheit

Vollkommenheit nimmt der Kunst den Atem
Gedichte, in denen alles aufgeht. Literatur, die keinen Makel hat: Kann das grosse Kunst sein? Der «Fall Gomringer» bietet Gelegenheit für einen kritischen Rückblick auf die konkrete Poesie.


Zwar stellt Ingold richtig fest, dass die konkrete Poesie bzw. die konkreten Poeten heute nicht mehr gelesen werden oder dem breiten Publikum bekannt sind, aber er führt das auf die Qualität der Vollkommenheit zurück, was jemanden, der Literatur liest oder meint zu verstehen, doch verwundert.

Ingold sagt auch:

Zur Poetik der Konkreten gehörte vorab die Aufbietung von Klarheit, Einfachheit, Ordentlichkeit − insgesamt von Rationalität − im Gegenzug zu gängigen lyrischen Qualitäten wie Gefühligkeit, Stimmung oder Pathos. Der emotionalen Reduktion entsprach auf der Formebene der Verzicht auf hergebrachten Vers- und Strophenbau, auf Metaphernbildung, auf dekorativen und erklärenden Spracheinsatz. Wort, Silbe, Buchstabe wurden aufgewertet gegenüber kohärenten Sätzen und Aussagen. Das Sprachdesign gewann Vorrang vor der Sprachbedeutung.
Es fällt ihm nicht auf, dass er damit einerseits typisch deutsche Tugenden, vielfach und traditionell von Spießern befolgt (klr, einfach, ordentlich), beschreibt, dass er der Rationalität das Wort spricht, welche auch in der Kunst, jawohl, in der Kunst, von diesen vollkommenen Poeten geübt wurde, als ob es darum ginge, die tiefe Angst vor der Metapher, vor den Gefühlen, vor dem, was jenseits der kalten Rationalität liegt, zu meistern. Wie? Durch Fingerübungen, Virtuosität, Verzicht auf Inhalt und Aussage. Ärger als bei bloß reproduzierenden Künstlern soll das Design herrschen, die bloße Form, der Buchstabe gar, nur ja kein Stimmiges, nur kein lesbarer Sinn. Er lobt damit das völlig Unpolitische, das Ängstliche suchen und einehmen, weil ihnen Positionsbezug zu schwierig, zu verantwortlich erscheint. In der Monarchie unter Metternich, dem Herrscher des Polizeistaates, war vielen österreichischen Geängstigten nur die innere Emigration, die Resignation offen oder, ganz erfolgreich, das unpolitische Getümel, vor allem in der Unterhaltungsmusik und dem lustigen  Theater. Nur kein Aufsehen, nur keine Botschaft.Nur keine Verantwortung.

Die konkreten Poeten waren Feiglinge, die sich in die inhaltsleere Virtuosität ihrer Spielereien flüchteten. Sie sind heute zu recht vergessen. Was Heranwachsenden ein schönes Spiel ist, wird langweilig, wenn man es überstrapaziert. Oskar Pastior hat als Securitate Zuträger und Spitzel gearbeitet. Seine Freundinnen und Freunde haben das beredt entschuldigt, er habe eh nichts weitergereicht. Er hat schöne Permutationen gezimmert und Gedichte gejammert in aller Konkretion. So auch die anderen. Damals war das für viele Unbedarfte eine Leistung. Seit dem Computerzeitalter wirken diese Übungen kindisch.

Das wird auch nicht aufgewertet, wenn Ingold Helmut Heissenbüttel ("Positivität dieser Kunst")  zitiert und meint, dass damit das Konkrete zum "Garanten eines ideologiefreien poetischen Idioms" wurde und "als solches die hergebrachte Dichterrede" ablöste. Was für eine Leistung! Endlich ideologiefrei Ideologiefreiheit.

Folgerichtig nimmt er das von der Hauswand entferte Gedicht von Eugen Gomringer in Schutz und schimpft die Aktion, welche die Entfernung bewirkte, einen "kunstfremden, wenn nicht kunstfeindlichen Einwurf. Der sensible Vielschreiber Ingold will die triviale, inhaltslose Kunst hochgeschätzt und gesichert wissen.

Es bricht aber aus ihm das kritische Denken heraus, er kann es doch nicht vernebeln:

Das ist kunstfertig gemacht − aber ist es auch ein gutes Gedicht? Und ist es denn überhaupt ein Gedicht? Man bekommt zwar einzelne Wörter zu lesen, aber keine vollständigen Sätze, man kann assoziativ eine reale Situation imaginieren, doch zu verstehen gibt es nichts. Das Gedicht ist einzig durch seine Machart von Interesse − als sprachliche Architektur gewissermassen, keineswegs jedoch von seiner Bedeutung her: Es vermittelt weder Erkenntnisgewinn, noch vermag es emotional zu berühren; es stellt lediglich einen trivialen Sachverhalt fest.
Als originell oder innovativ können derartige Texte längst nicht mehr gelten, und ein Revival konkreter Dichtung insgesamt ist allein deshalb ausgeschlossen, weil sie inzwischen weitgehend von der Werbesprache vereinnahmt und umstandslos nutzbar gemacht worden ist: Konkrete Poesie findet sich heute − als abgesunkenes Kulturgut in zweckbestimmter Anpassung − auf Plakaten, auf Spruchbändern, in Internetanzeigen, im populären Journalismus, mit dem einen wesentlichen Unterschied freilich, dass sie hier in aller Regel eine klar erkennbare Botschaft transportiert, derweil sie doch ursprünglich, als Gedicht angelegt, bedeutungsmässig offen beziehungsweise neutral bleiben sollte.
Er vertraut aber seinen eigenen Worten nicht, vor allem nicht ihrem Sinn. Für ihn darf Kunst, anders als bei Adorno, durchaus nichtssagend und trivial sein. Trivialität als Qualität, ebenbürtig der Werbesprache, die doch die Wahrheit, jawohl, die Wahrheit, so überzeugend darstellt und transportiert. 

Was müssen Poeten wie Tranströmer, Brodsky oder Heaney für altmodische Deppen gewesen sein, weil sie keine ideoligefreien Räume zimmerten, bar jeder Botschaft, reduziert auf Fingerfertigkeit und den in Ketten gelegten Geist, der meinte, in Permutationen seine Freiheit auslaufen zu können.
O Jammer, o Schreck.



Freitag, 24. Februar 2012

Oskar Loerkes 71. Todestag

Oskar Loerke (13. März 1884 in Jungen bei Schwetz (heute polnisch: Wia;g) in Westpreußen - 24. Februar 1941 in Berlin) war ein deutscher Dichter des Expressionismus und des Magischen Realismus.

Wikipedia


In einer Sendung mit dem Titel "Ein zu Unrecht vergessener Autor" von Matthias Kußmann im Deutschlandradio vom 21.2.2011 über Oskar Loerke heißt es zu Beginn: "Seine Abneigung gegen den Nationalsozialismus prägte ihn, seine späten Texte wirken verzweifelt. Am Ende geriet der Lyriker Oskar Loerke in Vergessenheit, vielleicht auch, weil er keinen eigenen Ton entwickelte. Eine neue Gesamtausgabe bündelt sein Werk für eine Neuentdeckung."

Es wird der Herausgeber Uwe Pörksen zitiert:

"Er ist ein Mann ganz hoher Qualität, nicht so leicht zugänglich. Die Sprache ist teilweise so reich an Vokabeln, die aus unserem heutigen Wortschatz verschwunden sind, dass er manchem der heutigen Generation Schwierigkeiten machen würde. Wir haben der Sache deswegen auch ein Glossar beigegeben. Trotzdem muss ich gestehen, dass ich's nicht ganz verstehe, warum nicht 15, 20 seiner Gedichte zum allgemeinen Kanon gehören."

Zur neuen Ausgabe (in 2 Bänden) seiner "Sämtliche Gedichte" im Wallstein Verlag (2010) heißt es in diesem Beitrag abschließend:

Die "Sämtlichen Gedichte" erschienen erstmals 1958, noch einmal 1984. Dann wurde es endgültig still um Loerke. So füllt die neue zweibändige, sorgfältig kommentierte Ausgabe endlich eine Lücke. Sie ist schön gestaltet, wenn auch der froschgrüne Leineneinband etwas knallig wirkt - und der einleitende gute Essay des Lyrikers Lutz Seiler geschmäcklerisch in grüner Schrift gedruckt ist. Aber sei's drum. Die Arbeit der Herausgeber überzeugt. Sie haben den Bänden die Edition von 1984 zugrunde gelegt, die Texte aber kritisch durchgesehen und Druckfehler verbessert. Zudem wurden wichtige Essays Loerkes aufgenommen, in denen er über seine lyrische Arbeit schreibt. Und es gibt einige bislang nicht oder verstreut gedruckte Gedichte aus dem Nachlass, während die gesamten Nachlasstexte sinnvoll in vier Abteilungen gegliedert wurden. Abschließend skizzieren die Herausgeber Loerkes Leben und Werk, seine Freundeskreise und seine Arbeit als Lektor. Damit ist der Weg frei für eine Neuentdeckung dieses zu Unrecht vergessenen Autors.

*

Anmerkung:
Die Feststellung "ein zu Unrecht vergessener Autor" hat es in sich. Wann wäre ein Autor zu Recht vergessen? Wer beurteilt Vergessenheit, wann sie rechtens oder ungerecht erfolgte? Kann man Nichtvergessen dekredieren?  Nichtvergessen wie Vergessen folgen nicht rationalen Gründen, nicht Aspekten igendwelcher Qualitätskriterien.Wird ein Werk oder sein Autor vergessen, haben sie es nicht geschafft, genügend Aufmerksamkeit zu binden. Wem soll das vorgeworfen werden? Soll das Publikum nicht mehr das Recht haben zu vergessen, gleichgültig zu bleiben, sich nicht hin- oder zuzuwenden, nicht einmal sich abzuwenden, sondern einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen? Aufmerksamkeit und Interesse unterliegen nie Gerechtigkeitskriterien. Wonach sollten die überhaupt formuliert werden? Moral, Gerechtigkeit usw. sind untauglich zur Bewertung von Kunst und Kultur oder Wissenschaft. Ja nicht einmal in der Historie oder Politik, eigentlich nirgends, taugt der Begriff Gerechtigkeit. Einzig in den Religionen tröstet er die Armen und Schwachen. Aber es gibt keine...

Umgekehrt, was verbürgt das Nichtvergessen? Qualitativ hochwertige Auseinandersetzung?



Eine längst fällige Wiederentdeckung
Das lyrische Werk von Oskar Loerke ist in zwei Bänder erschienen.
Rezension von Manfred Orlick, Literaturkritik.de


Oskar Loerke


Ein neues Lied

Nah kreist der Geier, bereit,
den Schnabel in Menschenhirn zu picken.
Ich sehe weit, ganz weit,
meine Schaukelpferde nicken.

Die alten Schaukelpferde ruhn,
Spinnweb in den Mähnen.
Herbeigekommen ist ja nun
die Zeit der täglichen Tränen.


Blauer Abend in Berlin

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz im Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Regt sie des Wassers Wille und Verstand

Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.







Loerke auf ungarisch:





Oskar Loerke

Von der modernen Lyrik



Die Lyriker des Neuen haben gemeinsam etwas künstlerisch Gewalttätiges, denn das Wachstum aller Felder, welche die Zeit besät und beackert, ist so erdrückend, veränderungs- und überraschungsvoll, daß es Kühnheit kostet, mit der Kunst nachzukommen. Keine Zeit hat das Aussehen der Welt und das Aussehen des Lebens so jäh bereichert wie unsere. Für jeden, der es betrachten will, ist es da, für den Dichter am meisten. Immer war erst dann etwas wirklich, sobald es in den Dichtern war. Immer waren erst wirklich Dichter, wenn sie etwas Neues auszusprechen hatten. Wohl konnten sie es niemals anderswo als in sich finden, doch sie sprachen es im Gleichnis der ganzen erneuten Welt. Heute ist diese Erleichterung zur äußeren Erschwerung geworden.

Darum wollen wir zunächst alle Lyriker preisen, die das Moderne sich überhaupt angehen lassen. Wir wollen die Großstädte, die Weltstädte dichten, die beinahe so jung wie wir sind. Wir wollen die Sinfonien des Stahls, des Eisens und aller schnellen Kräfte hören, die fast noch jünger sind als wir. Wir wollen das moderne Tempo wiederschaffen, weil es uns schafft. Wir wollen unsere feinen, kranken Nerven singen, sie werden davon gesund werden. Hinausgetrieben werde, wer die Mühe um all das bekämpft, totgeschlagen werde er, wenn er ein Künstler ist.

Dennoch! Wenn wir beim Lesen unserer jüngsten Gedichte uns über das durch seine bloße Nennung Erregende hinaus Rechenschaft geben, so stellen wir oft die grundsätzliche Frage: Was ist ein Gedicht? Nicht, weil das zufällig Gelesene schwach wäre; wir wissen, in jeder großen, geistigen Bewegung ist der Wille öfter vorhanden als die Kraft. Im Gegenteil, gerade vor den starken Erzeugnissen regt sich jene Frage. Wir mögen eben nicht vergessen, daß unser Volk eine große lyrische Kunst besitzt. Wir mögen auch nicht unsere Erfahrung vergessen, daß in jeder Zeit zwei Arten von <Dilettantismus> nebeneinander hergehen, ein heruntergekommener, altmodischer und ein angesehener moderner, und wir geben zu, daß der zweite Lob verdient, damit der erste daraus werde. Wir wollen die notwendigen Irrtümer begehen, zugleich aber eingestehen, daß es Irrtümer sind.

Noch konnten wir die Bestandteile unserer neuen Welt nicht zum Weltgebäude fügen. Uns waren nur zwei Arme gewachsen. Es hätten zweihundert sein müssen, und darum haben wir rasch alles zusammengehäuft und den Haufen als die neue Welt bezeichnet. Wirft jemand Backsteine, Kalk, Bretter, Glas, Nägel übereinander und sagt davon: es ist mein Haus? Kann man also dieses Verfahren etwa auf eine große Stadt ausdehnen und das, was daraus wird, anreden: O du mein Berlin? Wir sind zu stolz auf unseren Besitz, doch wenn wir ihn Stück für Stück in Rhythmen und Reime tun, so haben wir ihn schon ausgegeben, bevor wir ihn besaßen. Wir gehen zuviel an die Dinge heran, anstatt sie uns angehen zu lassen. Immerhin, sie werden ihr Schicksal fühlen, daß sie uns verfallen sind und werden uns morgen nicht mehr widerstehen. Wenn auf dem Umweg vorläufig wenigstens nur so viel herauskäme wie jener Ausruf an die Weltstadt! Das wäre schon ein Gedicht, wenn auch ein bescheidenes. – Soweit sind wir leider noch nicht. Wir leben auf Vorschuß. An den Gedichten fehlt noch das Gedicht.

Wir suchen die Leere zu erfüllen – und irren wieder. Uralte, an sich wahre Gefühle und Erlebnisse mögen sich nicht mehr in den Begriffen aussprechen, die ihnen früher zum künstlerischen Leben verhalfen. Sie suchen sich zu verjüngen, vermögen es aber erst teilweise. Daraus entstehen Widersprüche, und die Wahrheit der Empfindung wird auf halbem Wege zur Unwahrheit. Wenn man in einer Ode auf eine Postkutsche statt Postkutsche immer Aeroplan einsetzt und statt trabte flog sagt, so wird das Endergebnis doch wieder eine Postkutschenode sein. Umgekehrt gelingt bei manchem modernen Hymnus auf das Automobilfahren die Umwandlung nach rückwärts, indem man nur aus Motor Pferd und aus Hupe Posthorn macht. Wir wollen den Mut haben, einzugestehen: auch an diesen Versen fehlt das Gedicht. Auch an diesen hat das Moderne es zerstört.

So sucht man denn die Wandlung zum Guten organisch von innen zu schaffen. Dieser Pfad ist theoretisch derselbe wie die anderen. Nur wird er vom anderen Ende angetreten; das Ziel liegt in der Mitte. Der Rhythmus ist so ewig und so vergänglich wie der Mensch. Er ist da. Er ist nicht zu erfinden, sondern nur zu finden. Darum gibt es keinen modernen Rhythmus, wenn man ihn von 1900 an rechnet, aber es gibt einen modernen Rhythmus, wenn man den Beginn seiner Epoche vom Jahr 1 der Erde datiert. Das Wesen der Menschen hat sich in ein paar Jahrzehnten nicht so sehr verändert, wie wir gern behaupten. Darum wollen wir unserm Wörterbuch die neuen Vokabeln einreihen, anstatt alle alten Blätter auszureißen; es wird manche darin geben, die wir selten aufschlagen, andere sind ersetzt, die meisten bleiben unentbehrlich. Ist das Dichterwörterbuch fertig, so sprechen wir: Es gibt jetzt keinen unpoetischen Gegenstand. Es gibt aber auch keinen poetischen. Und nun mache sich der Dichter an eine Blinddarmoperation. Seine große oder kleine Kunst wird sie poetisch oder unpoetisch zeigen. – Stellen wir zum Wörterbuch das Musterbuch! Gegrüßt sei, wer die alten Formen zerbricht und neue bringt. Nie aber ist auch hier das Neue das Einzige, höchstens, wo es alles Alte groß in sich aufgehen ließe. Ist das vorstellbar? Etwa die doch immer neuen freien Rhythmen sind oft, wenn man sie prosaisch einrückt, weder Rhythmen noch frei. – Fügen wir endlich zum Wörter- und Musterbuch ebenso vollständig und nicht in einem Auszug das Lebensbuch! Vielleicht wird da ein guter Stadtdichter auch mitunter ein guter Landdichter sein? Vielleicht wird jemand, der seinen Gefühlen für einen Mühlenbach lyrisch Luft macht, wenn er sie noch hat, frei und unverwirrt genug sein, um auch ein reines, unstaffiertes Luftschiffgedicht zu schaffen. Eine freche Erotik sei so frech wie irgendmöglich, nur nicht gegen eine andere Erotik, sonst könnte diese einmal in sie schlüpfen und sie zum unvermögenden Zwitter machen. Diejenigen, denen die feinsten, unentschiedensten, hellhörigsten, jüngsten Stimmungen das Hirn bewegen, machen aus sich selbst kranke und unerfreuliche Erscheinungen, sobald sie das Starke und Strömende leugnen. Höchste Klarheit vor der modernen Wirrnis ist wünschenswert: deshalb ist es dumm, eine Lebensmystik zu bekämpfen, die, das Gegenteil von Verworrenheit, die unmittelbarste, ungetrübteste und untrüglichste, freilich seltenste Form ist, das Leben zu fassen. Sie ist auch ewig und auch modern.

Das Radikalste und das Konservativste bilden in der Kunst keinen Gegensatz, ja, wenn man Lust hat, ein Paradox gelten zu lassen, so sind sie dasselbe.

Erstdruck und Druckvorlage:
Zeit im Bild. Moderne illustrierte Wochenschrift.
Jg. 10, 1912, Nr. 27, 27. Juni, S. 691

Dienstag, 31. Januar 2012

71. Todestag von René Schickele


René Schickele (4. August 1883 in Oberehnheim im Elsass - 31. Januar 1940 in Vence, Alpes-Maritimes) war ein deutsch-französischer Schriftsteller, Essayist und Übersetzer.

Wikipedia

Eintrag zu René Schickele im exil-archiv

Der „zweisprachige Grenzvogel“ René Schickele – Journalist, Schriftsteller und früher Europäer
von Carsten Tergast, ZVAB-Blog

Kohser-Spohn, Christiane: « Hier Allemand, aujourd’hui citoyen français, je m’en contrefous ». René Schickelé (1883-1940), alsacien, européen, pacifiste. In: Themenportal Europäische Geschichte (2009),  URL: http://www.europa.clio-online.de/2009/Article=366. Abgerufen am 31.1.2012





»Zeit zum Reisen«

Aus: René Schickele: Himmliche Landschaft (1933)

Am Nachmittag kommen die ersten Wanderburschen.

Während der Schneezeit waren sie wie begraben. Nicht ein einziges Mal ging die Gartentür auf, um eine dieser entschlossenen Gestalten durchzulassen, wie sie jetzt mit Knüppel und forschendem Blick auf das Haus losgehn.

»Wo waren Sie denn während des Schnees?« fragte ich den ersten. Es ist ein zwanzigjähriger Bursche mit leuchtend blauen Augen.

»Ha, da haben wir halt bei die Bauern Holz gehackt.«

Glänzend! Auch hier gibt es Holz zu hacken, Leimringe an die Obstbäume zu legen und sonst allerhand Arbeit. Aber der Junge verzieht das Gesicht, sein Blick schweift in die Weite, blau durch die blaue Weite, bis zu den blauen Vogesen . . . Die Sonne wärmt, die Vögel singen Sieg – überwunden die Zeit, wo das Futter unerreichbar unter dem Schnee lag und die Maden sich vor der Kälte verkrochen! Auf den Straßen knallen die Peitschen der Fuhrleute, am Gartenzaun steht der Hund auf den 32 Hinterpfoten und bellt ein Eichhörnchen an, das ihm vom Ast einer Lärche in den Rachen hineinsieht. Dabei verzieht es die Oberlippe, als ob es grinste . . .

»Nee«, sagt der Bursche, »nee, lieber Herr. Jetzt ist die Zeit zum Reisen. Ich bin ein Durchreisender, verstehn Se?«

Ein Durchreisender folgt dem andern. Tag um Tag, und wenn der Hund unbeaufsichtigt herumläuft, bleiben sie am Gartenzaun stehn und warten, bis sich jemand im Hofe zeigt.

Sie wandern!

Als ich endlich einen erwische, der arbeiten will, ist es ein alter Mann. Er kommt mit den Jungen nicht mit, sie betteln ihm alles vor der Nase weg, sie betteln die Welt leer und lachen ihn aus.

Da fasse ich einen Beschluß. Die Jungen bekommen zu essen und, wenn sie wollen, ein Buch. Geld gibt es nur für die Alten.

Montag, 9. Mai 2011

Gegenwartsversessenheit

Versuch über eine folgenreiche Zeitkrankheit

Wer nur im Hier und Jetzt und ausschliesslich für den Selbstgenuss lebt, könnte unter der neuen Zeitkrankheit leiden, ohne es zu merken.
Zu berichten ist von einer weitverbreiteten, aber noch wenig erforschten Zeitkrankheit. Sie heisst: Gegenwartsversessenheit. Symptome dieser Krankheit treten überall dort auf, wo die Zukunft vergessen wird, und Beispiele dafür finden sich in allen Lebensbereichen.

Dieter Thomä, NZZ 9.5.2011

Vergessen kann man nur, was man im Gedächtnis hat. Alles Andere, Potentielle kann höchstens übersehen, missachtet, ignoriert werden.  - Und wie könnte man die Zukunft wissen, um sie dann vielleicht zu vergessen? Sprachungenauigkeit verrät Kurzdenken. Der Autor meint das Fokussieren auf die Gegenwart. Aber das hat nichts mit Vergessen zu tun.

Sonntag, 17. April 2011

Pest & Vergessen & Warten

Aber einerseits war die Stadt geschlossen und der Hafen verboten und damit das Baden unmöglich, und andererseits befanden sie sich in einem ganz besonderen Geisteszustand, in dem sie genau spürten, dass sich etwas verändert hatte, obwohl sie sich im innersten Herzen die überraschenden Ereignisse, die sie trafen, noch nicht eingestanden. Viele hofften indessen, die Seuche werde aufhören und sie und die ihren verschonen. Infolgedessen fühlten sie sich noch zu nichts verpflichtet. Die Pest war für sie bloß ein unangenehmer Besuch, der eines Tages auch wieder fortgehen musste wie er gekommen war. Sie waren erschreckt, aber nicht verzweifelt, und der Zeitpunkt war noch nicht erreicht, da sie in der Pest ihre eigentliche Lebensform erblicken und ihr bisheriges Dasein vergessen würden. Kurz, sie warteten.
Albert Camus: Die Pest

Japan: Fukushima:

Die Sperrzone wurde etwas ausgeweitet. Die ehemaligen Einwohner dürfen nicht mehr dorthin zurückkehren. Sie hausen immer noch in dürftigen Behelfsunterkünften. Während im Norden Japans die Lage äußerst trist ist, prekär, versucht Tokyo die Normalität wiederherzustellen. Im Süden des Landes lebt man ungestört, wie immer.

Die Fernsehsender bemühen sich, das Vergessen leichter zu machen, die Ablenkungen funktionierender. Langsam gewinnt die Täuschung wieder Oberhand.