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Mittwoch, 29. August 2018

Offenheit – Zur Erinnerung ...

Zur Erinnerung, zwei Artikel von Volker Reinhardt aus der NZZ von heuer und letztem Jahr:

Die Freiheit des Denkens muss grenzenlos sein

Die Inquisition verfolgte alles, was nicht ins herrschende Weltbild passte. Viel haben wir seither nicht dazugelernt.
Volker Reinhardt 27.4.2018, NZZ

Die Vergangenheit kehrt zurück

Wir sind aufgeklärt und digitalisiert. Wir sind abergläubisch, irrational und praktizieren vormoderne öffentliche Strafrituale. Ganz so wie im 16. Jahrhundert.
Volker Reinhardt 4.12.2017, NZZ

Und als Schlusssatz:

Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus.
Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Abschn. 5

Montag, 25. Juni 2018

Grillparzer und die ideale Welt


Ausgrabung aus den Tagebüchern von Louis Christian Wolff (2004): 

Grillparzer

Beim Durchschauen einiger älterer Zeitschriftenjahrgänge klaube ich eine Ausgabe von „Literatur und Kritik“ aus dem Jahre 1991 hervor und lese wieder den Beitrag „Grillparzer und der Krieg“. [1]
Ganz anders als Hans Weigel, noch viel positiver als Ernst Fischer [2] wird hier Grillparzers Leistung hervorgehoben:

Die Bedeutung von Grillparzers Werk liegt in einer bis dahin nicht erreichten ästhetischen Differenzierung der dramatisch-theatralischen Sprache, in der Schaffung eines vielstimmigen Mediums, das die vielen widersprüchlichen Aspekte einer verworrenen Kriegskultur in Szene setzen sollte. Es gibt vor Grillparzer keine vergleichbare literarische Erkundung des kriegerischen Ausnahmezustandes und keine vergleichbar illusionslose Sicht des dauernd herrschenden Kriegs. [3]

Starke Worte. Mir fallen etliche Werke literarischer Erkundung des Krieges ein. Der Autor rettet seine Behauptung durch seine Wertung „vergleichbar“. Nach seiner subjektiven Ansicht mag es nichts Vergleichbares gegeben haben. Doch da bin ich anderer Ansicht. Wie sahen das Fischer und Weigel?

Höller sieht in der Dichtung Grillparzers nicht nur eine Antwort, sondern eine Behandlung der brennenden politischen Probleme des „neuen Fortschritts“. Das dramatische Werk als Austragungsort aufgeklärter Aktivität.

Doch Grillparzer sah, das hat nicht nur Ernst Fischer gut herausgeschält, ähnlich wie Kleist, sich einer Dichtung verschrieben, die eben nicht den Alltag widerspiegelt, die nicht an die „Realität“ gebunden war; Dichtung musste mehr sein: eine Überhöhung der Realität (fast möchte ich sagen: Surrealität). Darin blieb er Romantiker, obwohl nicht der romantischen Schule zugehörig. Dazu Ernst Fischer:

Der romantische Protest gegen die kapitalistische Entwicklung war für Grillparzer zugleich Abwehr gegen die Bedrohung des österreichischen Staatsgefüges durch eben diese Entwicklung. Grillparzer war keineswegs der „Reaktionär“, als den man ihn mitunter angeklagt hat.
Er sah die Fäulnis des Systems, er machte sich über Franz I., über Metternich und all ihre Kreaturen nicht die geringsten Illusionen, aber er suchte vergeblich nach ihren Gegenspielern, die fähig wären, Österreich zu erneuern“.[4]

Grillparzer war erschrocken, besorgt, gequält. Aber er schreckte vor aller Tat zurück, er hatte Angst vor Konsequenzen, fürchtete Veränderung. Das Proletariat war ihm nicht nur fremd, sondern widerlich. Trotz aller von Höller so hervorgehobener Kriegskritik fand sich Grillparzer in Wahrheit für den Habsburgerstaat, damit für dessen Kriege. Sein glühender Patriotismus erleichterte ihm mit seiner tiefen Angst vor Veränderung oder Revolution die Parteinahme für den Monarchen und seine Feldherrn. Und das spiegelt sich als unvergleichbare literarische Erkundung des Kriegs im Werk? Was für eine Lesart hat Höller angewandt, um die anderen, negativen Aspekte auszublenden?

Grillparzer klagt an, geißelt, verurteilt, zeichnet eindringlich das grausige, schlimme Bild des Gewaltmenschen, des Herrschers, Kriegers, Potentaten. Der Held wird angegriffen von ihm. Das ist neu. Das ist gewagt. Aber was weiter? Wohin führt ihn sein Schrecken, seine Abneigung, seine Klarsicht? Er hat nicht den Mut und nicht die Kraft, seine persönlichen Sehnsüchte mit seinen Visionen zukunftsorientiert zu verbinden. Daran hindert ihn seine Angst. Also schaut er zurück, pflegt das traute Bild der Vergangenheit, des „Naturmenschen“, den er dem entfremdeten Produkt des Fortschritts, dem vernünftigen Zivilisationsmenschen, der zugleich der Gewaltmensch ist, entgegenstellt. Doch mit der Vergangenheit alleine lässt sich keine Gegenwart und erst recht keine Zukunft meistern.

Grillparzer zieht sich in seine Dichtung zurück. Sie wird sein Haus, in welchem er die Läden schließt, die Tür verriegelt und träumt, soweit er das vermag, und langsam verstummt („Der Traum, ein Leben“ ist sein Anti-Faust). Bitternis.

Nochmals Ernst Fischer, der zusammenfasst:

Grillparzer stand im Zwielicht zwischen Gestern und Morgen. Er träumte zurück, ahnte voraus, empfand die Problematik der Gegenwart, den inneren Widerspruch des kapitalistischen Zeitalters. In seinem Fühlen human, in seiner Gesinnung konservativ, war er ein einsamer Dichter des Übergangs von Klassizismus und Romantik zu neuen Bereichen der Kunst, zu neuen Methoden dramatischer Gestaltung. Welch ein Zwiespalt! Die demokratische Revolution des Jahres 1848, die er ablehnte, steigerte seine Kraft zur Vollendung von Meisterwerken. Als Habsburg siegte, begann der Dichter Habsburg zu verstummen.[5]

Die positive Einschätzung von Höller wird in vielem vom Marxisten Fischer geteilt. Doch Akzente sind verschieden gesetzt bzw. Einschränkungen und Relativierungen angebracht, die man bei Höller vermisst. Höllers Betonung des positiv Einmaligen wirkt übertrieben und konstruiert.

Hans Weigel [6] bemerkt zur Arbeit Grillparzers:

Aus Grillparzers Dramen spricht nicht Franz Grillparzer, sondern eine von ihm zwischen sich und den Stoff geschobene Gestalt, im Drama ist seine natur nicht unmittelbar ausgedrückt, sondern widerruflich, distanziert, gedämpft, mit allen Vorbehalten; sein Drama, das ihm notorische Ausdrucksform war, kann keinen derart echten, erlebten Ausdruck verwirklichen wie das Gedicht des Nichtlyrikers „Incubus“(.)

Weigels sarkastischer Seitenhieb auf Grillparzer mag die Lobpreisungen von Höller etwas konterkarieren:

Im Zentrum des Ottokar-Dramas steht das fatale, arios eingelegte Preislied auf Österreich, bei dem traditionell das österreichische Publikum sich in eine Schulklasse rückbildet und folgsam Beifall klatscht. Und der Satz, der den Applaus stets auslöst, ist auch aus der großen Grillparzerschen Zurücknahme gewachsen und nicht einmal grammatikalisch zu Ende gedacht:

`s ist möglich, dass in Sachsen und beim Rhein
Es Leute gibt, die mehr in Büchern lesen:
Allein was nottut und was Gott gefallt,
Der klare Blick, der offne, richt’ge Sinn ...

Nun, was ist’s mit dem?

Da tritt der Österreicher hin vor jeden ...

Und handelt? Sagt wenigstens seine Meinung, zieht aus klarem Blick und offenem richtigem Sinn die Konsequenzen? Nein, die Aktion besteht nur darin, dass der Österreicher hintritt vor jeden ...

Denkt sich seinen Teil und lässt die andern reden!

Der Österreicher Grillparzer zieht grammatikalisch, persönlich und künstlerisch nicht die Konsequenz aus der Prämisse „Allein was nottut und was Gott gefällt, der klare Blick, der offne, richt’ge Sinn ¾“, er lässt es offen, ob er ihn hat oder nicht, den Blick, den Sinn, das, was nottut, das, was Gott gefällt, er sagt auch nicht, was er mit Blick und Sinn anfängt ¾ der große, tiefe, selbstmörderische grillparzersche Bruch klafft hier, gerade hier, zwischen „Sinn“ und „da!“ ¾ der Österreicher Grillparzer tritt hin vor jeden Menschen, jeden Stoff, jeden Anspruch, jeden Konflikt, jeden Reiz von außen, erhandelt nicht, er redet nicht einmal, er lässt die andern reden, er denkt sich sein Teil. Er resigniert. [7]

Weigel hat noch viel anzumerken zu Grillparzers Schreibweise, zu seiner Person, seinem Werk. Doch im vorigen Absatz zeigt sich eine Einschätzung, die der, die sich aus Höllers Loblied ergibt, widerspricht. Die historische profunde Sicht Ernst Fischers wird von der zynisch-sarkastischen Weigels eher und plausibler ergänzt, als durch Höllers modern anmutender Argumentation.



[1] Hans Höller: Grillparzer und der Krieg. In: Literatur und Kritik 251/252, März 1991:47-53
[2] Siehe Eintrag 11.02.04
[3] Höller, a.a.O., S.49
[4] Ernst Fischer, a.a.O. S. 14 (siehe Fußnote 87)
[5] Ernst Fischer, a.a.O. S. 56
[6] Siehe Eintrag vom 11.03.04
[7] Hans Weigel, a.a.O. S. 112 (siehe Fussnote 86)

Freitag, 4. Mai 2018

205. Geburtstag von Soren Kierkegaard

Søren Aabye Kierkegaard,( * 5. Mai 1813 in Kopenhagen; † 11. November 1855 ebenda) war ein dänischer Philosoph, Essayist, Theologe und religiöser Schriftsteller.
In seinen meist unter Pseudonymen veröffentlichten Schriften zeigte er sich als engagierter Verfechter der Idee des Christentums gegen die Realität der Christenheit. Etwa ein Drittel seines gedruckten Werkes besteht ferner aus unter eigenem Namen veröffentlichten Predigten und religiösen Reden. Auch wird Kierkegaard vielfach als Wegbereiter der Existenzphilosophie oder gar als deren erster Vertreter aufgefasst.
Kierkegaard gilt als der führende dänische Philosoph und darüber hinaus als bedeutender Prosa-Stilist. Er zählt zu den wichtigen Vertretern von Dänemarks Goldenem Zeitalter.
Wikipedia

Abbildung aus Wikipedia

In der Bibliothek Gleichgewicht widmet sich der JOUR FIXE vom 4.5.2018, 17 Uhr, Kierkegaard!




Donnerstag, 4. Januar 2018

Gewissheit



12.4. [1951]
Die Frage ist doch die: "Wie, wenn du auch in diesen fundamentalsten Dingen deine Meinung ändern müßtest?" Und darauf scheint mir die Antwort zu sein: "Du mußt sie nicht ändern. Gerade darin liegt es, dass sie 'fundamental' sind."

Wie, wenn etwas wirklich Unerhörtes geschähe? wenn ich etwa sähe, wie Häuser sich nach und nach ohne offenbare Ursache in Dampf verwandelten; wenn das Vieh auf der Wiese auf den Köpfen stünde, lachte und verständliche Worte redete; wenn Bäume sich nach und nach in Menschen und Menschen in Bäume verwandelten. Hatte ich nun recht, als ich vor allen diesen Geschehnissen sagte "Ich weiß, dass das ein Haus ist" etc., oder einfach "Das ist ein Haus" etc.?

Diese Aussage erschien mir als fundamental; wenn das falsch ist, was ist noch 'wahr' und 'falsch'?!

Ludwig Wittgenstein: Über Gewissheit
(In: Werkausgabe Band 8:222; Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984)

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Heute gemahnt das an die Klimakatastrophe, die für viele als fake news nicht gilt und nicht wahrgenommen wird. Andererseits hatte Wittgenstein den Atombombenabwurf, den Atomkriegsschlag der Amerikaner mitbekommen, über die daraus resultierende Angst sich irgendwie lustig gemacht. War die höchstentwickelte Vernichtungswaffe nicht etwas wirklich Unerhörtes?

Wirklich unerhört scheint für Wittgenstein das völlig Irrationale aber doch sich Ereignende, Seiende, eines, das keiner verstehbaren oder verständlichen Logik folgt. Atomkrieg? Nein, der ist logisch, der ist verstehbar.

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Die hysterische Angst, die die Öffentlichkeit jetzt vor der Atom-Bombe hat, oder doch ausdrückt, ist beinahe ein Zeichen, dass hier einmal wirklich eine heilsame Erfindung gemacht worden ist. Wenigstens macht die Furcht den Eindruck einer wirklich wirksamen bittern Medizin. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren: wenn hier nicht etwas Gutes vorläge, würden die Philister kein Geschrei anheben. Aber vielleicht ist auch das ein kindischer Gedanke. Denn alles, was ich meinen kann, ist doch nur, dass die Bombe das Ende, die Zerstörung, eines grässlichen Übels, der ekelhaften, seifenwäßrigen Wissenschaft, in Aussicht stellt. Und das ist freilich kein unangenehmer Gedanke; aber wer sagt, was auf eine solche Zerstörung folgen würde? Die Leute, die heute gegen die Erzeugung der Bombe reden, sind freilich der Auswurf der Intelligenz, aber auch das beweist nicht unbedingt, dass es zu preisen ist, was sie verabscheuen.
1946
Ludwig Wittgenstein: Vermischte Bemerkungen
(In: Werkausgabe Band 8:518f)

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Und noch eine kleine Anmerkung mittels eines Zitats von Jean Amery (Unmeisterliche Wanderjahre.  Stuttgart 1985:31):

Er lauschte nach dem Unhörbaren, während das Unerhörte schon im Begriffe war, sich zu ereignen.


Donnerstag, 2. August 2012

Nichtwissen


Eine Bemerkung zum  Wert und zur Wichtigkeit von NICHTWISSEN.

Üblicherweise wird in unserer modernen Gesellschaft der Primat des Wissens betont, die Ausweitung des Wissensbestandes anvisiert, das Wissen als oberstes Ziel gesehen. Der Schweizer Autor Ernst von Schenk (1903-1973), der sich in der Schweiz zur Kriegszeit auch politisch aktiv antifaschistisch engagierte, betont jedoch das Gegenteil in der „Vorrede an den Leser“ in seinem Buch „Angst um die Welt. Zwölf Versuche zur Humanität heute“ (Köln, Berlin 1952):

„Manch einer ist der Meinung, die beiden Weltkriege seien nur Phasen eines umfassenden säkularen Geschehens. Wir sollten uns davor hüten, unsere eigene Zeit allzu sehr aus einer großen Distanz – oder gar sub specie aeterni – sehen zu wollen. Wir müssen unsere Zeit leben, die uns gestellten Aufgaben lösen. Das können wir nur, wenn wir zu einem Teil nicht wissen, wo wir stehen; mehr noch: wenn wir wissen, dass wir es nicht einfach wissen können; und noch mehr: wenn wir es auch nicht – so mir nichts, dir nichts – wissen wollen. Denn wir sind berufen, auf die Frage über das bloß Wißbare hinaus eine Antwort zu geben, die zu guten Teilen eine Entscheidung, ein Akt unseres Willens ist.“

„Soll das nun heißen, wir seien fatalerweise am Ende? Im Gegenteil! Es fällt nach dem zweiten Weltkrieg wesentlich leichter als nach dem ersten, Untergangsphantasien und –prophezeiungen zu produzieren. Apokalypsen sind so billig geworden wie der Zynismus, und Nihilismus wird bald nur noch im Grand Guignol produzierbar sein. Wir müssen versuchen, einen entscheidenden Schritt weiter zu tun. Und gerade deshalb können wir – auch auf Grund einer noch so gescheiten und umfassenden Analyse – nicht genau sagen, wo wir stehen. Wenn man einen Slogan will: wir müssten versuchen, den ‚nihilistischen Realismus’ (man entschuldige noch einmal dieses unsinnige Begriffspaar) durch einen „humanen Realismus“ zu überwinden.“






Mittwoch, 11. Juli 2012

Japan in der NEUEN RUNDSCHAU

Die Ausgabe 123/1 (2012/1) der deutschen Literaturzeitschrift NEUE RUNDSCHAU im Umfang von 267 Seiten widmet dem Heftthema JAPAN 165 Seiten, in denen 11 Autoren 12 Texte vorlegen, 11 davon aus Japan.

Bei den japanischen Autoren handelt es sich um Kazushige Abe (1968), Keiichiro Hirano (1975), Kotaro Isaka (1971), Hiromi Kawakami (1958), Natsuo Kirino (1951), Yuri Nagashima (1973), Kenzaburo Oe (1935), Toshiki Okada (1973), Ryosuke Saegusa (1978) und Tomoka Shibasaki (1973).
Es handelt sich mit zwei Ausnahmen also um jüngere Literaten.

Ryosuke Saegusa eröffnet mit seinem Beitrag "Wo steht die japanische Literatur nach Fukushima?" den Themenreigen. Es heißt darin:

Ich denke, dass sich die japanische Literatur seit dem 11. März und der Erfahrung der Probleme mit der Atomkraft nicht grundlegend verändert hat. Allerdings ist deutlich erkennbar geworden, dass sie versucht, eine Sprache zu finden, die Krisen erspürt und versucht, diesen zu entsprechen.
Der Tsunami verursachte den Unfall in einem Atomkraftwerk, wodurch den Menschen ihre Angst vor der Kernenergie bewusst wurde. Aber deren Gefahr existierte zweifellos schon vor dem Unfall. Warum nun über die Gefahr, die Atomkraftwerke in sich bergen, nicht gesprochen wurde und niemand etwas dagegen unternahm, ist nicht einfach ein Fehler, den irgendjemand begangen hat, sondern ein viel größeres, systemimmanentes Problem. Dieses System bis in seine Tiefen zu ergründen ist eine der Aufgaben der Literatur.

Liest man das, und erinnert sich der schlacksigen Aussagen des Oxforder Physikers Wade Allison, der am 26.3.2011 in der BBC meinte, man sollte aufhören von der Radiation wegzulaufen, der die Angst als eigentliche Gefahr sah, und überhaupt verneinte, dass es in Fukushima eine Atomkatastrophe gab, da der Unfall überhaupt keine Todesfolgen nach sich zog und auch keine Strahlenschäden zu befürchten seien, wird einem das Ausmaß des Nichtverstehens, des arroganten Missverstehens bzw. Besserwissens erst bewusst. 


Viewpoint: We should stop running away from radiation
By Wade Allison University of Oxford
More than 10,000 people have died in the Japanese tsunami and the survivors are cold and hungry. But the media concentrate on nuclear radiation from which no-one has died - and is unlikely to.
BBC News World, 26.3.2011

"Die Angst war schlimmer als die Strahlung"
Der britische Physiker Wade Allison spricht dem Reaktorunglück von Fukushima den Katastrophen-Status ab. Damit könne man nicht den Ausstieg aus der Nutzung der Atomenergie rechtfertigen.
Von Heinz Horeis; Welt online, 12.6.2012


Oxford University Discussions by Drs Yasuhiro Ina and Wade Allison: Message to Japan
Video on Youtube

Radiation and Reason - Straight and Open Thinking about Choosing Nuclear
Video on Youtube

Dr Chris Busby at the Royal Society: Scientific Dishonesty
Video on Youtube
Following up his 2007 book "Wolves of Water" Chris Busby calls for the development in Society of legal mechanisms to investigate issues of scientific dishonesty like those in Denmark. Such issues, he argues, can be seen in the same category as perjury in criminal court cases for which serious sanctions exist. The essay has been published in Iraq-Silent Death edited by Chris Scherrer (University Sains Malaysia 2011) and is also to be found, (together with several examples of possible scientific dishonesty) presented on the website of the Low Level Radiation Campaign www.llrc.org The matter is one of democracy and goes to the core of expert evidence on Policy to governments. It is argued that scientists (like those who talk down the Fukushima catastrophe) or those like Prof Wade Allison who advise people to move into radioactive areas because doses of up to 100mSv a month are harmless, should be investigated in a court or law and if found guilty of knowingly giving bad advice (rather than being stupid or careless) suffer penalties.

Physicians for Social Responsibility Press Conference 4/26/11
Video on Youtube


Sonntag, 17. April 2011

Pest & Vergessen & Warten

Aber einerseits war die Stadt geschlossen und der Hafen verboten und damit das Baden unmöglich, und andererseits befanden sie sich in einem ganz besonderen Geisteszustand, in dem sie genau spürten, dass sich etwas verändert hatte, obwohl sie sich im innersten Herzen die überraschenden Ereignisse, die sie trafen, noch nicht eingestanden. Viele hofften indessen, die Seuche werde aufhören und sie und die ihren verschonen. Infolgedessen fühlten sie sich noch zu nichts verpflichtet. Die Pest war für sie bloß ein unangenehmer Besuch, der eines Tages auch wieder fortgehen musste wie er gekommen war. Sie waren erschreckt, aber nicht verzweifelt, und der Zeitpunkt war noch nicht erreicht, da sie in der Pest ihre eigentliche Lebensform erblicken und ihr bisheriges Dasein vergessen würden. Kurz, sie warteten.
Albert Camus: Die Pest

Japan: Fukushima:

Die Sperrzone wurde etwas ausgeweitet. Die ehemaligen Einwohner dürfen nicht mehr dorthin zurückkehren. Sie hausen immer noch in dürftigen Behelfsunterkünften. Während im Norden Japans die Lage äußerst trist ist, prekär, versucht Tokyo die Normalität wiederherzustellen. Im Süden des Landes lebt man ungestört, wie immer.

Die Fernsehsender bemühen sich, das Vergessen leichter zu machen, die Ablenkungen funktionierender. Langsam gewinnt die Täuschung wieder Oberhand.