Wir
sind aufgeklärt und digitalisiert. Wir sind abergläubisch, irrational
und praktizieren vormoderne öffentliche Strafrituale. Ganz so wie im
16. Jahrhundert.
Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus. Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Abschn. 5
ZiB-Redaktion - Das Protest-Video
Youtube, 16.01.2012
Das Protest-Video ist ein bislang einmaliger Protest seitens der ORF-Redakteure. Trotzdem sollte im Lob und in der Genugtuung über die Proteste gegen die Geschäftsführung nicht übersehen werden, dass der ORF als Staatsrundfunk NIE wirklich unabhängig war. Es geht nur um einige kleine Maßnahmen und Korrekturen.
Eigentlich besteht überhaupt kein Anlass, öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten mittels Zwangsfinanzierung zu betreiben. Hier wird ein Erbe aus dem frühen 20. Jahrhundert unkritisch weitegeführt, mit der nicht hinterfragten Annahme eines erzieherischen, bildnerischen Auftrags, den nur öffentlich-rechtliche Anstalten erfüllen könnten, weshalb sie zwangsweise mitfinanziert werden .
Mit dieser alten Logik müsste der Staat den Bezug einer öffentlich-rechtlichen Zeitung, ebenfalls zwangsfinanziert vorschreiben, ebenso die Mindestabnahme bestimmter öffentlich-rechtlich herausgegebener Bücher oder elektronischer Medieninhalte.
Hinter alldem steht weniger Bildung, aber mehr "Erzhiehung". Wenn dem Staat an Erziehung gelegen ist, sollte er aus Steuermitteln einen reinen Bildungssender betreiben.
Wir versäumten absolut nichts, wenn morgen der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu existieren aufhörte. Jene, die klagen, dann vermissten sie "Qualität", müssten sich Anbieter suchen, die Qualität liefern. Ist diese Gruppe zu klein, dass eine Firma mit ihren Produkten darauf reagiert, gibt es sie nicht.
Es ist besser, der Realität ins Auge zu blicken und sich nichts vorzumachen. Die Öffentlich-rechtlichen helfen bei der Perpetuierung der Lebenslüge eines "kultivierten" Landes. Wäre die Leute so kultiviert, wie angenommen, gäbe es genügend Programme entsprechender Qualität - auch bei Privatanstalten.
Die Gängelung durch den Staat über öffentlich-rechtliche Anstalten muss sofort beendet werden.
Auch die Zumutung und Unart, Zwangsmitgliedschaften zu fordern, wei bei Kammern und Interessensvertretungen, gehört sofort abgeschafft. Ebenso die Frondienste, zu welchen Gemeinden Bürger nach wie vor verpflichten.
Im privaten Gespräch hat Jorge Semprún im Jahr 2005 einmal geklagt: Sein neues Buch "Zwanzig Jahre und ein Tag", das zur Franco-Zeit in Spanien spielt, habe in Frankreich auf Anhieb nur eine Auflage von 30.000 Exemplaren erzielt. Er fand das enttäuschend: "Wenn ich über Buchenwald schreibe, dann werden ganz schnell mindestens 60.000 Exemplare verkauft. Woran liegt es, dass meine Bücher, die nicht von Buchenwald handeln, sich schlechter verkaufen?" (...) Er wollte als Schriftsteller anerkannt werden, nicht als Überlebender.
Ein Autor kann die Rezeption seines Werkes, wenn überhaupt, nur gering beeinflussen. Oft überwiegen außerliterarische Kriterien, oft vermengen sich diese mit literarischen. Oft wirkt die Ideologie der Zeit extrem stark. Semprún verdient es, primär als Schriftsteller gelesen zu werden, erst danach als Zeuge.
Nach seinem eigenen, etwas altmodischen Verständnis eines Dichters order Schriftstellers sah er sich selbst nicht als "echten" Schriftsteller, ganz einfach, weil nichts ihn treibe. Er war kein Getriebener. Aber gerade deswegen war er freier. Nur einem Freien steht die Wahl zu. Ein Getriebener, einer, der gar nicht anders als schreiben, weil er MUSS, schreibt wie ein Süchtiger, das heisst, ohne Wahl. Er gibt einer inneren Sucht, einem Drang, einem Trieb nach. Gerade seine Abhängigkeit als Getriebener führt zu seinen Eergüssen. Dass diese von einer verbildeten Leserschaft als geniale Produktionen mehr geschätzt werden, als die Produktionen des frei oder freier Handelnden, wirft ein bezeichnendes Licht auf das Publikum und seine alten, verbohrten Ansichten. Rudimente eines unbewältigten Geniekults, obsolet und peinlich.
Getriebene sollten uns verdächtig sein. Gut, dass Semprún keiner war.