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Mittwoch, 29. August 2018

Offenheit – Zur Erinnerung ...

Zur Erinnerung, zwei Artikel von Volker Reinhardt aus der NZZ von heuer und letztem Jahr:

Die Freiheit des Denkens muss grenzenlos sein

Die Inquisition verfolgte alles, was nicht ins herrschende Weltbild passte. Viel haben wir seither nicht dazugelernt.
Volker Reinhardt 27.4.2018, NZZ

Die Vergangenheit kehrt zurück

Wir sind aufgeklärt und digitalisiert. Wir sind abergläubisch, irrational und praktizieren vormoderne öffentliche Strafrituale. Ganz so wie im 16. Jahrhundert.
Volker Reinhardt 4.12.2017, NZZ

Und als Schlusssatz:

Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus.
Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Abschn. 5

Sonntag, 12. August 2018

Die Sprachpolizei


Haimo L. Handl

Die Sprachpolizei

Die Wochenzeitschrift THE NATION, das älteste ohne Unterbrechung erscheinende Weekly der USA (gegründet 1865), hat sich einen vielbeachteten Namen als linksliberales, emanzipatorisches Organ erworben, das immer unerschrocken für die Presse- und Meinungsfreiheit eintrat und worin berühmte Autoren publizierten. Jetzt gibt dieses Blatt klein bei dem shit storm und den rüpelhaften Aufstößen in den social media einer ideologisch fragwürdigen Horde von Ultrakonservativen einerseits, von PCs, politisch Korrekten, PoCs, Persons of Color, wie man die Schwarzen jetzt nennt, und Vertreterinnen der gender force oder gender police, und übt sich in einem Kotau, der äußerst peinlich ist und ein horribles Bild vom Wertverlust und Niedergang offener Kultur in diesem Land belegt. THE NATION knickte ein, streckte die Waffen und winselte in einer Selbstkritik, die unwürdig ist. Der Mob hatte wieder einmal gesiegt.

Am 5. Juli veröffentlichte die beiden verantwortlichen poetry editors des Blattes, Stepanie Burt, Professorin in Harvard, und Carmen Giménez Smith, Virginia Tech, ein Poem von Anders Carlson-Wee, dessen Geburtsdatum auch auf seiner Homepage nicht zu finden ist, weil er es, kokett wie ein unreifes Mädchen vom Lande, versteckt, einem in Minnesota geborenen Weißen, der in verschiedenen namhaften Journalen und Magazinen schon veröffentlicht hat und von dem nächstens sein erstes Buch erscheinen soll. Die Fotos, die ihn als den typischen Jungen aus dem Mittelwesten zeigen, deuten auf einen eher jüngeren Jahrgang.

Das Poem „How-To“ ist in einer Anlehnung, wenn nicht Übernahme der typischen schwarzen Sprache, des Black English, des AAVE, African-American Vernacular English, geschrieben. Ohne hier über seine poetische Qualität urteilen zu wollen oder zu müssen, löste weniger die poetische Qualität, sondern primär die offensichtlich unlautere Übernahme oder Inbesitznahme einen Sturm der Entrüstung aus. Es handelte sich um den Tatbestand der cultural appropriation, der Übernahme von Elementen einer Minderheitskultur durch einen Angehörigen der Mehrheitskultur. Für politisch Korrekte stellt dies eine postkolonialistische Ausbeutung dar, die verboten gehört bzw. sozial geächtet werden soll. Die Ächtung erstarkt über die social media und greift munter um sich.

How-To

If you got hiv, say aids. If you a girl,
say you’re pregnant––nobody gonna lower
themselves to listen for the kick. People
passing fast. Splay your legs, cock a knee
funny. It’s the littlest shames they’re likely
to comprehend. Don’t say homeless, they know
you is. What they don’t know is what opens
a wallet, what stops em from counting
what they drop. If you’re young say younger.
Old say older. If you’re crippled don’t
flaunt it. Let em think they’re good enough
Christians to notice. Don’t say you pray,
say you sin. It’s about who they believe
they is. You hardly even there.

Nach dem Proteststurm gaben die beiden Redakteurinnen klein bei und entschuldigten sich. Die fadenscheinigen Argumente, der Stil des Kotaus, sind es wert zitiert zu werden. Das Poem wurde zwar nicht entfernt, aber „The editor‘s note“ wurde nachträglich vorangestellt:

As poetry editors, we hold ourselves responsible for the ways in which the work we select is received. We made a serious mistake by choosing to publish the poem “How-To.” We are sorry for the pain we have caused to the many communities affected by this poem. We recognize that we must now earn your trust back. Some of our readers have asked what we were thinking. When we read the poem we took it as a profane, over-the-top attack on the ways in which members of many groups are asked, or required, to perform the work of marginalization. We can no longer read the poem in that way.
 
We are currently revising our process for solicited and unsolicited submissions. But more importantly,  we are listening, and we are working. We are grateful for the insightful critiques we have heard, but we know that the onus of change is on us, and we take that responsibility seriously. In the end, this decision means that we need to step back and look at not only our editing process, but at ourselves as editors.
 
Zuerst gehen sie auf die Sprache des Gedichts ein, die plötzlich unannehmbar scheint, weil “herablassend” (disparaging) und „discriminierend“ (ableist) sei. [Im Urban Dictionary heißt es zu diesem Terminus: 1/ A person or People who discriminate or social prejudice against people with disabilities. It can also be someone who judges or makes fun of someone with a disability or handicap. 2/ A term used by people who are bitterly angry that other people are able to do shit. 3/ Someone, who like the Misogynist, hates people with physical appearances but yet denies it. A misogynist is against both the feminists and the feminazis. However, the ableist has the illogical mindset that involves all people with disabilities as mental retards, contends that they be fixed, and believes they get infected with being a retard if they come in contact with them.]

Dieses Gedicht verletzt also schon durch seine Sprache, die ein Vergehen oder einen Straftatbestand erfüllt. Dann bereuen die Redakteurinnen ihren schweren Fehler und beteuern ihr Bedauern über die Schmerzen, die sie so vielen damit bereitet haben. Sie werden die Prozeduren der Auswahl und Bewertung ändern. Und, ganz wichtig, sie hören (hören als Vorstufe des Gehorchen) und sind am Arbeiten. Sie sind dankbar für die inhaltsvollen Kritiken, und sie nehmen ihre Verantwortung sehr ernst. Sie triefen direkt vor Sozialverantwortung – und man ist dankbar, dass es nicht aus dem Monitor tropft…

Als ich das las, war ich perplex. Bis anhin kannte ich solchen Ton aus den unseligen Tagen der Sowjetzeit oder der paranoiden DDR, wo Angeklagte sich einer rückhaltlosen Selbstkritik unterzogen und öffentlich abschworen, sich duckten und beugten und Besserung versprachen, alles in einem unwürdigen winselnden Ton, geängstigt nachgebend, bettelnd. Doch in den USA forderte kein Gericht, keine Parteiführung, kein Führer, kein Zentralkomitee den Kotau. Die braven Professorinnen übten sich in, was in Österreich „vorauseilender Gehorsam“ genannt wird, einer Ducker-Eigenschaft von Untertanen, in völligem Widerspruch zur amerikanischen Kultur. So meinte ich zumindest. Aber das Regime der politisch Korrekten, der unduldsamen Minderheitenvertreterinnen scheint so stark geworden zu sein, dass alte, positive Traditionen ausgehebelt wurden und werden und Vertreterinnen eines bis anhin linksliberalen Blattes kuschen. Es zeigt zudem, dass Bildung und Sozialstand (beide sind Professorinnen) keine Garantie für Rückgrat, aufrechten Gang oder Courage sind. Die Duckmäuserinnen, die elenden Angepassten, haben sich überall festgefressen und winseln und heulen. Scum.

Eine Kolumnistin der NATION, Katha Pollitt, veröffentlichte über Twitter ihre Verwunderung über diese Vorgangsweise: „“I can’t believe @thenation’s poetry editors published that craven apology for a poem they thought was good enough to publish,” … it „looks like a letter from re-education camp.“

Frau Pollitt hat immerhin die Courage das Kind beim Namen zu nennen und verwundert den Vergleich mit dem Umerziehungslager zu stellen. Der Poet mit den schönen Fotos im Netz entschuldigte sich ebenfalls pflichtbewusst „Treading anywhere close to blackface is horrifying to me, and I am profoundly regretful“. O je. Er will ja Karriere machen. Er will positiv auffallen, verkaufen und gepriesen werden. Er will kein „Fall“ werden. Der Arme.

Am 6. August, einen Monat nach dem Anlassfall, äußerte sich in der New York Times Grace Schulman (geboren 1935). Sie war von 1971 bis 2006 poetry editor bei THE NATION, und ist selbst eine anerkannte, vielfach gepriesene Lyrikerin, die enorm viele Preise und Auszeichnungen erhalten hat. Sie vertritt den alten Geist, wie man ihn kannte und heute vermissen muss. Sie kritisierte vehement diese feige Reaktion der beiden Redakteurinnen und bedauert das Ende der offenen, emanzipatorischen Tradition; sie leitet ihren Artikel ein mit einer Reminiszenz und führt dann besorgt und enttäuscht aus:

During the 35 years that I edited poetry for The Nation magazine, we published the likes of W.S. Merwin, Pablo Neruda, May Swenson, Denise Levertov, James Merrill and Derek Walcott. They wrote on subjects as varied as lesbian passion and nuclear threats. Some poems, and some critical views, enraged our readers and drove them to drop their subscriptions.
But never did we apologize for a poem we published. We saw it as part of our job to provoke our readers — a mission we took especially seriously in serving the magazine’s absolute devotion to a free press.
Apparently the magazine has abandoned this storied tradition.
I was deeply disturbed by this episode, which touches on a value that is precious to me and to a free society: the freedom to write and to publish views that may be offensive to some readers.
In my years at The Nation, I was inspired by the practical workings of a free press. We lived by Thomas Jefferson’s assertion that “error of opinion may be tolerated where reason is left free to combat it.”
How far we have come from those idealistic, courageous days.

Ja, wie weit ist es gekommen, wie tief ist die Kultur gesunken? Das frage ich mich auch und, wahrscheinlich, viele andere. Es geht nicht nur um sogenannte korrekte Sprache, um Minderheiten und ihren Schutz bzw. ihre Abgrenzungsbedürfnisse und besonderen Zuwendungen. Es geht auch nicht primär um den verabscheuungswürdigen Opferkult, der die westliche, feige, wertentleerte Kultur heute auszeichnet. Es geht auch um das Phänomen von Sprache und Deutungshoheit, von Literatur und Sprachbesitz, von Absonderung, Rache und Feindschaft.

Sprache ist ein Symbolsystem, das nur durch die Sprachgemeinschaft und deren Gebrauch funktioniert und lebt. Sie ist nie Besitz einer Person oder eines Kollektivs, auch wenn solche Ansprüche immer wieder erhoben worden waren. Manche, besonders Vertreter von Minderheiten sozialer oder ethnischer Provenienz, argumentieren, dass Sprache eine bestimmte Kultur mit ihren Werten, eine besondere Sicht vorgebe. Sie sehen die Sprache als Wertdeterminator, die Sprechende als Opfer und Vollzugsorgan. Als ob Sprache kein eigenes Denken und Sprechen erlaube.

In der Auseinandersetzung mit Carlson-Wee’s Poem war in Twitter zu lesen: „Don’t use AAVE. Don’t even try it” “Know your lane.” [Roxane Gay]. Deutliche Warnung. Versuchs nicht einmal. Klingt wie die Spießerweisheit “Schuster, bleib bei deinem Leisten.” In der Debatte kamen auch Minderheitenpoeten zu Wort, die alle im gleichen Tenor die Anmaßung der Appropriation verurteilten. Man fragt sich, wie diese intoleranten Engstirnigen, diese Anwälte der eigentlichen Wahrheit und besonderen Sprache sich verhielten, wenn den Persons of Color oder anderen Minderheiten der Zugang zur verrufenen „weißen“ Bildung verwehrt würde, wie es lange geschah, wenn ihre Sprachsozialisation außerhalb ihres Dialekts behindert würde. Auch wenn diese Protest- und Trotzhaltung historisch gesehen verständlich ist, bleibt sie dennoch untauglich und, vor allem, unhaltbar, und zwar besonders sprachlich, bildnerisch, literarisch.

Auch wenn Nationen aus chauvinistischen Gründen gewisse Autoren und Autorinnen „reklamieren“, Deutungshoheit über ihre Werke beanspruchen, können sie die Freiheit, dass alte und zeitgenössische Werke jedem gehören, der sie liest, nicht aufheben. Sie können beeinflussen, beanspruchen, mehr nicht. Sie können Debatten beleben, auch wenn sie dümmlich sich mit sogenannten Nationalcharakteristika abgeben. Aber sie können dankenswerterweise keine volle Kontrolle ausüben. Cervantes und Don Quijote gehören nicht nur den Spaniern. Auch wenn ich die Spanier nicht mögen würde, sogar wenn ich sie verabscheute, würden sie mir „meinen“ Don Quijote nicht nehmen können. Ich lese auch als Atheist theologische Traktate, wühle in Angelius Silesius, ich ergötze mich an Thoreau oder Twain, an Borges oder Steiner, entzünde mich an Dostojewski oder Heidegger, an Racine oder Paz. Was soll’s? Es braucht kein Führungszeugnis, keinen Leumundsausweis, um dies oder das zu lesen. Und wenn eine Sprache etwas entfernter ist, der Beowulf z.B. oder die Sonette von Shakespeare, so helfen einem Wörterbücher. Ich weise jede offizielle Deutung, die vorgibt verbindlich zu sein, zurück. Ich wähle. Ungerecht, aber selbstsicher; es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt kein Spracheigentum.

Man muss sich die Anmaßung dieser Gutmenschen vorstellen: Eine Frau schreibt aus der Frauensicht. Sie hat alleine deshalb schon recht. Ein Mann darf nur aus seiner Sicht schreiben. Er ist verdächtig, hat meist unrecht. Das gilt auch für Nationalitäten: Wechsle nie die Sicht, bleib immer drinnen im nationalen Schrebergarten, schau nie in hinaus über die Gartenzwergewelt. Das alles ist Humbug. Die ganze Welt steht offen, jede Sprache erlaubt jedes Denken. Nur die Schwachen, die sich im Leid suhlenden Opfer, versuchen aus ihrer Begrenztheit eine Tugend zu machen.

Würde dieser Dummheit konsequent gefolgt, hätten wir überhaupt keine Bildung, keine Entwicklung, keine Innovation. Diese falschen Selbstbeschränkungen der Behinderten und Niederen, der Opfer, ist rigide zu widersprechen.

Sprachen verändern sich. Sie wachsen und verarmen. Das Urteil hängt von Wertmaßstäben ab. Sind sie fundiert, kann man argumentieren. Sobald aber Ideologie (falsches Bewusstsein) diktiert, gibt es keine annehmbaren oder zu widersprechenden Argumente mehr, sondern nur noch Politik, Machtkampf.

Dahinter liegt auch das Verstehen, dass über Sprache Politik gemacht werden kann, die Realität verändert werden kann. Früher nannte man das Vorrang des Überbaus, der Ideen, vor der Materie. Das kann nicht gut gehen. Der verbrämte Idealismus mündet in einen Ungeistterror. Würden seine Vertreter ein bisschen nur die Geschichte kennen oder versuchen aus ihr zu lernen, ahnten sie vielleicht, wie untauglich Überbaumaßnahmen zur Veränderung der Basen, der konkreten Realitäten, sind.

Die Naturwissenschaften fügen sich nicht ideologischen Vorgaben. Das mussten die Nazis erfahren, die Bolschewiki und die Maoisten. Und viele andere. Im Kulturellen, besonders im Sprachlichen, scheint das eher möglich, zumindest nach Meinung der Kurzdenker und Schwärmer. Aber sie täuschen sich. Die unseligen Sprachpolitiken folgten den totalitären, diktatorischen Politiken. Sie waren Beiwerk und nie Voraussetzung für die Kollektivierung oder die totale Verwaltung. Ohne konkrete, echte Sanktionsgewalt wirkt das Wort nicht. Was wirkt, sind die Mächte hinter der Sprache, die Politik, die Tyrannei, der Terror, die ausweglose Lage, die Not, der Hunger.


Donnerstag, 9. August 2018

The Jewish Apartheid State

The Apartheid State of Israel: Decoding the ‘Basic Law’ and the Meaning of a ‘Jewish Nation’


The latest ‘Basic Law’ that was enacted by the Israeli Knesset on July 19, 2018 has adverse effect on Palestinians within Israel and in the occupied territories of Palestine. It contravenes even the assertions made in the Declaration of Independence by the Provisional Government of Israel on May 14, 1948. The existence of at least 65 other laws that seek to discriminate Arab Palestinians vis-à-vis their Jewish counterparts provide proof of the existence of an Apartheid system in Israel, which is well captured in the ESCWA Report of 2017.


Mittwoch, 18. Juli 2018

Wertverständnis hier & dort


Haimo L. Handl

Wertverständnis hier & dort

Wir leben in einer Überflussgesellschaft, in der auch die Benachteiligten oder Ärmeren über staatliche und private Einrichtungen ihr Auskommen zu sichern vermögen, wenn sie nicht gerade, durch das tägliche Fernsehen verführt, nur im Dauerkonsum das Lebensglück sehen und dessen Nichterfüllung als Strafe oder extreme Aussonderung definieren. Es gibt allerdings Härtefälle, aber die sind in jeder Gesellschaft auffindbar, da keine paradiesische Zustände bietet.

Für AMS-Betreute gibt es einen Kulturpass, damit sie, Interesse kultürlich vorausgesetzt, am kulturellen Leben teilnehmen können. Für Migrantinnen gibt es geförderte Sprachkurse und etliche Organisationen bieten, wie ich weiß, Gratisunterricht an.

Es gibt aber viele, die diese Einrichtungen nicht nutzen wollen. Es gibt viele Eltern, die ihre Kinder nicht schulen wollen. Es gibt, leider, nicht nur Bildungsferne, sondern, viel schlimmer, Bildungsfeindliche, und ihre Zahl wächst, unterstützt durch eine ignorante Falschtoleranz von Gutmenschen, die in diesen Leuten nur Opfer sehen, den Spracherwerb als Belastung und Zumutung denunzieren, und im Kern eigentlich keine erfolgreiche Integration wünschen.

Dafür werden gleichzeitig aber „Oberschichtler“ oder bürgerliche Familien kritisiert, nicht nur, weil sie vermögend oder vermögender sind, sondern auch kultivierter und gebildeter. Anstatt die Depravierten über eine soziale Integration im Bildungsniveau zu heben, unternehmen diese GleichheitsapostelInnen Bemühungen der Schwächung der Bessergestellten, der Begabten und Talentierten, weil es nach ihrer kruden Gleichheitsfimmelei keine Hochbegabten, keine Talentierten geben darf und, da die Orientierung an den Erfolgreicheren für die anderen unrealistisch ist, eine Ausrichtung aufs untere Niveau zu erfolgen habe. Das zeigt sich im verdünnten Bildungsprogramm und den fatalen Einübungen in EinfachDeutsch.

Doch hoher Bildungsstandard, so verrufen er für die Meute der Unteren auch ist, bildet keine Garantie dass die Sprösslinge ebenfalls erfolgreich lernen, studieren und beruflich Karriere machen. Sich aufzuregen, wenn ein Elternhaus eine positive Umgebung für seine Kinder schafft, nur, weil viele Familien das nie gelernt haben, geht am Problem völlig vorbei. Geld ist nicht der primäre Faktor für Kultivierung und Bildung. Aber die Kläffer wollen nicht zulassen, dass es auf die Einzelne ankomme, auch auf das  Kind und die Eltern. In ihren Augen ist es die Gesellschaft, die determiniert, voranbringt oder verhindert. Wie dennoch Außenseiter erfolgreich höhere Bildungsgrade erreichen, wird dann nicht erklärt oder nur als Ausnahme gesehen. Es scheint, als ob diese negativen, misanthropen Kräfte alles nivellieren wollen: wenn ein höheren Fortkommen nicht für ALLE möglich ist, dann runter in den Dreck mit ALLEN durch Zerstörung der Wertestruktur (Kultur) und der Bildungseinrichtungen bzw. Sozialeinrichtungen und Schulen oder Kindergärten im Besonderen (finanziell ausbluten).

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs war in Deutschland für ganz kurze Zeit der Schock so tiefsitzend, dass man hoffen konnte, es werde politisch entsprechend zukunftsorientiert verantwortlich gehandelt. Aber sofort ertönten die Stimmen der falschen Vernünftigkeit: um die staatlichen Aufgaben zu erfüllen, bedürfen wir leider, leider der Experten, auch wenn die meisten davon Nazis waren oder sind. Der Aufbau oder, wie es in Österreich vor allem hieß, der Wiederaufbau brauchte die Nazis. In Kürze war der radikale republikanische, demokratische Anflug verflogen und die alten Kräfte, die im Barbarenkrieg nicht umgekommen waren, viele sogar als Kriegsgewinnler ausstiegen, übernahmen die Lenkung und Organisation des neuen Deutschlande bzw. von Österreich, wovon einige Jahre später ein verkappter Faschist, Jörg Haider, zynisch als „Missgeburt“ sprach.

In dieser Missgeburt sind nun die faschistischen Kräfte erstarkt und bilden über das türkise Bubi den Koalitionspartner. Die ÖVP packelt mit der faschistischen Partei (FPÖ – man lernt es, wenn man nicht EFFPÖ-Ö stammelt, sondern den Bedeutungskern anzeigt FAPAÖ oder FAPÖ), reduziert Bildung und Sozialversorgung bei gleichzeitigen Steuergeschenken an die Unternehmer und einer gesetzlich erlaubten 60-Stundewoche, die die Weiterbildung am Abend für Tausende erschweren wird, ganz unabhängig von dem Stress für die Pendler, die nach 12 Stunden Hackeln noch stundenlange Heimfahrten zu bewältigen haben. Aber so sieht die neue Politik aus, die österreichische NEP (Новая экономическая политика).

Aber es bleibt ja nicht bei der Ökonomie, der unterstützen besseren Ausbeutung durch die Unternehmer und den Reduktionen im Sozialbereich. Auch in der Bildung und Kultur wird aufgeräumt.

Gut, man kann sagen, so hart wie Mao Zedong mit seiner zerstörerischen Kulturrevolution geht es bei uns nicht zu. Auch folgt niemand den radikalen Reinigungen (Folterungen und Tötungen) des Pol Pot, der bei Mao in die Schule gegangen war. Sogar der frühere Bauernschlaue, der rote Gott, das massenmörderische Väterchen aus Georgien muss nicht bemüht werden. Bei uns läuft alles viel friedlicher, ruhiger ab, eingeübt durch eine tiefsitzende Kultivierung, die in der langen, unseligen Herrschaft der Habsburger eine ganz einseitige, überangepasste Gehorsamshaltung von Untertanen erzeugt hat, die keiner Gestapo oder Geheimpolizei bedarf, wie anno dazumal, sondern die im Verwaltungsakt schon  ab-, ein- und erdrückt. Da reichen schon die Bubis und Mädis der bräunlichen Bewegung, die jetzt das Sagen hat.

Dieser Verwaltung kommt das durch die jahrzehntelange Dekultivierung und Verbildung unverständige Volk entgegen, weil es in falscher Lobpreisung privaten Konsumglücks meint, freier zu sein als früher, sich einen Dreck um Politik schert, und schon gar nicht um Bildung. Kultur ist Spitzensport und Zuschauen, ist Popmusik und Drogenkonsum. Wer nicht unbedingt wegen der Prüfungen im Studium eine Bibliothek aufsuchen muss, geht nicht hin. Freiwillig meidet man die Mehrheit sie. Liest man die Statistiken der Entlehnungen in den Büchereien, erschrickt man, wie wenige aktive Leser es gibt, was durch die niederen Verkaufszahlen von Literatur  weiter bestätigt wird. Daran ändern auch peinliche Zirkusveranstaltungen wie das Bachmannwettlesen nichts. Die Rolle des Zuschauers hat sich seit dem Internet und der smart phone culture dramatisch geändert. Ein seltsames Phänomen: einerseits eine Isolation von Privaten, andererseits virtuelle „Gemeinschaften“, die vor allem die negativen Verhaltensweisen des shit storm, des mobbing, des Rufmords etc. unterstützen und reale Gemeinschaften extrem unterminieren. In dieser Unkultur gelten keine Argumente mehr, sondern Gefühle, Wallungen, Betroffenheiten. Alles approbiert im Opferkult der Opfergesellschaft. Wer will da noch Bildung erwarten, rationales Denken, Diskurs?

In den letzten Jahren strahlten einige öffentlich-rechtliche Sender Dokumentationen aus, die einen lehrten, wie schlimm die Zustände in Tibet, China, Vietnam oder Kambodscha waren, aber auch im arabischen oder türkischen Raum. Ich kenne viele erschütternde Dokumente aus Tibet bzw. Nordindien, wohin sich viele Tibeter flüchteten, die verzweifelt versuchen, ihre verfolgte, niedergehaltene Kultur am Leben zu erhalten, zu retten. Eine französische Ethnologin, Marianne Chaud, drehte im höchstgelegen Bergdorf im Kloster Phuktal im indischen Zanskar einen beeindruckenden, berührenden Dokumentarfilm. Sie zeigt den achtjährigen Kenrap, der seit seinem fünften Lebensjahr Novize im Kloster ist und Mönch werden will. Besonders beeindruckt hat mich die Art, wie er mit Gleichaltrigen zum Philosophieunterricht eilte, wie er und seine Freunde die heiligen Schriften lernten, die elementaren Technik der Rhetorik. Meisterhaft eingefangen vermittelt die Ethnologin die fest verankerte Kultur, die Freude am Wissen und Bewahren und Weitergeben. (Ein direkter Gegensatz zu den Vernichtern Mao Zedong oder Pol Pot, für die Wissende Feinde waren!)

Ich habe diese und ähnliche Dokumentationen mir öfters angesehen. Sie berühren mich immer wieder. Sie strotzen vor Positivem, vor humanem, freundlichen Ausblick. Nach dem Großen Krieg in Europa schätzen einige die Reste von Kulturgütern in weit höherem Ausmaß, als etwa in den „Goldenen Zwanzigerjahren“, jener selbstvergessenen Zeit des Konsumrausches und der Lebenslüge. Mühsam wurden Bibliotheken wieder errichtet oder wiederhergestellt, Bücher aus Bunkerdepots geholt und sortiert.

Nach dem Schock der Kulturrevolution, die eine Umwälzung in Unkultur und Barbarei war, wurden nicht nur die zerstörten Monumente, Denkmäler, Bildwerke, Bücher und Schriften vermisst und betrauert, sondern langsam dämmerte den Davongekommenen die Tiefe der inneren Zerstörung, die Maos Monsterwerk bewirkt hatte. Die Traumata sind heute noch lebendig und beeinflussen die Verhaltensweisen von Abermillionen. Auch bei den Deutschen, weniger den Österreichern, weil die immer jammernd sich nach ihren Untaten als Opfer beklagten und perfekt verdrängten, haben die Traumata aus der Nazizeit Nachwirkungen. Der Erfolg des Wirtschaftswunders wurde auch durch die 68er nicht wesentlich gestört. Ähnlich geht die Geschichte in China ihren vorgezeichneten Weg der Verdrängung: heute stört die Erinnerung an den Tian’anmen-Platz und dem Massaker vom 4. Juni 1989, soweit sie vielleicht noch hochkommt, niemanden mehr. Die Historie ist bereinigt, die Geisteswissenschaften und Literaturproduktion sind unter Kontrolle,  und fürs Geschäft hat man den bildenden Künstlern etwas mehr Freiheit gewährt, weil der Markt, die Kapitalisierung selbst eine Entwaffnungs- und Kontrollfunktion ausübt.

In Kambodscha, wo das Foltertodesregime von Pol Pot, je nach Schätzung, zwischen 1,7 bis 2,2 Millionen Opfer „produzierte“, waren neben der Hetzjagd und Verfolgung von Intellektuellen, Lehrern und Künstlern, auch Theater, Kinos, die bis dahin existierende Filmwirtschaft, Verlagshäuser, Bibliotheken, Klöster und Schulen zerstört worden. Eine beispiellose Vernichtungskampagne im Hass auf alle Wissenden, die das Regime, mit tatkräftiger Hilfe aus dem Ausland, zu bewerkstelligen versuchte und fast erfolgreich gewesen wäre. So konnte sich nach 30 Jahren blutigem Bürgerkrieg das Land langsam, langsam erholen. Aber die Bevölkerung ist zutiefst traumatisiert. Tempeltänzerinnen, wenn sie nicht vom Regime gefoltert, vergewaltigt und ermordet worden waren, können nicht einfach ihre Tänze wieder einüben und lernen, weil die Schriften und Bücher fehlen, die verbrannt worden waren. Die letzten Reste von „lebenden Büchern“, von Eingeweihten, die ihr Wissen mühsam erinnern und weitergeben, bilden die Quellen des Aufbaus.

Wenn ich beobachte, wie Angehörige solcher Gesellschaften die Bildung wertschätzen, wie sie mit einfachsten Mitteln versuchen Schriften zu retten und zu übertragen, wie die Kinder begeistert lernen und vorwärtskommen wollen in und mit ihrer Kultur, staune ich einfach über die Ignoranz, die ich hier in meinem Heimatland leidvoll erkenne. Hier prägen fürwahr nicht nur Bildungsferne das Bild, die (un)geistige Landschaft, sondern Bildungsunwillige oder gar Bildungsfeindliche.

Wenn ich sehen darf, wie einige beherzte Frauen in Kambodscha Tänze wieder einüben mit ihrer faszinierenden Liturgie feiner Bewegungen, staune ich über unsere verlogene Brauchtumskultur und die oberflächliche Geschäftigkeit für Ruhm und Geld.

Wenn ich die chinesische Künstlergeneration der Gegenwart mir ansehe (nicht nur den bei uns so gefeierten  Ai Wei Wei, sondern Cang Xin, Guo Jin, He Yunchang, Hu Jie, Huang Rui, Huang Zhiyang, Li Chen,  Liu Wei, Wang Luyan, Wang Shugang, Yang Yongliang, Yue Minjun, Zhang Xiaogang, Zhang Xiaoto, Zhao Zhao, Zhen Fanzhi, Zhu Qi und viele andere), ihre Werke betrachte, die Umstände der Produktionsbedingungen berücksichtige, das Ausmaß der Zensur und Verfolgung, der sozialen Ächtung in vielen Fällen, die ich wahrscheinlich nicht adäquat zu ermessen vermag, staune ich über unsere Künstlerinnen und Künstler, die sich oft und öfter in einer Art unverbindlicher Gartenlaubenneoromantik suhlen, wie man bei den „gehobenen“ Kunstshows als auch bei den Massenbeteiligungen wie den erfolgreichen niederösterreichischen Tagen des offenen Ateliers feststellen kann oder muss.

Mittwoch, 10. Januar 2018

Mao und kein Ende

Der chinesische «Archipel Gulag»

Ein Straflager für Intellektuelle und ein trügerisches Belohnungssystem: Der chinesische Autor Yan Lianke erzählt in «Vier Bücher» von Maos «Grossem Sprung nach vorn». 

TagesAnzeiger Zürich, 5.1.2018

 

Noch ist die kontroverse Behandlung von Historie oder die Kritik an gegenwärtiger Politik Chinas möglich. Ganz so weit reicht Chinas Kontrolle nicht, wie es sich die Partei unter ihrem allmächtigen Vorsitzenden wünschte. Noch herrscht keine weltweite Friedhofsruhe.

Aber es braucht nicht viel, und jede Kritik an China wird, ähnlich dem skandalösen Tabuisieren jeder  Kritik an Israel als "antisemitisch", völlig verhindert und geahndet werden. Das freie Denken schrumpft, die Kuscherei und voreilige Selbstzensur nehmen zu, die allgemeine Ausrichtung, ähnlich einer Gleichschaltung, diesmal aber ohne äußere Behörde, ohne direkten Zwang, sondern innerlich übers "Gewissen", über die Gruppenorientierung gesteuert, regiert immer strikter und lückenloser. 

 

 

Dienstag, 3. Oktober 2017

Chomsky & Barsamian on Trump & Co




I first “met” Noam Chomsky in 1969 by reading these words of his about the My Lai massacre:

“And now there is Song My -- ‘Pinkville.’ More than two decades of indoctrination and counterrevolutionary interventions have created the possibility of a name like ‘Pinkville’ -- and the acts that may be done in a place so named. Orville and Jonathan Schell have pointed out what any literate person should realize, that this was no isolated atrocity but the logical consequence of a virtual war of extermination directed against helpless peasants: ‘enemies,’ ‘reds,’ ‘dinks.’”

Discussing various of America’s criminal acts in the larger war in Vietnam, Chomsky then added of the My Lai massacre itself:

“It is perhaps remarkable that none of this appears to occasion much concern. It is only the acts of a company of half-crazed GIs that are regarded as a scandal, a disgrace to America. It will, indeed, be a still greater national scandal -- if we assume that to be possible -- if they alone are subjected to criminal prosecution, but not those who have created and accepted the long-term atrocity to which they contributed one detail -- merely a few hundred more murdered Vietnamese.”

Chomsky wrote “After Pinkville” -- areas like Song My were then colored pink on American military maps -- in 1969. Almost half a century later, the question is: Have things improved? After all, in Ken Burns’s new Vietnam extravaganza, his 18-hour documentary on that war, he seems to have captured the zeitgeist of the moment by carefully changing the word “murder” in the script for the My Lai episode to “killing.” “At lunch, Burns defended his change," wrote the New Yorker’s Ian Parker,"on the ground that My Lai continues to have ‘a toxic, radioactive effect’ on opinion. ‘Killing’ was the better word, he said, ‘even though My Lai is murder.’” To be thoroughly upbeat, perhaps by 2067 Americans will finally be able to take “murder” straight on television when it comes to My Lai.

Almost 50 years ago, Daniel Ellsberg was both celebrated by many and unsuccessfully prosecuted by the Nixon administration, in part under the Espionage Act, for releasing The Pentagon Papers, a massive secret trove of documents that revealed to the American people something of what the United States was actually doing in Vietnam. In our era, Chelsea Manning did something similar. She turned over a twenty-first-century trove of secret documents on the Afghan and Iraq wars -- on, that is, what she’s accurately termed “death, destruction, and mayhem” -- to WikiLeaks and for that she was celebrated by few and prosecuted and convicted by the U.S. military.  Pardoned by President Obama after seven years in military prison, she recently had her visiting fellowship to Harvard’s Institute of Politics at the Kennedy School of Government rescinded after CIA Director Mike Pompeo cancelled a talk there, complaining that Manning had “betrayed her country,” and former CIA Acting Director Michael Morell, a senior fellow at the same school, resigned in protest. Or to put it another way, Harvard caved to men who represented an agency that had committed secret acts of horror betraying every imaginable American value. (To give credit where it’s due, significant numbers of Harvard faculty members protested this craven act.) The same institute felt no compunctions about offering a visiting fellowship to former Trump press secretary Sean Spicer and, despite alumni protest, not rescinding it. Perhaps there’s an essay, “After Punkville,” to be written about all of this.

Under the circumstances, it’s our good fortune that, with civilians regularly being “killed” by U.S. firepower across the Greater Middle East, Noam Chomsky continues to remind us what our world really looks like if we don’t censor either our language or our thoughts. It makes today’s TomDispatch post, a recent interview from his upcoming book with David Barsamian, Global Discontents: Conversations on the Rising Threats to Democracy, particularly relevant to our moment. Tom


The Trump Presidency
Or How to Further Enrich “The Masters of the Universe”
By Noam Chomsky and David Barsamian

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