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Sonntag, 23. September 2018

Säuberungen in Amerika


Haimo L. Handl

Säuberungen in Amerika

In den Vereinigten Staaten von Amerika erfolgen Säuberungen unterschiedlicher Art: von rechts, von links, von Rechtsradikalen, Neonazis und religiösen Faschisten, von Gutmenschen, Gender Engagierten, Minderheitenvertreterinnen und #MeeToo – Opfern. Viele Beweggründe vieler Aktionen sind durchaus verständlich. Einige sind jedoch nicht nur extrem, sondern verhindern jede Argumentation, stehen jenseits jeder Kritik und wirken schon allein aufgrund von Anklagen oder Verdächtigungen, weil das Klima aufgeheizt ist, weil keine Werte mehr allgemein gesellschaftlich verbindlich gelten und viele primär auf Herkunft, Gender und Religion pochen bzw. auf ihren Opferstatus als Frauen, Minderheitenangehörige usw.

Das beschränkt sich nicht nur auf den sozialen Alltag, die Politik im Allgemeinen, sondern auch auf das Bildungswesen, insbesondere im universitären Bereich, und die Massenmedien inklusive sogenannter Elitejournale. Die Elite ist der eigentliche Angriffspunkt.

Es geht um Sicherheit einerseits. In vielen Universitäten sollen „safe zones“ frei von jeder Kritik sein, um Beleidigungen oder Retraumatisierungen leidtragender Studentinnen zu verhindern oder religiöse Gefühle einer möglichen Verletzung auszusetzen. Sogenannte Trigger Warnings sollen indizieren, dass ein Buch oder ein Video eventuell verstörend wirken könnte. Der Studentin ist es freigestellt, die Lektüre zu vermeiden, ihr Kursanbieter muss Ersatz bieten bzw. darf nicht in eine Diskussion eintreten, weil das verstörend (Beleidigung, Anmaßung) sein könnte.

Vom mainstream abweichende Meinungen bedürfen besonderer Kommentierung und Vorauswarnung, damit im nachfolgenden Rechtsstreit aufgrund massenhafter, lautstarker Proteste wenigstens eine minimale Verteidigung möglich scheint.

Es herrscht ein Angst- und Verfolgungsklima wie zu Zeiten der Inquisition, als schon ein „schiefer Blick“ genügte, damit eine Frau als Hexe dem fatalen Gottesurteil überantwortet wurde. Was viele Frauen, alle Opfer in der Männergesellschaft, heute in der #MeeToo Bewegung unternehmen, ist wie der Versuch, solch eine Verfolgungsszenerie wieder aufleben zu lassen, diesmal gegen die verhassten Männer. Es genügt meist die Vermutung, die Anklage, und schon läuft das Räderwerk der Rache, der Verfolgung, der Vernichtung. Das nennt man dann Fortschritt und Gerechtigkeit.

Kontroverses zu vertreten, politisch, wissenschaftlich, kulturell, wird da immer gewagter, schwieriger. In Bälde wird es verunmöglicht sein: der Mob, die Masse der sich als Opfer Empfindenden wächst und nutzt die mediale Gewalt. Viele Institutionen geben klein bei, weil sie wirtschaftliche Einbußen befürchten (Abonnentenverlust, Geschäftsboykott, Imageschaden durch dauernde Verleumdung usw. usf.).

Weil es keine Orientierung nach gesellschaftlich allgemein anerkannten Werten mehr gibt, tobt der Kampf um Deutung und Durchsetzung mit allen Mitteln. Es ist die ungeistige Vorstufe des Kriegs, der bald die reale innere Kriegssituation folgen wird, wenn diese Entwicklung nicht gebremst wird, wenn gewisse minimale Standards nicht wieder beachtet werden. Nichts deutet darauf hin, dass die Vernunft ein bisschen gewinnen könnte, alles deutet auf Destruktion und Niedergang.

Meine Worte sind kein moralisierendes Jammern. Sie sind eine kurze Feststellung, die durchaus länger und detaillierter ausfallen könnte. Es gibt einige Vorkommnisse, die leicht als Indikatoren für die Malaise gelesen werden können.

Beispielhaft sei erwähnt:
Die ältestes, progressive (liberale) Wochenzeitschrift THE NATION druckte ein Gedicht eines jungen weißen Amerikaners, das im schwarzen Slang abgefasst ist und entschuldige sich feige und fadenscheinig nach einem Proteststurm von Minderheitenangehörigen, die jede Kulturaneignung (cultural approbriation) als Missetat verurteilten und den weißen Abfall-Schreiber scharf angriffen. Das Gedicht wurde zwar nicht entfernt, aber jetzt breit und peinlich negativ bewertet von denselben Redakteurinnen, die es ausgewählt hatten: Sie versprachen selbstkritisch zugleich, besser aufzupassen und liniengetreu auszuwählen. Der Ton erinnerte an die Selbstbezichtigungen von Bolschewiki unter Stalin oder von jenen, die während der Kulturrevolution von Mao unter die Schläge der wütenden Roten Garden gefallen waren.

Vor kurzem wurde eine mathematische Arbeit, welche ein Fachmagazin bereits zur Publikation angenommen hatte, zensuriert und nicht publiziert auf Druck von Kolleginnen, die der These, die die Arbeit behandelt, von Grund auf widersprechen und verhindern wollen, dass diese im akademischen Kreis behandelt wird. Es war zu lesen (ich zitiere beispielhaft aus dem Artikel von Matt Young, the Panda’s Thumb, Sept.15, 2018; wer Interesse hat, findet mehr Material in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften):

A professor of mathematics, Theodore P. Hill, devised what is sometimes called a toy model to help explain why males of our species display greater variability than females. He submitted the paper to two journals in succession, and both rejected the paper after having previously accepted it.
As far as I can tell, the premise of the article, that males display greater variance (particularly of intelligence), is generally accepted. Professor Hill developed a toy model, which is to say an oversimplified model designed to shed some light on a complicated problem; the term is not pejorative. According to Prof. Hill’s account, he enlisted the help of another mathematician, Sergei Tabachnikov of Pennsylvania State University, and submitted the paper to the Mathematical Intelligencer. According to Prof. Hill, the manuscript was scheduled to appear in the journal’s first issue of 2018.
Professor Hill claims that Amie Wilkinson, a mathematics professor at the University of Chicago, and her father, a statistician (who I think is not named), wrote to the editor of the Mathematical Intelligencer and announced that the article oversimplified to the point of embarrassment. The article was pulled.

Prof. Hill war natürlich überrascht, dass das Fachjournal auf äußere Intervention hin die Publikation strich, und auch ein anderes Magazin von einer Veröffentlichung Abstand nahm. Die streitbare Kollegin Amie Wilkinson schrieb kein Rebuttel, keine Kritik, sondern agierte im Verborgenen mit Verdächtigungen, ideologischen Keulenschlägen und Drohungen. Hills Bemühungen die Sache zu klären und das inakzeptable Verhalten der Intrigantin über die Universität abzustellen, fruchteten nichts. Soviel zu Würde und Anstand in American Academia. Was waren die ideologischen Gründe? Angst, dass Rechtsgerichtete sich die Thesen zu eigen machen würden, was unbedingt verhindert werden musste. Zensur aus Ideologie der Gender Force & Women Lib. Im Magazin REASON war im Hit & Run Blog am 10.9.2018 u.a. zu lesen:

Mathematical Intelligencer rescinded its acceptance of the paper. According to its editor-in-chief, publishing Hill and Tabachnikov's work would create a "very real possibility that the right-wing media may pick this up and hype it internationally." In his Quillette piece, Hill claims that a University of Chicago mathematics professor, Amie Wilkinson, lobbied the journal to abandon its plans to publish the piece.
Some time later, an editor at another publication, the New York Journal of Mathematics, wrote to Hill and offered to publish the paper. Hill accepted, and the article was published. But then:
Three days later, however, the paper had vanished. And a few days after that, a completely different paper by different authors appeared at exactly the same page of the same volume (NYJM Volume 23, p 1641+) where mine had once been. As it turned out, Amie Wilkinson is married to Benson Farb, a member of the NYJM editorial board. Upon discovering that the journal had published my paper, Professor Farb had written a furious email to [NYJM Editor-in-Chief Mark Steinberger] demanding that it be deleted at once. …
Unaware of any of this, I wrote to Steinberger on November 14, to find out what had happened. I pointed out that if the deletion were permanent, it would leave me in an impossible position. I would not be able to republish anywhere else because I would be unable to sign a copyright form declaring that it had not already been published elsewhere. Steinberger replied later that day. Half his board, he explained unhappily, had told him that unless he pulled the article, they would all resign and "harass the journal" he had founded 25 years earlier "until it died." Faced with the loss of his own scientific legacy, he had capitulated. "A publication in a dead journal," he offered, "wouldn't help you."

Das ist so unglaublich, dass ich aus dem erwähnten Artikel mehrere Absätze zitierte; man wähnt sich in der UdSSR, wo solche Einschüchterungsmanöver üblich waren. But it’s in America.

Den typischten und eindrücklichsten Fall aber bietet die berühmte NEW YORK REVIEW OF BOOKS mit dem schnellen Abgang ihres Chefredakteurs, der erst im März 2017 die Nachfolge des legendären Editors Robert B. Silvers nach dessen Tod übernahm. Die Veröffentlichung eines fragwürdigen Artikels und seine daraufhin erfolgende Verteidigung und Argumentation führte und verstärkte den Aufschrei der Opfergesellschaft, vor allem von Frauen der #MeeToo-Bewegung, so dass der Chef selbst aufgab und ging. Die Ereignisfolge, die Attacken und Verteidigungen sind überaus interessant, weil sie drastisch und dramatisch den Niedergang der offenen Gesellschaft dokumentieren, das unerbittliche Regime der (vermeintlichen) Opfermassen, die über die asocial media schier unbegrenzten Einfluss ausüben, weil die Etablierten Angst vor gewissen Auswirkungen am Markt haben (Abonnentenkündigungen, vor allem aber Einbußen im Inserategeschäft). Lesen Sie nach und bedenken Sie die Aussagen in den vielen Artikeln in amerikanischen Qualitätszeitungen und Journalen (NYT, WP, Vanity Fair, aber auch den englischen The Guardian). Hier, zur Illustration, ein paar Sätze aus VANITY FAIR (Erin Vanderhoof, 19.9.2018):

How Ian Buruma’s New York Review of Books Ouster Became Inevitable –
The controversial editorial was one thing, but after a gaffe-filled interview his tenure at the magazine was all but done for.
In a little less than a week, New York Review of Books editor Ian Buruma went from defending a controversial editorial decision in an interview to losing his job.
Buruma, however, may be a true #MeToo pioneer—a man who lost his job not for any harassing behavior, but for comments perceived as defending it. In an interview with Slate’s Isaac Chotiner that ran September 14, Buruma claimed some ignorance about the charges against Ghomeshi, but ultimately concluded that he has “no idea, nor is it really my concern.” And though he admitted that among his staff, “not everybody agreed” about running the essay, it seems likely that someone from the inside leaked its existence to writer Nicole Cliffe, who tweeted about it on September 13, hours before the publication posted the article online. Cliffe fielded comments from some of the magazine’s staffers, and relayed their dismay to her nearly 85,000 followers. By the next afternoon, Chotiner’s interview was live, and Buruma’s comments fueled another few days of criticism.

Wenn man hinsichtlich des geistigen Hintergrundes des gesellschaftlichen Klimas noch die Positionen von VIDA (Women in Literary Arts, gegründet 2009) berücksichtigt, die nicht nur Missbrauch aufzeigen und verfolgen, sondern schon die Tatsache, dass ein Medium z.B. nicht mindestens 40% Autorinnen aufweist, als ein Negativum werten, das publizistisch in ihren Kampagnen vehement vertreten wird, um gegen die Männerdominanz zu wettern, dann kann man sich leicht vorstellen, dass das bald auch auf Wissenschaftler zutrifft, weil nach Gesinnung und Ideologie einfach die Quote gelten MUSS, unabhängig vom Argument, unabhängig vom Inhalt. Da haben, wie die von VIDA veröffentlichten Counts belegen, die meisten Qualitätszeitschriften einen Bias, eine männliche Schlagseite, die über Kurz oder Lang nicht nur verbal angegriffen werden wird, sondern brachial, wie es sich schon vorbereitet.

Dies alles sieht aus wie ein Purgatorium, ein Reinigungsvorgang, ein großes Aufräumen. Man könnte es auch fertigstellen nennen im Sinne von „fertigmachen“. Man bringt etwas zu Ende, fertig, indem man etwas fertigmacht. (Das Wort „fertigmachen“ kommt etwas unschuldig daher. Man meint damit, dass etwas, eine Arbeit zum Beispiel, fertig gemacht wird, also vollendet, getan wird. Seit der Nazizeit hat sich eine weitere Bedeutung eingenistet, die schwer zu vergessen ist: die zweite Bedeutung von „erledigen“, das zuerst auch bedeutet, Aufgabe erfüllen, fertig stellen, aber im weiteren, zweiten Bedeutungsfeld heißt, „etwas töten, umbringen, kaputt machen, auslöschen, vernichten“. Ich „erledige dich“ heißt, ich töte dich. Ganz ähnlich bei fertigmachen. Ich „mache dich fertig“ heißt, ich bring dich um. Der Mensch als Material wird fertiggemacht wie ein Verschleißartikel. Usw. usf. Hier ende ich mit den Überlegungen, weil sie zu weit führten.)


Sonntag, 12. August 2018

Die Sprachpolizei


Haimo L. Handl

Die Sprachpolizei

Die Wochenzeitschrift THE NATION, das älteste ohne Unterbrechung erscheinende Weekly der USA (gegründet 1865), hat sich einen vielbeachteten Namen als linksliberales, emanzipatorisches Organ erworben, das immer unerschrocken für die Presse- und Meinungsfreiheit eintrat und worin berühmte Autoren publizierten. Jetzt gibt dieses Blatt klein bei dem shit storm und den rüpelhaften Aufstößen in den social media einer ideologisch fragwürdigen Horde von Ultrakonservativen einerseits, von PCs, politisch Korrekten, PoCs, Persons of Color, wie man die Schwarzen jetzt nennt, und Vertreterinnen der gender force oder gender police, und übt sich in einem Kotau, der äußerst peinlich ist und ein horribles Bild vom Wertverlust und Niedergang offener Kultur in diesem Land belegt. THE NATION knickte ein, streckte die Waffen und winselte in einer Selbstkritik, die unwürdig ist. Der Mob hatte wieder einmal gesiegt.

Am 5. Juli veröffentlichte die beiden verantwortlichen poetry editors des Blattes, Stepanie Burt, Professorin in Harvard, und Carmen Giménez Smith, Virginia Tech, ein Poem von Anders Carlson-Wee, dessen Geburtsdatum auch auf seiner Homepage nicht zu finden ist, weil er es, kokett wie ein unreifes Mädchen vom Lande, versteckt, einem in Minnesota geborenen Weißen, der in verschiedenen namhaften Journalen und Magazinen schon veröffentlicht hat und von dem nächstens sein erstes Buch erscheinen soll. Die Fotos, die ihn als den typischen Jungen aus dem Mittelwesten zeigen, deuten auf einen eher jüngeren Jahrgang.

Das Poem „How-To“ ist in einer Anlehnung, wenn nicht Übernahme der typischen schwarzen Sprache, des Black English, des AAVE, African-American Vernacular English, geschrieben. Ohne hier über seine poetische Qualität urteilen zu wollen oder zu müssen, löste weniger die poetische Qualität, sondern primär die offensichtlich unlautere Übernahme oder Inbesitznahme einen Sturm der Entrüstung aus. Es handelte sich um den Tatbestand der cultural appropriation, der Übernahme von Elementen einer Minderheitskultur durch einen Angehörigen der Mehrheitskultur. Für politisch Korrekte stellt dies eine postkolonialistische Ausbeutung dar, die verboten gehört bzw. sozial geächtet werden soll. Die Ächtung erstarkt über die social media und greift munter um sich.

How-To

If you got hiv, say aids. If you a girl,
say you’re pregnant––nobody gonna lower
themselves to listen for the kick. People
passing fast. Splay your legs, cock a knee
funny. It’s the littlest shames they’re likely
to comprehend. Don’t say homeless, they know
you is. What they don’t know is what opens
a wallet, what stops em from counting
what they drop. If you’re young say younger.
Old say older. If you’re crippled don’t
flaunt it. Let em think they’re good enough
Christians to notice. Don’t say you pray,
say you sin. It’s about who they believe
they is. You hardly even there.

Nach dem Proteststurm gaben die beiden Redakteurinnen klein bei und entschuldigten sich. Die fadenscheinigen Argumente, der Stil des Kotaus, sind es wert zitiert zu werden. Das Poem wurde zwar nicht entfernt, aber „The editor‘s note“ wurde nachträglich vorangestellt:

As poetry editors, we hold ourselves responsible for the ways in which the work we select is received. We made a serious mistake by choosing to publish the poem “How-To.” We are sorry for the pain we have caused to the many communities affected by this poem. We recognize that we must now earn your trust back. Some of our readers have asked what we were thinking. When we read the poem we took it as a profane, over-the-top attack on the ways in which members of many groups are asked, or required, to perform the work of marginalization. We can no longer read the poem in that way.
 
We are currently revising our process for solicited and unsolicited submissions. But more importantly,  we are listening, and we are working. We are grateful for the insightful critiques we have heard, but we know that the onus of change is on us, and we take that responsibility seriously. In the end, this decision means that we need to step back and look at not only our editing process, but at ourselves as editors.
 
Zuerst gehen sie auf die Sprache des Gedichts ein, die plötzlich unannehmbar scheint, weil “herablassend” (disparaging) und „discriminierend“ (ableist) sei. [Im Urban Dictionary heißt es zu diesem Terminus: 1/ A person or People who discriminate or social prejudice against people with disabilities. It can also be someone who judges or makes fun of someone with a disability or handicap. 2/ A term used by people who are bitterly angry that other people are able to do shit. 3/ Someone, who like the Misogynist, hates people with physical appearances but yet denies it. A misogynist is against both the feminists and the feminazis. However, the ableist has the illogical mindset that involves all people with disabilities as mental retards, contends that they be fixed, and believes they get infected with being a retard if they come in contact with them.]

Dieses Gedicht verletzt also schon durch seine Sprache, die ein Vergehen oder einen Straftatbestand erfüllt. Dann bereuen die Redakteurinnen ihren schweren Fehler und beteuern ihr Bedauern über die Schmerzen, die sie so vielen damit bereitet haben. Sie werden die Prozeduren der Auswahl und Bewertung ändern. Und, ganz wichtig, sie hören (hören als Vorstufe des Gehorchen) und sind am Arbeiten. Sie sind dankbar für die inhaltsvollen Kritiken, und sie nehmen ihre Verantwortung sehr ernst. Sie triefen direkt vor Sozialverantwortung – und man ist dankbar, dass es nicht aus dem Monitor tropft…

Als ich das las, war ich perplex. Bis anhin kannte ich solchen Ton aus den unseligen Tagen der Sowjetzeit oder der paranoiden DDR, wo Angeklagte sich einer rückhaltlosen Selbstkritik unterzogen und öffentlich abschworen, sich duckten und beugten und Besserung versprachen, alles in einem unwürdigen winselnden Ton, geängstigt nachgebend, bettelnd. Doch in den USA forderte kein Gericht, keine Parteiführung, kein Führer, kein Zentralkomitee den Kotau. Die braven Professorinnen übten sich in, was in Österreich „vorauseilender Gehorsam“ genannt wird, einer Ducker-Eigenschaft von Untertanen, in völligem Widerspruch zur amerikanischen Kultur. So meinte ich zumindest. Aber das Regime der politisch Korrekten, der unduldsamen Minderheitenvertreterinnen scheint so stark geworden zu sein, dass alte, positive Traditionen ausgehebelt wurden und werden und Vertreterinnen eines bis anhin linksliberalen Blattes kuschen. Es zeigt zudem, dass Bildung und Sozialstand (beide sind Professorinnen) keine Garantie für Rückgrat, aufrechten Gang oder Courage sind. Die Duckmäuserinnen, die elenden Angepassten, haben sich überall festgefressen und winseln und heulen. Scum.

Eine Kolumnistin der NATION, Katha Pollitt, veröffentlichte über Twitter ihre Verwunderung über diese Vorgangsweise: „“I can’t believe @thenation’s poetry editors published that craven apology for a poem they thought was good enough to publish,” … it „looks like a letter from re-education camp.“

Frau Pollitt hat immerhin die Courage das Kind beim Namen zu nennen und verwundert den Vergleich mit dem Umerziehungslager zu stellen. Der Poet mit den schönen Fotos im Netz entschuldigte sich ebenfalls pflichtbewusst „Treading anywhere close to blackface is horrifying to me, and I am profoundly regretful“. O je. Er will ja Karriere machen. Er will positiv auffallen, verkaufen und gepriesen werden. Er will kein „Fall“ werden. Der Arme.

Am 6. August, einen Monat nach dem Anlassfall, äußerte sich in der New York Times Grace Schulman (geboren 1935). Sie war von 1971 bis 2006 poetry editor bei THE NATION, und ist selbst eine anerkannte, vielfach gepriesene Lyrikerin, die enorm viele Preise und Auszeichnungen erhalten hat. Sie vertritt den alten Geist, wie man ihn kannte und heute vermissen muss. Sie kritisierte vehement diese feige Reaktion der beiden Redakteurinnen und bedauert das Ende der offenen, emanzipatorischen Tradition; sie leitet ihren Artikel ein mit einer Reminiszenz und führt dann besorgt und enttäuscht aus:

During the 35 years that I edited poetry for The Nation magazine, we published the likes of W.S. Merwin, Pablo Neruda, May Swenson, Denise Levertov, James Merrill and Derek Walcott. They wrote on subjects as varied as lesbian passion and nuclear threats. Some poems, and some critical views, enraged our readers and drove them to drop their subscriptions.
But never did we apologize for a poem we published. We saw it as part of our job to provoke our readers — a mission we took especially seriously in serving the magazine’s absolute devotion to a free press.
Apparently the magazine has abandoned this storied tradition.
I was deeply disturbed by this episode, which touches on a value that is precious to me and to a free society: the freedom to write and to publish views that may be offensive to some readers.
In my years at The Nation, I was inspired by the practical workings of a free press. We lived by Thomas Jefferson’s assertion that “error of opinion may be tolerated where reason is left free to combat it.”
How far we have come from those idealistic, courageous days.

Ja, wie weit ist es gekommen, wie tief ist die Kultur gesunken? Das frage ich mich auch und, wahrscheinlich, viele andere. Es geht nicht nur um sogenannte korrekte Sprache, um Minderheiten und ihren Schutz bzw. ihre Abgrenzungsbedürfnisse und besonderen Zuwendungen. Es geht auch nicht primär um den verabscheuungswürdigen Opferkult, der die westliche, feige, wertentleerte Kultur heute auszeichnet. Es geht auch um das Phänomen von Sprache und Deutungshoheit, von Literatur und Sprachbesitz, von Absonderung, Rache und Feindschaft.

Sprache ist ein Symbolsystem, das nur durch die Sprachgemeinschaft und deren Gebrauch funktioniert und lebt. Sie ist nie Besitz einer Person oder eines Kollektivs, auch wenn solche Ansprüche immer wieder erhoben worden waren. Manche, besonders Vertreter von Minderheiten sozialer oder ethnischer Provenienz, argumentieren, dass Sprache eine bestimmte Kultur mit ihren Werten, eine besondere Sicht vorgebe. Sie sehen die Sprache als Wertdeterminator, die Sprechende als Opfer und Vollzugsorgan. Als ob Sprache kein eigenes Denken und Sprechen erlaube.

In der Auseinandersetzung mit Carlson-Wee’s Poem war in Twitter zu lesen: „Don’t use AAVE. Don’t even try it” “Know your lane.” [Roxane Gay]. Deutliche Warnung. Versuchs nicht einmal. Klingt wie die Spießerweisheit “Schuster, bleib bei deinem Leisten.” In der Debatte kamen auch Minderheitenpoeten zu Wort, die alle im gleichen Tenor die Anmaßung der Appropriation verurteilten. Man fragt sich, wie diese intoleranten Engstirnigen, diese Anwälte der eigentlichen Wahrheit und besonderen Sprache sich verhielten, wenn den Persons of Color oder anderen Minderheiten der Zugang zur verrufenen „weißen“ Bildung verwehrt würde, wie es lange geschah, wenn ihre Sprachsozialisation außerhalb ihres Dialekts behindert würde. Auch wenn diese Protest- und Trotzhaltung historisch gesehen verständlich ist, bleibt sie dennoch untauglich und, vor allem, unhaltbar, und zwar besonders sprachlich, bildnerisch, literarisch.

Auch wenn Nationen aus chauvinistischen Gründen gewisse Autoren und Autorinnen „reklamieren“, Deutungshoheit über ihre Werke beanspruchen, können sie die Freiheit, dass alte und zeitgenössische Werke jedem gehören, der sie liest, nicht aufheben. Sie können beeinflussen, beanspruchen, mehr nicht. Sie können Debatten beleben, auch wenn sie dümmlich sich mit sogenannten Nationalcharakteristika abgeben. Aber sie können dankenswerterweise keine volle Kontrolle ausüben. Cervantes und Don Quijote gehören nicht nur den Spaniern. Auch wenn ich die Spanier nicht mögen würde, sogar wenn ich sie verabscheute, würden sie mir „meinen“ Don Quijote nicht nehmen können. Ich lese auch als Atheist theologische Traktate, wühle in Angelius Silesius, ich ergötze mich an Thoreau oder Twain, an Borges oder Steiner, entzünde mich an Dostojewski oder Heidegger, an Racine oder Paz. Was soll’s? Es braucht kein Führungszeugnis, keinen Leumundsausweis, um dies oder das zu lesen. Und wenn eine Sprache etwas entfernter ist, der Beowulf z.B. oder die Sonette von Shakespeare, so helfen einem Wörterbücher. Ich weise jede offizielle Deutung, die vorgibt verbindlich zu sein, zurück. Ich wähle. Ungerecht, aber selbstsicher; es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt kein Spracheigentum.

Man muss sich die Anmaßung dieser Gutmenschen vorstellen: Eine Frau schreibt aus der Frauensicht. Sie hat alleine deshalb schon recht. Ein Mann darf nur aus seiner Sicht schreiben. Er ist verdächtig, hat meist unrecht. Das gilt auch für Nationalitäten: Wechsle nie die Sicht, bleib immer drinnen im nationalen Schrebergarten, schau nie in hinaus über die Gartenzwergewelt. Das alles ist Humbug. Die ganze Welt steht offen, jede Sprache erlaubt jedes Denken. Nur die Schwachen, die sich im Leid suhlenden Opfer, versuchen aus ihrer Begrenztheit eine Tugend zu machen.

Würde dieser Dummheit konsequent gefolgt, hätten wir überhaupt keine Bildung, keine Entwicklung, keine Innovation. Diese falschen Selbstbeschränkungen der Behinderten und Niederen, der Opfer, ist rigide zu widersprechen.

Sprachen verändern sich. Sie wachsen und verarmen. Das Urteil hängt von Wertmaßstäben ab. Sind sie fundiert, kann man argumentieren. Sobald aber Ideologie (falsches Bewusstsein) diktiert, gibt es keine annehmbaren oder zu widersprechenden Argumente mehr, sondern nur noch Politik, Machtkampf.

Dahinter liegt auch das Verstehen, dass über Sprache Politik gemacht werden kann, die Realität verändert werden kann. Früher nannte man das Vorrang des Überbaus, der Ideen, vor der Materie. Das kann nicht gut gehen. Der verbrämte Idealismus mündet in einen Ungeistterror. Würden seine Vertreter ein bisschen nur die Geschichte kennen oder versuchen aus ihr zu lernen, ahnten sie vielleicht, wie untauglich Überbaumaßnahmen zur Veränderung der Basen, der konkreten Realitäten, sind.

Die Naturwissenschaften fügen sich nicht ideologischen Vorgaben. Das mussten die Nazis erfahren, die Bolschewiki und die Maoisten. Und viele andere. Im Kulturellen, besonders im Sprachlichen, scheint das eher möglich, zumindest nach Meinung der Kurzdenker und Schwärmer. Aber sie täuschen sich. Die unseligen Sprachpolitiken folgten den totalitären, diktatorischen Politiken. Sie waren Beiwerk und nie Voraussetzung für die Kollektivierung oder die totale Verwaltung. Ohne konkrete, echte Sanktionsgewalt wirkt das Wort nicht. Was wirkt, sind die Mächte hinter der Sprache, die Politik, die Tyrannei, der Terror, die ausweglose Lage, die Not, der Hunger.


Sonntag, 15. April 2018

The Dead Men Society

Old men, experienced, mature and war oriented, orchestrate war, and the masses follow willingly. Quite different to the cultural concept of "Dead Poets Society" they do not indulge in art, but in destruction, annihilation. War is not only a big business. War is the fulfillment of their deep lying drives: to strike, to kill, to conquer, to reign by war.

After the attacks by France, the United Kingdom, and the US against Syria, which were based on the unproven assertions, that the Assad-Regime had employed once again chemical weapons against its own people. In rapid speed the vassals and satelite states of the US acknowledged this "fact" - without questioning the credibility of the power who notoriously used and uses desinformation and fabricated propaganda to cover their actions. The official program is: believe it. Believe it, as we believed the facts about weapons of mass destruction by Saddam Hussein, the most prominent falsity of the US.
If the credibility of the embedded mass media is questioned, the critics are denounced as Anti-semitic war mongers, as stupid American haters, as agents of Moscow. "Lügenpresse" ist wrong by the simple fact that many of the Right or extreme Right share this view. No, the embedded press is right and correct, the tasks of the US are necessary and human, Israel is a democracy and not to be criticized - unless one is an Anti-semite, a Neonazi or agent of Moscow.

This simple world view justifies any action. "Any" includes any form of war. The right is with the power and the power is with the US. Join in or be destroyed, put out of action, of life, of future because the future is with the US. The "friends" of the US are eager to play their part in this war game, especially Great Britain and France. The Germans, these re-educated non-people built by non-persons, leave it by words so far, but underwrite any action in the name of dignity and freedom. They have learned their lessons and have converted into dogs, who listen to their master's voice, and who lick their boots.

If one consults the quality press in Germany or Switzerland, one doesn't finde one critical question oder comment on the maneuver which coins the Western politics. The situation in the UK or US is almost the same; but at least some media show a kind of independence and display criticism.

Theresa May faces anger over Syria raids as Trump declares ‘mission accomplished’

UK opposition leaders insist that parliament should have been consulted before airstrikes 
 

John (“Bomb Iran”) Bolton, the New Warmonger in the White House


Weekend Edition
April 13, 2018
Friday - Sunday:
 

Mittwoch, 23. August 2017

White supremacy - as seen by The Nation

White supremacy

White supremacy news and analysis from The Nation