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Mittwoch, 29. August 2018

Offenheit – Zur Erinnerung ...

Zur Erinnerung, zwei Artikel von Volker Reinhardt aus der NZZ von heuer und letztem Jahr:

Die Freiheit des Denkens muss grenzenlos sein

Die Inquisition verfolgte alles, was nicht ins herrschende Weltbild passte. Viel haben wir seither nicht dazugelernt.
Volker Reinhardt 27.4.2018, NZZ

Die Vergangenheit kehrt zurück

Wir sind aufgeklärt und digitalisiert. Wir sind abergläubisch, irrational und praktizieren vormoderne öffentliche Strafrituale. Ganz so wie im 16. Jahrhundert.
Volker Reinhardt 4.12.2017, NZZ

Und als Schlusssatz:

Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus.
Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Abschn. 5

Freitag, 8. September 2017

Denken ist Handeln; wirklich?



Das Denken, dachte er sich, soll sich in der Praxis, im Vollzug, in den Handlungen erweisen (beweisen, erfüllen). Danken sei schon Handeln. Wenn das stimmte, wäre es als Handlung aber Wirklichkeit zweiten Grades, wenn die erste Wirklichkeit die konkrete Handlung darstellte. Denn ohne Konkretion, ohne realen Vollzug keine wirkliche Handlung, keine wirkliche Wirklichkeit. Ich denke etwas, ich belasse es aber beim Denken. Das heißt, meinem Denken folgt keine Handlung. Ich äußere mich nicht, ich setze keine Tat, das heißt, ich schaffe keine Tat-Sachen, ich bleib untätig. Politisch zeichnet das den Passiven, den bedingten Mitläufer und Jasager aus, sozial den Untätigen, den Empfangenden, der es maximal beim Reflektieren (das nie Handeln ist, sondern immer auf einer Metaebene Re-Flektion, Beschau bedeutet) belässt, aber nichts tut. Du darfst dich nicht täuschen lassen vom Satz, Denken sei Handeln. Der Handlungsbegriff muss differenziert werden. Die meisten denken nicht wirklich oder zu wenig. (Was maße ich mir an, über die meisten zu denken?) Alle handeln. Aber einige holen sich Legitimationen von Chefdenkern, übernehmen ein Denken, das erst ihres würde, wenn sie es nachvollzögen, durchdächten. Fast alles in unserer Gesellschaft lenkt aber ab, anstatt zu, zerstreut in der Unter-Haltung, anstatt dem Gegenteil, dem Besinnen, Bedenken, Denken. Wer denkt, kennt den Unterschied von Denken als Handlung und konkreter Handlung. Er beleuchtet, erhellt sein Handeln, anstatt es in der handelnden Geschäftigkeit zu belassen.
Nun ja, ich werde also in die Küche gehen, etwas kochen und essen, nicht nur darüber denken. Der Mensch lebt nicht vom Geist allein.

Haimo L. Handl (aus einem Geschichtsentwurf)

Samstag, 2. September 2017

Dann lastete die Erinnerung



Die Freiheit des Denkens wurde zum Ballast. Er wusste nicht, wie wohin weiterdenken. Er dachte nicht. Zumindest nicht willentlich. Es dachte. Es schien ihm, er könnte nicht selbständig Gedanken bilden. Er wollte denken, wie er bestimmte, dass sein Finger sich bewege, seine Hand, sein Arm. Für das Denken fehlte ihm der „Muskel“, den er hätte reizen müssen, dass er einen Gedanken schuf, ihn auf- und fortnahm, weiterentwickelte und im Denken gleichzeitig wandelte, aber immer nach seinem Wollen. Es verblieb ihm nur noch die Möglichkeit, das, was sich ohne sein willentliches Zutun als Denken zeigte, als seines anzusehen, weil es ja in ihm, in seinem Gehirn sich vollzog. Aber er wusste, dass es nicht seines war, dass es zwar seines war, als physikalisches Ereignis, aber nicht von der Intention, dem Willen. Zwischen ihm als Selbst und dem Denken hatte sich etwas geschoben.

Haimo L. Handl
(aus einem Geschichtsentwurf)

Montag, 12. September 2011

Die fatale Art eines Nihilismus, gepaart mit unbändigem Hass

Lektüreanmerkung mit nachdenklicher Erweiterung:
 
„In seinen Versen war keine Bejahung der Welt, jene Bejahung, die wir in dere Kunst als Sympathie des Künstlers zum Dargestellten, sei es ein Apfel oder ein Baum, herausfühlen. Sie offenbarten nur eine tiefe Störung des Gleichgewichts. Die Kunst lässt uns manches ahnen. Die Welt Bachs oder die Welt Breughels war geordnet, hierarchisch geschichtet; die moderne Kunst enthält viele Beispiele blinder Leidenschaft, die an Formen, Farben und Tönen sich nicht sättigen kann. Die sinnliche Betrachtung des Schönen ist nur möglich, wenn der Künstler Liebe fühlt zu der ihn umgebenden Welt. Wenn er aber nur Ekel empfindet, dann hält es ihn an keinem Ort, und er wird unfähig, sich umzusehen. Er schämt sich jeder Liebesregung, er ist verurteilt zu ständiger Bewegung und nur skizzenhaftem Festhalten von Brocken der beobachteten Natur. Er gleicht dem Nachtwandler, der nur so lange das Gleichgewicht bewahren kann, als er geht. Die Bilder, die Beta gebrauchte, waren ein wirbelnder nebel, und vor dem völligen Zusammenbruch rettete ihn nur der trockene Rhythmus des Hexameters. Diese Eigenart seiner Dichtung kann man zum Teil seiner Zugehörigkeit zu einer unglücklichen Generation und zu einem unglücklichen Volk, zuschreiben.“
Czesław Miłosz: Verführtes Denken. S. 119f

Mit dem Decknamen „Beta“ ist Tadeusz Borowski (1922-1951) gemeint.
Czesław Miłosz (1911-2004) erhielt 1980 den Nobelpreis für Literatur.

„Das Erlebnis des Konzentrationslagers hat aus Beta einen Schriftsteller gemacht. Er entdeckte, dass sein eigentliches Gebiet die Prosa sei. In seinen Erzählungen ist Beta ein Nihilist. Unter Nihilismus verstehe ich aber nicht Amoralität. Im Gegenteil, er entspringt ener ethischen Leidenschaft, es ist die enttäuschte Liebe zur Welt und zu den Menschen. Beta will in seinen Beschreibungen bis ans Ende gehen, er will die Welt genau darstellen, in der für Empörung kein Platz mehr ist. Die Spezies Mensch steht in Betas Erzählungen nackt da, entkleidet von allen guten Gefühlen, die nur so lange andauern, als die Sittlichkeit der Zivilisation andauert. Die Sittlichkeit der Zivilisation ist zerbrechlich. Es genügt ein plötzlicher Wechsel der Lebensbedingungen, und die Menschheit kehrt in den Urzustand der Wildheit zurück.“
S. 127

„Viele hervorragende Autoren, wie Swift, Stendhal oder Tolstoj, haben in ihren Werken politische Leidenschaften ausgedrückt. Man darf sogar sagen: Dank der politischen Leidenschaft, h. h. dank einer wichtigen Wendung, die der Schriftsteller seinen Lesern mitteilen will, gewinnt das Werk an Kraft. Der wesentliche Unterschied zwischen den großen Schriftstellern, die die politischen Einrichtungen ihrer Zeit kritisierten, und den Schreibern vom Typus Beta scheint auf dem völligen Non-Konformismus der ersteren zu beruhen; sie standen im Gegensatz zu ihrer Umgebung, während Beta, wenn seine Feder übers Papier eilt, schon den Beifall der Parteikollegen hört.“
S. 134

Als ich diese Zeilen wieder las, stieg in mir unwillkürlich das Bild der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hoch. Sie ist eine, die für ihren tiefen Hass, ihre Zorn- und Wuttiraden bewundert, akklamiert und bezahlt wird. Sie schüttet Geifer auf die Österreicher, die fast alle in ihren Augen Nazis sind, inhumane Monster. Sie wütet gegen die Männer. Das Wüten hat seine Gründe, wird aber durch die Maßlosigkeit entwertet, gewinnt selbst Züge dessen, was sie kritisiert. Sie ist, wie Borowski, so eindimensional eingenommen von IHRER Sicht, IHRER Wut, dass sie nichts Anderes mehr wahrnehmen kann, als das alte Hassobjekt, das sie permanent füttert und pflegt. Eine Leiderin. Dankenswerter Weise schreibt sie nur. Würde eine Person mit diesem Hass in mächtigen Handlungspositionen walten, gewänne die Barbarei, gegen die sie anschreibt, reale Gewalt.

Diese Schriftstellerin richtet sich primär an ein ideales Publikum. Wie Beta, also Borowski, hat sie aber auch treue Leser, die als Jünger und Schwestern an ihren Lippen hängen, die ihr stets Beifall zollen. „“Während Beta, wenn seine Feder übers Papier eilt, schon den Beifall der Parteikollegen hört“ – das ist plausibel auf Jelineks Position und Funktion zu überragen: Der scheinbare Non-Konformismus, die extreme Kritik hat ihren wohlfeilen Platz in der Gesellschaft, erfüllt in ihr eine wesentliche Funktion, wofür sie sich des Beifalls sicher sein darf.  

Je länger ich den Zeilen von Miłosz folge, desto stärker packt mich ein Schrecken. Ich empfehle jedem, der am Totalitären, Barbarischen und allem was dazu führt oder was dessen Ausdruck ist Interesse hat, dieses Buch zu lesen, nicht nur wegen des Beta und Seinesgleichen, sondern wegen der minuziös dargestellten Geschichte der Zusammenhänge, Hinter- und Abgründe, die zum verführten Denken (und Handeln) führten und führen.