Egon Leo Adolf Ludwig Schiele (* 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Niederösterreich; † 31. Oktober 1918 in Wien) war ein österreichischer Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne. Egon Leo Adolf Ludwig Schiele (* 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Niederösterreich; † 31. Oktober 1918 in Wien) war ein österreichischer Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.
Bruno Alfred Döblin (* 10. August 1878 in Stettin; † 26. Juni 1957 in Emmendingen) war ein deutscher Psychiater und Schriftsteller.
Sein episches Werk umfasst mehrere Romane, Novellen und Erzählungen, daneben verfasste er unter dem Pseudonym Linke Poot satirische Essays und Polemiken. Als führender Expressionist und Wegbereiter der literarischen Moderne in Deutschland integrierte Döblin früh das Hörspiel und Drehbuch in seinem Werk. 1920 veröffentlichte er den historischen Roman Wallenstein. Weiterhin setzte Döblin als avantgardistischer Romantheoretiker mit den Schriften An Romanautoren und ihre Kritiker. Berliner Programm, Bemerkungen zum Roman und Der Bau des epischen Werks zahlreiche Impulse in der erzählenden Prosa frei. Sein weitaus am stärksten rezipierter Roman ist Berlin Alexanderplatz.
Ludwig Rubiner (* 12. Juli 1881 in Berlin; † 27. Februar 1920 in Berlin) war Dichter, Literaturkritiker und Essayist des Expressionismus. Zu seinen wichtigsten Werken gehören das Manifest Der Dichter greift in die Politik (1912) und das Drama Die Gewaltlosen (1919). Mit seinen Kriminalsonetten (1913) wird Rubiner als Vorläufer des Dadaismus gesehen.
Wenn Du Dich neigst am Saum des Himmels,
Sommerentlaubt:
Wir bleiben zurück,
Wir öffnen die Augen,
Wir sehen Dein ewiges Bild.
Nun weißt Du alles,
Träne und Hoffnung,
Die Welt des Leides, die Welt des Glücks.
Erlöste Seele, geliebte Seele,
Schwester unser,
Die Heimat ist da!
Die Mörder sitzen in der Oper
Zum Andenken an Karl Liebknecht
Der Zug entgleist. Zwanzig Kinder krepieren. Die Fliegerbomben töten Mensch und Tier. Darüber ist kein Wort zu verlieren. Die Mörder sitzen im Rosenkavalier.
Soldaten verachtet durch die Straßen ziehen. Generäle prangen im Ordensstern. Deserteure, die vor dem Angriff fliehen, Erschießt man im Namen des obersten Herrn.
Auf, Dirigent, von deinem Orchesterstuhle! Du hast Menschen getötet. Wie war dir zu Mut? Waren es viel? Die Mörder machen Schule. Was dachtest du beim ersten spritzenden Blut?
Der Mensch ist billig, und das Brot wird teuer. Die Offiziere schreiten auf und ab. Zwei große Städte sind verkohlt im Feuer. Ich werde langsam wach im Massengrab.
Ein gelber Leutnant brüllt an meiner Seite: „Sei still, du Schwein!“ Ich gehe stramm vorbei: Im Schein der ungeheuren Todesweite Vor Kälte grau in alter Leichen Brei.
Das Feld der Ehre hat mich ausgespieen; Ich trete in die Königsloge ein. Schreiende Schwärme schwarzer Vögel ziehen Durch goldene Tore ins Foyer hinein.
Sie halten blutige Därme in den Krallen, Entrissen einem armen Grenadier. Zweitausend sind in dieser Nacht gefallen! Die Mörder sitzen im Rosenkavalier.
Verlauste Krüppel sehen aus den Fenstern. Der Mob schreit: „Sieg!“ Die Betten sind verwaist. Stabsärzte halten Musterung bei Gespenstern; Der dicke König ist zur Front gereist.
„Hier, Majestät, fand statt das große Ringen!“ Es naht der Feldmarschall mit Eichenlaub. Die Tafel klirrt. Champagnergläser klingen. Ein silbernes Tablett ist Kirchenraub.
Noch strafen Kriegsgerichte das Verbrechen Und hängen den Gerechten in der Welt. Geh hin, mein Freund, du kannst dich an mir rächen! Ich bin der Feind. Wer mich verrät, kriegt Geld.
Der Unteroffizier mir Herrscherfratze Steigt aus geschundenem Fleisch ins Morgenrot. Noch immer ruft Karl Liebknecht auf dem Platze: „Nieder der Krieg!“ Sie hungern ihn zu Tod.
Wir alle hungern hinter Zuchthaussteinen, Indes die Opfer tönt im Kriegsgewinn. Misshandelte Gefangene stehn und weinen Am Gittertor der ewigen Knechtschaft hin.
Die Länder sind verteilt. Die Knochen bleichen. Der Geist spinnt Hanf und leistet Zwangsarbeit. Ein Denkmal steht im Meilenfeld der Leichen Und macht Reklame für die Ewigkeit.
Man rührt die Trommel. Sie zerspringt im Klange. Brot wird Ersatz und Blut wird Bier. MeinVaterland, mir ist nicht bange! Die Mörder sitzen im Rosenkavalier.
Egon Leo Adolf Ludwig Schiele (* 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Niederösterreich; † 31. Oktober 1918 in Wien) war ein österreichischer Maler des Expressionismus. Neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählt er zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne.
Man hatte uns Worte vorgesprochen, die von nackter Schönheit,
Ahnung und zitterndem Verlangen übergingen.
Wir nahmen sie, behutsam wie fremdländische Blumen, die wir
in unsrer Knabenheimlichkeit aufhingen.
Sie versprachen Sturm und Abenteuer, Ueberschwang und Gefahren
und besinnungslose Schwüre.
Tag um Tag standen wir und warteten, daß ihr Wunder
uns entführe.
Aber Wochen liefen kahl und spurlos, und nichts wollte sich
melden, unsre Leere fortzutragen,
Und langsam begannen die bunten Worte zu entblättern. Wir
lernten sie ohne Herzklopfen sagen.
Und die noch farbig waren, hatten sich von allem Erdwohnen
und Alltag geschieden:
Sie lebten irgendwo verzaubert auf paradiesischen Inseln in
einem märchenblauen Frieden.
Wir wußten: sie waren unerreichbar wie die weißen Wolken,
die sich über unserm Knabenhimmel vereinten. –
Aber an manchen Abenden geschah es, daß wir heimlich und
sehnsüchtig ihrer verhallenden Musik nachweinten.
Ernst (Maria Richard) Stadler (* 11. August 1883 in Colmar; † 30. Oktober 1914 bei Zandvoorde nahe Ypern in Belgien) war ein elsässischer Lyriker, der in deutscher Sprache dichtete. Wikipedia
Georg Trakl (* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien) war ein österreichischer Dichter des Expressionismus mit starken Einflüssen des Symbolismus. Eine eindeutige literaturhistorische Positionierung seiner poetischen Werke innerhalb der Literatur des 20. Jahrhunderts ist aber kaum möglich.
Paul Boldt (* 31. Dezember 1885 in Christfelde (polnisch: Chrystkowo), Kreis Schwetz, Westpreußen; † 16. März 1921 in Freiburg im Breisgau) war ein Lyriker des deutschen Expressionismus.
Oskar Loerke (13. März 1884 in Jungen bei Schwetz (heute polnisch: Wia;g) in Westpreußen - 24. Februar 1941 in Berlin) war ein deutscher Dichter des Expressionismus und des Magischen Realismus.
In einer Sendung mit dem Titel "Ein zu Unrecht vergessener Autor" von Matthias Kußmann im Deutschlandradio vom 21.2.2011 über Oskar Loerke heißt es zu Beginn: "Seine Abneigung gegen den Nationalsozialismus prägte ihn, seine späten Texte wirken verzweifelt. Am Ende geriet der Lyriker Oskar Loerke in Vergessenheit, vielleicht auch, weil er keinen eigenen Ton entwickelte. Eine neue Gesamtausgabe bündelt sein Werk für eine Neuentdeckung."
Es wird der Herausgeber Uwe Pörksen zitiert:
"Er ist ein Mann ganz hoher Qualität, nicht so leicht zugänglich. Die Sprache ist teilweise so reich an Vokabeln, die aus unserem heutigen Wortschatz verschwunden sind, dass er manchem der heutigen Generation Schwierigkeiten machen würde. Wir haben der Sache deswegen auch ein Glossar beigegeben. Trotzdem muss ich gestehen, dass ich's nicht ganz verstehe, warum nicht 15, 20 seiner Gedichte zum allgemeinen Kanon gehören."
Zur neuen Ausgabe (in 2 Bänden) seiner "Sämtliche Gedichte" im Wallstein Verlag (2010) heißt es in diesem Beitrag abschließend:
Die "Sämtlichen Gedichte" erschienen erstmals 1958, noch einmal 1984. Dann wurde es endgültig still um Loerke. So füllt die neue zweibändige, sorgfältig kommentierte Ausgabe endlich eine Lücke. Sie ist schön gestaltet, wenn auch der froschgrüne Leineneinband etwas knallig wirkt - und der einleitende gute Essay des Lyrikers Lutz Seiler geschmäcklerisch in grüner Schrift gedruckt ist. Aber sei's drum. Die Arbeit der Herausgeber überzeugt. Sie haben den Bänden die Edition von 1984 zugrunde gelegt, die Texte aber kritisch durchgesehen und Druckfehler verbessert. Zudem wurden wichtige Essays Loerkes aufgenommen, in denen er über seine lyrische Arbeit schreibt. Und es gibt einige bislang nicht oder verstreut gedruckte Gedichte aus dem Nachlass, während die gesamten Nachlasstexte sinnvoll in vier Abteilungen gegliedert wurden. Abschließend skizzieren die Herausgeber Loerkes Leben und Werk, seine Freundeskreise und seine Arbeit als Lektor. Damit ist der Weg frei für eine Neuentdeckung dieses zu Unrecht vergessenen Autors.
*
Anmerkung:
Die Feststellung "ein zu Unrecht vergessener Autor" hat es in sich. Wann wäre ein Autor zu Recht vergessen? Wer beurteilt Vergessenheit, wann sie rechtens oder ungerecht erfolgte? Kann man Nichtvergessen dekredieren? Nichtvergessen wie Vergessen folgen nicht rationalen Gründen, nicht Aspekten igendwelcher Qualitätskriterien.Wird ein Werk oder sein Autor vergessen, haben sie es nicht geschafft, genügend Aufmerksamkeit zu binden. Wem soll das vorgeworfen werden? Soll das Publikum nicht mehr das Recht haben zu vergessen, gleichgültig zu bleiben, sich nicht hin- oder zuzuwenden, nicht einmal sich abzuwenden, sondern einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen? Aufmerksamkeit und Interesse unterliegen nie Gerechtigkeitskriterien. Wonach sollten die überhaupt formuliert werden? Moral, Gerechtigkeit usw. sind untauglich zur Bewertung von Kunst und Kultur oder Wissenschaft. Ja nicht einmal in der Historie oder Politik, eigentlich nirgends, taugt der Begriff Gerechtigkeit. Einzig in den Religionen tröstet er die Armen und Schwachen. Aber es gibt keine...
Umgekehrt, was verbürgt das Nichtvergessen? Qualitativ hochwertige Auseinandersetzung?
Nah kreist der Geier, bereit,
den Schnabel in Menschenhirn zu picken.
Ich sehe weit, ganz weit,
meine Schaukelpferde nicken.
Die alten Schaukelpferde ruhn,
Spinnweb in den Mähnen.
Herbeigekommen ist ja nun
die Zeit der täglichen Tränen.
Blauer Abend in Berlin
Der Himmel fließt in steinernen Kanälen
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen
Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz im Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,
Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Regt sie des Wassers Wille und Verstand
Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.
Loerke auf ungarisch:
Oskar Loerke
Von der modernen Lyrik
Die Lyriker des Neuen haben gemeinsam etwas künstlerisch Gewalttätiges, denn das Wachstum aller Felder, welche die Zeit besät und beackert, ist so erdrückend, veränderungs- und überraschungsvoll, daß es Kühnheit kostet, mit der Kunst nachzukommen. Keine Zeit hat das Aussehen der Welt und das Aussehen des Lebens so jäh bereichert wie unsere. Für jeden, der es betrachten will, ist es da, für den Dichter am meisten. Immer war erst dann etwas wirklich, sobald es in den Dichtern war. Immer waren erst wirklich Dichter, wenn sie etwas Neues auszusprechen hatten. Wohl konnten sie es niemals anderswo als in sich finden, doch sie sprachen es im Gleichnis der ganzen erneuten Welt. Heute ist diese Erleichterung zur äußeren Erschwerung geworden.
Darum wollen wir zunächst alle Lyriker preisen, die das Moderne sich überhaupt angehen lassen. Wir wollen die Großstädte, die Weltstädte dichten, die beinahe so jung wie wir sind. Wir wollen die Sinfonien des Stahls, des Eisens und aller schnellen Kräfte hören, die fast noch jünger sind als wir. Wir wollen das moderne Tempo wiederschaffen, weil es uns schafft. Wir wollen unsere feinen, kranken Nerven singen, sie werden davon gesund werden. Hinausgetrieben werde, wer die Mühe um all das bekämpft, totgeschlagen werde er, wenn er ein Künstler ist.
Dennoch! Wenn wir beim Lesen unserer jüngsten Gedichte uns über das durch seine bloße Nennung Erregende hinaus Rechenschaft geben, so stellen wir oft die grundsätzliche Frage: Was ist ein Gedicht? Nicht, weil das zufällig Gelesene schwach wäre; wir wissen, in jeder großen, geistigen Bewegung ist der Wille öfter vorhanden als die Kraft. Im Gegenteil, gerade vor den starken Erzeugnissen regt sich jene Frage. Wir mögen eben nicht vergessen, daß unser Volk eine große lyrische Kunst besitzt. Wir mögen auch nicht unsere Erfahrung vergessen, daß in jeder Zeit zwei Arten von <Dilettantismus> nebeneinander hergehen, ein heruntergekommener, altmodischer und ein angesehener moderner, und wir geben zu, daß der zweite Lob verdient, damit der erste daraus werde. Wir wollen die notwendigen Irrtümer begehen, zugleich aber eingestehen, daß es Irrtümer sind.
Noch konnten wir die Bestandteile unserer neuen Welt nicht zum Weltgebäude fügen. Uns waren nur zwei Arme gewachsen. Es hätten zweihundert sein müssen, und darum haben wir rasch alles zusammengehäuft und den Haufen als die neue Welt bezeichnet. Wirft jemand Backsteine, Kalk, Bretter, Glas, Nägel übereinander und sagt davon: es ist mein Haus? Kann man also dieses Verfahren etwa auf eine große Stadt ausdehnen und das, was daraus wird, anreden: O du mein Berlin? Wir sind zu stolz auf unseren Besitz, doch wenn wir ihn Stück für Stück in Rhythmen und Reime tun, so haben wir ihn schon ausgegeben, bevor wir ihn besaßen. Wir gehen zuviel an die Dinge heran, anstatt sie uns angehen zu lassen. Immerhin, sie werden ihr Schicksal fühlen, daß sie uns verfallen sind und werden uns morgen nicht mehr widerstehen. Wenn auf dem Umweg vorläufig wenigstens nur so viel herauskäme wie jener Ausruf an die Weltstadt! Das wäre schon ein Gedicht, wenn auch ein bescheidenes. – Soweit sind wir leider noch nicht. Wir leben auf Vorschuß. An den Gedichten fehlt noch das Gedicht.
Wir suchen die Leere zu erfüllen – und irren wieder. Uralte, an sich wahre Gefühle und Erlebnisse mögen sich nicht mehr in den Begriffen aussprechen, die ihnen früher zum künstlerischen Leben verhalfen. Sie suchen sich zu verjüngen, vermögen es aber erst teilweise. Daraus entstehen Widersprüche, und die Wahrheit der Empfindung wird auf halbem Wege zur Unwahrheit. Wenn man in einer Ode auf eine Postkutsche statt Postkutsche immer Aeroplan einsetzt und statt trabte flog sagt, so wird das Endergebnis doch wieder eine Postkutschenode sein. Umgekehrt gelingt bei manchem modernen Hymnus auf das Automobilfahren die Umwandlung nach rückwärts, indem man nur aus Motor Pferd und aus Hupe Posthorn macht. Wir wollen den Mut haben, einzugestehen: auch an diesen Versen fehlt das Gedicht. Auch an diesen hat das Moderne es zerstört.
So sucht man denn die Wandlung zum Guten organisch von innen zu schaffen. Dieser Pfad ist theoretisch derselbe wie die anderen. Nur wird er vom anderen Ende angetreten; das Ziel liegt in der Mitte. Der Rhythmus ist so ewig und so vergänglich wie der Mensch. Er ist da. Er ist nicht zu erfinden, sondern nur zu finden. Darum gibt es keinen modernen Rhythmus, wenn man ihn von 1900 an rechnet, aber es gibt einen modernen Rhythmus, wenn man den Beginn seiner Epoche vom Jahr 1 der Erde datiert. Das Wesen der Menschen hat sich in ein paar Jahrzehnten nicht so sehr verändert, wie wir gern behaupten. Darum wollen wir unserm Wörterbuch die neuen Vokabeln einreihen, anstatt alle alten Blätter auszureißen; es wird manche darin geben, die wir selten aufschlagen, andere sind ersetzt, die meisten bleiben unentbehrlich. Ist das Dichterwörterbuch fertig, so sprechen wir: Es gibt jetzt keinen unpoetischen Gegenstand. Es gibt aber auch keinen poetischen. Und nun mache sich der Dichter an eine Blinddarmoperation. Seine große oder kleine Kunst wird sie poetisch oder unpoetisch zeigen. – Stellen wir zum Wörterbuch das Musterbuch! Gegrüßt sei, wer die alten Formen zerbricht und neue bringt. Nie aber ist auch hier das Neue das Einzige, höchstens, wo es alles Alte groß in sich aufgehen ließe. Ist das vorstellbar? Etwa die doch immer neuen freien Rhythmen sind oft, wenn man sie prosaisch einrückt, weder Rhythmen noch frei. – Fügen wir endlich zum Wörter- und Musterbuch ebenso vollständig und nicht in einem Auszug das Lebensbuch! Vielleicht wird da ein guter Stadtdichter auch mitunter ein guter Landdichter sein? Vielleicht wird jemand, der seinen Gefühlen für einen Mühlenbach lyrisch Luft macht, wenn er sie noch hat, frei und unverwirrt genug sein, um auch ein reines, unstaffiertes Luftschiffgedicht zu schaffen. Eine freche Erotik sei so frech wie irgendmöglich, nur nicht gegen eine andere Erotik, sonst könnte diese einmal in sie schlüpfen und sie zum unvermögenden Zwitter machen. Diejenigen, denen die feinsten, unentschiedensten, hellhörigsten, jüngsten Stimmungen das Hirn bewegen, machen aus sich selbst kranke und unerfreuliche Erscheinungen, sobald sie das Starke und Strömende leugnen. Höchste Klarheit vor der modernen Wirrnis ist wünschenswert: deshalb ist es dumm, eine Lebensmystik zu bekämpfen, die, das Gegenteil von Verworrenheit, die unmittelbarste, ungetrübteste und untrüglichste, freilich seltenste Form ist, das Leben zu fassen. Sie ist auch ewig und auch modern.
Das Radikalste und das Konservativste bilden in der Kunst keinen Gegensatz, ja, wenn man Lust hat, ein Paradox gelten zu lassen, so sind sie dasselbe.
Erstdruck und Druckvorlage:
Zeit im Bild. Moderne illustrierte Wochenschrift.
Jg. 10, 1912, Nr. 27, 27. Juni, S. 691
Georg Trakl (3. Februar 1887 in Salzburg - 3. November 1914 in Krakau, Galizien) war ein österreichischer Dichter des Expressionismus mit starken Einflüssen des Symbolismus.
Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt.
Es ist ein brauner Baum, der einsam dasteht.
Es ist ein Zischelwind, der leere Hütten umkreist.
Wie traurig dieser Abend.
Am Weiler vorbei
Sammelt die sanfte Waise noch spärliche Ähren ein.
Ihre Augen weiden rund und goldig in der Dämmerung
Und ihr Schoß harrt des himmlischen Bräutigams.
Bei der Heimkehr
Fanden die Hirten den süßen Leib
Verwest im Dornenbusch.
Ein Schatten bin ich ferne finsteren Dörfern.
Gottes Schweigen
Trank ich aus dem Brunnen des Hains.
Auf meine Stirne tritt kaltes Metall
Spinnen suchen mein Herz.
Es ist ein Licht, das in meinem Mund erlöscht.
Nachts fand ich mich auf einer Heide,
Starrend von Unrat und Staub der Sterne.
Im Haselgebüsch
Klangen wieder kristallne Engel.
An den Knaben Elis
Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,
Dieses ist dein Untergang.
Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsenquells.
Laß, wenn deine Stirne leise blutet
Uralte Legenden
Und dunkle Deutung des Vogelflugs.
Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht,
Die voll purpurner Trauben hängt,
Und du regst die Arme schöner im Blau.
Ein Dornenbusch tönt,
Wo deine mondenen Augen sind.
O, wie lange bist, Elis, du verstorben.
Dein Leib ist eine Hyazinthe,
In die ein Mönch die wächsernen Finger taucht.
Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen,
Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt
Und langsam die schweren Lider senkt.
Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,
Das letzte Gold verfallener Sterne.
Der Wanderer
Immer lehnt am Hügel die weiße Nacht,
Wo in Silbertönen die Pappel ragt,
Stern' und Steine sind.
Schlafend wölbt sich über den Gießbach der Steg,
Folgt dem Knaben ein erstorbenes Antlitz,
Sichelmond in rosiger Schlucht
Ferne preisenden Hirten. In altem Gestein
Schaut aus kristallenen Augen die Kröte,
Erwacht der blühende Wind, die Vogelstimme des Totengleichen
Und die Schritte ergrünen leise im Wald.
Dieses erinnert an Baum und Tier. Langsame Stufen von Moos;
Und der Mond,
Der glänzend in traurigen Wassern versinkt.
Jener kehrt wieder und wandelt an grünem Gestade,
Schaukelt auf schwarzem Gondelschiffchen durch die verfallene Stadt.
Der Herbst des Einsamen
Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallener Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.
Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Geberde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.
Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.
Karl Kraus
Weißer Hohepriester der Wahrheit,
Kristallne Stimme, in der Gottes eisiger Odem wohnt,
Zürnender Magier,
Dem unter flammendem Mantel der blaue Panzer des Kriegers klirrt.
An die Verstummten
O, der Wahnsinn der großen Stadt, da am Abend
An schwarzer Mauer verkrüppelte Bäume starren,
Aus silberner Maske der Geist des Bösen schaut;
Licht mit magnetischer Geißel die steinerne Nacht verdrängt.
O, das versunkene Läuten der Abendglocken.
Hure, die in eisigen Schauern ein totes Kindlein gebärt.
Rasend peitscht Gottes Zorn die Stirne des Besessenen,
Purpurne Seuche, Hunger, der grüne Augen zerbricht.
O, das gräßliche Lachen des Golds.
Aber stille blutet in dunkler Höhle stummere Menschheit,
Fügt aus harten Metallen das erlösende Haupt.
Verfall
Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.
Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.
Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,
Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.
Grodek
Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.
Paul Boldt (31. Dezember 1885 in Christfelde (polnisch: Chrystkowo), Kreis Schwetz, Westpreußen – 16. März 1921 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher expressionistischer Lyriker.
Die Wolken wachsen aus den Horizonten
Und trinken Himmel mit den Regenhälsen.
Die Menschen bissen auf den höchsten Felsen
In weiße Stirnen, die nicht denken konnten,
Daß Läuse aus dem Meer, die See, krochen.
Im Abendsturm ertranken lange Pappeln. –
Sie hörten auf der Nacht die Sterne trappeln,
Die in dem All den warmen Erdrauch rochen.
Dann schwamm die Sonne in dem glatten Wasser.
Das Wasser fiel. Die See faulten ab.
Die Erde trug der Meere hellen Schurz.
Die Sterne standen, von Begierde blasser,
Mit dünnem Atem an des Ostens Kap.
Ein Stern sprang nach der Erde, sprang zu kurz.
Vormorgens
Schneeflocken klettern an den Fensterscheiben,
Auf meinem Schreibtisch schläft der Lampenschein,
Und hingestreute Bogen, weiß und rein,
Ich wollte wohl etwas von Versen schreiben.
Der Tag ist nah. Die Jalousien schurr’n,
Die letzten Sterne torkeln von den Posten.
Der Tag ist nah, den unbesternten Osten
Bevölkern Morgenwinde schon purpurn.
Und mich bewachsen Abende, beschatten
Die Jahre! O ich dunkle ein.
Das Gas singt in den Gassen Litanein,
Daß meine Augen so sehr früh ermatten.
Berlin
Die Stimmen der Autos wie Jägersignale
Die Täler der Straße bewaldend ziehn.
Schüsse von Licht. Mit einem Male
Brennen die Himmel auf Berlin.
Die Spree, ein Antlitz wie der Tag,
Das glänzend meerwärts späht nach Rettern,
Behält der wilden Stadt Geschmack,
Auf der die Züge krächzend klettern.
Die blaue Nacht fließt in der Forst.
Sie fühlt, geblendet, daß du lebst.
Schnellzüge steigen aus dem Horst!
Der weiße Abend, den du webst,
Fühlt, blüht, verblättert in das All.
Ein Menschenhände-Fängen treibst du
Um den verklungnen Erdenball
Wie hartes Licht; und also bleibst du.
Wer weiß, in welche Welten dein
Erstarktes Sternenauge schien,
Stahlmasterblühte Stadt aus Stein,
Der Erde weiße Blume, Berlin.
Auf der Terrasse des Café Josty
Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll
Vergletschert alle hallenden Lawinen
Der Straßentakte: Trams auf Eisenschienen
Automobile und den Menschenmüll.
Die Menschen rinnen über den Asphalt,
Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.
Stirne und Hände, von Gedanken blink,
schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald.
Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,
Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen
Und lila Quallen liegen - bunte Öle;
Die mehren sich, zerschnitten von den Wagen.-
Aufspritzt Berlin, des Tages glitzernd Nest,
Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest.
Einige Videoarbeiten zu Gedichten von Paul Boldt (die übrigens beweisen, wie kreativ Jugendliche arbeiten):
Anmerkung am Rande:
Die Videos geben ein interessantes Beispiel, wie die Art der Visualisierung und Tonunterlegung (Musik, Geräusche) neben der Rezitationsweise die Rezeption eines Poems bestimmen oder beeinflussen. Der Kunsthistoriker und Autor John Berger hat in vielen Arbeiten auf die spezifischen Wahrnehmungsweisen verwiesen, insbesondere bildender Kunst. Einige Aspekte und Schlussfolgerungen gelten auch für Film oder Video (mehr in seiner BBC-Serie "Ways of Seeing"):
August von Platzen (= Karl August Georg Maximilian Graf von Platen-Hallermünde, 24.10.1796-5.12.1825)
Sophokles
Dir ist's, o frommer Sophokles, gelungen, Den Punkt zu schaun, wo Mensch und Gott sich scheidet, Und was in ird'sche Worte du gekleidet, Das ward, vom Himmel aus, dir vorgesungen!
Du bist ins Innre dieser Welt gedrungen Und kennst zugleich, was auf der Fläche weidet: Was nur ein Menschenbusen hofft und leidet, Du sprachst es aus mit deinen tausend Zungen!
Nie bist du kühl zur Nüchternheit versunken, Du sprühtest in erhabener Verschwendung Der goldnen Flammen lichte, dichte Funken!
An dich erging die heil'ge, große Sendung, Du hast den Rausch der Poesie getrunken, Und schimmerst nun in strahlender Vollendung.
Lutz Görner: Lyrik für Alle Folge 40: August von Platen
Hallo! die liebe Seele stirbt – da liegt sie zuckend in meiner Hand – ein Druck, und wir sind frei!
Sie schreit, und wallt und zuckt und schwillt, da fällt sie quäkend von meiner Hand – ein Tritt, und wir sind frei!
Sie kriecht, kriecht wie ein fetter Wurm – und glänzt und springt und sie tanzt und lacht – sie lacht – und ich bin frei!
Die Sprache
Sprachlos willst du die nackte Welt genießen und tief einfühlend dich in ihr verlieren, ohne in Worten sie zu porträtieren und sie in hohle Klänge umzugießen?
Doch aus der Sprache deine Wunder sprießen, in deiner Sprache nur kristallisieren die jähen Bilder, die gleich wilden Tieren chaotisch wütend durcheinander schießen,
zu deiner schimmernd festgefügten Welt. Und daß dich diese Worte selbst nur malen, klag sie nicht an, denn ohne sie zerfällt
des Daseins Klang und siebenfarbig Strahlen in ewig wüste Nacht, schaurig erhellt von aller Nöte flammenden Fanalen.
"Verbummelter Student" und kraftgenialischer Dichter - Der Expressionist Gustav Sack