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Freitag, 26. Dezember 2014

Ernst Stadler: Worte

Ernst Stadler 

Worte



  Man hatte uns Worte vorgesprochen, die von nackter Schönheit,
          Ahnung und zitterndem Verlangen übergingen.
Wir nahmen sie, behutsam wie fremdländische Blumen, die wir
          in unsrer Knabenheimlichkeit aufhingen.
Sie versprachen Sturm und Abenteuer, Ueberschwang und Gefahren
          und besinnungslose Schwüre.
Tag um Tag standen wir und warteten, daß ihr Wunder
          uns entführe.
Aber Wochen liefen kahl und spurlos, und nichts wollte sich
          melden, unsre Leere fortzutragen,

  Und langsam begannen die bunten Worte zu entblättern. Wir
          lernten sie ohne Herzklopfen sagen.
  Und die noch farbig waren, hatten sich von allem Erdwohnen
          und Alltag geschieden:
Sie lebten irgendwo verzaubert auf paradiesischen Inseln in
          einem märchenblauen Frieden.
Wir wußten: sie waren unerreichbar wie die weißen Wolken,
          die sich über unserm Knabenhimmel vereinten. –
Aber an manchen Abenden geschah es, daß wir heimlich und
          sehnsüchtig ihrer verhallenden Musik nachweinten.



Ernst (Maria Richard) Stadler (* 11. August 1883 in Colmar; † 30. Oktober 1914 bei Zandvoorde nahe Ypern in Belgien) war ein elsässischer Lyriker, der in deutscher Sprache dichtete.
Wikipedia

   
 
               






      

Dienstag, 10. Juni 2014

Süße Worte

Geschmacksmetaphern berühren Leser emotional stärker als wörtliche Wendungen

Werden in einem Satz Geschmacksmetaphern verwendet, so ist der Leser emotional stärker berührt als beim Lesen eines Satzes mit der gleichen Aussage in nichtfigurativer Sprache. Das ist das Ergebnis einer Studie von zwei Wissenschaftlerinnen der Freien Universität Berlin und der Universität Princeton. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden in der Online-Ausgabe des Journal of Cognitive Neuroscience veröffentlicht.

Die Neurowissenschaftlerin Dr. Francesca Citron und die Linguistin Prof.
Dr. Adele Goldberg fanden heraus, dass beim stillen Lesen metaphorischer Wendungen in einfachen Sätzen wie Die Trennung war bitter für ihn" nicht nur Gehirnregionen aktiviert waren, die mit Schmecken zu tun haben. Es zeigte sich zudem eine erhöhte Aktivität in Regionen, in denen Emotionen verarbeitet werden. Der inhaltlich gleiche Satz Die Trennung war schlecht für ihn" brachte diese spezifischen Erregungsmuster nicht hervor. Die Wissenschaftlerinnen folgern daraus, dass selbst konventionelle Metaphern wie süß" für nett" oder heiß" für sexy" emotional eindrücklicher sind als nichtfigurative Sprache.

Die Studie untersucht erstmals mit bildgebenden Verfahren, wie figurative Sprache in Verbindung mit Geschmack verarbeitet wird. Für ihre Untersuchung verwendeten die Wissenschaftlerinnen 37 einfache metaphorische Sätze und ihre nichtfigurativen Entsprechungen, beispielsweise Sie bekam ein süßes Kompliment." vs. Sie bekam ein nettes Kompliment." Die Sätze in deutscher Sprache unterscheiden sich lediglich in einem Wort und wurden in Bezug auf Länge, Gebräuchlichkeit, Bildhaftigkeit, emotionale Valenz und emotionale Erregung angeglichen.

Während die Studienteilnehmer die Sätze still lasen, wurde ihre Gehirnaktivität gemessen. Zur Kontrolle wurden den Teilnehmern am Ende des Experiments die fraglichen Wörter noch einmal isoliert vorgelegt. So konnten die Wissenschaftlerinnen sicher sein, dass die für Geschmack zuständigen Gehirnregionen auch aktiv waren, wenn die insgesamt 26 Teilnehmer Geschmackswörter in den nichtfigurativen Sätzen lasen, also beispielsweise süß" im Sinne von Geschmack von Zucker" verstanden.

Möglicherweise sind Metaphern emotional wirksamer, weil sie gleichzeitig körperliche Erfahrungen evozieren", vermutet Francesca Citron. Dies solle in folgenden Studien untersucht werden. Außerdem wollen die Wissenschaftlerinnen nun herausfinden, wie diese Metaphern von Sprechern verarbeitet werden, die die untersuchte Sprache als Fremdsprache erlernt haben.

Die Studie entstand im Rahmen der Arbeitsgruppe, die die Linguistin Adele Goldberg von der Princeton University im Rahmen des Einstein Visiting Fellow"-Programm der Berliner Einstein Stiftung am Cluster Languages of Emotion der Freien Universität Berlin aufgebaut hat.


Literatur
Fancesca Citron und Adele Goldberg (2014): Metaphorical Sentences Are More Emotionally Engaging than Their Literal Counterparts", in: Journal of Cognitive Neuroscience (online am 6. Mai 2014; doi:10.1162/jocn_a_00654).


Weitere Informationen

Dr. Nina Diezemann, Presse und Kommunikation / Cluster Languages of Emotion, Freie Universität Berlin, Telefon 030 838-73190 oder 57864,

E-Mail: nina.diezemann@fu-berlin.de