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Montag, 5. November 2018

Joseph Roth aus den Zwanzigerjahren

Der Kriegsberichterstatter

Lachen links, 1. 8. 1924
Er hatte Sonne im Herzen, seine »Unabkömmlichkeit bescheinigt« in der Tasche, er war der Mittler zwischen der Begeisterung des Hinterlands und der stumpfen Gleichgültigkeit der Front, er war der moderne Barde des modernen Krieges, seine Kriegsgedichte waren Telegramme, seine Muse war das Pressequartier, er war General-Interviewer und Siegesprophet, weit genug vom Schützengraben, um in Stimmung zu bleiben, nahe genug, um den Jammer zu sehn, und klug genug, um ihn zu verschweigen.
Er war ein Marketender der öffentlichen Meinung. Zehn Kilometer hinter der Front hatte er seinen Berichterstattungsladen aufgeschlagen und verkaufte Zuversicht. Den Prostituierten, die, wie er, mitgezogen waren, um den Patriotismus zu erhalten, fühlte er sich keineswegs verwandt, obwohl er sich billiger, als sie es getan, verkauft hatte. Manchmal wurde er mit einer Latrine verwechselt – von Leuten, deren Geruchsorgan auf geistigen Gestank reagiert. Dennoch durfte er nicht benützt werden, denn nicht jeder Mißbrauch, sondern jeder Gebrauch wurde im Felde bestraft.
Er trug eine phantastische Uniform und als das Abzeichen der Presse, die er vertrat, nicht etwa den Revolver, sondern eine Feder. Deshalb hielt man ihn für einen »Waschlappen« und ignorierte seine militärischen Fähigkeiten, obwohl er den Krieg genau so verlieren konnte wie jeder bessere General. Er schlug, zwar nicht sein Leben, wohl aber seinen heimatlich-redaktionellen Schreibtisch in die Schanze, als er in Gefahr war, die Schanze graben zu müssen. In den Ruhepausen und vor jeder neuen Musterung schrieb er schnell einen Haßgesang, ein Aushebungslied, und erreichte so, daß er in den vordersten Schützengraben der Kriegslyrik gelangte, die ihre Position hinter dem Armeeoberkommando aufgeschlagen hatte.
Hier schwebte er im Fesselballon über den Leichenfeldern, die nur aus diesem Grunde stanken. Und weil er ohnehin in Hindenburgs nächster Nachbarschaft kämpfte, hatte er es nicht weit bis zum Interview mit Ludendorff. Er übernahm es sogar, die Verachtung, die ihm Generale entgegenbrachten, statt ihrer zuvorkommend zu schlucken, damit Jene reden könnten. Mit seiner tapferen Rechten stenographierte er für König und Vaterland.
Manchmal bekam er sogar einen Orden für tapferes Verhalten weit vor dem Feind. Dann fuhr er ins Hinterland und erzählte von »unseren Feldgrauen«, obwohl diese niemals von »unserm Kriegsberichterstatter« sprachen. Sie lasen nur gelegentlich, was er berichtet hatte und bewunderten seine Phantasie, der die Sachkenntnis keine Hemmungen bereitete. Wild galoppierte sie dahin auf gepanzertem Pegasus. Sie ritt Attacken der Stimmungsmalerei. Es war die Kavallerie der Durchhaltekunst.
Aus allen gefahrlosen Zonen kehrte er glücklich heim, der Kriegsberichterstatter. Dann fuhr er nach Versailles. Heute macht er für neue Kriege Reklame. Er ist der Propagandachef der Firma Revanche, General und Co. Er verfaßt Leitartikelplakate. Er ist selbst eine Litfaßsäule der Begeisterung an den Ecken der Heerstraßen. Er sehnt sich nach Heldentaten, Haßgesängen und Interviews. Für ihn läßt Gott Stahlfedern wachsen.
Vorläufig berichtet er über Denkmalsenthüllungen. Er produziert nationale Belange. Er ist der Krupp der Phrasengeschosse. Er widersteht jeder Kontrollkommission, weil er ihr entgeht, wie er den Granaten entgangen ist. Es ist sein Schicksal, zu entgehn. Wir büßen sein Leben mit unserm Tod. Er ist international: Hier heißt er Maurenbrecher und in Paris Sauerwein. Er hat viele Namen und ist immer derselbe. Er unterscheidet sich von einer Hydra nur dadurch, daß sie Köpfe hat und er nicht einen einzigen.
Man kann ihm gewissermaßen nichts abschlagen ...
Josephus

(Aus: Joseph Roth: Der Neue Tag. Reportagen.)

Dienstag, 27. Mai 2014

Joseph Roths 75. Todestag

Moses Joseph Roth (* 2. September 1894 in Brody, Ostgalizien; † 27. Mai 1939 in Paris) war ein österreichischer Schriftsteller und Journalist.

Wikipedia
Abbildung aus Wikipedia

Montag, 14. Januar 2013

Roth: Proletarisierung der Häuser



Joseph Roth

Aus: Reportagen aus Wien und Frankreich

Proletarisierung der Häuser

Ich kenne eine alte kleine Gasse in der Inneren Stadt. Sie ist nicht sonderlich rein. In der Ecke lagert sogar ein Misthaufen. Die Häuser sind alt, solide und bescheiden, zweistöckig, aber nicht hochmütig, wie Menschen aus guter bürgerlicher Familie. Nur ein Haus ist just in der Mitte, das stolzer, adeliger als die anderen aus der schnurgeraden Häuserlinie etwas bauchig hervortritt, als ziemte ihm nicht, ganz in derselben Reihe mit den anderen zu stehen. Es ist irgendein Amtsgebäude mit Sockeln und Sockelchen, pausbackigen Engeln unter dem Dachfirst und einem mächtigen, doppelflügeligen braunen Haustor, das weit offensteht, um seinen Portier, einen Menschen aus Bauch, Goldtressen und blondem Schnurrbart, zu zeigen. Dieses Haus präsentiert nicht aufdringlich, sondern vornehm zurückhaltend eine Visitenkarte aus Marmor mit schwarzen Buchstaben, die besagen, daß das Haus aus dem Jahre 1700 stammt. Wenn es dunkelt, rücken die anderen Häuser alle ein bißchen zusammen; nur das eine stolze, schöne Haus bleibt weiß, stark und leuchtend allein. Es fürchtet sich nicht vor dem Abend. Es zündet seine mächtige alte Laterne vor dem Eingang an und wird nur noch stolzer und stärker. Seine Kanten werfen schwere Schatten, und ich ermesse daran, wie dick seine Mauern sind. Die Fenster sind tief eingebaut, zwei Menschen könnten gemütlich in jeder Fensternische sitzen. Der Schatten eines Pausback-Engels zeichnet sich am Dachfirst ab, und ich sehe, wie groß er ist. Auf dem Gesicht dieses Engels könnte man ein Gartenbeet aufschütten. Vierzehn Tage lang muß ein Mann an einem solchen Engel gearbeitet haben.
Ich liebe dieses Haus um seiner Schönheit willen und die Gasse dieses Hauses wegen, und ich wäre unendlich traurig, wenn eines Tages an einen Umbau gegangen würde und die Schädelplatte eines Engels zertrümmert am Boden läge.

Diese jungen Häuser sind alle Schwindelbauten. Der Herr Baumeister hat in drei Tagen seinen Plan fertig, und vierhundert Arbeiter sind mit der Errichtung des neuen Hauses beschäftigt. In vierzehn Tagen kann man einziehen. Ein halbwegs ehrgeiziger Windstoß könnte dieses Gebilde aus zentimeterdünnen Wänden umblasen wie ein Kartenhaus. Es ist aus Papiermaché. Ein paar armselige Blumenornamente unter dem First, auf denen nicht einmal ein Spatz ordentlich stehen kann, sollen eine Physiognomie vortäuschen. In Wirklichkeit haben diese Häuser alle dasselbe Gesicht. Keine Physiognomien, nur Nummern. Die Namen der Straßen sind ohne innere Berechtigung, man könnte sie miteinander verwechseln, wenn sie nicht verschiedene Straßenbahnwagen durchfahren würden. Kein Haus tritt vor, keines zurück, sondern alle stehen schnurgerade ausgerichtet in einer Reihe. Es ist der Militarismus der Häuser. Jahre-, jahrzehntelang wohnen wir in diesen Phantomen von Häusern. Sie sind keine Wohnhäuser, nur Schutzhütten vor den Stürmen des Tages, in denen wir nächtigen, essen und trinken, aber nicht wohnen.
»Wohnen«, »Häuser«, »Wände«, »Stuben« sind neue Begriffe geworden. Der Arme wohnt in einem Zimmer, der Wohlhabende in fünf, der Reiche in zehn. Aber alle Zimmer sind aus Papiermaché. Dennoch konnte man Kleinigkeiten, Zierrate anbringen, Teppiche, Bilder, wenn man Geld hatte. Bis die allgemeine Militarisierung und Mechanisierung des Lebens den Krieg brachte.

Als ich aus dem Felde heimkehrte, bemerkte ich schon im Hausflur eine peinliche Änderung. Die zwei Stangen aus Messing entlang der Stiege waren durch hölzerne, wurmstichige Stöcke ersetzt. Ich weiß nicht, hatte man jene »abgeliefert« oder gestohlen, sie waren nicht da. Die Proletarisierung der Häuser hatte begonnen.
Alle, alle Häuser sind schäbig geworden. Sie tragen gewendete Anzüge und zerbeulte, vom Wetter hergenommene Hüte. Ihre Schornsteine sind rissig, gelb und grau, der Rauch dringt aus Ritzen und Spalten. Die Fensterscheiben sind mit braunen Papierstreifen beklebt und aus billigem grünlichem Glas mit häßlichen Blasen und Warzen. Hier und dort wird die Türe eines Hauses neu angestrichen. Das täuscht nicht über die Armut hinweg. Die Häuser lassen sich nur ihre alten Anzüge sozusagen chemisch putzen.
An den arm gewordenen Häusern werden Wohnungskommissionen Pfändungen vornehmen. Und die reichen, alten und stolzen Häuser werden mit Gewalt arm gemacht. Auch mein Haus in der stillen, alten Gasse. Eines Tages werde ich hinkommen, und das Tor wird zu sein, und ein Volkswehrmann wird davorstehen. Den Portier aus Bauch, Goldtressen und Schnurrbart wird man mit den Kunstschätzen nach dem Ausland verkauft haben. Hinter eisernen Gittern mit blaßgoldenen Spitzen werden Windeln hängen und Nachtgeschirre trocknen. Das Gegenteil von dem geschieht, was die Gegenwart erstrebt: Keine Proletarierbehausung wird würdige Wohnstätte, sondern umgekehrt – alle, alle Häuser sind proletarisiert.

Schlimmer aber ist die Fähigkeit der Menschen, in Buden zu wohnen. Der Krieg hat die Baracken gebracht und die Erdhöhlen. Mit ihnen hatte die Zivilisation ihren Höhepunkt erreicht: die Barbarei.
Gestern war ich am Nordbahnhof. Es war eine stille Nachmittagsstunde. Der Bahnhof ruhte aus. Es schneite, und die rostigen Schienenstränge drückten sich enge zusammen vor Kälte. Vor einem plombierten Wagen stand ein Volkswehrmann; die Hände in den Taschen, das Gewehr baumelte auf der rechten Schulter. Es war ein entmilitarisierter Wachtposten. In einem Tümpel zwischen zwei Schienen plätscherte eine schmutzige Ente. Sie gehörte einem jener Eisenbahner, die drüben in den Baracken wohnen.
Wie diese Baracken sich brüsten. Wie sie Häuser sein wollen! Sie sehen aus wie kleine Moritze, die Erwachsene spielen. Diese Waggons, die ihre Herkunft verleugnen, die sich einbilden, Wohnstuben zu sein, weil die Zwischenwände ausgehoben wurden und die Menschen verfaulte Matratzen in ihnen liegen haben. Und sind doch nur elende Waggons ältester Marke, die nicht mehr fahren können, weil man ihnen die Räder amputiert hat!
Das ist die vorletzte Etappe auf dem Wege zur Proletarisierung der Häuser. Ziegel um Ziegel, Stein um Stein werden wir verpfänden, verkaufen, ins Versatzamt tragen. Und werden uns eingraben in Erdhöhlen. Und jene stolzen, großen, alten Häuser, in denen man Schützengrabensysteme erfand und zeichnete, werden längst nicht mehr sein. Sondern eine Welt aus Schützengräben. Unerbittlicher Kreislauf des Geschehens: Von der Erdhöhle zur Kultur, verflacht durch Zivilisation, zum Militarismus der Technik. Von da durch Krieg Sozialisierung, Proletarisierung bis zur Erdhöhle – nur ein Schritt.
Der Neue Tag, 8. 11. 1919

Interessant ein Vergleich mit einem ganz anderen Autor zur gleichen Thematik, mit Theodor W. Adorno, der in seinen Minima Moralia in "Asyl für Obdachlose" schrieb:

Wie es mit dem Privatleben heute bestellt ist, zeigt sein Schauplatz an. Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt.
    ...
Die Möglichkeit des Wohnens wird vernichtet von der der sozialistischen Gesellschaft, die, als versäumte, der bürgerlichen zum schleichenden Unheil gerät.

Sonntag, 13. Januar 2013

Roth: Bei der Betrachtung von Schlachtenbildern



Joseph Roth

Aus: Panoptikum (1930)

Bei der Betrachtung von Schlachtenbildern

Die alten Schlachtenbilder sind nicht schrecklich, sondern eher rührend. Das blutige Rot, das einmal auf ihnen vorgeherrscht haben mag, ist ziegelrot geworden, ein bißchen Karotten-Rot, die friedlichste Nuance dieser Farbe, der Pazifismus des Rot. Die zerfetzten Fahnen wehen der Schlacht voran. Zwar sind sie von Säbeln zerschnitten, von Lanzen zerrissen, von Kugeln durchlöchert. Aber schon die Tatsache, daß sie, zarte Gebilde aus Stoff und Seide, den üblichen Waffen begegnen können und viele Schlachten überleben, bestätigt den Eindruck, daß vor alten Zeiten die Kriege in der Wirklichkeit harmloser waren, als sie in den Büchern der Geschichte dargestellt werden. Die Anwesenheit zahlreicher Gefallener ist unleugbar. Ihr Tod aber scheint kein endgültiger zu sein. Sie haben noch Zeit, mit einem Fluch auf den Lippen zu sterben oder mit einem Segen für die Sache, für die sie gekämpft haben. Offenbar ist ihnen in der Sekunde des Todes ganz klar, daß sie entweder durch ein Wunder wieder zum fröhlichen Kriegsleben erwachen, oder sie sehen schon die militärische Abteilung des Himmels, in die sie kommen werden.
Kein Wunder! Die Feinde sind gewöhnlich ungläubig; Türken, Janitscharen, Tataren, im Grunde vielleicht Monotheisten, aber nur mit einem gründlichen Mißverständnis. Das beweisen schon ihre krummen Schwerter. Die auf unserer – der christlichen – Seite kämpfen, haben gerade Schwerter (für den Charakter der Kämpfer symbolisch) mit einem Griff, aus dem jederzeit ein Kreuz herzustellen ist. Während die Janitscharen, die Tataren, die Sarazenen kleine, flinke und rötliche Pferde bevorzugen, reiten die okzidentalen Helden auf Schimmeln, die an Gralstauben erinnern. Die prominenten Helden werden im letzten Augenblick von der gewöhnlichen Mannschaft gerettet. Der Retter wird zumeist tödlich verwundet. Aber man ahnt bereits, daß seine Nachkommen ein Lehen erhalten werden, sobald der Prominente geheilt sein wird.
Die Schlacht spielt sich gewöhnlich in der Ebene ab, deren Charakter durch umliegende Hügel bestätigt wird. Auf diesen Hügeln stehen die ganz Großen, diejenigen, in deren Namen gekämpft wird. Unsichtbar, hinter den Hügeln, stehen wahrscheinlich ihre weißen Zelte, in denen die schwarzhaarigen Kurtisanen lagern und den Daumen halten. Geht die Schlacht ungünstig aus, so sind diejenigen, in deren Namen sie geführt wurde, die ersten, umzukehren und in die Zelte zu gehen. Diese müssen dann zwar in aller Eile abgebrochen werden. Aber immerhin hat der Besiegte noch Zeit, seine Geliebte flüchtig zu umarmen. Manchmal nur geschieht es, daß der Hügel – und was hinter ihm liegt nicht rechtzeitig geräumt wird. Dann stürmen die Sieger aus der bequemen Ebene hinan, und die ersten, die oben stehen, winken jenen, die noch unten sind. Das Winken spielt überhaupt im Krieg eine große Rolle. Immer winkt einer dem andern: zum Sieg, zum Ruhm, zum Tod. Und den Winkenden ist deutlich anzusehen, daß sie wissen, daß sie ganz genau wissen: sie seien Beispiele und würden als solche auf die Nachwelt kommen. Die Sache, für die sie kämpfen und winken, ist eine gute. Die Nachfolgenden ahnen es bereits und zögern nicht.
Der Himmel ist blau, die Sonne heiß und gelb, der Staub weiß. Die Kehlen der Kämpfer sind trocken, der Zuschauer verdurstet schon beim Anblick der Schlacht. Diverse Wunden dürften Fieber verursachen und den Durst verstärken. Man möchte einen Eimer frischen Wassers hintragen und den Leuten helfen, die da im Sonnenbrand ihre schwere Pflicht erfüllen. Man möchte die Streiter laben. Es geht nicht! Kein Quell ist in der Nähe und vor allem kein Eimer zur Hand! Man tröstet sich! Nach der Schlacht werden sie trinken.
Die Schlacht ist zu Ende, wenn der Abend kommt. Man weiß, daß der besonnte Teil des Tages ungefähr zwölf Stunden zählt. Sobald die Sonne hinter einem der ihr zur Verfügung stehenden Hügel untergeht, blasen die Trompeten den Rückzug, selbst wenn die Schlacht noch nicht entschieden ist. Die Mondsichel klimmt langsam den Horizont hinan und erinnert an die krummen Schwerter der Feinde. Die Unverletzten legen sich schlafen. Und die Verwundeten beginnen zu stöhnen.

Nichts Schrecklicheres als die Tatsache, daß der letzte Krieg schon anfängt, ein Gegenstand dieser idyllischen Kriegsmaler zu werden. Knappe zehn Jahre, nachdem er aufgehört hat! Besonders in den Siegerländern, die sich einbilden, ungefähr in der Art über uns gesiegt zu haben, wie die Ritter der Christenwelt dereinst über die Heiden. Die Giftgase sehen aus wie niedliche Wölkchen einer die Auferstehung garantierenden Vernichtung. Die Kanönchen speien ein liebliches Feuerchen. Die Aeroplänchen surren eilig durch die Lüftchen. Rührende Feldpostkärtchen schreiben die Heldchen an die Liebchen daheim. Besonders beliebt sind die Sturmangriffe. Genau so wie bei den Sarazenen! Man stürmt mit Bajonetten gegen besetzte Hügel. Man verhakt sich mit den Eingeweiden im Drahtverhau. Und man winkt! Man winkt! Zum Sieg, zum Ruhm, zum Tod!
Und wir leben noch. Wir, die Sarazenen und die Christen. Und wir sehen zu, wie sie uns malen, unsere Väter, unsere jüngeren Brüder. Sie machen Filme von uns und Kriegsbilder, an die Wändchen zu hängen. Auf daß die Enkel wieder Lust bekommen. Vor unsern eigenen lebendigen Augen porträtieren sie unsre Eingeweide. Schon verniedlichen sie unsren eigenen Tod. Schon machen sie Feldherrnhügel aus unseren Leichenhügeln. Kaum zehn Jahre. Zehn Jährchen! Sie bauen auf – schon wieder! – und sie malen! ...
Aber das Rot, das sie jetzt verwenden – und das ist unser einziger, armseliger Trost! – wird niemals die pazifistische Ziegel-Nuance bekommen. Es wird rot sein, rot wie Blut und Feuer. Unser Blut, unser Feuer. Die Farben von heute haben eine andere Substanz. Wirkliches Blut ist ihnen beigemischt. Und unser Tod war der letzte Tod, der noch idyllisch umzulügen ist. Der Tod unserer Maler wird ein anderer sein, nicht mehr zu malen. Ersticken werden sie, zu Hause, im Atelier – die Palette in der Linken und den Pinsel in der lügenden Rechten! ...

*





Sonntag, 27. Mai 2012

Joseph Roths 73. Todestag

Moses Joseph Roth, 2. September 1894 in Brody, Österreich-Ungarn - 27. Mai 1939 in Paris, war ein österreichischer Schriftsteller und Journalist.

Wikipedia 
Abbildung aus Wikipedia


Joseph Roth

Auf der Wolga bis Astrachan 
(Aus: Reise in Rußland)

Frankfurter Zeitung, 5. 10. 1926
Der Wolga-Dampfer, der von Nishnij-Nowgorod nach Astrachan geht, liegt weiß und festlich im Hafen. Er erinnert an einen Sonntag. Ein Mann schüttelt eine kleine, unerwartet starke Glocke. Die Lastträger laufen, nur mit Trikothosen und einem Tragleder bekleidet, durch die hölzerne Halle. Sie sehen aus wie Ringer. Vor dem Kassenschalter stehen Hunderte. Es ist die zehnte Stunde eines hellen Vormittags. Ein fröhlicher Wind weht. Es ist hier wie bei der Ankunft eines neuen Zirkus außerhalb der Stadt.

Der Wolga-Dampfer trägt den Namen eines berühmten russischen Revolutionärs und hat vier Klassen für Passagiere. In der ersten fahren die neuen Bürger Rußlands, die Nep-Männer, dem Sommerurlaub entgegen, in den Kaukasus und in die Krim. Sie essen im Speisesaal, im spärlichen Schatten einer Palme, gegenüber dem Porträt des berühmten Revolutionärs. Es ist über der Tür mit Nägeln befestigt. Die jungen Bürgerstöchter spielen auf dem harten Klavier. Es klingt wie das Anschlagen metallener Löffel an Teegläser. Die Väter spielen Sechsundsechzig und klagen über die Regierung. Einige Mütter haben eine deutliche Vorliebe für orangefarbene Schals. Der Kellner ist keineswegs klassenbewußt. Als die Dampfer noch nach den Großfürsten hießen, war er schon Kellner. Ein Trinkgeld bringt in sein Angesicht jenen Ausdruck unterwürfigen Respekts, der die ganze Revolution vergessen läßt.

Die vierte Klasse befindet sich tief unten. Ihre Passagiere schleppen schwere Bündel, billige Körbe, Musikinstrumente und ländliche Geräte. Alle Nationen, die an der Wolga und weiter, in der Steppe und im Kaukasus, wohnen, sind hier vertreten: Tschuwaschen, Tschuwanen, Zigeuner, Juden, Deutsche, Polen, Russen, Kasacken, Kirgisen. Es gibt hier Katholiken, Orthodoxe, Mohammedaner, Lamaisten, Heiden, Protestanten. Hier sind Greise, Väter, Mütter, Mädchen, Kinder. Hier sind kleine Landarbeiter, arme Handwerker, wandernde Musikanten, blinde Korsaren, fliegende Händler, halbwüchsige Schuhputzer und die obdachlosen Kinder, die »Bezprizorni«, die von der Luft und vom Unglück leben. Die Menschen schlafen in hölzernen Schubläden, in zwei Etagen übereinander. Sie essen Kürbisse, suchen nach Ungeziefer auf den Köpfen der Kinder, stillen Säuglinge, waschen Windeln, kochen Tee und spielen Balalaika und Mundharmonika.

Am Tage ist dieser enge Raum beschämend, laut und unwürdig. In der Nacht aber weht eine Andacht durch ihn. So heilig sieht die schlafende Armut aus. Auf allen Gesichtern liegt das echte Pathos der Naivität. Alle Gesichter sind wie offene Tore, durch die man in weiße, klare Seelen sieht. Verwirrte Hände wollen die schmerzenden Lampen vertreiben wie zudringliche Fliegen. Männer bergen ihre Köpfe in den Haaren der Frauen, Bauern umklammern die heiligen Sensen, Kinder ihre schäbigen Puppen. Die Lampen schaukeln im Takt der stampfenden Maschinen. Rotbackige Mädchen entblößen lächelnd ihr offenes, weißes, starkes Gebiß. Ein großer Friede ist über der armen Welt, und als ein durchaus pazifistisches Wesen erweist sich der Mensch, solange er schläft.

Auf eine so billig symbolische Weise: oben und unten – sind reich und arm auf dem Wolga-Dampfer nicht getrennt. Unter den Passagieren der vierten Klasse sind reiche Bauern, unter den Passagieren der ersten nicht immer reiche Händler. Der russische Bauer fährt lieber in der vierten. Sie ist nicht nur billiger. Der Bauer ist in ihr auch heimischer. Die Revolution hat ihn von der Demut gegenüber dem »Herrn« befreit, aber noch lange nicht von der Demut gegenüber dem Objekt. In einem Restaurant, in dem ein schlechtes Klavier steht, kann der Bauer seinen Kürbis nicht mit Appetit essen. Ein paar Monate lang fuhren alle in allen Klassen. Dann schieden sie sich, beinahe freiwillig.

»Sehen Sie«, sagte mir ein Amerikaner auf dem Schiff, »was hat die Revolution erreicht? Die armen Leute drängen sich unten und die reichen spielen Sechsundsechzig!«

»Das ist aber auch die einzige Tätigkeit«, sagte ich, »der sie sich ohne Sorgen hingeben können! Der ärmste Schuhputzer in der vierten Klasse hat heute das Bewußtsein, daß er zu uns heraufkommen könnte, wenn er nur wollte. Die reichen Nepleute fürchten aber, daß er jeden Augenblick kommen würde. ›Oben‹ und ›unten‹ sind auf unserem Dampfer längst nicht mehr symbolische, sie sind rein sachliche Bestimmungen. Vielleicht werden sie einmal wieder symbolisch sein.«

»Sie werden es wieder sein«, sagte der Amerikaner.

Der Himmel über der Wolga ist nah und flach und mit unbeweglichen Wolken bemalt. Zu beiden Seiten, hinter den Ufern, sieht man in weiten Fernen jeden emporragenden Baum, jeden aufsteigenden Vogel, jedes weidende Tier. Ein Wald wirkt hier wie ein künstliches Gebilde. Alles hat die Tendenz sich auszubreiten und zu zerstreuen. Dörfer, Städte und Völker sind weit voneinander entfernt. Gehöfte, Hütten, Zelte wandernder Menschen stehen da, umgeben von Einsamkeit. Die vielen verschiedenen Stämme vermischen sich nicht. Auch wer sich festgesetzt hat, bleibt sein Leben lang auf der Wanderung. Diese Erde gibt das Gefühl der Freiheit, wie bei uns nur das Wasser und die Luft. Hier würden auch die Vögel nicht fliegen wollen, wenn sie wandern könnten. Der Mensch aber streicht über das Land wie über einen Himmel, beschwingt und ohne Ziel, ein Vogel der Erde.

Der Fluß ist wie das Land: breit, unendlich lang (von Nishnij-Nowgorod bis Astrachan sind es mehr als zweitausend Kilometer) und sehr langsam. An seinen Ufern erwachsen erst spät die »Wolga-Hügel«, niedrige Würfel. Ihr nacktes felsiges Innere haben sie dem Fluß zugekehrt. Sie sind nur der Abwechslung wegen da, eine spielerische Viertelstunde Gottes hat sie geschaffen. Hinter ihnen dehnt sich wieder die Fläche, vor der die Horizonte zurückweichen, immer weiter, bis hinter die Steppe.

Ihren großen Atem schickt sie über die Hügel, über den Fluß. Man schmeckt die Bitternis der Unendlichkeit. Im Anblick der großen Berge und der uferlosen Meere fühlt man sich verloren und bedroht. Gegenüber der weiten Ebene ist der Mensch verloren, aber getröstet. Er ist nichts mehr als ein Halm, aber er wird nicht untergehen: Man ist wie ein Kind, das in der ersten Stunde eines Sommermorgens erwacht, wenn alle noch schlafen. Man ist verloren und geborgen zugleich in der unbegrenzten Stille. Wenn eine Fliege summt, ein gedämpfter Pendelschlag tönt, liegt in diesen Geräuschen dieselbe tröstliche, weil überirdische und zeitlose Trauer einer weiten Ebene.

Wir halten vor Dörfern, deren Häuser aus Holz sind und aus Lehm, mit Schindeln und mit Stroh gedeckt. Manchmal ruht die breite mütterliche gute Kuppel einer Kirche in der Mitte der Hütten, ihrer Kinder. Manchmal steht die Kirche an der Tête einer langen Hütten-Zeile und hat auf der Kuppel einen feinen spitzen langen Turm aufgepflanzt, wie ein vierkantiges französisches Bajonett. Es ist eine bewaffnete Kirche. Sie führt ein wanderndes Dorf an.

Kasan bleibt vor uns stehen, die Hauptstadt der Tataren. Ihre bunten Verkaufszelte lärmen am Ufer. Mit offenen Fenstern grüßt sie wie mit gläsernen Fahnen. Man hört das Getrappel ihrer Droschken. Man sieht das grüne und goldene abendliche Glänzen ihrer Kuppeln.

Eine Landstraße führt vom Hafen nach Kasan. Die Straße ist ein Fluß, es hat gestern geregnet. In der Stadt plätschern stille Teiche. Überreste eines Pflasters ragen selten in die Höhe. Die Straßentafeln und die Ladenschilder sind vom Kot bespritzt und unleserlich. Sie sind übrigens doppelt unleserlich, weil zum Teil in alter türkisch-tatarischer Schrift abgefaßt. Deshalb sitzen die Tataren lieber selbst vor den Läden und zählen jedem ihre Waren auf. Sie sind kluge Händler, wie man berichtet. Sie tragen schwarze Pinsel am Kinn. Seit der Revolution hat bei ihnen die alte Volkssitte des Analphabetismus um 25 Prozent abgenommen, jetzt können viele lesen und schreiben. In den Buchhandlungen liegen tatarische Schriften, die Zeitungsjungen rufen tatarische Blätter aus. Tatarische Beamte sitzen hinter dem Postschalter. Ein Postbeamter erklärte mir, die Tataren wären das tapferste der Völker. »Sie sind aber mit Finnen gemischt« – sagte ich boshaft. Der Postbeamte war beleidigt.

Mit Ausnahme der Gastwirte und der Händler sind alle mit der Regierung zufrieden. Die tatarischen Bauern haben im Bürgerkrieg bald mit den Roten, bald mit den Weißen gekämpft. Sie wußten manchmal gar nicht, worum es ging. Heute sind alle Dörfer des Kasaner Gouvernements politisiert. Die Jugend ist in den Komsomol-Organisationen. Wie bei den meisten mohammedanischen Völkern Rußlands ist auch bei den Tataren die Religion mehr Übung als Glaube. Die Revolution hat eher eine Gewohnheit zerstört als ein Bedürfnis unterdrückt. Die armen Bauern sind hier zufrieden wie überall in den Wolga-Gouvernements. Die reichen Bauern, denen man viel genommen hat, sind unzufrieden wie überall, wie die Deutschen in Pokrowsk, wie die Bauern von Stalingrad und die von Saratow.

Die Dörfer an der Wolga – mit Ausnahme der deutschen – liefern übrigens der Partei die gläubigsten jugendlichen Anhänger. In den Wolgagebieten kommt der politische Enthusiasmus vom Lande häufiger als aus dem städtischen Proletariat. Viele Dörfer waren hier von der Kultur am weitesten entfernt. Die Tschuwaschen zum Beispiel sind heute noch heimliche »Heiden«. Sie beten Götzen an und opfern ihnen. Für den naiven Naturmenschen aus dem Wolga-Dorf ist Kommunismus – Zivilisation. Für den jungen Tschuwaschen ist die städtische Kaserne der Roten Armee ein Palast und der Palast – der ihm auch offen steht – ein siebenhundertster Himmel. Elektrizität, Zeitung, Radio, Buch, Tinte, Schreibmaschine, Kino, Theater – also alles, was uns so ermüdet, belebt und erneuert den primitiven Menschen. Alles hat »die Partei« gemacht. Sie hat nicht nur die großen Herren gestürzt, sie hat auch das Telephon erfunden und das Alphabet. Sie hat den Menschen gelehrt, auf sein Volk stolz zu sein, auf seine Kleinheit, seine Armut. Sie hat seine niedrige Vergangenheit in ein Verdienst gewandelt. Vor dem Ansturm so vieler Herrlichkeiten erliegt sein bäuerliches instinktives Mißtrauen. Sein bewußter kritischer Sinn ist noch lange nicht wach. So wird er ein Fanatiker des neuen Glaubens. Das »kollektivistische Gefühl«, das dem Bauern fehlt, ersetzt er doppelt und dreifach durch Ekstase.

Die Städte an der Wolga sind die traurigsten, die ich je gesehen habe. Sie erinnern an die zerstörten Städte des französischen Kriegsgebiets. Diese Häuser brannten im roten Bürgerkrieg; und dann sahen ihre Trümmer den weißen Hunger durch die Straßen galoppieren.

Hundertmal, tausendmal starben die Menschen. Sie aßen Katzen, Hunde, Raben, Ratten und die verhungerten Kinder. Sie bissen sich die Hände wund und tranken ihr eignes Blut. Sie kratzten in der Erde nach fetten Regenwürmern und nach weißem Kalk, den das Auge für Käse hielt. Zwei Stunden, nachdem sie gegessen hatten, starben sie unter Qualen. Daß diese Städte überhaupt noch leben! Daß die Menschen feilschen und Koffer tragen und Äpfel verkaufen, Kinder zeugen und gebären! Schon wächst eine Generation heran, die das Grauen nicht kennt, schon stehen Gerüste da, schon sind Zimmerleute und Maurer beschäftigt, das Neue aufzurichten.

Ich wundere mich nicht darüber, daß diese Städte so schön sind nur aus der Höhe und aus der Ferne; daß mir in Samara ein Ziegenbock den Eintritt in das Hotel verwehrte; daß in Stalingrad ein Platzregen in mein Zimmer niederging; daß die Servietten aus buntem Packpapier sind. Wenn man über die schönen Dächer spazieren könnte, statt über das bucklige Pflaster!

Man kann in allen Städten des Wolgagebiets mit den Menschen dieselben Erfahrungen machen: Überall sind die Händler unzufrieden, die Arbeiter optimistisch, aber müde, die Kellner respektvoll und unzuverlässig, die Portiers demütig, die Schuhputzer unterwürfig. Und überall ist die Jugend revolutionär, – auch die Hälfte der bürgerlichen Jugend ist in den Pionier- und Komsomol-Organisationen.

Übrigens richten sich die Menschen nach meiner Kleidung: Wenn ich die Stiefel anziehe und ohne Krawatte bin, wird das Leben plötzlich märchenhaft billig. Die Früchte kosten ein paar Kopeken, eine Droschkenfahrt einen halben Rubel, man hält mich für einen ausländischen politischen Flüchtling, der in Rußland lebt, sagt »Genosse« zu mir, die Kellner haben proletarisches Bewußtsein und erwarten kein Trinkgeld, die Schuhputzer sind mit 10 Kopeken zufrieden, die Händler sind mit der Lage zufrieden, im Postamt bitten mich die Bauern, ich möchte ihnen eine Adresse auf ihren Brief schreiben, »mit klarer Schrift«. Wie teuer aber ist die Welt, wenn ich eine Krawatte anziehe! Man sagt: »Grashdanin« (Bürger) zu mir und schüchtern auch: »Gospodin« (Herr). Die deutschen Bettler sagen: »Herr Landsmann«. Die Händler fangen an, über die Steuern zu klagen. Der Wagenbegleiter erwartet einen Rubel. Der Speisewagenkellner erzählt, daß er eine Handelsakademie absolviert habe und »eigentlich ein intelligenter Mensch« sei. Er beweist es, indem er zwanzig Kopeken aufschlägt. Ein Antisemit gesteht mir, daß bei der Revolution nur die Juden gewonnen hätten. »Sogar in Moskau« dürften sie schon leben. Ein Mann möchte mir imponieren. Er erzählt, daß er im Krieg Offizier und in Magdeburg gefangen war. Ein Nep-Mann droht mir: »Alles werden Sie bei uns nicht sehen können!«

Indessen scheint es mir, daß ich in Rußland genau so viel, genau so wenig sehen kann wie in anderen fremden Ländern. Ich bin in keinem Lande noch von fremden Menschen so selbstverständlich, so freimütig eingeladen worden. Ich kann in Ämter, Gerichte, Spitäler, Schulen, Kasernen, Arreste, Strafanstalten, zu Polizeidirektoren und Universitätsprofessoren gehen. Der Bürger kritisiert lauter und schärfer, als dem Fremden angenehm ist. Ich kann mit dem Soldaten und mit dem Regimentskommandanten der Roten Armee in jedem Gasthaus über Krieg, Pazifismus, Literatur und Bewaffnung sprechen. In anderen Ländern ist es gefährlicher. Die Geheimpolizei ist wahrscheinlich so geschickt, daß ich sie nicht bemerke.

Die berühmten Lastträger an der Wolga singen immer noch ihre berühmten Lieder. In den russischen Kabaretts des Westens werden die »Burlaki« bei violettem Scheinwerfer und gedämpftem Geigenklang dargestellt. Aber die wirklichen Burlaki sind trauriger, als ihre Darsteller ahnen können. Obwohl sie mit traditioneller Romantik so stark belastet sind, gleitet ihr Gesang tief und schmerzlich in die Zuhörer. Sie sind wahrscheinlich die stärksten Männer dieses Zeitalters. Jeder von ihnen kann zweihundertundvierzig Kilogramm auf dem Rücken tragen, hundert Kilogramm von der Erde heben, eine Nuß zwischen Zeige- und Mittelfinger zermalmen, ein Ruder auf zwei Fingern balancieren, drei Kürbisse in fünfundvierzig Minuten essen. Sie sehen aus wie bronzene Denkmäler, die man mit menschlicher Haut überspannt und mit einem Tragfell bekleidet hat. Sie verdienen verhältnismäßig viel, vier bis sechs Rubel durchschnittlich. Sie sind stark, gesund, sie leben am freien Fluß. Aber ich habe sie noch nicht lachen sehen. Sie werden nicht froh. Sie trinken Schnaps. Der Alkohol vernichtet diese Riesen. Seitdem die Wolga Frachten trägt, leben die stärksten Träger hier und alle trinken. Heute verkehren auf der Wolga mehr als 200 Dampfer mit etwa 85 000 Indikatorstärken, einer Gesamt-Tonnage von 50 000 Tonnen. – 1 190 Lastschiffe ohne Motorbetrieb mit einer Gesamt-Tonnage von beinahe zwei Millionen Tonnen. Aber die Lastarbeiter ersetzen immer noch die Kräne wie vor zweihundert Jahren.

Ihr Gesang kommt nicht aus den Kehlen, sondern aus den unbekannten tiefen Winkeln des Herzens, in denen wahrscheinlich Gesang und Schicksal zusammen gewoben werden. Sie singen wie zum Tode Verurteilte. Sie singen wie Galeerensträflinge. Niemals wird der Sänger von seinem Tragfell frei werden, und niemals vom Schnaps. Solch ein Segen ist die Arbeit! Solch ein Kran ist der Mensch!

Selten hört man ein ganzes Lied, immer nur einzelne Strophen, ein paar Takte. Die Musik ist ein mechanisches Hilfsmittel, sie wirkt wie ein Hebel. Es gibt Lieder zu singen beim gemeinsamen Ziehen der Taue, beim Heben, beim Abladen, beim langsamen Versenken. Die Texte sind alt und primitiv. Ich habe verschiedene Texte zu denselben Melodien gehört. Einige handeln vom schweren Leben, vom leichten Tod, von tausend Pud, von Mädchen und von Liebe. Sobald die Last auf dem Rücken verstaut ist, bricht das Lied ab. Dann ist der Mensch ein Kran.

Es ist unmöglich, wieder das gläserne Klavier zu hören und Sechsundsechzig spielen zu sehen. Ich verlasse den Dampfer. Ich sitze auf einem winzigen Schiff. Zwei Träger schlafen neben mir einen weichen Schlaf auf einem gerollten Bündel dicker Taue. In vier, fünf Tagen sind wir in Astrachan. Der Kapitän hat seine Frau schlafen geschickt. Er ist seine eigene Bemannung. Jetzt brät er einen Schaschlik. Wahrscheinlich wird er fett und hart sein, und ich werde ihn essen müssen. –

Bevor ich ausstieg, beschrieb der Amerikaner mit dem Zeigefinger einen großen Bogen, zeigte auf die kalk- und lehmhaltige Erde und auf den sandigen Strand und sprach:

»Wieviel kostbares Material liegt hier ungenützt! Welch ein Strand für Erholungsbedürftige und Kranke! Welch ein Sand! Wenn all dies mitsamt der Wolga in der zivilisierten Welt läge!«

»Wenn das in der zivilisierten Welt gelegen wäre, würden hier Fabriken dampfen, Motorboote rattern, schwarze Kräne schweben, die Menschen würden krank werden, um sich dann zwei Meilen weiter im Sand zu erholen, und es wäre sicherlich keine Wüste. In einer bestimmten hygienisch einwandfreien Entfernung von den Kränen lägen Restaurants und Cafés hingestreut, mit ozonhaltigen Terrassen. Die Musikkapellen müßten das »Lied von der Wolga« spielen und einen schmissigen Wolga-Wellen-Charleston, Text von Arthur Rebner und Fritz Grünbaum...«

»Ah, Charleston!« rief der Amerikaner und freute sich. –