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Mittwoch, 12. September 2018

Musik, Revolution, Krieg

ARTE bringt eine dreiteilige Serie
Musik in Zeiten von Krieg und Revolution
wovon der erste Teil schon ausgestrahl wurde und in der Mediathek nachgesehen werden kann.

Aus dem Begleittext:

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, blieb die Musikwelt davon nicht unberührt. Unvermeidlich wurden die Künstler involviert, sei es als Soldaten an der Front oder als Komponisten, die nun patriotische Musik oder musikalische Hymnen einer verlorenen Welt schaffen sollten. Die dreiteilige Dokumentarreihe erforscht die bekannten und unbekannten, die offenkundigen und die verdeckten Verbindungen zwischen Musik, Krieg und Revolution. Jede Folge behandelt unterschiedliche Blickwinkel der Verbindung von Krieg und Politik. Die ersten beiden Folgen untersuchen die hoffnungsvolle und später tragische Verwicklung von Kunst und Politik, die das Leben und Schaffen vieler Künstler während des Ersten Weltkrieges maßgeblich prägte. Teil drei begibt sich auf die Suche nach den politischen Aspekten der Musik und deren Auswirkungen bis heute. Dabei ist jeder Film thematisch in sich geschlossen. Folge eins setzt ihren Fokus auf den Enthusiasmus, den der Krieg in der Musikwelt entfachte: auf Musiker und Komponisten, die glühende Patrioten und Soldaten wurden. Wie gingen Musiker und Komponisten wie Alban Berg, Arnold Schönberg, Maurice Ravel und Bela Bartok mit dieser Kriegszeit um? Wie beeinflussten ihre Erlebnisse an der Kriegsfront ihre Kompositionen? Was verraten die Kompositionen über diese Ära und deren Geist, den Glauben und die künstlerische Wandlung in dieser Epoche? Die Dokumentation kombiniert wichtige historische Schauplätze im Leben der Komponisten und Musiker: so den Originalschauplatz der Kriegsfront von Verdun mit der Voie Sacrée und das alte Wien mit dem Wiener Musikverein.

Die Belege der Kriegsbegeisterung auch moderner Künstler sind erschütternd. Die Kriegsgeilheit war allumfassend. Der tiefere, soziale Kern der Sehnsucht nach Gewissheit, nach Gewohntem, nach Männlichkeit bewährter Vorstellung, nach Individualität in der entfremdeten Industriegesellschaft war eine Triebfeder für atavistisches Verhalten, wie es heute wieder von Identitären aller couleurs gepflegt wird.

Samstag, 19. Mai 2018

Israel tötet weiter


Israel tötet weiter in seiner Autorität als rassistischer Apartheid-Staat

Haimo L. Handl

Was haben die unzähligen Jubelartikel zur Hochzeit von Prinz Harry aus dem Windsor-Clan und den Lobeshymnen zu Israels „Gründung“ vor 70 Jahren gemein? Sie sind Ablenkungsmanöver und unselige Belege für die unkritische Mitläuferhaltung sich gleichgeschaltet verhaltender Medien für ein unkritisches, dummes Publikum, also für die Mehrheit.

Zu den x-fachen Tötungen der mordgeschulten Spezialisten der ISRAELI DEFENSE FORCES, IDF, werden im Westen keine Kritiken laut, man iteriert im Gegenteil klischierte Behauptungen, dieser Rassistenstaat habe ein Recht der Selbstverteidigung, als ob der Protest oder das Verlangen jener, die im größten Gefängnis der Welt, dem Ghetto Gaza hausen müssen, eine Aggression gegen Israel sei, die tödlich beantwortet werden müsse.

Nazismus existiert auch ohne Konzentrationslager und Gasöfen. Wenn nur das das Merkmal der Nazis (gewesen) wäre, wäre das Neonaziproblem offensichtlich gelöst. Aber das faschistische, nationalsozialistische Denken und Handeln beginnt weit früher und ist auch ohne KZ deutscher Art bzw. Gasöfen festmachbar. Die Israelis sind die neuen Nazis in Nahost. Die Unterstützung, prominent durch die USA, als auch durch sich schuldig fühlende, strafbedürftige europäische Länder, zuvorderst die Nachfahren der deutschen Nazis, Deutschland, machen sich, wieder einmal, mitschuldig durch Wegsehen, wenn nicht aktive Kriegsunterstützung der Neuen Herren, der Israelis, die überaus smart jede Kritik an Israel als Antisemitismus ausweisen, und deren Urteil die andren, oft wider besseres Wissen, folgen. Das ist nicht nur Feigheit, es ist Kollaboration. In manchen Fällen ist es ein Willkommenheißen der Drecksarbeit gegen den neuen Feind, die Moslems. Nicht zufällig finden sich in Europa gerade in rechtsextremen und faschistoiden oder offen faschistischen Regimen die heftigsten Verteidiger Israels, während die schwache, sich auflösende Linke des Antisemitismus geziehen wird. Ein perverses Trauerspiel.

Israel liefert für die Nationalisten und Faschisten in Europa Vorlagen, wie man aktiven Grenzschutz betreibt, wie man die Gefahr bannt: hart, schnell, mit besten Waffen und dem unbeugsamen Willen zu töten.

Noch spricht niemand von den Konservativen oder Rechtsextremen von Konzentrationslagern; man redet über „Ankerzentren“ oder der Notwendigkeit, Auffanglager zu „konzentrieren“. Die inhumane Bagage der Rechten schwatz von Heimatschutz und kaschiert, leider bei vielen erfolgreich, ihr Kampfprogramm der undurchlässigen Grenzen, der Aufspürung illegal Eingereister und der erfolgreichen „Rückführung“ oder Abschiebung.

70 Jahre Israel. 70 Jahre Krieg. Bei uns fragt niemand kritisch nach Gründen und Hintergründen. Die Israelis werden als David gegen Goliath gesehen. Schon die Metaphern sind verlogen und die meist angeknüpfte Aussage, Israel sei als kleine, demokratische Insel , umgeben von Millionen von Feinden [den Ausdruck „Untermenschen“ verwendet man derzeit noch nicht offen] gezwungen, ja gezwungen, so hart vorzugehen und sich und seinen Lebensraum zu verteidigen, eine Ungeheuerlichkeit an Niedertracht und Lüge. Man übertrage das mal auf Europa, das Europa vor dem 1. WK, der Zwischenkriegszeit, des 2. WK und der Nachkriegszeit. So ein israelisches Denken hätte jeden Ausgleich in Europa, den mühsam errungenen Frieden, der trotz vieler Scharmützel und Querelen geschaffen werden konnte, von vornherein weiter verunmöglicht. Israel hat gewählt, anders als Europa,  kriegsorientiert, feindlich, nationalistisch zu werden und zu bleiben. Die Rechten und Faschisten in Europa wollen wieder dorthin.

Als Norman Finkelstein Israels Politik kritisierte, gar von einer „Holocaust-Industrie“ sprach, war ein Sturm der Entrüstung losgebrochen. Aber nicht gegen Israel und seine Strategen, sondern gegen ihn, der kritisierte. So erging (und ergeht)  es vielen. Waren(oder sind) sie Juden (ja das gibt es, Juden, die Israel kritisieren!), verurteilt(e) man sie als „selbsthassende Juden“, als Perverse, als Kranke. Gesund ist, was Israel macht. Basta.

Wir wissen nicht, wie lange es dauert, bis dieses Regime bricht, bis Amerika soviel Macht einbüßt, dass es seine verderbliche Kriegspolitik nicht mehr so erfolgreich ausüben kann. In der jüngeren Geschichte können wir aus vielen Entwicklungen lernen, dass als stark oder ewig angesehene Verhältnisse brechen und untergehen. Vielen bleibt deshalb vorderhand nur die Hoffnung, dass dieser Schwächungsprozess an Geschwindigkeit und Stärke gewinne, auf dass dieser neue Faschismus untergehe (und mit ihm seine Ausformungen im islamischen Lager).

Andere Mächte und Feinde der Humanität warten aber schon für ihre Stunde. Es wird an den republikanischen, demokratischen Kräften liegen, sich ihrer zu erwehren. Nachdem aber der offene Faschismus Israels geleugnet wird, nachdem man mit den Inhumanen gemeinsame Sache macht, besteht keine begründet gute Aussicht auf positive Änderung. Trotzdem: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Donnerstag, 1. Januar 2015

20. Jahrestag der EU-Erweiterung vom 1.1.1995



EU-Beitritt von Österreich, Finnland und Schweden in Kraft
1. Januar 1995 

Blickt man heute zurück, so darf man befriedigt feststellen, dass die EU fast alle Versprechen derer gehalten hat, die in ihrem Namen damals warben und die Abstimmungen lenkten. Sie hat die Qualifizierten bereichert, sie hat die Verwegenen und Korrupten groß werden lassen, sie hat die Bildung unterminiert und abgebaut, sie hat eigene Regeln und Verträge gebrochen und eine neue Realpolitik eingeführt, sie hat Kriege geführt und Frieden vernichtet, sie hat die Bürokratie ausgebaut. Sie hat die Unternehmen gestärkt auf dem Rücken von Werktätigen und Konsumenten. Sie ist zum besten Büttel der USA geworden und lässt sich auch durch dichteste Bespitzelung und Ausspähung nicht abhalten, weiter den Lakaien für die Leitmacht zu spielen. Sie ist zu einer gigantischen Geldvernichtungsmaschine geworden und schützt die Finanz- und Bankenwelt, wie kein anderer Staat, auch die USA nicht.
Daneben hat sie auch einige Preiskontrollen und Wettbewerbsöffnungen erzwungen und einige kleine "Zuckerln" verteilt.
Die EU ist zu einem Skandal geworden. 

Das ist sehr, sehr bedauerlich, weil die EU neben der wichtigen Friedensfunktion und der wirtschaftlichen Rolle auch eine in der Wissenschaft und Forschung spielen könnte bzw. sollte. Aber, anstatt dass das unheilvolle Nationaldenken abnahm, stieg es in allen Mitgliedsstaaten. Und der EURO ohne einheitliche Finanzregeln und Steuergesetze ist ein untaugliches Instrument, ein Umverteilungsorgan, das politischen Sprengstoff beinhaltet, der jederzeit zünden und hochgehen kann. 

Floskeln, Klischees und leere Worte reichen nicht aus. 

Dienstag, 15. Januar 2013

Tucholsky: Die brennende Lampe

Kurt Tucholsky

Die brennende Lampe (1931)


Wenn ein jüngerer Mann, etwa von dreiundzwanzig Jahren, an einer verlassenen Straßenecke am Boden liegt, stöhnend, weil er mit einem tödlichen Gas ringt, das eine Fliegerbombe in der Stadt verbreitet hat, er keucht, die Augen sind aus ihren Höhlen getreten, im Munde verspürt er einen widerwärtigen Geschmack, und in seinen Lungen sticht es, es ist, wie wenn er unter Wasser atmen sollte --: dann wird dieser junge Mensch mit einem verzweifelten Blick an den Häusern hinauf, zum Himmel empor, fragen:

»Warum --?«

Weil, junger Mann, zum Beispiel in einem Buchladen einmal eine sanfte grüne Lampe gebrannt hat. Sie bestrahlte, junger Mann, lauter Kriegsbücher, die man dort ausgestellt hatte; sie waren vom ersten Gehilfen fein um die sanft brennende Lampe herumdrapiert worden, und die Buchhandlung hatte für dieses ebenso geschmackvolle wie patriotische Schaufenster den ersten Preis bekommen.

Weil, junger Mann, deine Eltern und deine Großeltern auch nicht den leisesten Versuch gemacht haben, aus diesem Kriegsdreck und aus dem Nationalwahn herauszukommen. Sie hatten sich damit begnügt -- bitte, stirb noch nicht, ich möchte dir das noch schnell erklären, zu helfen ist dir ohnehin nicht mehr -- sie hatten sich damit begnügt, bestenfalls einen allgemeinen, gemäßigten Protest gegen den Krieg loszulassen; niemals aber gegen den, den ihr sogenanntes Vaterland geführt hat, grade führt, führen wird. Man hatte sie auf der Schule und in der Kirche, und, was noch wichtiger war, in den Kinos, auf den Universitäten und durch die Presse national vergiftet, so vergiftet, wie du heute liegst: hoffnungslos. Sie sahen nichts mehr. Sie glaubten ehrlich an diese stumpfsinnige Religion der Vaterländer, und sie wußten entweder gar nicht, wie ihr eignes Land aufrüstete: geheim oder offen, je nach den Umständen; oder aber sie wußten es, und dann fanden sies sehr schön. Sehr schön fanden sie das. Deswegen liegst du, junger Mann.

Was röchelst du da --? »Mutter?« -- Ah, nicht doch. Deine Mutter war erst Weib und dann Mutter, und weil sie Weib war, liebte sie den Krieger und den Staatsmörder und die Fahnen und die Musik und den schlanken, ranken Leutnant. Schrei nicht so laut; das war so. Und weil sie ihn liebte, haßte sie alle die, die ihr die Freude an ihrer Lust verderben wollten. Und weil sie das liebte, und weil es keinen öffentlichen Erfolg ohne Frauen gibt, so beeilten sich die liberalen Zeitungsleute, die viel zu feige waren, auch nur ihren Portier zu ohrfeigen, so beeilten sie sich, sage ich dir, den Krieg zu lobpreisen, halb zu verteidigen und jenen den Mund und die Druckerschwärze zu verbieten, die den Krieg ein entehrendes Gemetzel nennen wollten; und weil deine Mutter den Krieg liebte, von dem sie nur die Fahnen kannte, so fand sich eine ganze Industrie, ihr gefällig zu sein, und viele Buchmacher waren auch dabei. Nein, nicht die von der Rennbahn; die von der Literatur. Und Verleger verlegten das. Und Buchhändler verkauften das.

Und einer hatte eben diese sanft brennende Lampe aufgebaut, sein Schaufenster war so hübsch dekoriert; da standen die Bücher, die das Lob des Tötens verkündeten, die Hymne des Mordes, die Psalmen der Gasgranaten. Deshalb, junger Mann.

Eh du die letzte Zuckung tust, junger Mann: Man hat ja noch niemals versucht, den Krieg ernsthaft zu bekämpfen. Man hat ja noch niemals alle Schulen und alle Kirchen, alle Kinos und alle Zeitungen für die Propaganda des Krieges gesperrt. Man weiß also gar nicht, wie eine Generation aussähe, die in der Luft eines gesunden und kampfesfreudigen, aber kriegablehnenden Pazifismus aufgewachsen ist. Das weiß man nicht. Man kennt nur staatlich verhetzte Jugend. Du bist ihre Frucht; du bist einer von ihnen -- so, wie dein fliegender Mörder einer von ihnen gewesen ist.

Darf ich deinen Kopf weicher betten? Oh, du bist schon tot. Ruhe in Frieden. Es ist der einzige, den sie dir gelassen haben.

Sonntag, 13. Januar 2013

Roth: Bei der Betrachtung von Schlachtenbildern



Joseph Roth

Aus: Panoptikum (1930)

Bei der Betrachtung von Schlachtenbildern

Die alten Schlachtenbilder sind nicht schrecklich, sondern eher rührend. Das blutige Rot, das einmal auf ihnen vorgeherrscht haben mag, ist ziegelrot geworden, ein bißchen Karotten-Rot, die friedlichste Nuance dieser Farbe, der Pazifismus des Rot. Die zerfetzten Fahnen wehen der Schlacht voran. Zwar sind sie von Säbeln zerschnitten, von Lanzen zerrissen, von Kugeln durchlöchert. Aber schon die Tatsache, daß sie, zarte Gebilde aus Stoff und Seide, den üblichen Waffen begegnen können und viele Schlachten überleben, bestätigt den Eindruck, daß vor alten Zeiten die Kriege in der Wirklichkeit harmloser waren, als sie in den Büchern der Geschichte dargestellt werden. Die Anwesenheit zahlreicher Gefallener ist unleugbar. Ihr Tod aber scheint kein endgültiger zu sein. Sie haben noch Zeit, mit einem Fluch auf den Lippen zu sterben oder mit einem Segen für die Sache, für die sie gekämpft haben. Offenbar ist ihnen in der Sekunde des Todes ganz klar, daß sie entweder durch ein Wunder wieder zum fröhlichen Kriegsleben erwachen, oder sie sehen schon die militärische Abteilung des Himmels, in die sie kommen werden.
Kein Wunder! Die Feinde sind gewöhnlich ungläubig; Türken, Janitscharen, Tataren, im Grunde vielleicht Monotheisten, aber nur mit einem gründlichen Mißverständnis. Das beweisen schon ihre krummen Schwerter. Die auf unserer – der christlichen – Seite kämpfen, haben gerade Schwerter (für den Charakter der Kämpfer symbolisch) mit einem Griff, aus dem jederzeit ein Kreuz herzustellen ist. Während die Janitscharen, die Tataren, die Sarazenen kleine, flinke und rötliche Pferde bevorzugen, reiten die okzidentalen Helden auf Schimmeln, die an Gralstauben erinnern. Die prominenten Helden werden im letzten Augenblick von der gewöhnlichen Mannschaft gerettet. Der Retter wird zumeist tödlich verwundet. Aber man ahnt bereits, daß seine Nachkommen ein Lehen erhalten werden, sobald der Prominente geheilt sein wird.
Die Schlacht spielt sich gewöhnlich in der Ebene ab, deren Charakter durch umliegende Hügel bestätigt wird. Auf diesen Hügeln stehen die ganz Großen, diejenigen, in deren Namen gekämpft wird. Unsichtbar, hinter den Hügeln, stehen wahrscheinlich ihre weißen Zelte, in denen die schwarzhaarigen Kurtisanen lagern und den Daumen halten. Geht die Schlacht ungünstig aus, so sind diejenigen, in deren Namen sie geführt wurde, die ersten, umzukehren und in die Zelte zu gehen. Diese müssen dann zwar in aller Eile abgebrochen werden. Aber immerhin hat der Besiegte noch Zeit, seine Geliebte flüchtig zu umarmen. Manchmal nur geschieht es, daß der Hügel – und was hinter ihm liegt nicht rechtzeitig geräumt wird. Dann stürmen die Sieger aus der bequemen Ebene hinan, und die ersten, die oben stehen, winken jenen, die noch unten sind. Das Winken spielt überhaupt im Krieg eine große Rolle. Immer winkt einer dem andern: zum Sieg, zum Ruhm, zum Tod. Und den Winkenden ist deutlich anzusehen, daß sie wissen, daß sie ganz genau wissen: sie seien Beispiele und würden als solche auf die Nachwelt kommen. Die Sache, für die sie kämpfen und winken, ist eine gute. Die Nachfolgenden ahnen es bereits und zögern nicht.
Der Himmel ist blau, die Sonne heiß und gelb, der Staub weiß. Die Kehlen der Kämpfer sind trocken, der Zuschauer verdurstet schon beim Anblick der Schlacht. Diverse Wunden dürften Fieber verursachen und den Durst verstärken. Man möchte einen Eimer frischen Wassers hintragen und den Leuten helfen, die da im Sonnenbrand ihre schwere Pflicht erfüllen. Man möchte die Streiter laben. Es geht nicht! Kein Quell ist in der Nähe und vor allem kein Eimer zur Hand! Man tröstet sich! Nach der Schlacht werden sie trinken.
Die Schlacht ist zu Ende, wenn der Abend kommt. Man weiß, daß der besonnte Teil des Tages ungefähr zwölf Stunden zählt. Sobald die Sonne hinter einem der ihr zur Verfügung stehenden Hügel untergeht, blasen die Trompeten den Rückzug, selbst wenn die Schlacht noch nicht entschieden ist. Die Mondsichel klimmt langsam den Horizont hinan und erinnert an die krummen Schwerter der Feinde. Die Unverletzten legen sich schlafen. Und die Verwundeten beginnen zu stöhnen.

Nichts Schrecklicheres als die Tatsache, daß der letzte Krieg schon anfängt, ein Gegenstand dieser idyllischen Kriegsmaler zu werden. Knappe zehn Jahre, nachdem er aufgehört hat! Besonders in den Siegerländern, die sich einbilden, ungefähr in der Art über uns gesiegt zu haben, wie die Ritter der Christenwelt dereinst über die Heiden. Die Giftgase sehen aus wie niedliche Wölkchen einer die Auferstehung garantierenden Vernichtung. Die Kanönchen speien ein liebliches Feuerchen. Die Aeroplänchen surren eilig durch die Lüftchen. Rührende Feldpostkärtchen schreiben die Heldchen an die Liebchen daheim. Besonders beliebt sind die Sturmangriffe. Genau so wie bei den Sarazenen! Man stürmt mit Bajonetten gegen besetzte Hügel. Man verhakt sich mit den Eingeweiden im Drahtverhau. Und man winkt! Man winkt! Zum Sieg, zum Ruhm, zum Tod!
Und wir leben noch. Wir, die Sarazenen und die Christen. Und wir sehen zu, wie sie uns malen, unsere Väter, unsere jüngeren Brüder. Sie machen Filme von uns und Kriegsbilder, an die Wändchen zu hängen. Auf daß die Enkel wieder Lust bekommen. Vor unsern eigenen lebendigen Augen porträtieren sie unsre Eingeweide. Schon verniedlichen sie unsren eigenen Tod. Schon machen sie Feldherrnhügel aus unseren Leichenhügeln. Kaum zehn Jahre. Zehn Jährchen! Sie bauen auf – schon wieder! – und sie malen! ...
Aber das Rot, das sie jetzt verwenden – und das ist unser einziger, armseliger Trost! – wird niemals die pazifistische Ziegel-Nuance bekommen. Es wird rot sein, rot wie Blut und Feuer. Unser Blut, unser Feuer. Die Farben von heute haben eine andere Substanz. Wirkliches Blut ist ihnen beigemischt. Und unser Tod war der letzte Tod, der noch idyllisch umzulügen ist. Der Tod unserer Maler wird ein anderer sein, nicht mehr zu malen. Ersticken werden sie, zu Hause, im Atelier – die Palette in der Linken und den Pinsel in der lügenden Rechten! ...

*





Montag, 16. Januar 2012

100. Todestag von Georg Heym



Georg Theodor Franz Artur Heym (30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien - 16. Januar 1912 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller und einer der wichtigsten Lyriker des frühen literarischen Expressionismus.

Wikipedia


Was kommt ihr, weiße Falter ...
14.07.1911

Was kommt ihr, weiße Falter, so oft zu mir?
Ihr toten Seelen, was flattert ihr also oft
Auf meine Hand, von euerm Flügel
Haftet dann oft ein wenig Asche.

Die ihr bei Urnen wohnt, dort wo die Träume ruhn
In ewigen Schatten gebückt, in dem dämmrigen Raum
Wie in den Grüften Fledermäuse
Die nachts entschwirren mit Gelärme.

Ich höre oft im Schlaf der Vampire Gebell
Aus trüben Mondes Waben wie Gelächter,
Und sehe tief in leere Höhlen
Der heimatlosen Schatten Lichter.

Was ist das Leben? Eine kurze Fackel
Umgrinst von Fratzen aus dem schwarzen Dunkel
Und manche kommen schon und strecken
Die magren Hände nach der Flamme.

Was ist das Leben? Kleines Schiff in Schluchten
Vergeßner Meere. Starrer Himmel Grauen.
Oder wie nachts auf kahlen Feldern
Verlornes Mondlicht wandert und verschwindet.

Weh dem, der jemals einen sterben sah,
Da unsichtbar in Herbstes kühler Stille
Der Tod trat an des Kranken feuchtes Bette
Und einen scheiden ließ, da seine Gurgel

Wie einer rostigen Orgel Frost und Pfeifen
Die letzte Luft mit Rasseln stieß von dannen.
Weh dem, der sterben sah. Er trägt für immer
Die weiße Blume bleiernen Entsetzens.

Wer schließt uns auf die Länder nach dem Tode,
Und wer das Tor der ungeheuren Rune.
Was sehn die Sterbenden, daß sie so schrecklich
Verkehren ihrer Augen blinde Weiße.



Die Stadt

Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein
Zerreißet vor des Mondes Untergang.
Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang
Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.

Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt,
Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.
Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein
Eintönig kommt heraus in Stille matt.

Gebären, Tod, gewirktes Einerlei,
Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei,
Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.

Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand,
Die drohn im Weiten mit gezückter Hand
Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.


Der Hunger

Er fuhr in einen Hund, dem groß er sperrt
Das rote Maul. Die blaue Zunge wirft
Sich lang heraus. Er wälzt im Staub. Er schlürft
Verwelktes Gras, das er dem Sand entzerrt.

Sein leerer Schlund ist wie ein großes Tor,
Drin Feuer sickert, langsam, tropfenweise
Das ihm den Bauch verbrennt. Dann wäscht mit Eis
Ihm eine Hand das heiße Speiserohr.

Er wankt durch Dampf. Die Sonne ist ein Fleck,
Ein rotes Ofentor. Ein grüner Halbmond führt
Vor seinen Augen Tänze. Er ist weg.

Ein schwarzes Loch gähnt, draus die Kälte stiert.
Er fällt hinab, und fühlt noch, wie der Schreck
Mit Eisenfäusten seine Gurgel schnürt.


Der Gott der Stadt


Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knieen um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.


Danton
Juni 1910

»Mich töten? Herrscht der Wahnsinn im Konvent?
Die Schafe dulden es?« Und wütend greift
Ans Gitter seine Hand, das schneebereift.
Er schlägt die Stirn sich, die vom Wachen brennt.

»Wär es noch Marat, der im Staube schleift
Paris und mich. Doch solch ein Regiment,
Das nur aus Angst von Mord zu Morde rennt,
Und das mit Tugendschlamm das Volk beseift.

Der dürre Geckenkopf, der nichts vollbracht,
Er soll mich töten dürfen? Robespierre,
Ich zieh dich hinter mir in Todes Nacht.«

Er weint vor Wut. »Ist keine Rettung mehr?«
Des Halstuchs rote Seide wird ihm sacht
Von Tränen schwarz. Die Augen werden leer.


Robespierre

Er meckert vor sich hin. Die Augen starren
Ins Wagenstroh. Der Mund kaut weißen Schleim.
Er zieht ihn schluckend durch die Backen ein.
Sein Fuß hängt nackt heraus durch zwei der Sparren.

Bei jedem Wagenstoß fliegt er nach oben.
Der Arme Ketten rasseln dann wie Schellen.
Man hört der Kinder frohes Lachen gellen,
Die ihre Mütter aus der Menge hoben.

Man kitzelt ihn am Bein, er merkt es nicht.
Da hält der Wagen. Er sieht auf und schaut
Am Straßenende schwarz das Hochgericht.

Die aschengraue Stirn wird schweißbetaut.
Der Mund verzerrt sich furchtbar im Gesicht.
Man harrt des Schreis. Doch hört man keinen Laut.