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Sonntag, 3. März 2019

Wandlungen


Haimo L. Handl

Wandlungen

1993 fand auf dem Heldenplatz in Wien die größte Demonstration n der 2. Republik statt: das Lichtermeer. 55 Jahre früher schrien frenetisch tausende von Österreicherinnen und Österreicher dem Führer hysterisch jubelnd entgegen. Heute, 26 Jahre nach dem Lichtermeer, hat ein dramatischer Wertewandel stattgefunden. Was damals unmöglich schien bzw. sofort einen Protestaufschrei erzeugt hätte, ist politischer Alltag geworden. Die FPÖ hat es geschafft, nicht mehr als rechtsextreme Partei wahrgenommen zu werden und liefert laufend Attacken gegen den Rechtsstaat, gegen bisheriges republikanisches Verständnis. All dies macht die Volkspartei möglich, die mit ihrem jungen Kanzler eine Mehrheit der Wählerstimmen erhielt und die rechtsextremen Umtriebe ihres Koalitionspartners voll und ganz deckt.

Wer weiß, was uns diese Konstellation in naher Zukunft noch zumuten wird? Nachdem die Geschichtsvergessenheit besonders der jüngeren Bevölkerung stark ist, muss Schlimmes befürchtet werden. Wie die Geschichte lehrt, braucht es nicht immer hysterische Massen, die dem Unrecht beredten Ausdruck verleihen. Heute muss man nicht mehr auf den Heldenplatz pilgern oder in den Straßen Spalier stehen. Heute reichen die social media.

Jetzt wird von der FPÖ die Präventivhaft gefordert. Die Kritik daran, der Widerspruch ist zahm. Die rechten Kräfte in der SPÖ zeigen Bereitwilligkeit zur Kollaboration. Auch die sich modern gebenden Neos finden kein klares Nein. Viele in der Bevölkerung finden nichts dabei. Sie haben auch die grausigen, antisemitischen Liedtexte FPÖ-naher Burschenschaften nicht so arg gefunden. Die Allianz der FPÖ mit Faschisten und Rechtsextremen in Europa ist gang und gäbe. Sie wird umstandslos hingenommen.

Der Coup gegen das BVT hat zwar einen Untersuchungsausschuss nach sich gezogen, der aber zahnlos bleibt. Es scheint, als ob die Rechtsextremen schalten und walten können, wie sie wollen.

Die Gefahr besteht ja nicht nur darin, dass nach dem neuen Gesetzesvorschlag gewisse Gefährder in Präventivhaft genommen werden können, sondern dass damit ein Grundsatz unseres Rechtssystems verändert wird: es reicht der Verdacht. Dass so ein Gesetz nicht nur gegen Asylanten, die als gefährlich erachtet werden, angewandt werden wird, liegt auf der Hand. Es ist ein Türöffner. Es ändert das Rechtsverständnis und das Rechtsempfinden. Wenn das einmal für X gilt, gilt es morgen für Y und Z.

Würde ein Rechtsverständnis durchgesetzt werden können, wie es vor rund 30 Jahren Gemeinverständnis war, müssten umgekehrt FPÖ-Mitglieder rechtlich verfolgt und vor Gericht gestellt werden: sie gefährden den Rechtsstaat und die Demokratie. Dass dies ungeheurlich unrealistisch sich anhört, ist ein Resultat der gewandelten politischen Kultur, die sehr weit rechts gerutscht ist.

Von den braven Österreicherinnen und Österreichern, die damals dem Führer zujubelten, haben viele, sehr viele aktiv gegen die verhassten Juden Stellung bezogen. Nein, das ist zu harmlos ausgedrückt: sie haben aktiv an der Demütigung, an der Verfolgung, an der systematischen Tötung freudvoll teilgenommen. Von den F-lern ist gegenwärtig zwar nichts Ähnliches zu erwarten. Aber sie atmen den Hauch der Verfolgung, wie es typisch ist für rabiat gewordene Spießer.

Würden wir aus der Geschichte gelernt haben, wäre das Wahlergebnis, das uns diese Koalition von Rechten beschert hat, nicht erfolgt. Wenn wir noch aus der Geschichte lernen, müsste die nächste Wahl sie abwählen. Das wird nicht geschehen, weil das Nichtlernen, das Kollaborieren der engstirnigen Profiteure stärker sein wird, weil die Linken nicht mehr links sind, weil es keine aufrechten Republikaner mehr gibt. In ganz Europa erstarkt der Faschismus und wird sich nicht von frommen Reden aufhalten lassen. Für politische Taten fehlen aber die entsprechenden Parteien.


Donnerstag, 16. November 2017

Donnerstag, 1. Januar 2015

20. Jahrestag der EU-Erweiterung vom 1.1.1995



EU-Beitritt von Österreich, Finnland und Schweden in Kraft
1. Januar 1995 

Blickt man heute zurück, so darf man befriedigt feststellen, dass die EU fast alle Versprechen derer gehalten hat, die in ihrem Namen damals warben und die Abstimmungen lenkten. Sie hat die Qualifizierten bereichert, sie hat die Verwegenen und Korrupten groß werden lassen, sie hat die Bildung unterminiert und abgebaut, sie hat eigene Regeln und Verträge gebrochen und eine neue Realpolitik eingeführt, sie hat Kriege geführt und Frieden vernichtet, sie hat die Bürokratie ausgebaut. Sie hat die Unternehmen gestärkt auf dem Rücken von Werktätigen und Konsumenten. Sie ist zum besten Büttel der USA geworden und lässt sich auch durch dichteste Bespitzelung und Ausspähung nicht abhalten, weiter den Lakaien für die Leitmacht zu spielen. Sie ist zu einer gigantischen Geldvernichtungsmaschine geworden und schützt die Finanz- und Bankenwelt, wie kein anderer Staat, auch die USA nicht.
Daneben hat sie auch einige Preiskontrollen und Wettbewerbsöffnungen erzwungen und einige kleine "Zuckerln" verteilt.
Die EU ist zu einem Skandal geworden. 

Das ist sehr, sehr bedauerlich, weil die EU neben der wichtigen Friedensfunktion und der wirtschaftlichen Rolle auch eine in der Wissenschaft und Forschung spielen könnte bzw. sollte. Aber, anstatt dass das unheilvolle Nationaldenken abnahm, stieg es in allen Mitgliedsstaaten. Und der EURO ohne einheitliche Finanzregeln und Steuergesetze ist ein untaugliches Instrument, ein Umverteilungsorgan, das politischen Sprengstoff beinhaltet, der jederzeit zünden und hochgehen kann. 

Floskeln, Klischees und leere Worte reichen nicht aus. 

Dienstag, 1. Januar 2013

Vor 20 Jahren trennten sich Tschechen und Slowaken

Das nach dem Zwieten Weltkrieg konstruierte Staatsgebilde der Tschechoslowakei hielt trotz kommunistischer Gewaltherrschaft nicht lange. Die ersehnte Trennung erfolgte mit Hilfe der Europäischen Union, immerhin friedlich, im Jahr 1993.

Die EU scheint überhaupt Sezessionen zu begünstigen, um dann die Einzelstaaten in die Unionsmitgliederfamilie aufzunehmen. Eine eigentümliche Logik, die als europäisch umschrieben wird: unfähig bzw. unwillig, in EINEM Staat zusammenzuleben, sollen sie europäisch tauglich sein, um in friedvoller Nachbarschaft mit den anderen Staaten, auch jenem, von dem sich sich mühsam lossagten, nebeneinander zu leben.

Schon mit der Reaktion auf den Jugoslawienkrieg begann der Prozess der Aufsplitterung Europas, was schlussendlich zu einer Schwächung des gemeinsamen Europas führen wird, ähnlich dem Fleckerlteppich von Kleinst- und Stadtsaaten in historischen Zeiten. Dabei sind es weniger die realen Grenzen, als das abgespaltene, auf Distinktion und Eigennutz bzw. Feindschauf aufbauende Denken, der daraus resultierende, meist krankhafte Nationalismus und Chauvinismus.

Sogar im Sprachlichen versuchen die beiden Länder sich abzugrenzen, Barrieren zu erhöhen, Gräben zu vertiefen, um die Verständigung zu erschweren. Musterbeispiel für Chauvinismus mit eurpäischer Segnung.


Nachtrag am 4.1.2013:

Ehemalige Tschechoslowakei 20 Jahre nach der Teilung: Scheiden als Chance
Von Michal Hvorecký, Tagesspiegel 4.1.2013
Seit 20 Jahren gehen Tschechen und Slowaken getrennte Wege. Unser slowakischer Autor Michal Hyorecký war seinerzeit strikt gegen die Teilung. Doch was niemand erwartet hat: Sie ist der Slowakei gut bekommen.

Sonntag, 17. Juni 2012

Europas Schande

Gedicht von Günter Grass zur Griechenland-Krise
Europas Schande
Ein Gedicht von Günter Grass

"Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht..." In einem zornigen Gedicht äußert sich Nobelpreisträger Günter Grass zur Griechenland-Krise. Europa stelle das Land, in dem die europäische Idee einst geboren wurde, an den Pranger, beraube es seiner Rechte und verurteile es zu Armut, klagt er. Und der Dichter zeigt Verständnis für die Wut der Griechen.
SZ, 25.05.2012

Europas Schande – Ein Gedicht von Günter Grass
Vor zwei Monaten war die Politik Israels der Gegenstand seiner Kritik, jetzt ist es die Griechenland-Politik Europas: Der Schriftsteller Günter Grass (84) hat ein weiteres Gedicht geschrieben.
Welt on line, 25.5.2012

Neues Grass-Gedicht
Zwölf Strophen „Europas Schande“

Nach seiner umstrittenen Israelkritik nimmt sich Günter Grass in einem neuen Gedicht nun Europas Umgang mit Griechenland vor.
FAZ, 25.05.2012

Dichtung legt sich nicht mit der Realität an
Dichtung sei unerlässlich, hat Jean Cocteau einmal gesagt, man wisse nur nicht genau, wofür. Was wie eine Pointe klingt, trifft die Essenz der Sache, meint der Lyriker Durs Grünbein und beschreibt damit eine Gegenposition zum Dichtungsverständnis von Günter Grass.
Von DURS GRÜNBEIN, FAZ 25.5.2012

Noch’n Gedicht
Wo wäre Günter Grass ohne Griechenland?

Ein paar Schlagwörter zu Griechenland, der Antike und Europa, verschrobene Sätze, unsinnige Genitivkonstruktionen - das Satiremagazin „Titanic“ hätte die Persiflage eines Grass-Gedichts auch nicht besser hinbekommen.
Von VOLKER WEIDERMANN, FAZ, 26.05.2012

Leserdebatte
Günter Grass' neues Gedicht "Europas Schande"

Tagelang schwieg Grass zum gegen ihn verhängten Einreiseverbot, dann meldet er sich zu Wort und legt gleich neues Feuer nach. Er spricht von DDR-Methoden, Zwangsmaßnahmen und... Günter Grass neues Gedicht heißt "Europas Schande" und setzt sich mit Griechenlands Schuldenkrise auseinander. Er kritisiert darin den Umgang der Europäer mit den Griechen. Zu Recht?
Von Inga Höltmann. Tagesspiegel, 26.05.2012

EUROPAS SCHANDE
Jack Sparrow, Oskar Matzerath und das Grass-Gedicht
Wer hat eigentlich das neueste Gedicht von Günter Grass über „Europas Schande“ geschrieben? Ein Verwirrspiel erregt die Kulturnation und Griechenland geht trotzdem pleite
VON RENATE FUCHS, Cicero, 29. MAI 2012

„Maßlose Wichtigtuerei“
Was Hellmuth Karasek Günter Grass besonders übel nimmt, warum er mit Spannung auf den nächsten Handke wartet und sich ungern zur sexuellen Revolution äußert. Hellmuth Karasek im Interview
INTERVIEW MIT HELLMUTH KARASEK, Cicero 30.5.2012

GRIECHENLAND-RETTUNG
Die Antike in Ehren
IWF-Chefin Lagarde beschimpft die Griechen. Günter Grass tut das Gegenteil. Wer hat denn nun recht?
Ulrich Greiner, DIE ZEIT, 31.5.2012

Europas Schande" und die Ignoranz der Spötter
Die Kritik an Günter Grass' Griechenland-Gedicht hält Konstantin Sakkas für plumpen, primitiven Schulhofspott
Von Konstantin Sakkas, dradio.de, 1.6.2012

Wenn nichts gesagt wird
Warum das neue Gedicht von Günter Grass kein Skandal ist
Von Dieter Lamping, Literaturkritrik.de, Juni 2012