Der bekannte und teils berüchtigte japanische Filmregisseur Nagisa Ōshima ist am 15. Januar 2013 verstorben. Weltweit bekannt wurde er mit seinem Skandalfilm "Im Reich der Sinne".
Nagisa Ōshima (jap. 大島 渚Ōshima Nagisa; * 31. März 1932 in Kyoto, Japan; † 15. Januar 2013 in Fujisawa, Japan) war ein japanischer Filmregisseur und Drehbuchautor.
Wenn ein jüngerer Mann, etwa von dreiundzwanzig Jahren, an einer verlassenen Straßenecke am Boden liegt, stöhnend, weil er mit einem tödlichen Gas ringt, das eine Fliegerbombe in der Stadt verbreitet hat, er keucht, die Augen sind aus ihren Höhlen getreten, im Munde verspürt er einen widerwärtigen Geschmack, und in seinen Lungen sticht es, es ist, wie wenn er unter Wasser atmen sollte --: dann wird dieser junge Mensch mit einem verzweifelten Blick an den Häusern hinauf, zum Himmel empor, fragen:
»Warum --?«
Weil, junger Mann, zum Beispiel in einem Buchladen einmal eine sanfte grüne Lampe gebrannt hat. Sie bestrahlte, junger Mann, lauter Kriegsbücher, die man dort ausgestellt hatte; sie waren vom ersten Gehilfen fein um die sanft brennende Lampe herumdrapiert worden, und die Buchhandlung hatte für dieses ebenso geschmackvolle wie patriotische Schaufenster den ersten Preis bekommen.
Weil, junger Mann, deine Eltern und deine Großeltern auch nicht den leisesten Versuch gemacht haben, aus diesem Kriegsdreck und aus dem Nationalwahn herauszukommen. Sie hatten sich damit begnügt -- bitte, stirb noch nicht, ich möchte dir das noch schnell erklären, zu helfen ist dir ohnehin nicht mehr -- sie hatten sich damit begnügt, bestenfalls einen allgemeinen, gemäßigten Protest gegen den Krieg loszulassen; niemals aber gegen den, den ihr sogenanntes Vaterland geführt hat, grade führt, führen wird. Man hatte sie auf der Schule und in der Kirche, und, was noch wichtiger war, in den Kinos, auf den Universitäten und durch die Presse national vergiftet, so vergiftet, wie du heute liegst: hoffnungslos. Sie sahen nichts mehr. Sie glaubten ehrlich an diese stumpfsinnige Religion der Vaterländer, und sie wußten entweder gar nicht, wie ihr eignes Land aufrüstete: geheim oder offen, je nach den Umständen; oder aber sie wußten es, und dann fanden sies sehr schön. Sehr schön fanden sie das. Deswegen liegst du, junger Mann.
Was röchelst du da --? »Mutter?« -- Ah, nicht doch. Deine Mutter war erst Weib und dann Mutter, und weil sie Weib war, liebte sie den Krieger und den Staatsmörder und die Fahnen und die Musik und den schlanken, ranken Leutnant. Schrei nicht so laut; das war so. Und weil sie ihn liebte, haßte sie alle die, die ihr die Freude an ihrer Lust verderben wollten. Und weil sie das liebte, und weil es keinen öffentlichen Erfolg ohne Frauen gibt, so beeilten sich die liberalen Zeitungsleute, die viel zu feige waren, auch nur ihren Portier zu ohrfeigen, so beeilten sie sich, sage ich dir, den Krieg zu lobpreisen, halb zu verteidigen und jenen den Mund und die Druckerschwärze zu verbieten, die den Krieg ein entehrendes Gemetzel nennen wollten; und weil deine Mutter den Krieg liebte, von dem sie nur die Fahnen kannte, so fand sich eine ganze Industrie, ihr gefällig zu sein, und viele Buchmacher waren auch dabei. Nein, nicht die von der Rennbahn; die von der Literatur. Und Verleger verlegten das. Und Buchhändler verkauften das.
Und einer hatte eben diese sanft brennende Lampe aufgebaut, sein Schaufenster war so hübsch dekoriert; da standen die Bücher, die das Lob des Tötens verkündeten, die Hymne des Mordes, die Psalmen der Gasgranaten. Deshalb, junger Mann.
Eh du die letzte Zuckung tust, junger Mann: Man hat ja noch niemals versucht, den Krieg ernsthaft zu bekämpfen. Man hat ja noch niemals alle Schulen und alle Kirchen, alle Kinos und alle Zeitungen für die Propaganda des Krieges gesperrt. Man weiß also gar nicht, wie eine Generation aussähe, die in der Luft eines gesunden und kampfesfreudigen, aber kriegablehnenden Pazifismus aufgewachsen ist. Das weiß man nicht. Man kennt nur staatlich verhetzte Jugend. Du bist ihre Frucht; du bist einer von ihnen -- so, wie dein fliegender Mörder einer von ihnen gewesen ist.
Darf ich deinen Kopf weicher betten? Oh, du bist schon tot. Ruhe in Frieden. Es ist der einzige, den sie dir gelassen haben.
Georg Theodor Franz Artur Heym (30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien - 16. Januar 1912 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller und einer der wichtigsten Lyriker des frühen literarischen Expressionismus.
Was kommt ihr, weiße Falter, so oft zu mir? Ihr toten Seelen, was flattert ihr also oft Auf meine Hand, von euerm Flügel Haftet dann oft ein wenig Asche.
Die ihr bei Urnen wohnt, dort wo die Träume ruhn In ewigen Schatten gebückt, in dem dämmrigen Raum Wie in den Grüften Fledermäuse Die nachts entschwirren mit Gelärme.
Ich höre oft im Schlaf der Vampire Gebell Aus trüben Mondes Waben wie Gelächter, Und sehe tief in leere Höhlen Der heimatlosen Schatten Lichter.
Was ist das Leben? Eine kurze Fackel Umgrinst von Fratzen aus dem schwarzen Dunkel Und manche kommen schon und strecken Die magren Hände nach der Flamme.
Was ist das Leben? Kleines Schiff in Schluchten Vergeßner Meere. Starrer Himmel Grauen. Oder wie nachts auf kahlen Feldern Verlornes Mondlicht wandert und verschwindet.
Weh dem, der jemals einen sterben sah, Da unsichtbar in Herbstes kühler Stille Der Tod trat an des Kranken feuchtes Bette Und einen scheiden ließ, da seine Gurgel
Wie einer rostigen Orgel Frost und Pfeifen Die letzte Luft mit Rasseln stieß von dannen. Weh dem, der sterben sah. Er trägt für immer Die weiße Blume bleiernen Entsetzens.
Wer schließt uns auf die Länder nach dem Tode, Und wer das Tor der ungeheuren Rune. Was sehn die Sterbenden, daß sie so schrecklich Verkehren ihrer Augen blinde Weiße.
Die Stadt
Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein Zerreißet vor des Mondes Untergang. Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.
Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt, Unzählig Menschen schwemmen aus und ein. Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein Eintönig kommt heraus in Stille matt.
Gebären, Tod, gewirktes Einerlei, Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei, Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.
Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand, Die drohn im Weiten mit gezückter Hand Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.
Der Hunger
Er fuhr in einen Hund, dem groß er sperrt Das rote Maul. Die blaue Zunge wirft Sich lang heraus. Er wälzt im Staub. Er schlürft Verwelktes Gras, das er dem Sand entzerrt.
Sein leerer Schlund ist wie ein großes Tor, Drin Feuer sickert, langsam, tropfenweise Das ihm den Bauch verbrennt. Dann wäscht mit Eis Ihm eine Hand das heiße Speiserohr.
Er wankt durch Dampf. Die Sonne ist ein Fleck, Ein rotes Ofentor. Ein grüner Halbmond führt Vor seinen Augen Tänze. Er ist weg.
Ein schwarzes Loch gähnt, draus die Kälte stiert. Er fällt hinab, und fühlt noch, wie der Schreck Mit Eisenfäusten seine Gurgel schnürt.
Der Gott der Stadt
Auf einem Häuserblocke sitzt er breit. Die Winde lagern schwarz um seine Stirn. Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit Die letzten Häuser in das Land verirrn.
Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal, Die großen Städte knieen um ihn her. Der Kirchenglocken ungeheure Zahl Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.
Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik Der Millionen durch die Straßen laut. Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.
Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen. Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt. Die Stürme flattern, die wie Geier schauen Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.
Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust. Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.
Danton Juni 1910
»Mich töten? Herrscht der Wahnsinn im Konvent? Die Schafe dulden es?« Und wütend greift Ans Gitter seine Hand, das schneebereift. Er schlägt die Stirn sich, die vom Wachen brennt.
»Wär es noch Marat, der im Staube schleift Paris und mich. Doch solch ein Regiment, Das nur aus Angst von Mord zu Morde rennt, Und das mit Tugendschlamm das Volk beseift.
Der dürre Geckenkopf, der nichts vollbracht, Er soll mich töten dürfen? Robespierre, Ich zieh dich hinter mir in Todes Nacht.«
Er weint vor Wut. »Ist keine Rettung mehr?« Des Halstuchs rote Seide wird ihm sacht Von Tränen schwarz. Die Augen werden leer.
Robespierre
Er meckert vor sich hin. Die Augen starren Ins Wagenstroh. Der Mund kaut weißen Schleim. Er zieht ihn schluckend durch die Backen ein. Sein Fuß hängt nackt heraus durch zwei der Sparren.
Bei jedem Wagenstoß fliegt er nach oben. Der Arme Ketten rasseln dann wie Schellen. Man hört der Kinder frohes Lachen gellen, Die ihre Mütter aus der Menge hoben.
Man kitzelt ihn am Bein, er merkt es nicht. Da hält der Wagen. Er sieht auf und schaut Am Straßenende schwarz das Hochgericht.
Die aschengraue Stirn wird schweißbetaut. Der Mund verzerrt sich furchtbar im Gesicht. Man harrt des Schreis. Doch hört man keinen Laut.
Man kann, als Außenstehender, vielleicht etwas vom Sterben kennen. Selbst allerdings nur solange man stirbt und noch nicht gestorben ist. Denn der Sterbende verliert mit dem Sterben jede Kenntnis. Er weiß nichts mehr, weil er ja nicht mehr lebt. Und keinen Tod kann man erfahren, weil Erfahrung Leben bedingt, und der Tod ja das Ende des Lebens ist. Also ist er unerfahrbar.
Warum schwätz jemand so kokett, eigentlich dumm?