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Mittwoch, 12. September 2018

Musik, Revolution, Krieg

ARTE bringt eine dreiteilige Serie
Musik in Zeiten von Krieg und Revolution
wovon der erste Teil schon ausgestrahl wurde und in der Mediathek nachgesehen werden kann.

Aus dem Begleittext:

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, blieb die Musikwelt davon nicht unberührt. Unvermeidlich wurden die Künstler involviert, sei es als Soldaten an der Front oder als Komponisten, die nun patriotische Musik oder musikalische Hymnen einer verlorenen Welt schaffen sollten. Die dreiteilige Dokumentarreihe erforscht die bekannten und unbekannten, die offenkundigen und die verdeckten Verbindungen zwischen Musik, Krieg und Revolution. Jede Folge behandelt unterschiedliche Blickwinkel der Verbindung von Krieg und Politik. Die ersten beiden Folgen untersuchen die hoffnungsvolle und später tragische Verwicklung von Kunst und Politik, die das Leben und Schaffen vieler Künstler während des Ersten Weltkrieges maßgeblich prägte. Teil drei begibt sich auf die Suche nach den politischen Aspekten der Musik und deren Auswirkungen bis heute. Dabei ist jeder Film thematisch in sich geschlossen. Folge eins setzt ihren Fokus auf den Enthusiasmus, den der Krieg in der Musikwelt entfachte: auf Musiker und Komponisten, die glühende Patrioten und Soldaten wurden. Wie gingen Musiker und Komponisten wie Alban Berg, Arnold Schönberg, Maurice Ravel und Bela Bartok mit dieser Kriegszeit um? Wie beeinflussten ihre Erlebnisse an der Kriegsfront ihre Kompositionen? Was verraten die Kompositionen über diese Ära und deren Geist, den Glauben und die künstlerische Wandlung in dieser Epoche? Die Dokumentation kombiniert wichtige historische Schauplätze im Leben der Komponisten und Musiker: so den Originalschauplatz der Kriegsfront von Verdun mit der Voie Sacrée und das alte Wien mit dem Wiener Musikverein.

Die Belege der Kriegsbegeisterung auch moderner Künstler sind erschütternd. Die Kriegsgeilheit war allumfassend. Der tiefere, soziale Kern der Sehnsucht nach Gewissheit, nach Gewohntem, nach Männlichkeit bewährter Vorstellung, nach Individualität in der entfremdeten Industriegesellschaft war eine Triebfeder für atavistisches Verhalten, wie es heute wieder von Identitären aller couleurs gepflegt wird.

Donnerstag, 11. Januar 2018

Entsinnlichung der Kunst

Haimo L. Handl

Unsere körperfeindliche Zeit wendet sich mehr dem Datenerzeugen und -erfassen zu, registriert, speichert, dokumentiert, wertet aus, orientiert sich an Quantitäten und beachtet massenhaft die Äußerungen des Massengeschmacks. Trotz "bester" Kommunikationsmittel und -einrichtungen scheint eine gleichförmige Einheit gegeben, die im Widerspruch zu den Potentialen steht: der Individualismus ist nur ein scheinbarer, der an die Leine genommen in Reih und Glied nicht aufmuckt.

Um Sinnlichkeit noch irgendwie auszukosten oder zu erlangen, bedarf es für immer mehr Angehörige der Konsumgesellschaft entsprechender Drogen, die einerseits enthemmen, den kognitiven Bereich verringern, andererseits Sinnesreize vermitteln, die über andere Kanäle, sei es mediale oder direkte, eigene körperliche Aktionen, nicht mehr erreichbar sind aufgrund der lange andauernden Abstumpfung.

Verschiedene psychologische Untersuchungen warnen vor diesem Phänomen, einige soziologische stellen die tiefe gesellschaftliche Entfremdung fest, die auch durch die virtuellen Kontakte nicht wettgemacht werden können.

Drinks, Essen und Sex in der virtuellen Welt offeriert oder ersatzweise (als Zeichen) konsumiert, sind nun mal nicht "real", es fehlt der konkrete Stoff. Der schönste Trailer über ein kostbares Festmahl stillt keinen Hunger, stachelt höchstens zum weiterern Konsum an, der aber versagt bleibt. Und die Versprechungen der Wunschwelt sind einfach nicht handfest: weder ändert sich die ermüdende Arbeitssituation, noch steigert sich die Erotik, sei es über X Jungfrauen oder Nutten oder Mammies.

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, den einer Art Vergeistigung oder Intellektualisierung, der sich besonders im Musikalischen zeigt.

Friedrich Nietzsche lieferte als sensibler Psycholog und aufmerksamer Philosoph dazu einige Bemerkungen, die auch heute zum Weiterdenken oder Widersprechen anregen können.



Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenchliches I/217 (1878):

Die Entsinnlichung der höheren Kunst. – Unsere Ohren sind, vermöge der
ausserordentlichen Uebung des Intellects durch die Kunstentwickelung
der neuen Musik, immer intellectualer geworden. Deshalb ertragen wir
jetzt viel grössere Tonstärke, viel mehr "Lärm", weil wir viel besser
eingeübt sind, auf die Vernunft in ihm hin zu horchen, als unsere
Vorfahren.
Thatsächlich sind nun alle unsere Sinne eben dadurch, dass
sie sogleich nach der Vernunft, also nach dem "es bedeutet" und nicht
mehr nach dem "es ist" fragen, etwas abgestumpft worden: wie sich eine
solche Abstumpfung zum Beispiel in der unbedingten Herrschaft der
Temperatur der Töne verräth; denn jetzt gehören Ohren, welche die
feineren Unterscheidungen, zum Beispiel zwischen cis und des, noch
machen, zu den Ausnahmen. In dieser Hinsicht ist unser Ohr vergröbert
worden. Sodann ist die hässliche, den Sinnen ursprünglich feindselige
Seite der Welt für die Musik erobert worden; ihr Machtbereich,
namentlich zum Ausdruck des Erhabenen, Furchtbaren, Geheimnisvollen,
hat sich damit erstaunlich erweitert; unsere Musik bringt jetzt Dinge
zum Reden, welche früher keine Zunge hatten.
In ähnlicher Weise haben einige Maler das Auge intellectualer gemacht und sind weit über Das hinausgegangen, was man früher Farben- und Formenfreude nannte. Auch
hier ist die ursprünglich als hässlich geltende Seite der Welt vom
künstlerischen Verstande erobert worden. –
Was ist von alledem die Consequenz? je gedankenfähiger Auge und Ohr werden, um so mehr kommen sie an die Gränze, wo sie unsinnlich werden: die Freude wird in's
Gehirn verlegt, die Sinnesorgane selbst werden stumpf und schwach, das
Symbolische tritt immer mehr an Stelle des Seienden, - und so gelangen
wir auf diesem Wege so sicher zur Barbarei, wie auf irgend einem
anderen.
Einstweilen heisst es noch: die Welt ist hässlicher als je, aber sie bedeutet eine schönere Welt als je gewesen. Aber je mehr der Ambraduft der Bedeutung sich zerstreut und verflüchtigt, um so seltener werden Die, welche ihn noch wahrnehmen: und die Uebrigen
bleiben endlich bei dem Hässlichen stehen und suchen es direct zu geniessen, was ihnen aber immer misslingen muss.
So giebt es in Deutschland eine doppelte Strömung der musicalischen Entwickelung:
hier eine Schaar von Zehntausend mit immer höheren, zarteren Ansprüchen und immer mehr nach dem "es bedeutet" hinhörend, und dort die ungeheuere Ueberzahl, welche alljährlich immer unfähiger wird, das Bedeutende auch in der Form der sinnlichen Hässlichkeit zu verstehen und desshalb nach dem an sich Hässlichen und Ekelhaften, das heisst dem niedrig Sinnlichen, in der Musik mit immer mehr Behagen greifen lernt.


Gerade in der deutschen oder deutschsprachigen Kulturkritik findet man ähnliche Befunde von rechts und links. Breitere Aufmerksamkeit erregte die Philosophische Anthropologie, als deren Hauptvertreter Arnold  Gehlen (1904-1976), Helmuth Plessner (1892-1985)  und Max Scheler (1874-1928) galten. In den 1960er  Jahren galt Gehlen als konservativer Gegenspieler Theodor W. Adornos. [Von Gesprächen mit Arnold Gehlen und Theodor W. Adorno gibt es viele Aufzeichnungen in Youtube bzw. am Markt als CDs. Hier ein Link auf das Gespräch 1966 von Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen: Soziologische Erfahrungen an der modernen Kunst.

Die "klassische" reaktionäre oder erzkonservative Kulturkritik, z.B. von Oswald Spenger (1880-1936) oder Ludwig Klages (1872-1956) liefert ebenfalls Material zur besprochenen Problematik. Man könnte auch ergänzen durch einige Schriften des spanischen Philosophen Ortega Y Gasset (1883-1955), von dem viel ins Deutscshe übersetzt vorliegt. In seinem Buch "Die Aufgabe unserer Zeit" (Orig. 1923, dt. Übers. 1928 und später) geht er auch in einem Kapitel "Die Vertreibung des Menschen aus der Kunst" auf die hier besprochene Thema ein, allerdings in einem etwas enervierenden oberlehrerhaften Ton, der heute schwer lesbar ist. [Dass der berühmte Romanist Ernst Robert Curtius (1886-1956) in seiner Einleitung von Gassets Buch, dem Zug der Zeit entsprechend, rassistisch urteilt, ist, heute zumindest, sehr peinlich. Die Stelle lautet: "Er (Gasset) gehört einer Rasse an, deren künstlerische Begabung ihr Höchstes in der Schildung des konkreten Menschen erreicht, im psychologischen Realismus des Porträts.")

Unser Ausgangstext von 1878 von Nietzsche beinhaltet aber immer noch das Wesentliche, wie es erst später von Semiotikern und Sprachphilosophen präziser unterschieden wurde: Sein & Schein, das Konkrete & das Zeichen, das, was IST & das, was auf etwas verweist, hinweist (bezeichnet). Nicht zuletzt Ludwig Wittgenstein (1889-1951) hat dies in seinen philosophischen Untersuchungen reflektiert, hat um das Sprachspiel gedacht, von dem Nietzsche, kultürlich in seiner anderen Sprache, schon redete.

Ein anderer Aspekt drängt sich ebenfalls auf: die Rolle der Dichtung, des Schreibens, der Sprache. Kann Sprache sinnlich sein? Sie ist ja immer zeichenvermittelt und nie sinnlich, nie "direkt" (mit den ganz wenigen Ausnahmen onomatopoetischer Entäußerungen). Sie operiert immer in einem Regelwerk (Grammatik) mit Zeichen, die mehr oder weniger semantisch geladen sind. Noch die lyrischte Leistung muss, wenn sie sprachlich bleibt, sich dem fügen. Die Versuche, Sprache als Musik zu leisten schlagen alle fehl. Meist sind es Versuche von Grenzgängern, die gerne möchten, aber es nicht können, weil dann würden sie das Symbolsystem wechseln und eben Musik komponieren. 

Warum werden aber gewisse Sprachäußerungen als sinnlich oder sinnlicher als andere gehört, gelesen, verstanden? Ist hier die Metaphorik am Werk? Klar, poetische Sprache wertet den Anteil der Form (des Mediums, des verwendeten Symbolsystems) auf, folgt aber immer noch dem Sprachsystem. 
Ein Geleier oder Gelabber und Gesabber oder völlig unverständlich Konstruiertes eines Idiolekts fällt nicht mehr in den Sprachbereich und wird einerseits nie der Verständigung dienen, andererseits nie die Spannung zwischen Gehalt (Semantik) und eingesetzten Sprachmitteln (Form) transportieren. Das heißt, die Verführung durch den "Geist", den Intellekt liegt im Sprachlichen viel näher und gewichtiger als sonstwo. (Man lese z.B. "Der Geist als Widersacher der Seele" oder, näher zu uns, zeitlich als auch ideologisch, George Steiner (*1929), der vor allem in seinem Buch "Real Presences" (1989) auf das Sekundäre, das Kommentierte eingeht (Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? 1990) und die Schwäche oder den Mangel des Originären behandelt. heute, 29 Jahre später, klingen seine Sätze noch wahrer und schwerer, weil damals die massenweise Ausrichtung auf die Anmerkungskultur (oder Unkultur) noch in den Anfängen lag.


Freitag, 27. Oktober 2017

Könnerschaft


Kürzlich sah und hörte ich mir eine ältere Aufzeichnung des alpha Forums an aus dem Jahr 2004: ein Gespräch mit Joachim Kaiser, dem berühmten und sehr bekannten Musik- und Theaterkritiker, der am 11. Mai dieses Jahres in München 89jährig verstarb.

Was für ein Genuss, welche Freude, einen so gescheiten Menschen hören zu können! Er schwätzt nicht, er opfert nicht billig einer möglichen Pointe oder dem Quotengag, er passt sich nicht duckerisch der reduzierten Sprache der Mehrheit des Publikums an, die, ungebildet, verwöhnt und verblödet zugleich, immer dort abgeholt werden will, wo sie ist, nämlich in der geistigen Gosse, immer nervös, hektisch, unbedacht, ungeduldig, auf möglischt sofortige Befriedigung ihrer dumpfen Gelüste aus, im Dauerkonsum schwimmend und absaufend.

An ihm lässt sich die wachsende Kluft ablesen, die jene kleine, kleine Minderheit und die wachsende Mehrheit der Eingepassten, Angepassten, Verwalteten trennt. So wird ein Gespräch unfreiwillig auch zum Dokument einer Sorge und eines Schmerzes.

Hören Sie selbst:

 

Donnerstag, 15. Oktober 2015

die horen 259

Sonne, Mond und Sterne
Von Literatur und Musik

Zusammengestellt von Jürgen Krätzer, Ulrich Steinmetzger, Benedikt Viertelhaus

die horen, Bd. 259, 60. Jahrgang

Die jüngste Ausgabe liegt in unserer Bibliothek auf!

Donnerstag, 13. November 2014

Dialog zwischen Musik und Philosophie am Tegernsee

Was uns Musik des 20. Jahrhunderts zu sagen hat
Kompositionen unter anderem von Maurice Ravel, Alexander Nikolajewitsch Skrjabin und John Cage bilden den Mittelpunkt eines Dialoges der besonderen Art, mit dem die Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München ihre Reihe „weiter denken“ am Tegernsee fortsetzt.

Der vielfach ausgezeichnete Tegernseer Nachwuchspianist Amadeus Wiesensee spielt am Donnerstag, 20. November 2014, ab 19.00 Uhr im Barocksaal des Gymnasiums Tegernsee ausgewählte Werke von Impressionismus bis Avantgarde und reflektiert mit dem Philosophen Michael Bordt SJ, unter anderem Professor für Ästhetik an der Hochschule für Philosophie, über das Thema „The Rest is Silence? Was uns Musik des 20. Jahrhunderts zu sagen hat“.
Ein anschließender Empfang lädt zu weiterführenden Diskussionen ein.

Der 1993 geborene Amadeus Wiesensee erhielt seinen ersten Klavierunterricht im Alter von sechs Jahren. Bevor er 2013 sein Vollstudium an der Hochschule für Musik und Theater München auf-nahm, war er Jungstudent am Leopold Mozart Institut des Mozarteums Salzburg und am Institut zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Zahlreiche Meisterkurse und Einladungen ergänzen seine Ausbildung. Mehrfach gewann Wiesensee angesehene 1. Preise, 1. Bundespreise und Förderpreise – unter anderem bei „Jugend mu-siziert“ und dem Internationalen Münchner Klavierpodium. Neben seiner musikalischen Ausbildung studiert Wiesensee auch an der Hochschule für Philosophie.

Michael Bordt SJ lehrt und forscht seit 1997 an der Hochschule für Philosophie in München, seit 2004 als Professor für Philosophische Anthropologie, Ästhetik und Geschichte der Philosophie mit dem Schwerpunkt Antike. Seit 2011 ist er Vorstand des Instituts für Philosophie und Leadership der Hochschule, deren Präsident er zuvor seit 2005 war. Er studierte Philosophie und Theologie unter anderem in Hamburg, Frankfurt und München. 1997 wurde er an der Universität Oxford promoviert und 2003 in Fribourg habilitiert. Er lehrte außerdem an der Universität Princeton sowie der Columbia-Universitiy in New York.

Das Podiumsgespräch, das zum UNESCO-Welttag der Philosophie stattfindet, ist die zweite Veranstaltung der Tegernseer Dialogreihe „weiter denken“ der Hochschule für Philosophie. In Kooperation mit dem Förderverein Kunst & Kultur Rottach-Egern e.V. knüpft die Hochschule mit der Reihe bewusst an eine Tradition der geistigen und geistlichen Auseinandersetzung mit Fragen der Zeit an, die im Tegernseer Tal bis in die frühe Renaissance zur Reform des benediktinischen Mönchstums in Bayern zurückreicht, die von Tegernsee ihren Ausgang nahm. In drei weiteren Veranstaltungen zu den Themen Motivation, Religion und Globalisierung suchen im Barocksaal des Gymnasiums Tegernsee und dem Park-Hotel Egerner Höfe bis Mai 2015 Professoren der Hochschule den Austausch mit hochrangigen gesellschaftlichen Repräsentanten und Wissenschaftlern.

** Eine Übersicht über alle Veranstaltungen der Reihe „weiter denken“ finden Sie unter www.hfph.de/weiterdenken. Um Anmeldung per E-Mail an weiterdenken@hfph.de wird gebeten

Mittwoch, 29. Mai 2013

100. Jahrestag der Uraufführung von Stravinskis Meisterwerk

Le Sacre du Printemps - Igor Stravinski

Wikipedia

Bitte 2013, alles, nur nicht noch drei Dutzend Frühlingsopfer, zum einhundertsten Geburtstag
Wiebke Hüster , Blog FAZ, 27.12.2012


 









 
Theodor W. Adorno, der Philosoph, Soziologe, Komponist und Musiktheoretiker, hielt im Juni 1962 im Hessischen Rundfunk den Vortrag: "Stravinksy: Einm dialektisches Bild", der kurz darauf im FORUM veröffetnlicht wurde; die revidierte Textfassung ist in: Quasi una fantasia. Musikalische Schriften II. II Vergegenwärtigungen. Bd. 16 der Gesammelten Schriften, S. 382-409 (Suhrkamp, Frankfurt 1978). Ein Zitat aus dem Schluss des Beitrags:
"Strawinskys Befangenheit im Immergleichen ist zugleich die in der Kultur. Das kettet ihn an die Affirmation und stiftet  ein sinistres Büdnis zwischen seiner Musik und dem Schaurigen, das sie aufzeichnet. Aber ihre Komplizität mit der Unwahrheit ist hart an der Wahrheit. Der Parodiker ist auch einer der Dialektik. Diese bestimmt das Neue als in sich selbst reflektierte, umschlagende Gestalt des Alten. Bei ihm wird das Alte unmittelbar bestätigt, aber die Gewalt, die auf das immer Identische drückt, raubt ihm seine Identität, köpft es schließlich, indem sie es erzwingt. In den Augenblicken, in denen bei Strawinsky Charaktere des Schwachsinnigen, Idiotischen hörbar wrden, in der imagerie des Clowns, die seit der Szene bei Petruschka immer wiederkehrt, stellt das verdinglichte Bewußtsein, dessen exemplarischer Musiker er gewesen ist, sich dar, ohne ein anderes zu werden oder ein anderes zu erschleichen, und doch mehr als nur es selber. (...) Wiederhlung selber ist ein Schema des Vertierten. Indem Musik ihm sich anheimngibt, verwandelt sie äußerste Naturferne in ihr eigenes Tierhaftes. Ihr Geist wird Kreatur. Die Stellen Strawinskys, in denen das glückt, sind unauschlöschlich."
Auf Strawinsky war er allerdings schon früher eingegangen, nämlich in seinem ersten Buch, das er nach der Naziherrschaft wieder in Deutschland veröffentlichte: "Philosophie der neuen Musik" (1949). Diese Publikation hat viel Staub aufgewirbelt. Sie ist nicht nur eine musikalische Kritik, sondern auch eine gesellschaftliche, ideologische mit vielen Aufweisungen weiter Verbindungen einer komplexen, nicht nur französisch-russischen, sondern europäischen Struktur.

Hier einige Zitate daraus:


Adorno: Strawinsky und die Restauration

Verzicht auf allen Psychologismus, die Reduktion auf das reine Phänomen, wie es als solches sich gibt, soll eine Region unbezweifelbaren, »authentischen« Seins eröffnen. Hier wie dort verführt das Mißtrauen gegen das nicht Originäre – im tiefsten die Ahnung des Widerspruchs zwischen der realen Gesellschaft und ihrer Ideologie – dazu, den »Rest«, der nach Abstrich des vermeintlich Hineingelegten übrig sei, als Wahrheit zu hypostasieren. Hier wie dort ist der Geist in der Täuschung befangen, er könne im eigenen Umkreis, dem von Gedanken und Kunst, dem Fluch entrinnen, bloß Geist, Reflexion, nicht Sein selber zu sein; hier wie dort wird der unvermittelte Gegensatz von »Sache« und geistiger Reflexion zum Absoluten gemacht und darum das Produkt vom Subjekt mit der Würde des Natürlichen investiert. Beide Male handelt es sich um den schimärischen Aufruhr von Kultur gegen ihr eigenes Wesen als Kultur. Solchen Aufruhr unternimmt Strawinsky nicht bloß im vertraut-ästhetischen Spiel mit der Barbarei, sondern in der grimmigen Suspension dessen, was in Musik Kultur hieß, des human beredten Kunstwerks. Ihn zieht es dorthin, wo Musik, hinter dem entfalteten bürgerlichen Subjekt zurückgeblieben, als intentionslose fungiert und körperliche Bewegungen anregt anstatt noch zu bedeuten: dorthin, wo die Bedeutungen so ritualisiert sind, daß sie nicht als spezifischer Sinn des musikalischen Akts erfahren werden. Das ästhetische Ideal ist das des unbefragten Vollzugs. Wie Frank Wedekind in seinen Zirkusstücken wird ihm »körperliche Kunst« zur Parole. Er beginnt als Stabskomponist des russischen Balletts. Seit Petruschka zeichnen seine Partituren Gesten und Schritte vor und entfernen sich weiter stets von der Einfühlung in die dramatische Person. Sie schränken sich spezialistisch ein, im äußersten Gegensatz zu jenem umfassenden Anspruch, wie ihn die Schönbergschule noch in ihren exponiertesten Gebilden mit dem Beethoven der Eroica teilt. Der Arbeitsteilung, wie sie in der Ideologie von Schönbergs »Glücklicher Hand« denunziert wird, entrichtet Strawinsky listig den Tribut, der Hilflosigkeit des Versuchs sich bewußt, über die Grenze des handwerklich definierten Vermögens durch Vergeistigung hinauszugehen. Darin lebt, neben der zeitgemäßen Gesinnung des Fachmanns, ein Antiideologisches: seine präzise Aufgabe erfüllen; nicht, wie Mahler es nannte, mit allen Mitteln der Technik eine Welt bauen. Als Kur gegen die Arbeitsteilung schlägt er vor, sie auf die Spitze zu treiben und damit der arbeitsteiligen Kultur ein Schnippchen zu schlagen. Aus dem Spezialistentum macht er die Spezialität von Music Hall, Varieté und Zirkus, wie sie in »Parade« von Cocteau und Satie glorifiziert, aber schon in Petruschka vorgedacht ist. Die ästhetische Leistung wird vollends, wozu sie bereits im Impressionismus sich anschickte, tour de force, Brechung der Schwerkraft, Vorspiegelung eines Unmöglichen durch äußerste Steigerung des Sondertrainings. (...)
Das blind unendliche, den ästhetischen Antinomien gleichsam entronnene Gelingen des Akrobatenaktes wird bejubelt als jähe Utopie eines kraft äußerster Arbeitsteilung und Verdinglichung die bürgerlichen Grenzen Überfliegenden. Intentionslosigkeit gilt für das Versprechen der Einlösung aller Intention. Petruschka, dem Stil nach »neoimpressionistisch«, setzt sich aus ungezählten Kunststücken, vom auskomponierten Sekundengeschwirr des Jahrmarkts bis zur verhöhnenden Nachahmung aller von der offiziellen Kultur verworfenen Musik, zusammen. Er kommt aus der Atmosphäre des literarisch-kunstgewerblichen Kabaretts. (...)
Die Tendenz führt vom Kunstgewerbe, das die Seele als Ware zurichtet, zur Negation der Seele im Protest gegen den Warencharakter: zur Vereidigung der Musik auf die Physis, zu ihrer Reduktion auf die Erscheinung, die objektive Bedeutung annehme, indem sie auf Bedeuten von sich aus verzichtet. (…)
Aber in der Behandlung des tragischen Clowns trennen sich die historischen Linien der neuen Musik 3.
[Fußnote 3: Der frühere Strawinsky war, wie Cocteau damals offen aussprach, von Schönberg weit stärker beeindruckt, als heute im Streit der Schulen zugegeben wird. An den Japanischen Liedern und vielen Details des Sacre, zumal der Introduktion, ist der Einfluß offenbar. Aber er dürfte sich bis auf den Petruschka zurückverfolgen lassen. Das Partiturbild der letzten Takte vor dem berühmten russischen Tanz des ersten Bildes etwa, nach Ziffer 32, vor allem vom vierten Takt an, wäre ohne Schönbergs Orchesterstücke op. 16 schwer vorzustellen.]

Wohl fehlen ihm nicht subjektivistische Züge, aber die Musik schlägt sich eher auf die Seite derer, die den Mißhandelten verlachen, als auf dessen eigene, und folgerecht wird die Unsterblichkeit des Clowns am  Ende für das Kollektiv nicht zur Versöhnung sondern zur bösen Drohung. Subjektivität nimmt bei Strawinsky den Charakter des Opfers an, aber – und darin mokiert er sich über die Tradition humanistischer Kunst – Musik identifiziert sich nicht mit diesem sondern mit der vernichtenden Instanz. Durch die Liquidation des Opfers entäußert sie sich der Intentionen, der eigenen Subjektivität. (...)
In solchem eitlen Leiden unter dem Wissen ist bereits ein Moment der Selbstauslöschung des Betrachters impliziert. Wie er im Tönen der Karussells gleichsam untergeht und sich als Kind aufspielt, um dergestalt die Last des rationalen Alltags wie der eigenen Psychologie loszuwerden, so entäußert er sich seines Ichs und sucht Glück in der Identifikation mit jener unartikulierten Menge Le Bonschen Wesens, deren Imago das Getön enthält 4.
[Fußnote 4: Hier vielleicht ist das meist als Kennmarke mißbrauchte Russische bei Strawinsky aufzusuchen. Längst ward bemerkt, daß die Lyrik Mussorgskys vom deutschen Liede sich durch die Absenz des poetischen Subjekts unterscheidet: daß jedes Gedicht so angeschaut ist wie Arien von Opernkomponisten, nicht aus der Einheit des unmittelbaren kompositorischen Ausdrucks heraus, sondern in einer jeglichen Ausdruck distanzierenden und objektivierenden Weise. Der Künstler fällt nicht mit dem lyrischen Subjekt zusammen. Die Kategorie des Subjekts war im wesentlich vorbürgerlichen Rußland nicht ebenso fest gefügt wie in den westlichen Ländern. Das Fremdartige zumal Dostojewskys rührt von der Nichtidentität des Ichs mit sich selbst her: keiner der Brüder Karamasoff ist ein »Charakter«. Der spätbürgerliche Strawinsky verfügt über solche Präsubjektivität, um den Zerfall des Subjekts am Ende zu legitimieren.]

Wo Subjektives begegnet, begegnet es als depraviert; als sentimental verkitscht oder vertrottelt. Es wird als selber bereits Mechanisches, Verdinglichtes, gewissermaßen Totes aufgerufen. Die Bläser, in denen es laut wird, klingen wie aus der Drehorgel: Apotheose des Gedudels 5, so wie die Streicher zum Streich pervertiert, des Seelentones enteignet werden. Die
[Fußnote 5: Technisch ist das Gedudel durch eine bestimmte Art der oktaven- oder septimenweisen Führung von Holzbläsermelodien, zumal Klarinetten, oft in weitem Abstand, hergestellt. Strawinsky hat diese Setzweise, als Mittel veranstalteter Entseelung, beibehalten, nachdem die groteske Absicht bereits dem Verdikt verfiel, etwa in den Cercles Mystérieux des Adolescentes des Sacre, von Ziffer 94 an.]

Die Bilder mechanischer Musik produzieren den Schock eines vergangenen und zum Kindischen herabgesunkenen Modernen. Es wird, wie später dann bei den Surrealisten, zum Einfallstor des Urvergangenen. (...)
Das Sacre du Printemps, Strawinskys berühmtestes und dem Material nach vorgeschrittenstes Werk, wurde, der Autobiographie zufolge, während der Arbeit am Petruschka konzipiert. Das ist kaum zufällig. Bei allem Stilgegensatz zwischen dem kulinarisch zubereiteten und dem tumultuösen Ballett ist beiden der Kern gemeinsam, das antihumanistische Opfer ans Kollektiv: Opfer ohne Tragik, dargebracht nicht dem heraufkommenden Bilde des Menschen, sondern der blinden Bestätigung eines vom Opfer selbst sei's durch Selbstverspottung, sei's durch Selbstauslö schung anerkannten Zustandes. Dieses Motiv, das die Verhaltensweise der Musik gänzlich determiniert, tritt aus der spielerischen Hülle des Petruschka im Sacre mit blutigem Ernst hervor. Es gehört den Jahren an, da man die Wilden Primitive zu nennen begann, der Sphäre von Frazer und Lévy-Bruhl, auch von »Totem und Tabu«. (...)
Die Musik sagt zunächst: so war es, und nimmt so wenig Stellung wie Flaubert in der Madame Bovary. Das Greuel wird mit einigem Wohlgefallen betrachtet, aber nicht verklärt, sondern ungemildert vorgeführt. (...)
Der Druck der verdinglichten bürgerlichen Kultur treibt zur Flucht ins Phantasma von Natur, das dann schließlich als Sendbote der absoluten Unterdrückung sich erweist. Die ästhetischen Nerven zittern danach, in die Steinzeit zu regredieren. Als Virtuosenstück der Regression ist das Sacre du Printemps der Versuch, ihrer durch ihr Abbild mächtig zu werden, nicht einfach ihr sich zu überlassen. Dieser Impuls hat an der unbeschreiblich breiten Wir kung des spezialistischen Stückes auf die nachfolgende Musikergeneration seinen Anteil: nicht bloß behauptete es die Rückbildung der musikalischen Sprache und des ihr gemäßen Bewußtseinstandes als up to date, sondern versprach zugleich der vorgefühlten Liquidation des Subjekts standzuhalten, indem es sie zur eigenen Sache machte oder wenigstens wie ein überlegen unbeteiligter Betrachter künstlerisch sie registrierte. Die Imitation von Wilden soll mit wunderlich-sachlicher Magie davor behüten, dem Gefürchteten zu verfallen. (...)
Im Sacre bewirkt ein rücksichtslos angewandtes artistisches Prinzip von Selektion 7 und Stilisierung den Effekt des Vorweltlichen. Durch die Absage ans neuromantische Melodisieren, an das Saccharin des Rosenkavaliers, gegen das die sensibleren Künstler um 1910 aufs heftigste aufbegehrt haben müssen 8, verfällt alle ausgesponnene Melodie, und bald genug alles musikalisch sich entfaltende subjektive Wesen, dem Tabu.
[Fußnote 7: Der Begriff des Verzichts ist grundlegend für das gesamte Werk Strawinskys und macht geradezu die Einheit aller Phasen aus. »Chaque nouvelle œuvre ... est un exemple de renoncement.« (Cocteau, l.c., p. 39.) Die Zweideutigkeit des Begriffs renoncement ist das Vehikel der gesamten Ästhetik jener Sphäre. Er wird von Strawinskys Apologeten im Sinn des Satzes von Valéry verwandt, daß ein Künstler nach der Qualität seiner Refus zu bewerten sei. Das braucht in formaler Allgemeinheit nicht bestritten zu werden und findet auf die Wiener Schule, das implizite Verbot von Konsonanz, Symmetrie und undurchbrochener Oberstimmenmelodik so gut Anwendung wie auf die wechselnden Askesen der westlichen Schulen. Aber das Strawinskysche renoncement ist nicht bloß Entsagung als Verzicht auf verbrauchte und fragwürdige Mittel, sondern auch Versagung, der prinzipielle Ausschluß aller Einlösung oder Erfüllung eines in der immanenten Dynamik des musikalischen Materials als Erwartung oder Anspruch Auftretenden. Wenn Webern von Strawinsky sagte, nach seiner Bekehrung zur Tonalität wäre ihm »die Musik entzogen« worden, so kennzeichnete er den unaufhaltsamen Prozeß, der dann die selbstgewählte Armut in objektive Armseligkeit verkehrt. Es genügt nicht, naiv-technologisch Strawinsky vorzuhalten, was alles ihm mangelt. Soweit die Mängel aus dem Stilprinzip selber hervorgehen, wäre das nicht wesentlich verschieden von jener Kritik an der Wiener Schule, die sich über das Vorwalten von »Mißklängen« beklagt. Sondern es ist nach dem Maße der je selbstgesetzten Regel zu bezeichnen, was die permanente Versagung bei Strawinsky anstiftet. Er muß bei der Idee genommen werden und nicht bloß bei den beschlossenen Unterlassungen: ohnmächtig wäre der Vorwurf, daß der Künstler das nicht tue, was sein Prinzip nicht will; durchschlagend nur, daß das Gewollte sich verstrickt, daß es die umgebende Landschaft verdorren läßt und daß ihm selber die Legitimation abgeht.
Fußnote 8: Schon vor dem ersten Weltkrieg jammerte das Publikum darüber, daß die Komponisten »keine Melodie« hätten. Bei Strauss störte die Technik der permanenten Überraschung, welche die melodische Kontinuität unterbricht, um sie nur gelegentlich in der gröbsten und billigsten Weise als Belohnung nach der Turbulenz zu gewähren. Bei Reger verschwinden die melodischen Profile hinter den unablässig vermittelten Akkorden. Beim reifen Debussy sind die Melodi Tonkombinationen reduziert. Mahler endlich, der am traditionellen Melodiebegriff zäher festhält als jeder andere, hat gerade dadurch seine Feinde sich gemacht. Vorgeworfen wird ihm Banalität der Erfindung sowohl wie das Gewaltsame, nicht rein aus der motivischen Triebkraft Hervorgehende der langen Bögen. Parallel zum Strauss der konzilianten Partien, hat er für das Absterben der romantischen Melodie im Sinn des neunzehnten Jahrhunderts übertreibend entschädigt, und es bedurfte wahrhaft seines Ingeniums, um solche Übertreibung selber zum kompositorischen Darstellungsmittel, zum Träger des musikalischen Sinnes, der ihrer eigenen Unerfüllbarkeit bewußten Sehnsucht umzuschaffen. Erschöpft war keineswegs die melodische Kraft der einzelnen Komponisten. Aber daß der harmonische Verlauf historisch immer mehr in den Vordergrund der musikalischen Gestaltung und Rezeption rückte, ließ im homophonen Denken schließlich die melodische Dimension nicht proportional mitwachsen, die zuvor, seit der Frühromantik, gerade die harmonischen Entdeckungen ermöglicht hatte. Daher die Trivialität schon vieler Wagnerischer Motivbildungen, die Schumann beanstandete. Es ist, als ob die Aromatisierte Harmonik eigenständige Melodik nicht mehr trüge: wird diese, wie beim frühen Schönberg, angestrebt, so geht das tonale Sy stem selber darüber in die Brüche. Sonst bleibt den Komponisten nichts übrig, als entweder die Melodik so zu verdünnen, daß sie sich in einen bloßen harmonischen Funktionswert verwandelt, oder mit einem Gewaltstreich melodische Expansionen zu dekretieren, die im festgehaltenen harmonischen Schema willkürlich erscheinen. Strawinsky hat aus der ersten, der Debussystischen Möglichkeit die Konsequenz gezogen: eingedenk der Schwäche melodischer Folgen, die eigentlich schon keine mehr sind, kassiert er den Begriff der Melodie ganz zugunsten gestutzter, primitivistischer Muster. Erst Schönberg hat in der Tat das Melos emanzipiert, aber damit auch die harmonische Dimension selber. (...)
Strawinsky gräbt nach Authentizität in Zusammensetzung und Zerfall der Bilderwelt von Moderne. Hat Freud den Zusammenhang zwischen dem Seelenleben der Wilden und der Neurotiker gelehrt, so verschmäht der Komponist nun die Wilden und hält sich an das, wessen die Erfahrung der Moderne sicher ist, jene Archaik, welche die Grundschicht des Individuums ausmacht und in dessen Dekomposition unverstellt, gegenwärtig wieder hervortritt. Die Werke zwischen dem Sacre und dem neoklassischen Einlenken imitieren den Gestus der Regression, wie er der Zersetzung der individuellen Identität zugehört, und erwarten sich davon das kollektiv Authentische. Die überaus enge Verwandtschaft dieser Ambition mit der Doktrin C.G. Jungs, von der der Komponist kaum etwas wissen mochte, ist so schlagend wie das reaktionäre Potential. Die Suche nach musikalischen Äquivalenten für das »kollektive Unbewußte« bereitet den Umschlag zur Instaurierung der regressiven Gemeinschaft als eines Positiven vor. (...)
Musik kennt nur um so viel Entwicklung, wie sie ein Festes, Geronnenes kennt; die Strawinskysche Regression, die dahinter zurückgreifen möchte, ersetzt eben darum den Fortgang durch die Wiederholung. (...)
Seine Musik weiß von keiner Erinnerung und damit von keinem Zeitkontinuum der Dauer. Sie verläuft in Reflexen. Der verhängnisvolle Irrtum seiner Apologeten ist es, den Mangel eines Gesetzten in seiner Musik, an Thematik in strengstem Verstande, einen Mangel, der das Atmen der Form, die Kontinuität des Prozesses, eigentlich »Leben« gerade ausschließt, als Garanten des Lebendigen zu interpretieren. Das Amorphe hat nichts von Freiheit, sondern ähnelt dem Zwangshaften bloßer Natur sich an: nichts starrer als der »Entstehungsvorgang«. Er aber wird als das nicht Entfremdete verherrlicht. Mit dem Prinzip des Ichs sei überhaupt die individuelle Identität suspendiert. (...)
Gerade die sado-masochistische Lust an der Selbstauslöschung, die so vernehmlich in seinen Antipsychologismus hineinspielt, ist durch die Dynamik des Trieblebens determiniert und nicht durch Forderungen der musikalischen Objektivität. Es bezeichnet den Menschentypus, dessen Maße Strawinskys Werk nimmt, keinerlei Introspektion und Selbstbesinnung zu dulden. Die verbissene Gesundheit, die sich ans Auswendige klammert und das Seelische verleugnet, als wäre es bereits Krankheit der Seele, ist Produkt von Abwehrmechanismen im Freudischen Sinn. (...)
  Das schizophrenische Gebaren von Strawinskys Musik ist ein Ritual, die Kälte der Welt zu überbieten. Sein Werk nimmt es grinsend mit dem Wahnsinn des objektiven Geistes auf. Indem es den Wahnsinn, der allen Ausdruck tötet, selber ausdrückt, reagiert es ihn nicht bloß, wie die Psychologie es nennt, ab, sondern unterwirft ihn selber der organisierenden Vernunft 18. Nichts wäre falscher, als Strawinskys Musik nach Analogie dessen zu fassen, was ein deutscher Faschist Bildnerei der Geisteskranken nannte. Wie es vielmehr ihr Anliegen ist, schizophrenische Züge durch das ästhetische Bewußtsein zu beherrschen, so möchte sie insgesamt den Wahnsinn als Gesundheit vindizieren.
[Fußnote 18: Die nahe Beziehung dieser Stufe des Ritualen in Strawinskys Musik zu dem Jazz, der genau zur gleichen Zeit international populär ward, ist evident. Sie reicht in technische Details wie die Simultaneität von starren Zählzeiten und unregelmäßigen synkopischen Akzenten. Strawinsky hat denn auch gerade in der infantilistischen Phase mit Jazzformeln experimentiert. Der Ragtime für elf Instrumente, die Piano Rag Music und etwa Tango und Ragtime aus der Histoire du Sol dat gehören zu seinen gelungensten Stücken. Anders als die zahllosen Komponisten, die durch Anbiederung an den Jazz ihrer »Vitalität«, was immer das musikalisch bedeuten mag, aufzuhelfen meinten, deckt Strawinsky, durch Verzerrung, das Schäbige, Vernutzte, dem Markte Verfallene der nun seit dreißig Jahren etablierten Tanzmusik auf. Er nötigt gewissermaßen ihren Makel, selber zu reden, und verwandelt die standardisierten Wendungen in stilisierte Chiffren des Zerfalls. Dabei eliminiert er alle Züge von falscher Individualität und sentimentalem Ausdruck, die zum naiven Jazz unabdingbar dazugehören, und macht solche Spuren des Menschlichen, wie sie in den von ihm kunstvoll-brüchig zusammenmontierten Formeln überleben mögen, mit grellem Hohn zu Fermenten der Entmenschlichung. Seine Stücke sind aus Warentrümmern zusammengesetzt wie manche Bilder oder Plastiken derselben Zeit aus Haaren, Rasierklingen und Stanniolpapier. Das definiert den Niveauunterschied vom kommerziellen Kitsch. Zugleich versprechen seine Jazzpastiches, den drohenden Reiz des sich Überlassens ans Massenhafte zu absorbieren und seine Gefahr zu bannen, indem man ihr nachgibt. Damit verglichen war alles andere Interesse der Komponisten am Jazz einfältiges Schielen nach dem Publikum, simpler Ausverkauf. Strawinsky aber hat den Ausverkauf selber, ja die Beziehung zur Ware überhaupt ritualisiert. Er tanzt den Totentanz um ihren Fetischcharakter.]
Aber der musikalische Physikalismus führt nicht auf den Naturstand, das reine ideologiefreie Wesen, sondern ist eingestimmt auf den Rückfall der Gesellschaft. Die bloße Negation des Geistes spielt sich auf, als wäre sie die Verwirklichung des von ihm Gemeinten. Sie erfolgt unter dem Druck eines Systems, dessen irrationale Übermacht über alle ihm Unterworfenen sich nur zu erhalten vermag, wenn es ihnen die Mucken des Gedankens abgewöhnt und sie zu bloßen Reaktionszentren, zu Monaden bedingter Reflexe reduziert. Das fabula docet Strawinskys ist versatile Fügsamkeit und störrischer Gehorsam, das Muster des heute allerorten sich formierenden autoritären Charakters. Seine Musik kennt nicht mehr die Versuchung, anders zu sein. (...)
Soweit Adorno. 

In einem Aufsatz, der 1961 im MERKUR erschien, schreibt Kurt Oppens (1910-1998) zu Adornos Srawinsky-Aufsatz aus der "Philosophie der neuen Musik": "Adornos Stravinsky-Aufsatz enthält ungeachtet seiner polemischen Halrtung mehr wesentliche Einsichten als die ganze Phalanx der Eulogen." Er zeigt dann auch Ähnlichkeiten des Sils und der Argumentation auf zur Kontroverse Gluck und Jean-Francois Marmontels.  Weiters hebt er hervor, dass Adorno immer die Person Strawinsky ausspare (wie überhaupt in seiner Kunstphilosophie!) und sich an die Sache halte (heute völlig unmodern geworden).  

Ganz anders der französisch-tschechische Literat Milan Kundera in seinem Aufsatz "Improvisation zu Ehren Strawiskys" in seinem Buch "Verratene Vermächtnisse" (dt. 1994), worin er sich über "Glück und Ekstase" auslässt, über die "skandalöse Schönheit des Bösen" und die beseeligende Musik des russischen Meisters.



Nachträge:

Frühlings Erschrecken
Krieg der Körper. Sasha Waltz holt den „Sacre“ in unsere Zeit.
Sandra Luzina, Tagesspiegel 30.05.2013

Triumph in Paris: Sasha Waltz kreiert zum 100. Jubiläum von „Sacre du printemps“ eine neue Version des Strawinsky-Balletts. In den Bann schlagen vor allem die energetischen Spannungen und Entladungen der Musik sowie ihre vertrackten Rhythmen.

Strawinsky: Die säuberlich kalligrafierte Revolution
Wilhelm Sinkovicz, Die Presse, 01.06.2013
Zum 100. Geburtstag von Igor Strawinskys furiosem »Sacre du printemps«erschienen eine prachtvolle Liebhaberausgabe der beiden eigenhändigen Notenmanuskripte nebst gutem Dokumentarband.

Luke Gittos: The revolutionary myth of ‘The Rite of Spring’
Stravinsky’s ballet, which debuted 100 years ago, is a great work, but not as iconoclastic as its fans claim.
SP!KED, 30.5.2013 

Hundert Jahre «Sacre du printemps»
Jahrhundertwerk – gestern und heute
Isabelle Jakob, NZZ 3.6.2013