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Montag, 16. November 2015

Donnerstag, 13. November 2014

Dialog zwischen Musik und Philosophie am Tegernsee

Was uns Musik des 20. Jahrhunderts zu sagen hat
Kompositionen unter anderem von Maurice Ravel, Alexander Nikolajewitsch Skrjabin und John Cage bilden den Mittelpunkt eines Dialoges der besonderen Art, mit dem die Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München ihre Reihe „weiter denken“ am Tegernsee fortsetzt.

Der vielfach ausgezeichnete Tegernseer Nachwuchspianist Amadeus Wiesensee spielt am Donnerstag, 20. November 2014, ab 19.00 Uhr im Barocksaal des Gymnasiums Tegernsee ausgewählte Werke von Impressionismus bis Avantgarde und reflektiert mit dem Philosophen Michael Bordt SJ, unter anderem Professor für Ästhetik an der Hochschule für Philosophie, über das Thema „The Rest is Silence? Was uns Musik des 20. Jahrhunderts zu sagen hat“.
Ein anschließender Empfang lädt zu weiterführenden Diskussionen ein.

Der 1993 geborene Amadeus Wiesensee erhielt seinen ersten Klavierunterricht im Alter von sechs Jahren. Bevor er 2013 sein Vollstudium an der Hochschule für Musik und Theater München auf-nahm, war er Jungstudent am Leopold Mozart Institut des Mozarteums Salzburg und am Institut zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Zahlreiche Meisterkurse und Einladungen ergänzen seine Ausbildung. Mehrfach gewann Wiesensee angesehene 1. Preise, 1. Bundespreise und Förderpreise – unter anderem bei „Jugend mu-siziert“ und dem Internationalen Münchner Klavierpodium. Neben seiner musikalischen Ausbildung studiert Wiesensee auch an der Hochschule für Philosophie.

Michael Bordt SJ lehrt und forscht seit 1997 an der Hochschule für Philosophie in München, seit 2004 als Professor für Philosophische Anthropologie, Ästhetik und Geschichte der Philosophie mit dem Schwerpunkt Antike. Seit 2011 ist er Vorstand des Instituts für Philosophie und Leadership der Hochschule, deren Präsident er zuvor seit 2005 war. Er studierte Philosophie und Theologie unter anderem in Hamburg, Frankfurt und München. 1997 wurde er an der Universität Oxford promoviert und 2003 in Fribourg habilitiert. Er lehrte außerdem an der Universität Princeton sowie der Columbia-Universitiy in New York.

Das Podiumsgespräch, das zum UNESCO-Welttag der Philosophie stattfindet, ist die zweite Veranstaltung der Tegernseer Dialogreihe „weiter denken“ der Hochschule für Philosophie. In Kooperation mit dem Förderverein Kunst & Kultur Rottach-Egern e.V. knüpft die Hochschule mit der Reihe bewusst an eine Tradition der geistigen und geistlichen Auseinandersetzung mit Fragen der Zeit an, die im Tegernseer Tal bis in die frühe Renaissance zur Reform des benediktinischen Mönchstums in Bayern zurückreicht, die von Tegernsee ihren Ausgang nahm. In drei weiteren Veranstaltungen zu den Themen Motivation, Religion und Globalisierung suchen im Barocksaal des Gymnasiums Tegernsee und dem Park-Hotel Egerner Höfe bis Mai 2015 Professoren der Hochschule den Austausch mit hochrangigen gesellschaftlichen Repräsentanten und Wissenschaftlern.

** Eine Übersicht über alle Veranstaltungen der Reihe „weiter denken“ finden Sie unter www.hfph.de/weiterdenken. Um Anmeldung per E-Mail an weiterdenken@hfph.de wird gebeten

Dienstag, 28. Mai 2013

György Ligetis 90. Geburtstag

György Sándor Ligeti (Georg Alexander) (* 28. Mai 1923 in Târn?veni, Siebenbürgen, Rumänien; † 12. Juni 2006 in Wien) war ein österreichischer Komponist rumänisch-ungarisch-jüdischer Herkunft. Ligeti gilt als einer der bedeutenden Komponisten des 20. Jahrhunderts und als ein Erneuerer der Neuen Musik.

Wikipedia










Sonntag, 28. Oktober 2012

Hans Werner Henze ist gestorben.

Der bekannte und (zu Recht) berühmte deutsche Komponist Hans Werner Henze verstarb in Dresden am 27. Oktober 2012 im Alter von 86 Jahren.

Hans Werner Henze, 1.7.1926 - 27.10.2012, war ein deutscher Komponist. Er gehörte zu den bedeutendsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts.

Wikipedia
Abbildung aus Wikipedia

Hans Werner Henze zum 80. Geburtstag
Du sollst ja nicht weinen, sagt eine Musik
Peter Petersen, Berliner Zeitung, 1.7.2006


H. W. Henze und die NSDAP
Mehr vom selben
Franziska Augstein, Süddeutsche Zeitung, 17.5.2010 

Wolfgang Florey: Wie weit ist es von Guernica nach Man Quang
Das 6. Lied aus "Voices" von Hans Werner Henze nach dem Gedicht "42 Schulkinder" von Erich Fried.

(Vom Komponisten Wolfgang Florey haben wir in Driesch schon Arbeiten publiziert und werden nächstens wieder welche veröffentlichen. Hier der Link zum pdf seines Aufsatzes.)




 












Excerpts from "Voices" (1973), unfortunately in poor Quality:










Freitag, 26. August 2011

Der Sinn und die neue alte Musik

Worin und wie macht man Sinn fest? Z. B. in "neuer Musik"? In fremd klingender. Aber: was dem Einen fremd, ist dem Andern bekannt. Die Hörgewohnheiten, wie sie sich in der Lebenswelt (Umwelt, Umgebung, Kultur) entwicklen, und entwickeln müssen!, sind verschieden. Neben einer Art von Kultur- oder Klassenmerkmalen gibt es Freiräume für subjektive Kenntnisse.

Kunst ist NICHT Natur. Einige glauben an einen Ursinn (nicht UNsinn, URsinn!), aähnlich einer ewigen Wahrheit. Andere versuchen ohne solch ein Konzept auszukommen. Je pluralistischer oder offener eine Gesellschaft, desto vielfältiger und komplexer die möglichen Positionen, die gleichzeitig möglich sind, die vielleicht konkurrieren oder einfach, ohne sich zu berühren oder zu überschneiden, koexistieren.

In Youtube fand ich eine Videoaufnahme einer Kompositon (Artikulation) von György Ligeti aus dem Jahre 1958, die sehr viele Kommentare provozierte, worunter auch einige lesenswerte sind, die hier zitiert seien, weil sie die Problematik der Interpretation, der Sinnzuschreibung widerspiegeln.





Auswahl aus den Kommentaren zu Ligeti's "Artikulation":

It's strange how every foolish? nonsense can always have a large following among idiots.
laurion69
I have to admit I'm not a huge fan of this kind of music, but I'm doing my best to appreciate this. Does anyone could? help me "understanding/appreciate" this work?
guboub
Don't worryman, just fell it and think what it makes you feel. Don't focus on the 'melody" because is not a melody nor a tune... this kind of music is about your mood. The virtue of this music is that it challenges conventional? "jingles" ... start by listening to other stuff like Penguin cafe , which is lighter, then go to Liget. Best.
Sibarit1973
Sounds like "organised" random noise ...
Anyone could help me to better understand this music. Sometime a few explanation make the music more understable and thus more enjoyable.
I'm no musician and I can barely read a score. However while listening to "classical" music i.e. Mozart,Bach, Brahms, Schubert, Prokofiev, ... I can still out of my ear find some kind of pattern, and at least organisation within the music. In this specific case, I must admit I feel a bit "lost" with? the music.
tontonlklk
It's not that I don't understand the subtle? cleverness, it's just that I have a great deal more respect for music with greater dramatic meaning. The likes of Baroque, Classical and Romantic period composers with their (often) pleasing melodies and nice-sounding harmonies and chord-patterns to me demonstrates more musical ability than the seemingly random application of sounds and notes like this and the likes of Stockhausen. Even I could create random sounds like this and other similar music.
Maddy4Me
The thing is that these are not random sounds. They are purely based on articulation. I believe Ligeti was exploring the? different range of articulation on something as completely unemotionally attached an electronic tape. This piece was composed during a time of scientific revolution so you have to understand where Ligeti is coming from.
kehwa
I think the title is relevant to the piece. I see many comments lacking this understanding. This is pure articulation using electronic tape. There is no pretense of any melodic, harmonic, or rhythmic intention. I feel sorry for those who do not understand this.
kehwa
A composer? doesn't have to be trying to illicit an emotion in the listener. Is music only something that you listen to to cheer yourself up? Not for me. Listening to music can be a form of meditation. I can listen without expecting to receive any certain kind of disruption of my emotional state, because my mind is already balanced and I'm not asking music to be my drug.
30803080308030803081
see thats the point, in my eyes its just not that. if you say its a form of meditation for you than it does illict emotions, becuase it gets you in a meditative? mood even if it doesnt change the mood you started up with. im just saying that music should be there to bring up emotions. like the expressionists did after teh second world war. it wasnt anything beatiful they created but it was the only thing that could express the feelings that came out of all the suffering.
CalmBefore6
thats a good question, what composers like ligeti allways sayed was that music doesnt have to be something that anybody would concider beautiful or at least attracting in a way. and i guess that some dictionary definitions or so say that also. but to me thats just wrong, music has to have the aim to be make somebody have a certain emotional feeling. just like shitting on a rug and calling it art might be right for some artist but for me its just shitting on a rug.
CalmBefore6
@Furiens - I don't find dated equipment as a problem. As an electronic musician, I've found the possibilities of the modern gear more problematic. Back then we had limits we could push, now we have gear pushing us, if we're not strict in what we do. Jean-Michel Jarre has used very primitive lead synths, and it has been a good way to go. Listen to preset sounds of workstations: they sound sweet alone, but can you really use them?
SomFunk
@Furiens There has always been a tendency to classify new music as 'dated'. Almost no run of the mill music lovers can cope with it at all. It has been increasingly difficult for composers from the Romantic period onwards to dissociate as they did from a world every more swallowed up by the all devouring commercialisition of life which has no trouble absoribg modernists which are rendered quasi harmless. Funny creatures trying to get in where they are blocked. Our own alter ego.
felixdevilliers1
I've got a mental block trying to enjoy early electronic compositions -? is it fair to call this 'dated'? Classical music tends to escape this term by its nature, but to me, the limitations of this kind of early synthesiser really don't allow this kind of music to work (even with Ligeti in charge!), now the novelty of primitive electronic sounds and timbres has worn off. Any thoughts?
Furiens 9
A lot of people see or hear things they do not understand and brand it as art. I have seen many who do not genuinely enjoy a piece, but name it artistic and enjoyable simply for the sake of looking profound. To me, and in all honesty, this piece is shit and I have no fking idea why it is lauded or praised.
thebreadskin
Nature doesn't "create" anything, and there is no possible "intent" behind a tree or a fish - it's just there because it's evolved in a certain way.
When we've got a seemingly chaotic and random bunch of noises as a "musical piece", however, I think it? is valid to ask whether it's really a random mess of brush strokes, or we're just missing out on something.
twooffour
@boobtube356 We are free to create things as nature does or as humans do or as we think aliens might if we want. People allow themselves to feel pressured. Trees are great, fish are tasty and beautiful but so is the human brain. The small character count doesn't really allow for a good waffle on this. We can't compete with nature for pure beauty, but nature can't create hidden meanings, interpretations, madness, contrivance, directed tugging of emotion. It's just a different category - It's good
padraigsylvester
Seems people are pressured into finding meaning in art. No one asks what a tree or a fish means. Why ask for meaning here? Why can't? we be free to create things the way nature does? Why can't our creations be appreciated (or not) as such?
boobtube356
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Es zeigt sich ein altes Problem, ein Konflikt zwischen vermuteter oder beanspruchter Wissenschaftlichkeit und Rationalität und Kunst bzw. ihrem herkömmlichen Verständnis als Nichtwissenschaft. Es zeigt sich ein Bedürfnis nach Bewertungskriterien. Es zeigt sich die inakzeptable Situation etwas vielleicht OHNE Interpretation nehmen zu sollen, wie es SEIT (viele sagen: wie es IST).

Nebenbei wird auch das Problem der Zeit, des Alterns, des Neuen erwähnt. Widersprüche tun sich auf. Eigene Bedürfnisse oder Gewohnheiten kollidieren mit einem anerkannten Kanon, mit vermeintlich verbürgten Gruppenhaltungen und -meinungen. Was darf ich selber wissen und fühlen? Soll ich überhaupt noch eine eigene Meinung haben, ein eigenes Fühlen? Gilt nicht nur das Approbierte, Zertifizierte, gesellschaftlich Anerkannte?

In offenen Gesellschaften nimmt niemand einem die Qual der Wahl ab. In geschlossenen oder rigid diktatorischen Regimes darf man nicht nur, sondern MUSS man Vorgaben, Regeln, Konzepten, Ansichten, Weltanschauungen, Ideologien folgen. Das vereinfacht, auch wenn man es (manchmal) Unfreiheit nennt. Freiheit bedeutet immer Wahl. Und die ist of Qual. Man kann nicht das Eine ohne das Andere haben. + und -, Tag & Nacht, Ying + Yang, Seite und Kehrseite, oben + unten, hinten + vorne, drinnen + draussen.

Vgl. dazu: "Zur Erfahrung der Kunst gehört das Bewußtsein des ihr immanenten Antagonismus von Außen und Innen."
Theodor W. Adorno

Siehe auch Adornos Beitrag "Das Altern der Neuen Musik" (hier Link zum pdf)

Siehe auch Seite "Neue Musik" in clyt


Samstag, 9. Juli 2011

Musiktheater Interpretationen

In der NZZ ist eine Kritik zweier Musiktheateraufführungen in Madrid und  München zu lesen. Es heißt:

Häufig wird «Saint François d'Assise» von Olivier Messiaen nicht aufgeführt, das verhindern die Anforderungen des Werks. Umso bemerkenswerter, dass jetzt gerade zwei Produktionen herausgekommen sind. Sie zeigen, dass auch neue Musik interpretiert wird und darum in unterschiedlichen Gewändern erscheinen kann.


Erstaunlich, "dass auch neue Musik interpretiert wird". Wer hätte das gedacht? Heutzutage wird ja nicht mehr interpretiert, - und das Regietheater ist offensichtlich keine Interpretation...
Die Besprechung oder Kritik ist ganz interessant, vor allem im Vergleich der Aufführungensarten. Die Geschichte vom heiligen Franz als pompöse Inszenierung? Schon die Monsterkomposition stellt ein Missverstehen dar. Größensucht hat immer schon was Peinliches. Dafür kommt die Imitatio, die Wiederholung und Angleichung an die Natur vor, wie man es sonst nur von den Alten kennt, als man Kunst noch anders verstand.
Aber das hier wird als Musik des 20. Jh. gefeiert. Hm. Und zudem noch interpretiert...


Wir lesen:

Alles, was die Handschrift des 1992 verstorbenen Franzosen ausmacht, kommt hier in einzigartiger Weise zusammen: das Denken in Leitmotiven und damit die Sprachähnlichkeit von Musik, die Arbeit mit Tonarten, die Messiaen für sich synästhetisch mit Farben verbunden hat, die rhythmische Komplexität, wie er sie den Vögeln und ihren Gesängen abgelauscht hat, die Klangwirkungen fernöstlicher Orchester und die Gesten der französischen Spätromantik. 

Leitmotivik schafft Sprachähnlichkeit! Wie? Wagner der Sprachmeister. Und von der Romantik nur die Gesten. Das ist wirklich hochmodern.

In München werde zu viel des Guten geliefert. (Wenn zuviel, wie ist es dann noch gut?):

Auch wenn sie in die Jahre gekommen sein mag, dominiert die Handschrift des 72-jährigen Wiener Künstlers das Geschehen von A bis Z, absorbiert sie die Aufmerksamkeit und stört sie die Kontemplation, welche die Musik verlangt. Einmal mehr plustert sich in einer Produktion der Münchner Staatsoper das Szenische auf und sucht sich das Theater gegenüber der Musik in den Vordergrund zu rücken; es prallt hier allerdings ab an einem musikalischen Entwurf, dessen Grösse unverrückbar in sich zu ruhen scheint.

Nitsch, der Möchtegernopernregisseur ist ein Spektakulateur. Vielleicht auch ein Spekulant. Jedenfalls einer, der im Großen schwelgt. Der, wie es in der Kritik heißt, sich aufplustert. Aber das passt zur Eventkultur, nicht? Nitsch auch als Illustrator:

Zum Vogelkonzert lässt Hermann Nitsch ein Ballett gezeichneter Vögel auf die Bühnenrückwand projizieren, was nicht nur die hier rein instrumentale Musik zur Seite schiebt, sondern auch ein Moment der kitschigen Verniedlichung einbringt, das die Absicht der Stelle verfehlt.

Das lenkt ab von der Frage, warum der Meister Olivier Messiaen überhaupt so stark "abbildet", nachmacht, vielleicht nachäfft, der Natur nachrennt. Wäre es da nicht treffender, gleich über Funk von einem Wald von Mikrofonen die originalen Vogelstimmen in das Spektakelhaus zu bringen? 

Und wieder zeigt der Rezensent seine hohe Bildung, und die Notwendigkeit feststellen zu müssen (anscheinend doch nicht selbstverständlich):

Auch bei Musik des 20. Jahrhunderts ist es so, dass die Interpretation das Gesicht des Kunstwerks mitgestaltet. 

 

Montag, 11. April 2011

Können wir ohne Interpretation kommunizieren?

In einem Artikel vom 12.11.10 in der NZZ schrieb Marta Kijowska zm Tod des polnischen Komponisten henryk M. Górecki:

"Nach so viel Rummel im Westen meldeten sich polnische Musikkritiker zu Wort, um die Frage nach Góreckis Inspirationsquellen zu beantworten. Sie nannten meistens drei: Natur, Folklore und Religion. Seine Musik, schrieb einer, sei gewiss keine Reaktion auf die Katastrophen dieser Welt. Überhaupt solle man ihr einfach ohne jeglichen Interpretationszwang vertrauen, sich von der Kraft ihrer Strukturen, ihrer Klangfülle und ihren Farben durchdringen lassen. Dem würde Henryk Górecki selbst wohl sehr schnell zustimmen. "Bevor ich sterbe", sagte er vor drei Jahren, "möchte ich erfahren, was die Musik ist. Denn in letzter Zeit lebe von dem Satz des Philosophen Leszek Kolakowski, sie sei ein Gast aus der anderen Welt.""

"Ohne jeglichen Interpretationszwang vertrauen" - Heißt das, immer noch interpretieren, aber ohne Zwang? Oder soll es heißen, sich etwas aussetzen ohne jede Interpretation? Es einfach es sein lassen, wie das Ding an sich, es nehmen, ohne jedes Denken und Deuten, einfach so. - Aber ginge das überhaupt? Alle Sinnesreize, alle Zeichen, die wir perzepieren, werden im Rezeptionsakt sofort und unwillkürlich "bewertet", also "gedeutet". Dieser Vorgang kann "Interpretation" genannt werden. Wir können nicht interpretationslos kommunizieren, weil wir keine dafür programmierten Maschinen sind.

Unbewusstes Wahrnehmen, also unter der Wahrnehmungsschwelle, könnte, da in seiner interpretationsmöglichen Bedeutung nicht erkannt, interpretationsloses Wahrnehmen genannt werden. Alles Wahrnehmen über der Wahrnehmungsschwelle kann nicht interpretationslos sein, weil jeder Kommunikationsakt Interpretation bedingt. Würden wir Zeichen als Reize interpretationslos wahrnehmen können, wären sie keine Kommunikationsteile. Das Ding an sich, dieses Etwas, das einem wirklich Objektivem entspräche, ist für uns nicht wahrnehmbar bzw. kommunizierbar, genauso wenig wie das Ganze oder Absolute. Nichts ist, wie es ist. Alles scheint, alles wird mit Sinn beladen, eingebettet in das Gerüst und die Inhalte des Wissens (inklusive der akkumulierten Erfahrungen). Könnte das "wie es ist" als solches wahrgenommen werden, müsste nicht nur, sondern dürfte es nicht mehr interpretiert werden, weil es dann nicht mehr wäre, was es eigentlich ist. Die Gewissheit, das Ganze, erübrigte bzw. verböte Interpretation. Der Wunsch nach interpretationsloser, interpretationsfreier Kommunikation ist ein Missverständnis unserer Kommunikationsmöglichkeiten, des Denkens und der Sprache.

Wann sollten oder könnten wir von Interpretationszwang sprechen? Wenn es einen Kanon gibt, kollektive Deutungsmuster? Aber ist da nicht die Sprache selbst schon ein Zwang? Welche Freiheit gewinnt jener, der die Sprache "meistert", "beherrscht", in ihr sich sicher bewegt, trotz ihrer Vorgabe? (Nietzsche: Jedes Wort ein Vorurteil!) Ist EIGENES Denken möglich, da wir doch ein kollektives Symbolsystem, die Sprache, nutzen? Wie entscheide ich, was ICH denke? Was ist übernommen, nachgedacht, nachgesprochen? Was ist der Kollektivanteil?

Kann ein Text nur als Text gelesen werden? Was heisst das, "nur als Text"? Wenn jemand einen Text liest, den er nicht versteht, obwohl er in seiner Sprache verfasst ist, ersieht er ihn zumindest als für ihn unverständlich. Wenn er ein einer ihm fremden Sprache geschrieben ist, erkennt er, dass es sich höchstwahrscheinlich um einen sprachlichen Text handelt, aber ihn einer Sprache, die er nicht kennt. Er kann keine Aussage dazu treffen. Aber in solchen Fällen handelt es sich nicht um "Lesen" oder "Lektüre", sondern Konfrontation mit einem Text, der eben entweder unlesbar bleibt bzw. gelesen, aber nicht verstanden werden kann. Dieser Text wird gerade deshalb also nicht "nur" gelesen, weil Lesen nicht nur das bedeutungslose Entziffern meint, sondern das sinnhafte Erfassen des Textes.

Musik als bloße Musik hören. Hier liegt der Fall ähnlich. Hört jemand ihm völlig fremde Musik, kann es sogar sein, dass er nur Geräusche hört, die er nicht als Musik deutet. Entspricht der Klanginhalt irgendwie den Hörgewohnheiten, mag er meinen, er höre Musik. Umgekehrt ist mancher in der Lage dort "Musik" zu hören, wo andere nur Geräusche vernehmen. Oder er hört Falschtöne, die anderen entgehen bzw., im Gegenteil, hört gar keine, obwohl welche zu hören gewesen wären, hätte er ein "geschultes" Ohr. Musik, wenn sie nicht in Liedform oder als Musikdrama "Botschaften" transportiert, vermittelt keine deutbaren Aussagen. Was wir musikalische Interpretation nennen, ist eher metaphorisch gemeint. Es betrifft das Deuten, Hineinlegen bzw. Heraushören, was aufgrund der Gefühlslage, der Hörgewohnheiten, der musikalischen Kenntnisse etc. gedeutet wird. Diese Interpretation muss bedingterweise vager und unverbindlicher sein, als die Textinterpretation, bei der ein Sinn festgemacht werden kann. Ist vom Text eine solches Textverständnis gar nicht angestrebt oder wird es verhindert (Nonsens), erfolgt die Deutung über die Form bzw. die Formen (Satzstruktur, Wort- und Klanggebilde, Rhythmus etc.). Aber auch der Nonsense, das Sinnlose, wird interpretiert.