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Montag, 12. September 2016

180. Todestag von Christian Dietrich Grabbe

Christian Dietrich Grabbe (* 11. Dezember 1801 in Detmold; † 12. September 1836 ebenda) war ein Dramatiker des Vormärz.
Grabbe war neben Georg Büchner der bedeutendste Erneuerer des deutschsprachigen Dramas seiner Zeit. Er war beeinflusst von Shakespeare und dem Sturm und Drang. In seinen ambitionierten Dramen, die mit ihren Massenszenen und schnellen Szenenwechseln die damalige Theater- und Bühnentechnik überforderten, löste er die strenge Form des klassischen Dramas in eine Folge locker verbundener Szenen auf und wurde zum Wegbereiter des Realismus auf der Bühne. In seinen Stücken entwarf er eine desillusionierende bis pessimistische Weltsicht mit teilweise schrillen Szenen.

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Abbildung aus Wikipedia

Donnerstag, 31. Mai 2012

Georg Herweghs 195. Geburtstag

Georg Herwegh, 31. Mai 1817 in Stuttgart -7. April 1875 in Lichtental, war ein sozialistisch-revolutionärer deutscher Dichter des Vormärz und Übersetzer.

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Georg Herwegh

Literatur und Volk

Le peuple, c'est ma muse.
Béranger

Im Anfange schuf Gott die Freiheit.
Und als er die Freiheit geschaffen hatte, schuf er den Frühling.
Und als er den Frühling geschaffen hatte, schuf er den Dichter.
Den Frühling hatte er der Erde geschenkt als das heiligste Symbol seines Erstgebornen. Das himmlische Auge des Lenzes sollte den Menschen liebend ermahnen, wie er treulos ihrer vergäße.
Und der Herr sprach zur Freiheit:
Du bist die nächste an meinem Throne und sollst teilhaben an meinem unsterblichen Teil; du sollst nicht vergehen, ehe denn ich selber vergehe. Aber du mußt wandeln hinfüro unter den Menschen und mußt wachen und schlafen, hungern und dürsten, lieben und hassen wie sie. Du wirst dein Brot betteln vor den Türen, und sie werden den Stein dir verweigern, da du dein Haupt hinlegest; sie werden Ketten und Banden, aber, so wahr ich der Herr bin, nimmermehr ein Grab für dich haben.
Du wirst fliehen müssen zu Löwen und Tigern, hinaus in den Sand der Wüste; du wirst bergen müssen dein Antlitz in der Nacht der Höhlen und Klüfte! sie werden am Abende fragen: wo ist sie hin, die Herrliche? Lasset uns retten die Jungfrau aus den Händen der Ungläubigen! Und mit dem Morgensterne werden sie dein nicht mehr gedenken.
Darum habe ich dir einen Bruder zugegeben, der Botschaft trage umher in der Welt; wenn du hungerst oder dürstest, wenn du gefangen bist und in Ketten schmachtest.
Und er rief dem Frühlinge:
Gehe hin, und löse die Bande der Wasser, daß sie jauchzen durch die Täler der Erde und donnernd schlagen an die tauben Ohren dieses Geschlechtes.
Spanne aus deine Fittiche und reinige mir mein Haus von den dunkeln Wolken des Winters, daß sie meine Sterne sehen und wandeln wie die Kinder des Himmels.
Bringe her deine Düfte von Ost und West, von Nord und Süd, und berausche ihr nüchternes Herz, daß sie sich erheben, zu erlösen mein Kind, das gefangen sitzt im Turme des Tyrannen!
Spreite deinen Teppich unter die Füße der Sterblichen, daß sie an der Blume lernen, wie man sein Haupt wiegt, frei in freier Luft.
Und der Herr wandte sich gegen den Aufgang:
Höre mich, du Kind der Sonne; höre mich, du Sohn der Wüste! Habe ich Bande angelegt deinen Rennern oder Bande den Wipfeln deiner Zedern? Tritt über die Schwelle deiner Hütte, und sitze in den Schatten dieser blühenden Palmen! Habe ich nicht ihrer jegliche gekrönt, und sind sie nicht allzumal Fürsten? So auch ihr – jeder von euch ist ein König, und keiner spreche zu seinem Bruder: Neige dich nieder vor mir in den Staub, daß ich meinen Fuß setze auf deinen Nacken, denn der Herr hat mich bestellet zum Herrschen über dich und deine Kinder und die Kinder deiner Kinder!
Und der Herr wandte sich gegen Mittag:
Höret mich an, ihr Bewohner der Gestade des Meeres! Verlaßt eure Höhlen des Grausens, und badet euch im warmen Strahl meiner verjüngten Sonne! Ich habe das Schilfrohr gepflanzet an eure Ufer und seine grünen Augen erschlossen, daß es ein Spiegel sei eurem Herzen und ein Zeichen sei euern Lippen! Wie rauscht es so frisch und fröhlich dahin! Birgt es sich auch vor mir in die Nacht der Einöden, und bin ich doch größer als der Größten einer von euern Drängern und Zwingherren!
Und es wandte sich der Herr weiter gegen Mitternacht:
Hervor aus deinen Hütten, du Sohn des Frostes! Mein Hauch hat zertaut den Schnee deiner Berge, und mein Speer hat zertrümmert den Harnisch des Eises! Im lauen Äther schwankt wieder der Birke zartes Laub und flüstert dir zu: Schaue mich an – auch du sollst teilhaben an der Herrlichkeit der Welt!
Da verhüllte Gott sein Haupt und kehrte sein Antlitz gegen Abend.
Söhne des Westens, Söhne Germaniens! Ich habe eure Erde vom Schlummer erweckt und den stillen Bächen ihre Sprache wiedergegeben. Ich habe Blumen keimen lassen am Strand eurer Flüsse, daß eure Jungfrauen herunterkommen mögen ins Tal und sich Kränze winden um die reinen Schläfen. Wo sind sie, die da singen und spielen und Reigen tanzen, daß ich das Land vom Tode befreit? Ha! wie sie donnern, die Wasser von euren Bergen, und wie es zaget, das Herz in eurer Brust!
Nicht also! Wenn blutig meine Sonne untergeht hinter den Säulen meines Himmels und ihr letztes Licht erblassend sich wiegt auf dem dunkeln Laube deiner Eichen, wenn die düstern Zweige ihr Totenlied rauschen dem sinkenden Tage, dann denket, daß ich es bin, der hinschreitet über die Gipfel eurer Haine und euch zuruft:
Ich bin der Herr; ihr sollt keinen andern Herrn haben außer mir:
Aber die Freiheit war umsonst geschaffen worden; umsonst hatte der Frühling seine Blumenaugen aufgeschlagen. Nur selten erhob sich noch ein junger Arm für die Erstgeborne des Himmels, nur selten schlug noch ein junges Herz für deren heiligstes Symbol. Wohl kehrte der Lenz wieder alle neun Monden, wohl lösten sich noch alljährlich die starren Wasser, wohl schüttelten noch im Abendrot die Eichen ihre schwarzen Häupter, wohl jauchzten noch in die sommerwarmen Lüfte die Palmen des Ostens – aber achl sie hatten ihren göttlichen Sinn verloren, und ihre Deutung hatte man vergessen.
An den brausenden Strömen hingen Gefangene ihre Harfen auf, und unter den duftenden Palmen wischten Sklaven sich den Schweiß von der heißgesengten Stirne. Aus den Hirtenstäben waren Zepter geworden, und keine Kränze von weichen Blumen schmückten mehr die Scheitel der Sterblichen, sondern sie trugen Kränze, geschmiedet von den bösen Geistern der Tiefen, und man nannte dieselbigen Kronen.
Freiheit und Frühling waren unverstanden auf Erden da erbarmte sich der Herr seines Volkes und sandte ihm Sänger und Dichter, es zu trösten und aus der Natur ihm zu lesen den Willen des Allmächtigen. Bis die Freiheit wieder in die Welt käme, sollte die Poesie ihre Stelle vertreten. Während der Übermut der Gewaltigen selbst nach den Sternen des Himmels die verbrecherischen Hände ausstreckte, nagte der Mann der Hütte an der harten Rinde seines Brotes.
Tränen waren sein Salz, und sein Honig sollte die Poesie sein.
Ich habe nur Menschen geschaffen, rief der Herr, und das Geschlecht des Niedrigsten ist so alt wie das des Höchsten! Wenn mein Bauer müde heimkehrt am Abend zum häuslichen Herde, so soll er ein Lied haben und wissen, daß auch er von fürstlichem Stamme; wenn ihm das Joch zu schwer wird auf seinem Halse, so soll er einen Sang vernehmen, der ihn fortreißt in die Männerschlacht und ihm den Dolch zwingt in die freie Hand. Und er erweckte sofort eine Nachtigall auf den sieben Inseln, und die Nachtigall hieß Homer. Da aber die Nachtigallen am schönsten singen, wenn sie blind sind, so war auch der erste Dichter des Volkes blind.
Nicht mehr im blumigen Grase, auf dem Purpur der Könige knieten die Dichter, nicht mehr von den Lilien des Feldes, von den Lilien in den Wappenschildern der Großen sangen sie; es gab nur noch eine Poesie des Palastes, keine Poesie der Hütte mehr. Auch die Armut und das Elend wollte seinen Dichter und seinen – Rächer haben, und der Herr erweckte eine neue Nachtigall, jene »Nachtigall mit der Adlersklaue«, und taufte sie Béranger. Die Nachtigallen aber kennen nur den Klang ihres Liedes, und so kennt auch der zweite Dichter des Volkes keinen andern.
Mein Märchen ist aus; ich will es morgen deuten. Von einer dritten Nachtigall habe ich noch nichts erfahren.
Wir leben zugleich in einer doppelten Atmosphäre, in einer sinnlichen und in einer übersinnlichen. Der Umfang, die Ausdehnung beider sind dieselben, und ihre Grenze ist die Grenze des Alls. Die übersinnliche entspricht der sinnlichen bis ins einzelne; sie ist überall vorhanden, aber an den verschiedenen Orten in verschiedenen Gestalten. Sie hat ihren blauen Himmel und ihren trüben Dunst, sie ist gewitterschwül und frostig, niederdrückend und luftig, sie hat ihre Meteore wie die sinnliche. Noch war kein Land der Welt so unglücklich, daß ihm dieses übersinnliche Fluidum gemangelt hätte, in dem die Geister leben und atmen. Wie jede menschliche Brust die irdische Luft einsaugt, so ist auch jedermann eingeladen, die himmlische, geistige einzuatmen. Vor großen Verkehr der Geister ist niemand ausgeschlossen, und der Geringste wie der Höchste nimmt Anteil an demselben der eine unmittelbareren, der andere mittelbareren.
So wurde denn auch die Literatur, das Gedankenarchiv der bevorzugten Geister, von jeher als das Eigentum des Volkes betrachtet, als das ewige Kapital, von dem die ganze Mit- und Nachwelt zehren dürfe. Nicht für diese, nicht f, jene Klasse, für alles, was denken konnte, war von Anbeginn gedacht und gesungen worden. Dichter waren die frühesten Erzieher des Menschengeschlechts, nach ihnen kam die Philosophen. Nur die letztern bedurften Mittelspersonen und Unterhändler: die Dichter wandten sich geradezu die Nation und wurden verstanden.
Dieses allgemeine Verständnis nahm im Laufe der Zeit immer mehr ab; es wurde eingeschränkter, in je reicheren Gestaltungen der Weltgeist auf Erden sich offenbarte. Wo einst ein Sänger und Dichter von Millionen begriffen wurde, da werden jetzt oft zehn Dichter nicht von tausend Menschen begriffen. Deren, die schreiben, sind beinahe mehr als der die lesen. Es gibt in der modernen Welt mehr einzelne über die Masse sich erhebende Talente, dafür aber bei weit weniger durchschnittliche Bildung.
Je vielseitiger und tiefer unsere Literatur geworden desto mehr wurde sie dem Volk im eigentlichen Sinne, den unteren Kreisen der Nation, entfremdet.
Bei den Alten war die Poesie eine ewige Hymne auf Freiheit, bei uns ist sie ein Ersatz für dieselbe, ein Trost ihren Verlust. Der Jubel hat nur eine, allen verständliche Sprache, das Elend braucht tausenderlei Ausdrücke und Wen- dungen. Die Alten hatten ein ganzes, gesundes Herz, haben lauter gebrochene Herzen. Das Christentum hat auf die Freimachung des innern Menschen angewiesen, damit einst unsere Befreiung nach außen mehr Erfüllung und Gehalt habe. Der ungläubige Heide ließ sich keinen Schein für die Zukunft ausstellen, sondern wollte immer und in jedem Augenblicke jedem andern gegenüber der freie Mann sein. Freiheit war die Parole der alten Völker, Freiheit das Panier, unter dem sich alle versammelten; Freiheit und Nationalität waren Worte, die jedes griechische Herz, die jeder griechische Kopf begriff. Das Raffinement unserer Gefühle war den Alten unbekannt; bei ihnen gab es für alle immer eine Freude, einen Schmerz, eine Leidenschaft; bei uns hat jeder seine absonderlichen Privatschmerzen und Privatleidenschaften. Jeder ist sich selbst der Nächste geworden, und er singt nur, was ihm behagt, was ihn quält, und fragt nicht darnach, ob er damit auch eine Saite am Herzen seines Volkes berühre.
Ob wir mit so tiefsinniger Versenkung in uns selbst gewonnen oder verloren, wer will entscheiden? Glücklicher, glaube ich, sind wir nicht geworden.
Zu diesem Mangel an einem großartigen nationalen Interesse, zu diesem innern Unterschiede antiken und modernen Lebens, der Dichter und Volk so streng auseinanderhält, kommt noch ein äußerer Grund, welcher den unmittelbaren Einfluß der Literatur auf die Nation erschwert.
Bekanntlich wurde erst zur Zeit Herodots der Gebrauch des Wortes »Dichter« allgemeiner. Bis dahin hatte man nur von Sängern gewußt und damit ausgedrückt, daß die Poesie eigentlich gehört, nicht gelesen werden solle. Während bei unserer schlechten Bühnenverfassung selbst die besten Werke dramatischer Kunst nur zu Hause im stillen Kabinette gelesen werden, war bei den Griechen dies nicht einmal mit den epischen Dichtern der Fall. Auch Herodot trug seine Geschichte dem versammelten Volke vor.
Man hat schon gesagt, die Unpopularität der heutigen Dichter sei ein Beweis für deren größere Tiefe und Schönheit. Allein gibt es ein wundervoll tieferes Buch als die Bibel? Singt die Nachtigall der sieben Inseln, Homer, nicht so schön, als nur je blinde Nachtigallen gesungen haben? Und Béranger, die »Nachtigall mit der Adlersklaue« wer übertrifft sie am unsterblichsten Humor?
Wir wollen sie nicht zurückwünschen, die alten Zeiten; wir wollen nicht verkennen, welch ungeheurer Fortschritt auch in den scheinbaren Gebrechen der unsrigen sich offenbart; wissen wir doch, daß die Befreiung des innern Menschen uns einst die äußere Freiheit um so sicherer garantiert. Aber jener bärtige Grenadier, den ich in einem deutschen Theater sprach hatte nicht so unrecht, wenn er sagte, der Spektakel aber tauge nichts, so viele Kronen bringen sie doch nie zusammen, als er in Dresden beieinander gesehen. Gewiß ein leiser unbewußter Vorwurf gegen unsere Geistesaristokratie. Die Poesie der Hütte, die eben in Béranger einen so beredter Anwalt gefunden, wird von unsern deutschen Dichtern völlig vernachlässigt. Es ist viel Großes, Herrliches geschrieben worden in unserm Jahrhundert, eine Menge bedeutender sozialer Fragen wurde in der jüngsten Zeit in poetischer Weise von den tüchtigsten Geistern erledigt, man kann sich nur freuen über die schaffenslustige Regsamkeit in der neuester literarischen Epoche – aber man betrachte einmal der Reihe nach die Stoffe, welche die verschiedenen Dichter sich zur Behandlung gewählt haben, wird das Verständnis derselben sich über die Mittelklasse der Nation hinaus erstrecken? Wieviel setzen nicht die schönen Romane, Blasedow und Münchhausen, voraus! Immer das Beste ist in einer Art abgefasst, daß nur der Literat zur vollkommenen Erkenntnis desselben durchdringen kann. Von Uhland ist allerdings manche! volkstümlich geworden – was wollen aber selbst zwölf Auflagen bedeuten, wenn man bedenkt, daß keine stärker war als tausend Exemplare?
Dichter, die jeder Stufe der Bildung zugänglich sind, besitzen wir zurzeit noch keine. – Ich bin nicht so einfältig zu verlangen, daß der »Musenalmanach« z. B. in Zukunft so eingerichtet sein sollte, daß sein Verständnis gar keine Bildung erforderte ich halte einzig für wünschenswert, daß die guter Schriftsteller zuweilen auch in einer Weise schreiben, die nicht einer jahrelangen Vermittlung bedarf, bis die Quintessenz des geistigen Gehaltes unter das Volk kömmt. Das Volk der Hütte hat so gut seine Poesie als der Faulenzer im Palaste, so gut seine geheimen Schmerzen und Freuden als die Leute, welche sich zu den Gebildeten zählen. Da wird immer von Heranbildung der Nation gesprochen – wie ist aber eine solche möglich, wenn unsere großen Geister es verschmähen, sich zu ihr herabzulassen, und ihre Puppen immer aus der vornehmen Sphäre entlehnen. Das Volk hat für echte Poesie immer einen glücklichen Sinn; man versuche nur, ihm direkt gegenüberzutreten, sich direkt an die Massen zu wenden, im Volksliede, im nationalen Drama. Es ist freilich auch der strengste Richtet und wird sich nie von abgestandenen Ideen betören lassen, an welche die Menschheit den Glauben verloren hat.

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 Anmerkung:

Der Satz "Dichter, die jeder Stufe der Bildung zugänglich sind, besitzen wir zurzeit noch keine. – Ich bin nicht so einfältig zu verlangen, daß der »Musenalmanach« z. B. in Zukunft so eingerichtet sein sollte, daß sein Verständnis gar keine Bildung erforderte ich halte einzig für wünschenswert, daß die guter Schriftsteller zuweilen auch in einer Weise schreiben, die nicht einer jahrelangen Vermittlung bedarf, bis die Quintessenz des geistigen Gehaltes unter das Volk kömmt." liest sich wie ein Programm einer Literaturpolitik. Nicht zufällig deckt sie sich mit Bemühungen der Kommunisten bzw. des sozalistischen Realismus. 

Sie zeigt ein generelles Problem auf. Wenn Ungebildete erreicht werden sollen, funktioniert das nur auf Kosten der Bildung, der kruden Simplifizierung als Popularisierung. Das ist heute geltende Übung. Haben die Massen dabei etwas gerlernt? Hat sich ihr Bildungsniveau, ihr Bewusstseinsstand erhöht? Kaum. Anstatt die Un- oder Halbbildung zum Ziel und Maßstab zu machen, sollten Bemühungen unternommen werden, die Bildung zu heben.

Um die Drastigkeit solcher Überlegungen sich vor Augen zu führen nehme man das Beispiel der Naturwissenschaften: hier gilt nicht Ethnie, Gender oder Religion, nicht Gesinnung oder Sympathie. Hier taugen auch keine überholten Theorien oder falsche im Vergleich zu den "richtigen", denen, die nach dem jüngsten Stand sich als "stimmig" erweisen. Ihre Rückweisung ist nur durch neue Theorien, die "besser" sind, möglich. Sonst durch nichts. Der Wettstreit findet innerhalb des gesetzten Rahmens statt und immer nach dem letzten Stand des "state of art". 

In den Kulturen und im Bildungsbereich meint man "sozial" zu sein, wenn man den Ungebildeten entgegenkommt. Aber Unbildung ist kein naturbedingter Zustand, sondern ein veränderbarer. Die Veränderung wird durch falsches Entgegenkommen nicht geleistet. Das heißt andererseits nicht, dass man nicht populär vermitteln oder kommunizieren soll. Aber jede Vereinfachung oder Popularisierung muss ihre Grenzen kennen und darf nicht täuschen. Sonst lügt sie. Und schadet. 






Georg Herwegh
Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
1863


You are many, they are few.
(Eurer sind viele, ihrer sind wenige.)


Bet und arbeit! ruft die Welt,
Bete kurz! denn Zeit ist Geld.
An die Türe pocht die Not -
Bete kurz! denn Zeit ist Brot.

Und du ackerst, und du säst,
Und du nietest, und du nähst,
Und du, hämmerst, und du spinnst -
Sag, o Volk, was du gewinnst!

Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
Füllst des Überflusses Horn,
Füllst es hoch mit Wein und Korn -

Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?

Alles ist dein Werk! o sprich,
Alles, aber nichts für dich!
Und von allem nur allein,
Die du schmiedst, die Kette, dein?

Kette, die den Leib umstrickt,
Die dem Geist die Flügel knickt,
Die am Fuß des Kindes schon
Klirrt - o Volk. das ist dein Lohn.

Was ihr hebt ans Sonnenlicht,
Schätze sind es für den Wicht,
Was ihr webt, es ist der Fluch
Für euch selbst - ins bunte Tuch.

Was ihr baut, kein schützend Dach
Hat's für euch und kein Gemach;
Was ihr kleidet und beschuht,
Tritt auf euch voll Übermut.

Menschenbienen, die Natur,
Gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?

Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.

Deiner Dränger Schar erblaßt,
Wenn du, müde deiner Last,
In die Ecke lehnst den Pflug,
Wenn du rufst: Es ist genug!

Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!






Die Zukunftsparole: "Wir haben lang genug geliebt, und wollen endlich hassen!" Lange vor den Hass-Minuten des Großen Bruders, abervlangt von den Untertanen in Ozeanien in Orwells "1984", lange for den hate-speech-Attacken und der realen Hasspolitik ein Hassaufruf als Befreiungsschlag:

Georg Herwegh, 1841

Das Lied vom Hasse


Wohlauf, wohlauf, über Berg und Fluß
Dem Morgenrot entgegen,
Dem treuen Weib den letzten Kuß,
Und dann zum treuen Degen!
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!

Die Liebe kann uns helfen nicht,
Die Liebe nicht erretten;
Halt du, o Haß, dein jüngst Gericht,
Brich du, o Haß, die Ketten!
Und wo es noch Tyrannen gibt,
Die laßt uns keck erfassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!

Wer noch ein Herz besitzt, dem soll's
Im Hasse nur sich rühren;
Allüberall ist dürres Holz,
Um unsre Glut zu schüren.
Die ihr der Freiheit noch verbliebt,
Singt durch die deutschen Straßen:
»Ihr habet lang genug geliebt,
O lernet endlich hassen!«

Bekämpfet sie ohn' Unterlaß,
Die Tyrannei auf Erden,
Und heiliger wird unser Haß ,
Als unsre Liebe, werden.
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!



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Der Hass hat sich eingesetellt und gewütet. Hat er geholfen? Wem und wie? 










Karl Kraus
Die Fackel

NR. 472/473     25. OKTOBER 1917     XIX. JAHR

Die deutsche Schuldfrage

                        Nichts ist schwerer zu erraten:
                        Haben deutsche Diplomaten
                        erst das Volk durch ihre Taten
                        auf dem Hassesherd gebraten?
                        Oder – wer zerteilt die Wolke –
                        schulden sie den Haß dem Volke?


Sonntag, 19. Februar 2012

Georg Büchners 175. Todestag



Karl Georg Büchner (17. Oktober 1813 in Goddelau, Großherzogtum Hessen - 19. Februar 1837 in Zürich) war ein hessischer Schriftsteller, Mediziner, Naturwissenschaftler und Revolutionär. Er gilt trotz seines schmalen Werkes als einer der bedeutendsten Literaten des Vormärz.

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In Deutschland ist der Georg-Büchner-Preis, der erstmals 1923 vrliehen wurde, in besonders hohem Ansehen.

Sein Bühnenfragment "Woyzeck" (1837) wurde vertont (Alban Berg: Wozzeck)), ebenso sein Drama "Dantons Tod" ( (Gottfried von Einem), Lenz (Wolfgang Rihm: Jakob Lenz) der das Lustspiel "Leonce und Lena (Paul Dessau).

Büchners Bühnenwerke werden meist bearbeitet; sie bilden einen Steinbruch für Bearbeiter, die dazu zu eigenem Ruhm und Tantiemen gelangen, als ob seine Werke einer modernen Bearbeitung berüften. (Vertonungen sind keine Bühnenbearbeitung, sondern legitime Übertragungen.)

Abr der Aktualitätsbezug der Büchnerstücke kann auch heute noch lautstark vernehmlich werden:

Störaktion bei Peymann-Premiere
Berlin,4.1.2012


Die Premiere von Dantons Tod am Berliner Ensemble wurde gestern, am 03.01.2012, durch eine künstlerische Intervention bereichert. Aufhänger ist der laufende Arbeitskampf der "unsichtbaren" Mitarbeiter des Hauses (Bühnentechnik, Requisite etc.), die sich seit dem vergangenen Jahr organisieren. Sie wehren sich gegen zunehmend prekäre Beschäftigungsverhältnisse und fordern einen Tarifvertrag, wie er an anderen Berliner Theatern längst üblich ist.

Ende 2011 bekommt Claus Peymann den Lessing-Preis, mit der Begründung, er halte das Ideal des Theaters als "moralische Anstalt" hoch. Währenddessen herrschen dort Hungerlöhne, es fehlt an Kündigungsschutz und Transparenz. Uns als Zuschauer widert diese Diskrepanz zwischen aufklärerischer Fassade und ausbeuterischer Praxis an.

Direkt nach der Pause drängte deshalb ein Menschenhaufen, die Marseillaise quäkend, auf einen der Gänge im ersten Rang und ließ, mit Megaphon und Sprechchor, eine Collage aus Dantons Tod erschallen, die den Büchner-Text mit der aktuellen Situation in Beziehung setzte. Zum Abschluss regnete es Flugblätter auf die Köpfe der Zuschauer, welche die Aktion überwiegend mit Zuspruch und Applaus kommentierten. Nur ein Mann brüllte den Aktivisten empört hinterher: "Wer macht denn die Revolution? [...] Dann tut doch was dafür, und spinnt nicht nur!"

gez. Das Grollen im Zuschauermagen

Viele berufen sich auf ihn, obwohl sie, wenn sie seinesgleichen heute begegneten, ihn scheuten oder verfolgten, wie er und seine Schriften damals verfolgt wurde. Als fixe Kulturgröße hat man ihm fast die Zähne gezogen, den Biss genommen. Aber nur fast. Wer Ohren hat zu hören, Augen hat zu sehen, vermag zu denken.

Und manchmal wird auch noch sein "Der Hessische Landbote" von 1834 gelesen.

Kommentar zu Georg Büchners "Der Hessische Landbote"

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

[333] Im Jahre 1834 siehet es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft. Es sieht aus, als hätte Gott die Bauern und Handwerker am fünften Tage und die Fürsten und Vornehmen am sechsten gemacht, und als hätte der Herr zu diesen gesagt: ›Herrschet über alles Getier, das auf Erden kriecht‹, und hätte die Bauern und Bürger zum Gewürm gezählt. Das Leben der [334] Vornehmen ist ein langer Sonntag: sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigne Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker. Der Bauer geht hinter dem Pflug, der Vornehme aber geht hinter ihm und dem Pflug und treibt ihn mit den Ochsen am Pflug, er nimmt das Korn und läßt ihm die Stoppeln. Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag; Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen.

Im Großherzogtum Hessen sind 718.373 Einwohner, die geben an den Staat jährlich an 6.363.436 Gulden, als
1. Direkte Steuern 2.128.131  Fl.
2. Indirete Steuern 2.478.264   "
3. Domänen 1.547.394   "
4. Regalien      46.938   "
5. Geldstrafen      98.511   "
6. Verschiedene Quellen      64.198   "
6.363.436  Fl.

Dies Geld ist der Blutzehnte, der vom Leib des Volkes genommen wird. An 700.000 Menschen schwitzen, stöhnen und hungern dafür. Im Namen des Staates wird es erpreßt, die Presser berufen sich auf die Regierung, und die Regierung sagt, das sei nötig, die Ordnung im Staat zu erhalten. Was ist denn nun das für gewaltiges Ding: der Staat? Wohnt eine Anzahl Menschen in einem Land und es sind Verordnungen oder Gesetze vorhanden, nach denen jeder sich richten muß, so sagt man, sie bilden einen Staat. Der Staat also sind alle; die Ordner im Staate sind die Gesetze, durch welche das Wohl aller gesichert wird und die aus dem Wohl aller hervorgehen sollen. – Seht nun, was man in dem Großherzogtum aus dem Staat gemacht hat; seht, was es heißt: die Ordnung im Staate erhalten! 700.000 Menschen bezahlen dafür 6 Millionen, d.h. sie werden zu Ackergäulen und Pflugstieren gemacht, damit sie in Ordnung leben. In Ordnung leben heißt hungern und geschunden werden.
[335] Wer sind denn die, welche diese Ordnung gemacht haben und die wachen, diese Ordnung zu erhalten? Das ist die Großherzogliche Regierung. Die Regierung wird gebildet von dem Großherzog und seinen obersten Beamten. Die andern Beamten sind Männer, die von der Regierung berufen werden, um jene Ordnung in Kraft zu erhalten. Ihre Anzahl ist Legion: Staatsräte und Regierungsräte, Landräte und Kreisräte, geistliche Räte und Schulräte, Finanzräte und Forsträte usw. mit allem ihrem Heer von Sekretären usw. Das Volk ist ihre Herde, sie sind seine Hirten, Melker und Schinder; sie haben die Häute der Bauern an, der Raub der Armen ist in ihrem Hause; die Tränen der Witwen und Waisen sind das Schmalz auf ihren Gesichtern; sie herrschen frei und ermahnen das Volk zur Knechtschaft. Ihnen gebt ihr 6.000.000 Fl. Abgaben; sie haben dafür die Mühe, euch zu regieren; d.h. sich von euch füttern zu lassen und euch eure Menschen- und Bürgerrechte zu rauben. Sehet, was die Ernte eures Schweißes ist!
Für das Ministerium des Innern und der Gerechtigkeitspflege werden bezahlt 1.110.607 Gulden. Dafür habt ihr einen Wust von Gesetzen, zusammengehäuft aus willkürlichen Verordnungen aller Jahrhunderte, meist geschrieben in einer fremden Sprache. Der Unsinn aller vorigen Geschlechter hat sich darin auf euch vererbt, der Druck, unter dem sie erlagen, sich auf euch fortgewälzt. Das Gesetz ist das Eigentum einer unbedeutenden Klasse von Vornehmen und Gelehrten, die sich durch ihr eignes Machwerk die Herrschaft zuspricht. Diese Gerechtigkeit ist nur ein Mittel, euch in Ordnung zu halten, damit man euch bequemer schinde; sie spricht nach Gesetzen, die ihr nicht versteht, nach Grundsätzen, von denen ihr nichts wißt, Urteile, von denen ihr nichts begreift. Unbestechlich ist sie, weil sie sich gerade teuer genug bezahlen läßt, um keine Bestechung zu brauchen. Aber die meisten ihrer Diener sind der Regierung mit Haut und Haar verkauft. Ihre Ruhestühle stehen auf einem Geldhaufen von 461.373 Gulden (so viel betragen die Ausgaben für die Gerichtshöfe und die Kriminalkosten). [336] Die Fräcke, Stöcke und Säbel ihrer unverletzlichen Diener sind mit dem Silber von 197.502 Gulden beschlagen (so viel kostet die Polizei überhaupt, die Gendarmerie usw.). Die Justiz ist in Deutschland seit Jahrhunderten die Hure der deutschen Fürsten. Jeden Schritt zu ihr müßt ihr mit Silber pflastern, und mit Armut und Erniedrigung erkauft ihr ihre Sprüche. Denkt an das Stempelpapier, denkt an euer Bücken in den Amtsstuben und euer Wachestehen vor denselben. Denkt an die Sporteln für Schreiber und Gerichtsdiener. Ihr dürft euern Nachbar verklagen, der euch eine Kartoffel stiehlt; aber klagt einmal über den Diebstahl, der von Staats wegen unter dem Namen von Abgabe und Steuern jeden Tag an eurem Eigentum begangen wird; damit eine Legion unnützer Beamten sich von eurem Schweiße mästen; klagt einmal, daß ihr der Willkür einiger Fettwänste überlassen seid und daß diese Willkür Gesetz heißt, klagt, daß ihr die Ackergäule des Staates seid, klagt über eure verlorne Menschenrechte: wo sind die Gerichtshöfe, die eure Klage annehmen, wo die Richter, die Recht sprächen? – Die Ketten eurer Vogelsberger Mitbürger, die man nach Rockenburg schleppte, werden euch Antwort geben.
Und will endlich ein Richter oder ein andrer Beamte von den wenigen, welchen das Recht und das gemeine Wohl lieber ist als ihr Bauch und der Mammon, ein Volksrat und kein Volksschinder sein, so wird er von den obersten Räten des Fürsten selber geschunden.
Für das Ministerium der Finanzen 1.551.502 Fl.
Damit werden die Finanzräte, Obereinnehmer, Steuerboten, die Untererheber besoldet. Dafür wird der Ertrag eurer Äcker, berechnet und eure Köpfe gezählt. Der Boden unter euren Füßen, der Bissen zwischen euren Zähnen ist besteuert. Dafür sitzen die Herren in Fräcken beisammen, und das Volk steht nackt und gebückt vor ihnen; sie legen die Hände an seine Lenden und Schultern und rechnen aus, wie viel es noch tragen kann, und wenn sie barmherzig sind, so geschieht es nur, wie man ein Vieh schont, das man nicht so sehr angreifen will.
Für das Militär wird bezahlt 914.820 Gulden.
[337] Dafür kriegen eure Söhne einen bunten Rock auf den Leib, ein Gewehr oder eine Trommel auf die Schulter und dürfen jeden Herbst einmal blind schießen und erzählen, wie die Herren vom Hof und die ungeratenen Buben vom Adel allen Kindern ehrlicher Leute vorgehen und mit ihnen in den breiten Straßen der Städte herumziehen mit Trommeln und Trompeten. Für jene 900.000 Gulden müssen eure Söhne den Tyrannen schwören und Wache halten an ihren Palästen. Mit ihren Trommeln übertäuben sie eure Seufzer, mit ihren Kolben zerschmettern sie euch den Schädel, wenn ihr zu denken wagt, daß ihr freie Menschen seid. Sie sind die gesetzlichen Mörder, welche die gesetzlichen Räuber schützen; denkt an Södel! Eure Brüder, eure Kinder waren dort Bruder- und Vatermörder.
Für die Pensionen 480.000 Gulden.
Dafür werden die Beamten aufs Polster gelegt, wenn sie eine gewisse Zeit dem Staate treu gedient haben, d.h. wenn sie eifrige Handlanger bei der regelmäßig eingerichteten Schinderei gewesen, die man Ordnung und Gesetz heißt.
Für das Staatsministerium und den Staatsrat 174.600 Gulden. Die größten Schurken stehen wohl jetzt allerwärts in Deutschland den Fürsten am nächsten, wenigstens im Großherzogtum. Kommt ja ein ehrlicher Mann in einen Staatsrat, so wird er ausgestoßen. Könnte aber auch ein ehrlicher Mann jetzo Minister sein oder bleiben, so wäre er, wie die Sachen stehn in Deutschland, nur eine Drahtpuppe, an der die fürstliche Puppe zieht; und an dem fürstlichen Popanz zieht wieder ein Kammerdiener oder ein Kutscher oder seine Frau und ihr Günstling oder sein Halbbruder – oder alle zusammen.
In Deutschland stehet er jetzt, wie der Prophet Micha schreibt, Kap. 7, V. 3 und 4: ›Die Gewaltigen raten nach ihrem Mutwillen, Schaden zu tun, und drehen es, wie sie es wollen. Der Beste unter ihnen ist wie ein Dorn, und der Redlichste wie eine Hecke.‹ Ihr müßt die Dörner und Hecken teuer bezahlen! denn ihr müßt ferner für das großherzogliche Haus und den Hofstaat 827.772 Gulden bezahlen.
Die Anstalten, die Leute, von denen ich bis jetzt gesprochen, [338] sind nur Werkzeuge, sind nur Diener. Sie tun nichts in ihrem Namen, unter der Ernennung zu ihrem Amt steht ein L., das bedeutet Ludwig von Gottes Gnaden, und sie sprechen mit Ehrfurcht: ›Im Namen des Großherzogs.‹ Dies ist ihr Feldgeschrei, wenn sie euer Gerät versteigern, euer Vieh wegtreiben, euch in den Kerker werfen. Im Namen des Großherzogs sagen sie, und der Mensch, den sie so nennen, heißt: unverletzlich, heilig, souverän, königliche Hoheit. Aber tretet zu dem Menschenkinde und blickt durch seinen Fürstenmantel. Es ißt, wenn es hungert, und schläft, wenn sein Auge dunkel wird. Sehet, es kroch so nackt und weich in die Welt wie ihr und wird so hart und steif hinausgetragen wie ihr, und doch hat es seinen Fuß auf eurem Nacken, hat 700.000 Menschen an seinem Pflug, hat Minister, die verantwortlich sind für das, was es tut, hat Gewalt über euer Eigentum durch die Steuern, die es ausschreibt, über euer Leben durch die Gesetze, die es macht, es hat adliche Herrn und Damen um sich, die man Hofstaat heißt, und seine göttliche Gewalt vererbt sich auf seine Kinder mit Weibern, welche aus ebenso übermenschlichen Geschlechtern sind.
Wehe über euch Götzendiener! – Ihr seid wie die Heiden, die das Krokodil anbeten, von dem sie zerrissen werden. Ihr setzt ihm eine Krone auf, aber es ist eine Dornenkrone, die ihr euch selbst in den Kopf drückt; ihr gebt ihm ein Zepter in die Hand, aber es ist eine Rute, womit ihr gezüchtigt werdet; ihr setzt ihn auf euern Thron, aber er ist ein Marterstuhl für euch und eure Kinder. Der Fürst ist der Kopf des Blutigels, der über euch hinkriecht, die Minister sind seine Zähne und die Beamten sein Schwanz. Die hungrigen Mägen aller vornehmen Herren, denen er die hohen Stellen verteilt, sind Schröpfköpfe, die er dem Lande setzt. Das L., was unter seinen Verordnungen steht, ist das Malzeichen des Tieres, das die Götzendiener unserer Zeit anbeten. Der Fürstenmantel ist der Teppich, auf dem sich die Herren und Damen vom Adel und Hofe in ihrer Geilheit übereinander wälzen – mit Orden und Bändern decken sie ihre Geschwüre, und mit kostbaren Gewändern [339] bekleiden sie ihre aussätzigen Leiber. Die Töchter des Volks sind ihre Mägde und Huren, die Söhne des Volks ihre Lakaien und Soldaten. Geht einmal nach Darmstadt und seht, wie die Herren sich für euer Geld dort lustig machen, und erzählt dann euern hungernden Weibern und Kindern, daß ihr Brot an fremden Bäuchen herrlich angeschlagen sei, erzählt ihnen von den schönen Kleidern, die in ihrem Schweiß gefärbt, und von den zierlichen Bändern, die aus den Schwielen ihrer Hände geschnitten sind, erzählt von den stattlichen Häusern, die aus den Knochen des Volks gebaut sind; und dann kriecht in eure rauchigen Hütten und bückt euch auf euren steinichten Äckern, damit eure Kinder auch einmal hingehen können, wenn ein Erbprinz mit einer Erbprinzessin für einen andern Erbprinzen Rat schaffen will, und durch die geöffneten Glastüren das Tischtuch sehen, wovon die Herren speisen, und die Lampen riechen, aus denen man mit dem Fett der Bauern illuminiert.
Das alles duldet ihr, weil euch Schurken sagen: diese Regierung sei von Gott. Diese Regierung ist nicht von Gott, sondern vom Vater der Lügen. Diese deutschen Fürsten sind keine rechtmäßige Obrigkeit, sondern die rechtmäßige Obrigkeit, den deutschen Kaiser, der vormals vom Volke frei gewählt wurde, haben sie seit Jahrhunderten verachtet und endlich gar verraten. Aus Verrat und Meineid, und nicht aus der Wahl des Volkes, ist die Gewalt der deutschen Fürsten hervorgegangen, und darum ist ihr Wesen und Tun von Gott verflucht! ihre Weisheit ist Trug, ihre Gerechtigkeit ist Schinderei. Sie zertreten das Land und zerschlagen die Person des Elenden. Ihr lästert Gott, wenn ihr einen dieser Fürsten einen Gesalbten des Herrn nennt, d.h. Gott habe die Teufel gesalbt und zu Fürsten über die deutsche Erde gesetzt. Deutschland, unser liebes Vaterland, haben diese Fürsten zerrissen, den Kaiser, den unsere freien Voreltern wählten, haben diese Fürsten verraten, und nun fordern diese Verräter und Menschenquäler Treue von euch! – Doch das Reich der Finsternis neiget sich zum Ende. Über ein kleines, und Deutschland, das jetzt die Fürsten schinden, wird als ein Freistaat mit einer vom Volk gewählten Obrigkeit wieder auferstehn. Die Heilige[340] Schrift sagt: ›Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist.‹ Was ist aber dieser Fürsten, der Verräter? – Das Teil von Judas!
Für die Landstände 16.000 Gulden.
Im Jahr 1789 war das Volk in Frankreich müde, länger die Schindmähre seines Königs zu sein. Es erhob sich und berief Männer, denen es vertraute, und die Männer traten zusammen und sagten, ein König sei ein Mensch wie ein anderer auch, er sei nur der erste Diener im Staat, er müsse sich vor dem Volk verantworten, und wenn er sein Amt schlecht verwalte, könne er zur Strafe gezogen werden. Dann erklärten sie die Rechte des Menschen: ›Keiner erbt vor dem andern mit der Geburt ein Recht oder einen Titel, keiner erwirbt mit dem Eigentum ein Recht vor dem andern. Die höchste Gewalt ist in dem Willen aller oder der Mehrzahl. Dieser Wille ist das Gesetz, er tut sich kund durch die Landstände oder die Vertreter des Volks, sie werden von allen gewählt, und jeder kann gewählt werden; diese Gewählten sprechen den Willen ihrer Wähler aus, und so entspricht der Wille der Mehrzahl unter ihnen dem Willen der Mehrzahl unter dem Volke; der König hat nur für die Ausübung der von ihnen erlassenen Gesetze zu sorgen.‹ Der König schwur, dieser Verfassung treu zu sein; er wurde aber meineidig an dem Volke, und das Volk richtete ihn, wie es einem Verräter geziemt. Dann schafften die Franzosen die erbliche Königswürde ab und wählten frei eine neue Obrigkeit, wozu jedes Volk nach der Vernunft und der Heiligen Schrift das Recht hat. Die Männer, die über die Vollziehung der Gesetze wachen sollten, wurden von der Versammlung der Volksvertreter ernannt, sie bildeten die neue Obrigkeit. Sie waren Regierung und Gesetzgeber vom Volk gewählt, und Frankreich war ein Freistaat.
Die übrigen Könige aber entsetzten sich vor der Gewalt des französischen Volkes; sie dachten, sie könnten alle über der ersten Königsleiche den Hals brechen und ihre mißhandelten Untertanen möchten bei dem Freiheitsruf der Franken erwachen. Mit gewaltigem Kriegsgerät und reisigem Zeug stürzten sie von allen Seiten auf Frankreich, und ein großer Teil der [341] Adligen und Vornehmen im Lande stand auf und schlug sich zu dem Feind. Da ergrimmte das Volk und erhob sich in seiner Kraft. Es erdrückte die Verräter und zerschmetterte die Söldner der Könige. Die junge Freiheit wuchs im Blut der Tyrannen, und vor ihrer Stimme bebten die Throne und jauchzten die Völker. Aber die Franzosen verkauften selbst ihre junge Freiheit für den Ruhm, den ihnen Napoleon darbot, und erhoben ihn auf den Kaiserthron. – Da ließ der Allmächtige das Heer des Kaisers in Rußland erfrieren und züchtigte Frankreich durch die Knute der Kosaken und gab den Franzosen die dickwanstigen Bourbonen wieder zu Königen, damit Frankreich sich bekehre vom Götzendienst der erblichen Königsherrschaft und dem Gotte diene, der die Menschen frei und gleich geschaffen. Aber als die Zeit seiner Strafe verflossen war und tapfere Männer im Julius 1830 den meineidigen König Karl den Zehnten aus dem Lande jagten, da wendete dennoch das befreite Frankreich sich abermals zur halberblichen Königsherrschaft und band sich in dem Heuchler Louis Philipp eine neue Zuchtrute auf. In Deutschland und ganz Europa aber war große Freude, als der zehnte Karl vom Thron gestürzt ward, und die unterdrückten deutschen Länder rüsteten sich zum Kampf für die Freiheit. Da ratschlagten die Fürsten, wie sie dem Grimm des Volkes entgehen sollten, und die listigen unter ihnen sagten: Laßt uns einen Teil unserer Gewalt abgeben, daß wir das übrige behalten. Und sie traten vor das Volk und sprachen: Wir wollen euch die Freiheit schenken, um die ihr kämpfen wollt. Und zitternd vor Furcht warfen sie einige Brocken hin und sprachen von ihrer Gnade. Das Volk traute ihnen leider und legte sich zur Ruhe. – Und so ward Deutschland betrogen wie Frankreich.
Denn was sind diese Verfassungen in Deutschland? Nichts als leeres Stroh, woraus die Fürsten die Körner für sich herausgeklopft haben. Was sind unsere Landtage? Nichts als langsame Fuhrwerke, die man einmal oder zweimal wohl der Raubgier der Fürsten und ihrer Minister in den Weg schieben, woraus [342] man aber nimmermehr eine feste Burg für deutsche Freiheit bauen kann. Was sind unsere Wahlgesetze? Nichts als Verletzungen der Bürger- und Menschenrechte der meisten Deutschen. Denkt an das Wahlgesetz im Großherzogtum, wornach keiner gewählt werden kann, der nicht hochbegütert ist, wie rechtschaffen und gutgesinnt er auch sei, wohl aber der Grolmann, der euch um die zwei Millionen bestehlen wollte. Denkt an die Verfassung des Großherzogtums. – Nach den Artikeln derselben ist der Großherzog unverletzlich, heilig und unverantwortlich. Seine Würde ist erblich in seiner Familie, er hat das Recht, Krieg zu führen, und ausschließliche Verfügung über das Militär. Er beruft die Landstände, vertagt sie oder löst sie auf. Die Stände dürfen keinen Gesetzesvorschlag machen, sondern sie müssen um das Gesetz bitten, und dem Gutdünken des Fürsten bleibt es unbedingt überlassen, es zu geben oder zu verweigern. Er bleibt im Besitz einer fast unumschränkten Gewalt, nur darf er keine neuen Gesetze machen und keine neuen Steuern ausschreiben ohne Zustimmung der Stände. Aber teils kehrt er sich nicht an diese Zustimmung, teils genügen ihm die alten Gesetze, die das Werk der Fürstengewalt sind, und er bedarf darum keiner neuen Gesetze. Eine solche Verfassung ist ein elend jämmerlich Ding. Was ist von Ständen zu erwarten, die an eine solche Verfassung gebunden sind? Wenn unter den Gewählten auch keine Volksverräter und feige Memmen wären, wenn sie aus lauter entschlossenen Volksfreunden bestünden?! Was ist von Ständen zu erwarten, die kaum die elenden Fetzen einer armseligen Verfassung zu verteidigen vermögen! – Der einzige Widerstand, den sie zu leisten vermochten, war die Verweigerung der zwei Millionen Gulden, die sich der Großherzog von dem überschuldeten Volke wollte schenken lassen zur Bezahlung seiner Schulden. – Hätten aber auch die Landstände des Großherzogtums genügende Rechte, und hätte das Großherzogtum, aber nur das Großherzogtum allein, eine wahrhafte Verfassung, so würde die Herrlichkeit doch bald zu Ende sein. Die Raubgeier in Wien und Berlin würden ihre Henkerskrallen ausstrecken und die kleine Freiheit mit Rumpf und Stumpf ausrotten. Das ganze deutsche Volk muß sich die Freiheit erringen. Und diese Zeit, geliebte Mitbürger, ist nicht ferne. – Der Herr hat das schöne deutsche Land, [343] das viele Jahrhunderte das herrlichste Reich der Erde war, in die Hände der fremden und einheimischen Schinder gegeben, weil das Herz des deutschen Volkes von der Freiheit und Gleichheit seiner Voreltern und von der Furcht des Herrn abgefallen war, weil ihr dem Götzendienste der vielen Herrlein, Kleinherzoge und Däumlings-Könige euch ergeben hattet.
Der Herr, der den Stecken des fremden Treibers Napoleon zerbrochen hat, wird auch die Götzenbilder unserer einheimischen Tyrannen zerbrechen durch die Hände des Volks. Wohl glänzen diese Götzenbilder von Gold und Edelsteinen, von Orden und Ehrenzeichen, aber in ihrem Innern stirbt der Wurm nicht, und ihre Füße sind von Lehm. – Gott wird euch Kraft geben, ihre Füße zu zerschmeißen, sobald ihr euch bekehret von dem Irrtum eures Wandels und die Wahrheit erkennet: daß nur ein Gott ist und keine Götter neben ihm, die sich Hoheiten und Allerhöchste, heilig und unverantwortlich nennen lassen, daß Gott alle Menschen frei und gleich in ihren Rechten schuf, und daß keine Obrigkeit von Gott zum Segen verordnet ist als die, welche auf das Vertrauen des Volkes sich gründet und vom Volke ausdrücklich oder stillschweigend erwählt ist! daß dagegen die Obrigkeit, die Gewalt, aber kein Recht über ein Volk hat, nur also von Gott ist, wie der Teufel auch von Gott ist, und daß der Gehorsam gegen eine solche Teufelsobrigkeit nur so lange gilt, bis ihre Teufelsgewalt gebrochen werden kann! – daß der Gott, der ein Volk durch eine Sprache zu einem Leibe vereinigte, die Gewaltigen, die es zerfleischen und vierteilen oder gar in dreißig Stücke zerreißen, als Volksmörder und Tyrannen hier zeitlich und dort ewiglich strafen wird, denn die Schrift sagt: was Gott vereinigt hat, soll der Mensch nicht trennen! und daß der Allmächtige, der aus der Einöde ein Paradies schaffen kann, auch ein Land des Jammers und des Elends wieder in ein Paradies umschaffen kann, wie unser teuerwertes Deutschland war, bis seine Fürsten es zerfleischten und schunden.
Weil das deutsche Reich morsch und faul war und die Deutschen von Gott und von der Freiheit abgefallen waren, hat Gott das Reich zu Trümmern gehen lassen, um es zu einem Freistaat zu verjüngen. Er hat eine Zeitlang den Satansengeln Gewalt gegeben, daß sie Deutschland mit Fäusten schlügen, er hat den Gewaltigen und Fürsten, die in der Finsternis herrschen, den bösen Geistern unter dem Himmel (Ephes. 6), Gewalt gegeben, daß sie Bürger und Bauern peinigten und ihr Blut aussaugten und ihren [344] Mutwillen trieben mit allen, die Recht und Freiheit mehr lieben als Unrecht und Knechtschaft. – Aber ihr Maß ist voll!
Sehet an das von Gott gezeichnete Scheusal, den König Ludwig von Bayern, den Gotteslästerer, der redliche Männer vor seinem Bilde niederzuknieen zwingt und die, welche die Wahrheit bezeugen, durch meineidige Richter zum Kerker verurteilen läßt! das Schwein, das sich in allen Lasterpfützen von Italien wälzte, den Wolf, der sich für seinen Baals-Hofstaat für immer jährlich fünf Millionen durch meineidige Landstände verwilligen läßt, und fragt dann: ›Ist das eine Obrigkeit von Gott, zum Segen verordnet?

Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus;
Du raubst, du schindest, kerkerst ein,
Du nicht von Gott, Tyrann!

Ich sage euch: sein und seiner Mitfürsten Maß ist voll. Gott, der Deutschland um seiner Sünden willen geschlagen hat durch diese Fürsten, wird es wieder heilen. ›Er wird die Hecken und Dörner niederreißen und auf einem Haufen verbrennen.‹ Jesaias 27, 4. So wenig der Höcker noch wächset, womit Gott diesen König Ludwig gezeichnet hat, so wenig werden die Schandtaten dieser Fürsten noch wachsen können. Ihr Maß ist voll. Der Herr wird ihre Körper zerschmeißen, und in Deutschland wird dann Leben und Kraft als Segen der Freiheit wieder erblühen. Zu einem großen Leichenfelde haben die Fürsten die deutsche Erde gemacht, wie Ezechiel im 37. Kapitel beschreibt: ›Der Herr führte mich auf ein weites Feld, das voller Gebeine lag, und siehe, sie waren sehr verdorrt.‹ Aber wie lautet des Herrn Wort zu den verdorrten Gebeinen: ›Siehe, ich will euch Adern geben und Fleisch lassen über euch wachsen, und euch mit Haut überziehen, und will euch Odem geben, daß ihr wieder lebendig werdet, und sollt erfahren, daß Ich der Herr bin.‹ Und des Herrn Wort wird auch an Deutschland sich wahrhaftig beweisen, wie der Prophet spricht: ›Siehe, es rauschte und regte sich, und die Gebeine kamen wieder zusammen, ein jegliches zu seinem Gebein. – Da kam Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und richteten sich auf ihre Füße, und ihrer war ein sehr groß Heer.‹ Wie der Prophet schreibet, also stand es bisher in Deutschland: eure Gebeine sind verdorrt, denn die Ordnung, in der ihr lebt, ist eitel Schinderei. Sechs Millionen bezahlt ihr im Großherzogtum einer [345] Handvoll Leute, deren Willkür euer Leben und Eigentum überlassen ist, und die anderen in dem zerrissenen Deutschland gleich also. Ihr seid nichts, ihr habt nichts! Ihr seid rechtlos. Ihr müsset geben, was eure unersättlichen Presser fordern, und tragen, was sie euch aufbürden. So weit ein Tyrann blicket – und Deutschland hat deren wohl dreißig –, verdorret Land und Volk. Aber wie der Prophet schreibet, so wird es bald stehen in Deutschland: der Tag der Auferstehung wird nicht säumen. In dem Leichenfelde wird sich's regen und wird rauschen, und der Neubelebten wird ein großes Heer sein.
Hebt die Augen auf und zählt das Häuflein eurer Presser, die nur stark sind durch das Blut, das sie euch aussaugen, und durch eure Arme, die ihr ihnen willenlos leihet. Ihrer sind vielleicht 10.000 im Großherzogtum und eurer sind es 700.000, und also verhält sich die Zahl des Volkes zu seinen Pressern auch im übrigen Deutschland. Wohl drohen sie mit dem Rüstzeug und den Reisigen der Könige, aber ich sage euch: Wer das Schwert erhebt gegen das Volk, der wird durch das Schwert des Volkes umkommen. Deutschland ist jetzt ein Leichenfeld, bald wird es ein Paradies sein. Das deutsche Volk ist ein Leib, ihr seid ein Glied dieses Leibes. Es ist einerlei, wo die Scheinleiche zu zucken anfängt. Wann der Herr euch seine Zeichen gibt durch die Männer, durch welche er die Völker aus der Dienstbarkeit zur Freiheit führt, dann erhebet euch, und der ganze Leib wird mit euch aufstehen.
Ihr bücktet euch lange Jahre in den Dornäckern der Knechtschaft, dann schwitzt ihr einen Sommer im Weinberge der Freiheit und werdet frei sein bis ins tausendste Glied.
Ihr wühltet ein langes Leben die Erde auf, dann wühlt ihr euren Tyrannen ein Grab. Ihr bautet die Zwingburgen, dann stürzt ihr sie und bauet der Freiheit Haus. Dann könnt ihr eure Kinder frei taufen mit dem Wasser des Lebens. Und bis der Herr euch ruft durch seine Boten und Zeichen, wachet und rüstet euch im Geiste und betet ihr selbst und lehrt eure Kinder beten: ›Herr, zerbrich den Stecken unserer Treiber und laß dein Reich zu uns kommen – das Reich der Gerechtigkeit. Amen.


TourLiteratur zu Georg Büchner

Dietmar Goltschnigg (Hg.): Georg Büchner und die Moderne. Texte, Analysen, Kommentare Band 2: 1945-1980. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2002.
Dazu: Die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel. Dietmar Goltschniggs zweiter Band der Büchner-Rezeption. Rezension von Werner Weiland, Literaturkritik

Und dass auch die Wissenschaft ein Feld von bösen, gemeinen, eitlen Übeltätern sein kann oder immer wieder ist, beweist die Kontroverse um die Georg Büchner Gesellschaft und einiger mit ihr involvierter Fachleute. Lesen Sie hier die peinliche Kontroverse:

"... die Büchnerforschung ist ein Schlachtfeld":
Zur Kontroverse um die Büchner-Herausgabe siehe GEORG BÜCHNER ONLINE

Zum Verhältnis Drama & Oper:

Angela von Streit: Woyzeck oder Wozzeck? Das Drama von Georg Büchner und die Oper von Alban Berg. Oregon State University, March 10, 1998


Montag, 2. Januar 2012

140. Todestag von Ludolf Wienbarg


Geboren am 25. Dezember 1802 in Altona; gestorben am 2. Januar 1872 (Wikipedia: 08.01.1872) in Schleswig. Schriftsteller des Vormärz.

Wikipedia





Ästhetische Feldzüge

Vorwort.

I.

Ich schreibe gern für das neugedruckte Buch dieses tapferen Holsteiners den Auftakt. Ehrlich zu sprechen: ich hab' ihn bis jetzt nicht genauer gekannt. Heute weiß ich, daß er eins von den brennenden Geblüten war, für die (wie für unsereinen) alles Aesthetische nur ein Aushängeschild bleibt, ein Vorwand, ein Anlaß: die Welt vorwärtszubringen – in bessere Freiheit und klügere Menschlichkeit.
Ludolf Wienbarg (welcher das Wort vom Jungen Deutschland in dieser Schrift geprägt hat) war einunddreißig, als er seine Reden vor der Jugend hielt, nach vier Jahrzehnten starb er, in Vergessenheit; ein Zeitungsmann; einer vom Troß. Dennoch umleuchtet.
Wienbarg hatte »das Vertrauen auf die Zeit, die Rosen und Ketten bricht.« Kam sie heut? Rosen brach sie kaum. Ketten doch. Aller guten Vorläufer soll gedacht sein.

II.

Wienbarg ist, unterirdisch, ein Schwarmgeist. Aber zugleich ein heutiger Mensch. So gewiß er das Mittelalter schätzt: so gewiß verlacht er die nach ihm rückgewandte Sehnsucht. Er haßt Schnürung der Seelen, romantischen Schlendrian ... und den »Unfug Historie«. Unfug Historie? Derlei kann bei Nietzsche stehn. Es steht bei Nietzsche – in dem Abschnitt vom »Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben.«
Wer spricht: Wienbarg oder Nietzsche? wenn es etwa heißt: »Das Leben ist des Lebens höchster Zweck« –? Der Satz steht in diesem Buch. Wer spricht, Wienbarg oder Nietzsche? wenn es heißt: »Befreit die Welt von den Sünden der Schwäche« –? Der Satz steht wieder in diesem Buch. (Auch der andre: die herrschende Moral stelle »alles Treibende und Liebende in uns ... als das Sündhafte dar«.) Ja, dergleichen ist zwar ein Vorklang für Nietzsche. Doch nicht minder, scheint mir, ein Nachklang: von der deutschen Romantik; von Friedrich Schlegel und dem ganz jungen Clemens Brentano.
Nietzsche war ein wildgewordener Romantiker – das Junge Deutschland aber hat erkennenden Verstand auf die blaue Blume gepfropft. Auch Wienbarg. Es war kein Unglück.

III.

Dieser reisige Holste bleibt ein feurig edles Herz. Kein großer Stilist im Sinn eines Bahnbrechers: doch ein guter Kopf mit reiner, morgenfrischer Seele. Mit einem Ohr für die Musik der Zukunft.
Wienbarg, der vorgebliche Aesthetiker, fesselt am stärksten, wenn er die Zeit erziehen will. Wenn er Geschichtsphilosopheme zusammenträumt. Er kommt in den »Aesthetischen Feldzügen« vom Hundersten ins Tausendste, spricht manchmal sogar von Aesthetik – doch hier nicht am glücklichsten. Der Schmus, welcher mit diesem ... Wissenszweig verbunden ist, hat bei Wienbarg mildere Form.
Er ist kein Wissenschaftler: sondern ein Beflügler. Am fortreißendsten, wo er Ankläger der stumpfen Epoche wird und Künder des Ersehnten. Ein Mensch mit phantastischem Windhauch – dennoch vernunftklar. Man spürt Fördernd-Unverdrossenes, Umwehtes, Offenmütiges. Auch er hätte das Wort sagen können, das in der Einleitung zu meinen Gesammelten Schriften steht: »Beschäftigungen mit der Kunst – ja. Bis aufs Herzblut. Aber sie waren fast immer ein Vorwand für den Kampf um eine kühne vernünftigere Menschenordnung.«

IV.

Wienbarg zeigt im Ausdruck zwischendurch Manches vom Jean Paul. Doch Ziel des Zeitalters wird ihm nicht der verschwärmte Freund aus Wunsiedel: sondern der revolutionäre Dichter. Das ist für ihn Heinrich Heine.
Wienbarg hat in dieser Schrift Heines Weltbedeutung früh erkannt – als Heine noch ein junger Dreißiger war. Er merkt, daß Heine, dem Byron »an Penetration des Verstandes überlegen« ist. Heine wird zur Akme des Buchs.
Ein Jrrtum begegnet ihm. Heine stammt von Juden, sagt er, »aber von einer christlichen Mutter«. Er führt nun gewisse seeleninnigere, tiefere Züge Heinrich Heines auf diese vermeinte »deutsche Mutter« zurück – darin ein drolliger (wenn auch edlerer) Vorläufer der späteren Rassenf ... f ... so.. forschung, worin H. St. Chamberlain als erster Käse geduftet hat, seit er das Material zu den »Grundlügen des neunzehnten Jahrhunderts« zusammentrog.
Ludolf Wienbarg war von adligerem Holz. Der Ammenglaube blieb ein Nebenzug an ihm. Sein Hauptzug wies in Wahnlosigkeit und bessere Ferne.
Er war einer von Vielen. Doch ein Entflammer. Ein Kämpe. Ein Mithelfer. Sein Andenken sei gesegnet.

Juni 1919.

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Ludolf Wienbarg

Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?

Gegen Ersteres und für Letzteres beantwortet von Dr. Ludolf Wienbarg

Motto: ceterum ceterumque censeo....
1834