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Donnerstag, 18. Dezember 2014

Lichtungen 140

Die jüngste Ausgabe der steiermärkischen Zeitschrift "Lichtungen",  140 / XXXV. Jg., ist eingelangt und liegt in unserer Bibliothek auf.

Schwerpunkte:  Poetik des Monströsen / Poetry Slam

Montag, 2. Januar 2012

140. Todestag von Ludolf Wienbarg


Geboren am 25. Dezember 1802 in Altona; gestorben am 2. Januar 1872 (Wikipedia: 08.01.1872) in Schleswig. Schriftsteller des Vormärz.

Wikipedia





Ästhetische Feldzüge

Vorwort.

I.

Ich schreibe gern für das neugedruckte Buch dieses tapferen Holsteiners den Auftakt. Ehrlich zu sprechen: ich hab' ihn bis jetzt nicht genauer gekannt. Heute weiß ich, daß er eins von den brennenden Geblüten war, für die (wie für unsereinen) alles Aesthetische nur ein Aushängeschild bleibt, ein Vorwand, ein Anlaß: die Welt vorwärtszubringen – in bessere Freiheit und klügere Menschlichkeit.
Ludolf Wienbarg (welcher das Wort vom Jungen Deutschland in dieser Schrift geprägt hat) war einunddreißig, als er seine Reden vor der Jugend hielt, nach vier Jahrzehnten starb er, in Vergessenheit; ein Zeitungsmann; einer vom Troß. Dennoch umleuchtet.
Wienbarg hatte »das Vertrauen auf die Zeit, die Rosen und Ketten bricht.« Kam sie heut? Rosen brach sie kaum. Ketten doch. Aller guten Vorläufer soll gedacht sein.

II.

Wienbarg ist, unterirdisch, ein Schwarmgeist. Aber zugleich ein heutiger Mensch. So gewiß er das Mittelalter schätzt: so gewiß verlacht er die nach ihm rückgewandte Sehnsucht. Er haßt Schnürung der Seelen, romantischen Schlendrian ... und den »Unfug Historie«. Unfug Historie? Derlei kann bei Nietzsche stehn. Es steht bei Nietzsche – in dem Abschnitt vom »Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben.«
Wer spricht: Wienbarg oder Nietzsche? wenn es etwa heißt: »Das Leben ist des Lebens höchster Zweck« –? Der Satz steht in diesem Buch. Wer spricht, Wienbarg oder Nietzsche? wenn es heißt: »Befreit die Welt von den Sünden der Schwäche« –? Der Satz steht wieder in diesem Buch. (Auch der andre: die herrschende Moral stelle »alles Treibende und Liebende in uns ... als das Sündhafte dar«.) Ja, dergleichen ist zwar ein Vorklang für Nietzsche. Doch nicht minder, scheint mir, ein Nachklang: von der deutschen Romantik; von Friedrich Schlegel und dem ganz jungen Clemens Brentano.
Nietzsche war ein wildgewordener Romantiker – das Junge Deutschland aber hat erkennenden Verstand auf die blaue Blume gepfropft. Auch Wienbarg. Es war kein Unglück.

III.

Dieser reisige Holste bleibt ein feurig edles Herz. Kein großer Stilist im Sinn eines Bahnbrechers: doch ein guter Kopf mit reiner, morgenfrischer Seele. Mit einem Ohr für die Musik der Zukunft.
Wienbarg, der vorgebliche Aesthetiker, fesselt am stärksten, wenn er die Zeit erziehen will. Wenn er Geschichtsphilosopheme zusammenträumt. Er kommt in den »Aesthetischen Feldzügen« vom Hundersten ins Tausendste, spricht manchmal sogar von Aesthetik – doch hier nicht am glücklichsten. Der Schmus, welcher mit diesem ... Wissenszweig verbunden ist, hat bei Wienbarg mildere Form.
Er ist kein Wissenschaftler: sondern ein Beflügler. Am fortreißendsten, wo er Ankläger der stumpfen Epoche wird und Künder des Ersehnten. Ein Mensch mit phantastischem Windhauch – dennoch vernunftklar. Man spürt Fördernd-Unverdrossenes, Umwehtes, Offenmütiges. Auch er hätte das Wort sagen können, das in der Einleitung zu meinen Gesammelten Schriften steht: »Beschäftigungen mit der Kunst – ja. Bis aufs Herzblut. Aber sie waren fast immer ein Vorwand für den Kampf um eine kühne vernünftigere Menschenordnung.«

IV.

Wienbarg zeigt im Ausdruck zwischendurch Manches vom Jean Paul. Doch Ziel des Zeitalters wird ihm nicht der verschwärmte Freund aus Wunsiedel: sondern der revolutionäre Dichter. Das ist für ihn Heinrich Heine.
Wienbarg hat in dieser Schrift Heines Weltbedeutung früh erkannt – als Heine noch ein junger Dreißiger war. Er merkt, daß Heine, dem Byron »an Penetration des Verstandes überlegen« ist. Heine wird zur Akme des Buchs.
Ein Jrrtum begegnet ihm. Heine stammt von Juden, sagt er, »aber von einer christlichen Mutter«. Er führt nun gewisse seeleninnigere, tiefere Züge Heinrich Heines auf diese vermeinte »deutsche Mutter« zurück – darin ein drolliger (wenn auch edlerer) Vorläufer der späteren Rassenf ... f ... so.. forschung, worin H. St. Chamberlain als erster Käse geduftet hat, seit er das Material zu den »Grundlügen des neunzehnten Jahrhunderts« zusammentrog.
Ludolf Wienbarg war von adligerem Holz. Der Ammenglaube blieb ein Nebenzug an ihm. Sein Hauptzug wies in Wahnlosigkeit und bessere Ferne.
Er war einer von Vielen. Doch ein Entflammer. Ein Kämpe. Ein Mithelfer. Sein Andenken sei gesegnet.

Juni 1919.

Im Projekt Gutenberg-DE vorhanden

Ludolf Wienbarg

Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden?

Gegen Ersteres und für Letzteres beantwortet von Dr. Ludolf Wienbarg

Motto: ceterum ceterumque censeo....
1834

Sonntag, 14. August 2011

Die Bewertung von Lyrik

Nach welchen Kriterien wird Lyrik bewertet, soll sie bewertet werden? Gibt es überhaupt intersubjektiv nachvollziehbare Kriterien heute?

Unabhängig davon, dass es mehr Lyrikerinnen und Lyriker gibt als Leser (viele Lyriker lesen keine andere Lyrik als ihre eigene!), dass allgemein beklagt wird, wie gering die Publikationsmöglichkeiten sind etc., fällt auf, dass doch beurteilt, kritisiert und gelobt wird. Gut so. Aber wie wird argumentiert? Wonach wird bemessen, bewertet?

In Gesprächen mit einigen Autoren habe ich keine allgemeinen Kriterien herausgehört. In der Lyrik gelten weder die Grammatikregeln, noch die der passenden oder schiefen Metapher. Alles ist möglich. Anything goes. Die grenzenlose Freiheit verbietet ein Festlegen, ein Fordern, ein Bewerten. Es scheint nur noch das Geschmacksurteil möglich, die bloße Annahme oder Ablehnung. Wie beim Glauben: Man kann nicht argumentieren, nur gläubig sein oder ungläubig.

Es gibt zwar Plausibilitäten, Zeitbezüge, Trefflichkeit, Kürze und Würze, Düsternis und bedeutungsschwangere Schwere. Aber ein Test beweist, dass alles, wirklich alles, so oder so deutbar wird oder ist, und deshalb Auf- oder Abwertungen sich zum persönlichen Ausdruck verdünnen, der darüber hinaus keinerlei Bedeutung aufweist. Jemand anderer kann das erhellend finden oder völlig daneben, falsch oder sonst etwas. Es gibt keine Verbindlichkeiten.

Liest man Lyrikkritiken genauer nach, scheinen sie mehr über die Rezensentin auszusagen, als über das Besprochene. In einem Test habe ich in den Medien mehrheitlich gepriesene Autoren und ihre lyrischen Produktionen lesen und bewerten lassen: Es zeigt sich, dass es fast keine Deckung der Urteile gibt. Es scheint, die Bewertungen sind so verschieden wie es Leser und Meinende sind. Die Bewertung ist zur Meinungssache geworden.

Die Meinung ist frei. Klar. Das Denken ist frei. Die Lyrik ist frei. Was soll man noch dazu sagen? Jemand verreißt etwas, jemand anderer lobt es. Beides aus nachvollziehbaren Gründen. Oder nicht nachvollziehbaren. Aber in beiden Fällen kann nicht argumentiert werden. Es bleibt beim Meinen, beim Vertreten von Meinungen, die als Positionen positioniert werden.

Jene Gedichte, aus denen man Ideologisches herauslesen kann, bieten mehr Angriffsfläche oder Belobigungsgründe, weil es um Gesinnung geht. Die Rezeptionshaltungen orientieren sich stark an Gesinnungen. Das war früher schon so, das ist heute noch extremer.

Die große Freiheit und dadurch bedingte Unverbindlichkeit ist nicht per se zu beklagen. Aber dann soll man Farbe bekennen und nicht so tun, als ob man nach allgemeinen oder übers Subjektive hinausgehenden Kriterien urteilt. Oder die Kritikerin, der Kritiker macht deutlich, nach welchen Maßstäben er urteilt. Das wäre interessant...

2009 gab Thomas Geiger die Anthologie "Laute Verse. Gedichte aus der Gegenwart" heraus. Die Reaktionen illustrieren deutlich das Dilemma.

Laute Verse.
Gedichte der Gegenwart
hg. von Thomas Geiger., dtv 2009
ISBN: 978-3-423-24692-7



Dazu allgemein in der ZEIT:
Wo Poeten laut werden. Lyrik im Internet

Ach, wer liest schon Gedichte!



Leseproben als Übungsbewertungsbeispiele, völlig aus dem Kontext des jeweiligen Buches gerissen, ohne Nennung der Autorin oder des Autors, damit ja keine Vorurteiligkeit entstehe, zur köstlichen Lektüre und kundigen Bewertung:


1)
Gedankenaustausch

Als wir uns schon lange nicht mehr begegneten
Begegneten sich manchmal noch unsre Gedanken
Es fuhr dann meist ein Lüftchen durch die laue
Nacht oder es tropfte Honig von der Decke

Dann wussten wir, sie hatten's wieder mal geschafft
Die Trägheit unsrer Körper zu umgehen
Und sich zu treffen ohne unsre Hüllen zu bemühen
Die ihrem Einklang stets im Wege standen


2)
4. Strophe eines fünfstrophigen Gedichts:

Ohne Drogen läuft nichts
Hier im Irrgang der Zeichen
Wo du umkommst gesichts-
Los in blinden Vergleichen.
Träumend ... Rate für Rate
Von den Bildern beäugt.
Wer ist Herr der Opiate
Die das Hirn selbst erzeugt?


3)
Ausschnitt aus einem längeren Text:

10. januar, tag des hl paulus.
erkennen sich! (wunder) und lassen sich in seiner wohnung
auf einem steine nieder: "da siehst du:

einem menschen / der
am ende seiner laufbahn / in weißen haaren
bald zu staube / werden soll." So still. Aßen sie's rabenbrot,

und tranken die quelle (schallz) / die hörbare unterm palmbaum.
tieridyllen dazu im hintergrund, sagen wir: mehrerender, sanft
das Aug' niederschlagend - darüber gehen sie


4)
Die letzte eines sechstrophigen Gedichts:

Bittrer Becher, sei uns gesegnet! Ach, wer
Leidet denn genügend - und wer denn wurde
Je zu tief gehöhlt, dem die streng gespannte
Saite erbebte?


5)

Der Tisch, aus Stundenholz, mit
dem Reisgericht und dem Wein.
Es wird
geschwiegen, gegessen, getrunken.
Eine Hand, die ich küßte,
leuchtet den Mündern.


6)
Ausschnitt aus einem längeren Gedicht ohne Strophen

tischig & stuhlig & wohlig & wuhlig & brünstig das licht des metallnen weins als verschmierte mäuler zungen leckten reckten steckten verbissen im geschmack der gestrigen vergangenheit im keller im keller als das kind weglief weg und muttern das glas nahm wieder und wieder bis vater nicht mehr konnte


7)
Zwei von einem dreistrophigen Gedicht:

In dem Meer der goldnen Stoppeln segeln
Kleine Schiffe, weiß und leicht erbaut;
Und in Träumen seiner leichten Weite
Sinkt der Himmel wolkenüberblaut.

Weit gerückt in unbewegter Ruhe
Steht der Wald wie eine rote Stadt.
Und des Herbstes goldne Flaggen hängen
Von den höchsten Türmen schwer und matt.