THINKING WITHOUT A BANISTER Essays in Understanding, 1953-1975
By Hannah Arendt
Edited by Jerome Kohn
569 pp. Schocken Books. $40.
What
is the relationship between thinking, acting and historical
consciousness? How do we preserve a spirited intellectual autonomy that
yet includes enough sense of the past to contextualize and
resist those power-grabbers who would bamboozle the public with their
own fun house versions of truth?
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Bei einem philosophisch-politischen Gespräch erwähnte ich kürzlich Hannah Arendt, worauf ein aufrechter, progressiver, linker Autor mich vehement anfuhr und wünschte, von dieser Person nichts zu hören, weil sie mit ihrem Konzept der Banalität des Bösen Hitler und die Nazis bagatellisiert habe, weil sie politisch dem Feind geholfen habe etc.
Ich sah ihn erstaunt an, wie man einen Typen beschaut, der eine seltsame Krankheit zeigt, und es stieg weniger Ärger in mir hoch, ob der blöden falschen Aussage und seiner bornierten Haltung eines typischen Linken, der nichts, jedenfalls zu wenig, gerlenrt hatte, als Bedauern über seine geringe Denkfähigkeit, seine brüchige Weltbildfragilität. Er war ein Moralist mit Ideologie, war, wie er meinte, zukunftsorientiert und führte das Versagen der Sozialdemokratie bzw. der Kommunisten auf die Gegner zurück: damals wie heute. Seine Zukunft war aber eigentlich schon dunkel, lag im Gestern, war eine verzerrte Erinnerung geworden. Auch die letzten Reste von Mao konnten das alte Regime mit SEINER Wahrheit nicht mehr herstellen, auch dieses verblasste und dunkelte.
Kein Wort über totalitäre Seiten und Menschenverachtung bei den Kommis, kein Wort über den linken Faschismus (das Konzept sei bürgerliche Propaganda, basta!), In seinem Gartenlaubenkosmos war alles klar geordnet: oben und unten, links und rechts. Die Hannah lag falsch, basta. (Er versuchte sich zu beherrschen in seinen folgenen Invektiven, weil die Arendt ja eine Jüdin war und man - er - deshalb etwas gewählter, sorgsamer vorgehen musste, um nicht in den falschen Winkel gestellt zu werden, der aber, wenn man seine Position näher beleuchtete, durchaus der passende für ihn gewesen wäre.)
Sein Kollege, ein älterer, frustrierter Sozialdemoklrat, hielt sich klug aus der Debatte, wiegte bedeutungsschwanger sein Haupt, hüstelte, und versuchte eine neutrale Verbindungsbemerkung zu äußern, die aber unterging.
Es existiert nicht nur eine Kritik an Arendt, sondern eine abwertende Gehässigkeit, wenn nicht blanker Hass. Für mich und andere bleibt Hannah Arendt, bei aller Kritik, die sie ja durchaus aushält, eine beeindruckende, tapfere Denkerin, die Spuren hinterließ.
HLH
Nachtrag:
Fifty Years Later, Why Does ‘Eichmann in Jerusalem’ Remain Contentious?
The Ocean, the Bird, and the Scholar
Essays on Poets and Poetry
Helen Vendler
HARDCOVER
$35.00 • £25.95 • €31.50
ISBN 9780674736566
Publication: May 2015
464 pages, 6-1/8 x 9-1/4 inches
Helen Vendler is full of condescending waffle (and not just when she’s attacking me)
Daniel Swift takes ‘the Queen of Formalism’ to task over her scientific approach to poetry in her spiky new collected essays, The Ocean, the Bird and the Scholar Daniel Swift, Spectator
The Ocean, the Bird and the Scholar: Essays on Poets and Poetry, by Helen Vendler
Elizabeth Greene lauds an eminent critic’s fine close reading of Wallace Stevens and others Times Higher Education, June 18 2015
Otto Gildemeister, 13.3.1823 - 26.8.1902, war Journalist, Schriftsteller, Übersetzer, liberal-konservativer Politiker, Senator und Bremer Bürgermeister.
Im vorigen Jahrhundert gehörte das Wort Tugend
zum Jargon; heute belächeln wir die überschwengliche Rührung, mit der
gefühlvolle Herzen damals diesem Worte lauschten, und die Häufigkeit,
mit der beliebte Schriftsteller es gebrauchten. Ist unsere Zeit frei von
solchem Jargon? Ich zweifle daran. Tugend ist nicht mehr Mode, aber man
spricht sehr viel von Sittlichkeit. Für den Hausgebrauch erscheint der
Unterschied, ob es tugendhaft oder ob es sittlich sei, nicht eben
erheblich, aber wer heutzutage sich ans Publikum wendet, muß seine Rede
mit Sittlichkeit würzen oder salben. Früher sagte man Moral, aber
Sittlichkeit klingt vornehmer, und vollends Ethik!
Wo man von sittlichen Problemen spricht, ist das Wort
Sittlichkeit einwandsfrei. Aber man findet es seit einiger Zeit in
wuchernder Fülle an Stellen, wo es keinen Sinn hat, z. B. wo es sich um
wirtschaftliche Probleme handelt. Mit den Worten national, deutsch,
patriotisch geht es ähnlich. Wie die Wulste, Tressen und Bänder der
Schneidermode verhüllen sie irgend eine Dürftigkeit der Natur; wie sie,
sind sie vom Übel, wo es aus Erkenntnis der Wirklichkeit vor allem
ankommt. Man entkleidet den Körper, den der Wundarzt untersuchen soll,
mag der Anblick noch so unschön sein.
Auf einem kürzlich abgehaltenen evangelisch-sozialen Kongreß ist
das Wort Tugend (was ich durchaus billige) gar nicht, das Wort
Sittlichkeit sehr oft vorgekommen. Nichts ist nämlich leichter, als die
sozialen Fragen, denen auf wirtschaftlichem Wege äußerst schwer
beizukommen ist, vom Standpunkte der Sittlichkeit aus zu beleuchten. Und
wie die Elektrizität, um sich zu entladen, immer
den leichtesten Ausweg sucht, so macht es auch der soziale Tatendrang,
der sich in solchen Kongressen verdichtet. An der Stange des sittlichen
Pathos gleitet das Fluidum bequem in den Erdboden. Zu den zahlreichen
sonoren Resolutionen des Kongresses hat ein Generalsuperintendent eine
feierliche Einleitung augenscheinlich mit Sorgfalt redigiert, und die
Resolutionen sind mit dieser Ouvertüre in die Welt gegangen. Darin wird
unter anderem nun folgendes als Aufgabe der Versammlung bezeichnet:
»Dahin zu wirken, daß auf dem Grunde einer
neuen, aus dem Evangelium geborenen Gesinnung die einzelnen Stände sich
ihrer Verpflichtungen gegeneinander bewußt und denselben gerecht werden;
daß insonderheit die Arbeitgeber den sittlich ebenbürtigen Wert der
Arbeit anerkennen, die Arbeiter aber in derselben einen sittlichen Beruf
erblicken lernen.«
Was heißt das? Daß es gut wäre, wenn alle Menschen ihre
Pflichten, einschließlich der sozialen, erfüllten, z. B. ehrlich
hielten, was sie versprochen haben, und einer dem andern anständig,
gerecht und hilfreich begegnete, bestreitet natürlich niemand. Diesen
Teil des Satzes, der nur überflüssig, aber nicht irreleitend ist, lasse
ich auf sich beruhen. Aber über »den sittlich ebenbürtigen Wert der
Arbeit,« den der Arbeitgeber anerkennen soll, möchte ich mir Auskunft
erbitten. Wieso hat denn die Arbeit als Arbeit sittlichen Wert? (an den
pädagogischen ist doch in diesem Zusammenhange nicht zu denken). Und wem
soll er ebenbürtig sein? Und endlich, wenn nun der Arbeitgeber sagt:
»Jawohl, ich erkenne den ebenbürtigen sittlichen Wert der Arbeit an,«
was folgt daraus? Was wird damit genützt? Wird er für Arbeit, weil sie
sittlichen Wert hat, höheren Lohn zahlen, oder sie angenehmer machen
können?
Arbeit als solche ist weder sittlich noch unsittlich. Ich habe
immer gehört, daß die Sittlichkeit einer Handlung lediglich von den
Motiven abhänge, und ich glaube, daß das die allgemeine Ansicht ist. Nun
wird man nicht sehr fehlgehen, wenn man annimmt, daß neunundneunzig von
hundert Arbeitern sich von dem Wunsche, ihren Lebensunterhalt zu
gewinnen, bestimmen lassen. Sie wissen, daß sie ohne Arbeit entweder
hungern und frieren oder betteln und
stehlen müssen. Sie ziehen die Arbeit vor, weil sie das bei weitem
geringere Übel ist. Daß sie so handeln, ist verständig und untadelhaft,
aber es als sittlich zu rühmen, sehe ich keinen besonderen Grund. Man
müßte denn die Sittlichkeit als etwas Negatives auffassen, als bloße
Abwesenheit des Lasters. Die positive Sittlichkeit beginnt für mich erst
da, wo einer freiwillig stöhnt und schwitzet unter Lebensmühen, um
anderen zu helfen, oder einem idealen Interesse zuliebe, wo einer
arbeitet, um die Schulden eines Freundes zu tilgen, den Hunger eines
Fremdlings zu stillen oder einer gerechten Sache zum Siege zu verhelfen.
Mit Hilfe einer subtilen chemischen Analyse wird man vielleicht auch in
der gewöhnlichen Erwerbstätigkeit des gewöhnlichen Arbeiters positive
Sittlichkeit entdecken wie in einer Tonne Gesteins ein Milligramm
Goldes. Zum Beispiel eine Mitwirkung des Gerechtigkeitssinnes, der uns
verbietet, eine Last, die wir selbst tragen sollten, auf andere
abzuwälzen. Aber man denkt nicht zu niedrig von der menschlichen Natur,
wenn man als das eigentliche, praktisch wirksame Motiv der menschlichen
Arbeit – von dem Zwange der Sklaverei abgesehen – das wohlverstandene
und übrigens vollkommen berechtigte Interesse der Arbeitenden ansieht.
Das Wort sittlich ist deshalb bloß Phrase.
Die Phrase aber ist irreleitend, weil sie den Arbeiter in einem
Wahne bestärkt, zu dem er, von seinen Schmeichlern verführt, ohnehin nur
allzusehr neigt, in dem Wahne nämlich, daß seine Erwerbstätigkeit an
sich etwas ausnahmsweise Verdienstliches sei, bekleidet mit einer ihr
eigentümlichen Würde, die allen anderen menschlichen Tätigkeiten abgehe.
Er glaubt schon jetzt, daß er der alleinige Schöpfer aller irdischen
Güter sei; er glaubt, daß ein ungerechtes Schicksal nur ihn allein zu
Anstrengungen, Entbehrungen und Leiden verdamme; er wird es sich gern
gesagt sein lassen, daß er mit jedem Hammerschlag und Spatenstich eine
Tat der Sittlichkeit vollbringe, die ihn von den rechnenden Bourgeois
vorteilhaft unterscheide.
Vielleicht wird der Herr Generalsuperintendent einwenden, er habe
es so gar nicht gemeint: er habe nur sagen wollen, daß die Arbeitgeber
ihre Arbeiter human behandeln, in ihnen stets die
menschliche Würde, das menschliche Recht und die menschliche Schwäche
anerkennen und schonen sollten. Den Arbeitern aber habe er nur empfehlen
wollen, daß sie die übernommene Leistung gewissenhaft erfüllen und ihr
gegebenes Wort halten möchten. Ich selbst glaube beinahe, daß etwas
Ähnliches ihm vorgeschwebt hat, und daß nur der heute übliche
sozialistische Jargon schuld ist, wenn er das Einfache und Richtige so
dunkel ausgedrückt hat. Ohne den Jargon hätte sich aber vielleicht der
Zweifel bei ihm geregt, ob es sich der Mühe lohne, so einfache Dinge so
feierlich zu verkünden.
* * *
Otto Gildemeister übersetzte u. a. aus Shakespeares und Lord Byrons Werken.
Hier die Vertonung des Poems "Sun of the sleepless" von George Gordon Byron (Lord Byron) in der Übersetzung "Sonne der Schlummerlosen" von Otto Gildemeister durch Hugo Wolf (1860-1903). Es singt der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau, am Klavier begleitet von Gerald Moore:
Sun of the Sleepless
Sun of the sleepless! melancholy star! Whose tearful beam glows tremulously far! That shows the darkness thou canst not dispel, How like art thou to joy remember'd well! So gleams the past, the light of other days, Which shines, but warms not with its powerless rays; A nightbeam Sorrow watcheth to behold, Distinct, but distant - clear - but, oh how cold!
George Gordon Lord Byron (1788-1824)
Sonne der Schlummerlosen
Sonne der Schlummerlosen, bleicher Stern! Wie Tränen zittern, schimmerst du von fern; Du zeigst die Nacht, doch scheuchst sie nicht zurück, Wie ähnlich bist du dem entschwundnen Glück, Dem Licht vergangner Tage, das fortan nur leuchten, Aber nimmer wärmen kann! Die Trauer wacht, wie es durchs Dunkel wallt, Deutlich doch fern, hell, aber o wie kalt!
German translation by Otto Gildemeister (1823-1902)
Das Heft # 10, HEIMAT, wird am 29.6.2012 um 20 h in der Galerie Grenzart, Hollabrunn, präsentiert. Auf über 180 Seiten wieder Prosa, Lyrik, Essay, Rezensionen und Grafiken.