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Mittwoch, 4. März 2015

Tag der Lyrik



Zum Tag der Lyrik am 4. März eine kleine Auswahl von Gedichten aus DRIESCH – Zeitschrift für Literatur & Kultur

Ilse Krüger−Sklenicka,

noch trabt die
hoffnung bloßfüßig
durchs feuchte laub
bald aber wird sie sich
im dachsbau verkriechen

erst wenn die sonne
die winternassen
wege getrocknet
wird sie ihre
höhle verlassen



im freien fall
nach deiner hand gegriffen
trotzdem
nach deiner hand gegriffen
als könnte
durch das ineinanderkrallen
unserer finger
die zeit genötigt werden
anzuhalten




Wolfgang Wurm
Ich und eine Insel


Dass ich Dir
Eine Insel gewesen
Bestritt ich vor der See
Bis zuletzt

Nannte ich doch
Keine Erde mir eigen
Und strandend
Begrubst du mich mit

Der ich selbst
Auf kein Festland baute
Zu Marschland mutiert
Der Tide zuvorkam


Gabriele Frings
wasser und eis
der harsche schritt
fräst sich durch neuschnee
sein stiefel großspurig
garantiert trittsicherheit
nur die wolke verrät
den ort des kauerns
angehalten den atem
im ratternden schweigen
stillgestanden am abzug
die finger           knopfdruck
undblindundtaub
am abend der himmel
krümmt sich ins rot
ergibt er sich
den bildern und lauten
rotieren im dämmer
bis mondlicht zittert
auf seiner wimper grenze
zwischen wasser und eis


Kathrin B. Külow

unwirkliches weiss erstarrte fläche
aus der wie tote gräser ragen
die säulen der alleen als schatten
worte finden für durchsonnte tage
als saft aus ihnen tropfte
traf sie der stahl neugieriger
die süchtig wurden an der süße



zugVögel
 
keil
den sie vorwärts treiben
stummes land
über der grundzahl blau
und weiß die ebene
eingeschnitten die linien
der saaten der abfolgen
verschüttungen
oben ihr schneidender ruf
in die kälte



René Oberholzer

Sommernächte

In der Eiszeit
Werden die Zungen der Frauen
Besonders lang

Die Männer ergeben sich
Und schmelzen
Reihenweise dahin



Wolfgang Straßnig


wie
langsam
der schnee
fällt

ins tiefe
des traums

ins bodenlose
des weißen

zerfallenen
raums

Silvia Waltl

die liebe in zeiten des hochwassers
(berlin kurfürstendamm)
taubentag in graublau dieses gezogen-
& gestoßenwerden durch korridore
arminarm wangeanwange fluten sie
mit dem treibholz in den flüssen
hin zu fernen meeren
im wagengewimmel fremdbestimmte
körper ausgerichtet nach den orten
die sie kennen oder imaginieren
man wird schwer einig mit sich selbst
lallend von liebe oder alkohol
von wiedersehen oder abschied
zwischen zu viel oder zu wenig gepäck
eine fußbreit leben & atemreste

eine straße ist kein platz du nicht
FK ich nicht FB der richtige name
an der falschen adresse mit knirsch-
holz lustern staub & schwerem
samtbehang der ungelegene
gedankensprünge dämpft

die nie geschriebenen briefe knistern
& nadeln in den kopf wie kühle kiefern
im park am übergang zur nacht
mit abendsonne beworfene wolken
durchschwimmen die stelle wo der himmel
am engsten ist & branden an den
verbrauchten sandstein der fassaden
die spielen unbeeindruckt ihr programm
aus sockeln säulen & gesichtern

an meinen masken zerrt der wind &
schiebt mich durch die straßen die
sind unbeholfen breit & leer
in die sonntagsbrache der geschäfte
zu engeln mit verschlossnen flügeln
zu ausgehöhlten kirchen kühlen kacheln
unterm heißgelaufenen asphalt

an jeder ecke lauern zerreißproben fürs herz
irgendwo hinterm buchengrün tönen schwere
glocken & übers viadukt knattert die bahn mit hellen
vierecken die wie ich in dunkle fernen streben.


Michaela Davin

Blätterschatten

Hinter den Sträuchern
erdbeerrot duftend und
nebelschwer
schattige Netze spinnend
fand ich ihn
der mich fragte
nach unseren Gebräuchen und Sitten
Nach den rasenden Zeigern
Nach den traurigen hallen des Ruhmes
Als ich schweig
Und ging,
von grauen Schleiern begleitet,
da holte er mich ein,
mit sanften Schritten,
die trüben Schwaden verjagte er
die Tropfen auf meiner Haut zählte er
und hüllte mich
mit zitternden Fingern
in das schattige Netz
aus rotem Dunst




Leni Nusko

flockig und
im riesellicht
dein abdruck
im schnee.
gehst nicht:
hüpfst mehr.

das kristalline
in dir
wird flüssig –
strömt
Blau und Rot
ins Weiß
der schneefelddecke.


Franz Blaha

Weeche Fiass
 
Fua oosdan
hod en heanoes
da kafarebeag offn.

In da midtn
faun kafarebeag
schdäd a safnblosnmaschiin,
und de mochd en gaundsn dog
safnblosn,
und de safnblosn kossn
iwahaubd niggs.

De baamgragsla,
desd aum kafarebeag kaufn kaunsd,
kossn drei schüüling.
Und a so a baamgragsla
kau ollawäu nua owegräun,
und schäwan duad a dabei.

Mama, biddä drog me!
Meine fiass damma schau wää
und faun gigalfuada und de maraune
is ma gaunds schlächd.

Aum heanoesa friidhof
is a grob,
waunsd do hiwüssd,
muasd genausoweid auffe,
wiaraum kafarebeag.
Do siggsd jedä wochn
an mau,
dea seinä oedn brodsn
en sein oedn kabpe faschdeggd.

Waunarauffe gäd,
griagd a ka lufd mea,
und waunarowä gäd,
schäwan eam de gnia,
und wauna duadtn schdäd,
is a gaunds schdaad,
wäu daun head a
fau weid fuadt
a schdimm:

Maamma,
bidde droog me,
meine fias damma schau wä.
Aum kafarebeag
san schau olle safnblosn dsablodsdt,
es riachd nua mea noch langosch,
und mia is schau gaunds schlächd.



Wolfgang Ratz

Die Rutsche der Zeit

ein Brunnen spielt
sein Metaphernkarusell
der Park ist versperrt
die Stimmen verwachsener Kinder
fallen von Schale zu Schale
zittern von Blatt zu Blatt
von keinem zu schreiben
zu träumen von jedem

das ist die Rutsche der Zeit
die Schaukel der Worte
der Brunnen spielt ohne Publikum
nicht minder virtuos
der Applaus des Vergessens genügt
die Bilderhutsche, das versäumte Gedenken

Hatschi Bratschi Bierbaron
ein Schießbudentrick im Schneckenwald
unmögliche Passanten violett aufgedunsen
von keinem zu schreiben
zu träumen von jedem

dieser Schrei wurde nie geschrien
der Park ist versperrt
das Gebet ist kein gültiger Code



Joanna Lisiak

Heute in der Bäckerei
(die Paillasse-Brötchen)

Als ich sie daliegen sah im Körbchen
ins weisse Gewebe gehüllt an manchen Stellen
lugend durchs zerstreute Mehl hindurch zu mir
war es um mich geschehen ob all der duftenden unschuldig anmutenden Gebäcksbäckchen.

Vor Entzücken machte ich einen linkischen Witz
die Bäckersfrau ging vielleicht aus reiner Routine
nicht darauf ein was den Scherz umso komischer machte weil er zurückprallte unverhofft wie so oft
wenn das eine aufs andere trifft
in der Schräge in der Früh in zwei Rollen.

Nah beieinander noch warm stracks aus dem Ofen ruhten sie da mollig geduckt manche kauernd
hinter den anderen geborgen ich habe mir verständlich so ein knuspriges Teil sogleich gesichert
es wird in mich hinein gehen sämtlich und ich freue mich
als ich es anbeisse mit Gefühl schweife ich in Gedanken
zu den anderen sehe wie sie dort friedlich weilen
im Körbchen mundwarm und denke mir
die haben’s aber gut dort.



Martin Dragaosits

KONSEQUENZ


Ich spüre nur zu gut
dass sie mich gerne denunzierten
und sogar mal brennen ließen
weil mein Wort
in freier Form
den Bogen überspannt

der zwischen Sonntagszeitung
Bier und einem Lied
im Wirtshaus
gemeingewöhnlich
dargeboten werden darf

Ich übertreibe
bin verdächtig
ganz allein
durch Gegenwart

ich lebe liebe schreibe
weil mein Gewissen
es verlangt



Monika Vasik

alltägliche

fingergebiete
und deine hände
linien falten runzeln
lesen dazwischen
vollkommen
aufgeblättert
zeit und erfahrung
wie landschaften
im lebensbuch haut
es knittert



blinde Spiegel

hüllenlos ganz
wunschharmonisch
haut einander wieder
bloß
angeblättert
nicht buchstabiert
nicht liebrasend
nicht sachtgerecht
Teil für Teil
uneins
im Splittern
so fasernackt
aneinander vorbei
atmen



Nahid Bagheri–Goldschmied

Der Papierdrache

Staatsbürger der Verzweiflung bin ich:
ein Papierdrache mit zerrissenem Faden,
der, im Niedersinken
durch zornigen Wind weggedrängt,
von Zeit zu Zeit plötzlich
bis zum Sonnenpalast hochfliegt.

Die Nacht breitet ihre Farben über die Stadt.
In welchen Gassen und Siedlungen spazierst du herum?!
Du! Mutwilliges Kind des Schicksals!

Wann zähmen deine Hände wieder
die Fäden dieses Papierdrachens?!
Über welchem Haus kannst du
die Fahne meiner winzigen Freude hissen?
Kennst du ein Dach?!



Haimo L. Handl

draußen, dort, war niemand
drinnen, hier, war ich
heute bin ich woanders und rede von damals
erinnere mich an das drinnen
das drinnige
den heimeilgen raum
heute bin ich draußen


Samstag, 5. Oktober 2013

Video Ausschnitt aus Präsentation Brünnerstraßler ABC

Im TVW4, dem TV Waldviertel, erschien ein Kurzvideo eines Ausschnitts der Lesung/Präsentation von Thomas Hofmann aus seinem Buch "Brünnerstraßler ABC", das kürzlich bei Driesch erschien.

Kunstfabrik Groß Siegharts, 20.9.2013 (Im Rahmen der Vernissage einer Ausstellung von Franz Schwarzinger, der das Buch illustrierte.)

Sehen Sie das Video hier!

Dienstag, 4. Dezember 2012

Erosion - Verfall

Die Ausgabe # 12 von Driesch, Erosion - Verfall, erscheint am 11. Dezember 2012 und wird in der Geologischen Bundesanstalt in Wien präsentiert. Informationen hier.

In dem Heft mit 198 Seiten finden Sie, wie immer, Lyrik, Prosa, Essays, Rezensionen und Grafiken.



Video mit Edith Lettner, Saxophone

Wir danken der Künstlerin, die sich spontan bereit erklärt hat, im kalten, nassen Wetter mit ihrem Saxophone zu improvisieren, und sich nicht gescheut hat, für diese Aufnahmen in einem Gürtellokal kurz aufzuspielen.

Donnerstag, 28. Juni 2012

Literatur aus Tschechien

Einige Rezensionen zur Literatur aus Tschechien:

Ivan Klíma - Stunde der Stille
Rezension von Franz Blaha
Driesch # 10 (Juni 2012) bzw. in kultur-online.net 

Tschechische Literatur 1945-2000
Rezension von Haimo L. Handl
Driesch # 10 (Juni 2012) bzw. in kultur-online.net

Geschweige denn Ostrava
Neue Literatu aus Tschechien
die horen # 245 2012/1
Rezension von Louis Christian Wolff
Driesch # 10ß (Juni 2012) bzw. in kultur-online.net

Die Horen. Nr. 245. Geschweige denn Ostrava...
Neue Literatur aus Tschechien
Rezension von Volker Strebel in literaturkritik

Donnerstag, 21. Juni 2012

Heimat – Ausgabe # 10 – Driesch

Das Heft # 10, HEIMAT, wird am 29.6.2012 um 20 h in der Galerie Grenzart, Hollabrunn, präsentiert. Auf über 180 Seiten wieder Prosa, Lyrik, Essay, Rezensionen und Grafiken.


Mittwoch, 9. Mai 2012

Eric Hobsbawm remembers Tony Judt

After the Cold War
Eric Hobsbawm remembers Tony Judt

London Review of Books, Vol. 34, No. 8, 26 April 2012

Tony Judt, who died August 6, 2010, and of whom we published his text "Words" in our Driesch issue # 4 "Zukunft + Dossier Ost" (December 2010), was a well known and acknowledged historian.

Montag, 30. April 2012

Franz Blaha rezitiert Heine - original und in Ottakringer Übertragung

In unserer Folge "Driesch Leser lesen" (Videokanal in YouTube)  rezitiert Franz Blaha das Gedicht "Die weiße Blume" von Heinrich Heine und liest dann seine Übertragung in Ottakringer Dialekt.

Heinrich Heine (13.12.1797-17.2.1856):

Die weiße Blume

    In Vaters Garten heimlich steht
    Ein Blümchen traurig und bleich;
    Der Winter zieht fort, der Frühling weht,
    Bleich Blümchen bleibt immer so bleich.
    Die bleiche Blume schaut
    Wie eine kranke Braut.

    Zu mir bleich Blümchen leise spricht:
    Lieb Brüderchen, pflücke mich!
    Zu Blümchen sprech ich: Das tu ich nicht,
    Ich pflücke nimmermehr dich;
    Ich such mit Müh und Not
    Die Blume purpurrot.

    Bleich Blümchen spricht: Such hin, such her,
    Bis an deinen kühlen Tod,
    Du suchst umsonst, findst nimmermehr
    Die Blume purpurrot;
    Mich aber pflücken tu,
    Ich bin so krank wie du.

    So lispelt bleich Blümchen, und bittet sehr -
    Da zag ich, und pflück ich es schnell.
    Und plötzlich blutet mein Herze nicht mehr,
    Mein inneres Auge wird hell.
    In meine wunde Brust
    Kommt stille Engellust.

Mittwoch, 7. März 2012

Zum Tag der Lyrik


Roser Amills Bibiloni – Gedichte aus »Morbo« (Krankhaftes)
Übersetzung aus dem Katalanischen: Klaus Ebner

Soroll i paraules 

Gràcies per jugar al soroll, abans,
de voler explicar-ho tot sense embuts.

Podríem ser tan feliços
si ara mateix et sabés dir tot just
una paraula a cau d'orella rera l'altra,
a poc a poc com baixen les velles de l'autobús, una paraula humida, sorrenca, entusiasta
que estrenyés l'eco fins a morir
entre la meva boca i la teva orella
com un petit orgasme paraula.

Però no m'entens, no encara,
i cal escriure més de sexe,
de les formes de mutació,
exhibició i transgressió dels límits
que permetin elaborar
una variant pròpia d'un mateix,
una que no panteixi ressagada
o per a que senzillament sembli que no són
sempre els mateixos
el que estan parlant del mateix.

Té a veure amb la possibilitat
d'assumir el problema
la diferència
el problema
la nostra època.

Follar no és difícil, ara,
el que és complicat és explicar-ho
sense caure en una taca de mel
o en una piscina sense aigua,
cal parlar de tot això amb naturalitat
amb la teva mare, amb la veïna,
amb un fill adolescent
o un vell desconegut que no parla,
cal vèncer els tabús de la paraula que tremola
i, en el seu desequilibri,
enxampar el ritme de cop,
trobar un acord estètic i morrejar-lo
al terra de l'habitació
mentre m'encules amb tota l'ànima
cal ser una interlocutora còmoda
quan l'altre no vol dir què li passa,
jugar a tots els jocs de tot o res,
menjar-te i tòrcer i abandonar el diccionari
cada matinada de gats suaus en l'aire,
cada hora de perfum fresc, d'asfalt,
cada harmonia dintre de cada cotxe
del pell funambulita i trempada
i per sobre de tot

cal no perdre de vista el morbo
de provar de dir d'allò que no comprenem
la milionèsima diferencial que és
per a cada un de nosaltres.


Lärm und Worte

Vorerst dank ich dir für deine Worte,
den Wunsch, das alles unumwunden auszusprechen.

Wir wären so glücklich,
wenn ich dir in diesem Augenblick ein Wort
nach dem andern ins Ohr sagen könnte, so
nach und nach, wie alte Frauen dem Bus entsteigen,
ein feuchtes, sandiges, enthusiastisches Wort,
welches das Echo bis zum Verenden erdrückt,
zwischen meinem Mund und deinem Ohr,
wie ein kleiner Wortorgasmus.

Aber du verstehst mich nicht, noch nicht,
und ich muss über Sex schreiben,
über die verschiedenen Arten der Verwandlung,
des Sich-Öffnens, der Grenzverschiebungen,
die es ermöglichen,
ein eigenes Bild von einem selbst  zu zeigen,
eines, das nicht vor Verzopftheit stöhnt
oder zumindest nicht den Eindruck erweckt, es seien
stets dieselben,
die über dasselbe reden.

Das hat mit der Möglichkeit zu tun,
das Problem anzunehmen,
den Unterschied,
das Problem,
die Eigenart unserer Zeit.

Ficken ist nicht schwierig heutzutage,
kompliziert jedoch, es zu erklären,
ohne in einen Klecks Honig zu fallen
oder in ein Schwimmbecken ohne Wasser,
man muss darüber in aller Natürlichkeit reden,
mit der Mutter, der Nachbarin,
mit seinem halbwüchsigen Kind
oder einem unbekannten Alten, der nicht spricht,
man muss die Tabus des Wortes besiegen, das
in seinem Ungleichgewicht zittert,
den Rhythmus in flagranti ertappen,
ein ästhetisches Einvernehmen finden und auf dem
Zimmerboden abknutschen,
während du mich beherzt von hinten nimmst,
das muss schon eine bequeme Gesprächspartnerin sein,
wenn der andere verschweigt, was mit ihr passiert,
alle Spiele um alles oder nichts spielen,
dich vernaschen, auspressen, aufs Wörterbuch pfeifen,
jeden Morgen mit diesem gewissen Etwas in der Luft,
jede Stunde mit dem frischem Parfum, von Asphalt,
bei jeder harmonischen Stimmung in jedem Auto
mit wagemutiger, kerngesunder Haut
und überhaupt wegen allem

sollten wir nicht das Krankhafte aus den Augen verlieren,
das zu sagen, was wir nicht verstehen,
den millionsten Unterschied, der
für jeden von uns gilt.



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Martin Dragosits



KONSEQUENZ


Ich spüre nur zu gut
dass sie mich gerne denunzierten
und sogar mal brennen ließen
weil mein Wort
in freier Form
den Bogen überspannt

der zwischen Sonntagszeitung
Bier und einem Lied
im Wirtshaus
gemeingewöhnlich
dargeboten werden darf

Ich übertreibe
bin verdächtig
ganz allein
durch Gegenwart

ich lebe liebe schreibe
weil mein Gewissen
es verlangt



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Nora Dubach


                                       Nackt
In den Medien
erhält man
an- gezogen
mehr Beachtung
als aus-gezogen
ausdruckslose nackte
Schaufensterpuppen
schockieren ebenso wenig
wie das etablierte
Nacktsein
ausgespuckt aus
Schönheitskliniken  

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Stephan Eibel Erzberg


ruf der straße

Stephan

Wisch ab mir die speibe
besorg mir a bleibe
und nimm weg mei gicht
das wär a gschicht
und ein sozialgedicht

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Maria Hammerich-Maier

Zum All

An den Wegrändern
balanciere ich
tänzelnd

Dort, wo das Erdreich
den Horizont schließt
mit dem Teer

Die Toten
rollen mir Erdklümpchen
unter die Sohlen

Und die Lebenden
Teppichläufer
aus rostigem Nadelhaar

Dort, wo verlorene Hunde
scheu schielen
aus heimatsüchtigen Augen

Zu mir, wie ich balanciere
über den Schründen
von Leben und Tod

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Marián Hatala

ein schrecklicher herbst anfang juni

manchmal nur so
gehe ich vor die tür meiner wohnung
und läute bei mir selbst

und manchmal wieder
mache ich nicht einmal mir selbst auf
mache nicht auf

ich sage mir
- ich bitte dich
  wem wolltest du schon aufmachen?

oder aber
- wer sollte denn um diese zeit schon
   läuten?

und ich kehre
zurück an die schreibmaschine
mir selbst entgegen
während durch das fenster
bis zum ertauben
der abend kühl
schwarzes laub
meine verblühten morgigen tage
direkt in meine seele weht
bis mir bang wird
bis mir die kehle

zuschnürt


strašná jeseň na začiatku júna

niekedy len tak
vyjdem pred dvere svojho bytu
a zazvoním sám sebe

a niekedy zas
ani len sám sebe
neotvorím

vravím si
- prosím ťa komu by si už len
  otváral?

alebo
- kto by o tomto čase
  zvonil?

a vraciam sa späť
k písaciemu stroju
sám sebe v ústrety

zatiaľ čo za oknom
do ohluchnutia padajú
studené čierne listy
moje odkvitnuté zajtrajšie dni
mi padajú rovno do duše
až je úzko
až je okolo hrdla najužšie

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Franz Hofer

Franz Hofer


Angst, vertraute Unbekannte
blickst mich tiefer
aus deinen blauen Augen.
Unschuldiges Kinderglotzen.
Dein Vorwurf säugt den Raum,
als hätte ich vergessen,
daß ich dich zum Essen geladen.
Würgen in der Kehle,
Erstaunen zwischen zwei Zeilen
im Auflösen eines Wortes
und kein Schrei,
der Tag in zwei Hälften
einer Flucht teilt.


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 Barbara Holpfer

o. T.


hör doch!
                        rauschen (lass mich ...)
                        plätschern (hab mich ...)

                                                                                    schlechte voraussetzungen!

wer ist ertrunken
wann
wo und
wie oft
                                    gestreichelt (planken)
                                    auch gestreichelt, ja
                                    getragen, ja
                                    umfassend gewesen, ja

                                                                                    geahnt (ersticken)
                                                                                    aber nicht getan, nicht?

schlechte voraussetzungen
sag ich
du bist: so schön, so groß, so stark
und ich ( ... rinnsal ... )
mir kommen die


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Kätlin Kaldmaa

pause


10 sekunden um tief luft zu holen
1 minute um einen anblick zu genießen
2 minuten um ein tässchen tee zu kochen
10 minuten um den kopf klar zu kriegen
20 minuten um die mutter anzurufen
eine halbe stunde um sport zu machen
einige stunden um ein gutes buch zu lesen
einen tag um sich gut zu fühlen
ein wochenende um in die sterne zu gucken
zwei wochen um kraft zu tanken
einen monat um neues zu lernen
einen sommer um wieder kind zu sein
ein jahr um die welt zu entdecken
ein leben um zu begreifen was es bedeutet
oder nur 5 minuten um gar nichts zu tun



Paus

10 sekundit, et sügavalt sisse hingata.
1 minut, et vaadet nautida.
2 minutit, et tassike teed teha.
10 minutit, et pea selgeks saada.
20 minutit, et emale helistada
Pool tundi, et võimelda.
Paar tundi, et hea raamat läbi lugeda.
Päev, et end mõnusalt tunda.
Nädalavahetus, et tähti vaadata.
Kaks nädalat, et jõudu koguda.
Kuu aega, et midagi uut õppida.
Suvi, et jälle laps olla.
Aasta, et maailma avastada.
Eluaeg, et aru saada, mida see kõik tähendab.
Või ainult 5 minutit, et mitte midagi teha.

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Rudolf Kraus

traurig


immer öfter
muss ich weinen

über schicksale fremder menschen
die mir nahegehen

über plötzlich
hereinbrechende melancholie

unvermutet
schießen tränen in die augen

und traurig
bin ich sowieso


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Nina Lechner

                        Blau


Du sagtest zu mir
Der Tag wird heute blau!

dabei war es nur
die blaue Jalousie vor unserem Fenster
und du hattest bloß
deine Brille nicht auf

Ich drehte mich zur Wand
als wollte ich in ihr verschwinden
bevor deine Arme mich umfingen
In dieser Dunkelheit

Daheim
bin ich nur in mir selbst


###########################################

Joanna Lisiak

Beim Chinesen

Nach der fetten Peking-Ente
ein Rosenlikör und nicht nur
du und die Worte selbst
mein Rülpser so blumig.



###########################################



Ingmar Heytze


SCHRIJFOPDRACHT

Iemand wilde dat ik zou praten met het kind
in mezelf. Ik moest ergens gaan zitten schrijven.
Na een tijdje zou het kind naast me komen staan
en vragen wat ik deed. Dan zou het gesprek
beginnen. Het kind dat kwam was tien jaar oud,
ernstig en bleek, doorschijnend bijna. Het hijgde,
hoestte bloed in een zakdoek, fluisterde: "vertel
me dan" en het gesprek begon.


Uit Nynade no.5´augustus 2008

 
Ingmar Heytze


SCHREIBAUFTRAG

Jemand wollte, dass ich reden würde mit dem Kind
in mir selbst. Ich sollte irgendwo sitzen zu schreiben.
Nach einiger Zeit würde das Kind neben mir zu stehen kommen
und fragen, was ich tu. Dann würde das Gespräch
beginnen. Das Kind, das kam, war zehn Jahre alt,
ernst und bleich, fast durchscheinend. Es seufzte,
hustete Blut in ein Taschentuch, flüsterte: "erzähl
mir dann" und das Gespräch begann.


Aus: NYNADE Nr.  5/August 2008
Übersetzt von Ruud van Weerdenburg


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Cristina Pérez García - Gedichte
Übersetzung: Klaus Ebner
 
(1)

Ich bin eine Person, mir
gleichend. Ich trage eine Uhr, wenn ich will,
doch ich bevorzuge den Sex.
Mir gefällt die Unendlichkeit (sogar
zeichnen könnte ich sie), aber ich lebe
unter Personen und sehe zu,
wie meine endlosen
Tage und Finger sie, wenn sie es wollen,
füllen.
Und den Geliebten, den ich suche,
werde ich eines Tages finden;
denn Menschen sind wir und leben im
selben Körper; oder anders:,
auf diese Weise sage ich ihm, dass
wir bald zueinanderfinden.


Jo sóc una persona, igual
a mi. Duc rellotge, si vull,
però prefereixo el sexe.
M'agrada l'Infinit (fins
el dibuixo i tot) però visc
entre persones i les miro
d'omplir, si volen, dels
meus dies i els meus dits
inacabables.
I, quant a l'amant que busco,
ja ens trobarem un dia;
som humans i vivim dintre del
mateix cos, com qui diu,
així que li dic allò de
fins a nosaltres.


#############################################

Karheinz Pichler


spaziergang

der hof
des vollmonds
eine schüchterne blässe

die fledermäuse
die deinen gang
entlang des waldsaums
kreuzen
winden über deinem kopf
unsichtbare kränze

######################################

Horst Samson

AUS DER ALTEN WELT

            für Kurt Drawert

Die dünne Haut der Blätter, Gespräche
Mit mir - über das große Wasser,
Die Fotographie, New York. Der Herbst

Ertrinkt in seinen Farben. In den Kneipen
Verweht der Atem. Am Ende
Des Tages versinkt die Seele, die Zeit - im Glas

Rotwein treibt die Liebe und das Blut
Durchs Universum. Die Einsamen
Verschlafen den Flieder, ihre Kinder

Und die Sprache. Mein Kopf spielt
Cello, die Tage sind Noten
Und gezählt, stehen Spalier für den Tod.


 ###################################################