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Dienstag, 8. August 2017

Dichter & Leser



Das dichterische Schaffen beginnt damit, daß der Sprache Gewalt angetan wird. Dr erste Akt dieses Vorgehens beteht in der Entwurzelung der Worte. (...) Der zweite Akt ist die Rückkehr des worts: das Geedicht wird zu einem Gegenstand der Teilnahme. (...)
Das Gedicht ist originale und einzigartige Schöpfung, aber es ist auch Lektüre und Rezitation: Teilnahme. Der Dichter schafft es; der Mensch, der es rezitiert, erschafft es neu. Dichter und Leser sind zwei Momente ein und derselben Wirklichkeit.
(O)hne Leser ist das Werk zur zur Hälfte ein Werk. (...)

Octavio Paz: Dichtung und Gedicht. In: Der Bogen und die Leier. Frankfurt, Surhkamp 1983:44f

Mittwoch, 8. August 2012

Die Profession des Schriftstellers



In seinem Beitrag “Does Money Make Us Write Better?” (NYR Blog. July 20, 2012)  geht der britische Autor Tim Parks (* 1954) auf ein „heißes“ Thema ein, dem Verhältnis von Professionalität und Geld.

Er betont, wie wichtig es ihm war, als Schriftsteller nicht nur ideell anerkannt zu werden, nicht nur „für sich“, für die Schublade zu schreiben, sozusagen um des Schreibens willen, sondern publiziert und rezipiert zu werden.

Heute belegen viele beginnende Schriftsteller Schreibkurse bzw. nehmen an Schreibwerkstätten oder –schulen teil, um die nötigen Rückmeldungen zu erhalten. Aber die reichen nicht wirklich aus: „Today, of course, aspiring writers go to creative writing schools and so already have feedback from professionals. Many of them will self-publish short stories on line and receive comments from unknown readers through the web. Yet I notice on the few occasions when I have taught creative writing courses that this encouragement, professional or otherwise, is never enough. Students are glad to hear you think they can write, but they need, as I did, the confirmation of a publishing contract, which involves money. Not that they’re calculating how much money, not at this point. They’re thinking of a token of recognition—they want to exist, as writers.“

Der Status der Professionalität gewinnt man seiner Ansicht nach nicht von ein paar geneigten Lesern oder Lehrern, sondern nur dadurch, dass ein Verlag in den Autor investiert, seine Arbeiten publiziert und bezahlt.

Er erwähnt als Beispiel Robert Walser: „In his masterpiece Jakob von Gunten, Robert Walser has his young alter ego commiserate with his artist brother and question how a person can ever be at ease if his or her mental well-being depends on the critical judgment of others.”

Wie weit stimmte das bzw. stimmt es heute? Gab es nicht unzählige Autoren von hoher Qualität, deren Werke später bekannt und begehrt wurden, die fast ohne Publikum schrieben? Auch wenn der Autor ein Tagebuch, anscheinend nur für sich schreibt, richtet er sich doch an die Außenwelt, auch wenn diese nur imaginiert ist. Sie fungiert dann als Substitut für ein Publikum, für die Leserschaft, für den idealen Leser.

Wäre der Schriftsteller, der schreiben will oder muss, wie manche behaupten, so abhängig vom Publikum, würde keiner schreiben ohne Verlagsvertrag, ohne Publikationen. Aber ein Heer von Autoren, die auch unter widrigsten Umständen (Flucht, Lager, Haft, Exil, Krankheit etc.) lebten, haben nicht geschwiegen, haben nicht nur Gedanken gewälzt, sondern diese notiert, aufgeschrieben. Sie haben die Schrift gestellt, sie waren Schriftsteller, auch dann, wenn sie verfemt waren, wenn ihre Werke zu ihren Lebzeiten nicht beachtet und publiziert wurden oder, noch extremer, wenn der Autor sie gar nicht an die Öffentlichkeit übergab.

Andererseits können natürlich Bedingungen des Verlags- oder Literaturmarktes den Fortgang der schriftstellerischen Produktion beeinflussen: befördern oder behindern, wenn nicht gar verhindern. Als Beispiel einer Behinderung führt Parks Christina Stead an. 

Man könnte Gegenbeispiele anführen, wo die politische Lage, das geistige Klima, die ideologische Ausrichtung die Rezeption bestimmter Werke und Autoren überhöht, extrem befördert, man denke nur an Kafka oder Celan.

Besonders interessant an Parks Überlegungen sind aber nicht die finanziellen Aspekte, sondern die hinsichtlich einer „community of reference“: „The key idea here it seems to me is that of a community of reference. Writers can deal with a modest income if they feel they are writing toward a body of readers who are aware of their work and buy enough of it to keep the publisher happy. But the nature of contemporary globalization, with its tendency to unify markets for literature, is such that local literary communities are beginning to weaken, while the divide between those selling vast quantities of books worldwide and those selling very few and mainly on home territory is growing all the time.“

Paradoxerweise erschwert also die Globalisierung, die Leichtigkeit der elektronischen Kommunikation und Vernetzung diese notwendige Gemeinschaft, diesen Kreis von Schriftstellern und Lesern bzw. Kritikern. Denn die Märkte bauen nicht auf Diversität und Vielfalt, sondern profitable Produkte und deren Lieferanten; der Zug zur Konzentration und Angleichung bzw. marktgerechten Ausrichtung hilft den Spitzen mehr als dem Boden.

Hinzu kommen die Grenzen „kleiner“Sprachen; die Vorherrschaft weniger Weltsprachen baut Barrieren und Grenzen auf, die durch Übersetzungen nur unzureichend überwunden werden. Das mediale Umfeld hilft zur Verstärkung der Bekanntheit des bereits Bekannten. Es ist wie im Suchsystem einer Suchmaschine: nicht das, was ganz schwer zu finden ist, wird sofort gefunden, sondern das, was am bekanntesten ist. Die Orientierung an der hohen Zahl, der Quote, vergrößert die Bekanntheit, schreibt ihr einen hohen Wert zu. Nicht Vielfalt ist das Ziel, sondern Allbekanntheit oder, anders ausgedrückt, es gelten nicht Kriterien der Qualität sondern Quantität (was nicht heißen soll, dass Bestbekanntes von geringer Qualität wäre).

Aus all dem lässt sich aber auch die Bedeutung und Wichtigkeit kleiner, lokaler Zeitschriften ablesen, die die Verbindung von unbekannten oder weniger bekannten zu ihrem Publikum herstellen und halten. Kultur findet nie nur „oben“ statt und nicht nur im main stream. Je vielfältiger und lebendiger eine Kultur, desto mehr Nischen und kleine Inseln weist sie auf, die untereinander verbunden sein können. Diese kleinen Medien können sozusagen das Gewürz liefern für den großen Brei, die allgemeine Suppe.

Zudem bieten solche Kleinmedien den Beteiligten Stätten der Auseinandersetzung, die, wenn sie über Lesungen und andere Veranstaltungen das lokale Publikum ansprechen und miteinbeziehen, höchst befruchtend für die aktive Kultur sein können.  

Montag, 30. April 2012

Franz Blaha rezitiert Heine - original und in Ottakringer Übertragung

In unserer Folge "Driesch Leser lesen" (Videokanal in YouTube)  rezitiert Franz Blaha das Gedicht "Die weiße Blume" von Heinrich Heine und liest dann seine Übertragung in Ottakringer Dialekt.

Heinrich Heine (13.12.1797-17.2.1856):

Die weiße Blume

    In Vaters Garten heimlich steht
    Ein Blümchen traurig und bleich;
    Der Winter zieht fort, der Frühling weht,
    Bleich Blümchen bleibt immer so bleich.
    Die bleiche Blume schaut
    Wie eine kranke Braut.

    Zu mir bleich Blümchen leise spricht:
    Lieb Brüderchen, pflücke mich!
    Zu Blümchen sprech ich: Das tu ich nicht,
    Ich pflücke nimmermehr dich;
    Ich such mit Müh und Not
    Die Blume purpurrot.

    Bleich Blümchen spricht: Such hin, such her,
    Bis an deinen kühlen Tod,
    Du suchst umsonst, findst nimmermehr
    Die Blume purpurrot;
    Mich aber pflücken tu,
    Ich bin so krank wie du.

    So lispelt bleich Blümchen, und bittet sehr -
    Da zag ich, und pflück ich es schnell.
    Und plötzlich blutet mein Herze nicht mehr,
    Mein inneres Auge wird hell.
    In meine wunde Brust
    Kommt stille Engellust.

Sonntag, 30. Oktober 2011

Das Buch als Objekt


The medium ist he message. Diese zum geflügelten Wort geronnene Erkenntnis wird leicht zu simpel verstanden. Sie entspricht einem kruden, grobschlächtigen Denken. Ihre Einfachheit ist für viele attraktiv. Die Hülle, die Verpackung, das Äußere, die Aufmachung signalisieren aber auch für „Kenner“ oft das Eigentliche. Einige meinen sogar, sie sei derart mit dem Gehalt, dem Inhalt verbunden, dass die Qualität des Inhalts davon abhänge. Auch in der Literatur.

So auch Roland Reuß:

Warum ein Buch selber stehen können sollte

An der Gestaltung der Bücher bemisst sich auch die Wertschätzung der darin vermittelten Inhalte

Nicht erst mit der Digitalisierung hat die Verwahrlosung des Buchdrucks begonnen. In der Krise des Buchdrucks spiegelt sich vielmehr die Krise des autonomen, selbständigen Intellekts.


Reuß, dessen „Im Zeithof – Celan-Provokationen“ (Frankfurt 2001) von einigen Kritikern als im in der Celan-Philologie typischen Stil eines „Großmeister des hohen Tons der priesterlichen Unterweisung“ daherkommend (Ernst Osterkamp) kritisiert, zeigt dort wie hier eine Forderung des „Schriftgelehrten“, der hohe Literatur sakralisiert als entferntes Kostbares behandelt und gedeutet sehen will. Der „normale“ Leser ist der falsche, es bedarf der ausgebildeten Eingeweihten.

Im Einleitungsabsatz seines Beitrags zum stehenden Buch sagt er:

„Nicht allein Bücher haben ihre Schicksale, auch das Buch selbst. Seine Geschichte ist eine der Wertschätzung des von ihm transportierten und präsentierten Gehalts – und man kann an seiner äusseren Gestalt wie an einem Massstab ablesen, wie sich Gesellschaften zu «Geist» überhaupt verhalten: ihn ehren, ihn für nebensächlich halten, ihn verachten. Denn wie der Wind, um sichtbar werden zu können, Widerstand, Materialität, braucht, so benötigen die Ergebnisse des Nachdenkens, der schöpferischen Phantasie, einen Körper, um sich anderen dauerhaft mitzuteilen. Um nachhaltig wirken zu können, reicht die Materialität des Lauts nicht aus. Der Gedanke drängt zur Schrift, wird zum Text und versammelt sich zuletzt im Buch. Und in seiner Gestalt, der Qualität der Verarbeitung, der Güte der verwendeten Materialien, antwortet die Gesellschaft auf das, was sie ihm verdankt.“

Natürlich gibt es Qualitätsunterschiede in der Buchherstellung, Aufmachung und Gestaltung. Aber der konservative Schöngeist geht zu weit. Seine These wertet Inhalte ab, tut so, als ob einfache Buchausgaben das Werk schädigen, nicht „richtig“ oder adäquat rüberbringen. Er bemüht Roland Barthes und Adorno als Zeugen, weint der hohen Qualität nach und geißelt das Internet.

Die Problematik des Internet in der Textvermittlung soll nicht bestritten werden. Das Phänomen E-Book hat gewiss Auswirkungen auf die Buchgestaltung und Leseverhalten. Aber die Prämissen und Schlussfolgerungen von Reuß sind zu einseitig. Er koppelt die jetzige „schlampige“ Buchgestaltung mit „geistiger Zerstörung.

„An der Entwicklung der Buchgestalt, am schärfsten an der des wissenschaftlichen Buches, kann man ablesen, dass die meisten Schreibenden von dem, was sie schreiben, nur mehr eine sehr geringe Meinung haben. Sie haben keinen qualitativen Massstab mehr, auch kein Selbstbewusstsein, das sie gegenüber Verlagen und Herstellern ins Feld führen könnten, um ihren Produkten auch ein menschenwürdiges Äusseres zu sichern. Dass Individuen überhaupt etwas bewirken, gar Wahrheit in den Blick nehmen könnten, ist als Utopie abgetan und als Abgetanes akzeptiert worden – obschon man gar nicht weiss, was eine Forschung leisten sollte, die unter solchen Voraussetzungen antritt.“

Hängt Eigenheit, Individualität und Würde derart an der Aufmachung, der Gestalt? Immer redet Reuß vom Objekt, nie vom Inhalt. Als ob dieser der höchsten qualitativen Form bedürfe, um erkannt werden zu können. Aber Literatur ist nicht Bildnis oder skulpturaler Artefakt, ist nicht Musik, wo die Form mit dem Inhalt zusammenfällt, außer es geht um Lieder, die eine Botschaft transportieren.

Weiter Reuß: „Die im Internet zutage tretende besinnungslose Selbstvermarktung gerade auch der Forschenden ist polierte Stromlinienförmigkeit, de facto praktizierte Selbstverachtung. Man achtet sich selbst gerade noch wie ein beliebiges verderbliches Lebensmittel, preist sich an, bietet sich feil und nennt das mit dem Zauberwort «Profil». Dem folgen die Mainstream -Bücher. Auch das hat Adorno schon 1963 beschrieben: «Die Autonomie des Gebildes, an die der Schriftsteller all seine Energie wenden muss, wird von der physischen Gestalt des Gebildes desavouiert. Hat das Buch nicht mehr die Courage zu seiner eigenen Form, dann ist auch in ihm selbst die Kraft angegriffen, die jene Form zu rechtfertigen vermöchte.»“

Was ist die dem Buch „eigene Form“? Die althergebrachte prachtvolle, teure? Goethes Werke im Taschenbuch ein Verrat, eine Demontage, eine Abwertung?

„Ohne diese Materialisation keine selbstbewusste menschliche Individualität, die uns als Vorbild dienen könnte, ohne diese wiederum keine menschenwürdige Entwicklung. Der Schwarm ist dagegen ein Schmarrn, die staublose Datei im Netz ein Tiefpunkt gewonnenen Wissens: Geist, gezeichnet von Anorexie. Die Vorstellung von Erlösung reduziert auf die eines Laserdruckers.“

Reuß sieht nur in der hohen Qualität die Möglichkeit für Individualität, die uns menschenwürdig erscheinen kann. Aus ihm spricht die Verachtung des Gewöhnlichen, der Ware. Aber in der Tauschgesellschaft gibt es keine Artefakte, die als Nicht-Ware, als Eigenheit, in Verkehr treten. Seine Abneigung dagegen ist verständlich, aber untauglich, unrealistisch.

Die handgeschriebenen Bücher und ihre Kopien bedingten geringe Zugangsmöglichkeit, begrenzten extrem den Leserkreis, schufen ein Klima des Exklusiven: das Terrain für die Auserwählten. Das Regime der Esoterik. Ein Fest für Schriftgelehrte. Roland Reuß verkennt die Aufklärung und kaschiert seine Abneigung dagegen nur vage mit seinen Qualitätsanforderungen. Er vertraut auch nicht den Inhalten. Er sieht den regulären Leser als unfähig zur Lektüre. Weshalb es eben der speziellen Aufmachung bedürfe, die Höhe und Erhaben indiziert, auf dass man dem „Stoff“ ehrfürchtig begegne.

Pralines, Parfums, teure Schmuckstücke werden für gewöhnlich in teuersten Verpackungen angeboten. Aber auch Kitsch. Die Industrie hat rasch gelernt, wie leicht Minderes sich in prächtiger Hülle einschmuggeln lässt. Zu leicht überträgt der Konsument den Ersteindruck auf die eigentliche Ware, das eigentliche Ding. Reuß fordert das für die hohe Literatur. Aber mündige Leser lesen, und schließen nicht simpel von der Gestaltung auf den Inhalt.

Man mache einen Test. Zum Beispiel Goethes „Faust“. Legen Sie eine billige Reclam-Ausgabe auf den Tisch, daneben eine in Leinen gebundene, zusätzlich noch eine in Leder mit Goldschnitt und Goldprägung. Laden Sie Leser ein zu lesen. Wenn verstehend gelesen wurde, wird jener, der sich nur der einfachsten Heftausgabe bedienen musste, keinen minderen Eindruck von der Dichtung haben, als jener, der sich die Prachtausgabe vornehmen durfte. Umgekehrt könnte es sein, dass jene, die teuer aufgemachte Bücher kaufen, diese nicht verständig lesen. Der Einstieg erfolgt nicht über die Gestaltung. Die Barriere liegt nicht im minderwertigen Taschenbuch. Es geht um den Leseakt, um die Beherrschung der Kulturtechnik Lesen. (Dass sich die mit dem E-Book verändert, ist ein anderes Problem. Aber auch dort ist verständige Lektüre möglich!)

Würde die Annahme von Reuß gelten, wären wichtige Texte, die in billigsten Kopien kursierten (Samisdat), unerheblich. Aber die gewählte, bedingte Form beschädigte nicht ihren Inhalt. Im Gegenteil, sie hielt ihn am Leben, transportierte ihn. Die Alternative wäre nur Schweigen gewesen. Ähnlich mit dem Massenprodukt Buch in preisgünstigen Ausgaben. Soll darauf verzichtet werden, damit der hehre Gehalt nicht abgewertet werde? Reuß äußert ein Herrendenken, das überholt ist.