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Mittwoch, 2. August 2017

Legitimation fürs Nichtlesen: Das Foto reicht schon

In der heutigen ZEIT erscheint ein fragwürdiger Artikel über den rechtsnationalen Verleger Götz Kubitschek mit einem Foto, das ihn vor einer Bücherwand zeigt.
In einem der zahlreichen Kommentare fand ich eine bemerkenswerte Äußerung:

Zeit5v12
#22  —  vor 12 Stunden 5
Das Foto reicht mir schon. Ich will den Artikel gar nicht lesen. Ich habe nicht soviel Bücher in meinem Wohnzimmer. Was der sich da alles reingezogen hat, will ich auch gar nicht wirklich wissen. Aber mindestens eines davon war wohl schlecht.

Eine Stimme aus dem Volk, authentisch, wahr und erhellend. Bestechende Logik! Ich merk das in unserer Bibliothek, vor der viele, wie mir scheint, Angst haben wie vor einem Drogenumschlagplatz, wo man nur Gefährlichem und Schlechtem sich aussetzt...


Freitag, 1. April 2016

Keine Tütenbücher mehr!

Das gute Buch? 

Kommt nicht mehr in die Tüte!

Buchhandelsketten wollen die Plastiktüte abschaffen. Doch der Kampf ums Tütenbuch tobt schon länger. Er findet auf Buchmessen, bei Amazon und in Gedichten von Nick Cave statt. Eine Einkaufstour. Von

Mittwoch, 3. Februar 2016

Zukunft der Buchbranche

Zukunft der Buchbranche
Was fordert der digitale Wandel?

E-Books schwächeln zurzeit etwas, gedruckte Bücher bleiben beliebt, die Verlagswelt steckt weiter im Umbruch. Was tun? Ein Kongress in Berlin versprach Antworten.

Samstag, 16. Januar 2016

Reihe: Japan und die Zukunft des Lesens:

Warum Japaner Bücher in PDFs verwandeln lassen

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Kriegserklärung an das Buch

Eine von Freibierphantasien benebelte Bibliothekslobby lässt alles digitalisieren und bringt es kostenlos in Umlauf. Und der Bundesgerichtshof gibt auch noch seinen Segen dazu. Es ist eine Schande. Ein Gastbeitrag.
Roland Reuß, FAZ, 13.10.2015

Samstag, 4. Oktober 2014

Literatur als Gegensatz zum digitalen Universum

Medium der Freiheit

Facebook schafft es, die emotionale Befindlichkeit von 1,2 Milliarden Menschen auf dieser Welt synchron und zentral zu beeinflussen. In der digitalen Welt ist es möglich, jeden Text, jedes Wort zu korrigieren und zu manipulieren. Dagegen wirkt das Buch wie ein Tor zur Freiheit.

Thomas Hettche, NZZ, 30.9.2014

Montag, 29. Juli 2013

Schreiben und Lesen - wozu?

Wozu noch Gedichte lesen und schreiben?
Gäste: Jan Wagner, Lyriker und Übersetzer - und Cornelia Jentzsch, Literaturkritikerin
Die Schule hat den Menschen den Spaß an Gedichten vermiest, glaubt die Literaturkritikerin Cornelia Jentzsch. Dabei sei Lyrik doch vor allem dazu da, die Welt zu entdecken. Der Lyriker Jan Wagner hält das kunstvolle Spiel mit Worten sogar für ein Grundbedürfnis. Was meinen Sie?
DR 27.7.2013


Karl-Markus Gauß: Die Kindheit ins Gedächtnis retten
Der Schriftsteller hat sich in seine ersten Lebensjahre vertieft: Der 59-Jährige über das Erinnern, das Vergessen und das Schreiben
STANDARD, 27.7.2013

Thomas Sautner: Warum schreiben? Warum lesen?
Das ist vielleicht der hehrste gemeinsame Nenner von uns Lesenden und Schreibenden: dass uns bewusst ist, dass wir unserem Unwissen nie entkommen können
STANDARD, 28.7.2013

Was einst Lesung war, heisst heute Auftritt
Die Autorendarsteller
Es geht ihm nicht gut, dem Buch, es fühlt sich so altmodisch. Es ist ins Gerede gekommen, kaum dass es versucht hat, in der sich verändernden Medienwelt mitzuhalten. Verändert das E-Book die Idee Buch? Und verändert sich am Ende, parallel dazu, die Rolle des Autors?
Jochen Jung, NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, 28.7.2013

Donnerstag, 5. Januar 2012

Buch Bücher Buchhandel Misere

Essay: 
Gutenberg und die Brandstifter
Von Jürgen Neffe, perlentaucher.de, 19.12.2011.
Nun kommt es doch: Das elektronische Buch revolutioniert den deutschen Markt. Wenn er sich nicht schützt, gerät er in die Hände übermächtiger Akteure

Antwort:
Im Ententeich: Redaktionsblog
Netz hat keine Grenzen
Von Thierry Chervel, perlentaucher.de, 20.12.2012

Sonntag, 30. Oktober 2011

Das Buch als Objekt


The medium ist he message. Diese zum geflügelten Wort geronnene Erkenntnis wird leicht zu simpel verstanden. Sie entspricht einem kruden, grobschlächtigen Denken. Ihre Einfachheit ist für viele attraktiv. Die Hülle, die Verpackung, das Äußere, die Aufmachung signalisieren aber auch für „Kenner“ oft das Eigentliche. Einige meinen sogar, sie sei derart mit dem Gehalt, dem Inhalt verbunden, dass die Qualität des Inhalts davon abhänge. Auch in der Literatur.

So auch Roland Reuß:

Warum ein Buch selber stehen können sollte

An der Gestaltung der Bücher bemisst sich auch die Wertschätzung der darin vermittelten Inhalte

Nicht erst mit der Digitalisierung hat die Verwahrlosung des Buchdrucks begonnen. In der Krise des Buchdrucks spiegelt sich vielmehr die Krise des autonomen, selbständigen Intellekts.


Reuß, dessen „Im Zeithof – Celan-Provokationen“ (Frankfurt 2001) von einigen Kritikern als im in der Celan-Philologie typischen Stil eines „Großmeister des hohen Tons der priesterlichen Unterweisung“ daherkommend (Ernst Osterkamp) kritisiert, zeigt dort wie hier eine Forderung des „Schriftgelehrten“, der hohe Literatur sakralisiert als entferntes Kostbares behandelt und gedeutet sehen will. Der „normale“ Leser ist der falsche, es bedarf der ausgebildeten Eingeweihten.

Im Einleitungsabsatz seines Beitrags zum stehenden Buch sagt er:

„Nicht allein Bücher haben ihre Schicksale, auch das Buch selbst. Seine Geschichte ist eine der Wertschätzung des von ihm transportierten und präsentierten Gehalts – und man kann an seiner äusseren Gestalt wie an einem Massstab ablesen, wie sich Gesellschaften zu «Geist» überhaupt verhalten: ihn ehren, ihn für nebensächlich halten, ihn verachten. Denn wie der Wind, um sichtbar werden zu können, Widerstand, Materialität, braucht, so benötigen die Ergebnisse des Nachdenkens, der schöpferischen Phantasie, einen Körper, um sich anderen dauerhaft mitzuteilen. Um nachhaltig wirken zu können, reicht die Materialität des Lauts nicht aus. Der Gedanke drängt zur Schrift, wird zum Text und versammelt sich zuletzt im Buch. Und in seiner Gestalt, der Qualität der Verarbeitung, der Güte der verwendeten Materialien, antwortet die Gesellschaft auf das, was sie ihm verdankt.“

Natürlich gibt es Qualitätsunterschiede in der Buchherstellung, Aufmachung und Gestaltung. Aber der konservative Schöngeist geht zu weit. Seine These wertet Inhalte ab, tut so, als ob einfache Buchausgaben das Werk schädigen, nicht „richtig“ oder adäquat rüberbringen. Er bemüht Roland Barthes und Adorno als Zeugen, weint der hohen Qualität nach und geißelt das Internet.

Die Problematik des Internet in der Textvermittlung soll nicht bestritten werden. Das Phänomen E-Book hat gewiss Auswirkungen auf die Buchgestaltung und Leseverhalten. Aber die Prämissen und Schlussfolgerungen von Reuß sind zu einseitig. Er koppelt die jetzige „schlampige“ Buchgestaltung mit „geistiger Zerstörung.

„An der Entwicklung der Buchgestalt, am schärfsten an der des wissenschaftlichen Buches, kann man ablesen, dass die meisten Schreibenden von dem, was sie schreiben, nur mehr eine sehr geringe Meinung haben. Sie haben keinen qualitativen Massstab mehr, auch kein Selbstbewusstsein, das sie gegenüber Verlagen und Herstellern ins Feld führen könnten, um ihren Produkten auch ein menschenwürdiges Äusseres zu sichern. Dass Individuen überhaupt etwas bewirken, gar Wahrheit in den Blick nehmen könnten, ist als Utopie abgetan und als Abgetanes akzeptiert worden – obschon man gar nicht weiss, was eine Forschung leisten sollte, die unter solchen Voraussetzungen antritt.“

Hängt Eigenheit, Individualität und Würde derart an der Aufmachung, der Gestalt? Immer redet Reuß vom Objekt, nie vom Inhalt. Als ob dieser der höchsten qualitativen Form bedürfe, um erkannt werden zu können. Aber Literatur ist nicht Bildnis oder skulpturaler Artefakt, ist nicht Musik, wo die Form mit dem Inhalt zusammenfällt, außer es geht um Lieder, die eine Botschaft transportieren.

Weiter Reuß: „Die im Internet zutage tretende besinnungslose Selbstvermarktung gerade auch der Forschenden ist polierte Stromlinienförmigkeit, de facto praktizierte Selbstverachtung. Man achtet sich selbst gerade noch wie ein beliebiges verderbliches Lebensmittel, preist sich an, bietet sich feil und nennt das mit dem Zauberwort «Profil». Dem folgen die Mainstream -Bücher. Auch das hat Adorno schon 1963 beschrieben: «Die Autonomie des Gebildes, an die der Schriftsteller all seine Energie wenden muss, wird von der physischen Gestalt des Gebildes desavouiert. Hat das Buch nicht mehr die Courage zu seiner eigenen Form, dann ist auch in ihm selbst die Kraft angegriffen, die jene Form zu rechtfertigen vermöchte.»“

Was ist die dem Buch „eigene Form“? Die althergebrachte prachtvolle, teure? Goethes Werke im Taschenbuch ein Verrat, eine Demontage, eine Abwertung?

„Ohne diese Materialisation keine selbstbewusste menschliche Individualität, die uns als Vorbild dienen könnte, ohne diese wiederum keine menschenwürdige Entwicklung. Der Schwarm ist dagegen ein Schmarrn, die staublose Datei im Netz ein Tiefpunkt gewonnenen Wissens: Geist, gezeichnet von Anorexie. Die Vorstellung von Erlösung reduziert auf die eines Laserdruckers.“

Reuß sieht nur in der hohen Qualität die Möglichkeit für Individualität, die uns menschenwürdig erscheinen kann. Aus ihm spricht die Verachtung des Gewöhnlichen, der Ware. Aber in der Tauschgesellschaft gibt es keine Artefakte, die als Nicht-Ware, als Eigenheit, in Verkehr treten. Seine Abneigung dagegen ist verständlich, aber untauglich, unrealistisch.

Die handgeschriebenen Bücher und ihre Kopien bedingten geringe Zugangsmöglichkeit, begrenzten extrem den Leserkreis, schufen ein Klima des Exklusiven: das Terrain für die Auserwählten. Das Regime der Esoterik. Ein Fest für Schriftgelehrte. Roland Reuß verkennt die Aufklärung und kaschiert seine Abneigung dagegen nur vage mit seinen Qualitätsanforderungen. Er vertraut auch nicht den Inhalten. Er sieht den regulären Leser als unfähig zur Lektüre. Weshalb es eben der speziellen Aufmachung bedürfe, die Höhe und Erhaben indiziert, auf dass man dem „Stoff“ ehrfürchtig begegne.

Pralines, Parfums, teure Schmuckstücke werden für gewöhnlich in teuersten Verpackungen angeboten. Aber auch Kitsch. Die Industrie hat rasch gelernt, wie leicht Minderes sich in prächtiger Hülle einschmuggeln lässt. Zu leicht überträgt der Konsument den Ersteindruck auf die eigentliche Ware, das eigentliche Ding. Reuß fordert das für die hohe Literatur. Aber mündige Leser lesen, und schließen nicht simpel von der Gestaltung auf den Inhalt.

Man mache einen Test. Zum Beispiel Goethes „Faust“. Legen Sie eine billige Reclam-Ausgabe auf den Tisch, daneben eine in Leinen gebundene, zusätzlich noch eine in Leder mit Goldschnitt und Goldprägung. Laden Sie Leser ein zu lesen. Wenn verstehend gelesen wurde, wird jener, der sich nur der einfachsten Heftausgabe bedienen musste, keinen minderen Eindruck von der Dichtung haben, als jener, der sich die Prachtausgabe vornehmen durfte. Umgekehrt könnte es sein, dass jene, die teuer aufgemachte Bücher kaufen, diese nicht verständig lesen. Der Einstieg erfolgt nicht über die Gestaltung. Die Barriere liegt nicht im minderwertigen Taschenbuch. Es geht um den Leseakt, um die Beherrschung der Kulturtechnik Lesen. (Dass sich die mit dem E-Book verändert, ist ein anderes Problem. Aber auch dort ist verständige Lektüre möglich!)

Würde die Annahme von Reuß gelten, wären wichtige Texte, die in billigsten Kopien kursierten (Samisdat), unerheblich. Aber die gewählte, bedingte Form beschädigte nicht ihren Inhalt. Im Gegenteil, sie hielt ihn am Leben, transportierte ihn. Die Alternative wäre nur Schweigen gewesen. Ähnlich mit dem Massenprodukt Buch in preisgünstigen Ausgaben. Soll darauf verzichtet werden, damit der hehre Gehalt nicht abgewertet werde? Reuß äußert ein Herrendenken, das überholt ist.