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Samstag, 10. März 2012

Boycott-Tradition - Weitere Anmerkung zur Trotzki-Affäre

Sollen Zensur und Verbote durch "Qualitätskriterien" begründet und legitimiert werden? Also, wenn ein fragwürdiger, schlampiger Autor Fragwürdiges publiziert, bstünden keine Bedenken, sein Werk zu verbieten oder ihn als Autorenperson zu ächten, z. B. indem man Auftritte von ihm verhindert, Aufführungen von Stücken von ihm verunmöglicht usw.?
Umgekehrt, wenn ein Autor für gewisse Kreise als hochwertig gilt, soll das verbindlich für alle gelten, auch seine Gegner?

Wir kennen solche Probleme mit den Werken und Personen wie Rolf Hochhuth oder, etwas früher, Bertolt Brecht. Gerade in Österreich taten sich aufrechte, damals politisch Korrekte hervor, die stramm antikommunistisch den Wiener Brecht-Boykott durchsetzen. Begonnen hat es noch während der Besatzungszeit, gedauert hat der Boykott bis Anfang der Sechzigerjahre. Hauptbetreiber waren die Autoren Friedrich Torberg, Hans Weigel und der Burgtheaterdirektor Ernst Haeussermann.
Jene, die Brecht unterstützt hatten (Gottfried von Einem verwandte sich für ihn für eine österreichische Staatsbürgerschaft, was, als es 1951 öffentlich bekannt wurde, zu einem Eklat und lautstarken Protesten gegen den Kommunisten und DDR-Sympathisanten Brecht führte und auch Einem sehr schadete!).

Als trotz fast flächendeckender Boycottbeachtung in Graz Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder" aufgeführt worden war, gab Günther Nenning im FORUM, dessen Herausgeber Torberg war, 13 Brechtkritikern (welche Ironie, dass damals nicht 14 mitwirkten!) Raum zur Auseinandersetzung. Weigels Forderung gipfelte in der Zumutung, dass die Theater selbst, aus sich heraus, aus ihre Einsicht in die gute Sache, Brecht-Stücke nicht spielen sollten: "... mit Gefühl für politische Sauberkeit sich die Berührung mit den Werken Bertolt Brechts selbst verbieten". Weitere Ironie, am Rande: Weigel verwendete ein Stereotyp, das in der Vorurteils- bzw. Antisemitisforschung prominent geworden ist, das der Berührungsangst bzw. des Berührungsverbots. Er, wie Torberg Jude, verwendet just dieses Stereotyp als Begründung. Es war (damals) anerkannt im politisch korrekten Lager, das eben antikommunistisch war.

Der Vergleich mit dem Appell an Suhrkamp drängt sich auf: Damals blieb es nicht nur bei einer Negation seitens des Burgtheaters, sondern die Verhinderung ergriff die gesamte Kulturszene. Würden die Historiker von heute mit ihrem Ansinnen erfolgreich sein, stünde zu befürchten, dass Services Werk, ganz unabhängig seiner Qualität, nicht nur nicht im Suhrkamp Verlag publiziert würde, sondern überhaupt nicht. Und dass die Kultur des Zensurierens und Verbietens gestärkt würde. Ein untauglicher Weg!

Die Parallelen zu den antikommunistischen Hetzkampagnen von damals gegen Linke zu den Hetzkampagnen gegen Rechte heute sind unübersehbar.

Die Gefahr ähnlicher Hatzen und Jagden durch Rechte ist manifest. Gewännen sie mehr Macht, würden sie sicher noch brutaler Gegner verfolgen. Aber das Gegenmittel darf doch nicht dieselbe Vorgangsweise sein! Es bedarf einer offenen Politik, die solches Vorgehen von KEINER Seite gestattet und ALLEN die freie Meinungsäußerung ermöglicht. Freiheit ist unteilbar. Auch für Gegner.


Freitag, 9. März 2012

Verhinderungsmaßnahmen

Zur Trotzki-Debatte


Die Kritik am Aufruf von 14 Autoren an den Suhrkamp Verlag, die Trotzki-Biografie von Robert Service nicht zu publizieren, hängt nicht von der zustimmenden oder ablehnenden Lektüre seines und seiner Kritiker Werke ab, sondern ist eine prinzipielle an einer Haltung, die jener, die sonst von solchen Leuten kritisiert wird, gleicht: Gesinnungskultur und entsprechender Druck daraus.

Die Sache ist auch mit dem Verweis auf die faktischen Mängel oder die „Unwissenschaftlichkeit“ nicht bündig erklärt. Denn sachliche Mängel lassen sich anführen und kritisieren – und beheben. Zudem bedarf es für eine Biographie keines wissenschaftlichen Ausweises. Würde das gelten, müssten die Bibliotheken um Tausende von biografischen Arbeiten gereinigt werden.

Es bleibt allein das Argument, dass der Suhrkamp Verlag dieses Buch nicht in sein Programm nehmen soll oder muss. Stimmt. Aber das öffentliche Auftreten hat Signalwirkung, bsonders in einer Zeit der Hatzen und Kampagnen. Eine bestimmte Kampagne gutzuheißen, weil sie von „Progressiven“ stammt, wäre kurzsichtig, weil eben gesinnungsmäßig. Wer aber prinzipiell gegen Jagden und Verbote ist, kann solch eine öffentliche Aufforderung nicht einfach als „sachlich“ abtun. Wäre das intern im Verkehr mit Suhrkamp geschehen, würde es keine solche Debatte geben.

Aber den Kritikern geht es nicht nur um Fakten. Es geht um Deutungen, die sie ablehnen. Der Hinweis auf „schlechte Gesellschaft“, Beifall von der „falschen Seite“ und dergleichen belegt, dass es um rechtes Gedankengut geht, das verhindert oder zumindest behindert werden soll.

Wiederum: wenn man für die Freiheit der Meinungsäußerung eintritt, heißt das nicht, dass man die Positionen damit teilt. So, wie Chomsky damals für den faschistischen Historiker Robert Faurisson eintrat hinsichtlich der Freiheit seiner Lehre und Publikationen, so wenig darf und kann man dem Linken Chomsky unterstellen, er teile die fragwürdigen Ansichten Faurissons. Chomsky machte auch den Vergleich zu Voltaire. Den machen die wackeren Historiker in dieser Affäre nicht.

Die Feststellung eines antisemitischen Subtextes ist selbst verfänglich, gefährlich und vage. Solche Konstruktionen dienten einerseits, unter anderen Vorzeichen, früher in Diktaturen wie denen der Nazis und Realkommunisten zur Jagd auf missliebige Autoren, werden andererseits gegenwärtig in diktatorischen Ländern immer noch geübt (nicht nur Iran oder China).

Wir wissen aus den vielen unfruchtbaren Debatten in der Literaturkritik, wie fadenscheinig oft solche Befunde sind; sie ähneln den vulgärpsychologischen Ferndiagnosen. Es wird oft, bedingt durch den eigenen Rezeptionsrahmen und die ideologische Position, mehr hineingelesen oder herausgelesen, als dort steht, eben weil die Konstruktion des Subtextes Freiheiten offeriert, die der eigentliche Text nicht aufweist.

Wenn ein Werk von politischer Seite, die einem unangenehm ist, Beifall erhält, entwertet das nicht das Werk. Würde diese krumme Logik stimmen, müssten Agenten nur Kräfte aus dem jeweiligen konträren Lager animieren oder beauftragen, sich positiv oder negativ zu äußern, damit in der Öffentlichkeit die gewünschte Auf- oder Abwertung erfolgt. Dieses konterdependente Verhalten stellt aber keine Freiheit dar, sondern ein Befolgen vorgegebener Deutungsraster. Diese Praxis verringert den Raum der Kritik, verengt die Blicke, determiniert Urteile.

Auch wenn das Buch von Service ein Machwerk wäre, verdient es nicht so einen Feldzug. Würde die Sache intern geregelt worden sein, bestünden für andere Verlage bei Interesse genügend Gelegenheiten, es doch zu publizieren. Ein ganz normaler Vorgang. Diese Normalität wurde aber durch die öffentliche Kampagne zunichte gemacht. Wenn jetzt ein Verlag, sei es Suhrkamp oder ein anderer, es trotzdem publiziert, wird immer dieser Schatten, in ganz anderer Qualität als ohne diese Kampagne, über der Veröffentlichung liegen. Das heißt, es wird eine unwissenschaftlichen Polarisierung angeheizt, die weit über den Anlass hinausreicht.

Als Peter Huchel in SINN & FORM 1962 den Sartre-Aufsatz über Kafka publizierte, bekam er Probleme und wurde entlassen. Der Text entsprach nicht den gültigen Vorstellungen der Literaturwissenschaftler und Ideologen. Heute sieht man das anders. Werden andere morgen das Verhalten der Historiker auch anders sehen?

Als 1998 bzw. 2004 Emma Gersteins Buch „Moscow Memoirs“ erschien, erklang, neben einigem Lob, sofort ein Aufschrei. Er ähnelte den Verdikten gegen Service. Doch Gerstein hatte mit ihrer Arbeit eine wichtige Korrektur des gezimmerten Bildes von Nadeschda Mandelstam geliefert, das natürlich alle jene störte und vor den Kopf stieß, denen Mandelstam und seine Witwe „heilig“ geworden waren und die meinten, durch die Aussagen von Gerstein werde das Erbe und das Bild der beiden beschmutzt. Wurde es aber nicht, sondern nur zurechtgerückt.

Der Hinweis, man solle „nicht nur rechte Ideologen in der NZZ oder FAZ“ lesen, klingt links und progressiv, ist aber eine nichtssagende Stereotype. Soweit es um Fakten geht, finden sie sich auch in diesen Quellen. Umgekehrt kenne ich viele „linke“ Quellen, deren Faktenlage prekär ist. Dennoch würde ich nie eine solche Verallgemeinerung gebrauchen. – Übrigens ist es die Presse, auch in den USA, UK oder Deutschland und Schweiz, die der Öffentlichkeit Gehalte näherbringt, die sonst, weil nur in Fachjournalen oder –werken publiziert, nicht bekannt würden. Damit wird überhaupt erst eine gesellschaftliche Auseinandersetzung ermöglicht. Immerhin nutzen das auch linke Autoren, oder sind Kluge, Chomsky, Enzensberger oder Habermas Rechte, weil sie in der ZEIT oder FAZ publizieren?

Es wird auch argumentiert, Service erfreue sich deshalb großer Beliebtheit, weil er den Rechten das „historische Unterfutter gegen eine Linksentwicklung in der Gesellschaft“ liefere. Das ist doch an den Haaren herbeigezogen. Erstens erleben wir alles andere als eine Linksentwicklung. Zweitens, wenn es stimmte, könnte dem anders als mit Publikationsverboten entgegnet werden. Aus den Dokumentationen der DDR-Literaturproduktion und –rezeption lässt sich belegen, wie üblich damals diese reinigenden Staatsmaßnahmen waren bzw. wie hurtig man präventiv vorging, um das geistige Klima zu schützen.

Die Historiker, die diese Kampagne unterzeichnet haben, befinden sich also in unguter Gesellschaft, wiewohl sie sich als Vordermänner der Korrektheit sehen. Ihre Haltung entspricht den Experten, die das Publikum für zu dumm halten, sich selbst eine Meinung zu bilden, und es durch „Machwerke“ gefährdet sehen. Sie verhalten sich wie Priester, die die Schafe ihrer Gemeinde beschützen wollen. Das kann aber nur für Schafe und Hirten gelten, nicht aber für andere.

Ich kann sehr gut verstehen, dass jemand die Biografie von Service zerreist und in Grund und Boden kritisiert. Nichts Ungewöhnliches. Wogegen ich mich wende, sind die Haltungen, die einem Gesinnungsterror nahekommen, wenn also Meinungen, Sichten nicht nur kritisiert werden, sondern nach ihrer Verhinderung oder Verfolgung gerufen wird. In einer offenen Gesellschaft müssen ALLE Vertreter, ob links oder rechts oder unpolitisch, religiös, reaktionär oder konservativ oder esoterisch oder sonst was ohne Verbotsandrohung zu Wort kommen dürfen. Sonst haben wir Zustände wie in der damaligen DDR oder anderen Diktaturen. Und das wollen doch unsere tapferen Historiker sicher nicht.

Noch ein Wort zum Antisemitismusvorwurf: Es ist leider modisch geworden, allzurasch mit diesem Urteil etwas so zu kritisieren, dass es aus dem öffentlichen Diskurs (fast) eliminiert wird. Ich sah eine ähnliche Vorgehensweise in den Debatten um die Geldtheorie, wo sogar Kritik am Kapitalismus und Zinssystem als antisemitisch denunziert wurde (z. B. Hermann Lührs vs. Bernd Senf). Ähnliche Vorgangsweisen waren in Debatten um Heinrich Heine oder Paul Celan festzustellen. Immer öfter scheint Antisemitismus alle anderen Argumente zu ersetzen. Nun, dort wo Antisemitismus festzustellen ist, soll er, wie jede Vorurteilshaltung, kritisiert werden. Aber die stereotype, inflationäre Nutzung dieser Kategorie, vor allem in Konstruktionen eines Subtextes, entwertet die Vorurteilskritik und öffnet einer Hexenjagd Tür und Tor. Hier sind, wie in der Tagespolitik, Keulenschwinger am Werk, die keine Debatte wollen, sondern öffentliche Brandmarkung aufgrund von Etiketten, die sie freigiebig verteilen.

Charles Cohen

Samstag, 21. Januar 2012

140. Todestag Franz Grillparzers

Franz Grillparzer (15. Jänner 1791 in Wien - 21. Jänner 1872 ebenda) war ein österreichischer Schriftsteller, der vor allem als Dramatiker hervorgetreten ist. Aufgrund der identitätsstiftenden Verwendung seiner Werke, vor allem nach 1945, wird er auch als österreichischer Nationaldichter bezeichnet.

Wikipedia

Franz Grillparzer - Website

Franz Grillparzer

Friedrich Nietzsche (in "Unzeitgemäße Betrachtungen) zu einem Satz Grillparzers:

    Nun gibt es aber auch eine berühmte Gefahr dieser Innerlichkeit: der Inhalt selbst, von dem es angenommen ist, daß er außen gar nicht gesehen werden kann, möchte sich gelegentlich einmal verflüchtigen; außen würde man aber weder davon noch von dem früheren Vorhandensein etwas merken. Aber denke man sich immerhin das deutsche Volk möglichst weit von dieser Gefahr entfernt: etwas recht wird der Ausländer immer behalten, wenn er uns vorwirft, daß unser Inneres zu schwach und ungeordnet ist, um nach außen zu wirken und sich eine Form zu geben. Dabei kann es sich in seltenem Grade zart empfänglich, ernst, mächtig, innig, gut erweisen und vielleicht selbst reicher als das Innere anderer Völker sein; aber als Ganzes bleibt es schwach, weil alle die schönen Fasern nicht in einen kräftigen Knoten geschlungen sind: so daß die sichtbare Tat nicht die Gesamttat und Selbstoffenbarung dieses Inneren ist, sondern nur ein schwächlicher oder roher Versuch irgendeiner Faser, zum Schein einmal für das Ganze gelten zu wollen. Deshalb ist der Deutsche nach einer Handlung gar nicht zu beurteilen und als Individuum auch nach dieser Tat noch völlig verborgen. Man muß ihn bekanntlich nach seinen Gedanken und Gefühlen messen, und die spricht er jetzt in seinen Büchern aus. Wenn nur nicht gerade diese Bücher neuerdings mehr als je einen Zweifel darüber erweckten, ob die berühmte Innerlichkeit wirklich noch in ihrem unzugänglichen Tempelchen sitze: es wäre ein schrecklicher Gedanke, daß sie eines Tages verschwunden sei und nun nur noch die Äußerlichkeit, jene hochmütig täppische und demütig bummelige Äußerlichkeit als Kennzeichen des Deutschen zurückbliebe. Fast ebenso schrecklich, als wenn jene Innerlichkeit, ohne daß man es sehen könnte, gefälscht, gefärbt, übermalt darinsäße und zur Schauspielerin, wenn nicht zu schlimmerem geworden wäre: wie dies zum Beispiel der beiseite stehende und still betrachtende Grillparzer von seiner dramatisch-theatralischen Erfahrung aus anzunehmen scheint. "Wir empfinden mit Abstraktion", sagt er, "wir wissen kaum mehr, wie sich die Empfindung bei unseren Zeitgenossen äußert; wir lassen sie Sprünge machen, wie sie sie heutzutage nicht mehr macht. Shakespeare hat uns Neuere alle verdorben."



2006, zu Grillparzers 215. Gebudrtstag, schrieb Haimo L. Handl in kultur-online.net:

Franz Grillparzer - der Verhinderte

Grillparzer stellt die Persönlichkeit und den Typus des pflichtbewussten und -treuen Menschen dar, der von der Behörde drangsaliert und niedergehalten wird, der jedoch Angst und Schrecken vor den Alternativen und Änderungen hat, so dass er, verbittert und vereinsamt, sein Schicksal erträgt und sich sogar Leistungen versagt, die er hätte erbringen können, wären die "Umstände" nur etwas humaner gewesen.

In meiner Schulzeit wurde ich zuerst mit einigem seines Werkes konfrontiert. Als Kind oder früher Jugendlicher war es kein leichter Zugang. Er hatte den bitteren Geschmack eines obligaten Klassikers - und von daher wiederholte sich die Barriere und Abgrenzung, die so gar nicht seinem Werk gerecht wurde und werden kann. Erst später, gegen einige übernommene Vorurteile aus der politischen Literaturkritik seiner (die des "Jungen Deutschland" vor allem) und meiner Zeit (Fünfzigerjahre mit dem offiziellen Belobigen und dem antiautoritären Ablehnen, was sich später in der Achtundsechzigergeneration lautstark artikulierte), konnte ich nicht nur mehr Konturen unterscheiden, sondern auch Inhalte und Positionen anders schätzen lernen.

Von zwei Literaten, wovon einer ein profunder Politiker war, nämlich Ernst Fischer und Hans Weigel, las ich zwei höchst unterschiedliche Artikel über Grillparzer, die seine geteilte, höchst uneinheitliche, umstrittene Bewertung auch gegenwärtig widerspiegeln.

Hans Weigel (In: Flucht vor der Größe. Sechs Variationen über die Vollendung im Unvollendeten. Graz 1960) fokussiert die Person, das Individuelle, während der Marxist Ernst Fischer (  Von Grillparzer zu Kafka. Sechs Essays. Wien 1962) den historischen Aspekt, die gesellschaftlichen Hintergründe umfassend berücksichtigt und zu deuten versucht an und durch die Person Grillparzer.
Nach Weigel ist Grillparzer eine "regionale Erscheinung", die sich in zerfleischendem Selbsthass selber abwürgt, ein "Fanatiker der Selbstzerstörung". "Grillparzer fühlt sich nur wohl, wenn er sich nicht wohlfühlt".

"Und Grillparzer findet aus der Tatsache des bevorstehenden Untergangs nicht zur Bejahung. Er bejaht nicht die Zeit vorher, er bejaht den Untergang." "Er nimmt willig, fast freudig die Gefahr, die Bedrohung auf sich, die Herausforderung, auf dass, wie einst angesichts der napoleonischen Gefahr, die Völker sich besinnen. Welch eine unglaublich weitgehende Bejahung des Negativen!"
Wenn man diesen Sätzen solche von Fischer gegenüberstellt, verdeutlicht sich einiges:
"Er haßte das Regime Metternichs und fürchtete zugleich die demokratische Revolution." "Der romantische Protest gegen die kapitalistische Entwicklung war für Grillparzer zugleich Abwehr gegen die Bedrohung des österreichischen Staatsgefüges durch eben diese Entwicklung." Wenn Grillparzer immer wieder den Konflikt der Naturmenschen, der "Barbaren" mit der Zivilisation heraufbeschwört, so greift dies über die nationale Problematik Österreichs hinaus. "Es ist nicht nur das Erbe der katholischen Gegenreformation (...), sondern auch die zunehmende Angst Grillparzers vor der Wirklichkeit, seine Tendenz, sich aus dem Treiben zurückzuziehn, in Melancholie zu versinken".

Fischer sieht also nicht einfache Bejahung des Untergangs, sondern ohnmächtiges Inkaufnehmen dessen, weil keine Energie für einen Widerstand oder überhaupt für eine Aktion aufgebracht werden kann. Zwar hängt dies mit der Person Grillparzer zusammen, muss es ja, aber es hat einen objektiven Hintergrund, es ist eben nicht ideosynkratisch: Grillparzer entspricht mit diesem Zögern, mit dieser Passivität dem typischen Österreicher. Fischer vermag es, in wenigen Sätzen die historische Entwicklung darzulegen. Natürlich hätte Grillparzer mit einer etwas anders ausgelegten Persönlichkeit anders handeln können. Das Umfeld bestimmt keinen Menschen bis ins Kleinste. Aber es gibt Rahmen und Wertstrukturen vor. Grillparzer fand solche, die ihm, mit seinen Anlagen, keine Alternative liessen: er sah die Zersetzung, aber die Furcht vor der Veränderung sass zu tief. Er war gelähmt, wie der Hase vor der Schlange.

Während Weigel die Person als Versager herauskehrt, sich mokiert über die Verteidigungen Grillparzers, für dessen Scheitern auch literarische Belege findet und zitiert, konzediert Fischer zwar Mängel und Schwächen, stellt diese aber in einen tiefen, weiten Kontext, worin sogar das Scheitern, die bedingte Dürftigkeit einen Sinn erhält, den es herauszulesen gilt. Das heisst, der geschulte historische Blick öffnet mehr Tiefen, als es der des Theater- und Literaturkritikers vermöchte. Liest man beide, erweitert sich das Bild zum opulenten Gemälde.

Dem "Jungen Deutschland" war er wegen dessen vehementer Ablehnung des Metternich-Regimes bzw. jeder staatlichen Bevormundung ein Grund zur Attacke. Trotzdem traf Grillparzer 1836 auf seiner Reise nach Paris dort zwei ihrer Vertreter, nämlich Ludwig Börne und Heinrich Heine. Die Bewegung entstand um 1830 und war schon 1835 vom Frankfurter Bundestag verboten worden; Georg Herwegh, Heinrich Laube, Karl Gutzkow, Ferdinand Freiligrath, Ludolf Wienbarg und Theodor Mundt gehörten ihr an und, zumindest zeitweise, auch Georg Büchner, Heinrich Heine und Ludwig Börne. Jene, die selbst zum Teil ins Exil flüchten mussten, deren Werke der Zensur zum Opfer fielen, höhnten und schmähten Grillparzer, der von der Habsburgischen, Metternichschen Polizei verfolgt und demütigend drangsaliert wurde und der selbst unter der Zensur litt. Nicht nur eine literaturhistorische Ironie.

Grillparzers "Selbstbiographie" dokumentiert einen Leidensweg in einer Gesellschaft, die in den klischierten Überlieferungen als niedlich biedermeierlich bekannt ist; man denke nur an die verzerrte, kitschige Sicht von Franz Schubert (1797-1828), die lange seine adäquate Würdigung behinderte.

Nach dem Durchfall seines Lustspiels "Weh' dem, der lügt!" 1838 schreibt er keine Dramen mehr. Er wird 1856 pensioniert, erfährt noch einige Ehrungen, wird 1861 ins Herrenhaus berufen, 1864 zum Wiener Ehrenbürger und stirbt 1872. Drei bedeutende Stücke seines Spätwerks erscheinen erst nach seinem Tode: "Libussa", "Ein Bruderzwist in Habsburg" und "Die Jüdin von Toledo".



Karl Kraus zu Grillparzer (In: Untergang der Welt durch schwarze Magie, 1912)

Ich habe Erscheinungen von dem, was ist. Ich mache aus einer Mücke einen Elefanten. Ist das keine Kunst? Zauberer sind die andern, die das Leben in die Mückenplage verwandelt haben. Und der Mücken werden immer mehr. Oft kann ich sie nicht mehr unterscheiden. Tausend habe ich zu Hause und komme nicht dazu, sie zu überschätzen. Bei Nacht sehen sie wie Zeitungspapier aus und jedes einzelne Stück lacht mich an, ob ich nun endlich auch ihm die Verbindung mit dem Weltgeist gönnen wolle, von dem es stammt. Gegen die Plage dieser Ephemeren gibt es keinen Schutz, als sie unsterblich zu machen. Das ist eine Tortur für sie und für mich. Doch wachsen sie nach und ich werde nicht fertig. Finde ich da ein Stück:
Man hat ihn mit Geschenken, Blumen, Reden gefeiert. Die Vertreter der Stadt und des Landes, das Zivil wie hohe Offiziere wetteiferten darin, diesem Jubilar zu zeigen, daß so redliche Tüchtigkeit nicht nur Ehre, sondern auch herzliche Zuneigung einbringt.

Was war das nur? Warum habe ich das aufgehoben? "Man hat ihn ...": dieser Ton muß einer Feier gelten, die schon etwas Selbstverständliches hat. Was kann es nur sein, wobei Stadt und Land, Zivil und Militär wetteifern? Grillparzer? Der Ausschnitt ist doch nicht so alten Datums, und damals hat man sich noch nicht so ins Zeug gelegt für die Jubilare. "Herzliche Zuneigung:" das würde für Alfred Grünfeld sprechen, aber da gibts keine Vertreter des Landes. "Redliche Tüchtigkeit:" für Schnitzler, aber da rückt wieder das Militär nicht aus. Auch dürfte es sich nicht um einen der Fünfziger handeln, die heuer wie falsches Geld herumlaufen, sondern eher um einen, der seit fünfundzwanzig Jahren - ich weiß es nicht, aber man sollte mir helfen. Man muß doch schließlich schon viel besser als ich wissen, wem ein verlorener Tonfall gehört. Ich habe die Übersicht verloren. Ich kann nicht mehr mit Sicherheit sagen: So haben die Wiener einen ihrer titanischen Kaffeesieder gefeiert. Denn inzwischen ist ein Geschlecht von Epigonen nachgewachsen, und denen wird auch schon gehuldigt.





"Das goldene Vlies", Franz Grillparzer

Hörfassung aus dem Jahr 1956  in Youtube in 2 Teilen:


Teil 1 (1:42:49), Youtube

Teil 2 (2:00:03), Youtube