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Donnerstag, 19. Juli 2012

Nochmals zur Trotzki-Affäre & Robert Service

Heute las ich eine interessante - späte - Rezension der Trotzki-Biografie von Robert Service:

Alias Bronstein
Wie jüdisch war Leo Trotzki? Anmerkungen zu Robert Services neuer Biografie.
Samuel Cloots, Jüdische Allgemeine, 19.07.2012

Dort wird der gängige und bequeme Antisemitismusvorwurf zurückgewiesen, die Biografie allerdings negativ als schwach bewertet. Bemängelt wird der strapazierte Psychologismus. Unter anderem heißt es: "... agiert Service phasenweise wie ein schlechter Psychotherapeut, der zwanghaft auf verdrängte Probleme hinweist, wo der Patient nur Selbstverständlichkeiten sehen kann."

Nun, das Beispiel ist selbst fragwürdig und untauglich für eine schlüssige Folgerung, denn es könnte leicht auf den Autor zurückfallen: Es ist meist Teil der Krankheit, dass der Kranke das, worauf der Therapeut als Verdrängtes hinweist, just nur als "Selbstverständlichkeit" sieht oder sehen will. Zudem liefert das Beispiel, wohl unfreiwillig, einen weiteren Aspekt zur Problematik des Zwanghaften, womit sich wiederum Kollegen aus der Psychologen- oder Psychotherapeutenzunft aufregen könnten.

Interessant aber der Hinweis auf die Wurzeln der überhöhten Wertschätzung Trotzkis, denen auch das altbekannte Phänomen unterliegt: "Der Feind meines Feindes ist mein Freund." Weiters führt Cloots das Moment der "Identifikationserleichterung der gemeinsamen Herkunft" an. Ein schwerwiegendes Argument. Dann wird in und durch Trotzky die "urbane, intellektuelle und kosmopolitische Alternative" gesehen. Übersehen wird dabei das, was Robert Service entzaubernd herauszukehren versuchte, und dabei ebenso grob verzerrend vorging, wie ehedem die Hagiographen und Verklärer, nur von der anderen Skalenseite. Denn Trotzky war, was man gemeinhin "kalt" und zynisch nennt, rücksichtslos und menschenverachtend. Wie sonst hätte er den Terror erfolgreich zum Ziel führen können? In den Verklärungen wird der Versuch unternommen, beide Seiten, die persönlich gebildete, intellektuelle, "urbane", mit der inhumanen des kaltschnäuzigen Strategen und Militaristen. Das kann nicht gut gehen. Das bleibt auf verschobener Moralebene. Robert Service ist darin ebenso befangen, wie frühere Autoren, die eine Gegenposition vertraten. Das Geplänkel wegen vermeintlichen Antisemitismus' soll wohl ablenken.

* * *

See also:

“Of course, Trotsky was an alternative to Stalin”
An interview with Professor Mario Kessler on the Trotsky biography by Robert Service—Part one
By Wolfgang Weber, WSWS, 21 May 2012

“Of course, Trotsky was an alternative to Stalin”
An interview with Professor Mario Kessler on the Trotsky biography by Robert Service—Part two
By Wolfgang Weber, WSWS, 22 May 2012

Nachtrag:

Eine umstrittene Trotzki-Biografie
U. Sm., Neue Zürcher Zeitung, 21.8.2012

Kurze, bündige Rezension der deutschen Ausgabe Robert Services Trotzki-Biografie.

Ein frühes TV-Inteview mit Robert Service und Christopher Hitchens, kurz vor Erscheinen der Trotzki-Biographie von Service (2009):

Trotsky with Hitchens and Service (2009):




Freitag, 9. März 2012

Verhinderungsmaßnahmen

Zur Trotzki-Debatte


Die Kritik am Aufruf von 14 Autoren an den Suhrkamp Verlag, die Trotzki-Biografie von Robert Service nicht zu publizieren, hängt nicht von der zustimmenden oder ablehnenden Lektüre seines und seiner Kritiker Werke ab, sondern ist eine prinzipielle an einer Haltung, die jener, die sonst von solchen Leuten kritisiert wird, gleicht: Gesinnungskultur und entsprechender Druck daraus.

Die Sache ist auch mit dem Verweis auf die faktischen Mängel oder die „Unwissenschaftlichkeit“ nicht bündig erklärt. Denn sachliche Mängel lassen sich anführen und kritisieren – und beheben. Zudem bedarf es für eine Biographie keines wissenschaftlichen Ausweises. Würde das gelten, müssten die Bibliotheken um Tausende von biografischen Arbeiten gereinigt werden.

Es bleibt allein das Argument, dass der Suhrkamp Verlag dieses Buch nicht in sein Programm nehmen soll oder muss. Stimmt. Aber das öffentliche Auftreten hat Signalwirkung, bsonders in einer Zeit der Hatzen und Kampagnen. Eine bestimmte Kampagne gutzuheißen, weil sie von „Progressiven“ stammt, wäre kurzsichtig, weil eben gesinnungsmäßig. Wer aber prinzipiell gegen Jagden und Verbote ist, kann solch eine öffentliche Aufforderung nicht einfach als „sachlich“ abtun. Wäre das intern im Verkehr mit Suhrkamp geschehen, würde es keine solche Debatte geben.

Aber den Kritikern geht es nicht nur um Fakten. Es geht um Deutungen, die sie ablehnen. Der Hinweis auf „schlechte Gesellschaft“, Beifall von der „falschen Seite“ und dergleichen belegt, dass es um rechtes Gedankengut geht, das verhindert oder zumindest behindert werden soll.

Wiederum: wenn man für die Freiheit der Meinungsäußerung eintritt, heißt das nicht, dass man die Positionen damit teilt. So, wie Chomsky damals für den faschistischen Historiker Robert Faurisson eintrat hinsichtlich der Freiheit seiner Lehre und Publikationen, so wenig darf und kann man dem Linken Chomsky unterstellen, er teile die fragwürdigen Ansichten Faurissons. Chomsky machte auch den Vergleich zu Voltaire. Den machen die wackeren Historiker in dieser Affäre nicht.

Die Feststellung eines antisemitischen Subtextes ist selbst verfänglich, gefährlich und vage. Solche Konstruktionen dienten einerseits, unter anderen Vorzeichen, früher in Diktaturen wie denen der Nazis und Realkommunisten zur Jagd auf missliebige Autoren, werden andererseits gegenwärtig in diktatorischen Ländern immer noch geübt (nicht nur Iran oder China).

Wir wissen aus den vielen unfruchtbaren Debatten in der Literaturkritik, wie fadenscheinig oft solche Befunde sind; sie ähneln den vulgärpsychologischen Ferndiagnosen. Es wird oft, bedingt durch den eigenen Rezeptionsrahmen und die ideologische Position, mehr hineingelesen oder herausgelesen, als dort steht, eben weil die Konstruktion des Subtextes Freiheiten offeriert, die der eigentliche Text nicht aufweist.

Wenn ein Werk von politischer Seite, die einem unangenehm ist, Beifall erhält, entwertet das nicht das Werk. Würde diese krumme Logik stimmen, müssten Agenten nur Kräfte aus dem jeweiligen konträren Lager animieren oder beauftragen, sich positiv oder negativ zu äußern, damit in der Öffentlichkeit die gewünschte Auf- oder Abwertung erfolgt. Dieses konterdependente Verhalten stellt aber keine Freiheit dar, sondern ein Befolgen vorgegebener Deutungsraster. Diese Praxis verringert den Raum der Kritik, verengt die Blicke, determiniert Urteile.

Auch wenn das Buch von Service ein Machwerk wäre, verdient es nicht so einen Feldzug. Würde die Sache intern geregelt worden sein, bestünden für andere Verlage bei Interesse genügend Gelegenheiten, es doch zu publizieren. Ein ganz normaler Vorgang. Diese Normalität wurde aber durch die öffentliche Kampagne zunichte gemacht. Wenn jetzt ein Verlag, sei es Suhrkamp oder ein anderer, es trotzdem publiziert, wird immer dieser Schatten, in ganz anderer Qualität als ohne diese Kampagne, über der Veröffentlichung liegen. Das heißt, es wird eine unwissenschaftlichen Polarisierung angeheizt, die weit über den Anlass hinausreicht.

Als Peter Huchel in SINN & FORM 1962 den Sartre-Aufsatz über Kafka publizierte, bekam er Probleme und wurde entlassen. Der Text entsprach nicht den gültigen Vorstellungen der Literaturwissenschaftler und Ideologen. Heute sieht man das anders. Werden andere morgen das Verhalten der Historiker auch anders sehen?

Als 1998 bzw. 2004 Emma Gersteins Buch „Moscow Memoirs“ erschien, erklang, neben einigem Lob, sofort ein Aufschrei. Er ähnelte den Verdikten gegen Service. Doch Gerstein hatte mit ihrer Arbeit eine wichtige Korrektur des gezimmerten Bildes von Nadeschda Mandelstam geliefert, das natürlich alle jene störte und vor den Kopf stieß, denen Mandelstam und seine Witwe „heilig“ geworden waren und die meinten, durch die Aussagen von Gerstein werde das Erbe und das Bild der beiden beschmutzt. Wurde es aber nicht, sondern nur zurechtgerückt.

Der Hinweis, man solle „nicht nur rechte Ideologen in der NZZ oder FAZ“ lesen, klingt links und progressiv, ist aber eine nichtssagende Stereotype. Soweit es um Fakten geht, finden sie sich auch in diesen Quellen. Umgekehrt kenne ich viele „linke“ Quellen, deren Faktenlage prekär ist. Dennoch würde ich nie eine solche Verallgemeinerung gebrauchen. – Übrigens ist es die Presse, auch in den USA, UK oder Deutschland und Schweiz, die der Öffentlichkeit Gehalte näherbringt, die sonst, weil nur in Fachjournalen oder –werken publiziert, nicht bekannt würden. Damit wird überhaupt erst eine gesellschaftliche Auseinandersetzung ermöglicht. Immerhin nutzen das auch linke Autoren, oder sind Kluge, Chomsky, Enzensberger oder Habermas Rechte, weil sie in der ZEIT oder FAZ publizieren?

Es wird auch argumentiert, Service erfreue sich deshalb großer Beliebtheit, weil er den Rechten das „historische Unterfutter gegen eine Linksentwicklung in der Gesellschaft“ liefere. Das ist doch an den Haaren herbeigezogen. Erstens erleben wir alles andere als eine Linksentwicklung. Zweitens, wenn es stimmte, könnte dem anders als mit Publikationsverboten entgegnet werden. Aus den Dokumentationen der DDR-Literaturproduktion und –rezeption lässt sich belegen, wie üblich damals diese reinigenden Staatsmaßnahmen waren bzw. wie hurtig man präventiv vorging, um das geistige Klima zu schützen.

Die Historiker, die diese Kampagne unterzeichnet haben, befinden sich also in unguter Gesellschaft, wiewohl sie sich als Vordermänner der Korrektheit sehen. Ihre Haltung entspricht den Experten, die das Publikum für zu dumm halten, sich selbst eine Meinung zu bilden, und es durch „Machwerke“ gefährdet sehen. Sie verhalten sich wie Priester, die die Schafe ihrer Gemeinde beschützen wollen. Das kann aber nur für Schafe und Hirten gelten, nicht aber für andere.

Ich kann sehr gut verstehen, dass jemand die Biografie von Service zerreist und in Grund und Boden kritisiert. Nichts Ungewöhnliches. Wogegen ich mich wende, sind die Haltungen, die einem Gesinnungsterror nahekommen, wenn also Meinungen, Sichten nicht nur kritisiert werden, sondern nach ihrer Verhinderung oder Verfolgung gerufen wird. In einer offenen Gesellschaft müssen ALLE Vertreter, ob links oder rechts oder unpolitisch, religiös, reaktionär oder konservativ oder esoterisch oder sonst was ohne Verbotsandrohung zu Wort kommen dürfen. Sonst haben wir Zustände wie in der damaligen DDR oder anderen Diktaturen. Und das wollen doch unsere tapferen Historiker sicher nicht.

Noch ein Wort zum Antisemitismusvorwurf: Es ist leider modisch geworden, allzurasch mit diesem Urteil etwas so zu kritisieren, dass es aus dem öffentlichen Diskurs (fast) eliminiert wird. Ich sah eine ähnliche Vorgehensweise in den Debatten um die Geldtheorie, wo sogar Kritik am Kapitalismus und Zinssystem als antisemitisch denunziert wurde (z. B. Hermann Lührs vs. Bernd Senf). Ähnliche Vorgangsweisen waren in Debatten um Heinrich Heine oder Paul Celan festzustellen. Immer öfter scheint Antisemitismus alle anderen Argumente zu ersetzen. Nun, dort wo Antisemitismus festzustellen ist, soll er, wie jede Vorurteilshaltung, kritisiert werden. Aber die stereotype, inflationäre Nutzung dieser Kategorie, vor allem in Konstruktionen eines Subtextes, entwertet die Vorurteilskritik und öffnet einer Hexenjagd Tür und Tor. Hier sind, wie in der Tagespolitik, Keulenschwinger am Werk, die keine Debatte wollen, sondern öffentliche Brandmarkung aufgrund von Etiketten, die sie freigiebig verteilen.

Charles Cohen

Samstag, 25. Februar 2012

Die Trotzki-Affäre der Historiker


Streit um Trotzki
Suhrkamp hält an der Publikation der Übersetzung von Robert Service' Biografie des Revolutionärs fest
Ulrich M. Schmid, Neue Zürcher Zeitung, 21. Februar 2012

Vor zwei Jahren ist eine Trotzki-Biografie des Oxforder Historikers Robert Service erschienen, die nicht nur Zustimmung erntet. Gegen eine bei Suhrkamp angekündigte deutsche Übersetzung hat sich Protest formiert. Der Verlag hält an der Veröffentlichung fest – zu Recht.

Ein hochinteressanter Beitrag, sogar mit Hinweis und Link auf die World Socialist Web Site, wo die Kontroverse nachgelesen werden kann.

Während die WSWS Pro- und Contra-Stimmen veröffentlicht, haben sich schon 2011 in Deutschland 14 bekannte Historiker und Soziologen gegen die geplante Publikation im Suhrkamp Verlag gewandt (darunter Helmut Dahmer, Hermann Weber, Bernhard Bayerlein, Heiko Haumann, Mario Kessler, Oskar Negt, Oliver Rathkolb und Peter Steinbach); sie plädieren für die Verhinderung der Veröffentlichung, also für eine Vorauszensur der detuschen Übersetzung. DAS ist ihr Beitrag für eine offene Gesellschaft nach nebulosen Kriterien politischer Korrektheit.

Als Argumente dienen ihnen fachliche Mängel (in der Tat einige kleine Fehler, die bei einer Übersetzung leicht zu beheben sind, die jedoch dem Buch und seiner Aussage keinen Abbruch tun) sowie, wieder einmal, das Keulenargument des "unterschwelligen Antisemitismus".

Ein Skandal, dass und wie Wissenschaftler, die sonst nicht müde werden für offene Auseinandersetzung zu plädieren, hier für Zensur und Publikationsverbot eintreten!
Wenn diese Form politischer Korrektheit mit dem fragnotwendigen Bemühen pädagogischer Führungsarbeit für bzw. über die "dummen Leser" sich weiter so entwickelt, müssen neue Zensurinstanzen, wie sie früher die Kirche bildeten oder, im Osten, die Zensurstellen der Diktaturen, errichtet werden – alles im Namen von Recht und Freiheit und Würde – und politischer Korrektheit.

Weshalb herrscht so eine Angst vor kontroversiellen Argumenten oder Formulierungen, die vielleicht nicht ganz dem eigenen Stil und Wortschatz entsprechen. Weshalb die Angst vor "abweichenden" Ansichten?

Die präventive Reinigung der politisch Korrekten verhindert Auseinandersetzung. Zugunsten eines kontrollierten "guten Friedens" nach politisch korrekter Facon?

Diesen Aposten gehört aufs Brett vor dem Kopf geklopft, damit sie sich besinnen und sie ihre hochpriesterliche Stellvertreterposition überdenken, und vor allem ihren Ruf nach Zensur!


 






















Nachträge & weitere Hinweise:




Verhinderungsmaßnahmen
Zur Trotzki-Debatte,
Charles Cohen, 9.3.2012

Boycott-Tradition - Weitere Anmerkung zur Trotzki-Affäre
Schwedinger, 10.3.2012

Nochmals zur Trotzki-Affäre & Robert Service
Schwedinger, 19.7.2012


Leo Trotzkis 72. Todestag
Leopold, 21.8.2012


„No more heroes“
Über Robert Service’ Trotzki-Biografie
Jürgen Weber,  literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2013