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Donnerstag, 13. Dezember 2012

Sonntag, 30. September 2012

International Blasphemy Day

30. September: Internationaler Blasphemie-Tag

Wikipedia

Names of Gods and Goddesses, list and links

Hate speech (entry Wikipedia)

Wir leben wieder in dunklen Zeiten. Eigentlich dürfte es in keiner freien Republik einen Blasphemieparagraphen geben. Es gibt ihn aber in vielen Staaten, die sich zu den "freien" zählen. Vom Menschenrecht der freien Religionswahl pervertierte das Wertverständnis zum Schutz der Religion, die jede Kritik ahndet bzw., je nach Formulierung und Rechtsauslegung, strafbar macht. Diese Umkehrung widerspiegelt sich auch im Straftatbestand der sogenannten "hate speech", die es Beleidigten leicht macht, Strafverfolgung einzufordern.

Mit dieser Praxis wäre keine Aufkärung möglich gewesen, keine Wissenschaft, keine Pluralität. Die Befürworter dieser Praxis sind Feinde der offenen, freien Republik, der grundlegenden Bürgerrechte, der freien Meinungsäußerung bzw. der Freiheit der Wissenschaft (Forschung, Lehre, Kritik).

Der Internationale Blasphemie-Tag ist ein Tag der Trauer und Besinnung, wie in dieser schweren Zeit des Terrors die Reste der Aufklärung bewahrt werden können, um sie einstens wiederzubeleben.


Samstag, 10. März 2012

Boycott-Tradition - Weitere Anmerkung zur Trotzki-Affäre

Sollen Zensur und Verbote durch "Qualitätskriterien" begründet und legitimiert werden? Also, wenn ein fragwürdiger, schlampiger Autor Fragwürdiges publiziert, bstünden keine Bedenken, sein Werk zu verbieten oder ihn als Autorenperson zu ächten, z. B. indem man Auftritte von ihm verhindert, Aufführungen von Stücken von ihm verunmöglicht usw.?
Umgekehrt, wenn ein Autor für gewisse Kreise als hochwertig gilt, soll das verbindlich für alle gelten, auch seine Gegner?

Wir kennen solche Probleme mit den Werken und Personen wie Rolf Hochhuth oder, etwas früher, Bertolt Brecht. Gerade in Österreich taten sich aufrechte, damals politisch Korrekte hervor, die stramm antikommunistisch den Wiener Brecht-Boykott durchsetzen. Begonnen hat es noch während der Besatzungszeit, gedauert hat der Boykott bis Anfang der Sechzigerjahre. Hauptbetreiber waren die Autoren Friedrich Torberg, Hans Weigel und der Burgtheaterdirektor Ernst Haeussermann.
Jene, die Brecht unterstützt hatten (Gottfried von Einem verwandte sich für ihn für eine österreichische Staatsbürgerschaft, was, als es 1951 öffentlich bekannt wurde, zu einem Eklat und lautstarken Protesten gegen den Kommunisten und DDR-Sympathisanten Brecht führte und auch Einem sehr schadete!).

Als trotz fast flächendeckender Boycottbeachtung in Graz Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder" aufgeführt worden war, gab Günther Nenning im FORUM, dessen Herausgeber Torberg war, 13 Brechtkritikern (welche Ironie, dass damals nicht 14 mitwirkten!) Raum zur Auseinandersetzung. Weigels Forderung gipfelte in der Zumutung, dass die Theater selbst, aus sich heraus, aus ihre Einsicht in die gute Sache, Brecht-Stücke nicht spielen sollten: "... mit Gefühl für politische Sauberkeit sich die Berührung mit den Werken Bertolt Brechts selbst verbieten". Weitere Ironie, am Rande: Weigel verwendete ein Stereotyp, das in der Vorurteils- bzw. Antisemitisforschung prominent geworden ist, das der Berührungsangst bzw. des Berührungsverbots. Er, wie Torberg Jude, verwendet just dieses Stereotyp als Begründung. Es war (damals) anerkannt im politisch korrekten Lager, das eben antikommunistisch war.

Der Vergleich mit dem Appell an Suhrkamp drängt sich auf: Damals blieb es nicht nur bei einer Negation seitens des Burgtheaters, sondern die Verhinderung ergriff die gesamte Kulturszene. Würden die Historiker von heute mit ihrem Ansinnen erfolgreich sein, stünde zu befürchten, dass Services Werk, ganz unabhängig seiner Qualität, nicht nur nicht im Suhrkamp Verlag publiziert würde, sondern überhaupt nicht. Und dass die Kultur des Zensurierens und Verbietens gestärkt würde. Ein untauglicher Weg!

Die Parallelen zu den antikommunistischen Hetzkampagnen von damals gegen Linke zu den Hetzkampagnen gegen Rechte heute sind unübersehbar.

Die Gefahr ähnlicher Hatzen und Jagden durch Rechte ist manifest. Gewännen sie mehr Macht, würden sie sicher noch brutaler Gegner verfolgen. Aber das Gegenmittel darf doch nicht dieselbe Vorgangsweise sein! Es bedarf einer offenen Politik, die solches Vorgehen von KEINER Seite gestattet und ALLEN die freie Meinungsäußerung ermöglicht. Freiheit ist unteilbar. Auch für Gegner.


Freitag, 9. März 2012

Verhinderungsmaßnahmen

Zur Trotzki-Debatte


Die Kritik am Aufruf von 14 Autoren an den Suhrkamp Verlag, die Trotzki-Biografie von Robert Service nicht zu publizieren, hängt nicht von der zustimmenden oder ablehnenden Lektüre seines und seiner Kritiker Werke ab, sondern ist eine prinzipielle an einer Haltung, die jener, die sonst von solchen Leuten kritisiert wird, gleicht: Gesinnungskultur und entsprechender Druck daraus.

Die Sache ist auch mit dem Verweis auf die faktischen Mängel oder die „Unwissenschaftlichkeit“ nicht bündig erklärt. Denn sachliche Mängel lassen sich anführen und kritisieren – und beheben. Zudem bedarf es für eine Biographie keines wissenschaftlichen Ausweises. Würde das gelten, müssten die Bibliotheken um Tausende von biografischen Arbeiten gereinigt werden.

Es bleibt allein das Argument, dass der Suhrkamp Verlag dieses Buch nicht in sein Programm nehmen soll oder muss. Stimmt. Aber das öffentliche Auftreten hat Signalwirkung, bsonders in einer Zeit der Hatzen und Kampagnen. Eine bestimmte Kampagne gutzuheißen, weil sie von „Progressiven“ stammt, wäre kurzsichtig, weil eben gesinnungsmäßig. Wer aber prinzipiell gegen Jagden und Verbote ist, kann solch eine öffentliche Aufforderung nicht einfach als „sachlich“ abtun. Wäre das intern im Verkehr mit Suhrkamp geschehen, würde es keine solche Debatte geben.

Aber den Kritikern geht es nicht nur um Fakten. Es geht um Deutungen, die sie ablehnen. Der Hinweis auf „schlechte Gesellschaft“, Beifall von der „falschen Seite“ und dergleichen belegt, dass es um rechtes Gedankengut geht, das verhindert oder zumindest behindert werden soll.

Wiederum: wenn man für die Freiheit der Meinungsäußerung eintritt, heißt das nicht, dass man die Positionen damit teilt. So, wie Chomsky damals für den faschistischen Historiker Robert Faurisson eintrat hinsichtlich der Freiheit seiner Lehre und Publikationen, so wenig darf und kann man dem Linken Chomsky unterstellen, er teile die fragwürdigen Ansichten Faurissons. Chomsky machte auch den Vergleich zu Voltaire. Den machen die wackeren Historiker in dieser Affäre nicht.

Die Feststellung eines antisemitischen Subtextes ist selbst verfänglich, gefährlich und vage. Solche Konstruktionen dienten einerseits, unter anderen Vorzeichen, früher in Diktaturen wie denen der Nazis und Realkommunisten zur Jagd auf missliebige Autoren, werden andererseits gegenwärtig in diktatorischen Ländern immer noch geübt (nicht nur Iran oder China).

Wir wissen aus den vielen unfruchtbaren Debatten in der Literaturkritik, wie fadenscheinig oft solche Befunde sind; sie ähneln den vulgärpsychologischen Ferndiagnosen. Es wird oft, bedingt durch den eigenen Rezeptionsrahmen und die ideologische Position, mehr hineingelesen oder herausgelesen, als dort steht, eben weil die Konstruktion des Subtextes Freiheiten offeriert, die der eigentliche Text nicht aufweist.

Wenn ein Werk von politischer Seite, die einem unangenehm ist, Beifall erhält, entwertet das nicht das Werk. Würde diese krumme Logik stimmen, müssten Agenten nur Kräfte aus dem jeweiligen konträren Lager animieren oder beauftragen, sich positiv oder negativ zu äußern, damit in der Öffentlichkeit die gewünschte Auf- oder Abwertung erfolgt. Dieses konterdependente Verhalten stellt aber keine Freiheit dar, sondern ein Befolgen vorgegebener Deutungsraster. Diese Praxis verringert den Raum der Kritik, verengt die Blicke, determiniert Urteile.

Auch wenn das Buch von Service ein Machwerk wäre, verdient es nicht so einen Feldzug. Würde die Sache intern geregelt worden sein, bestünden für andere Verlage bei Interesse genügend Gelegenheiten, es doch zu publizieren. Ein ganz normaler Vorgang. Diese Normalität wurde aber durch die öffentliche Kampagne zunichte gemacht. Wenn jetzt ein Verlag, sei es Suhrkamp oder ein anderer, es trotzdem publiziert, wird immer dieser Schatten, in ganz anderer Qualität als ohne diese Kampagne, über der Veröffentlichung liegen. Das heißt, es wird eine unwissenschaftlichen Polarisierung angeheizt, die weit über den Anlass hinausreicht.

Als Peter Huchel in SINN & FORM 1962 den Sartre-Aufsatz über Kafka publizierte, bekam er Probleme und wurde entlassen. Der Text entsprach nicht den gültigen Vorstellungen der Literaturwissenschaftler und Ideologen. Heute sieht man das anders. Werden andere morgen das Verhalten der Historiker auch anders sehen?

Als 1998 bzw. 2004 Emma Gersteins Buch „Moscow Memoirs“ erschien, erklang, neben einigem Lob, sofort ein Aufschrei. Er ähnelte den Verdikten gegen Service. Doch Gerstein hatte mit ihrer Arbeit eine wichtige Korrektur des gezimmerten Bildes von Nadeschda Mandelstam geliefert, das natürlich alle jene störte und vor den Kopf stieß, denen Mandelstam und seine Witwe „heilig“ geworden waren und die meinten, durch die Aussagen von Gerstein werde das Erbe und das Bild der beiden beschmutzt. Wurde es aber nicht, sondern nur zurechtgerückt.

Der Hinweis, man solle „nicht nur rechte Ideologen in der NZZ oder FAZ“ lesen, klingt links und progressiv, ist aber eine nichtssagende Stereotype. Soweit es um Fakten geht, finden sie sich auch in diesen Quellen. Umgekehrt kenne ich viele „linke“ Quellen, deren Faktenlage prekär ist. Dennoch würde ich nie eine solche Verallgemeinerung gebrauchen. – Übrigens ist es die Presse, auch in den USA, UK oder Deutschland und Schweiz, die der Öffentlichkeit Gehalte näherbringt, die sonst, weil nur in Fachjournalen oder –werken publiziert, nicht bekannt würden. Damit wird überhaupt erst eine gesellschaftliche Auseinandersetzung ermöglicht. Immerhin nutzen das auch linke Autoren, oder sind Kluge, Chomsky, Enzensberger oder Habermas Rechte, weil sie in der ZEIT oder FAZ publizieren?

Es wird auch argumentiert, Service erfreue sich deshalb großer Beliebtheit, weil er den Rechten das „historische Unterfutter gegen eine Linksentwicklung in der Gesellschaft“ liefere. Das ist doch an den Haaren herbeigezogen. Erstens erleben wir alles andere als eine Linksentwicklung. Zweitens, wenn es stimmte, könnte dem anders als mit Publikationsverboten entgegnet werden. Aus den Dokumentationen der DDR-Literaturproduktion und –rezeption lässt sich belegen, wie üblich damals diese reinigenden Staatsmaßnahmen waren bzw. wie hurtig man präventiv vorging, um das geistige Klima zu schützen.

Die Historiker, die diese Kampagne unterzeichnet haben, befinden sich also in unguter Gesellschaft, wiewohl sie sich als Vordermänner der Korrektheit sehen. Ihre Haltung entspricht den Experten, die das Publikum für zu dumm halten, sich selbst eine Meinung zu bilden, und es durch „Machwerke“ gefährdet sehen. Sie verhalten sich wie Priester, die die Schafe ihrer Gemeinde beschützen wollen. Das kann aber nur für Schafe und Hirten gelten, nicht aber für andere.

Ich kann sehr gut verstehen, dass jemand die Biografie von Service zerreist und in Grund und Boden kritisiert. Nichts Ungewöhnliches. Wogegen ich mich wende, sind die Haltungen, die einem Gesinnungsterror nahekommen, wenn also Meinungen, Sichten nicht nur kritisiert werden, sondern nach ihrer Verhinderung oder Verfolgung gerufen wird. In einer offenen Gesellschaft müssen ALLE Vertreter, ob links oder rechts oder unpolitisch, religiös, reaktionär oder konservativ oder esoterisch oder sonst was ohne Verbotsandrohung zu Wort kommen dürfen. Sonst haben wir Zustände wie in der damaligen DDR oder anderen Diktaturen. Und das wollen doch unsere tapferen Historiker sicher nicht.

Noch ein Wort zum Antisemitismusvorwurf: Es ist leider modisch geworden, allzurasch mit diesem Urteil etwas so zu kritisieren, dass es aus dem öffentlichen Diskurs (fast) eliminiert wird. Ich sah eine ähnliche Vorgehensweise in den Debatten um die Geldtheorie, wo sogar Kritik am Kapitalismus und Zinssystem als antisemitisch denunziert wurde (z. B. Hermann Lührs vs. Bernd Senf). Ähnliche Vorgangsweisen waren in Debatten um Heinrich Heine oder Paul Celan festzustellen. Immer öfter scheint Antisemitismus alle anderen Argumente zu ersetzen. Nun, dort wo Antisemitismus festzustellen ist, soll er, wie jede Vorurteilshaltung, kritisiert werden. Aber die stereotype, inflationäre Nutzung dieser Kategorie, vor allem in Konstruktionen eines Subtextes, entwertet die Vorurteilskritik und öffnet einer Hexenjagd Tür und Tor. Hier sind, wie in der Tagespolitik, Keulenschwinger am Werk, die keine Debatte wollen, sondern öffentliche Brandmarkung aufgrund von Etiketten, die sie freigiebig verteilen.

Charles Cohen