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Sonntag, 2. September 2018

Poem & Poet

Haimo L. Handl

Poem & Poet

Ich schätze Gedenktage. Sie geben mir eine Gelegenheit mehr mich entweder zu erinnern oder entferntes Bekanntes wieder heranzuholen oder Neues zu entdecken. Historische Anlässe, aber vor allem Geburts- oder Todestage von Persönlichkeiten. So auch jetzt, als ich aufgrund des fünften Todestages des irischen Poeten Seamus Heaney aus meiner Bibliothek einige Bücher von ihm holte: Poems und Essays. Die Lektüre als Auffrischung. Aber nicht nur. Denn jedes neues Lesen eröffnet neue Sichten, Aspekte, Höhen und Tiefen. Nicht immer, jedoch meist. Vor allem im Alter, da das Gedächtnis prall gefüllt ist mit Wissen und Erfahrungsgehalten, Eindrücken und Bildern, sind Weckungen Bereicherungen, glitzern wie Edelsteine auf, obwohl sie oft nur Kiesel am inneren Erinnerungswege sind.

Ich las nicht nur, sondern hörte und sah auch. Ich habe einige Interviews gespeichert aus dem Radio, ebenso von Fernsehstationen. Ich folge begeistert der ruhigen Stimme des Poeten, bin von seiner heiteren Gelassenheit angetan, freu mich über die gescheiten Fragen des Interviewers oder der Interviewerin, versuche Unterschiede zwischen einem frühen Gespräch, gleich nach der Nobelpreisverleihung (1995) und fünf bzw. 10 Jahre später auszumachen, schlag hie und da ein Wort nach, dessen Bedeutung ich mir nicht ganz sicher bin, weil ich mich auf die Kombinatorik aus dem Kontext doch nicht verlasse, bin schier elektrisiert über Heaneys Antworten, deren Kerninhalt ich aus Texten kenne, hier aber souverän, fast beiläufig, persönlich, vorgetragen höre, aber in Weise, die kein Vortrag ist, obwohl der Poet als Professor und Lehrer zu dozieren verstand.

Ich kenne keinen zeitgenössischen Dichter in deutscher Sprache, der ihm gleichkommt. Wer mich als erstes einfällt, ist Joseph Brodsky, mit dem Heaney befreundet war, und von dem er sehr positiv sprach, oder der Schwede Tomas Tranströmer, beide ebenfalls Nobelpreisträger. Das Werk von Heaney ist umfangreich, das von Brodsky etwas geringer und das von Tranströmer mit einem Umfang von insgesamt ca. 500 Seiten am geringsten. Aber offensichtlich wiegt nicht die Quantität, sondern die Qualität. Die ist bei allen drei gegeben. (Heaney schätze auch das Werk von Ted Hughes, Patrick Kavanagh und Robert Frost, um nur einige zu nennen.)

Natürlich verstand  Heaney sein Handwerk. Er äußerte sich auch explizit dazu bzw. die Virtuosität und Technik ist jenes, was er lehrte. Aber das war, wie bei jedem gehaltvollen Dichter dieser Art, eben auch bei Brodsky oder Tranströmer, nur ein Teil. Das Wesentliche war eine psychisch-mentale Disposition, die ihm ermöglichte, Realität in vielerlei Realitätspartikeln aufzuspüren, zu erfassen, ins Blickfeld zu bekommen, sozusagen „abzutasten“ und wörtlich, in Worten, also in seiner Sprache, wiederzugeben. Die Meisterschaft bestand im Vermögen, innere Ansammlungen, Verdichtungen, so zur Sprache zu bringen, dass Leser, wenn sie denn lesekundig sind, etwas von diesen Erfahrungen und diesem Wissen mitbekommen. Nie ging es ums Kalkül, um bloße Konstruktion, nie um Gefälligkeit.

Diese Haltung ist heute selten. Sie entspricht nicht dem Zeitgeist (oder dem Ungeist, der sich als Zeitgeist kaschiert). Sie gemahnt eher an frühere Dichter, von denen die Jungen heute behaupten, dass sie obsolet seien, für uns moderne, geplagte, unbeheimatete Nervöse nicht zeitgemäß. Zu wenig direkter Gebrauchswert. Den lieferte Erich Fried, der engagierte Gutmensch als Dichter. Technische Virtuosität lieferten die Konkreten Poeten, bei uns war vor allem Ernst Jandl, in Deutschland Oskar Pastior, früher Franz Mohn, oder der ins Gerede gekommene Eugen Gomringer (nicht wegen vermeintlicher Qualität seiner Texte, sondern wegen eines gesellschaftlichen Vorfalls). Von den Plebejern der Poetry Slam-Fraktion will ich gar nicht reden; diese Bewegung ist ein dümmlicher Zirkus von sich überschätzenden Schwätzern, Agenten der peinlichen Selbstdarstellung bzw. Experten im Aufmerksamkeitsmanagement. (Ich formuliere politisch nicht korrekt: es muss kultürlich heißen: Schwätzerinnen, Agentinnen und Expertinnen, denn die Mehrheit der Schwachen und Peinlichen dieser Szene sind weiblichen Geschlechts.) Das ist meilenweit weg von dem, was Heaney & Co. waren, darstellten und vermittelten.

Ich wünschte, wir hätten Poeten wie Seamus Heaney. Die in die Tiefe gelangen, aber dort nicht absacken. Die nicht in modischen Engagements sich verausgaben, sondern die Werte der Poesie in der Sprache sehen – und hören. Die politisch wach sind, aber keine ideologischen Propagandisten. Klar, Heaney fand nicht nur Belobiger, sondern auch Kritiker. Den einen war er zu wenig politisch eindeutig, für andere war seine Zwitterposition kein Problem; die amerikanische professorale Literaturkritikerin Helen Vendler nannte ihn „a poet of the in-between“. Der in Boston lebende und lehrende Shaun O’Connell meinte, man könne ja Heaney schätzen, aber, warnte er, „though they may be missing much of the undercutting complexities of his poetry, the backwash of ironies which make him as bleak as he is bright.”

Mich interessieren die Fragen nach Rangreihe (Ranking) überhaupt nicht und Kritikerstimmen nur am Rande. Ich höre den Poeten, ich lese seine Poems und Essays – und ich bin begeistert. Obwohl er sich mit der Alltagswelt abgibt, auf Kindheitserinnerungen zurückgreift, Kleinigkeiten fokussiert, liefert er eine substanzreiche, lebendige Sprache, die mich verführt, die verschiedenen Lagen, wie Tapeten an einer Wand, abzuziehen, um für mich neue, eigentlich alte, darunter liegende Bedeutungskerne oder –muster zu entdecken, die Sprachfärbungen nachwirken zu lassen, den Wortklang anstimmen und verebben lassen.

Oft erscheint seine Sprache „normal“, „regulär“, aber in der Art der Reihung, des von ihm hergestellten Textkörpers verwandelt sich die Alltäglichkeit in eine Besonderheit. Zu Heaneys „The Redress of Poetry: Oxford Lectures” schrieb James Longenbach in THE NATION vom 4.12.1995 unter dem Titel "No Choice But Two Minds":

"Heaney wants to think of poetry not only as something that intervenes in the world, redressing or correcting imbalances, but also as something that must be redressed—re-established, celebrated as itself. The criticism poets write is most often interesting because of their own poetry, but Heaney’s criticism would be read even if it were unbolstered by a contiguous poetic achievement."

Man könnte diesen Standpunkt fast religiös nennen. Ähnlich dem Vers von Friedrich Hölderlin (aus „Andenken“): „Was bleibt aber, stiften die Dichter“. Seamus Heaney stiftete, schuf, gab weiter. Sein Werk beweist, dass in der Lyrik ein anderer Zeitbegriff herrscht, ein anderes Denken, eine eigene Sprache. Hier ein paar Strophen aus „Digging“:

Digging

Between my finger and my thumb  
The squat pen rests; snug as a gun.

Under my window, a clean rasping sound  
When the spade sinks into gravelly ground:  
My father, digging. I look down

Till his straining rump among the flowerbeds  
Bends low, comes up twenty years away  
Stooping in rhythm through potato drills  
Where he was digging.

The coarse boot nestled on the lug, the shaft  
Against the inside knee was levered firmly.
He rooted out tall tops, buried the bright edge deep
To scatter new potatoes that we picked,
Loving their cool hardness in our hands.

Zum Vergleich das letzte Gedicht Heaneys, das in der Irish gallery’s anthology erschien und welches THE GUARDIAN am 3.10.2014 publizierte:

A poem Seamus Heaney finished 10 days before he died sees the Nobel laureate exploring the quiet beauty of a canal painted by the French artist Gustave Caillebotte, where time is slowed “to a walking pace”, and “world stands still”.

Banks of a Canal

by Seamus Heaney
Gustave Caillebotte, c.1872


Say ‘canal’ and there’s that final vowel
Towing silence with it, slowing time
To a walking pace, a path, a whitewashed gleam
Of dwellings at the skyline. World stands still.
The stunted concrete mocks the classical.
Water says, ‘My place here is in dream,
In quiet good standing. Like a sleeping stream,
Come rain or sullen shine I’m peaceable.’
Stretched to the horizon, placid ploughland,
The sky not truly bright or overcast:
I know that clay, the damp and dirt of it,
The coolth along the bank, the grassy zest
Of verges, the path not narrow but still straight
Where soul could mind itself or stray beyond.

In ihrem Nachruf auf Heaney schrieb Margaret Spillane in THE NATION (Sept.4, 2013) “Remembering Seamus Heaney – The contrarian poet refused to toe any party line:

Heaney was mindful of the idea that even a great artist’s work takes place on ground where others have camped before, and labored before, most likely in silence and under stricture. He acknowledged “that embarrassment…which the poet may find as he exercises his free gift in the presence of the unfree and the hurt.” Any compromise of this gift would have betrayed not just himself, but all who had tasted freedom only in their dreams. So he made a career of committing that most sacred act of insubordination: he spoke in his own voice. “The achievement of a poem, after all, is an experience of release,” Heaney said. “The tongue, governed for so long in the social sphere by considerations of tact and fidelity, by nice obeisances to one’s origin within the minority or the majority, this tongue is suddenly ungoverned.”

Ich stelle die Bücher zurück ins Regal, lehne mich zurück und sinniere. Seamus Heaney war hier oder ich dort. Gleichwie. Seine Worte wirken nach. Sein Geist lebt. Schön so.

Dienstag, 3. Mai 2016

Peter-Weiss-Jahr

Heuer jährt sich der Geburtstag von Peter Weiss zum 100. mal. Es werden aus diesem Grund viele Veranstaltungen organisiert. Unter anderem erfährt man in der Internetseite der IPWG - Internationalen Peter Weiss Gesellschaft - Programmhinweise.

Eine kleine Korrektur der medialen, geschönten Schieflage liefert Hans Christoph Buch in seinem Beitrag "Widerstand und Wahrheit" im Berliner Tagesspiegel vom 2.5.2016



Donnerstag, 21. März 2013

Welttag der Poesie

Zum Welttag der Poesie wurde der 21. März von der UNESCO ausgerufen. Dieser Tag wird seit 2000 jedes Jahr gefeiert. 

Wikipedia

Hilft der Welttag der Poesie der Poesie? Oder ist er eher ein Zeichen ihrer Musealisierung und künstlichen Lebenserhaltung? Gibt es nicht mehr Lyrikerinnen und Lyriker als Leser? Wer hat heute echtes Interesse an Lyrik oder Poesie? Ist Poesie nicht ein Widerspruch zum modernen Lebenswandel in modernen Gesellschaften? Oder gewinnt Poesie im Zuge einer eigentümlichen Rereligiosisierung?

Fragen über Fragen – und keine Antworten.

In unserer Zeitschrift für Literatur & Kultur, Driesch, publizieren wir laufend viel Lyrik in allen Sprachen. Eine Art Antwort:


Stephan Eibel-Erzberg


Und wieder diese empörung
Diese gedankenstörung
weil ein kind rennt
wenn utopie brennt

wie lang soll das noch gehen
das tägliche verdrehen
das aufblähen?
HOCH DEM PRODEST

Susanne Scholl

Kaddisch für meine Großeltern


Wie ward ihr?
Wer ward ihr?
Warum durfte ich euch nicht kennen?
Was habt ihr gesehen,
als sie euch hinaus stießen
aus dem Viehwaggon?
Die breite Chaussee?
Den Wald?
Die Männer mit den Hunden?
Die Gewehre?
Die hämischen Gesichter?
Haben sie euch getrennt?
Haben sie euch vorwärts gestoßen?
Haben sie euch gezwungen,
euch auszuziehen,
in aller Öffentlichkeit?
Haben sie euch die letzte Würde genommen?
Sie haben euch die letzte Würde genommen!
Sie haben euch einen unwürdigen Tod
angetan.
An einem unwürdigen Ort
in Kälte, Fremde, Einsamkeit.
Keiner war da
der mitgefühlt hätte!
Habt ihr euch noch angesehen?
Habt ihr im letzten Moment
doch noch Nähe zueinander empfunden?
Habt ihr Angst gefühlt, Entsetzen?
Jenes Entsetzen, das mich schüttelt,
wenn ich an Euch denke?
Nackt in diesem abweisenden Wald,
in der Kälte vor dem Graben,
in dem vielleicht schon die Leichen
jener lagen,
die sie vor euch ermordet hatten?
Ich stehe vor einem Monument
auf dem ihr nicht erwähnt werdet.
Ich stehe vor einem Monument,
das euch zu anonymen Zahlen
ohne Namen und Geschichte macht.
Ich gehe durch einen Park,
in dem Bierflaschen herumliegen.
Auf Wegen, voller Zigarettenstummel.
Ich gehe durch diesen Park
der ein Grab ist.
Euer Grab,
auf das ich doch keinen Stein legen kann.

Minsk im März 2006

Manfred Chobot

bürste kratz dich (sanft!)
die sonne auf- und abrasiert
ist die kratzbürste nimmersatt
kratzt sich mit worten wie die
zukunft ihr vorhergesagt ganz
satt sättigt sich ihr lachen
weil die nächste runde im
kratzen sich vollbracht hat
am schabebaum stehen die
krallen zum streicheln bereit
wieder einmal wiederholung
für das nächste mal


Martin Dragosits
Großes Spiel
Dämonen haben bunte Flügel
bei mir zu Hause an der Wand.
Sie tragen ihre Schatten
in den Ärmeln, aufgestrickt.

Sie tanzen laut und leise,
unabhängig wie sie sind.
Bleiben wach und übermütig
und zahlen keine Miete.

Was soll ich ihnen sagen,
sie hören nicht auf mich.
Ich knacke ihre Regeln,
sie blinzeln hinterrücks.

Joanna Lisiak

Beim Chinesen

Nach der fetten Peking-Ente
ein Rosenlikör und nicht nur
du und die Worte selbst
mein Rülpser so blumig.


Cao Nai Yun



我的 文学 老师   

您关心着文艺的美学 
我注视着人类的命运 
您留意着先生的前程
我磨练着个人的品行 
您是渲染历史的海市蜃楼,
我是扎根民间的乡土小草;.
您是欧洲           
我是亚洲            
您是女              
我是男              
您的宏图大略我难以学就
我的执拗乡韵您何能探究?
An meine Literaturlehrerin

Sie kümmern sich um die Ästhetik in der Kunst,
Mich bewegt das Schicksal der Menschheit.
Sie achten auf den Anstieg Ihrer Karriere,
Ich suche nach Charaktertiefe.
Sie halten fest an geschichtlicher Fata Morgana,
Ich werde Gras in Volkstümlichkeit.
Sie sind Europa,
Ich bin Asien;
Sie sind weiblich,
Ich bin ein Mann;
Ihr planendes Ordnen kann ich nicht erreichen;
Können Sie meine Dörflichkeit erfassen?
 
Nach der deutschen Interlinearübersetzung des Autors übertragen von Franz Blaha.


Augusto Hoyos 

Canción de cuna para dos amantes
La muerte se acercó a mi rostro
y me dijo
como quien no quiere la cosa
¡me gustas!
Tú también, le contesté
me guiñó el cuenco de su ojo derecho
y se alejó
no sin antes decirme
Dios te guarde
pero eres mío
Así sea, le dije
mientras se alejaba rumbo al norte
Wiegenlied für zwei Liebende

Der Tod sah mir ins Gesicht 
und sagte
als käme es ihm nicht darauf an
du gefällst mir!
Du auch, gab ich zurück
Er zwinkerte mir zu mit seiner rechten Augenhöhle
und machte sich davon
mit den Worten
Gott schütze dich
doch du bist mein
So sei es, sagte ich
während er sich nach Norden entfernte

Übertragung ins Deutsche von Wolfgang Ratz.



Sonntag, 27. Januar 2013

International Holocaust Remembrance Day

International Holocaust Remembrance Day, 27 January, is an international memorial day for the victims of the Holocaust, the genocide that resulted in the annihilation of 6 million Jews, 2 million Gypsies (Roma and Sinti), 15,000 homosexual people and millions of others by the Nazi regime and its collaborators. It was designated by the United Nations General Assembly resolution 60/7 on 1 November 2005 during the 42nd plenary session.[1] The resolution came after a special session was held earlier that year on 24 January 2005 during which the United Nations General Assembly marked the 60th anniversary of the liberation of the Nazi concentration camps and the end of the Holocaust.

Wikipedia



 




Most associate with the Holocaust the mass murder of the Jews and overlook or forgett, if not willfullly neglect, the systematic annihilation of the Gypsies. Read here the remembrance note from the Roma Representative:

Strasbourg 24 January 2013: “We remember the past to ensure it is not repeated in the future. “Thinking about the horrible suffering of the victims of the Holocaust and their families reminds us that every day we must work to end anti-Gypsyism and instead promote a culture of peace.” said today Mr Rudko Kawczynski, President of the European Roma and Travellers Forum on the occasion of the International Day of Commemoration in memory of the victims of the Holocauast, organised by the Council of Europe.

International Holocaust Remembrance Day reminds us of the millions of Jewish, Roma and, disabled people, homosexuals, political opponents, Jehovah witnesses and other victims of the Holocaust. We recommitt ourselves to “keeping their memory alive not only in our thoughts, but through our actions,”said President Kawczynski.

The European Roma and Travellers Forum therefore calls on the Council of Europe member states, European politicians and decision makers to effectively combat the rise of the far-right, which they have neglected, or worse, from whom they have borrowed ideas to gain votes. They also need to change the tone of the current public debate into a positive one, highlighting the benefits of diversity in European societies.

International Holocaust Remembrance Day is commemorated worldwide on 27 January in memory of the victims of the Holocaust. On 27 January 1945, the advancing Red Army entered the Auschwitz-Birkenau extermination camp complex, liberating more than 7,000 remaining prisoners, who were for the most part ill or dying.  Days earlier, the SS had forced nearly 60,000 prisoners to evacuate the camp and embark on the infamous 'Death Marches,' in which many thousands lost their lives.


International Holocaust Remembrance Day 2013: Victims Mourned At Auschwitz And Beyond

By VANESSA GERA 01/27/2013


Siehe auch die Uraufführung der Oper von Peter Androsch im Historischen Sitzungssaal des österreichischen Parlaments:

http://www.sonostream.tv/spiegelgrund-an-opera-by-peter-androsch/

 
































Samstag, 21. Januar 2012

140. Todestag Franz Grillparzers

Franz Grillparzer (15. Jänner 1791 in Wien - 21. Jänner 1872 ebenda) war ein österreichischer Schriftsteller, der vor allem als Dramatiker hervorgetreten ist. Aufgrund der identitätsstiftenden Verwendung seiner Werke, vor allem nach 1945, wird er auch als österreichischer Nationaldichter bezeichnet.

Wikipedia

Franz Grillparzer - Website

Franz Grillparzer

Friedrich Nietzsche (in "Unzeitgemäße Betrachtungen) zu einem Satz Grillparzers:

    Nun gibt es aber auch eine berühmte Gefahr dieser Innerlichkeit: der Inhalt selbst, von dem es angenommen ist, daß er außen gar nicht gesehen werden kann, möchte sich gelegentlich einmal verflüchtigen; außen würde man aber weder davon noch von dem früheren Vorhandensein etwas merken. Aber denke man sich immerhin das deutsche Volk möglichst weit von dieser Gefahr entfernt: etwas recht wird der Ausländer immer behalten, wenn er uns vorwirft, daß unser Inneres zu schwach und ungeordnet ist, um nach außen zu wirken und sich eine Form zu geben. Dabei kann es sich in seltenem Grade zart empfänglich, ernst, mächtig, innig, gut erweisen und vielleicht selbst reicher als das Innere anderer Völker sein; aber als Ganzes bleibt es schwach, weil alle die schönen Fasern nicht in einen kräftigen Knoten geschlungen sind: so daß die sichtbare Tat nicht die Gesamttat und Selbstoffenbarung dieses Inneren ist, sondern nur ein schwächlicher oder roher Versuch irgendeiner Faser, zum Schein einmal für das Ganze gelten zu wollen. Deshalb ist der Deutsche nach einer Handlung gar nicht zu beurteilen und als Individuum auch nach dieser Tat noch völlig verborgen. Man muß ihn bekanntlich nach seinen Gedanken und Gefühlen messen, und die spricht er jetzt in seinen Büchern aus. Wenn nur nicht gerade diese Bücher neuerdings mehr als je einen Zweifel darüber erweckten, ob die berühmte Innerlichkeit wirklich noch in ihrem unzugänglichen Tempelchen sitze: es wäre ein schrecklicher Gedanke, daß sie eines Tages verschwunden sei und nun nur noch die Äußerlichkeit, jene hochmütig täppische und demütig bummelige Äußerlichkeit als Kennzeichen des Deutschen zurückbliebe. Fast ebenso schrecklich, als wenn jene Innerlichkeit, ohne daß man es sehen könnte, gefälscht, gefärbt, übermalt darinsäße und zur Schauspielerin, wenn nicht zu schlimmerem geworden wäre: wie dies zum Beispiel der beiseite stehende und still betrachtende Grillparzer von seiner dramatisch-theatralischen Erfahrung aus anzunehmen scheint. "Wir empfinden mit Abstraktion", sagt er, "wir wissen kaum mehr, wie sich die Empfindung bei unseren Zeitgenossen äußert; wir lassen sie Sprünge machen, wie sie sie heutzutage nicht mehr macht. Shakespeare hat uns Neuere alle verdorben."



2006, zu Grillparzers 215. Gebudrtstag, schrieb Haimo L. Handl in kultur-online.net:

Franz Grillparzer - der Verhinderte

Grillparzer stellt die Persönlichkeit und den Typus des pflichtbewussten und -treuen Menschen dar, der von der Behörde drangsaliert und niedergehalten wird, der jedoch Angst und Schrecken vor den Alternativen und Änderungen hat, so dass er, verbittert und vereinsamt, sein Schicksal erträgt und sich sogar Leistungen versagt, die er hätte erbringen können, wären die "Umstände" nur etwas humaner gewesen.

In meiner Schulzeit wurde ich zuerst mit einigem seines Werkes konfrontiert. Als Kind oder früher Jugendlicher war es kein leichter Zugang. Er hatte den bitteren Geschmack eines obligaten Klassikers - und von daher wiederholte sich die Barriere und Abgrenzung, die so gar nicht seinem Werk gerecht wurde und werden kann. Erst später, gegen einige übernommene Vorurteile aus der politischen Literaturkritik seiner (die des "Jungen Deutschland" vor allem) und meiner Zeit (Fünfzigerjahre mit dem offiziellen Belobigen und dem antiautoritären Ablehnen, was sich später in der Achtundsechzigergeneration lautstark artikulierte), konnte ich nicht nur mehr Konturen unterscheiden, sondern auch Inhalte und Positionen anders schätzen lernen.

Von zwei Literaten, wovon einer ein profunder Politiker war, nämlich Ernst Fischer und Hans Weigel, las ich zwei höchst unterschiedliche Artikel über Grillparzer, die seine geteilte, höchst uneinheitliche, umstrittene Bewertung auch gegenwärtig widerspiegeln.

Hans Weigel (In: Flucht vor der Größe. Sechs Variationen über die Vollendung im Unvollendeten. Graz 1960) fokussiert die Person, das Individuelle, während der Marxist Ernst Fischer (  Von Grillparzer zu Kafka. Sechs Essays. Wien 1962) den historischen Aspekt, die gesellschaftlichen Hintergründe umfassend berücksichtigt und zu deuten versucht an und durch die Person Grillparzer.
Nach Weigel ist Grillparzer eine "regionale Erscheinung", die sich in zerfleischendem Selbsthass selber abwürgt, ein "Fanatiker der Selbstzerstörung". "Grillparzer fühlt sich nur wohl, wenn er sich nicht wohlfühlt".

"Und Grillparzer findet aus der Tatsache des bevorstehenden Untergangs nicht zur Bejahung. Er bejaht nicht die Zeit vorher, er bejaht den Untergang." "Er nimmt willig, fast freudig die Gefahr, die Bedrohung auf sich, die Herausforderung, auf dass, wie einst angesichts der napoleonischen Gefahr, die Völker sich besinnen. Welch eine unglaublich weitgehende Bejahung des Negativen!"
Wenn man diesen Sätzen solche von Fischer gegenüberstellt, verdeutlicht sich einiges:
"Er haßte das Regime Metternichs und fürchtete zugleich die demokratische Revolution." "Der romantische Protest gegen die kapitalistische Entwicklung war für Grillparzer zugleich Abwehr gegen die Bedrohung des österreichischen Staatsgefüges durch eben diese Entwicklung." Wenn Grillparzer immer wieder den Konflikt der Naturmenschen, der "Barbaren" mit der Zivilisation heraufbeschwört, so greift dies über die nationale Problematik Österreichs hinaus. "Es ist nicht nur das Erbe der katholischen Gegenreformation (...), sondern auch die zunehmende Angst Grillparzers vor der Wirklichkeit, seine Tendenz, sich aus dem Treiben zurückzuziehn, in Melancholie zu versinken".

Fischer sieht also nicht einfache Bejahung des Untergangs, sondern ohnmächtiges Inkaufnehmen dessen, weil keine Energie für einen Widerstand oder überhaupt für eine Aktion aufgebracht werden kann. Zwar hängt dies mit der Person Grillparzer zusammen, muss es ja, aber es hat einen objektiven Hintergrund, es ist eben nicht ideosynkratisch: Grillparzer entspricht mit diesem Zögern, mit dieser Passivität dem typischen Österreicher. Fischer vermag es, in wenigen Sätzen die historische Entwicklung darzulegen. Natürlich hätte Grillparzer mit einer etwas anders ausgelegten Persönlichkeit anders handeln können. Das Umfeld bestimmt keinen Menschen bis ins Kleinste. Aber es gibt Rahmen und Wertstrukturen vor. Grillparzer fand solche, die ihm, mit seinen Anlagen, keine Alternative liessen: er sah die Zersetzung, aber die Furcht vor der Veränderung sass zu tief. Er war gelähmt, wie der Hase vor der Schlange.

Während Weigel die Person als Versager herauskehrt, sich mokiert über die Verteidigungen Grillparzers, für dessen Scheitern auch literarische Belege findet und zitiert, konzediert Fischer zwar Mängel und Schwächen, stellt diese aber in einen tiefen, weiten Kontext, worin sogar das Scheitern, die bedingte Dürftigkeit einen Sinn erhält, den es herauszulesen gilt. Das heisst, der geschulte historische Blick öffnet mehr Tiefen, als es der des Theater- und Literaturkritikers vermöchte. Liest man beide, erweitert sich das Bild zum opulenten Gemälde.

Dem "Jungen Deutschland" war er wegen dessen vehementer Ablehnung des Metternich-Regimes bzw. jeder staatlichen Bevormundung ein Grund zur Attacke. Trotzdem traf Grillparzer 1836 auf seiner Reise nach Paris dort zwei ihrer Vertreter, nämlich Ludwig Börne und Heinrich Heine. Die Bewegung entstand um 1830 und war schon 1835 vom Frankfurter Bundestag verboten worden; Georg Herwegh, Heinrich Laube, Karl Gutzkow, Ferdinand Freiligrath, Ludolf Wienbarg und Theodor Mundt gehörten ihr an und, zumindest zeitweise, auch Georg Büchner, Heinrich Heine und Ludwig Börne. Jene, die selbst zum Teil ins Exil flüchten mussten, deren Werke der Zensur zum Opfer fielen, höhnten und schmähten Grillparzer, der von der Habsburgischen, Metternichschen Polizei verfolgt und demütigend drangsaliert wurde und der selbst unter der Zensur litt. Nicht nur eine literaturhistorische Ironie.

Grillparzers "Selbstbiographie" dokumentiert einen Leidensweg in einer Gesellschaft, die in den klischierten Überlieferungen als niedlich biedermeierlich bekannt ist; man denke nur an die verzerrte, kitschige Sicht von Franz Schubert (1797-1828), die lange seine adäquate Würdigung behinderte.

Nach dem Durchfall seines Lustspiels "Weh' dem, der lügt!" 1838 schreibt er keine Dramen mehr. Er wird 1856 pensioniert, erfährt noch einige Ehrungen, wird 1861 ins Herrenhaus berufen, 1864 zum Wiener Ehrenbürger und stirbt 1872. Drei bedeutende Stücke seines Spätwerks erscheinen erst nach seinem Tode: "Libussa", "Ein Bruderzwist in Habsburg" und "Die Jüdin von Toledo".



Karl Kraus zu Grillparzer (In: Untergang der Welt durch schwarze Magie, 1912)

Ich habe Erscheinungen von dem, was ist. Ich mache aus einer Mücke einen Elefanten. Ist das keine Kunst? Zauberer sind die andern, die das Leben in die Mückenplage verwandelt haben. Und der Mücken werden immer mehr. Oft kann ich sie nicht mehr unterscheiden. Tausend habe ich zu Hause und komme nicht dazu, sie zu überschätzen. Bei Nacht sehen sie wie Zeitungspapier aus und jedes einzelne Stück lacht mich an, ob ich nun endlich auch ihm die Verbindung mit dem Weltgeist gönnen wolle, von dem es stammt. Gegen die Plage dieser Ephemeren gibt es keinen Schutz, als sie unsterblich zu machen. Das ist eine Tortur für sie und für mich. Doch wachsen sie nach und ich werde nicht fertig. Finde ich da ein Stück:
Man hat ihn mit Geschenken, Blumen, Reden gefeiert. Die Vertreter der Stadt und des Landes, das Zivil wie hohe Offiziere wetteiferten darin, diesem Jubilar zu zeigen, daß so redliche Tüchtigkeit nicht nur Ehre, sondern auch herzliche Zuneigung einbringt.

Was war das nur? Warum habe ich das aufgehoben? "Man hat ihn ...": dieser Ton muß einer Feier gelten, die schon etwas Selbstverständliches hat. Was kann es nur sein, wobei Stadt und Land, Zivil und Militär wetteifern? Grillparzer? Der Ausschnitt ist doch nicht so alten Datums, und damals hat man sich noch nicht so ins Zeug gelegt für die Jubilare. "Herzliche Zuneigung:" das würde für Alfred Grünfeld sprechen, aber da gibts keine Vertreter des Landes. "Redliche Tüchtigkeit:" für Schnitzler, aber da rückt wieder das Militär nicht aus. Auch dürfte es sich nicht um einen der Fünfziger handeln, die heuer wie falsches Geld herumlaufen, sondern eher um einen, der seit fünfundzwanzig Jahren - ich weiß es nicht, aber man sollte mir helfen. Man muß doch schließlich schon viel besser als ich wissen, wem ein verlorener Tonfall gehört. Ich habe die Übersicht verloren. Ich kann nicht mehr mit Sicherheit sagen: So haben die Wiener einen ihrer titanischen Kaffeesieder gefeiert. Denn inzwischen ist ein Geschlecht von Epigonen nachgewachsen, und denen wird auch schon gehuldigt.





"Das goldene Vlies", Franz Grillparzer

Hörfassung aus dem Jahr 1956  in Youtube in 2 Teilen:


Teil 1 (1:42:49), Youtube

Teil 2 (2:00:03), Youtube

Donnerstag, 29. Dezember 2011

85. Todestag von Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke (4. Dezember 1875 in Prag - 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz; eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke), Österreichischer Dichter und einer der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache, dessen Werk vielfach vertont wurde.

Wikipedia

Oskar Werner liest von Rilke "Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort"

Musik

Wüsste ich für wen ich spiele, ach!
immer könnt ich rauschen wie der Bach.

Ahnte ich, ob tote Kinder gern
tönen hören meinen innern Stern;

ob die Mädchen, die vergangen sind,
lauschend wehn um mich im Abendwind.

Ob ich einem, welcher zornig war,
leise streife durch das Totenhaar...

Denn was wär Musik, wenn sie nicht ging
weit hinüber über jedes Ding.

Sie, gewiss, die weht, sie weiss es nicht,
wo uns die Verwandlung unterbricht.

Dass uns Freunde hören, ist wohl gut -,
aber sie sind nicht so ausgeruht

wie die Andern, die man nicht mehr sieht:
tiefer fühlen sie ein Lebens-Lied,

weil sie wehen unter dem, was weht,
und vergehen, wenn der Ton vergeht.


Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.


Oskar Werner rezitiert:



Liebeslied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt,wenn deineTiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.


Fritz Stavenhagen rezitiert:




In Youtube findet man sehr sehr viele Rezitationen oder Musikfilme als Verhunzungen von Rilkes Gedichten. Es scheint, als ob das Wort und die Stimmen nicht mehr genügten, und es Musik brauchte, damit die Modernen, die Ungeduldigen, überhaupt noch hin- oder zuhören. Viele versuchen sich im Lesen und Rezitieren von Rilkes Werken. Oft klingt das peinsam und ist peinlich. Das Positive ist wenigstens, dass viele lesen und dann vorlesen, auch wenn sie es noch nicht können. Das Negative aber bleibt, dass eine Unbekümmertheit einer Verantwortungslosigkeit gleichkommt, wenn man die Mitwelt mit Minderem abspeist. Jeder darf lernen und sich alles vornehmen. Aber gleich mit jeder Übung an die Öffentlichkeit zu gehen, ist doch eine Zumutung. 

Den Gedichten von Rilke tut das nichts an. Den herausragenden Rezitationen auch nicht. Aber den vielen, die sich mit dem Billigen füttern, verdirbt es weiter den Geschmack, festig die Blindheit.