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Dienstag, 11. Dezember 2018

Im Westen nichts Neues, damals und heute

Einerseits ein Gedenken des 11. Dezember 1930, andererseits eine besorgte Kenntnisnahme aus Israel:

Ansehen, Gleichschaltung, nationale Ausrichtung, made in Germany:

Im Westen nichts Neues am 11.12.1930 verboten

Am 5. Dezember 1930 findet im Berliner "Mozartsaal", Filmtheater am Nollendorfplatz, die Premiere der deutschsynchronisierten Fassung des amerikanischen Spielfilms "All quiet on the western front" (1929/30), Regie: Lewis Milestone, Produktion: Peter Laemmle, Verleih: Universal ohne jeden Zwischenfall und mit viel Beifall statt. Wie im Roman "Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque wird in der Filmadaption das Kriegserlebnis einer Schulklasse, insbesondere das des Frontsoldaten Paul Bäumer, zur erschütternden Anklage gegen Krieg und Kriegshetzer.

"Die große Schlacht des Dr. Goebbels"2 (Bärbel Schrader, 1992) beginnt einen Tag später, am 6. Dezember 1930. Mit Stinkbomben, herumlaufenden Mäusen, lauten Zwischenrufen, Einschüchterungen und Bepöbelungen des übrigen Publikums gelingt Goebbels mit seinem "Rollkommando"3 der Abbruch der Filmvorführung. Die herbeigerufene Polizei läßt den Saal räumen, kann aber nicht verhindern, daß der Berliner Gauleiter die "Nazirandale"4 auf die Straße verlegt, um den Eindruck eines "Volksprotestes" vorzutäuschen. In den nächsten 5 Tagen organisiert Goebbels bis zum Zeitpunkt des Filmverbots Protestmärsche durch ganz Berlin und verwandelt den Berliner Westen in einen "Remarque-Kriegsschauplatz", da sich die Nationalsozialisten an jedem Abend mit der Polizei Straßenschlachten liefern.

Die Aufführung des Spielfilms "Im Westen nichts Neues" wird am 11. Dezember 1930 durch die Oberprüfstelle mit der Begründung untersagt, daß der Film "das deutsche Ansehen"5 gefährde. Sie betont in dem Zusammenhang, daß das von ihr ausgesprochene Aufführungsverbot nicht "unter dem Druck der Straße"6 entstanden sei. Dennoch kann sich Goebbels in der Öffentlichkeit mit der Ansicht durchsetzen, daß das Filmverbot als "Straßensieg"7 der Nationalsozialisten, Goebbels spricht von einem "Filmsieg"8 , im Kampf gegen die preußische Regierung gewertet werden müsse.

Lesen Sie mehr dazu hier

Israels Versuche einer Gleichschaltung:

Ansehen, Gleichschaltung, nationale Ausrichtung, made in Israel:

Israels Loyalitätsgesetz
Beitrag in der Kulturzeit, 3SAT

„Wer versucht, Kritik zum Schweigen zu bringen, ist verderbt und verfault“
Eshkol Nevo, WELT, 22.11.2018

Loyalitätsgesetz in Israel: Der leidige Eid
Ein Kommentar von Judith Althaus, Blog Alsharq

Regev's Cultural Loyalty Law Represents the Israeli Patriotism of Cowards
Bezalel will go on teaching its students in the tradition of freedom of expression, which the ‘cultural loyalty law’ is trying to eliminate
Yuval Karniel, HAARETZ, Oct 25, 2018


Bei uns bzw. überall bei den israelfreundlichen Ländern ist es verpönt, Israel mit anderen zu vergleichen bzw. Vergleiche von Schandtaten mit anderen Regimen, insbesondere den Nazis oder anderen Faschisten, herzustellen. Das ist politisch inkorrekt und tabuisiert. Die Tabuisierung ist inakzeptabel und hilft nur der Verschleierung und Täuschung.

Das war falsch, als Linke mit Stalin und seinem Horrorregime kollaborierten, nur um den Kampf gegen die Nazis nicht zu schwächen, es war falsch, als sie Mao Zedong unterstützten, ihm zujubelten und ihm nacheiferten. Es ist falsch hinsichtlich einer unkritischen Haltung gegenüber den USA und es ist falsch in der "unbedingten" Solidarität mit Israel. Denn "unbedingt" heißt Solidarität auch im Wissen von Verbrechen. Es ist die unhaltbare Fortführung des Kuschens, des unbedingten Gefolges, wie damals bei den Nazis, diesmal vermeintlich legitimiert als Standhaftigkeit mit der "einzigen Demokratie" im Nahen Osten. Das sind untaugliche Etikettierungen einer charakterlosen, unkritischen Kollaboration. Reife, verantwortliche Individuen und Staaten akzeptieren keine Unbedingtheit im Politischen. Nur Mitläufer, Mittäter, die sich ausreden auf die Pflicht.










Sonntag, 1. Juli 2018

50. Todestag von Fritz Bauer

Fritz Bauer (* 16. Juli 1903 in Stuttgart; † 1. Juli 1968 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Jurist. Mit seinem Namen und Wirken als Generalstaatsanwalt in Hessen verbinden sich die Entführung Adolf Eichmanns nach Israel, die positive Neubewertung der Widerstandskämpfer des 20. Juli und die Frankfurter Auschwitzprozesse.
Wikipedia





Wer sich mit Fritz Bauer beschäftigt wird empört und beschämt erkennen, wie tief verankert der Faschismus und Nazismus in Deutschland war und ist. Da hat sich im Wesentlichen nicht viel geändert, nur kosmetisch "modernisiert". Erschütternd.

Vor diesem Hintergrund gewinnen die Machenschaften der RAF als linker Terror, des NSU als nazistischer sowie der jeweiligen Behördenbeteiligungen als Be- und Verhinderungen einer adäquaten Verfolgung und Ahndung ein grelleres Licht: die naziverseuchte Kultur ist nach wie vor fixer Bestandteil der deutschen Gesellschaft, und in gewissem Grade auch der österreichischen, die sich ja feige reinwaschen wollte als Opfer.

Durch die in ganz Europa erstarkende Reaktion und rasante Faschistisierung verschiebt sich das "Rechtsempfinden" (besser gesagt: das Unrechtsempfinden) fatal und ebnet in einem gefährlichen Nationalismus und Chauvinismus den Boden für neue Untaten.

Gedenken, wie die an Fritz Bauer, könnten nur helfen, wenn sie zur Erstarkung republikanischen, demokratischen Verhaltens führten, nicht aber, wenn sie als bloßes Unterhaltungsware der Bewusstseinsindustrie inhaliert werden. Dieser oberflächliche Konsum in unserer verlogenen Spasskultur der Opfer verhindert aber Denken und Handeln nach möglicher Aufklärung, erfüllt also den Tatbestand instrumentalisierter Dummheit nach der alten Definition von Kant.



Sonntag, 20. August 2017

Charlottesville reveals deep hatred and racism


Top Stories on the theme in Counterpunch:


The Fetishization of Violence: Reflections on Charlottesville, WWII and Activism

America Asleep

The Story of Charlottesville Was Written in Blood in the Ukraine

Fascism Here We Come: the Rise of the Reactionary Right and the Collapse of “The Left”

White Skin Privilege

Trump’s Moral Blindspot is America’s

To See or to Nazi: Trump’s Moral Blindspot is America’s

We’ve have entered the time of mock outrage. The press was shocked that armed neo-Nazis were marching through the streets of Charlottesville shouting “Blood and Soil” and “Jews will not replace us!” Republicans were aghast that many of these thugs were wearing Trump’s red “Make America Great Again” caps. Democrats were indignant that Republicans didn’t call for Trump’s head on a platter. Everyone felt very good about how bad they felt.
In this national psychodrama, Trump plays the role of the Great Revealer.

Donnerstag, 16. Juli 2015

Buchempfehlung: Hochburg des Antisemitismus




Klaus Taschwer

Hochburg des Antisemitismus

Der Niedergang der Universität Wien im 20. Jahrhundert

Czernin, Wien 2015

312 Seiten, Hardcover

Das Buch liegt in unserer Bibliothek auf!

 

Verlagsseite

Interview ORF mit Klaus Taschwer, 2012

 

Ein düsteres Bild der Uni Wien, das eine Ergänzung verlangt


Mag sie auch von Kleingeistern durchsetzt und zuweilen auch beherrscht gewesen sein, verstand sie doch Gelehrtenpersönlichkeiten von Rang hervorzubringen.



Erinnerungswerte



Dienstag, 10. März 2015

Verleumdung statt Aufklärung



Vorbemerkung: Der Artikel erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18.10.1979. Wir danken Andrew Ranicki für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung an dieser Stelle. Der Artikel von Fritz J. Raddatz, auf den er sich bezieht, erschien unter dem Titel „Wir werden weiterdichten, wenn alles in Scherben fällt… Der Beginn der deutschen Nachkriegsliteratur“ in Die Zeit vom 12. Oktober 1979 und führte nach der Kritik von Marcel Reich-Ranicki zu einer heftigen und langen Kontroverse, die auch innerhalb der „Zeit“ ausgefochten wurde – mit Beiträgen u.a. von Rolf Schneider, Thomas Brasch, Marion Gräfin Dönhoff, Erich Fried, Hans Mayer, Wolfgang Hildesheimer, Robert Minder, Rolf Hochhuth, Alfred Andersch, Walter Jens, Günter Grass und nicht zuletzt mit einer „Replik“ von Fritz J. Raddatz selbst. Am 7. Dezember sahen sich die Herausgeber zu einem „Schlusswort“ genötigt. TA

Essay von Marcel Reich-Ranicki:
Verleumdung statt Aufklärung. Deutsche Schriftsteller im Dritten Reich – 
Zu einem „Zeit“-Dossier von Fritz J. Raddatz

Ein älterer Aufsatz von Marcel Reich-Ranicki wird zum Angelpunkt, weil die verdienstvolle LITERATURKRITIK.de im oben angeführten Vorspann Namen nennt und die entsprechenden Artikel verlinkt, so dass Interessierte die Auseinandersetzung nachverfolgen können. Nicht nur ein historisches Lehrbeispiel!

Eine Mappe mit den ausgedruckten Beiträgen liegt zur Lektüre in unserer Bibliothek auf!

[Ähnliche Mappen haben wir auch zu Dante Alighieri oder Rudolf Borchardt, zu Hölderlin  bzw. zu Heidegger (a) allgemein zu seiner Philosophie, b) zur Affäre Heidegger nach den Publikationen der "Scshwarzen Hefte" und zu Georg Lukács.]
 

Freitag, 10. Mai 2013

Bücherverbrennungen durch die Nazis, 80. Jahrestag

Kurz nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 kam es im März im Zuge einer „Aktion wider den undeutschen Geist“ zu einer organisierten und systematisch vorbereiteten Verfolgung jüdischer, marxistischer und pazifistischer Schriftsteller. Dabei handelte es sich um eine von der Deutschen Studentenschaft geplanten und durchgeführten Aktion unter Führung eines Mitglieds des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB). Höhepunkt waren die am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz und in 21 anderen deutschen Universitätsstädten groß inszenierten öffentlichen Bücherverbrennungen, bei denen zehntausende Werke verfemter Autoren von Studenten, Professoren und NS-Organen ins Feuer geworfen wurden (siehe Liste der verbrannten Bücher 1933).

Wikipedia
Abbildung aus Wikipedia (Bundesarchiv)








Montag, 18. Februar 2013

Sportrede im deutschen Hitlergeist: totaler Krieg

Als Sportpalastrede wird die Rede bezeichnet, die der nationalsozialistische deutsche Reichspropagandaminister Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast hielt und in der er zum „Totalen Krieg“ aufrief.





Wer Ohren hat, der höre. Wer Augen hat, der sehe. Aber wir sehen und hören immer weniger, obwohl die Neuen Medien uns permanent mit immer mehr zum Hören und Sehen versorgen. Erstaunlich, nicht?

Verhören

Versehen



Sonntag, 27. Januar 2013

International Holocaust Remembrance Day

International Holocaust Remembrance Day, 27 January, is an international memorial day for the victims of the Holocaust, the genocide that resulted in the annihilation of 6 million Jews, 2 million Gypsies (Roma and Sinti), 15,000 homosexual people and millions of others by the Nazi regime and its collaborators. It was designated by the United Nations General Assembly resolution 60/7 on 1 November 2005 during the 42nd plenary session.[1] The resolution came after a special session was held earlier that year on 24 January 2005 during which the United Nations General Assembly marked the 60th anniversary of the liberation of the Nazi concentration camps and the end of the Holocaust.

Wikipedia



 




Most associate with the Holocaust the mass murder of the Jews and overlook or forgett, if not willfullly neglect, the systematic annihilation of the Gypsies. Read here the remembrance note from the Roma Representative:

Strasbourg 24 January 2013: “We remember the past to ensure it is not repeated in the future. “Thinking about the horrible suffering of the victims of the Holocaust and their families reminds us that every day we must work to end anti-Gypsyism and instead promote a culture of peace.” said today Mr Rudko Kawczynski, President of the European Roma and Travellers Forum on the occasion of the International Day of Commemoration in memory of the victims of the Holocauast, organised by the Council of Europe.

International Holocaust Remembrance Day reminds us of the millions of Jewish, Roma and, disabled people, homosexuals, political opponents, Jehovah witnesses and other victims of the Holocaust. We recommitt ourselves to “keeping their memory alive not only in our thoughts, but through our actions,”said President Kawczynski.

The European Roma and Travellers Forum therefore calls on the Council of Europe member states, European politicians and decision makers to effectively combat the rise of the far-right, which they have neglected, or worse, from whom they have borrowed ideas to gain votes. They also need to change the tone of the current public debate into a positive one, highlighting the benefits of diversity in European societies.

International Holocaust Remembrance Day is commemorated worldwide on 27 January in memory of the victims of the Holocaust. On 27 January 1945, the advancing Red Army entered the Auschwitz-Birkenau extermination camp complex, liberating more than 7,000 remaining prisoners, who were for the most part ill or dying.  Days earlier, the SS had forced nearly 60,000 prisoners to evacuate the camp and embark on the infamous 'Death Marches,' in which many thousands lost their lives.


International Holocaust Remembrance Day 2013: Victims Mourned At Auschwitz And Beyond

By VANESSA GERA 01/27/2013


Siehe auch die Uraufführung der Oper von Peter Androsch im Historischen Sitzungssaal des österreichischen Parlaments:

http://www.sonostream.tv/spiegelgrund-an-opera-by-peter-androsch/

 
































Freitag, 2. März 2012

Karl Kraus & Gottfried Benn


Karl Kraus hat in seiner FACKEL Gottfried Benn nur viermal genannt. Zweimal, in der Ausgabe Nr. 890-905 vom Juli 1934, in sehr erhellender Weise, die zeigt, wie alert und wissend der Jude Kraus, dem die Gutmenschen Unvernunft und Antisemitismus (als selbsthassender Jude) vorwerfen, nicht nur die „deutsche „ Kultur“ verstand, sondern auch die Politik, und da auch nicht nur die heimische und deutsche.

Kraus:

So wollen wir denn sagen, daß die Not, der ein deutsches Sprachwerk und zumal ein solches ausgeliefert ist, nicht nur die Übersetzung in fremde Sprachen betrifft, sondern hauptsächlich die ins Deutsche. Denn was würde wohl von einem Werk, das in diesem nicht bloß »verfaßt«, sondern aus der deutschen Sprache erschaffen ist, übrigbleiben, wenn es in diejenige übersetzt würde, die heute von deutschen Lesern verstanden wird? Das eben macht ja das besondere Sprachwunder aus, daß hier Bedeutung und Verwendung sich so erschütternd absondern, weil der Weg vom Wert zum Nutzen, vom Gedanken zum abnehmbaren Sinn ein viel weiterer ist als in jeder andern Sprachsphäre. Darum dürfte es der Leser fast so schwer haben wie der Übersetzer, und gerade mit manchem Versuch, den unser Autor unternommen haben könnte, den Sündenfall deutschen Lebens sprachtheologisch zu betrachten.

Da dürften radikale Schwachköpfe, welche von dem, der die Sprache »meistert«, nichts weiter als den Ausdruck seiner oder gar ihrer Meinung verlangen, sein Schweigen vielleicht einer Strapaze vorziehen, wie er sie ihnen etwa durch eine Auseinandersetzung mit jenem Denker Gottfried Benn zugemutet hätte, der in einem bemerkenswerten geologisch-feuilletonistischen Wirrwarr den jetzt sich regenden »Typ« (unverwüstliches Berlin!) aus dem »Irrationalen« abgeleitet und zur Deutung nicht mit Unrecht auf das »Quartär« zurückgegriffen hat, wo es freilich noch kein Radio und kein Feuilleton gab. Der auf Äonen eingestellte Schwärmer hatte wirklich der Ansicht Ausdruck gegeben, daß es sich gar nicht um eine neue Regierungsform handle, sondern »um eine neue Vision von der Geburt des Menschen, vielleicht um die letzte großartige Konzeption der weißen Rasse, wahrscheinlich um eine der großartigsten Realisationen des Weltgeists überhaupt«. Da man aber solches nicht mit Bestimmtheit wissen kann und zunächst das Greifbare zu erwägen ist, so wurde ihm der Vorschlag gemacht, statt der irrationalen Bemühung und des metaphysischen Ausbaus der Konzentrationslager lieber der folgenden Untersuchung näherzutreten:

    Vielleicht würde ein Literat, der sich der Sprache immerhin bis zum Ornament genähert hat, es sogar verstehen und schließlich glauben, daß in der journalistischen und rednerischen Bekundung des neuen Denkens bisher auch nicht ein deutsches Wortgebilde sichtbar oder hörbar geworden ist, nicht eines, das den deutschen Inhalt nicht Lügen strafte.« Die Sprache verdankt freilich dem Umsturz, der wohl schon im Grundwort Nazi' sich als Realisation des Weltgeistes andeutet, manche neuen Bildungen, und solche, die man eben vor dem Aufbruch des neuen Wesens unmöglich hätte erringen oder durchdenken können. Damit sind nicht etwa aparte Formen gemeint, wie man sie auch in der jüdischen Presse antrifft, die prinzipiell jedes Wort, das ihr nur unter die Hände kommt, krumm biegt und schwer beugt; nicht der falsche Dativ, der durchweg als der einzige Kasus anerkannt ist: »belli«, des Kriegsfußes, auf dem alle deutsche Publizistik mit der deutschen Sprache lebt; nicht die Unfähigkeit, den simpelsten gedanklichen Inhalt logisch zu stilisieren und die einfachste Konstruktion durchzuhalten; nicht anderseits die Konsequenz, mit der sich alles Großdeutsche die Einmischung des Auslands »verbietet«. Nicht einmal der Umstand, daß die nationalsozialistische Presse Deutschlands die Mahnung erläßt:

Deutscher, lese nur arische Zeitungen!

Denn:

Vergeß nicht, daß du ein Deutscher bist!

Die Fackel: Nr. 890-905, 07.1934:88-89

In derselben Ausgabe ist weiter unten (S. 94f) zu lesen:

Bemerkenswert, daß dem Autor sogar die Wendung abhanden kam über eine Diktatur, »die heute alles beherrscht außer der Sprache«, und in einer Presse auftauchte, von der man es doch schon früher behaupten konnte. Der wahre Umsturz im Sprachbereich blieb aber jenen verborgen, die der Fackel den Mut zu einer Kritik abgewonnen haben, die schon an Selbstverleugnung grenzt, indem ja schließlich beide Teile zugeben müßten, daß ihr tägliches Handwerk darin besteht, »Artikeln« zu schreiben. Was sich nun im tieferen Grunde der Sprache begibt, davon konnte die eigentliche Betrachtung des neuen Wesens ausgehen, zu der gleichfalls der ins Quartär schweifende Benn – nicht Kosmopolit, aber kosmischer Wüstling – angeregt hat:

Am liebsten bezöge ich sie von einer Vision, die, dank jenem schon eröffnet, zwar nicht die Geburt des Menschen betrifft, jedoch den Untergang der Sprache, als des wahren Seins, welches Macht hat, diejenige zu entlarven, die das Volk heute spricht und die man einst dem Volk verdanken wird.« Von welcher Welt Geist sie statt vom Weltgeist herstammt, es ließe sich leichter feststellen, als durchs Rassenamt: »ob noch jüdisches Blut vorhanden ist«. Bis in alle Bastardierung durch den Kommerz und bis in den Betrug der alten Metapher durch eine neue Wirklichkeit. Und welche Enthüllung für den, der der Sprache nahekam, wäre überraschender, welcher Anblick schlagartiger als der der Worthülse, die sich wieder mit dem Blute füllt, das einst ihr Inhalt war? Beglückend, wenn dies Blut nur metaphorisch wäre: das Blut des Gedankens, der die Echtbürtigkeit des Wortes beglaubigt. Gorgonisch, da es der Aufbruch physischen Blutes ist, das aus der Sprachkruste zu fließen beginnt. (Es ist – im neuen Glauben, doch ohne daß er's noch ahnt – das Wunder der Transsubstantiation.) Wie doch die Erneuerung deutschen Lebens der alten Redensart zu ihrem unseligen Ursprung half – bis sie ihrer Verwendbarkeit im übertragenen Wirkungskreis verlustig wurde! Denn dem wahren philosophischen Sinn des Ereignisses: daß sich hier zum erstenmal, seit es Politik gibt, der Floskel das Wesen entband, und daß nun etwas wie blutiger Tau an der Redeblume haftet – solchem Sinn gehorcht auch die Metapher, die man in ihre Wirklichkeit zurückgenommen sieht. Wenn diese Politiker der Gewalt noch davon sprechen, daß dem Gegner »das Messer an die Kehle zu setzen«, »der Mund zu stopfen« sei, oder »die Faust zu zeigen«; wenn sie überall »mit harter Faust durchgreifen« wollen oder mit »Aktionen auf eigene Faust« drohen: so bleibt nur erstaunlich, daß sie noch Redensarten gebrauchen, die sie nicht mehr machen. Die Regierung, die »mit aller Brutalität jeden niederschlagen will, der sich ihr entgegenstellt« – tut es. »Ausstoßen aus der Deutschen Arbeitsfront« läßt das Brachium erkennen, mit dem deren Machthaber an einer Kehlkopfverletzung beteiligt war; und vollends erfolgt die Absage an das Bildliche in dem Versprechen eines Staatspräsidenten:

Wir sagen nicht: Auge um Auge, Zahn um Zahn, nein, wer uns ein Auge ausschlägt, dem werden wir den Kopf abschlagen, und wer uns einen Zahn ausschlägt, dem werden wir den Kiefer einschlagen.

Es geschieht aber auch ohne die Vorbedingung. Und diese Revindikation des Phraseninhalts geht durch alle Wendungen, in denen ein ursprünglich blutiger oder handgreiflicher Inhalt sich längst zum Sinn einer geistigen Offensive abgeklärt hat. Keine noch so raffinierte Spielart könnte sich dem Prozeß entziehen – selbst nicht das entsetzliche: »Salz in offene Wunden streuen«. Einmal muß es geschehen sein, aber man hatte es vergessen bis zum Verzicht auf jede Vorstellung eines Tätlichen, bis zur völligen Unmöglichkeit des Bewußtwerdens. Man wandte es an, um die grausame Erinnerung an einen Verlust, die Berührung eines Seelenleids zu bezeichnen: das gibt's immer; die Handlung, von der's bezogen war, blieb ungedacht.

* * *

Die FACKEL Nr. 890-905 hatte den Titel "Warum die Fackel nicht erscheint". Sie ist sehr lesenswert! 

Hunderte von Literaten und Philosophen jauchzten den Nazis zu; einige wurden rasch enttäuscht und sprangen ab, durch die "spürbare Realität" doch ernüchtert und abgeschreckt. Aber all ihre Intelligenz und ihr hohes Künstlertum hat sie nicht nur nicht davor bewahrt, den Unmenschen und ihrem Führer zu folgen, sondern brachte sie, durch ihre eigentümlich völkische Idealgesinnung,  ins braune Feld. 

Das heißt nicht unbedingt, dass sie Nazis blieben oder ihre Werke nazistisch sind. Es beweist nur, dass zwischen Philosophie und Dichtung oder Schriftstellerei und politischer Haltung Abgründe klafften und klaffen können, und dass Personen wie Kraus hellhörig wach waren,  während andere, wiewohl sie das Gegenteil vorgaben, im Dunklen raunten und wähnten – bis einige dann doch noch erwachten. 

Zudem liefert Karl Kraus in dieser Fackelausgabe eine Medien- und Sprachkritik, die ihresgleichen sucht. Es gibt, auch im Ausland, nichts Adäquates aus jener Zeit. Ja sogar heute schwelgen viele Theoretiker weit unter dem damaligen Niveau, wie es der "Einzeltäter" Kraus unter Beweis stellte. 
Das sollte auch zu denken geben!


Dienstag, 23. August 2011

Die Freiheit der Interpretation

Zur Problematik des Gebrauchs und Missbrauchs von Literatur:

Die Freiheit der Interpretation

 
Stalinisten, die Puschkin lesen, neben Gorki auch Tolstoi, Nazis die ergriffen Bach, Mozart oder Beethoven lauschen, auch wenn auf ihren Bühnen nicht Fidelio gebracht wird...

Werke gehören der Allgemeinheit und sind nicht reserviert für Auserwählte. Der freie Zugang erlaubt auch jenen, die die Freiheit zerstör(t)en, die Reproduktion, die Interpretation. 

Woran soll eine „Schändung“ bemessen werden? Zur falschen Zeit, an falschem Ort von falschen Menschen? Welches sind die richtigen, korrekten Zeiten, Orte und Menschen, die dieses oder jenes wiedergeben dürfen?

Missbrauch! Ist die Vergewaltigung durch die Kulturindustrie von geringerem Übel als der offensichtlichere durch Gewaltmenschen diktatorischer Regimes? Wie tief reicht der Abgrund? Und welchen Schaden fügt er dem missbrauchten Werk zu?

Kehrseite: Aufwertung durch Gesinnung, durch den historischen Kontext. Welchen Qualitätskriterien hält solches Urteilen stand?

„Der Tod fürs Vaterland“ des letzten deutschen Jakobiners Friedrich Hölderlin. Die Politisierung Hölderlins, der lange Zeit als Schwärmer, Träumer, Umnachteter gehandelt wurde, setzte in den späten Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ein. Aber die Indienstnahme durch die Nazis war auch schon eine Politisierung. Eine, der man sich ungern erinnert. Damals die Nazis, später Peter Weiss und die Linken. Gepasst hat es immer im entsprechenden Kontext. Dann aber gilt das auch für das esoterische Lesen und Deuten. Es gibt keine allgemeingültigen, verbindlichen Deutungen. Es gibt nur plausible oder plausiblere. 

Sind Gedichte des jetzt in Den Haag angeklagten Kriegsverbrechers Radovan Karadžić zu negieren? Dürfen sie nicht gelesen und vielleicht sogar als literarisch gut befunden werden? Wird der Wert von Lyrik an der Person und ihrem Verhalten gemessen? MUSS danach bemessen werden? Welche Werke müsste man dann aber aus dem Verkehr ziehen, weil ihre Autoren Kinderschänder, Frauenprügler, Säufer, Drogenabhängige, Vergewaltiger, unverantwortliche Väter, betrügerische Mafiosi, verbrecherische Asoziale, haltlose Labile, gemeine Diebe waren? 

In Youtube hat jemand einen Filmausschnitt aus einem Nazifilm gestellt, in dem aus einem Hölderlingedicht (Der Tod fürs Vaterland) zitiert wird. 

Friedrich Hölderlin

 

Der Tod fürs Vaterland

Du kömmst, o Schlacht! schon wogen die Jünglinge
Hinab von ihren Hügeln, hinab ins Tal,
Wo keck herauf die Würger dringen,
Sicher der Kunst und des Arms, doch sichrer 

Kömmt über sie die Seele der Jünglinge,
Denn die Gerechten schlagen, wie Zauberer,
Und ihre Vaterlandsgesänge
Lähmen die Kniee den Ehrelosen.


O nehmt mich, nehmt mich mit in die Reihen auf,
Damit ich einst nicht sterbe gemeinen Tods!
Umsonst zu sterben, lieb ich nicht, doch
Lieb ich, zu fallen am Opferhügel!


Fürs Vaterland, zu bluten des Herzens Blut
Fürs Vaterland – und bald ists geschehn! Zu euch,
Ihr Teuern! komm ich, die mich leben
Lehrten und sterben, zu euch hinunter!


Wie oft im Lichte dürstet' ich euch zu sehn,
Ihr Helden und ihr Dichter aus alter Zeit!
Nun grüßt ihr freundlich den geringen
Fremdling, und brüderlich ists hier unten;


Und Siegesboten kommen herab: Die Schlacht
Ist unser! Lebe droben, o Vaterland,
Und zähle nicht die Toten!
Dir ist,
Liebes! nicht Einer zu viel gefallen.


Hier das Video (Stukas: Holderlin Poem "Der Tod fürs Vaterland" as Nazi propaganda):



Dass nichts nur EINES ist, sondern alles oder jedes mehrere Seiten oder Aspekte hat, mindestens eine "Kehrseite", ist eigentlich bekannt, wird aber oft übersehen. Zur Doppel- oder Mehrseitigkeit, ja Mehrdimensionalität, auch im Bereich der Sprache oder der Künste, findet sich bei George Steiner eine Bemerkung in seinem Buch "Real Presences":

""In words, as in particle physics, there is matter and anti-matter. There is construction and annihilation. Parents and children, men and women, when facing each other in exchange of speech, are at ultimate risk. One word can cripple a human relation, can do dirt on hope. The knives of saying cut deepest. Yet the identical instrument, lexical, syntactic, semantic, is that of revelation, of ecstasy, of the wonder of understanding that is communion. Reciprocally, speech that can articulate the ethics of Socrates, the parables of Christ, the master-building of being in Shakespeare or Hölderlin, can, by exactly the same virtue of unconstrained potentiality, blueprint and legislate the death camps and chronicle the torture chamber. The mountebank's virtuosity with words of a Hitler is anti-matter, it realizes a counter-Logos which conceptualizes and then enacts the deconstruction of the humane." (pp.58f)


Dienstag, 19. April 2011

Cioran und sein wüstes Wüten

Zum 100. Geburtstag des aus Rumänien gebürtigen französischen Autors E. M. Cioran ist auf deutsch eine Sammlung von Aufsätzen aus den Dreißigerjahren erschienen, die die helle, perverse Begeisterung für Hitler und die Nazidiktatur belegen, die die verwirrte, verworrene, blutrünstige Sicht des Eiferers und Menschenhassers dokumentieren.

E. M. Cioran: Über Deutschland. Aufsätze aus den Jahren 1931-1937. Herausgegeben, aus dem Rumänischen übersetzt und mit einer Nachbemerkung versehen von Ferdinand Leopold. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2011

Dieses Buch wird in der nächsten Ausgabe # 6, "nackt", rezensiert werden.



"Wohin fliehen? Es gibt keinen Ort mehr, wo man berufsmäßig die Welt verabscheuen könnte."
E. M. Cioran