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Sonntag, 26. August 2018

Beschränkte Literatur


Haimo L. Handl

Beschränkte Literatur

Die Bewertungskriterien für kulturelle oder sportliche Leistungen sind in zwei extrem entgegengesetzten Bereichen angesiedelt: Einerseits die Dominanz des Nationalen, dem sich die Künstlerin oder der Sportler unterwirft, eingliedert, darin aufgeht, als ob es nicht um ihre oder seine Leistung ginge, sondern die des Landes, aus dem er kommt, das ihn, mehr oder weniger, finanziert bzw. moralischen Rückhalt und Auftrieb gibt. Es gilt das Kollektiv. Andererseits die personale Fokussierung, der Starkult, der in einer Überhöhung über alle Grenzen hinweg eine Art von Globalwert schafft, dem die Märkte weltweit folgen, über alle Grenzen und Kulturen hinweg.

Auch in den Wissenschaften wird oft auf die Nation reduziert, wenn öffentliche Preisungen erfolgen, aber in weit geringerem Maßstab als in den anderen Bereichen. Zwar versuchen einige unverbesserliche Nationalisten oder religiöse Ideologen auch Wissenschaft ihrem dunklen Reich dummer Chauvinismen ein- und unterzuordnen, aber es gelingt nicht überzeugend, wie im Kulturbereich. Die Naturwissenschaften lassen sich nicht nach nationalen Ansprüchen auf- oder abwerten, die sogenannten Naturgesetze gelten allgemein und nicht partikular.

Das Partikulare, Besondere, Eigene bzw. Eigentliche herrscht nur in der Ideologie, wovon der bornierte Nationalismus und Chauvinismus und die niederhaltenden Religionen Teilbereiche darstellen, ebenso die schier unausrottbaren Rassismen.

Als grober Raster mag es ja noch hingehen literarische Produkte nach nationaler Herkunft zu unterscheiden. Also Romane aus Chile, den USA, Island, Frankreich oder Deutschland oder sonst woher. Aber das erklärt wenig. Was ist gesagt, wenn man die Herkunft kennt? Gibt es für russische Literatur gemeinsame Merkmale, für chinesische, japanische, indische, mexikanische oder alpine, bayerische, schweizerische, österreichische? Nur schlichte Reduktionisten, die kein höher entwickeltes Denkvermögen eignen, geben sich mit solchen Erklärungen zufrieden. Worin ähneln sich z.B. österreichische Schriftstellerinnen und Literaten? Im vorauseilenden Gehorsam, im durch die überlange Habsburgermacht oktroyierten Duckmäuserverhalten, im Schweinigeln, in besonderer Sprachempfindsamkeit oder tief verankerter Misanthropie? Da die Gesellschaft sich veränderte, und trotz anderer Bemühungen sich weiter verändert, wechselten auch die Österreich-Kriterien. Worin liegen die Unterschiede? Wie macht man sie fest?

Die Sprache prägt. Sagt man. Die Nation auch, ebenso die Religion. Wie weit? Erlaubt die Sprache kein eigenes Sprechen? Ist eigenes Denken gegen die nationalen oder religiösen Werte unmöglich? Wirkt das religiöse oder nationale Wertsystem determinierend, so dass niemand Atheist sein könnte oder Kosmopolit oder einfach jenseits nationaler Rekurse? Die Herkunftsapostel sind Gewalttäter, sie verlangen die Unterwerfung, die Auslieferung an das System, an ihre Glaubenswelt. Sie machen aus ihrer tiefen Angst vor der Freiheit, der individuellen, ein Schreckgespenst, dem sie mit Terror, Einschüchterung und falschen Reklamationen, Schranken, Barrieren und Mauern (interessant, dass nach dem Fall der DDR-Mauern ausgerechnet Israel Mauern aufbaute!) entgegnen. Man sprach früher von Scheren in Köpfen, von Zensur. Man sollte mehr vom Anpassungsdruck dieser geschlossenen Terrorwelten sprechen, die das Denken vergiften und das Allgemeinmenschliche.

In der Sicht der Einfachen, der Beschränkten, scheint die Psychoanalyse nur im niedergehenden Wien gründbar gewesen zu sein, bestimmt die Sprache den Nationalcharakter, weshalb Hegel nur in Deutschland möglich war, oder ein Nietzsche oder Spengler oder gar Heidegger. Dostojewski ist außerhalb der russischen Sprache nicht zu denken. Und einige russische Klassiker ebensowenig. Sind es die Sprachen, die den Boden für das Denken und literarische Schaffen bereiten und auch bestimmen, einschränken? War das früher, vor der Globalisierung ebenso? Schafft die Globalisierung ihren eigenen Druck, ihre eigene, genuine Determinierung? Sind es die politischen Zustände? Wie kann jemand von Freiheit denken und schreiben, wenn er in Unfreiheit lebt? Wie frei war man in Frankreich, Deutschland, Österreich oder Russland im 19. Jh., im 20. Jh. und wie frei ist man jetzt, heute hier und dort? Von welcher Freiheit reden wir? Von welcher sollten wir reden?

Wie wertvoll könnte eine Literatur sein, die nicht mehr nach irgendwelchen nationalen Charakteristika bewertbar scheint, die nichts von der Herkunft der Autorin oder des Autors verrät, außer der Sprache, und die nur reklamiert, nach sprachlichen und literarischen Kriterien bewertet zu werden und nicht nach denen des Geschlechts, der Religion oder Nationalität und Ethnie. Eine Literatur, die also nicht stereotyp „global“ erscheint, sondern eine Persönlichkeit in der Sprache erkennen lässt, trotzdem aber nicht nach den üblichen Kriterien festmachbar wäre. Könnte so eine Literatur gehaltvoll sein? Ja, klar.

Auch hoch Gebildete, sonst gescheite Leute versteigen sich als Ideologen zu unhaltbaren Aussagen und Urteilen. George Steiner, dessen Werk ich fast gesamt kenne und generell überaus schätze, hat 1959 den Artikel „The Hollow Miracle“ verfasst, worin er argumentiert, dass allein schon die deutsche Sprache zum Faschismus führte, führen musste. Und mehr noch, dass die deutsche Sprache für immer nicht reparierbaren Schaden genommen habe. Das ist wissenschaftlich unhaltbar, und wurde auch von Sprachwissenschaftler und Linguisten kritisiert. Die Attacke dokumentiert denn auch mehr die ideologische Kampfposition und die Absage an wissenschaftliches Denken, obwohl Steiner sich sonst bemüht, äußerst kundig und belesen und rational zu interpretieren. Hier aber hat ihn die Angst übermannt und der Erinnerungsterror der Nazizeit. Der besagte Artikel war 1959 geschrieben und 1960 in der Zeitschrift „Reporter“ veröffentlicht worden. Als ihn Steiner in seiner Anthologie „Language & Silence“ wiederveröffentlichte, ging er in einer Fußnote kurz auf die Problematik ein, nahm aber nichts von seiner ideologischen Hetzschrift zurück.

Eine fundierte und wissenschaftlich gedeckte Arbeit zur deutschen Sprachgeschichte bzw. der Sprachentwicklung findet sich in Peter von Polenz‘ Buch „Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart“, das 1999 erschien, worin der Autor zur Problematik der „beschädigten Sprache Deutsch“  sich äußert und kurz die Abverurteilung von George Steiner relativiert und entkräftet.

Bemerkenswert erschien mir die Rezension von Steiners „Language and Silence“ des britischen Linguisten und Sprachwissenschaftlers David Crystal unter dem Titel „The defining mystery“. Nicht nur auf die allgemeine Vagheit der schwachen philosophischen Argumentation von Steiner geht er ein, sondern besonders auf die linguistisch nicht haltbaren, schwammigen Aussagen. Als linguistischer Experte (im Internet findet man in seiner Homepage seine vielfältigen Publikationen verzeichnet!) fasst er kühl und trocken sein Verdikt:

„His aim is not literary criticism, but rather – „a philosophy of language,“ which he feels is prerequisite for a real understanding of society.“

“This is the aim, but Steiner does not succeed in it. His observations about language are too unconnected, vague und frequently wrong to provide much basis for anything as systematic as philosophy. The main objection a linguist would have to Steiner’s approach is his facile animism. He believes that ‘languages are living organisms’ that ‘have in them a certain life force, and certain powers of absorption and growth.” This is quite a popular notion, but it is rarely argued these days at quite such an intellectual level. One finds a fallacy of this kind in Schlegel and other nineteenth-century Darwinian-influenced philologists, but no longer.”

“Even Benjamin Lee Whorf, who came closest to this view, would have been most upset. ‘Everything forgets. But not a language,’ says Steiner. Really! This is personification asking to be taken literally. Language has no independent existence of its own, and it certainly cannot pre-empt human functions. The life force, the sensibility of a culture belongs to the users of a language, and not the medium, the tool. To confuse the two may lad to powerful rhetoric for a while, but the end-product is unconvincing (cf. his identification of the German language and spirit in his controversial ‘The hollow miracle’, for example).”

Das sagt genug aus, klar und deutlich. Was mich damals, als ich die Anthologie las, überraschte, war die Widersprüchlichkeit und Unsinnigkeit seiner Position angesichts an anderen Stellen geäußerter Preisungen sprachlicher Schöpfungen in anderen Sprachen als Deutsch. Nicht nur, dass er das Englische und Französische unbeachtet ließ, sondern vor allem das Russische. Welche Humanität konnte, immer der Unlogik Steiners folgend, denn diese Sprache transportieren? Erlaubte die Sprachentwicklung des Russischen doch kein freies Denken, sie musste also, ähnlich wie das Nazideutsch, vergiften, infektuös erkrankt freies Denken und Ausdrücken verhindern usw. Aber dazu keine kritischen Gedanken. Wenn es aber in anderen Sprachen nicht galt oder gilt, was er vom Deutschen fand, wobei er anmaßend noch behauptete, dass eine Weiterentwicklung, eine Änderung nach solchem Schaden gar nicht mehr möglich sei, dann müsste es ihm doch gedämmert haben, dass er als Propagandist, als Heiliger Krieger im ideologischen Kampf auftrat und nicht als rational argumentierender Kritiker. David Crystal hat das in aller Kürze gut zusammengefasst.

Theodor W. Adorno hat aus ähnlichen ideologischen Gründen gemeint, dass nach Ausschwitz es nicht möglich sei, Gedichte zu schreiben. Er hat diese Aussage später etwas abgemildert, nie aber einer strengen Prüfung unterzogen, wie er es vom Gegenüber immer gefordert hatte. Hier versteckt sich eine abgrundtiefe Schwäche, eine überaus starke Verletzung, die, ähnlich wie bei Hiob, nicht weiter bedacht wird, weil sonst alles, was er lebt und woran er sich orientiert, zusammenbricht.

Es ist bemerkenswert, dass Autoren wie Adorno oder Steiner argumentieren, wie sie es tun, andererseits sich negativ verurteilend über Gegner äußern, die aber von einer ähnlich unhaltbaren Sprachauffassung ausgehen, wie z.B. Martin Heidegger. Dieser spricht von einem Eigenwert, einem Eigenleben der Sprache (die Sprache spricht), genau davon, was Crystal bei Steiner als unlautere Personifikation in einem animistischen Modellbild abwertet und zurückweist. Hölderlin, der ebenfalls die linguistisch unhaltbare Position der göttlichen Eigenheit, eines Eigenlebens der Sprache einnahm, wird aber gepriesen, weil er nicht wie Heidegger politisch und ideologisch negativ gepolt ist bzw. mögliche Reklamationen von vornherein umgedeutet werden. Hölderlin ist, wie später Paul Celan, heilig gesprochen und über jede Kritik erhaben. Damit wird Zauberei und Religionsausübung gepflegt, nicht aber offener, kritischer Umgang. In diesem bleibt die Sprache nämlich ein Mittel oder Medium, ein Werkzeug, und jeder entwickelnden Veränderung offen.

Für unsere Überlegung „beschränkte Sprache“ bzw. Wert der Herkunft, des Nationalen usw. für die verwendete Sprache wäre eine aufmerksame, historische Betrachtung schon interessant genug, lange, bevor wir philosophisch und des Problems annähmen. Denn sie würde zeigen, dass in ein und demselben Sprachraum unterschiedliche Verwendungsarten, Gebräuche, erfolgten, die keine einheitliche Charakterisierung erlauben. Offensichtlich war dem vom Holocaust davongekommenen Celan es möglich, in der "Sprache der Täter" zu denken, zu reden, zu schreiben. Weshalb wohl? Weil sie nicht nur die Tätersprache war. Weil das, was das Nazistische auszeichnete, im Sprachgebrauch entsprechend einem inhumanen Wertsystem, vor- und aufzufinden war, und nie in der Sprache selbst. Inhumane Verwendungen, sogenannter missbräuchlicher Gebrauch, gibt es, unabhängig der Definition, wer den korrekten Gebrauch vorgibt und verbürgt, ab wann weshalb von einem missbräuchlichen Gebrauch gesprochen werden kann oder soll, immer und überall. Kein Werk ist gefeit von „Falschen“ falsch gebraucht zu werden. Jedes Wort kann gedreht und gedrechselt werden (er dreht mir das Wort im Mund). Allein durch Kontextänderungen können Werke, Botschaften in ihr Gegenteil verkehrt werden. Bleibt eine Bach-Kantate was sie ist oder war, oder verändert sie sich, wenn von Nazis oder anderen Schergen und Verbrechern aufgeführt und für Propaganda eingesetzt? Und ähnlich mit allem, was kulturell als Werk vorliegt. Welche Lektüre, welche Deutung ist die annehmbare, die gute, die approbierte? Soll nur Approbiertes rezipiert werden? Wer sollte dann die Imprimatur erstellen, wer die Deutungshoheit innehaben und über sie wachen? Soll eine Gruppe sich überhaupt eine Deutungshoheit anmaßen dürfen? In einer freien Gesellschaft nicht. In den herkömmlich unfreien schon. Wessen Anwälte sind da die vermeintlichen Puristen? Der Kader, die das Richtige vorgeben? Oder der Einzelnen, der Individuen? (Dass sogar Anwälte wie Steiner und Adorno hier ins Schleudern kommen, sagt einiges über das schwierige Feld, auf dem wir uns bewegen, aus.)

Wir leisten also Literaten, die aus Marktgründen, aus Kalkül so oder anders schreiben? Die am Preiszirkus mitmachen und sich wie Huren anbiedern und verkaufen. Wir haben einen Journalismus, dessen Sprachkompetenz immer dramatischer abnimmt, weil das Einfachsprech so bequem und ökonomisch ist. Aber eben, und das ist doch bemerkenswert, wir haben nicht nur diese Seite, diese bekümmerliche Negativität, sondern auch die Gegenseite, die offene Dimension hochgradiger Komplexität, die im Moment, gegenwärtig, halt nur für wenige gilt, die aber deswegen nicht nicht-existent ist.

Heute wird der Einfluss der Globalisierung oft als Merkmal eines Qualitätsverlustes gesehen, insbesondere in den Künsten (bildende Kunst, Musik) und in der Literatur. Wenn sich tatsächlich alles angliche zu einem stereotypen Brei an Gemurmel und Gekeuche einerseits oder einlullenden Klangbilden andererseits, wie es ja oft festzustellen ist, dann würde ich das Augenmerk zuerst auf die Lebensbedingungen der Schaffenden richten und auf ihre Publika, da ja eine Art wechselseitige Abhängigkeit zwischen Künstlern oder Schriftstellerinnen und dem Publikum besteht, und andererseits nach den Wertsystemen fragen, die sich offensichtlich in bestimmten Bereichen angeglichen haben. Aber ich meine, ich könnte dennoch, vor diesem Breimeer Seen eigener Art, eine Andersheit, ausfindig machen. Und wenn nicht, dann müssten die Sensoren verfeinert werden, um das einheitlich Grobschlächtige vom Feinen zu unterscheiden. Das ist aber kein neues Phänomen. Dennoch, was den einen als Mangel erscheint, z.B. das Fehlen der Herkunftsmerkmale (Rasse, Geschlecht, Nation usw.), ist anderen ein Erfolg. Mich freute es, wenn Texte von Frauen nicht als Frauentexte in feministischen Sonderzonen publiziert und rezipiert werden, wenn überhaupt nicht mehr nach Gender gefragt wird, und schon gar nicht nach Ethnie oder Nation oder Religion, sondern nach dem Stoff und seiner Qualität.

Das heißt, wir müssen unterschiedliche Beschränkungen genau unterscheiden und werten. Mich interessiert primär weder europäische oder nationale Literatur, wäre aber höchst unglücklich, wenn ich mich aus irgendwelchen Gründen auf afrikanische oder asiatische richten sollte oder müsste. Unabhängig, dass auch das reichste Leben nicht ausreicht, alles oder viel (das ist ja so relativ!) wahrzunehmen oder sich damit auseinanderzusetzen, wäre eine Doktin des Gleichwertigen nur eine dumme Vorgabe für Vielfresser, die alles, wirklich alles fressen, weil sie angst haben zu wählen oder Vorlieben (die werden von den Minderbemittelten als Vorurteile aufgefasst) zu entwickeln. [Ich wundere mich, dass solche Opfer noch Beziehungen eingehen, weil die nie „gerecht“ sein können und immer falsch sind: warum keinen Schwarzen gewählt, warum keine Asiatin, warum eine Serbin usw.? Weshalb keinen Schweizer oder Schweden? Warum überhaupt eine Beziehung?]

Sonntag, 8. Juli 2018

Jubelsprache


Haimo L. Handl

Jubelsprache

Anlässlich des 240. Todestages von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) habe ich mir wieder Werke von ihm vorgenommen um zu prüfen, ob mein negatives Urteil, das ich mir gebildet hatte, meine Abscheu und sogar Verachtung, zu revidieren wäre. Bücher lesen sich ja je nach Erfahrungsschatz, Alter  und Wissen anders. Aber die Lektüre führte nur zu einer Bestätigung meiner Ablehnung dieses Schwärmers und Träumers und seiner schlimmen Widersprüchlichkeit. Zwar lassen sich neben Ablehnungen (Zivilisationskritik, Naturideal und totalem Staatskonzept) auch Sätze oder Ansichten finden, die für sich gelesen durchaus Zustimmung finden, aber im Kontext seines Werkes und, vor allem, seiner Haltung, keinen Bestand aufweisen; sie sind mir eher Zeugnis einer sektenhaften Sprache von der Vorherrschaft des Gefühls, des eigenen, authentischen Erfahrungsgehalts wider alle Gemeinschaft und Gesellschaft, als ob der Einzelne rein aus sich, ohne jede Konvention und ohne jedes Regelwerk zu agieren vermöchte. Seine späteren Ausführungen konterkarieren seine frühen gefühlsduseligen Positionen. Er ist fürwahr ein Wegbereiter der Tyrannei, im Kern ein Gutmenschterrorist (ein Vergleich mit Maximilian Robespierre, 1758-1794, ist hoch interessant!).

Der Mensch ist zwar ein Tier, aber eines, das sich kultiviert hat. Die Rede vom „natürlichen Menschen“ folgt einem untauglichen Konzept. Es gibt Apologeten Rousseaus, die betonen, man müsse seine Person, seine Biographie unbedingt beachten, weil ohne sie das Werk widersprüchlich oder unverständlich erscheine. Das ist eine wesentliche Schwachstelle. Zu folgern, was er aus X Gründen so oder anders gemeint haben könnte, beantwortet nicht die Fragen nach der Gültigkeit seiner Sätze, seiner Konzepte, Forderungen und Programme. Auch wenn man die Rhetorik der Zeit berücksichtigt, zeigt sich im Kern wenig Annehmbares, außer man teilt seine Haltung, seine Misanthropie, seinen Tugendterror. Rousseaus überaus geschickten, winkeladvokatischen Argumente zur Freiheit im totalen Staat sind nur die Kehrseite des geistigen Terroristen. Seine Haltung kommt jener der Gutmenschen heute, besonders den Gleichheitsaposteln (männlich und, vor allem, weiblich) entgegen. So findet man einerseits eine heftige, prinzipielle Abwehr gegen jede Art von gesellschaftlicher Reglementierung, was von Kurzdenkern als Anarchismus gedeutet werden könnte.

„In unseren Sitten wie im Denken herrscht eine niedrige und betrügerische Gleichförmigkeit. Alle Geister scheinen in die gleiche Form gepreßt. Ohne Unterlaß fordert die Höflichkeit befiehlt der Anstand bestimmte Dinge; immer folgt man dem Gebrauch, nie dem eigenen Genius. Man wagt nicht mehr zu scheinen, was man ist: und in diesem ständigen Zwang tun die Menschen, die jene Herde bilden, die man Gesellschaft nennt, unter gleichen Umständen alle das Gleiche.“

Er schwärmt vom „echten Geist der Wahrheit“, von der „urwüchsigen Sprache“ als einer der Weisheitslehre. Er formuliert den Gegensatz vom natürlichen zum artifiziellen, dem zivilisierten Menschen, von „homme naturel“ und „homme artificiel“, dessen Richtschnur für richtiges Handeln nur die Selbstbesinnung und Selbsterkenntnis, der echten, ist. In diesem Authentitätskult bleibt vieles unbedacht und unbewiesen, klingt aber revolutionär.

„Woher hätte der Urheber dieser Lehre, woher hätte der Maler und der Apologet der menschlichen Natur sein Vorbild auch nehmen können, hätte er es nicht in seinem eigenen Herzen gefunden? Er hat diese Natur geschildert, so wie er sie in sich selbst fühlte. Die Vorurteile, die ihn nicht unterjocht hatten, die künstlichen Leidenschaften, denen er nicht zum Opfer gefallen war, – sie verdunkelten für seine Augen nicht, wie für die Augen aller anderen, die ersten so allgemein vergessenen und verkannten Züge der Menschheit. Mit einem Worte: es war nötig, daß ein Mensch einmal sich selbst malte, um uns den primitiven Menschen zu zeigen – und wäre der Autor nicht ebenso einzigartig wie seine Bücher gewesen, so hätte er diese Bücher niemals geschrieben. Aber wo gibt es noch diesen Menschen der Natur, der ein wahrhaft-menschliches Leben lebt; der die Meinung der anderen für nichts achtet, und der sich lediglich von seinen Neigungen und seiner Vernunft leiten läßt, ohne Rücksicht darauf. Was die Gesellschaft, was das Publikum billigt oder tadelt? Man sucht ihn vergebens unter uns. Überall nur ein Firnis von Worten: überall nur das Haschen nach einem Glück, das lediglich dem Anschein nach besteht. Niemand kümmert sich mehr um die Wirklichkeit; alle setzen ihr Wesen in den Schein. Als Sklaven und Narren ihrer Eigenliebe leben sie dahin – nicht um zu leben, sondern um andere glauben zu machen, sie hätten gelebt.“
(Zitate aus den Discours)

Der Pädagoge und Advokat der Echtheit und des natürlichen Menschen gibt implizit die Antwort: ER hat das Wissen, ER lebt die korrekt Haltung, ER kennt das wahre, echte Glück jenseits jeden Scheins, ER ist der Weg und das Licht, ER weist den Weg, ER kümmert sich um die Wirklichkeit. Aber er hält es nicht aus, glücklich zu leben, er will leiden, er will bekehren, er ist ein Missionar, ein Sektierer, ein guter Mensch, ein Halbgott. Er pfeift auf die Gesellschaft, kümmert sich als wahrer Egoist nicht um die Anderen. Aber er ist auch schwach und von Liebe durchflutet und ergriffen, sodass er dennoch zu den Dummen, den Niederen spricht, ihnen die Frohe Botschaft vermittelt. Wie Jesus verausgabt und verschwendet er sich. Ein Perverser.

Die Kritik gemahnt in manchem an spätere Autoren wie Schopenhauer oder Nietzsche, der auch nicht müde wurde, sich selbst zu loben, weil es andere nicht taten. Letzterer war aber hinsichtlich des Staates und seiner Rolle viel klarsichtiger – emanzipatorisch, revoltierend, während der Franzose der totalen Einpassung und Kontrolle das Wort redet.

Die Paradiesvorstellung impliziert, dass jede Entwicklung eine negative weg vom reinen Urzustand ist, hin zur Hölle, zur Entfremdung. Sie bildet den Boden von Rousseaus Schwärmerei und seiner Menschenverachtung.

Tyrannen haben Staaten gebildet und befehligt, die nicht nur Terror kannten, sondern auch Gratifikationen ihren Untertanen boten. Das ist heute wie damals gleich. Auch der Hitlerstaat war nicht nur Terror, ebensowenig der von Stalin oder von Mao Zedong. Noam Chomsky hat richtig erkannt, dass auch mit Hitler ein Frieden möglich gewesen wäre, allerdings nur nach seinen Bedingungen. Das gilt auch für Rousseau: folgt man seiner Doktrin, findet man in seinem Staat die größtmögliche Freiheit.

Heute werden wir permanent umspült und weichgewaschen durch eine floskelhafte Sprache der echten Werte, der authentischen Ziele, der erstrebenswerten Demokratie, der gefährdeten Freiheit usw. usf.

Vor kurzem ist der große, berühmte, meistzitierte deutsche Philosoph Jürgen Habermas mit dem Großen Deutsch-Französischen Medienpreis ausgezeichnet worden. In seiner Dankesrede forderte der Jubilar in seinem „Plädoyer, sich mit politischem Handeln gegen die augenscheinlichen Sachzwänge der Wirtschaft aufzulehnen. Gemeinsam in Europa – und nicht mit nationalen Alleingängen(Deutschlandfunk 5.7.2018). Er bedauerte die deutsche Selbsttäuschung, „gute Europäer“ zu sein und übte Selbstkritik. Der Tenor war klar und eindeutig: Europa gut, Zukunft gut, WENN wir uns nur bemühen, mutig zu sein etc.
In der WELT vom 5.7.2018 äußerte sich Joachim Lottmann etwas zynisch, ernüchtert und enttäuscht über Habermas und Co: 

Voilà: das Establishment. Hierhin verirrt sich in hundert Jahren kein AfD-Wähler. Im Saal sitzt die geistige Elite Deutschlands und Frankreichs. Die Reaktion. Das Justemilieu. Der Geist, der seit fünfzig Jahren die Bundesrepublik dominiert. Mit Jürgen Habermas wird hier heute ein „Meisterdenker“ ausgezeichnet, dessen Denken die Wirklichkeit der 60er- und 70er-Jahre beschrieb, vielleicht sogar schaffte. Unser Koran sozusagen.
Dass seitdem viel passiert ist, ficht diese Leute nicht an. Die Worte hallen weiter durch den hässlichen Bau des postmodernen ZDF-Hauptstadtstudios, wo Habermas an diesem Mittwochabend den Deutsch-Französischen Medienpreis entgegennimmt. „Freiheit“, „Utopie“, „Menschenrechte“, „Vision“, „Friede“, „Solidarität“, „Wahrheit“, „Kultur“, „Demokratie“ und immer wieder „Europa“. Die Mediengewaltigen aus besseren Tagen sprechen, öffentlich-rechtliche Intendanten, Mitarbeiter. Wenn es stimmt, dass wir in einer Mediengesellschaft leben, ist das hier die herrschende Klasse.“

Er schreibt vom Establishment, wie vor 50 Jahren (68er-Kultur), von Prototypen:

„Die Laudatio hält Heiko Maas, unser Außenminister, auch er ein Prototyp, der des gelehrigen Schülers, Strebers und Bubi-Schlaumeiers. Er macht das aber gut. Besser als Habermas.“

Dann geht er auf die Phrasen, die „holen Worte“ (= Klischees) ein:

„Nach ihm, dem „Spiritus Rector der öffentlichen Bundesrepublik“, geht es munter weiter mit den großen hohlen Worten, mit „Integration“, „Freiheit“, „Teilhabe“ und so weiter. Es ist wirklich kaum noch zum Aushalten. Man spricht sich gegen Fake News aus, für den „Kampf gegen Vorurteile“, für eine „kritische“ Berichterstattung. War „kritisch“ nicht immer schon das verlogenste Wort, im Grunde das Vorurteil selbst? Kein Wort auch – nicht einmal das, obwohl es um einen Medienpreis geht – über das Zeitungssterben oder über die Demokratisierungschancen, die das allen zugängliche öffentliche Internet bietet.“

Der Journalist bekennt, dass er Habermas nie mochte, dass er ungerecht sei. Trotzdem eine Wohltat, mal so eine Kritik an der gediegenen, abgeschirmten heilen Welt akademischer und politischer Prominenz zu vernehmen.

Die hohlen Worte bestimmen nicht nur politische Diskurse (sollen diese Art Kommunikationen wirklich „Diskurse“ genannt werden?), die Wirtschaft und Werbung, sondern auch die Kultur, vor allem in der Literatur. Neueste Belege, sozusagen das Neue vom Tage, liefern die Berichterstattungen (welch schönes Wort!) zum Klagenfurter Wettlesen, das in 3SAT breitgewalzt wird. Es sind nicht nur die Juroren bzw. Jurorinnen peinlich, sondern auch die Literatinnen und Literaten und –  kultürlich, die Journalistinnen und Journalisten.

In der Süddeutschen Zeitung (5.7.2018) wird der Eröffnungsredner Feridun Zaimoglu, ein literarischer Mitarbeiter des Apparats der Sonderklasse, erwähnt unter dem Titel „Es gibt keinen redlichen rechten Schriftsteller“ Punkt, Basta! Verbürgt Redlichkeit des Rests Qualität? In der moralischen Anstalt vermeintlich schon, real aber nicht. Es wird das Immergleiche des Gleichen beschworen. Es ist, als ob Rousseau auferstanden wäre in weiblichen und männlichen Inkarnationen, die als Literaturtugendwächter bei einer hurösen Personenbeschau ihre Urteile verhökern. In der SZ lese ich:

„Zaimoglus Aufruf zum Mitgefühl ist aber auch ein normativer Appell an die Literatur, über die in Klagenfurt gesprochen werden soll. Er erhebt die klassische Forderung nach einer politischen Literatur, die die im Dunkeln Lebenden repräsentiert.“

Der Aufruf zum Mitgefühl. Das las ich doch vor kurzem bei Jean-Jacques. Wie modern der Zaimoglu ist, wie up to date die Klagenfurter Zirkusshow. Im Tagesspiegel (5.7.2018) heißt es „Erster Tag Bachmann-Preis: Der Text stottert noch“. Weshalb, weil die Bachmann BachMANN heißt, was die Genderpolizistinnen enorm stören muss? Oder weil kein Text die Expertinnen und Experten vom Stuhl reißt (wäre doch ein schönes Fernsehbild, nicht?)? Der Journalist des Tagesspiegels, Gerrit Bartels, sagt es im Schlusssatz seines Artikels:

„Warum erkürt ein White-Trash-Junge ausgerechnet Patrice Lumumba zu seinem Helden, den ersten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten des Kongo, der 1961 ermordet wurde? So bleibt der Eindruck nach dem ersten Drittel des diesjährigen Wettbewerbs diffus. Ganz ordentlich, aber kein Siegertext. So wie das Wetter im Verlauf des Tages: Sonne, Wolken, Gewitter, Wischiwaschi – und trotzdem annehmbar.“

Der White-Trash-Junge ist der 1964 in Hamburg geborene Autor Stephan Lohse. Warum er so apostrophiert wird, vermag ich nicht zu erkennen. Interessanter, im negativen Sinn, weshalb gewisse Themen „verboten“ oder nicht ratsam sind. Verbirgt sich dahinter ein neuer Ethnofaschismus, ähnlich dem Sexismus? Nur Frauen dürfen über Frauen schreiben, Weiße nur über Weiße oder ihre Heimat, vor allem, wenn sie Trash, White-Trash, sind? Wer darf was? Weshalb sollen Fremde aus ihrer neuen Fremdenerfahrung außerhalb ihrer Herkunftsländer und -gesellschaften schreiben dürfen, jemand von hier aber nicht von dort, vor allem nicht, wenn männlich und Abfall?

Mir tun weder die Probanden der Zirkusshow leid, noch die Expertinnen. Sie machen mit im Hurengeschäft, sie verkaufen sich, sie gieren nach Aufmerksamkeit. Sie geben vor, mit und über Literatur zu arbeiten. Sie bedienen einen geilen Markt. Einerlei oder Zweierlei, weil alles gleich. Wie meinte doch Bartels: „… und trotzdem annehmbar.“ Eben. Macht ja nix, wir sind ja so tolerant, nehmen alles an, auch das Gequatsche der Expertinnen oder das Geschreibe der Journalistinnen.

Ich las letzthin und lese gegenwärtig wieder Essays von einem sehr produktiven Autor, der sich aber stets dem Literaturbetrieb verweigerte, erfolgreich sogar, nämlich von Heinz Risse (1898-1989). Zwar sind manche seine Überlegungen nicht aktuell oder von anderen Autoren ergänzt, aber vieles zeigt ein kritisches Denken, wie man es heute, vor allem in einem tadellosen Deutsch, das nicht mehr gesprochen und geschrieben wird, leicht vermisst. Ich zitiere aus zwei Essays, „Bemerkungen zum Verfall der Sprache“ sowie „Literaturkritik“, beide enthalten in seinem Buch „Feiner Unfug auf Staatskosten. 12 Essays“ (Merlin Verlag Hamburg 1963).

Zwei Zitate aus dem ersterwähnten Essay:

„Wenn man unterstellt, daß jede Sprache eine Wirklichkeit spiegelt, nämlich die ihr adäquate – die damit ihrerseits den Charakter einer von der Vorstellung unabhängigen Realität verliert –, so ergibt sich, daß die Menschen in zwei nebeneinander bestehenden, zugleich aber einander spiegelnden Welten leben; in einer, die wahrgenommen, empfunden, vor allem aber – nämlich hinsichtlich der abstrakten Begriffe – gedacht wird, und in einer, die aus den Worten besteht, mit deren Hilfe die erste erklärt, deutlich gemacht, mitgeteilt werden kann.“

„Da die Sprache das Spiegelbild der Wirklichkeit ist, leidet sie unter Elephantiasis, indem sie gezwungen wird,  in die alten Begriffe immer mehr hineinzupferchen. Worte wie Staatswirtschaft, Demokratie, Verrat, Kultur – um nur ein paar zu nennen, haben einen „Hof“ bekommen, der nicht nur aus der Erweiterung ihrer Bedeutung stammt, sondern auch aus einer – angeordneten oder suggerierten – Wertung, die wir als Sprachregelung zu bezeichnen uns gewöhnt haben.“

Das klingt fast wie ein Kommentar zu Jürgen Habermas und dem deutschen Außenminister Heiko Maas bei der großen Preisverleihung, wo es um die bemühten ewigen Grundsätze der Demokratie, der Freiheit und des Friedens ging, der Verantwortlichkeit usw. usf. Kennte der Journalist Lohmann den Autor Risse, er hätte sich vielleicht inspirieren lassen zu einer Kritik der besonderen „Hof“-Sprache bzw. „Hof“-Berichterstattung.

Im zweiten erwähnten Essay gibt Heinz Risse seinen Vortrag wieder, den er auf Einladung für ein Eröffnungsreferat zur Tagung „Literaturkritik – kritisch betrachtet“, veranstaltet im Oktober 1957 vom Wuppertaler „Bund“, hielt. Er provozierte und polarisierte damit seine Zuhörer, Kritiker, Journalisten, Autoren. Er betont eingangs, selbst keine Kritiken zu seinen Werken zu lesen, aber mit Vergnügen Kritiken an Werken von Kollegen. Dann geht er kurz auf den Begriff „Kritik“ bei Lessing ein, und welche Entwicklung er nahm, nicht zuletzt bei Karl Kraus. Dem schließt er die folgenden Sätze an:

„Das hat sich von Grund auf geändert. Von der Sprache ist heute in der literarischen Kritik weit weniger als ehedem, im Grunde sogar kaum noch die Rede – nicht besonders verwunderlich, scheint mir, da ja viele Kritiker im offenbaren Bestreben, dem durch die Beschränkung auf achthundert Worte Deutsch sprachlich verdorbenen Volk aufs Maul zu schauen, bemüht sind, sich auch in ihren kritischen Verlautbarungen mit dem solchermaßen verringerten, allenfalls durch ein paar simplifizierende Fachausdrücke angereicherten Wortschatz – das Wort ‚Schatz‘ ist hier schon Blasphemie – zu begnügen.“

Ich frage mich, wie Risse heute schriebe, angesichts der social media und der Sprachattacken der gender police. Und wenn man denkerisch in der Lage ist, die Medienentwicklung von den Zeitungen zum Internet zu verstehen, fällt es sicher nicht schwer, den Kern der folgenden Kritik, die sich damals noch an den Zeitungen orientierte, zu verstehen:

„Da Zeitungen und Zeitschriften in der Regel in sogenannten Lagern stehen, die ihnen die Welt bedeuten, richtet sich die Kritik, deren Gegenstand ausschließlich die Kunst zu sein hätte, nunmehr sehr wesentlich danach, inwieweit der Fremdling aus dem Reiche des l’art pour l’art in das Lager paßt, das ihr, der Kritik, Speise, Trank und Obdach gewährt.“

Man übertrage diese Beobachtung auf den Literaturzirkus, wie ihn das schmachvolle aber begeistert verfolgte Bachmannwettlesen bietet. Man lese die Jurorenbefunde, lasse ihre Worthülsen vor dem geistigen Auge sich drehen und rollen und fallen, um die Qualität des Geschwätzes, das sich als Expertise und Kritik gibt, zu ermessen. Denn dort, in Klagenfurt und überall, wo Anhänger dieser und ähnlicher Betriebsveranstaltungen schalten und walten, geht es weder um Literatur noch um Sprache, weder um Denken und Deuten, sondern nur um gekonntes Aufmerksamkeitsmanagement. Eigentlich müssten jene, die das negativ abwerten, sich stärker äußern, indem dort gepriesene Autorinnen und Autoren als Lit Whores, als Literaturhuren verschrien werden, und die Expertinnen und Experten als Bücklinge, Erfüllungsgehilfen, Kollaborateure in einem verwerflichen Täuschungsmanöver. Weshalb soll man das dort Anerkannte schätzen? Weil man mitmacht? Ja, was sonst.

Wohin ist das sensible Denkvermögen gefallen, versunken? Als die DDR ihre Literaten an kurzer Leine hielt, heulten viele westliche Kritiker auf und lobten nicht nur die politische Dissidenz, die sie aus jedem Sprachfehler erlasen, sondern gingen oft sachlich-fachlich, wohlüberlegt auf die Literatur ein, jedenfalls auf einem höheren Niveau, als wir es heute kennen. Heute genügt schon gender und Herkunft aus einem Opferland um als approbiertes Opfer besondere Aufmerksamkeit und salbungsvolle Nichtkritik einzuheimsen. Männer haben es da schwerer, weshalb sie oft „auszucken“ und besonders grob, verwegen böse auftreten, sich selbst verletzten, kotzen und keuchen und dann blöd lachen, so dass die Schmierenpresse, die eklige Journaille, Stoff hat zur Auflagensteigerung bzw. zum Erreichen höherer Zuschauerzahlen.

Dabei geht es, auch bei den sogenannten „Ausfällen“, immer gesittet zu. Keine Überraschungen. Es scheint, als wäre alles eingeplant, organisiert, kalkuliert. So, wie die Literatur gegenwärtig gleichförmig, oft langweilig, sich darbietet, so zahm sind sogar jene, die vorgeben zu bellen als Kritikerinnen und Kritiker, als Hohepriester einer Gemeinschaft (Gesellschaft), die nur noch Basisdenken zu beherrschen scheint in reduzierter, vereinfachter Sprache (EinfachDeutsch oder Leichtdeutsch, wie es heute in unseren Schulen unterrichtet wird). Die Sprache, der sich Aktive wie Passive, Autorinnen, Kritikerinnen wie Leserinnen befleißigen, entspricht dem herrschenden (soll ich sagen „frauenden“?) Tiefstand. Man ist unter sich. Und je näher die Literatur dem Slang der Gratiszeitungen, der Smartness der Werbung entspricht, sozusagen „korrespondiert“, desto erfolgreicher alle Geschäfte und Geschäftigkeiten des Literaturbetriebs, der Bildung, der Kunst und was sonst noch alles. Man tut so „als ob“, man suhlt sich im „Als ob“. Es ist der Triumph dessen, was Heinz Risse in seinem Essay „Das Zeitalter der Jubelsprache“ 1959 als negatives Merkmal der Leistungsgesellschaft brandmarkte. Von diesem Essay habe ich mir erlaubt den Titel zu nehmen für diesen Beitrag.

Freitag, 2. März 2012

Karl Kraus & Gottfried Benn


Karl Kraus hat in seiner FACKEL Gottfried Benn nur viermal genannt. Zweimal, in der Ausgabe Nr. 890-905 vom Juli 1934, in sehr erhellender Weise, die zeigt, wie alert und wissend der Jude Kraus, dem die Gutmenschen Unvernunft und Antisemitismus (als selbsthassender Jude) vorwerfen, nicht nur die „deutsche „ Kultur“ verstand, sondern auch die Politik, und da auch nicht nur die heimische und deutsche.

Kraus:

So wollen wir denn sagen, daß die Not, der ein deutsches Sprachwerk und zumal ein solches ausgeliefert ist, nicht nur die Übersetzung in fremde Sprachen betrifft, sondern hauptsächlich die ins Deutsche. Denn was würde wohl von einem Werk, das in diesem nicht bloß »verfaßt«, sondern aus der deutschen Sprache erschaffen ist, übrigbleiben, wenn es in diejenige übersetzt würde, die heute von deutschen Lesern verstanden wird? Das eben macht ja das besondere Sprachwunder aus, daß hier Bedeutung und Verwendung sich so erschütternd absondern, weil der Weg vom Wert zum Nutzen, vom Gedanken zum abnehmbaren Sinn ein viel weiterer ist als in jeder andern Sprachsphäre. Darum dürfte es der Leser fast so schwer haben wie der Übersetzer, und gerade mit manchem Versuch, den unser Autor unternommen haben könnte, den Sündenfall deutschen Lebens sprachtheologisch zu betrachten.

Da dürften radikale Schwachköpfe, welche von dem, der die Sprache »meistert«, nichts weiter als den Ausdruck seiner oder gar ihrer Meinung verlangen, sein Schweigen vielleicht einer Strapaze vorziehen, wie er sie ihnen etwa durch eine Auseinandersetzung mit jenem Denker Gottfried Benn zugemutet hätte, der in einem bemerkenswerten geologisch-feuilletonistischen Wirrwarr den jetzt sich regenden »Typ« (unverwüstliches Berlin!) aus dem »Irrationalen« abgeleitet und zur Deutung nicht mit Unrecht auf das »Quartär« zurückgegriffen hat, wo es freilich noch kein Radio und kein Feuilleton gab. Der auf Äonen eingestellte Schwärmer hatte wirklich der Ansicht Ausdruck gegeben, daß es sich gar nicht um eine neue Regierungsform handle, sondern »um eine neue Vision von der Geburt des Menschen, vielleicht um die letzte großartige Konzeption der weißen Rasse, wahrscheinlich um eine der großartigsten Realisationen des Weltgeists überhaupt«. Da man aber solches nicht mit Bestimmtheit wissen kann und zunächst das Greifbare zu erwägen ist, so wurde ihm der Vorschlag gemacht, statt der irrationalen Bemühung und des metaphysischen Ausbaus der Konzentrationslager lieber der folgenden Untersuchung näherzutreten:

    Vielleicht würde ein Literat, der sich der Sprache immerhin bis zum Ornament genähert hat, es sogar verstehen und schließlich glauben, daß in der journalistischen und rednerischen Bekundung des neuen Denkens bisher auch nicht ein deutsches Wortgebilde sichtbar oder hörbar geworden ist, nicht eines, das den deutschen Inhalt nicht Lügen strafte.« Die Sprache verdankt freilich dem Umsturz, der wohl schon im Grundwort Nazi' sich als Realisation des Weltgeistes andeutet, manche neuen Bildungen, und solche, die man eben vor dem Aufbruch des neuen Wesens unmöglich hätte erringen oder durchdenken können. Damit sind nicht etwa aparte Formen gemeint, wie man sie auch in der jüdischen Presse antrifft, die prinzipiell jedes Wort, das ihr nur unter die Hände kommt, krumm biegt und schwer beugt; nicht der falsche Dativ, der durchweg als der einzige Kasus anerkannt ist: »belli«, des Kriegsfußes, auf dem alle deutsche Publizistik mit der deutschen Sprache lebt; nicht die Unfähigkeit, den simpelsten gedanklichen Inhalt logisch zu stilisieren und die einfachste Konstruktion durchzuhalten; nicht anderseits die Konsequenz, mit der sich alles Großdeutsche die Einmischung des Auslands »verbietet«. Nicht einmal der Umstand, daß die nationalsozialistische Presse Deutschlands die Mahnung erläßt:

Deutscher, lese nur arische Zeitungen!

Denn:

Vergeß nicht, daß du ein Deutscher bist!

Die Fackel: Nr. 890-905, 07.1934:88-89

In derselben Ausgabe ist weiter unten (S. 94f) zu lesen:

Bemerkenswert, daß dem Autor sogar die Wendung abhanden kam über eine Diktatur, »die heute alles beherrscht außer der Sprache«, und in einer Presse auftauchte, von der man es doch schon früher behaupten konnte. Der wahre Umsturz im Sprachbereich blieb aber jenen verborgen, die der Fackel den Mut zu einer Kritik abgewonnen haben, die schon an Selbstverleugnung grenzt, indem ja schließlich beide Teile zugeben müßten, daß ihr tägliches Handwerk darin besteht, »Artikeln« zu schreiben. Was sich nun im tieferen Grunde der Sprache begibt, davon konnte die eigentliche Betrachtung des neuen Wesens ausgehen, zu der gleichfalls der ins Quartär schweifende Benn – nicht Kosmopolit, aber kosmischer Wüstling – angeregt hat:

Am liebsten bezöge ich sie von einer Vision, die, dank jenem schon eröffnet, zwar nicht die Geburt des Menschen betrifft, jedoch den Untergang der Sprache, als des wahren Seins, welches Macht hat, diejenige zu entlarven, die das Volk heute spricht und die man einst dem Volk verdanken wird.« Von welcher Welt Geist sie statt vom Weltgeist herstammt, es ließe sich leichter feststellen, als durchs Rassenamt: »ob noch jüdisches Blut vorhanden ist«. Bis in alle Bastardierung durch den Kommerz und bis in den Betrug der alten Metapher durch eine neue Wirklichkeit. Und welche Enthüllung für den, der der Sprache nahekam, wäre überraschender, welcher Anblick schlagartiger als der der Worthülse, die sich wieder mit dem Blute füllt, das einst ihr Inhalt war? Beglückend, wenn dies Blut nur metaphorisch wäre: das Blut des Gedankens, der die Echtbürtigkeit des Wortes beglaubigt. Gorgonisch, da es der Aufbruch physischen Blutes ist, das aus der Sprachkruste zu fließen beginnt. (Es ist – im neuen Glauben, doch ohne daß er's noch ahnt – das Wunder der Transsubstantiation.) Wie doch die Erneuerung deutschen Lebens der alten Redensart zu ihrem unseligen Ursprung half – bis sie ihrer Verwendbarkeit im übertragenen Wirkungskreis verlustig wurde! Denn dem wahren philosophischen Sinn des Ereignisses: daß sich hier zum erstenmal, seit es Politik gibt, der Floskel das Wesen entband, und daß nun etwas wie blutiger Tau an der Redeblume haftet – solchem Sinn gehorcht auch die Metapher, die man in ihre Wirklichkeit zurückgenommen sieht. Wenn diese Politiker der Gewalt noch davon sprechen, daß dem Gegner »das Messer an die Kehle zu setzen«, »der Mund zu stopfen« sei, oder »die Faust zu zeigen«; wenn sie überall »mit harter Faust durchgreifen« wollen oder mit »Aktionen auf eigene Faust« drohen: so bleibt nur erstaunlich, daß sie noch Redensarten gebrauchen, die sie nicht mehr machen. Die Regierung, die »mit aller Brutalität jeden niederschlagen will, der sich ihr entgegenstellt« – tut es. »Ausstoßen aus der Deutschen Arbeitsfront« läßt das Brachium erkennen, mit dem deren Machthaber an einer Kehlkopfverletzung beteiligt war; und vollends erfolgt die Absage an das Bildliche in dem Versprechen eines Staatspräsidenten:

Wir sagen nicht: Auge um Auge, Zahn um Zahn, nein, wer uns ein Auge ausschlägt, dem werden wir den Kopf abschlagen, und wer uns einen Zahn ausschlägt, dem werden wir den Kiefer einschlagen.

Es geschieht aber auch ohne die Vorbedingung. Und diese Revindikation des Phraseninhalts geht durch alle Wendungen, in denen ein ursprünglich blutiger oder handgreiflicher Inhalt sich längst zum Sinn einer geistigen Offensive abgeklärt hat. Keine noch so raffinierte Spielart könnte sich dem Prozeß entziehen – selbst nicht das entsetzliche: »Salz in offene Wunden streuen«. Einmal muß es geschehen sein, aber man hatte es vergessen bis zum Verzicht auf jede Vorstellung eines Tätlichen, bis zur völligen Unmöglichkeit des Bewußtwerdens. Man wandte es an, um die grausame Erinnerung an einen Verlust, die Berührung eines Seelenleids zu bezeichnen: das gibt's immer; die Handlung, von der's bezogen war, blieb ungedacht.

* * *

Die FACKEL Nr. 890-905 hatte den Titel "Warum die Fackel nicht erscheint". Sie ist sehr lesenswert! 

Hunderte von Literaten und Philosophen jauchzten den Nazis zu; einige wurden rasch enttäuscht und sprangen ab, durch die "spürbare Realität" doch ernüchtert und abgeschreckt. Aber all ihre Intelligenz und ihr hohes Künstlertum hat sie nicht nur nicht davor bewahrt, den Unmenschen und ihrem Führer zu folgen, sondern brachte sie, durch ihre eigentümlich völkische Idealgesinnung,  ins braune Feld. 

Das heißt nicht unbedingt, dass sie Nazis blieben oder ihre Werke nazistisch sind. Es beweist nur, dass zwischen Philosophie und Dichtung oder Schriftstellerei und politischer Haltung Abgründe klafften und klaffen können, und dass Personen wie Kraus hellhörig wach waren,  während andere, wiewohl sie das Gegenteil vorgaben, im Dunklen raunten und wähnten – bis einige dann doch noch erwachten. 

Zudem liefert Karl Kraus in dieser Fackelausgabe eine Medien- und Sprachkritik, die ihresgleichen sucht. Es gibt, auch im Ausland, nichts Adäquates aus jener Zeit. Ja sogar heute schwelgen viele Theoretiker weit unter dem damaligen Niveau, wie es der "Einzeltäter" Kraus unter Beweis stellte. 
Das sollte auch zu denken geben!


Dienstag, 13. Dezember 2011

X einzigartiger und exklusiv für alle

Zufällig vernahm ich im österreichischen Fernsehen eine Werbung einer penetrant auftretenden Elektronikladenkette: "... einzigartiger als alle anderen ..."

Aber es liegt im Wesen des Einzigartigen, dass EINZIG nicht gesteigert werden kann. Entweder einzigartig oder nicht. Aber nie "einzigartiger" oder "einzigartigst" etc. Das klingt so blöd, wie wenn man vom unikatesten Unikat spräche. Hier wird das Einzige eben doch nicht einzigartig gesehen. Es ist entwertet. Die Sprachfloskel soll darüber hinwegtäuschen.

Dann musste ich mir noch anhören, dass ein Angebot eines Handyanbieters "exklusiv für alle" sei. Wie nett. Wie kann es dann aber exklusiv sein? Wenn's für ALLE ist, ist es doch alle inkludierend, also inklusiv und nicht exklusiv. Damit geht aber das Exklusive verloren. Nur Täuschung.