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Sonntag, 26. August 2018

Beschränkte Literatur


Haimo L. Handl

Beschränkte Literatur

Die Bewertungskriterien für kulturelle oder sportliche Leistungen sind in zwei extrem entgegengesetzten Bereichen angesiedelt: Einerseits die Dominanz des Nationalen, dem sich die Künstlerin oder der Sportler unterwirft, eingliedert, darin aufgeht, als ob es nicht um ihre oder seine Leistung ginge, sondern die des Landes, aus dem er kommt, das ihn, mehr oder weniger, finanziert bzw. moralischen Rückhalt und Auftrieb gibt. Es gilt das Kollektiv. Andererseits die personale Fokussierung, der Starkult, der in einer Überhöhung über alle Grenzen hinweg eine Art von Globalwert schafft, dem die Märkte weltweit folgen, über alle Grenzen und Kulturen hinweg.

Auch in den Wissenschaften wird oft auf die Nation reduziert, wenn öffentliche Preisungen erfolgen, aber in weit geringerem Maßstab als in den anderen Bereichen. Zwar versuchen einige unverbesserliche Nationalisten oder religiöse Ideologen auch Wissenschaft ihrem dunklen Reich dummer Chauvinismen ein- und unterzuordnen, aber es gelingt nicht überzeugend, wie im Kulturbereich. Die Naturwissenschaften lassen sich nicht nach nationalen Ansprüchen auf- oder abwerten, die sogenannten Naturgesetze gelten allgemein und nicht partikular.

Das Partikulare, Besondere, Eigene bzw. Eigentliche herrscht nur in der Ideologie, wovon der bornierte Nationalismus und Chauvinismus und die niederhaltenden Religionen Teilbereiche darstellen, ebenso die schier unausrottbaren Rassismen.

Als grober Raster mag es ja noch hingehen literarische Produkte nach nationaler Herkunft zu unterscheiden. Also Romane aus Chile, den USA, Island, Frankreich oder Deutschland oder sonst woher. Aber das erklärt wenig. Was ist gesagt, wenn man die Herkunft kennt? Gibt es für russische Literatur gemeinsame Merkmale, für chinesische, japanische, indische, mexikanische oder alpine, bayerische, schweizerische, österreichische? Nur schlichte Reduktionisten, die kein höher entwickeltes Denkvermögen eignen, geben sich mit solchen Erklärungen zufrieden. Worin ähneln sich z.B. österreichische Schriftstellerinnen und Literaten? Im vorauseilenden Gehorsam, im durch die überlange Habsburgermacht oktroyierten Duckmäuserverhalten, im Schweinigeln, in besonderer Sprachempfindsamkeit oder tief verankerter Misanthropie? Da die Gesellschaft sich veränderte, und trotz anderer Bemühungen sich weiter verändert, wechselten auch die Österreich-Kriterien. Worin liegen die Unterschiede? Wie macht man sie fest?

Die Sprache prägt. Sagt man. Die Nation auch, ebenso die Religion. Wie weit? Erlaubt die Sprache kein eigenes Sprechen? Ist eigenes Denken gegen die nationalen oder religiösen Werte unmöglich? Wirkt das religiöse oder nationale Wertsystem determinierend, so dass niemand Atheist sein könnte oder Kosmopolit oder einfach jenseits nationaler Rekurse? Die Herkunftsapostel sind Gewalttäter, sie verlangen die Unterwerfung, die Auslieferung an das System, an ihre Glaubenswelt. Sie machen aus ihrer tiefen Angst vor der Freiheit, der individuellen, ein Schreckgespenst, dem sie mit Terror, Einschüchterung und falschen Reklamationen, Schranken, Barrieren und Mauern (interessant, dass nach dem Fall der DDR-Mauern ausgerechnet Israel Mauern aufbaute!) entgegnen. Man sprach früher von Scheren in Köpfen, von Zensur. Man sollte mehr vom Anpassungsdruck dieser geschlossenen Terrorwelten sprechen, die das Denken vergiften und das Allgemeinmenschliche.

In der Sicht der Einfachen, der Beschränkten, scheint die Psychoanalyse nur im niedergehenden Wien gründbar gewesen zu sein, bestimmt die Sprache den Nationalcharakter, weshalb Hegel nur in Deutschland möglich war, oder ein Nietzsche oder Spengler oder gar Heidegger. Dostojewski ist außerhalb der russischen Sprache nicht zu denken. Und einige russische Klassiker ebensowenig. Sind es die Sprachen, die den Boden für das Denken und literarische Schaffen bereiten und auch bestimmen, einschränken? War das früher, vor der Globalisierung ebenso? Schafft die Globalisierung ihren eigenen Druck, ihre eigene, genuine Determinierung? Sind es die politischen Zustände? Wie kann jemand von Freiheit denken und schreiben, wenn er in Unfreiheit lebt? Wie frei war man in Frankreich, Deutschland, Österreich oder Russland im 19. Jh., im 20. Jh. und wie frei ist man jetzt, heute hier und dort? Von welcher Freiheit reden wir? Von welcher sollten wir reden?

Wie wertvoll könnte eine Literatur sein, die nicht mehr nach irgendwelchen nationalen Charakteristika bewertbar scheint, die nichts von der Herkunft der Autorin oder des Autors verrät, außer der Sprache, und die nur reklamiert, nach sprachlichen und literarischen Kriterien bewertet zu werden und nicht nach denen des Geschlechts, der Religion oder Nationalität und Ethnie. Eine Literatur, die also nicht stereotyp „global“ erscheint, sondern eine Persönlichkeit in der Sprache erkennen lässt, trotzdem aber nicht nach den üblichen Kriterien festmachbar wäre. Könnte so eine Literatur gehaltvoll sein? Ja, klar.

Auch hoch Gebildete, sonst gescheite Leute versteigen sich als Ideologen zu unhaltbaren Aussagen und Urteilen. George Steiner, dessen Werk ich fast gesamt kenne und generell überaus schätze, hat 1959 den Artikel „The Hollow Miracle“ verfasst, worin er argumentiert, dass allein schon die deutsche Sprache zum Faschismus führte, führen musste. Und mehr noch, dass die deutsche Sprache für immer nicht reparierbaren Schaden genommen habe. Das ist wissenschaftlich unhaltbar, und wurde auch von Sprachwissenschaftler und Linguisten kritisiert. Die Attacke dokumentiert denn auch mehr die ideologische Kampfposition und die Absage an wissenschaftliches Denken, obwohl Steiner sich sonst bemüht, äußerst kundig und belesen und rational zu interpretieren. Hier aber hat ihn die Angst übermannt und der Erinnerungsterror der Nazizeit. Der besagte Artikel war 1959 geschrieben und 1960 in der Zeitschrift „Reporter“ veröffentlicht worden. Als ihn Steiner in seiner Anthologie „Language & Silence“ wiederveröffentlichte, ging er in einer Fußnote kurz auf die Problematik ein, nahm aber nichts von seiner ideologischen Hetzschrift zurück.

Eine fundierte und wissenschaftlich gedeckte Arbeit zur deutschen Sprachgeschichte bzw. der Sprachentwicklung findet sich in Peter von Polenz‘ Buch „Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart“, das 1999 erschien, worin der Autor zur Problematik der „beschädigten Sprache Deutsch“  sich äußert und kurz die Abverurteilung von George Steiner relativiert und entkräftet.

Bemerkenswert erschien mir die Rezension von Steiners „Language and Silence“ des britischen Linguisten und Sprachwissenschaftlers David Crystal unter dem Titel „The defining mystery“. Nicht nur auf die allgemeine Vagheit der schwachen philosophischen Argumentation von Steiner geht er ein, sondern besonders auf die linguistisch nicht haltbaren, schwammigen Aussagen. Als linguistischer Experte (im Internet findet man in seiner Homepage seine vielfältigen Publikationen verzeichnet!) fasst er kühl und trocken sein Verdikt:

„His aim is not literary criticism, but rather – „a philosophy of language,“ which he feels is prerequisite for a real understanding of society.“

“This is the aim, but Steiner does not succeed in it. His observations about language are too unconnected, vague und frequently wrong to provide much basis for anything as systematic as philosophy. The main objection a linguist would have to Steiner’s approach is his facile animism. He believes that ‘languages are living organisms’ that ‘have in them a certain life force, and certain powers of absorption and growth.” This is quite a popular notion, but it is rarely argued these days at quite such an intellectual level. One finds a fallacy of this kind in Schlegel and other nineteenth-century Darwinian-influenced philologists, but no longer.”

“Even Benjamin Lee Whorf, who came closest to this view, would have been most upset. ‘Everything forgets. But not a language,’ says Steiner. Really! This is personification asking to be taken literally. Language has no independent existence of its own, and it certainly cannot pre-empt human functions. The life force, the sensibility of a culture belongs to the users of a language, and not the medium, the tool. To confuse the two may lad to powerful rhetoric for a while, but the end-product is unconvincing (cf. his identification of the German language and spirit in his controversial ‘The hollow miracle’, for example).”

Das sagt genug aus, klar und deutlich. Was mich damals, als ich die Anthologie las, überraschte, war die Widersprüchlichkeit und Unsinnigkeit seiner Position angesichts an anderen Stellen geäußerter Preisungen sprachlicher Schöpfungen in anderen Sprachen als Deutsch. Nicht nur, dass er das Englische und Französische unbeachtet ließ, sondern vor allem das Russische. Welche Humanität konnte, immer der Unlogik Steiners folgend, denn diese Sprache transportieren? Erlaubte die Sprachentwicklung des Russischen doch kein freies Denken, sie musste also, ähnlich wie das Nazideutsch, vergiften, infektuös erkrankt freies Denken und Ausdrücken verhindern usw. Aber dazu keine kritischen Gedanken. Wenn es aber in anderen Sprachen nicht galt oder gilt, was er vom Deutschen fand, wobei er anmaßend noch behauptete, dass eine Weiterentwicklung, eine Änderung nach solchem Schaden gar nicht mehr möglich sei, dann müsste es ihm doch gedämmert haben, dass er als Propagandist, als Heiliger Krieger im ideologischen Kampf auftrat und nicht als rational argumentierender Kritiker. David Crystal hat das in aller Kürze gut zusammengefasst.

Theodor W. Adorno hat aus ähnlichen ideologischen Gründen gemeint, dass nach Ausschwitz es nicht möglich sei, Gedichte zu schreiben. Er hat diese Aussage später etwas abgemildert, nie aber einer strengen Prüfung unterzogen, wie er es vom Gegenüber immer gefordert hatte. Hier versteckt sich eine abgrundtiefe Schwäche, eine überaus starke Verletzung, die, ähnlich wie bei Hiob, nicht weiter bedacht wird, weil sonst alles, was er lebt und woran er sich orientiert, zusammenbricht.

Es ist bemerkenswert, dass Autoren wie Adorno oder Steiner argumentieren, wie sie es tun, andererseits sich negativ verurteilend über Gegner äußern, die aber von einer ähnlich unhaltbaren Sprachauffassung ausgehen, wie z.B. Martin Heidegger. Dieser spricht von einem Eigenwert, einem Eigenleben der Sprache (die Sprache spricht), genau davon, was Crystal bei Steiner als unlautere Personifikation in einem animistischen Modellbild abwertet und zurückweist. Hölderlin, der ebenfalls die linguistisch unhaltbare Position der göttlichen Eigenheit, eines Eigenlebens der Sprache einnahm, wird aber gepriesen, weil er nicht wie Heidegger politisch und ideologisch negativ gepolt ist bzw. mögliche Reklamationen von vornherein umgedeutet werden. Hölderlin ist, wie später Paul Celan, heilig gesprochen und über jede Kritik erhaben. Damit wird Zauberei und Religionsausübung gepflegt, nicht aber offener, kritischer Umgang. In diesem bleibt die Sprache nämlich ein Mittel oder Medium, ein Werkzeug, und jeder entwickelnden Veränderung offen.

Für unsere Überlegung „beschränkte Sprache“ bzw. Wert der Herkunft, des Nationalen usw. für die verwendete Sprache wäre eine aufmerksame, historische Betrachtung schon interessant genug, lange, bevor wir philosophisch und des Problems annähmen. Denn sie würde zeigen, dass in ein und demselben Sprachraum unterschiedliche Verwendungsarten, Gebräuche, erfolgten, die keine einheitliche Charakterisierung erlauben. Offensichtlich war dem vom Holocaust davongekommenen Celan es möglich, in der "Sprache der Täter" zu denken, zu reden, zu schreiben. Weshalb wohl? Weil sie nicht nur die Tätersprache war. Weil das, was das Nazistische auszeichnete, im Sprachgebrauch entsprechend einem inhumanen Wertsystem, vor- und aufzufinden war, und nie in der Sprache selbst. Inhumane Verwendungen, sogenannter missbräuchlicher Gebrauch, gibt es, unabhängig der Definition, wer den korrekten Gebrauch vorgibt und verbürgt, ab wann weshalb von einem missbräuchlichen Gebrauch gesprochen werden kann oder soll, immer und überall. Kein Werk ist gefeit von „Falschen“ falsch gebraucht zu werden. Jedes Wort kann gedreht und gedrechselt werden (er dreht mir das Wort im Mund). Allein durch Kontextänderungen können Werke, Botschaften in ihr Gegenteil verkehrt werden. Bleibt eine Bach-Kantate was sie ist oder war, oder verändert sie sich, wenn von Nazis oder anderen Schergen und Verbrechern aufgeführt und für Propaganda eingesetzt? Und ähnlich mit allem, was kulturell als Werk vorliegt. Welche Lektüre, welche Deutung ist die annehmbare, die gute, die approbierte? Soll nur Approbiertes rezipiert werden? Wer sollte dann die Imprimatur erstellen, wer die Deutungshoheit innehaben und über sie wachen? Soll eine Gruppe sich überhaupt eine Deutungshoheit anmaßen dürfen? In einer freien Gesellschaft nicht. In den herkömmlich unfreien schon. Wessen Anwälte sind da die vermeintlichen Puristen? Der Kader, die das Richtige vorgeben? Oder der Einzelnen, der Individuen? (Dass sogar Anwälte wie Steiner und Adorno hier ins Schleudern kommen, sagt einiges über das schwierige Feld, auf dem wir uns bewegen, aus.)

Wir leisten also Literaten, die aus Marktgründen, aus Kalkül so oder anders schreiben? Die am Preiszirkus mitmachen und sich wie Huren anbiedern und verkaufen. Wir haben einen Journalismus, dessen Sprachkompetenz immer dramatischer abnimmt, weil das Einfachsprech so bequem und ökonomisch ist. Aber eben, und das ist doch bemerkenswert, wir haben nicht nur diese Seite, diese bekümmerliche Negativität, sondern auch die Gegenseite, die offene Dimension hochgradiger Komplexität, die im Moment, gegenwärtig, halt nur für wenige gilt, die aber deswegen nicht nicht-existent ist.

Heute wird der Einfluss der Globalisierung oft als Merkmal eines Qualitätsverlustes gesehen, insbesondere in den Künsten (bildende Kunst, Musik) und in der Literatur. Wenn sich tatsächlich alles angliche zu einem stereotypen Brei an Gemurmel und Gekeuche einerseits oder einlullenden Klangbilden andererseits, wie es ja oft festzustellen ist, dann würde ich das Augenmerk zuerst auf die Lebensbedingungen der Schaffenden richten und auf ihre Publika, da ja eine Art wechselseitige Abhängigkeit zwischen Künstlern oder Schriftstellerinnen und dem Publikum besteht, und andererseits nach den Wertsystemen fragen, die sich offensichtlich in bestimmten Bereichen angeglichen haben. Aber ich meine, ich könnte dennoch, vor diesem Breimeer Seen eigener Art, eine Andersheit, ausfindig machen. Und wenn nicht, dann müssten die Sensoren verfeinert werden, um das einheitlich Grobschlächtige vom Feinen zu unterscheiden. Das ist aber kein neues Phänomen. Dennoch, was den einen als Mangel erscheint, z.B. das Fehlen der Herkunftsmerkmale (Rasse, Geschlecht, Nation usw.), ist anderen ein Erfolg. Mich freute es, wenn Texte von Frauen nicht als Frauentexte in feministischen Sonderzonen publiziert und rezipiert werden, wenn überhaupt nicht mehr nach Gender gefragt wird, und schon gar nicht nach Ethnie oder Nation oder Religion, sondern nach dem Stoff und seiner Qualität.

Das heißt, wir müssen unterschiedliche Beschränkungen genau unterscheiden und werten. Mich interessiert primär weder europäische oder nationale Literatur, wäre aber höchst unglücklich, wenn ich mich aus irgendwelchen Gründen auf afrikanische oder asiatische richten sollte oder müsste. Unabhängig, dass auch das reichste Leben nicht ausreicht, alles oder viel (das ist ja so relativ!) wahrzunehmen oder sich damit auseinanderzusetzen, wäre eine Doktin des Gleichwertigen nur eine dumme Vorgabe für Vielfresser, die alles, wirklich alles fressen, weil sie angst haben zu wählen oder Vorlieben (die werden von den Minderbemittelten als Vorurteile aufgefasst) zu entwickeln. [Ich wundere mich, dass solche Opfer noch Beziehungen eingehen, weil die nie „gerecht“ sein können und immer falsch sind: warum keinen Schwarzen gewählt, warum keine Asiatin, warum eine Serbin usw.? Weshalb keinen Schweizer oder Schweden? Warum überhaupt eine Beziehung?]

Mittwoch, 22. August 2012

Paul Celan und seine Kölner Freundschaften

Heikle Freundschaften
Paul Celan und seine Kölner Kollegen
Eine hervorragende Edition der Briefe zwischen Paul Celan und seinen Kölner Freunden Rolf Schroers, Paul Schallück und Heinrich Böll wirft ein Licht auf ebenso spannungsreiche wie überraschende Beziehungen.
Beatrice von Matt, Neue Zürcher Zeitung, 20.8.2012

Montag, 5. September 2011

Liao Yiwus "Massaker"

Drei kurze Absätze aus dem Artikel von Detlev Claussen, Süddeutsche Zeitung, 19.07.2011 über Liao Yiwu unter dem Titel „Todesfuge auf chinesisch“

Held wider Willen: Der Schriftsteller Liao Yiwu hat sich nach Deutschland abgesetzt, jetzt erscheint sein umwerfender Bericht aus dem chinesischen Gulag. Das Verbot seines literarischen Gefängnisberichtes umging er durch die Flucht aus der Heimat.

"Massaker" liest sich wie eine Todesfuge auf Chinesisch; es ist der universal verständliche Schrei der gequälten chinesischen Kreatur im Würgegriff des kommunistischen Leviathan. Im Jahr 1989 endete das Short century, ein Jahrhundert der Grausamkeit und zugleich des beispiellosen Anstiegs globalen Wohlstands. Man muss wirklich kein Chinesisch können, um Liaos Literatur zu begreifen, ebenso wie man kein Deutsch können muss, um Celans "Todesfuge" zu verstehen. Aber es hilft ungemein, wenn man sich die Welt vor Augen führt, die diese Aufschreie hervorgebracht hat.

Um aber Liaos Gedichte zu verstehen, braucht man gar nichts zu wissen. Sie wirken unmittelbar, herzzerreißend und niemals sentimental. Ja, es ist möglich, nach dem 4. Juni Gedichte zu schreiben, wenn sie den Schrei der Gequälten artikulieren. Auch Celan musste die "Todesfuge" schreiben, die er als "Todestango" vorgetragen hat, bevor sie von Feuilletonisten und Deutschlehrern sakralisiert wurde - sie ist aus sich heraus geschrieben, nicht um Ruhm zu erwerben, sondern ebenso ein Schrei wie "Massaker".
Soweit Detlef Claussen.


Dazu gäbe es viel anzumerken. Hier sollen nur drei Aspekte hervorgehoben werden: Die Etikettierung "Todesfuge auf chinesisch", die Behauptung, dass die Sakralisierung von Paul Celans Werk durch Feuilletonisten und Deutschlehrer geschah sowie die Bemerkung, zum Verständnis von Liaos Literatur brauche man „gar nichts zu wissen“. 

Nicht nur die „Todesfuge“, schier das Gesamtwerk von Paul Celan ist sakralisiert und damit über jede Kritik erhaben erhoben worden. Der unselige Vorgang ist das Resultat einer völlig unkritischen Rezeption, die dank der damaligen historischen Bedingungen einlud, diesen Dichter und seine Dichtungen zu überhöhen, weil er Dunkles, Symbolisches lieferte und einen Schauder von Schuldeinkenntnis und Abarbeitung ermöglichte, andererseits positiv für eben diese moderne Form von Kulturarbeit (Rezeption) zu instrumentalisieren war.


Diese Sakralisierung geschah natürlich durch Vermittler, seien es Journalisten oder Kritiker bzw. auch Lehrer. Aber Paul Celan war daran nicht nur nicht unbeteiligt, sondern sehr rührig in seiner gezielten Mythenpflege. Erst nach den Veröffentlichungen verschiedener Briefwechsel lässt sich belegen, dass das Opfer, als welches er litt und sich leidend hinstellte, weder einsam war, noch lebensfremd; er pflegte Affären und Beziehungen mit mehreren Frauen, nutzte diese Kontakte für sein Ego, und äußerte sich, manchmal, für uns hintennach Lesende oft wie ein Ausfluss eines Verfolgungswahn scheinend, extrem bitter, zornig, verletzend, vorurteilend, aburteilend über die vielen Nazis und Antisemiten, die ihm unrecht taten, sein Werk schändeten. 


Eine solche Schändung nennt er in einem Brief an Ingeborg Bachmann vom 12.11.1959 zu einer Rezension bzw. Kritik von Günter Blöcker hinsichtlich seiner „Todesfuge“:
„Du weißt auch – oder vielmehr: Du wusstest es einmal –, was ich in der Todesfuge zu sagen versucht habe. Du weißt – nein, Du wusstest – und so muß ich Dich jetzt daran erinnern –, dass die Todesfuge auch dies für mich ist: eine Grabschrift und ein Grab. Wer über die Todesfuge das schreibt, was dieser Blöcker darüber geschrieben hat, der schändet die Gräber.“ 


Über den Grabschänder Blöcker ließ Celan sich nochmals aus. Auch andere kamen dran, wenn auch mit anderen Aburteilsetiketten. Daraus ist ersichtlich, dass Celan selbst gewisse Gedichte nicht als Gedicht sah, sondern als heilige Grabinschriften. Zwar meint er, sie sei „auch“ eine Grabinschrift. Aber aus seiner Bewertung spricht die eindimensionale Auffassung, die das andere Mögliche neben dem „auch“ negiert, weil das „auch“ alles beansprucht und damit das Urteil spricht. Damit wird der Text ins Sakrale gehievt, dogmatisch durch Celans Deutungshoheit festgelegt und jeder Interpretation, und damit jeder Kritik, enthoben. Missversteht jemand seine Gedichte, sein literarisches Werk, als Literatur, ist er ein Schänder. Dass dies nicht erkannt und sofort zurückgewiesen wurde, diese schreckliche Anmaßung, zeigt, wie unkritisch, wie unterwürfig, wie blind die Haupttendenz der damaligen Rezeption war. 


Dichter, die keine Gedichte schreiben, die ihr Privatestes veröffentlichen, nicht aber der Öffentlichkeit das selbstverständliche Recht der eigenen Deutung und Kritik zubilligen, sind eigentlich Täuscher. 


Sein Schmerz sei ihm unbenommen, auch seine Grabinschriften. Aber warum sie dann als Gedichte, als Literatur veröffentlichen? Hielt er es nicht aus, privat zu bleiben, die Grabinschrift als solche auszugeben? 

Deshalb finde ich Detlev Claussens Vergleich von Liao Yiwus „Massaker“ mit der „Todesfuge“ falsch und untauglich, ja schädlich. Es ist nur zu hoffen, dass Liao Yiwus Werk so eine verzerrte Rezeption erspart bleibt, wie sie Celan schier erzwang. Nein, das „Massaker“ ist keine chinesische Todesfuge. Es ist ein eindrückliches Poem, das uns – gerade deshalb – erreicht und betrifft (betroffen macht).
Im Briefwechsel von Paul Celan mit Ingeborg Bachmann ist nachzulesen, wie sehr sie bedauerte, dass offenbar Celan jede positive Regung und Aufnahme seiner Gedichte geflissentlich übersah oder anders deutete, wie sehr er also seine Opferrolle pflegte. Das muss in der Beurteilung des Sakralisierungsprozesses mitberücksichtigt werden. 


Nun zum Verständnis von Literatur, sei es solche von Celan oder solche von Liao. Jedes literarische Verständnis ist mehr als Sprachbeherrschung der Sprache, in welcher die Literatur verfasst oder in welche sie übersetzt ist. Klar muss man nicht Chinesisch können. Es reicht die Übersetzung. Jeder, der die Übersetzung liest, weiß, dass es nicht das Original ist. Trotzdem vermittelt die Übersetzung etwas vom Werk. Wenn dem nicht so wäre, müsste man das Übersetzen einstellen und die Werke nur den Sprachkundigen überlassen. 


Anders sieht es mit dem „Wissen“ aus. Gibt es Universalien? Die „Todesfuge“ hat ein präzises Denotat: sie ist Grabinschrift. Sie ist kein Gedicht. Auch als Gedicht zeigt der Text klare Referenz: Was sein Inhalt bildet, ist nicht „universal“, sondern deutsch, der Tod, der ein Meister aus Deutschland ist. Alle Kritik vom Überlebenden Paul Celan orientiert sich und richtet sich auf und am Holocaust, den Nazis. Das Grauen ist präzise umschrieben, genau adressiert. Frühere Deutungsversuche, sie zu „universalisieren“, wurden als Angriff auf das Opfergedenken, als Bagatellisierung der Nazibarbarei und Ähnliches abgeurteilt. Celans Werk lebt von dieser Ausrichtung. 

„Massaker“ ist eine Antwort auf die chinesische Barbarei im Juni 1989. Es ist also ebenfalls adressiert und zeitbezogen. Aber es bindet sich nicht in einer präferierten Deutung. Noch wird keine Deutungshoheit angemeldet und verfolgt, wiewohl die Reaktionen des chinesischen Staates als eine Seite einer Deutung verstanden werden können. Der Unterschied von Liao und Celan liegt auch darin, dass Liao IN der Zeit zur Zeit und zur Barbarei schrieb, weswegen er verfolgt wurde. Celans Hauptwerk wurde NACH der Zeit und ihrer Barbarei geschrieben, wofür er nicht verfolgt wurde, obwohl er Kritik daran als Verfolgung sah. 


„Massaker“ wäre ohne die brutale Niederschlagung der Demonstrationen nicht entstanden. Aber es lebt weiter. Es ist nicht sakralisiert worden. Es bleibt Literatur. Deshalb ist es keine „Todesfuge“.
Aber ist dieses Poem ohne jedes Wissen adäquat zu lesen? Das ist zu bezweifeln. Natürlich kann man alles unbedarft lesen. Sozusagen „werkimmanent“. Aber wer Kontextinformationen hat, über die Gesellschaft, die Ereignisse und das Umfeld des Autors bzw. über ihn selbst, kann sein Verstehen erweitern und vertiefen. Denn jedes noch so direkt bezogene Gedicht geht, wenn es denn ein Gedicht von Wert ist, über sich oder das Bezogene, Referierte, den Anlass hinaus. Darin mag dann das liegen, was manche „universal“ oder „universell“ nennen.