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Sonntag, 26. August 2018

Beschränkte Literatur


Haimo L. Handl

Beschränkte Literatur

Die Bewertungskriterien für kulturelle oder sportliche Leistungen sind in zwei extrem entgegengesetzten Bereichen angesiedelt: Einerseits die Dominanz des Nationalen, dem sich die Künstlerin oder der Sportler unterwirft, eingliedert, darin aufgeht, als ob es nicht um ihre oder seine Leistung ginge, sondern die des Landes, aus dem er kommt, das ihn, mehr oder weniger, finanziert bzw. moralischen Rückhalt und Auftrieb gibt. Es gilt das Kollektiv. Andererseits die personale Fokussierung, der Starkult, der in einer Überhöhung über alle Grenzen hinweg eine Art von Globalwert schafft, dem die Märkte weltweit folgen, über alle Grenzen und Kulturen hinweg.

Auch in den Wissenschaften wird oft auf die Nation reduziert, wenn öffentliche Preisungen erfolgen, aber in weit geringerem Maßstab als in den anderen Bereichen. Zwar versuchen einige unverbesserliche Nationalisten oder religiöse Ideologen auch Wissenschaft ihrem dunklen Reich dummer Chauvinismen ein- und unterzuordnen, aber es gelingt nicht überzeugend, wie im Kulturbereich. Die Naturwissenschaften lassen sich nicht nach nationalen Ansprüchen auf- oder abwerten, die sogenannten Naturgesetze gelten allgemein und nicht partikular.

Das Partikulare, Besondere, Eigene bzw. Eigentliche herrscht nur in der Ideologie, wovon der bornierte Nationalismus und Chauvinismus und die niederhaltenden Religionen Teilbereiche darstellen, ebenso die schier unausrottbaren Rassismen.

Als grober Raster mag es ja noch hingehen literarische Produkte nach nationaler Herkunft zu unterscheiden. Also Romane aus Chile, den USA, Island, Frankreich oder Deutschland oder sonst woher. Aber das erklärt wenig. Was ist gesagt, wenn man die Herkunft kennt? Gibt es für russische Literatur gemeinsame Merkmale, für chinesische, japanische, indische, mexikanische oder alpine, bayerische, schweizerische, österreichische? Nur schlichte Reduktionisten, die kein höher entwickeltes Denkvermögen eignen, geben sich mit solchen Erklärungen zufrieden. Worin ähneln sich z.B. österreichische Schriftstellerinnen und Literaten? Im vorauseilenden Gehorsam, im durch die überlange Habsburgermacht oktroyierten Duckmäuserverhalten, im Schweinigeln, in besonderer Sprachempfindsamkeit oder tief verankerter Misanthropie? Da die Gesellschaft sich veränderte, und trotz anderer Bemühungen sich weiter verändert, wechselten auch die Österreich-Kriterien. Worin liegen die Unterschiede? Wie macht man sie fest?

Die Sprache prägt. Sagt man. Die Nation auch, ebenso die Religion. Wie weit? Erlaubt die Sprache kein eigenes Sprechen? Ist eigenes Denken gegen die nationalen oder religiösen Werte unmöglich? Wirkt das religiöse oder nationale Wertsystem determinierend, so dass niemand Atheist sein könnte oder Kosmopolit oder einfach jenseits nationaler Rekurse? Die Herkunftsapostel sind Gewalttäter, sie verlangen die Unterwerfung, die Auslieferung an das System, an ihre Glaubenswelt. Sie machen aus ihrer tiefen Angst vor der Freiheit, der individuellen, ein Schreckgespenst, dem sie mit Terror, Einschüchterung und falschen Reklamationen, Schranken, Barrieren und Mauern (interessant, dass nach dem Fall der DDR-Mauern ausgerechnet Israel Mauern aufbaute!) entgegnen. Man sprach früher von Scheren in Köpfen, von Zensur. Man sollte mehr vom Anpassungsdruck dieser geschlossenen Terrorwelten sprechen, die das Denken vergiften und das Allgemeinmenschliche.

In der Sicht der Einfachen, der Beschränkten, scheint die Psychoanalyse nur im niedergehenden Wien gründbar gewesen zu sein, bestimmt die Sprache den Nationalcharakter, weshalb Hegel nur in Deutschland möglich war, oder ein Nietzsche oder Spengler oder gar Heidegger. Dostojewski ist außerhalb der russischen Sprache nicht zu denken. Und einige russische Klassiker ebensowenig. Sind es die Sprachen, die den Boden für das Denken und literarische Schaffen bereiten und auch bestimmen, einschränken? War das früher, vor der Globalisierung ebenso? Schafft die Globalisierung ihren eigenen Druck, ihre eigene, genuine Determinierung? Sind es die politischen Zustände? Wie kann jemand von Freiheit denken und schreiben, wenn er in Unfreiheit lebt? Wie frei war man in Frankreich, Deutschland, Österreich oder Russland im 19. Jh., im 20. Jh. und wie frei ist man jetzt, heute hier und dort? Von welcher Freiheit reden wir? Von welcher sollten wir reden?

Wie wertvoll könnte eine Literatur sein, die nicht mehr nach irgendwelchen nationalen Charakteristika bewertbar scheint, die nichts von der Herkunft der Autorin oder des Autors verrät, außer der Sprache, und die nur reklamiert, nach sprachlichen und literarischen Kriterien bewertet zu werden und nicht nach denen des Geschlechts, der Religion oder Nationalität und Ethnie. Eine Literatur, die also nicht stereotyp „global“ erscheint, sondern eine Persönlichkeit in der Sprache erkennen lässt, trotzdem aber nicht nach den üblichen Kriterien festmachbar wäre. Könnte so eine Literatur gehaltvoll sein? Ja, klar.

Auch hoch Gebildete, sonst gescheite Leute versteigen sich als Ideologen zu unhaltbaren Aussagen und Urteilen. George Steiner, dessen Werk ich fast gesamt kenne und generell überaus schätze, hat 1959 den Artikel „The Hollow Miracle“ verfasst, worin er argumentiert, dass allein schon die deutsche Sprache zum Faschismus führte, führen musste. Und mehr noch, dass die deutsche Sprache für immer nicht reparierbaren Schaden genommen habe. Das ist wissenschaftlich unhaltbar, und wurde auch von Sprachwissenschaftler und Linguisten kritisiert. Die Attacke dokumentiert denn auch mehr die ideologische Kampfposition und die Absage an wissenschaftliches Denken, obwohl Steiner sich sonst bemüht, äußerst kundig und belesen und rational zu interpretieren. Hier aber hat ihn die Angst übermannt und der Erinnerungsterror der Nazizeit. Der besagte Artikel war 1959 geschrieben und 1960 in der Zeitschrift „Reporter“ veröffentlicht worden. Als ihn Steiner in seiner Anthologie „Language & Silence“ wiederveröffentlichte, ging er in einer Fußnote kurz auf die Problematik ein, nahm aber nichts von seiner ideologischen Hetzschrift zurück.

Eine fundierte und wissenschaftlich gedeckte Arbeit zur deutschen Sprachgeschichte bzw. der Sprachentwicklung findet sich in Peter von Polenz‘ Buch „Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart“, das 1999 erschien, worin der Autor zur Problematik der „beschädigten Sprache Deutsch“  sich äußert und kurz die Abverurteilung von George Steiner relativiert und entkräftet.

Bemerkenswert erschien mir die Rezension von Steiners „Language and Silence“ des britischen Linguisten und Sprachwissenschaftlers David Crystal unter dem Titel „The defining mystery“. Nicht nur auf die allgemeine Vagheit der schwachen philosophischen Argumentation von Steiner geht er ein, sondern besonders auf die linguistisch nicht haltbaren, schwammigen Aussagen. Als linguistischer Experte (im Internet findet man in seiner Homepage seine vielfältigen Publikationen verzeichnet!) fasst er kühl und trocken sein Verdikt:

„His aim is not literary criticism, but rather – „a philosophy of language,“ which he feels is prerequisite for a real understanding of society.“

“This is the aim, but Steiner does not succeed in it. His observations about language are too unconnected, vague und frequently wrong to provide much basis for anything as systematic as philosophy. The main objection a linguist would have to Steiner’s approach is his facile animism. He believes that ‘languages are living organisms’ that ‘have in them a certain life force, and certain powers of absorption and growth.” This is quite a popular notion, but it is rarely argued these days at quite such an intellectual level. One finds a fallacy of this kind in Schlegel and other nineteenth-century Darwinian-influenced philologists, but no longer.”

“Even Benjamin Lee Whorf, who came closest to this view, would have been most upset. ‘Everything forgets. But not a language,’ says Steiner. Really! This is personification asking to be taken literally. Language has no independent existence of its own, and it certainly cannot pre-empt human functions. The life force, the sensibility of a culture belongs to the users of a language, and not the medium, the tool. To confuse the two may lad to powerful rhetoric for a while, but the end-product is unconvincing (cf. his identification of the German language and spirit in his controversial ‘The hollow miracle’, for example).”

Das sagt genug aus, klar und deutlich. Was mich damals, als ich die Anthologie las, überraschte, war die Widersprüchlichkeit und Unsinnigkeit seiner Position angesichts an anderen Stellen geäußerter Preisungen sprachlicher Schöpfungen in anderen Sprachen als Deutsch. Nicht nur, dass er das Englische und Französische unbeachtet ließ, sondern vor allem das Russische. Welche Humanität konnte, immer der Unlogik Steiners folgend, denn diese Sprache transportieren? Erlaubte die Sprachentwicklung des Russischen doch kein freies Denken, sie musste also, ähnlich wie das Nazideutsch, vergiften, infektuös erkrankt freies Denken und Ausdrücken verhindern usw. Aber dazu keine kritischen Gedanken. Wenn es aber in anderen Sprachen nicht galt oder gilt, was er vom Deutschen fand, wobei er anmaßend noch behauptete, dass eine Weiterentwicklung, eine Änderung nach solchem Schaden gar nicht mehr möglich sei, dann müsste es ihm doch gedämmert haben, dass er als Propagandist, als Heiliger Krieger im ideologischen Kampf auftrat und nicht als rational argumentierender Kritiker. David Crystal hat das in aller Kürze gut zusammengefasst.

Theodor W. Adorno hat aus ähnlichen ideologischen Gründen gemeint, dass nach Ausschwitz es nicht möglich sei, Gedichte zu schreiben. Er hat diese Aussage später etwas abgemildert, nie aber einer strengen Prüfung unterzogen, wie er es vom Gegenüber immer gefordert hatte. Hier versteckt sich eine abgrundtiefe Schwäche, eine überaus starke Verletzung, die, ähnlich wie bei Hiob, nicht weiter bedacht wird, weil sonst alles, was er lebt und woran er sich orientiert, zusammenbricht.

Es ist bemerkenswert, dass Autoren wie Adorno oder Steiner argumentieren, wie sie es tun, andererseits sich negativ verurteilend über Gegner äußern, die aber von einer ähnlich unhaltbaren Sprachauffassung ausgehen, wie z.B. Martin Heidegger. Dieser spricht von einem Eigenwert, einem Eigenleben der Sprache (die Sprache spricht), genau davon, was Crystal bei Steiner als unlautere Personifikation in einem animistischen Modellbild abwertet und zurückweist. Hölderlin, der ebenfalls die linguistisch unhaltbare Position der göttlichen Eigenheit, eines Eigenlebens der Sprache einnahm, wird aber gepriesen, weil er nicht wie Heidegger politisch und ideologisch negativ gepolt ist bzw. mögliche Reklamationen von vornherein umgedeutet werden. Hölderlin ist, wie später Paul Celan, heilig gesprochen und über jede Kritik erhaben. Damit wird Zauberei und Religionsausübung gepflegt, nicht aber offener, kritischer Umgang. In diesem bleibt die Sprache nämlich ein Mittel oder Medium, ein Werkzeug, und jeder entwickelnden Veränderung offen.

Für unsere Überlegung „beschränkte Sprache“ bzw. Wert der Herkunft, des Nationalen usw. für die verwendete Sprache wäre eine aufmerksame, historische Betrachtung schon interessant genug, lange, bevor wir philosophisch und des Problems annähmen. Denn sie würde zeigen, dass in ein und demselben Sprachraum unterschiedliche Verwendungsarten, Gebräuche, erfolgten, die keine einheitliche Charakterisierung erlauben. Offensichtlich war dem vom Holocaust davongekommenen Celan es möglich, in der "Sprache der Täter" zu denken, zu reden, zu schreiben. Weshalb wohl? Weil sie nicht nur die Tätersprache war. Weil das, was das Nazistische auszeichnete, im Sprachgebrauch entsprechend einem inhumanen Wertsystem, vor- und aufzufinden war, und nie in der Sprache selbst. Inhumane Verwendungen, sogenannter missbräuchlicher Gebrauch, gibt es, unabhängig der Definition, wer den korrekten Gebrauch vorgibt und verbürgt, ab wann weshalb von einem missbräuchlichen Gebrauch gesprochen werden kann oder soll, immer und überall. Kein Werk ist gefeit von „Falschen“ falsch gebraucht zu werden. Jedes Wort kann gedreht und gedrechselt werden (er dreht mir das Wort im Mund). Allein durch Kontextänderungen können Werke, Botschaften in ihr Gegenteil verkehrt werden. Bleibt eine Bach-Kantate was sie ist oder war, oder verändert sie sich, wenn von Nazis oder anderen Schergen und Verbrechern aufgeführt und für Propaganda eingesetzt? Und ähnlich mit allem, was kulturell als Werk vorliegt. Welche Lektüre, welche Deutung ist die annehmbare, die gute, die approbierte? Soll nur Approbiertes rezipiert werden? Wer sollte dann die Imprimatur erstellen, wer die Deutungshoheit innehaben und über sie wachen? Soll eine Gruppe sich überhaupt eine Deutungshoheit anmaßen dürfen? In einer freien Gesellschaft nicht. In den herkömmlich unfreien schon. Wessen Anwälte sind da die vermeintlichen Puristen? Der Kader, die das Richtige vorgeben? Oder der Einzelnen, der Individuen? (Dass sogar Anwälte wie Steiner und Adorno hier ins Schleudern kommen, sagt einiges über das schwierige Feld, auf dem wir uns bewegen, aus.)

Wir leisten also Literaten, die aus Marktgründen, aus Kalkül so oder anders schreiben? Die am Preiszirkus mitmachen und sich wie Huren anbiedern und verkaufen. Wir haben einen Journalismus, dessen Sprachkompetenz immer dramatischer abnimmt, weil das Einfachsprech so bequem und ökonomisch ist. Aber eben, und das ist doch bemerkenswert, wir haben nicht nur diese Seite, diese bekümmerliche Negativität, sondern auch die Gegenseite, die offene Dimension hochgradiger Komplexität, die im Moment, gegenwärtig, halt nur für wenige gilt, die aber deswegen nicht nicht-existent ist.

Heute wird der Einfluss der Globalisierung oft als Merkmal eines Qualitätsverlustes gesehen, insbesondere in den Künsten (bildende Kunst, Musik) und in der Literatur. Wenn sich tatsächlich alles angliche zu einem stereotypen Brei an Gemurmel und Gekeuche einerseits oder einlullenden Klangbilden andererseits, wie es ja oft festzustellen ist, dann würde ich das Augenmerk zuerst auf die Lebensbedingungen der Schaffenden richten und auf ihre Publika, da ja eine Art wechselseitige Abhängigkeit zwischen Künstlern oder Schriftstellerinnen und dem Publikum besteht, und andererseits nach den Wertsystemen fragen, die sich offensichtlich in bestimmten Bereichen angeglichen haben. Aber ich meine, ich könnte dennoch, vor diesem Breimeer Seen eigener Art, eine Andersheit, ausfindig machen. Und wenn nicht, dann müssten die Sensoren verfeinert werden, um das einheitlich Grobschlächtige vom Feinen zu unterscheiden. Das ist aber kein neues Phänomen. Dennoch, was den einen als Mangel erscheint, z.B. das Fehlen der Herkunftsmerkmale (Rasse, Geschlecht, Nation usw.), ist anderen ein Erfolg. Mich freute es, wenn Texte von Frauen nicht als Frauentexte in feministischen Sonderzonen publiziert und rezipiert werden, wenn überhaupt nicht mehr nach Gender gefragt wird, und schon gar nicht nach Ethnie oder Nation oder Religion, sondern nach dem Stoff und seiner Qualität.

Das heißt, wir müssen unterschiedliche Beschränkungen genau unterscheiden und werten. Mich interessiert primär weder europäische oder nationale Literatur, wäre aber höchst unglücklich, wenn ich mich aus irgendwelchen Gründen auf afrikanische oder asiatische richten sollte oder müsste. Unabhängig, dass auch das reichste Leben nicht ausreicht, alles oder viel (das ist ja so relativ!) wahrzunehmen oder sich damit auseinanderzusetzen, wäre eine Doktin des Gleichwertigen nur eine dumme Vorgabe für Vielfresser, die alles, wirklich alles fressen, weil sie angst haben zu wählen oder Vorlieben (die werden von den Minderbemittelten als Vorurteile aufgefasst) zu entwickeln. [Ich wundere mich, dass solche Opfer noch Beziehungen eingehen, weil die nie „gerecht“ sein können und immer falsch sind: warum keinen Schwarzen gewählt, warum keine Asiatin, warum eine Serbin usw.? Weshalb keinen Schweizer oder Schweden? Warum überhaupt eine Beziehung?]

Sonntag, 29. Juli 2018

Lese- & Denkabenteuer: The Moviegoer


Haimo L. Handl

Lese- & Denkabenteuer: The Moviegoer


1973 bereiste ich das erste Mal die USA und hielt mich dort gut ein halbes Jahr auf. Im Gepäck hatte ich „Kunst und Revolution“ von Herbert Marcuse (1898-1979); als geistige Vorbereitung hatte ich Noam Chomskys (*1928) Buch „Amerika und die neuen Mandarine“, das 1969 bei Suhrkamp als Paperback herausgekommen war, gelesen. Ebenso das faszinierende Buch von L. L. Matthias (1893-1970), „Die Kehrseite der USA“, das von Rowohlt trotz des sehr kritischen, damals schier unmöglichen antiamerikanischen Tons schon 1964 publiziert worden war. So gewappnet kam ich ins Land der Verheißung.

Dort erwarb ich mir nach genussvollem Stöbern in den vielen, riesigen Buchhandlungen, die es damals vielerorts gab, unter anderem weitere Bücher von Chomsky, oder von George Steiner (*1929) seinen Essay „Notes Towards the Redefinition of Culture“, der eine Art Antwort und Kritik an T. S. Eliots (1888-1965) „Notes towards  the definition of culture“ ist. Dann fand ich in einem der typischen Neuantiquariate von Carlos Castaneda (1925-1998) einige Bände, die sehr in Mode gewesen waren, weil sie mir während meiner Reise oft von Hippies oder „Alternativen“ warm empfohlen wurden. Meine Begeisterung ließ aber nach dem 2. Buch nach und ich verstaute die abgegriffenen Taschenbücher im Rucksack. Ich war kein Esoteriker und wollte keiner werden; das Geschwätz der Bewusstseinserweiterung ödete mich an. Aber ich fand einen Roman, der mich fesselte: „The Moviegoer“ von Walker Percy (1916-1990), einem Südstaatenautor, der seinen medizinischen Beruf aus Krankheitsgründen aufgab, zum Katholizismus konvertierte, Schriftsteller wurde und, ganz faszinierend, Semiotiker. Mit seinem Debut 1961 wurde er berühmt; er erhielt dafür den National Book Award 1962.

Ich überwand meine Skepsis gegen Konvertiten oder religiöse Schriftsteller und las den Roman während meiner Reise. Das Buch begeisterte mich. Später folgten dann neben anderen Romanen von ihm vor allem seine semiotischen Arbeiten, die ich heute noch schätze. Aber zurück zum Moviegoer, der sogar als Lesestoff für High School Kids dient und viele Analysen und Deutungen nach sich zog.

Damals gab es noch kein Internet und ich fand durch die Lektüre raus, was heute Unbedarfte in Sekundenschnelle im Netz finden können. In Wikipedia zum Beispiel:

Plot summary
The Moviegoer tells the story of Binx Bolling, a young stock-broker in postwar New Orleans. The decline of tradition in the Southern United States, the problems of his family and his traumatic experiences in the Korean War have left him alienated from his own life. He day-dreams constantly, has trouble engaging in lasting relationships and finds more meaning and immediacy in movies and books than in his own routine life.

Eine typische Alltagsgeschichte der typischen amerikanischen Alltagsgesellschaft in einem deutenden Blick, der nicht schnöde denunziert oder entlarvt, sondern, fast ganz nebenbei, jedenfalls selbstverständlich, die Gegebenheiten schildert, als ob sie normal wären, was sie ja sind, aber abnormal erscheinen, je nachdem, welche Perspektive der Sicht oder des Denkens man wählt oder gewählt hat.

Percy macht sich über seine Figur, seinen Antihelden oder Verlierer auf die Suche. The search, die Suche bestimmt sein problematisches Leben, dessen Chaos nach Bewältigung verlangt, nach Positionsbezug in den Beziehungen privater und geschäftlicher Art, im Denken und Glauben. Es geht um Entfremdung und Einsamkeit in einer hektisch betriebsamen Welt, die kaum Gelegenheit zum Rückzug, zur Kontemplation gewährt, zum Nachdenken und Klarwerden. Die Filme, die er wie ein Süchtiger im Kino ansieht, bieten ihm nicht nur Flucht, Zeitvertreib, sondern bieten Sinnstiftung und Unmittelbarkeit, wie sie sein reales, echtes Leben nie bieten. Ihm geht es wie den Kindern, die sich in Märchen verlieren und die Phantastik realer einschätzen als ihren wirklichen Alltag, als die krude Konfrontation mit der Realität oder den Realitäten. Geschichten in Büchern, mehr noch aber in Filmen, sind der Stoff, den er sucht, damit die Alltagssuche auszuhalten ist, erträglich wird.

Es war dieser Mix aus Alltäglichkeit, Beiläufigkeit und tieferes Nachsinnen und Nachdenken eines philosophisch geschulten Romanciers, der zudem die Zeichentheorie kannte, die mich gefangen nahm. Der Reiz und Effekt steigerte sich noch durch meine Reise, die wie eine Bestätigung des American way of life von der unteren Warte her betrachtet sich wahrnehmend, deutend erweiterte. Gewisse Abschnitte und Ereignisse gewannen dadurch eine zusätzliche Bedeutung, als ob eine Metaebene wahrnehmbar geworden wäre, reale Eindrücke mit vorgestellten mischte zu einem dichten Gewebe komplexer Realitätsausschnitte, die mir nachträglich die Lektüre aufwerteten.

Die trockenen Befunde des Linguisten Chomsky in seinen politischen Analysen wurden irgendwie belebt und anders beleuchtet. Chomsky war auch mit George Steiner im Disput. Steiners Kritik an Chomsky Generativer Grammatik leitete sozusagen über zu semiotischen Arbeiten von Percy, die ich in diversen Journalen fand (seine Publikation „The Message in the Bottle“ erschien erst 1975), womit sich das Textgewebe noch stärker verdichtete. An dieser Verdichtung hat nicht zuletzt ein Buch Anteil, das ich damals in einem Second Hand Bookshop erwarb und das ich immer noch, obwohl ziemlich mitgenommen und zerfleddert, in meiner Bibliothek halte: „Language in Thought and Action“ von S. I. Hayakawa (1906-1992). Später, als ich in Virginia Tech studierte, lernte ich, dass dieses Buch als Textbuch sehr beliebt war. Hayakawa geht anscheinend spielerisch leicht, aber gedanklich solide fundiert, auf die Probleme der Sprache und der Zeichen ein, wofür sie stehen, was sie bedeuten, wie wir mit ihnen umgehen. Ich merkte, dass Hayakawa wie die wissenschaftliche Begleitung der Everydayness von Percys Roman genommen werden kann, und so auf zwei Ebenen, der romanhaften und der wissenschaftlichen, die Ebenen, nein, die Räume, sich mengen oder abgrenzen und erweitern.

Gibt es eine Bedeutung, gibt es einen Sinn jenseits vom Sinn des Alltagslebens? Kann man mit der Realität, in der man lebt, „zufrieden sein“? Warum sind so viele, wenn nicht fast alle, unzufrieden in glücklichen Umständen, zufrieden in turbulenten, problematischen, düsteren? Warum ist mir die Routine meines Lebens unangenehm, auf den Nerv gehend, während Unvorhergesehenes auch nicht die Lösung darstellt? So und ähnlich lauten die Fragen von Binx Bolling. Es gilt, den Alltag, die Routine zu überwinden. Auf der Suche sein, alert sein, handlungsbereit. „The search is what anyone would undertake if he were not sunk in the everydayness of his own life.“ Man muss raus dem den Zirkel, aus dem Hamsterrad, aus dem verplanten Programm. Man muss werden, der man ist.

In dem Versprochenen Land (The Promised Land), wo es keine Individualität nach abendländischer Vorstellung gibt, sondern Personen, die als Eingepasste meinen, sie seien Individualisten, klingt solches Fragen beunruhigend. Etwas stimmt nicht im System, wenn man so fragt. Der Normale, der Funktionierende, der Gute, hat, was er braucht, weil er ist, was er sein soll. Nur Abweichler, Kranke, Schwache oder Bösartige scheren aus, zweifeln, stören oder leisten Widerstand. Die amerikanische Gesellschaft ist eine betreute, besonders nach dem erfolgreichen, gewinnbringenden 2. Weltkrieg hat sich die Konformität dieser Konsumproduzentengesellschaft erstarkt. Die Dystopie von Aldous Huxley (1894-1963), „Brave New World“ von 1932 hat auch ohne die nachgelieferte Kommentierung von Huxley in seinem 1958 erschienen Büchlein „Brave New World Revisited“ erschreckende Aussagekraft. Im Unterschied zu Huxley und seiner Dystopie liefert Percy einen Roman, den viele oberflächlich gesehen als Unterhaltungsstoff genießen, einige aber doch als Kommentar und Illustration des typischen American way of life, wie er seine Protagonisten aushöhlt, unterminiert, schwächt, auffrisst, weil die American values eigentlich keinen Individualismus gestatten und fördern, sondern einen Kollektivismus aggressiver, egoistischer Qualität.

„In the evenings I usually watch television or go to the movies. Week-ends I often spend on the Gulf Coast. Our neighborhood theater in Gentilly has permanent lettering on the front of the marquee reading: Where Happiness Costs Lo Little. The fact is I am quite happy in a movie, even a bad movie.”

Als ich 1973 tausende von Meilen mit dem Bus übers Land zog, notierte ich mir typische Sätze, wie ihn Percy seine Romanfigur erinnern lässt, „Where Happiness Costs So Little“, „We try harder“, „Love it or leave it“. Ich lernte, dass ich im Land der Freiheit nicht viel Wahl habe: entweder zu lieben, also anzunehmen, oder zu gehen, abzuhauen, bevor sie mich hauen. Mit „We try harder“ warben Dienstleister, seien es Tankstellen oder Werkstätten oder Reinigungen. In der gefeierten Popmusik war es der Aufschrei der Protestierenden, der Zukurzgekommenen, jener starken Frauen, die ihre Männer Schlappschwänze und Weicheier fanden, und deren Aufforderung „Try - Just a little bit harder“ (Janis Joplin, 1969) als Song frenetisch beklatsch wurde, in der Realität der Machos aber nichts Veränderndes bewirkte.

„But things have suddenly changed. My peaceful existence in Gentilly has been complicated. This morning, for the first time in years, there occurred to me the posdsibility of a search.”

Es war die Störung der Routine, eine Komplikation.

„As I watched, there awoke in me an immense curiosity. I was onto something. I vowed that if I ever got out of this fix, I would pursue the search. Naturally, as soon as I recovered and got home, I forgot all about it.”

Der Geist war willig, aber das Fleisch schwach. Die Gewohnheit obsiegt. Vergessen entlastet.

„This morning, for example, I felt as if I had come to myself on a strange island. And what does such a castaway do? Why, he pokes around the neighborhood and he doesn’t miss a trick.
To become aware of the possibility of the search is to be onto something. Not to be onto something is to be in despair.
The movies are onto the search, but they screw it up. The search always ends in despair.”

Um die Routine zu unterbrechen, muss man Halt machen, innehalten, reflektieren, neu und anders handeln. Man muss man selbst sein, aber dieses Selbst muss anderer Art sein als das bisherige, das ja auch ein Selbst war, allerdings ein geformtes, eingepasstes, angepasstes. Es gibt jedoch kein ungeformtes Selbst. Nichts ist formlos. Jeder ist sich der nächste, aber niemand ist isoliert alleine, alle sind mit allen verbunden.

„’What do you do with yourself out there in Gentilly?‘ People often ask me what is wrong with the world and also what I do in Gentilly, and I always try to give an answer. The former is an interesting question. I have noticed, however, that no one really wants to listen to an answer.”

Während der Reise erfuhr ich dieses Phänomen nicht so deutlich. Doch als ich einige Jahre später am Virginia Tech studierte, fiel es mir drastisch auf. Ein paar Ausländer, darunter auch ich, antworteten oft auf die stereotypen Fragen nach dem Befinden mit negativen Antworten oder solchen, die für gewöhnlich, weil ungewohnt und unerwartet, als negativ bewertet wurden, was Befremden und Ärger auslöste. Gewohnt war man, dass es allen gut geht und man begeistert ist über das schöne Land der unbeschränkten Möglichkeiten ist. Abweichungen wurden wie Fehler, Abnormitäten, Krankheiten bedauert oder verurteilt. Ich lernte, dass man in den USA nicht arm sein sollte, nicht am Rande leben, und auf jeden Fall nie negativ sich zu äußern, außer man ist stark und verkraftet den Ärger, die Zurückweisung. Anders als die Beobachtung Bollings in Percys Roman wurde zumindest auf Reizworte gehört, und die lösten Erstaunen und Ärger aus.

„She refers to a phenomenon of moviegoing which I have called certification. Nowadays when a person lives somewhere, in a neighborhood, the place is not certified for him. >More than likely he will live there sadly and the emptiness which is inside him will expand until it evacuates the entire neighborhood. But if he sees a movie which shows his very neighborhood, it become possible for him to live, for a time at least, as a person who is Somewhere and not Anywhere.”

Die Suche und die Sicherheit. Die Bestätigung. Wie ein Kleidungsstück, das durch die eingenähte Marke seine Adelung erfährt. Die Umgebung ist nicht irgendeine, sondern eine, die Millionen sahen und sehen und dadurch bestätigen. Es ist nicht nur eine präsente, präsentierte, sondern repräsentierte. Er hätte sich an „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (Siebenteiliges Werk von Marcel Proust (1871-1922), erschienen zwischen 1913 und 1927, einige Bände somit posthum, der epochale Roman der allegorischen Wahrheitssuche) erinnern können, wenn er so eine Erinnerung gespeichert gehabt hätte. Hatte er aber nicht. Und für einen Amerikaner, einen Moviegoer, war diese Art Suche doch zu entfernt, zu blasiert, zu fremd. Dann lieber im Kino und in Suburbia, daheim, im bestätigten Feld, im Garten Eden.

Proust hatte geschrieben:

„Es gibt vielleicht keine Tage unserer Kindheit, die wir so voll erlebt haben wie jene, die wir glauben verstreichen zu lassen, ohne sie zu erleben, jene nämlich, die wir mit einem Lieblingsbuch verbracht haben.“

Das war schon näher bei ihm. Das entsprach Bollings Wesen. Er war nur etwas moderner als der zerbrechliche Franzose. Für ihn Waren movies das, was für Proust die Bücher und ihre Lektüre bildeten. Hinsichtlich des Erlebens hätten sie sich treffen können und sicher verstanden. Die Geschichte, The Search, war das Wichtigste, das Überragende, das übers Gewöhnliche Hinausreichende. Kunst war Leben besonderer Art. Die Verwandtschaft von Prousts Sicht und der von Percy in seiner Figur des Blinx Bolling war überdeutlich. Proust:

„Dann war die letzte Seite gelesen, das Buch war beendet. Ich musste den eiligen Lauf der Augen anhalten und den der ihnen lautlos folgenden Stimme, der nur abbrach, um in einem Seufzer Atem zu schöpfen.“

Das entsprach Bollings Erfahrungen, wenn er aus dem heimeligen, dunklen Kinosaal in das grelle Licht trat, vom Stadtlärm umfangen wurde und er einerseits die Nachwirkungen der Bilder, der Geschichte, noch auskosten wollte, andererseits nicht zu unachtsam am Straßenrand sich bewegen durfte, um nicht Opfer einer Kollision zu werden.

„Today I read Arabia Deserta enclosed in a Standard & Poor binder. … There was a time when this was the last book on earth I’d have chosen to read. Until recent years, I read only ‘fundamental’ books, that is, key books on key subjects. …
There I lay in my hotel room with my search over yet still obliged to draw one breath and then the next. But now I have undertaken a different kind of search, a horizontal sear. As a consequence, what takes place in my room is less important. What is important is what I shall find when I leave my room and wander in the neighborhood. Before, I wandered as a diversion. Now I wander seriously and sit and read as a diversion.”

In einer behüteten, beaufsichtigten, betreuten Welt lebt man in systematischer Sicherheit. Sicherheit liegt gegenüber Freiheit. Die Freiheit in Amerika ist eine vermeintliche, weil die Sicherheit überall über allem Vorrang genießt. Deshalb enden so viele Aussteiger im Suizid, weil sie das Ausstiegsmaß nicht richtig treffen, weil ihnen das Innehalten nicht gelingt, und nicht der Weg zurück vom Trip. Der Wiedereintritt, the re-entry, wie Percy später in seinem Buch „Lost in the Cosmos: The Last Self-Help Book“ ausführte, funktioniert nicht mehr. Das hatte sich in den Konsumhochzeiten entwickelt und wuchs sich in den Folgejahren dramatisch aus. Es war nicht nur ein Problem der Drogen, sondern eines der Mentalität, des geistigen Lebens, der Unselbständigkeit in „a pampered world“.

„Have you noticed that only in time of illness or disaster or death are people real?“

War das der Grund für die allgegenwärtige Aggression, die hohe Kriminalität, die umfassende Grobheit, den Drogenkonsum? Genügten die viele Kriegseinsätze neben dem Sport nicht (mehr) zur Kanalisierung negativer Energie, brauchte es den Alltagskrieg daheim? Konnten die Filme keinen symbolischen Ersatz mehr liefern, weil die Abstumpfung schon zu stark zugenommen hatte, und die Mehrheiten nach mehr verlangten, nach reality tv, real life, das Echte, das Andere, das Außergewöhnliche, weil das Gewöhnliche zum Alptraum geworden war?

Percy lieferte ein Panorama, einen Raster. Er enthielt sich täuschender Antworten. Auf meinen Reisen und während des Studiums lernte ich in den Vereinigten Staaten die Seiten und Kehrseiten kennen, blickte in den Abyssus einer gewalttätigen, unbefriedigten, im Kern unreifen Gesellschaft, die trotz höchster technischer Meisterleistungen kulturell depraviert war, böse auf die eigentliche Erfüllung lauerte: Krieg. Nicht nur im Kino.


Mittwoch, 2. August 2017

Erinnerung & Erinnerungskultur

Eine Notiz:

In seinem Essay "To civilize our gentlemen" (1965) (in: Language & Silence), beleuchtet George Steiner an einem Detail die Malaise unserer Bildung(spolitik)/(sentwicklung), die indirekt die Bedeutung der Erinnerung, auch der sogenannt kollektiven, als Lebensnerv aufzeigt:
"The point is not tirvial. As footnotes lengthen, as glossaries become more elementary (right now it might still be 'Troilus: Trojan hero in love with Cressida, daughter of Calchas, and betrayed by her,' but in a few years the Iliad itself may require identification), the poetry loses immediate impact. It moves out of any direct line of vision into a place of special learning. This fact marks a very large change in the consensus assumed between poet and public. The world of classical mythology, ..., is receding from our natural reach."
Steiner zitiert später einen Ausspruch von Kierkegaard: "It is not worth while remembering that past which cannot become a present." Das, was nicht wiederbelebt, vergegenwärtig werden kann, braucht nicht erinnert werden, oder: Erinnern, echtes Erinnern, ist Vergegenwärtigen. Schöner Hinweis auf Informationsverarbeiter, die einen, so scheint es manchmal, zu einem Speicher und Zeichenverwalter degradieren, als ob es genügte, die Zeichen zu speichern, abzurufen, zu verbinden etc.

In der Vergegenwärtigung, der Interpretation, liegt mehr. Dieses "Mehr" macht den Unterschied!

Aber die Gegenwart ist nichts in sich Ruhendes, Abgeschlossenes, Eigenes. Sie ist immer eine Kulmination aus Vergangenem und sich gegenwärtig Gebendem, das in eine Zukunft rollt, außer der Abbruch durch Tod tritt ein.

Ich erinnere mich da der Worte von Sigmund Freud, der gemeint hat:
"Endlich kommt die merkwürdige Tatsache zur Wirkung, daß die Menschen im allgemeinen ihre Gegenwart wie naiv erleben, ohne deren Inhalte würdigen zu können; sie müssen erst Distanz zu ihr gewinnen, d.h. die Gegewart muß zur Vergangenheit geworden sein, wennn man aus ihr Anhaltspunkte zur Beurteilung des Zukünftigen gewinnen soll."
(Freud: Die Zukunft einer Illusion)
Ein Hinweis, ein Argument für geschichtliches Denken: Rückschau, Erinnerung, kurz das, was aus Distanz in anderm Licht und (Über)Blick (er)faßbar wird! Man könnte Freud auch so verstehen, dass aus oder in "bloßer" Gegenwart keine Beurteilung eines Zukünftigen möglich wäre.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Lese- und Denkabenteuer (Thoreau & Co.)



Haimo L. Handl

Lese- und Denkabenteuer (Thoreau & Co.)

1973 reiste ich das erste Mal in die Vereinigten Staaten von Amerika. Was für Goethe Italien war, sollte mir Nordamerika werden. Ich hatte vor, ca. ein halbes Jahr zu reisen und nicht nur in den Großstädten zu leben. Auf meine Reise, die mich in 30 Bundesstaaten sowie das südöstliche Kanada führte, hatte ich mich mit ausgewählter Lektüre vorbereitet.

Ich kannte einiges an Literatur der Beat-Generation, hatte viel von Walt Whitman gelesen und die sogenannten „linken“ Autoren, wie z.B. Herbert Marcuse oder Jerry Rubin. Fasziniert war ich vom Engländer Aldous Huxley, der Amerikaner geworden war, dessen Dystopie „Brave New World“, noch vor dem 2. Weltkrieg 1932 publiziert, eine hoch interessante Gegenüberstellung zu Orwells „1984“ (1949 erschienen) bildete. Von Huxley hatte ich kurz vor der Reise auch das schmale Büchlein „Brave New World revisited“ mir vorgenommen, das 1958 als rückblickende Auslegung und Erläuterung erschien. Im Buch „Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft“ von Theodor W. Adorno (1955, Wissenschaftliche Sonderausgabe 1969), dessen Sonderausgabe des Suhrkampverlages ich ebenfalls im Frühjahr 1973 erwarb und studierte, fand ich den Beitrag „Aldous Huxley und die Utopie“, dessen Beginn mich aufhorchen (aufsehen) ließ:

Die europäische Katastrophe, die ihren langen Schatten vorauswarf, hat zum ersten Male in Amerika den Typus der intellektuellen Emigration hervorgebracht. Wer im neunzehnten Jahrhundert in die neue Welt ging, den lockten die unbegrenzten Möglichkeiten; er wanderte aus, um sein Glück zu machen oder wenigstens das Auskommen zu finden, das übervölkerte europäische Länder ihm versagten. Das Interesse der Selbsterhaltung war stärker als das der Erhaltung des Selbst, und der wirtschaftliche Aufschwung der Vereinigten Staaten stand im Zeichen des gleichen Prinzips, das den Auswanderer über den Ozean trieb. Er bemühte sich um erfolgreiche Anpassung, nicht um Kritik, welche den Rechtsanspruch und die Aussicht der eigenen Anstrengung angekränkelt hätte. Beherrscht vom Kampf um die Reproduktion des Lebens, waren die Ankömmlinge weder ihrer Bildung und Vergangenheit noch ihrer Stellung im gesellschaftlichen Prozeß nach dazu angetan, von der Übergewalt des tobenden Daseins sich zu distanzieren. (…)
Die Skepsis eines Besuchers wie Tocqueville, der vor hundert Jahren bereits den Aspekt der Unfreiheit an der hemmungslosen Egalität wahrnahm, blieb die Ausnahme; Auflehnung gegen das, was man im Jargon der deutschen Kulturkonservativen Amerikanismus nannte, gab es eher bei Amerikanern wie Poe, Emerson und Thoreau als bei den Neuankömmlingen. (…)
Dem Intellektuellen von drüben wird unmißverständlich bedeutet, daß er sich als autonomes Wesen auszumerzen habe, wenn er etwas erreichen – unter die Angestellten des zum Supertrust zusammengeschlossenen Lebens aufgenommen werden will. (…)
Huxleys ›Brave New World‹ ist deren Niederschlag, oder vielmehr ihre Rationalisierung. Der Roman, eine Zukunftsphantasie mit rudimentärer Handlung, versucht, die Schocks aus dem Prinzip der Entzauberung der Welt zu begreifen, es ins Aberwitzige zu steigern und die Idee von Menschenwürde der durchschauten Unmenschlichkeit abzutrotzen. (…)
Die Erkenntnis von der Nichtigkeit des Individuums, gesellschaftlich wahr, wird auf das privat überforderte Individuum abgewälzt. Daß es fungibel, in Wahrheit nicht es selber, sondern die »Charaktermaske« der Gesellschaft ist, rechnet Huxleys Buch, wie sein gesamtes œuvre, dem verabsolutierten Individuum als seine Schuld, als Unechtheit, Verlogenheit, beschränkten Egoismus, als all das an, worauf subtil beschreibende Ichpsychologie pochen kann. Im authentischen bürgerlichen Geiste ist der Einzelne für Huxley zugleich alles – weil er nämlich einmal das Prinzip der Eigentumsordnung abgab – und nichts, absolut ersetzbar als bloßer Träger des Eigentums. Das ist der Preis, den die Ideologie des Individualismus für die eigene Unwahrheit zu entrichten hat. Das fabula docet des Romans ist nihilistischer, als es der Humanität recht sein kann, die er proklamiert.

Diese Kritik schien mir im Lichte von Huxleys Schrift „Brave New World revisited“ als übertrieben und einseitig. Aber sie sensibilisierte und lenkte meinen Blick auch auf Emerson und Thoreau, von denen ich nur wenige politische Schriften kannte, vor allem zum zivilen Ungehorsam. Im Buch „Brave New World revisited“ geht der Huxley auf seine Dystopie näher ein und kommentiert bzw. ergänzt seine Vision mit Erkenntnissen seiner Gegenwart (27 Jahre nach Abfassen der negativen Utopie) und erläutert die Problemkreise in 12 Kapiteln: 1) Over-Population, 2) Quantity, Quality, Morality, 3) Over-Organization, 4) Propaganda in a Democratic Society, 5) Propaganda Under a Dictatorship, 6) Ther Arts of Selling, 7) Brainwashing, 8) Chemical Persuasion, 9) Subconscious Persuasion, 10) Hypnopaedia, 11) Education for Freedom, 12) What Can Be Done? Was im Einzelnen schier unannehmbar erscheinen mag, gewinnt als Ganzes humanistischen Sinn. Vergleicht man die Arbeiten der Behavioristen (Skinner und Co.), wird der Abstand bzw. das Trennende zur Position von Huxley überdeutlich. Die Warnung für der gesellschaftlichen, ausbeuterischen Verwaltung und Zurichtung ist klar und eindeutig; ihr liegt die unbedingte Wertschätzung des Individuums zugrunde. In vielem berühren sich Aussagen der Kulturkritik der Frankfurter Schule mit seinen Überlegungen. Reizvoll der Vergleich des 11. Kapitels mit Adornos Aufsatz "Erziehung nach Auschwitz" (in "Stichworte. Kritische Modelle 2, 1969), wo es zu Beginn heißt:

Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. (...) Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug. Daß man aber die Forderung, und was sie an Fragen aufwirft, so wenig sich bewußt macht, zeigt, daß das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist, Symptom dessen, daß die Möglichkeit der Wiederholung, was den Bewußtseins- und Unbewußtseinsstand der Menschen anlangt, fortbesteht. (...)
 Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, sondern Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. (...)
Unter den Einsichten von Freud, die wahrhaft auch in Kultur und Soziologie hineinreichen, scheint mir eine der tiefsten die, daß die Zivilisation ihrerseits das Antizivilisatorische hervorbringt und es zunehmend verstärkt. Seine Schriften ›Das Unbehagen in der Kultur‹ und ›Massenpsychologie und Ich- Analyse‹ verdienten die allerweiteste Verbreitung gerade im Zusammenhang mit Auschwitz. Wenn im Zivilisationsprinzip selbst die Barbarei angelegt ist, dann hat es etwas Desperates, dagegen aufzubegehren. (...)
Man wird weiter die Erwägung nicht von sich abweisen können, daß die Erfindung der Atombombe, die buchstäblich mit einem Schlag Hunderttausende auslöschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hineingehört wie der Völkermord. Die sprunghafte Bevölkerungszunahme heute nennt man gern Bevölkerungsexplosion: es sieht aus, als ob die historische Fatalität für die Bevölkerungsexplosion auch Gegenexplosionen, die Tötung ganzer Bevölkerungen, bereit hätte. Das nur, um anzudeuten, wie sehr die Kräfte, gegen die man angehen muß, solche des Zuges der Weltgeschichte sind.

Mir scheint, dass Huxley diese gesellschaftliche Komponente berücksichtigt, insbesondere in seiner Wertung der Standardisierung und ihrer Gefahren für die individuelle Lebensgestaltung. Er betonte die Gefahren der Vereinfachungen, der sprachlichen Reduktionen und wies auf Machenschaften der unterschiedlichen Manipulateure hin, in der Werbung ebenso wie in den Wissenschaften, der Kultur und vor allem der Politik. Er widersprach den Milieutheorien bzw. den Behavioristen und insistierte auf den Eigenheiten der Individuen.

Ich weiß nicht mehr, wie ich über Steiner zum amerikanischen Linguisten und linken Kritiker Noam Chomsky kam. Jedenfalls über die Linguistik, weil ich begierig George Steiners Kritik an der Grammatiktheorie von Chomsky las, was dazu führte, dass ich nicht nur einige sprachwissenschaftliche Werke des Linguisten Chomsky erwarb, sondern, noch im Frühjahr 1973, seine politische Kritik „Amerika und die neuen Mandarine“ (,„American Power and the New Mandarins“, Orig. und Übersetzung 1969), ein aktuelles Buch, das über die Verantwortung des Intellektuellen ebenso sprach wie es eine vehemente Kritik des Vietnamkrieges führte. Die Kollaboration von Intellektuellen im Bereich der Wissenschaft, das Mitwirken von profitgeilen Unternehmern und willfährigen Journalisten bzw. Werbefachleuten, kurz das Regime der Ausbeuter wird heftig kritisiert. Die Täuschungsmanöver, die gezielten Desinformationen und Lügen werden angeführt und mit Beispielen belegt. Chomsky liefert eine harsche Kritik.

George Steiner geht allerdings auf den Linguisten Chomsky ein und behandelt die kulturellen, literarischen oder sprachlichen Aspekte. Hier wird auch die Bewertung der Linguistik, wie von Chomsky vertreten, besonders interessant, weil das Transzendente der Transzendentialisten, zu denen auch Thoreau zu rechnen ist (neben Emerson, Hawthorne, Whitman und Melville) ausgeblendet wird bzw. alles Metaphysische oder gar Mystische, was George Steiner bedauernd hervorhebt. Schon im Vorwort zu seiner Anthologie „Extra-Territorial. Papers on Literature and the Language Revolution“ (1971) geht er auf den Disput mit Chomsky und Anhängern der transformalen generativen Grammatik ein:

I am persuaded that the phenomenon of language is such that a rigorously idealized and nearly mathematical account of the deep structures and generation of human speech is bound to be incomplete and, very possibly, distorting. It is the thinness, the determinism of the generative transformational case–particularly in its current dogmatic vein–that I find disturbing. It is the refusal to see at how immediate a level problems of formal description become a matter of general philosophy and of the image one has of man’s relations to the Logos. (…)
Chomskian linguistics is insistent, often polemically, on its innovative autonomy. It is also rigorous in its inference of what is or is not relevant, of wat is or is not respectable. (…) This has meant not only a daqmaqging failure to take just account of a good deals of the philosophic-linguistic work of Saussure (…), of Wittgenstein, and of I. A. Richards, but a total indifference to the more speculative, meta-logical areas of the philosophy of language.

In diesem Zusammenhang sind seine Aufsätze “The Language Animal” sowie “Tongues of Men – with some comments by Noam Chomsky“ von besonderem Interesse. Die sprachphilosophische Auseinandersetzung kann oder soll hier nicht erfolgen, es reicht der Hinweis auf das kulturelle Umfeld, in welchem die Begegnung mit Thoreau erfolgte.

Eine andere historische und politische Kritik fand ich in L. L. Matthias‘ Buch „Die Kehrseite der USA“ (1964), a biased report, aber eben, dem Titel entsprechend, auf die Kehrseite fokussierend. Diese Schlagseite oder Ausrichtung wurde in Deutschland heftig kritisiert und als billiger, böser Antiamerikanismus denunziert (z.B. von Waldemar Besson der der ZEIT vom 11.12.1964). In den Fünfziger- und Sechzigerjahren schien die amerikanische Sonne blendend und durfte nicht beschattet werden.

Da war Chomskys Kritik unverholen, klar, deutlich und direkt. Seine Ausführungen „Über den Widerstand“ samt Nachtrag begeisterten mich; sie gingen weit über das Thema des Ungehorsams, wie von Thoreau propagiert, hinaus.

Von Herbert Marcuse nahm ich als Reiselektüre das Büchlein „Kunst und Revolution“ mit, das schier zerfleddert die Reise überlebte. Die Konfrontation linken utopischen Denkens mit der amerikanischen Realität stellte sich als einerseits reizvoll, andererseits ernüchternd dar.

Ein Amerikaner, der Engländer geworden war, T. S. Eliot, sprach mich weniger mit seinen Dramen an, als mit seinen Gedichten; zu meinen Favoriten zählte ich neben „The Waste Land“ vor allem „The Hollow Men“. Eliot hatte auch Essays verfasst, von denen ich damals nur einen kannte: „Notes Towards the Definition of Culture“(1948); ich habe heute noch die deutsche Übersetzung, die in Rowohlts Deutscher Enzyklopädie erschienen war (rde 136), und die ich in Zürich, wo ich 1972 bis zur Amerikareise im Sommer 1973 bei der Schweizerischen Bankgesellschaft mir das Geld für die Reise erarbeitete, erworben hatte. Was mich in der deutschen Taschenbuchausgabe negativ überraschte, war der Aufsatz von Hendrik de Man als enzyklopädisches Stichwort “Kultur oder Zivilisation“, eine nicht nur untaugliche Konterstellung im Titel, sondern eine erzkonservative Einführung eines Autors, der als Sozialist und Nazikollaborateur in Verruf geraten war. Dass der Rowohlt Verlag 1961 diesen Text dieses Autors wählte, färbte Eliots Arbeit ungut ein.
Zu diesem Büchlein hat der amerikanische Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker George Steiner eine Art Gegenschrift veröffentlicht: „In Bluebeard’s Castle. Some Notes Towards the Re-definition of Culture“ (1971). Ich hatte also die konservative Definition von Kultur als auch ihre etwas weniger konservative Redefinition.

Von Henry David Thoreau kannte ich zuerst seine Schrift „Civil Disobedience “(“Resistance to Civil Government”, or “On the Duty of Civil Disobedience“ (1849). Erst kurz vor meiner Reise besorgte ich mir “Walden” (1854), das während meiner Reise verloren ging, so dass ich es später nochmals erwarb (eine Ausgabe herausgegeben und eingeleitet von Joseph Wood Krutch „Walden and Other Writings“). Neben Whitman und Thoreau las ich während der Reise den damals bekannt gewordenen Carlos Castaneda oder den LSD-Apostel Timothy Leary sowie Allen Ginsberg, Peter Orlovsky, Jack Kerouac, Lawrence Ferlinghetti, William Carlos William oder William S. Burroughs und einige konventionelle Autoren wie Philip Roth und andere.

„Walden“ hätte ich fast weggelegt, weil das erste Kapitel „Economy“ mich schier langweilte mit den Aufzählungen von Materialien, Werkzeug und Kosten, die der Autor zur Errichtung seiner Hütte brauchte. Irgendwie erinnerte mich das an die kleinliche Pedanterie, die eine Art von Sicherheit erzeugen soll, wie bei Defoes „Robinson“. Doch dann las ich weiter, überwand mich und fand sogar Gefallen an der Geschichte des temporären Aussteigers, der in pragmatischer Sicherheit sich dennoch erprobte.

Ich sitze im Bus und betrachte die vorbeihuschende Landschaft, eingefärbt vom Grün des Sonnenschutzglases. Nein, die Landschaft liegt da (sie steht nicht, sitzt nicht, sie liegt), aber durch das Busfenster erscheint sich vorüberziehend. Ich gleite in eine Art Dämmerzustand, in welchem sich Erinnerungen mischen mit den monochromen Bildern. „At present I am a sojourner in civilized life again.“ (Alle Zitate, wenn nicht anders vermerkt, aus Thoreaus “Walden”.) Ich lerne, nicht automatisch, nicht vorschnell, meine gewohnten Sichten zu sehen oder auf Grund ihrer wie gewohnt, also gewöhnlich zu deuten. Ich sitze im Bus, atme nicht ausreichend gekühlte Luft, höre die Fahrgeräusche nur entfernt, döse irgendwie. I see young men, my townsmen, whose misfortune it is to have inherited farms, houses, barns, cattle, and farming tools; for these are more easily acquired than got rid of.“ Aber ich treffe Leute, die zu wenig haben, die von Almosen leben, die keine Besitzlast tragen müssen, sondern die in Warteschlangen anstehen für eine Suppe, den Mantelkragen hochgeschlagen, als ob es windig kalt wäre. Ihnen ist auch im Sommer kalt. Im Bus riecht man diese Leute, was bei vielen Amerikanern, die noch nicht so tief gefallen oder gesunken sind, Aversionen oder Aggressionen weckt. Einige kriegen, wie ich in Gesprächen hörte, nur Aushilfsjobs, schlecht bezahlt, unsicher. Aber sogar bei den Armen, den Entrechteten, schwärt eine Ungleichheit, ein Rassismus. Die Schwarzen, die Latinos haben es besonders schwer. Die Rasse erscheint als Stigma einerseits, als persönlicher Fehler andererseits. Most men, even in this comparatively free country, through mere ignorance and mistake, are so occupied with the factitious cares and superfluously coarse labors of life that its finer fruits cannot be plucked by them.” Ich verstünde die Rassenlage nicht, ich sei ein naiver Europäer. Wenn ich hier länger lebte, würde ich begreifen, hörte ich immer wieder. Die wenigstens ließen sich zivilisieren. Sie machten nicht mit, heißt es. Ich sehe die Demarkationslinien in den Suburbs: hier weiß, dort schwarz. Hier sicher und sauber, dort dreckig und gefährlich. Hier Recht und Ordnung, dort Kriminalität und Abschaum. „Some of you, we all know, are poor, find it hard to live, are sometimes, as it were, gasping for breath.“ Er kam auf mich zu, fragte nach der Zeit. Als ich den linken Arm hob um auf die Uhr zu blicken, griff er danach, wollte sie mir runterreißen. Wie oft werde ich noch Auskunft geben? So wie letzthin, als ich unvorsichtiger Weise nicht einfach nach ein paar Münzen in der Hosentasche griff, sondern meine Geldbörse öffnete, was zum Zugriff verleitete. Sie sind ja arm. Sie sind am Hund. Sie haben nicht einmal eine Hütte, schon gar nicht am Weiher oder See. Sie leben in Hauseinfahrten, Höfen, so lange, bis man sie verjagt, bis die Cops auftauchen mit ihren Schlagstöcken und Colts. The mass of men lead lives of quiet desperation. What is called resignation is confirmed desperation. From die desperate city you go into the desperate country, and have to console yourself with the bravery of minks und muskrats.”


Henry David Thoreau hatte gute Freunde. Er hatte nicht  nur eine Ausbildung, sondern war gebildet. Er versuchte zu verstehen. Er setzte sich aus. Er prüfte, Er dachte. Er hätte sicher geschmunzelt über die Bemerkung von Nietzsche:

„Die Fähigkeit, uns selber zu vergessen, die Hingebung, die Aufopferung — all das Verdienst so seltener Gaben ist verloren für den, welcher nicht weiß, sich geliebt zu machen, wenn er liebt. Diese leidenschaftlichen Seelen werden dann undankbar: sie profitiren von ihrer Civilisation, um sie zu verläumden. Wo können sie denn leben, wenn nicht in den Wäldern und nicht in der Welt!“
Nachgelassene Fragmente 1884 25(76)

Thoreau war zwar nie verheiratet, aber nie einsam verlassen. Und er vermochte gut zu leben, nicht nur in der Hütte für zwei Jahre, sondern überhaupt, obwohl er kein Streber war und taugte nicht für das industrielle Leben. Die Resignation, die er als Verzweiflung erkannte, war ihm keine Gefahr. Er hatte sich eine Eigenständigkeit erarbeitet, auf die einige Beobachtungen von Adorno zutreffen, die in seinem Text „Resignation“ (1969) zu lesen sind neben Sätzen, die eine kritische Prüfung seiner Haltung herausfordern:

Pseudo-Aktivität ist generell der Versuch, inmitten einer durch und durch vermittelten und verhärteten Gesellschaft sich Enklaven der Unmittelbarkeit zu retten. Rationalisiert wird das damit, die kleine Veränderung sei eine Etappe auf dem langen Weg zu der des Ganzen. Das fatale Modell von Pseudo-Aktivität ist das »Do it yourself«, Mach es selber: Tätigkeiten, die, was längst mit den Mitteln der industriellen Produktion besser geleistet werden kann, nur um in den unfreien, in ihrer Spontaneität gelähmten Einzelnen die Zuversicht zu erwecken, auf sie käme es an. Der Unsinn des »Mach es selber« bei der Herstellung materieller Güter, auch bei vielen Reparaturen, liegt auf der Hand.
Kein Zufall, daß die Ideale unmittelbarer Aktion, selbst die Propaganda der Tat, wiederauferstanden sind, nachdem ehemals progressive Organisationen sich willig integrierten und in allen Ländern der Erde Züge dessen entwickeln, wogegen sie einmal gerichtet waren.
Das Ich muß sich durchstreichen, damit es der Gnadenwahl des Kollektivs teilhaftig werde. Unausdrücklich hat sich ein wenig Kantischer kategorischer Imperativ aufgerichtet: du mußt unterschreiben. Das Gefühl neuer Geborgenheit wird bezahlt mit dem Opfer autonomen Denkens. Trügend der Trost, im Zusammenhang kollektiver Aktion werde besser gedacht: Denken, als bloßes Instrument von Aktionen, stumpft ab wie die instrumentelle Vernunft insgesamt. Keine höhere Gestalt der Gesellschaft ist, zu dieser Stunde, konkret sichtbar: darum hat, was sich gebärdet, als wäre es zum Greifen nah, etwas Regressives. Wer aber regrediert, hat Freud zufolge sein Triebziel nicht erreicht. Rückbildung ist objektiv Entsagung, auch wenn sie sich für das Gegenteil hält und arglos das Lustprinzip propagiert.
Demgegenüber ist der kompromißlos kritisch Denkende, der weder sein Bewußtsein überschreibt noch zum Handeln sich terrorisieren läßt, in Wahrheit der, welcher nicht abläßt.
Was einmal gedacht ward, kann unterdrückt, vergessen werden, verwehen. Aber es läßt sich nicht ausreden, daß etwas davon überlebt. Denn Denken hat das Moment des Allgemeinen. Was triftig gedacht wurde, muß woanders, von anderen gedacht werden: dies Vertrauen begleitet noch den einsamsten und ohnmächtigsten Gedanken. Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert. Weil der Denkende es sich nicht antun muß, will er es auch den anderen nicht antun. Das Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht, ist das Glück der Menschheit. Die universale Unterdrückungstendenz geht gegen den Gedanken als solchen.

Ich stelle mir Thoreau als glücklichen Menschen vor. Er dachte selbst, er war unerschrocken. Er dachte sozial. Er verstand die Kultur und sah die Abgründe und Gefahren der Industrialisierung, besonders in seinem Land, in seiner Heimat. In „Walden“ begeisterte mich ganz besonders das Kapitel „Lektüre“ (Reading), worin er Ansichten äußert, wie sie in Europa von Kierkegaard oder Karl Kraus hinsichtlich der Presse geschrieben wurden bzw. Einsichten ins Lesen bietet, wie wir sie von namhaften Philosophen oder Literaten kennen. Mir kam es vor wie ein Sprung von Eliot zu Steiner nach vorne zurück zu Thoreau. Als ob es keine Linearität gäbe, offerierte sich der Sinn vielfältig, alt und älter und neuer, so dass ich Sätze hätte mischen können mit solchen aus Werken von Eliot, Huxley, Adorno, Eco, Nietzsche (als Konterpart) zu einem sinnvollen Gefüge, angereichert mit Humboldt und Herder oder Schelling und Novalis, aber auch von Edmund Wilson, dem eminenten amerikanischen Literaturkritiker, Redakteur und Herausgeber, F. R. Leavis oder Jorge Luis Borges und Hugeo von Hofmannsthal oder auch Martin Heidegger, der den Amerikaner noch fremder ist als den Europäern.

Thoreau liefert eine Zivilisationskritik. Um seine Position, seine Leistung zu würdigen, sollte man sich klar machen, in welcher Zeit er lebte und schrieb. Was ereignete sich 1839, 1848 oder 1854, als Thoreaus „Walden“ erschien in Europa und den USA? Welche Errungenschaften waren erreicht? Wie in einem Kulturfahrplan üblich müsste man sich einen Überblick verschaffen in unterschiedlichen Bereichen wie Literatur, Bildende Kunst, Musik oder Oper, Religion oder Philosophie, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik sowie Politik (Kriege etc.).

Zum Transzendentalismus der USA (1830-1860) korrespondiert in Europa das Biedermeier bzw. der Vormärz (1815 bzw. 1825-1848) und Realismus (1848-1890), zum Viktorianischen Zeitalter (1837-1901)  im anglophonen Raum haben wir den Naturalismus (1880-1900). Wer sind in den verschiedenen Gebieten die herausragenden Persönlichkeiten?

Ein kleines Beispiel:
1838-1839-1840 Opiumkrieg der Briten in China (bis 1842), Bürgerkrieg in Uruguay (bis 1886), Briten erobern Hong Kong; Adelbert von Chamisso stirbt, Gedeichte von Droste-Hülshoff und Mörike, Sagen von Schwab, „Der Dämon“ von Lermontow, Lehrgedicht von Rückert, Roman von Stendhal, Dramen von Grillparzer und Hebbel; Société d’Ethnologie in Paris gegründet, Streitschrift von Proudhon, erste Arbeiterbildungsvereine in Deutschland; Delacroix, Turner, Spitzweg neue Arbeiten, Caspar David Friedrich stirbt; Berlioz „Benvenuto Cellini“ und „Romeo und Julia“, Chopin „Préludes“, Schumann „Nachtstücke“, Paganini stirbt;
1848 Revolutionsjahr, Kommunistisches Manifest;
1854-1855 USA Gründung der rep. Partei, G. Keller „Der grüne Heinrich“, Uraufführung von Faust 2 in Hamburg, Schelling stirbt, Gobineau „Versuch über die Ungleichheit der Rassen“, Kierkegaard stirbt, ETH Zürich gegründet; J. Burckhardt „Cicerone“, Berlioz „Te Deum“, Liszt „Les Préludes“, Richard Wagner „Der Ring des Nibelungen“ (vollendet 1874), Verdi „Sizilianische Vesper“, Karl Friedrich Gauß stirbt, Drucktelegraph von David Edward Hughes, Livingstone entdeckt in Afrika Victoriafälle; Erste Kriegsfotos von Roger Benton, Anschlagsäulen von Ernst Litfaß, Weltausstellung in Paris, 1. Warenhaus in Paris.

Im Detail wäre interessant zu wissen und zu vergleichen die jeweilige nationale Population, Arbeiterschaft, Industrialisierung, Einkommensverteilung, Verkehrswesen, Bildungsgrad (Alphabetisierung), Anzahl an Volksschulen und Höheren Schulen, Zeitungen sowie Buchproduktion und Anzahl/Größe der Bibliotheken.

So könnte ein Bild der Zeit, ein Panorama der Zeiten entstehen, in welchem oder in welchen Sätze wie von Thoreau „Ich wollte tief leben“ gegenübergestellt werden dem Satz von Nietzsche „Gefährlich leben“, wo Sätze des Prosaikers Adalbert Stifter aus seinem Nachsommer konterkariert werden mit ähnlichen von Thoreau:

Jetzt kann sich eine kleine Landstadt und ihre Umgebung mit dem, was sie hat, was sie ist, und was sie weiß, absperren, bald wird es aber nicht mehr so sein, sie wird in den allgemeinen Verkehr gerissen werden. Dann wird, um der Allberührung genügen zu können, das, was der Geringste wissen und können muß, um vieles größer sein als jetzt.
Die Staaten, die durch Entwicklung des Verstandes und durch Bildung sich dieses Wissen zuerst erwerben, werden an Reichtum, an Macht und Glanz vorausschreiten und die andern sogar in Frage stellen können. Welche Umgestaltungen wird aber erst auch der Geist in seinem ganzen Wesen erlangen?
Diese Wirkung ist bei weitem die wichtigste. Der Kampf in dieser Richtung wird sich fortkämpfen, er ist entstanden, weil neue menschliche Verhältnisse eintraten, das Brausen, von welchem ich sprach, wird noch stärker werden, wie lange es dauern wird, welche Übel entstehen werden, vermag ich nicht zu sagen; aber es wird eine Abklärung folgen, die Übermacht des Stoffes wird vor dem Geiste, der endlich doch siegen wird, eine bloße Macht werden, die er gebraucht, und weil er einen neuen menschlichen Gewinn gemacht hat, wird eine Zeit der Größe kommen, die in der Geschichte noch nicht dagewesen ist.
(Stifter, Der Nachsommer, 1857)

I know that most men think differently from myself; but those whose lives are by profession devoted to the study of these or kindred subjects, content me as little as any. Statesmen and legislators, standing so completely within the institution, never distinctly and nakedly behold it. They speak of moving society, but have no resting-place without it. They may be men of a certain experience and discrimination, and have no doubt invented ingenious and even useful systems, for which we sincerely thank them; but all their wit and usefulness lie within certain not very wide limits. They are wont to forget that the world is not governed by policy and expediency. Webster never goes behind government, and so cannot speak with authority about it. His words are wisdom to those legislators who contemplate no essential reform in the existing government; but for thinkers, and those who legislate for all time, he never once glances at the subject. I know of those whose serene and wise speculations on this theme would soon reveal the limits of his mind's range and hospitality. Yet, compared with the cheap professions of most reformers, and the still cheaper wisdom and eloquence of politicians in general, his are almost the only sensible and valuable words, and we thank Heaven for him. Comparatively, he is always strong, original, and, above all, practical. Still, his quality is not wisdom, but prudence. The lawyer's truth is not truth, but consistency or a consistent expediency. Truth is always in harmony with herself, and is not concerned chiefly to reveal the justice that may consist with wrong-doing. He well deserves to be called, as he has been called, the Defender of the Constitution. There are really no blows to be given by him but defensive ones. He is not a leader, but a follower. His leaders are the men of '87. "I have never made an effort," he says, "and never propose to make an effort; I have never countenanced an effort, and never mean to countenance an effort, to disturb the arrangement as originally made, by which the various States came into the Union." Still thinking of the sanction which the Constitution gives to slavery, he says, "Because it was a part of the original compact—let it stand." Notwithstanding his special acuteness and ability, he is unable to take a fact out of its merely political relations, and behold it as it lies absolutely to be disposed of by the intellect—what, for instance, it behooves a man to do here in America to-day with regard to slavery, but ventures, or is driven, to make some such desperate answer as the following, while professing to speak absolutely, and as a private man—from which what new and singular code of social duties might be inferred? "The manner," says he, "in which the governments of those States where slavery exists are to regulate it is for their own consideration, under their responsibility to their constituents, to the general laws of propriety, humanity, and justice, and to God. Associations formed elsewhere, springing from a feeling of humanity, or any other cause, have nothing whatever to do with it. They have never received any encouragement from me, and they never will."
They who know of no purer sources of truth, who have traced up its stream no higher, stand, and wisely stand, by the Bible and the Constitution, and drink at it there with reverence and humility; but they who behold where it comes trickling into this lake or that pool, gird up their loins once more, and continue their pilgrimage toward its fountain-head.
No man with a genius for legislation has appeared in America. They are rare in the history of the world. There are orators, politicians, and eloquent men, by the thousand; but the speaker has not yet opened his mouth to speak who is capable of settling the much-vexed questions of the day. We love eloquence for its own sake, and not for any truth which it may utter, or any heroism it may inspire. Our legislators have not yet learned the comparative value of free-trade and of freedom, of union, and of rectitude, to a nation. They have no genius or talent for comparatively humble questions of taxation and finance, commerce and manufacturers and agriculture. If we were left solely to the wordy wit of legislators in Congress for our guidance, uncorrected by the seasonable experience and the effectual complaints of the people, America would not long retain her rank among the nations. For eighteen hundred years, though perchance I have no right to say it, the New Testament has been written; yet where is the legislator who has wisdom and practical talent enough to avail himself of the light which it sheds on the science of legislation?
(Thoreau: “Walden” – excerpt from the Conclusion)