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Mittwoch, 12. Juli 2017

Lese- und Denkabenteuer (Thoreau & Co.)



Haimo L. Handl

Lese- und Denkabenteuer (Thoreau & Co.)

1973 reiste ich das erste Mal in die Vereinigten Staaten von Amerika. Was für Goethe Italien war, sollte mir Nordamerika werden. Ich hatte vor, ca. ein halbes Jahr zu reisen und nicht nur in den Großstädten zu leben. Auf meine Reise, die mich in 30 Bundesstaaten sowie das südöstliche Kanada führte, hatte ich mich mit ausgewählter Lektüre vorbereitet.

Ich kannte einiges an Literatur der Beat-Generation, hatte viel von Walt Whitman gelesen und die sogenannten „linken“ Autoren, wie z.B. Herbert Marcuse oder Jerry Rubin. Fasziniert war ich vom Engländer Aldous Huxley, der Amerikaner geworden war, dessen Dystopie „Brave New World“, noch vor dem 2. Weltkrieg 1932 publiziert, eine hoch interessante Gegenüberstellung zu Orwells „1984“ (1949 erschienen) bildete. Von Huxley hatte ich kurz vor der Reise auch das schmale Büchlein „Brave New World revisited“ mir vorgenommen, das 1958 als rückblickende Auslegung und Erläuterung erschien. Im Buch „Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft“ von Theodor W. Adorno (1955, Wissenschaftliche Sonderausgabe 1969), dessen Sonderausgabe des Suhrkampverlages ich ebenfalls im Frühjahr 1973 erwarb und studierte, fand ich den Beitrag „Aldous Huxley und die Utopie“, dessen Beginn mich aufhorchen (aufsehen) ließ:

Die europäische Katastrophe, die ihren langen Schatten vorauswarf, hat zum ersten Male in Amerika den Typus der intellektuellen Emigration hervorgebracht. Wer im neunzehnten Jahrhundert in die neue Welt ging, den lockten die unbegrenzten Möglichkeiten; er wanderte aus, um sein Glück zu machen oder wenigstens das Auskommen zu finden, das übervölkerte europäische Länder ihm versagten. Das Interesse der Selbsterhaltung war stärker als das der Erhaltung des Selbst, und der wirtschaftliche Aufschwung der Vereinigten Staaten stand im Zeichen des gleichen Prinzips, das den Auswanderer über den Ozean trieb. Er bemühte sich um erfolgreiche Anpassung, nicht um Kritik, welche den Rechtsanspruch und die Aussicht der eigenen Anstrengung angekränkelt hätte. Beherrscht vom Kampf um die Reproduktion des Lebens, waren die Ankömmlinge weder ihrer Bildung und Vergangenheit noch ihrer Stellung im gesellschaftlichen Prozeß nach dazu angetan, von der Übergewalt des tobenden Daseins sich zu distanzieren. (…)
Die Skepsis eines Besuchers wie Tocqueville, der vor hundert Jahren bereits den Aspekt der Unfreiheit an der hemmungslosen Egalität wahrnahm, blieb die Ausnahme; Auflehnung gegen das, was man im Jargon der deutschen Kulturkonservativen Amerikanismus nannte, gab es eher bei Amerikanern wie Poe, Emerson und Thoreau als bei den Neuankömmlingen. (…)
Dem Intellektuellen von drüben wird unmißverständlich bedeutet, daß er sich als autonomes Wesen auszumerzen habe, wenn er etwas erreichen – unter die Angestellten des zum Supertrust zusammengeschlossenen Lebens aufgenommen werden will. (…)
Huxleys ›Brave New World‹ ist deren Niederschlag, oder vielmehr ihre Rationalisierung. Der Roman, eine Zukunftsphantasie mit rudimentärer Handlung, versucht, die Schocks aus dem Prinzip der Entzauberung der Welt zu begreifen, es ins Aberwitzige zu steigern und die Idee von Menschenwürde der durchschauten Unmenschlichkeit abzutrotzen. (…)
Die Erkenntnis von der Nichtigkeit des Individuums, gesellschaftlich wahr, wird auf das privat überforderte Individuum abgewälzt. Daß es fungibel, in Wahrheit nicht es selber, sondern die »Charaktermaske« der Gesellschaft ist, rechnet Huxleys Buch, wie sein gesamtes œuvre, dem verabsolutierten Individuum als seine Schuld, als Unechtheit, Verlogenheit, beschränkten Egoismus, als all das an, worauf subtil beschreibende Ichpsychologie pochen kann. Im authentischen bürgerlichen Geiste ist der Einzelne für Huxley zugleich alles – weil er nämlich einmal das Prinzip der Eigentumsordnung abgab – und nichts, absolut ersetzbar als bloßer Träger des Eigentums. Das ist der Preis, den die Ideologie des Individualismus für die eigene Unwahrheit zu entrichten hat. Das fabula docet des Romans ist nihilistischer, als es der Humanität recht sein kann, die er proklamiert.

Diese Kritik schien mir im Lichte von Huxleys Schrift „Brave New World revisited“ als übertrieben und einseitig. Aber sie sensibilisierte und lenkte meinen Blick auch auf Emerson und Thoreau, von denen ich nur wenige politische Schriften kannte, vor allem zum zivilen Ungehorsam. Im Buch „Brave New World revisited“ geht der Huxley auf seine Dystopie näher ein und kommentiert bzw. ergänzt seine Vision mit Erkenntnissen seiner Gegenwart (27 Jahre nach Abfassen der negativen Utopie) und erläutert die Problemkreise in 12 Kapiteln: 1) Over-Population, 2) Quantity, Quality, Morality, 3) Over-Organization, 4) Propaganda in a Democratic Society, 5) Propaganda Under a Dictatorship, 6) Ther Arts of Selling, 7) Brainwashing, 8) Chemical Persuasion, 9) Subconscious Persuasion, 10) Hypnopaedia, 11) Education for Freedom, 12) What Can Be Done? Was im Einzelnen schier unannehmbar erscheinen mag, gewinnt als Ganzes humanistischen Sinn. Vergleicht man die Arbeiten der Behavioristen (Skinner und Co.), wird der Abstand bzw. das Trennende zur Position von Huxley überdeutlich. Die Warnung für der gesellschaftlichen, ausbeuterischen Verwaltung und Zurichtung ist klar und eindeutig; ihr liegt die unbedingte Wertschätzung des Individuums zugrunde. In vielem berühren sich Aussagen der Kulturkritik der Frankfurter Schule mit seinen Überlegungen. Reizvoll der Vergleich des 11. Kapitels mit Adornos Aufsatz "Erziehung nach Auschwitz" (in "Stichworte. Kritische Modelle 2, 1969), wo es zu Beginn heißt:

Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. (...) Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug. Daß man aber die Forderung, und was sie an Fragen aufwirft, so wenig sich bewußt macht, zeigt, daß das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist, Symptom dessen, daß die Möglichkeit der Wiederholung, was den Bewußtseins- und Unbewußtseinsstand der Menschen anlangt, fortbesteht. (...)
 Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, sondern Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. (...)
Unter den Einsichten von Freud, die wahrhaft auch in Kultur und Soziologie hineinreichen, scheint mir eine der tiefsten die, daß die Zivilisation ihrerseits das Antizivilisatorische hervorbringt und es zunehmend verstärkt. Seine Schriften ›Das Unbehagen in der Kultur‹ und ›Massenpsychologie und Ich- Analyse‹ verdienten die allerweiteste Verbreitung gerade im Zusammenhang mit Auschwitz. Wenn im Zivilisationsprinzip selbst die Barbarei angelegt ist, dann hat es etwas Desperates, dagegen aufzubegehren. (...)
Man wird weiter die Erwägung nicht von sich abweisen können, daß die Erfindung der Atombombe, die buchstäblich mit einem Schlag Hunderttausende auslöschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hineingehört wie der Völkermord. Die sprunghafte Bevölkerungszunahme heute nennt man gern Bevölkerungsexplosion: es sieht aus, als ob die historische Fatalität für die Bevölkerungsexplosion auch Gegenexplosionen, die Tötung ganzer Bevölkerungen, bereit hätte. Das nur, um anzudeuten, wie sehr die Kräfte, gegen die man angehen muß, solche des Zuges der Weltgeschichte sind.

Mir scheint, dass Huxley diese gesellschaftliche Komponente berücksichtigt, insbesondere in seiner Wertung der Standardisierung und ihrer Gefahren für die individuelle Lebensgestaltung. Er betonte die Gefahren der Vereinfachungen, der sprachlichen Reduktionen und wies auf Machenschaften der unterschiedlichen Manipulateure hin, in der Werbung ebenso wie in den Wissenschaften, der Kultur und vor allem der Politik. Er widersprach den Milieutheorien bzw. den Behavioristen und insistierte auf den Eigenheiten der Individuen.

Ich weiß nicht mehr, wie ich über Steiner zum amerikanischen Linguisten und linken Kritiker Noam Chomsky kam. Jedenfalls über die Linguistik, weil ich begierig George Steiners Kritik an der Grammatiktheorie von Chomsky las, was dazu führte, dass ich nicht nur einige sprachwissenschaftliche Werke des Linguisten Chomsky erwarb, sondern, noch im Frühjahr 1973, seine politische Kritik „Amerika und die neuen Mandarine“ (,„American Power and the New Mandarins“, Orig. und Übersetzung 1969), ein aktuelles Buch, das über die Verantwortung des Intellektuellen ebenso sprach wie es eine vehemente Kritik des Vietnamkrieges führte. Die Kollaboration von Intellektuellen im Bereich der Wissenschaft, das Mitwirken von profitgeilen Unternehmern und willfährigen Journalisten bzw. Werbefachleuten, kurz das Regime der Ausbeuter wird heftig kritisiert. Die Täuschungsmanöver, die gezielten Desinformationen und Lügen werden angeführt und mit Beispielen belegt. Chomsky liefert eine harsche Kritik.

George Steiner geht allerdings auf den Linguisten Chomsky ein und behandelt die kulturellen, literarischen oder sprachlichen Aspekte. Hier wird auch die Bewertung der Linguistik, wie von Chomsky vertreten, besonders interessant, weil das Transzendente der Transzendentialisten, zu denen auch Thoreau zu rechnen ist (neben Emerson, Hawthorne, Whitman und Melville) ausgeblendet wird bzw. alles Metaphysische oder gar Mystische, was George Steiner bedauernd hervorhebt. Schon im Vorwort zu seiner Anthologie „Extra-Territorial. Papers on Literature and the Language Revolution“ (1971) geht er auf den Disput mit Chomsky und Anhängern der transformalen generativen Grammatik ein:

I am persuaded that the phenomenon of language is such that a rigorously idealized and nearly mathematical account of the deep structures and generation of human speech is bound to be incomplete and, very possibly, distorting. It is the thinness, the determinism of the generative transformational case–particularly in its current dogmatic vein–that I find disturbing. It is the refusal to see at how immediate a level problems of formal description become a matter of general philosophy and of the image one has of man’s relations to the Logos. (…)
Chomskian linguistics is insistent, often polemically, on its innovative autonomy. It is also rigorous in its inference of what is or is not relevant, of wat is or is not respectable. (…) This has meant not only a daqmaqging failure to take just account of a good deals of the philosophic-linguistic work of Saussure (…), of Wittgenstein, and of I. A. Richards, but a total indifference to the more speculative, meta-logical areas of the philosophy of language.

In diesem Zusammenhang sind seine Aufsätze “The Language Animal” sowie “Tongues of Men – with some comments by Noam Chomsky“ von besonderem Interesse. Die sprachphilosophische Auseinandersetzung kann oder soll hier nicht erfolgen, es reicht der Hinweis auf das kulturelle Umfeld, in welchem die Begegnung mit Thoreau erfolgte.

Eine andere historische und politische Kritik fand ich in L. L. Matthias‘ Buch „Die Kehrseite der USA“ (1964), a biased report, aber eben, dem Titel entsprechend, auf die Kehrseite fokussierend. Diese Schlagseite oder Ausrichtung wurde in Deutschland heftig kritisiert und als billiger, böser Antiamerikanismus denunziert (z.B. von Waldemar Besson der der ZEIT vom 11.12.1964). In den Fünfziger- und Sechzigerjahren schien die amerikanische Sonne blendend und durfte nicht beschattet werden.

Da war Chomskys Kritik unverholen, klar, deutlich und direkt. Seine Ausführungen „Über den Widerstand“ samt Nachtrag begeisterten mich; sie gingen weit über das Thema des Ungehorsams, wie von Thoreau propagiert, hinaus.

Von Herbert Marcuse nahm ich als Reiselektüre das Büchlein „Kunst und Revolution“ mit, das schier zerfleddert die Reise überlebte. Die Konfrontation linken utopischen Denkens mit der amerikanischen Realität stellte sich als einerseits reizvoll, andererseits ernüchternd dar.

Ein Amerikaner, der Engländer geworden war, T. S. Eliot, sprach mich weniger mit seinen Dramen an, als mit seinen Gedichten; zu meinen Favoriten zählte ich neben „The Waste Land“ vor allem „The Hollow Men“. Eliot hatte auch Essays verfasst, von denen ich damals nur einen kannte: „Notes Towards the Definition of Culture“(1948); ich habe heute noch die deutsche Übersetzung, die in Rowohlts Deutscher Enzyklopädie erschienen war (rde 136), und die ich in Zürich, wo ich 1972 bis zur Amerikareise im Sommer 1973 bei der Schweizerischen Bankgesellschaft mir das Geld für die Reise erarbeitete, erworben hatte. Was mich in der deutschen Taschenbuchausgabe negativ überraschte, war der Aufsatz von Hendrik de Man als enzyklopädisches Stichwort “Kultur oder Zivilisation“, eine nicht nur untaugliche Konterstellung im Titel, sondern eine erzkonservative Einführung eines Autors, der als Sozialist und Nazikollaborateur in Verruf geraten war. Dass der Rowohlt Verlag 1961 diesen Text dieses Autors wählte, färbte Eliots Arbeit ungut ein.
Zu diesem Büchlein hat der amerikanische Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker George Steiner eine Art Gegenschrift veröffentlicht: „In Bluebeard’s Castle. Some Notes Towards the Re-definition of Culture“ (1971). Ich hatte also die konservative Definition von Kultur als auch ihre etwas weniger konservative Redefinition.

Von Henry David Thoreau kannte ich zuerst seine Schrift „Civil Disobedience “(“Resistance to Civil Government”, or “On the Duty of Civil Disobedience“ (1849). Erst kurz vor meiner Reise besorgte ich mir “Walden” (1854), das während meiner Reise verloren ging, so dass ich es später nochmals erwarb (eine Ausgabe herausgegeben und eingeleitet von Joseph Wood Krutch „Walden and Other Writings“). Neben Whitman und Thoreau las ich während der Reise den damals bekannt gewordenen Carlos Castaneda oder den LSD-Apostel Timothy Leary sowie Allen Ginsberg, Peter Orlovsky, Jack Kerouac, Lawrence Ferlinghetti, William Carlos William oder William S. Burroughs und einige konventionelle Autoren wie Philip Roth und andere.

„Walden“ hätte ich fast weggelegt, weil das erste Kapitel „Economy“ mich schier langweilte mit den Aufzählungen von Materialien, Werkzeug und Kosten, die der Autor zur Errichtung seiner Hütte brauchte. Irgendwie erinnerte mich das an die kleinliche Pedanterie, die eine Art von Sicherheit erzeugen soll, wie bei Defoes „Robinson“. Doch dann las ich weiter, überwand mich und fand sogar Gefallen an der Geschichte des temporären Aussteigers, der in pragmatischer Sicherheit sich dennoch erprobte.

Ich sitze im Bus und betrachte die vorbeihuschende Landschaft, eingefärbt vom Grün des Sonnenschutzglases. Nein, die Landschaft liegt da (sie steht nicht, sitzt nicht, sie liegt), aber durch das Busfenster erscheint sich vorüberziehend. Ich gleite in eine Art Dämmerzustand, in welchem sich Erinnerungen mischen mit den monochromen Bildern. „At present I am a sojourner in civilized life again.“ (Alle Zitate, wenn nicht anders vermerkt, aus Thoreaus “Walden”.) Ich lerne, nicht automatisch, nicht vorschnell, meine gewohnten Sichten zu sehen oder auf Grund ihrer wie gewohnt, also gewöhnlich zu deuten. Ich sitze im Bus, atme nicht ausreichend gekühlte Luft, höre die Fahrgeräusche nur entfernt, döse irgendwie. I see young men, my townsmen, whose misfortune it is to have inherited farms, houses, barns, cattle, and farming tools; for these are more easily acquired than got rid of.“ Aber ich treffe Leute, die zu wenig haben, die von Almosen leben, die keine Besitzlast tragen müssen, sondern die in Warteschlangen anstehen für eine Suppe, den Mantelkragen hochgeschlagen, als ob es windig kalt wäre. Ihnen ist auch im Sommer kalt. Im Bus riecht man diese Leute, was bei vielen Amerikanern, die noch nicht so tief gefallen oder gesunken sind, Aversionen oder Aggressionen weckt. Einige kriegen, wie ich in Gesprächen hörte, nur Aushilfsjobs, schlecht bezahlt, unsicher. Aber sogar bei den Armen, den Entrechteten, schwärt eine Ungleichheit, ein Rassismus. Die Schwarzen, die Latinos haben es besonders schwer. Die Rasse erscheint als Stigma einerseits, als persönlicher Fehler andererseits. Most men, even in this comparatively free country, through mere ignorance and mistake, are so occupied with the factitious cares and superfluously coarse labors of life that its finer fruits cannot be plucked by them.” Ich verstünde die Rassenlage nicht, ich sei ein naiver Europäer. Wenn ich hier länger lebte, würde ich begreifen, hörte ich immer wieder. Die wenigstens ließen sich zivilisieren. Sie machten nicht mit, heißt es. Ich sehe die Demarkationslinien in den Suburbs: hier weiß, dort schwarz. Hier sicher und sauber, dort dreckig und gefährlich. Hier Recht und Ordnung, dort Kriminalität und Abschaum. „Some of you, we all know, are poor, find it hard to live, are sometimes, as it were, gasping for breath.“ Er kam auf mich zu, fragte nach der Zeit. Als ich den linken Arm hob um auf die Uhr zu blicken, griff er danach, wollte sie mir runterreißen. Wie oft werde ich noch Auskunft geben? So wie letzthin, als ich unvorsichtiger Weise nicht einfach nach ein paar Münzen in der Hosentasche griff, sondern meine Geldbörse öffnete, was zum Zugriff verleitete. Sie sind ja arm. Sie sind am Hund. Sie haben nicht einmal eine Hütte, schon gar nicht am Weiher oder See. Sie leben in Hauseinfahrten, Höfen, so lange, bis man sie verjagt, bis die Cops auftauchen mit ihren Schlagstöcken und Colts. The mass of men lead lives of quiet desperation. What is called resignation is confirmed desperation. From die desperate city you go into the desperate country, and have to console yourself with the bravery of minks und muskrats.”


Henry David Thoreau hatte gute Freunde. Er hatte nicht  nur eine Ausbildung, sondern war gebildet. Er versuchte zu verstehen. Er setzte sich aus. Er prüfte, Er dachte. Er hätte sicher geschmunzelt über die Bemerkung von Nietzsche:

„Die Fähigkeit, uns selber zu vergessen, die Hingebung, die Aufopferung — all das Verdienst so seltener Gaben ist verloren für den, welcher nicht weiß, sich geliebt zu machen, wenn er liebt. Diese leidenschaftlichen Seelen werden dann undankbar: sie profitiren von ihrer Civilisation, um sie zu verläumden. Wo können sie denn leben, wenn nicht in den Wäldern und nicht in der Welt!“
Nachgelassene Fragmente 1884 25(76)

Thoreau war zwar nie verheiratet, aber nie einsam verlassen. Und er vermochte gut zu leben, nicht nur in der Hütte für zwei Jahre, sondern überhaupt, obwohl er kein Streber war und taugte nicht für das industrielle Leben. Die Resignation, die er als Verzweiflung erkannte, war ihm keine Gefahr. Er hatte sich eine Eigenständigkeit erarbeitet, auf die einige Beobachtungen von Adorno zutreffen, die in seinem Text „Resignation“ (1969) zu lesen sind neben Sätzen, die eine kritische Prüfung seiner Haltung herausfordern:

Pseudo-Aktivität ist generell der Versuch, inmitten einer durch und durch vermittelten und verhärteten Gesellschaft sich Enklaven der Unmittelbarkeit zu retten. Rationalisiert wird das damit, die kleine Veränderung sei eine Etappe auf dem langen Weg zu der des Ganzen. Das fatale Modell von Pseudo-Aktivität ist das »Do it yourself«, Mach es selber: Tätigkeiten, die, was längst mit den Mitteln der industriellen Produktion besser geleistet werden kann, nur um in den unfreien, in ihrer Spontaneität gelähmten Einzelnen die Zuversicht zu erwecken, auf sie käme es an. Der Unsinn des »Mach es selber« bei der Herstellung materieller Güter, auch bei vielen Reparaturen, liegt auf der Hand.
Kein Zufall, daß die Ideale unmittelbarer Aktion, selbst die Propaganda der Tat, wiederauferstanden sind, nachdem ehemals progressive Organisationen sich willig integrierten und in allen Ländern der Erde Züge dessen entwickeln, wogegen sie einmal gerichtet waren.
Das Ich muß sich durchstreichen, damit es der Gnadenwahl des Kollektivs teilhaftig werde. Unausdrücklich hat sich ein wenig Kantischer kategorischer Imperativ aufgerichtet: du mußt unterschreiben. Das Gefühl neuer Geborgenheit wird bezahlt mit dem Opfer autonomen Denkens. Trügend der Trost, im Zusammenhang kollektiver Aktion werde besser gedacht: Denken, als bloßes Instrument von Aktionen, stumpft ab wie die instrumentelle Vernunft insgesamt. Keine höhere Gestalt der Gesellschaft ist, zu dieser Stunde, konkret sichtbar: darum hat, was sich gebärdet, als wäre es zum Greifen nah, etwas Regressives. Wer aber regrediert, hat Freud zufolge sein Triebziel nicht erreicht. Rückbildung ist objektiv Entsagung, auch wenn sie sich für das Gegenteil hält und arglos das Lustprinzip propagiert.
Demgegenüber ist der kompromißlos kritisch Denkende, der weder sein Bewußtsein überschreibt noch zum Handeln sich terrorisieren läßt, in Wahrheit der, welcher nicht abläßt.
Was einmal gedacht ward, kann unterdrückt, vergessen werden, verwehen. Aber es läßt sich nicht ausreden, daß etwas davon überlebt. Denn Denken hat das Moment des Allgemeinen. Was triftig gedacht wurde, muß woanders, von anderen gedacht werden: dies Vertrauen begleitet noch den einsamsten und ohnmächtigsten Gedanken. Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert. Weil der Denkende es sich nicht antun muß, will er es auch den anderen nicht antun. Das Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht, ist das Glück der Menschheit. Die universale Unterdrückungstendenz geht gegen den Gedanken als solchen.

Ich stelle mir Thoreau als glücklichen Menschen vor. Er dachte selbst, er war unerschrocken. Er dachte sozial. Er verstand die Kultur und sah die Abgründe und Gefahren der Industrialisierung, besonders in seinem Land, in seiner Heimat. In „Walden“ begeisterte mich ganz besonders das Kapitel „Lektüre“ (Reading), worin er Ansichten äußert, wie sie in Europa von Kierkegaard oder Karl Kraus hinsichtlich der Presse geschrieben wurden bzw. Einsichten ins Lesen bietet, wie wir sie von namhaften Philosophen oder Literaten kennen. Mir kam es vor wie ein Sprung von Eliot zu Steiner nach vorne zurück zu Thoreau. Als ob es keine Linearität gäbe, offerierte sich der Sinn vielfältig, alt und älter und neuer, so dass ich Sätze hätte mischen können mit solchen aus Werken von Eliot, Huxley, Adorno, Eco, Nietzsche (als Konterpart) zu einem sinnvollen Gefüge, angereichert mit Humboldt und Herder oder Schelling und Novalis, aber auch von Edmund Wilson, dem eminenten amerikanischen Literaturkritiker, Redakteur und Herausgeber, F. R. Leavis oder Jorge Luis Borges und Hugeo von Hofmannsthal oder auch Martin Heidegger, der den Amerikaner noch fremder ist als den Europäern.

Thoreau liefert eine Zivilisationskritik. Um seine Position, seine Leistung zu würdigen, sollte man sich klar machen, in welcher Zeit er lebte und schrieb. Was ereignete sich 1839, 1848 oder 1854, als Thoreaus „Walden“ erschien in Europa und den USA? Welche Errungenschaften waren erreicht? Wie in einem Kulturfahrplan üblich müsste man sich einen Überblick verschaffen in unterschiedlichen Bereichen wie Literatur, Bildende Kunst, Musik oder Oper, Religion oder Philosophie, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik sowie Politik (Kriege etc.).

Zum Transzendentalismus der USA (1830-1860) korrespondiert in Europa das Biedermeier bzw. der Vormärz (1815 bzw. 1825-1848) und Realismus (1848-1890), zum Viktorianischen Zeitalter (1837-1901)  im anglophonen Raum haben wir den Naturalismus (1880-1900). Wer sind in den verschiedenen Gebieten die herausragenden Persönlichkeiten?

Ein kleines Beispiel:
1838-1839-1840 Opiumkrieg der Briten in China (bis 1842), Bürgerkrieg in Uruguay (bis 1886), Briten erobern Hong Kong; Adelbert von Chamisso stirbt, Gedeichte von Droste-Hülshoff und Mörike, Sagen von Schwab, „Der Dämon“ von Lermontow, Lehrgedicht von Rückert, Roman von Stendhal, Dramen von Grillparzer und Hebbel; Société d’Ethnologie in Paris gegründet, Streitschrift von Proudhon, erste Arbeiterbildungsvereine in Deutschland; Delacroix, Turner, Spitzweg neue Arbeiten, Caspar David Friedrich stirbt; Berlioz „Benvenuto Cellini“ und „Romeo und Julia“, Chopin „Préludes“, Schumann „Nachtstücke“, Paganini stirbt;
1848 Revolutionsjahr, Kommunistisches Manifest;
1854-1855 USA Gründung der rep. Partei, G. Keller „Der grüne Heinrich“, Uraufführung von Faust 2 in Hamburg, Schelling stirbt, Gobineau „Versuch über die Ungleichheit der Rassen“, Kierkegaard stirbt, ETH Zürich gegründet; J. Burckhardt „Cicerone“, Berlioz „Te Deum“, Liszt „Les Préludes“, Richard Wagner „Der Ring des Nibelungen“ (vollendet 1874), Verdi „Sizilianische Vesper“, Karl Friedrich Gauß stirbt, Drucktelegraph von David Edward Hughes, Livingstone entdeckt in Afrika Victoriafälle; Erste Kriegsfotos von Roger Benton, Anschlagsäulen von Ernst Litfaß, Weltausstellung in Paris, 1. Warenhaus in Paris.

Im Detail wäre interessant zu wissen und zu vergleichen die jeweilige nationale Population, Arbeiterschaft, Industrialisierung, Einkommensverteilung, Verkehrswesen, Bildungsgrad (Alphabetisierung), Anzahl an Volksschulen und Höheren Schulen, Zeitungen sowie Buchproduktion und Anzahl/Größe der Bibliotheken.

So könnte ein Bild der Zeit, ein Panorama der Zeiten entstehen, in welchem oder in welchen Sätze wie von Thoreau „Ich wollte tief leben“ gegenübergestellt werden dem Satz von Nietzsche „Gefährlich leben“, wo Sätze des Prosaikers Adalbert Stifter aus seinem Nachsommer konterkariert werden mit ähnlichen von Thoreau:

Jetzt kann sich eine kleine Landstadt und ihre Umgebung mit dem, was sie hat, was sie ist, und was sie weiß, absperren, bald wird es aber nicht mehr so sein, sie wird in den allgemeinen Verkehr gerissen werden. Dann wird, um der Allberührung genügen zu können, das, was der Geringste wissen und können muß, um vieles größer sein als jetzt.
Die Staaten, die durch Entwicklung des Verstandes und durch Bildung sich dieses Wissen zuerst erwerben, werden an Reichtum, an Macht und Glanz vorausschreiten und die andern sogar in Frage stellen können. Welche Umgestaltungen wird aber erst auch der Geist in seinem ganzen Wesen erlangen?
Diese Wirkung ist bei weitem die wichtigste. Der Kampf in dieser Richtung wird sich fortkämpfen, er ist entstanden, weil neue menschliche Verhältnisse eintraten, das Brausen, von welchem ich sprach, wird noch stärker werden, wie lange es dauern wird, welche Übel entstehen werden, vermag ich nicht zu sagen; aber es wird eine Abklärung folgen, die Übermacht des Stoffes wird vor dem Geiste, der endlich doch siegen wird, eine bloße Macht werden, die er gebraucht, und weil er einen neuen menschlichen Gewinn gemacht hat, wird eine Zeit der Größe kommen, die in der Geschichte noch nicht dagewesen ist.
(Stifter, Der Nachsommer, 1857)

I know that most men think differently from myself; but those whose lives are by profession devoted to the study of these or kindred subjects, content me as little as any. Statesmen and legislators, standing so completely within the institution, never distinctly and nakedly behold it. They speak of moving society, but have no resting-place without it. They may be men of a certain experience and discrimination, and have no doubt invented ingenious and even useful systems, for which we sincerely thank them; but all their wit and usefulness lie within certain not very wide limits. They are wont to forget that the world is not governed by policy and expediency. Webster never goes behind government, and so cannot speak with authority about it. His words are wisdom to those legislators who contemplate no essential reform in the existing government; but for thinkers, and those who legislate for all time, he never once glances at the subject. I know of those whose serene and wise speculations on this theme would soon reveal the limits of his mind's range and hospitality. Yet, compared with the cheap professions of most reformers, and the still cheaper wisdom and eloquence of politicians in general, his are almost the only sensible and valuable words, and we thank Heaven for him. Comparatively, he is always strong, original, and, above all, practical. Still, his quality is not wisdom, but prudence. The lawyer's truth is not truth, but consistency or a consistent expediency. Truth is always in harmony with herself, and is not concerned chiefly to reveal the justice that may consist with wrong-doing. He well deserves to be called, as he has been called, the Defender of the Constitution. There are really no blows to be given by him but defensive ones. He is not a leader, but a follower. His leaders are the men of '87. "I have never made an effort," he says, "and never propose to make an effort; I have never countenanced an effort, and never mean to countenance an effort, to disturb the arrangement as originally made, by which the various States came into the Union." Still thinking of the sanction which the Constitution gives to slavery, he says, "Because it was a part of the original compact—let it stand." Notwithstanding his special acuteness and ability, he is unable to take a fact out of its merely political relations, and behold it as it lies absolutely to be disposed of by the intellect—what, for instance, it behooves a man to do here in America to-day with regard to slavery, but ventures, or is driven, to make some such desperate answer as the following, while professing to speak absolutely, and as a private man—from which what new and singular code of social duties might be inferred? "The manner," says he, "in which the governments of those States where slavery exists are to regulate it is for their own consideration, under their responsibility to their constituents, to the general laws of propriety, humanity, and justice, and to God. Associations formed elsewhere, springing from a feeling of humanity, or any other cause, have nothing whatever to do with it. They have never received any encouragement from me, and they never will."
They who know of no purer sources of truth, who have traced up its stream no higher, stand, and wisely stand, by the Bible and the Constitution, and drink at it there with reverence and humility; but they who behold where it comes trickling into this lake or that pool, gird up their loins once more, and continue their pilgrimage toward its fountain-head.
No man with a genius for legislation has appeared in America. They are rare in the history of the world. There are orators, politicians, and eloquent men, by the thousand; but the speaker has not yet opened his mouth to speak who is capable of settling the much-vexed questions of the day. We love eloquence for its own sake, and not for any truth which it may utter, or any heroism it may inspire. Our legislators have not yet learned the comparative value of free-trade and of freedom, of union, and of rectitude, to a nation. They have no genius or talent for comparatively humble questions of taxation and finance, commerce and manufacturers and agriculture. If we were left solely to the wordy wit of legislators in Congress for our guidance, uncorrected by the seasonable experience and the effectual complaints of the people, America would not long retain her rank among the nations. For eighteen hundred years, though perchance I have no right to say it, the New Testament has been written; yet where is the legislator who has wisdom and practical talent enough to avail himself of the light which it sheds on the science of legislation?
(Thoreau: “Walden” – excerpt from the Conclusion)

Sonntag, 21. Mai 2017

Gabriele Folz-Friedl: Mythos Wald

 








Gabriele Folz-Friedl: Mythos Wald

Henry David Thoreaus "Walden – ein Leben in den Wäldern" vs. Ernst Jüngers "Der Waldgang"



Henry David Thoreau, dessen Geburtstag sich am 12. Juli 2017 zum zweihundertsten Male jährt, verfasste sein bekanntestes Werk „Walden“, nachdem er sich für zwei Jahre in die Einsamkeit der Wälder rund um den Waldensee in Massachusetts zurückgezogen hatte, um dort das „einfache Leben“ kennenzulernen. Noch heute ist die Strahlkraft der später in der Hippiebewegung so bezeichneten „Aussteigerbibel“ ungebrochen und übertrifft an Bekanntheitsgrad und Wirkung ohne weiteres ein Werk, dessen hier vergleichend und gegenüberstellend ebenfalls gedacht werden soll:  es handelt sich um den knapp hundert Jahre später erschienen Essay Ernst Jüngers „Der Waldgang“. Ein Text, der, jedenfalls was dessen gesellschaftspolitische Dimension anlangt, meines Erachtens eine ungleich größere Sprengkraft aufweist als „Walden“.

            Gleichwohl gibt es neben allen Unterschieden und auch trotz des fundamental verschiedenen Ansatzes der Autoren nicht wenige thematische Überschneidungen, vor allem aber eine Leitlinie, deren Bedeutung kaum zu überschätzen ist, da sie sich eines jahrhundertealten vielgestaltigen und offenbar unsterblichen Mythos bedient, nämlich des „Mythos Wald“.

            Das gesellschaftskritische Element im Werk Thoreaus ist unübersehbar, es lässt sich sogar eine grundsätzliche Widerständigkeit gegenüber Staat und Gesellschaft feststellen, die in der Idee des zivilen Ungehorsams gegenüber der Staatsmacht gipfelt -  was in diesem Fall jede Art von Widerstand einschließt, sofern er gewaltlos ist. Eine Haltung, von der sich in der Folge etliche historische Personen mit bürgerrechtlichen Anliegen, wie zum Beispiel Gandhi und Martin Luther King, inspirieren ließen und daraus ihre Legitimation herleiteten. Bei Thoreau führte dies in einer bestimmten Phase seines Lebens zu Steuerverweigerung und Gefängnis, da er auf solche Weise seinen Protest gegen die Sklaverei und die Kriegspolitik der USA gegenüber Mexiko ausdrücken wollte. So aufs Nachdrücklichste seine Auffassung unterstreichend vom absoluten Primat des persönlichen Gewissens vor den staatlichen Gesetzen. Er machte deutlich, dass er sein Wort : „Der wahre Platz eines freien Menschen in einem Verbrecherstaat ist das Gefängnis“,ohne Umstände mit allen Konsequenzen in die Realität umzusetzen bereit war. Folgerichtig entgegnete er seinem Freund Emerson, der ihn finanziell auslöste, auf dessen entgeisterte Bemerkung, warum er hier (eben im Gefängnis) sei, lakonisch: „Und warum bist du nicht hier?“ (Wobei der Ordnung halber zu bemerken ist, dass von der genannten Episode mehrere Varianten existieren, die historisch allesamt nicht gesichert zu sein scheinen. Kritiker behaupten, dass Thoreau hier Tatsachen umgedeutet und geschönt und lediglich an seinem eigenen Heldenmythos gebastelt habe. An seiner grundsätzlichen Haltung ändert dies jedoch nichts.)

            Mit Emerson, dem Begründer des vom deutschen Idealismus beeinflussten amerikanischen „Transzendentalismus“, zu dessen Kreis auch Persönlichkeiten wie Hawthorne und Walt Whitman zählten, verband ihn nicht nur die gemeinsame Ideenwelt, sondern auch eine enge Freundschaft. Der Waldensee, an dessen Ufer Thoreau sein Blockhaus baute, lag auf einem Emerson gehörenden Grund und in der Nähe eines Dorfes, also nicht so weit ab der Zivilisation, dass der Kontakt zu dieser völlig unterbrochen war, aber einsam genug, dass er hier seine Vorstellungen von der Rückkehr zur „Einfachheit“mit allen sich daraus ergebenden Folgen für alle Lebensbereiche, verwirklichen konnte. Emerson, sowie andere ihn umgebende Transzendentalisten, teilte diese Vorstellungen im Wesentlichen, ohne  freilich ähnlich rigoros in deren Umsetzung zu sein – oder auch sein zu wollen.

            Thoreaus Ethik basierte zwar auf dem Christentum, aber ohne dass er im eigentlich christlichen Sinn gläubig gewesen wäre – in einem andern Sinn und auf seine Weise war er dies aber sehr wohl. Wie andere amerikanische Transzendentalisten war er Anhänger des schellingschen  Pantheismus, eine Theorie, die von einer grundsätzlichen Beseeltheit der Schöpfung, sowie der Gegenwart des sich in der Natur stetig fortzeugenden und immer neu manifestierenden Göttlichen ausgeht. Er besaß also das, was in der deutschen Romantik gerne „Naturfrömmigkeit“ genannt wurde. Als Idealist glaubte er an eine fortschreitende Vervollkommnung des menschlichen Geschlechts durch die unermüdlichen diesbezüglichen Bestrebungen des Individuums, das ihm überhaupt wichtiger als jegliche abstrakte Gesellschaftstheorie war (worin er sich übrigens mit Jünger trifft).                                                                          
           
            Dass zwei Weltkriege später, mit einhergehender gesellschaftlicher Verrohung und kaum für denkbar gehaltener Verbrechen, ein Ernst Jünger die menschliche Natur mit weit weniger Optimismus betrachten musste, liegt auf der Hand. Jüngers Humanismus ist ein zutiefst elitärer, indem er - vor allem unter widrigen bis katastrophalen Umständen - ausschließlich dem aus der Masse herausgehobenen Einzelmenschen die mutige Bewahrung und Verteidigung des Humanen, notfalls unter Einsatz des Lebens, zutraute. Eine zutiefst unzeitgemäße Einstellung, für die jedoch gute Gründe geltend zu machen sind, wie jeder Blick zurück in die Geschichte, nicht zuletzt auf etliche, noch nicht lange vergangene Diktaturen, nahelegen könnte. Deswegen ist sein „Waldgang“ auch ein im eigentlichen Wortsinn radikaler, an die stets bedrohten Wurzeln menschlicher Existenz gehender, fundamental anders gewichteter Text, der Topos „Wald“ aufgeladen mit Bedeutungen, die in Thoreaus Schrift nur gestreift werden . Was sich in Jüngers Text gänzlich abwesend zeigt, ist die liebevolle stiftersche Versenkung in die Natur, ins Nahe, Kleine, Schützenswerte, die Thoreau in der Muße seiner Abgeschiedenheit und in der Gnade einer knapp hundert Jahre früheren Geburt, sich noch unbelastet und unbefangen gönnen konnte.

            Ist der Wald für Thoreau ein Ort des unmittelbaren Erlebens, der Naturbeobachtung, doch auch der Introspektion, ein Ort, der die Produktion gepflegter philosophischer Gedanken fördert, die zuweilen sehr tief sein können, wohlformuliert und teilweise von berückender Poesie, zuweilen hingegen die biedermeierliche Betulichkeit von Kalendersprüchen streifen, so ist der Wald für Jünger neben aller zugrundeliegender Erlebnishaftigkeit (Jünger war leidenschaftlicher Naturbeobachter und Insektenkundler) vor allem auch ein theoretisches, ein philosophisches Konstrukt, das sich durchaus ebenso auf übertragene Phänomene beziehen kann. Der Wald kann ohne weiteres der sogenannte „Großstadtdschungel“ sein, kann überhaupt jeder Ort sein, der dem Individuum erlaubt, sich aus einer komplett durchverwalteten Welt in regellose, anarchische Situationen zu begeben, die die Möglichkeit bieten, die Karten grundsätzlich neu zu mischen. Er ist jedenfalls die Zuflucht dessen, der sich gejagt und ausgestoßen weiß, der Rückzugsort des Partisanen, des heimlichen Gegners eines herrschenden Systems – und Jünger weist darauf hin, welcher Doppelsinn diesem deutschen Wort „heimlich“ innewohnt, welches im Heimlichen vertraut Heimisches und verstörend Unheimliches, Verborgenes mitschwingen lässt.

            Aber für beide, Thoreau wie Jünger, ist der Wald der Ort des Heraustretens aus dem Gewohnten, das ganz Andere, der absolute Gegenpol zu den Zwängen einer wie immer gearteten Gesellschaft,  der Ort des Archaischen, des Anti- oder  vielmehr Vor-Zivilisatorischen, der grundsätzlichen Zivilisationskritik. Konsequent zuende gedacht und ins Bösartige gewendet, kann so geartete Kritik auch in Zivilisationsfeindlichkeit umschlagen und  pathologische Züge annehmen, wie im Falle des als „Una-Bomber“ bekannt gewordenen Ted Kaczynski, der,  hochintelligent, und, als Hochschulprofessor der Mathematik, selbst ein Produkt der ihm im Laufe seiner Entwicklung immer verhasster werdenden Wissenschafts - Gesellschaft, seinen Hass vor allem auf deren technische Errungenschaften richtete, bis er sich in eine einsame Blockhütte in den Wäldern zurückzog, um endgültig mit der Welt   „da draußen“ zu brechen. Hier geriet er immer tiefer in allgemeinen Menschenhass und ins  Krankhafte gesteigerte Aggression, bastelte (sein technisches Wissen und Geschick erlaubte dies schließlich) raffinierte Briefbomben und begann, diese an herausragende Protagonisten des einschlägigen Hochschulbetriebs zu versenden, bis man ihn schließlich aufspürte und verhaftete. Ob der Umstand, dass er bei seinem Rachefeldzug ausgerechnet wieder auf die Technik zurückgriff, die er doch bekämpfen wollte, als bewusste Ironie zu betrachten ist, ist nicht bekannt.

            Man sieht also, der Mythos Wald  beinhaltet auch Destruktion, Verirrung und Verstörung, beinhaltet tiefe Ambivalenzen, die aber vielleicht in diesem Spannungsverhältnis gerade dessen Lebendigkeit und unerschöpfliche Fruchtbarkeit ausmachen.

            Ist Thoreau ein später Nachzügler der europäischen Romantik mit einem Menschenbild, das dem Rousseaus verpflichtet ist und das so wenig Staat wie möglich einfordert, um das Individuum in seinem postulierten Naturzustand so wenig wie möglich zu behelligen und einzuschränken, so ist Jünger in diesem Punkt weit schwieriger einzuschätzen. Sein Menschenbild ist jedenfalls sehr viel pessimistischer, geht nicht vom zivilisationsfernen und deswegen „edlen“ Wilden aus (ein Topos, der aktuell in andern Zusammenhängen wieder unfröhliche Urständ feiert),  es ist der Vorstellung Thomas Hobbes vom Menschen als dem „Wolf des Menschen“ wesentlich näher, ohne jedoch dessen Konsequenzen daraus zu ziehen. Auch Jünger ist daran gelegen, den Wirkungsbereich des Staates so weit wie möglich einzuschränken, aber nicht zugunsten und im Sinne allgemeiner Gleichheit, sondern indem er sich eindeutig für die bestimmende Kraft des in jeglichem Sinne herausragenden Ausnahmemenschen ausspricht. Ein aristokratisches Ideal also, nicht unähnlich dem Entwurf des von Nietzsche propagierten Übermenschen. Wie Nietzsche ist er, anders als Thoreau, kein Pazifist, mit der Implikation, Gewalt, wenigstens als als äußerstes Mittel, zu bejahen.
Der gegenwärtig herrschende Zeitgeist wird und muss daran zweifellos Anstoß nehmen, zumal Jüngers Verhältnis zum Humanen im Laufe seines Lebens etliche Metamorphosen durchlief, und vor allem in seinen jüngeren Jahren nicht frei von Zwiespältigkeit war. Es lässt sich  sogar aufgrund seines damaligen Ideals des unbürgerlich-aristokratischen Soldatentums zeitbedingt eine geradezu aggressive Ablehnung des Humanismus feststellen.

            Anders als Thoreau ist Jünger kein Romantiker, auch wenn seine Sprache, der „hohe Ton“ vielleicht dahingehend missverstanden werden könnte. Das Schwärmerische, ja Verstiegene in manchen Sequenzen seines Textes ist vielmehr in einem strengen, allerdings zuweilen anachronistisch wirkenden Sinne hymnisch, und verliert dessen klare Strenge auch dann nicht, wo er, auf einem schmalen Grad balancierend, ständig von der Gefahr des Absturzes bedroht scheint.Untersucht man Jüngers und Thoreaus Sprache sowie deren Intentionen: beiden Autoren (Jünger allerdings deutlich ausgeprägter) eignet der Wille und die Fähigkeit, Dinge und Sachverhalte klar zu benennen, auch wenn dadurch kontroversielle Wirkungen erzielt werden. Dichotomien verschwinden nicht, indem man grundsätzliche Widersprüche des Daseins zu negieren sucht, oder sie durch konfliktvermeidende Rundum-Umarmung überhaupt am Entstehen zu hindern versucht, sondern indem man sie benennt und aushält. Eine heuchlerische, unpräzise Sprache produziert heuchlerische, unehrliche Systeme und Denk – und Seinsweisen.                                                                                                                      
            Der Versuch, das Leben als kompliziertes Wechselspiel auseinanderstrebender, widerstreitender Kräfte zu begreifen, die, sich ineinander im Streit vergewissernd und findend, wieder auseinander hin zu Extremen streben („Versöhnung ist mitten im Streit“, Hölderlin, Heraklit), ist dabei eher Jüngers Agenda. Thoreau ist demgegenüber ein deutlich weniger gebrochener Charakter, der die Heilung und Vervollkommnung der Menschheit (oder wenigstens mancher Individuen) und ihrer  Widersprüche, in deren Zurückführung zur Natur in einem idealistischen Sinne grundsätzlich für möglich und erstrebenswert hält.
           
            Jüngers weltanschauliche Position ist wiederum wesentlich schwieriger dingfest zu machen als jene des amerikanischen Autors, der im Verlauf seines ziemlich kurzen Lebens von einmal getroffenen Positionen nie wirklich abwich, sondern vielmehr sein Bestreben darauf richtete, diese fortlaufend zu vertiefen und ihnen die ein oder andere Facette hinzuzufügen, weswegen er auch im Gesamten eindeutiger wirkt und weniger fragwürdige oder irritierende Aspekte aufweist. Als Identifikationsfigur für naiv Suchende darum auch viel geeigneter  als sein deutscher Schriftstellerkollege.

            In den Anfängen des Nationalsozialismus war Jünger ohne Zweifel anfällig für dessen Verführungen. Er erhoffte sich, in völliger Verkennung dessen extrem destruktiven Kerns, eine tiefgreifende, revolutionäre Erneuerung, eine bis ins metaphysische reichende positive Umwälzung aller Werte, potenziell weit über Deutschland hinausreichend. In der Folge allerdings wandelt er sich vom Sympathisanten zum entschiedenen Gegner jener - von ihm mittlerweile als  solche erkannten - verbrecherischen Bewegung, wie etliche seiner Schriften, zum Beispiel der Roman „Auf den Marmorklippen“, sowie seine Nähe zu Widerstandskreisen, belegen. Den verstörenden Erfahrungen, die er im sogenannten „Dritten Reich“ machen musste, ist auch der bedeutende Essay „Der Waldgang“ zu verdanken.

            Und in diesem erweist sich auch wieder, was Jünger vor allem ist: nämlich ein Mythomane. Dem Glauben an eine allem Lebendigen zugrunde liegende, sich immer neu erzeugenden mythischen Kraft gibt er in seinen Schriften immer wieder Ausdruck, am deutlichsten und ausgesprochensten vielleicht in seinem „Waldgang“, wo er den widerständigen, verborgen „heroischen“ Einzelnen wiederholt gegen den „Großen Leviathan“ (Thomas Hobbes), den alles verschlingenden Staat, positioniert. Er tut dies mit geradezu beschwörender Intensität, indem er den „Wald“ als den Ort bezeichnet, der „alles, was uns mit zeitlicher Sorge bindet“ zu lösen imstande ist, indem er, quer durch die Zeiten, alles heraufruft,was je Geschichte, Sage und Mythologie mit den Wäldern identifizierten. Um dann freilich auf sein eigentlichstes Anliegen zu kommen, nämlich, dass diese Kräfte eben nicht nur „in fernen Räumen und Vorzeiten zuhause sind, sondern vielmehr in jedem Einzelnen verborgen“, und „ihm in Schlüsseln überliefert, damit er sich begreife in seiner tiefsten und überindividuellen Macht“.

            Jüngers Haltung ist von manchen Rezipienten fälschlich als ein Sich-Zurückziehen in den Elfenbeinturm missverstanden worden, als eine „Absage ans Kollektiv“ (Ernst Niekisch), ohne das man letztlich doch nicht leben könne, sondern in „splendid isolation“ verdorren und verkommen müsse. Es handelt sich jedoch vielmehr bei diesem (inneren) Rückzug um ein  Käftesammeln, ein Innewerden, eine Klärung der eigenen Position, von der aus man dem Leviathan zumindest der Möglichkeit nach neu gestärkt gegenübertreten kann. Auch eine von wenig Verantwortung und Handlungsbereitschaft geprägte Haltung, wie sie ihm von Golo Mann attestiert wurde, ist meines Erachtens in diesem Licht zu sehen. Freilich hat Jüngers Werk mit seiner unzeitgemäßen Betonung des „heldischen“ Einzelnen in seiner elitären Abgehobenheit gerade bei der Linken immer wieder für Irritation bis hin zu blankem Hass gesorgt, aber vielleicht wäre es in einer Zeit des Kollektivis-mus, in der abweichende Meinungen sofort diffamiert werden und das Individuum nicht mehr und nichts anderes als ein Produkt des Markenkonsums ist, eine tatsächliche „Bereicherung“, sich auch mit einer so extrem andersgearteten Position auseinanderzusetzen.

            Auch Thoreau wurde schon zu Lebzeiten mit Kritik konfrontiert. Stevenson nannte ihn aufgrund seiner Zivilisationsflucht einen Drückeberger, andere Zeitgenossen stießen ins selbe Horn und äußerten Zweifel, ob eine Gesellschaft Bestand haben könne, wenn alle sich so verhielten wie er. Es lag allerdings nicht unbedingt in seiner Absicht, seine Lebensweise zu einer allgemeinver-bindlichen Forderung zu erheben. Gerade die Zeit am Waldensee war für ihn ebenjenes Innehalten, Sich-Besinnen, ein Selbstversuch, ein Aufbruch, den er zu gegebener Zeit ja dann auch abbrach.
           
            Das Naturrecht, das, bei allem persönlichen und weltanschaulichen Antagonismus, unausgesprochen den Intentionen beider Autoren zugrundeliegt, ist eine durch viele Jahrhunderte europäischer (und ausschließlich europäischer!) Geschichte gewachsene Vorstellung, die bereits in der Antike fußt, nämlich in der Philosophie Heraklits, Platons und Aristoteles, als überstaatliches, ewiges, auf das Individuum bezogenes Recht, dessen Auswirkungen sich noch heute in den Menschenrechtsbewegungen wiederfinden. Politische Bedeutung erreichte das Naturrecht in der europäischen Aufklärung als Opposition zur unterdrückerischen Adelsgesellschaft, nachdem jeder Mensch mit unveräusserlichen Rechten ausgestattet ist, unabhängig von Geschlecht, Alter, Rasse oder Staatszugehörigkeit, wovon einige Punkte graue Theorie blieben und in der Praxis heute noch sind. Aber eine Idee lässt sich nicht aus der Welt schaffen, und auch Personen wie der Dichter Goethe, der sein Leben lang  legitimistische, um nicht zu sagen, obrigkeitshörige Positionen vertrat, lässt in seinem „Faust den Ausspruch zu: „Vom Rechte, das mit uns geboren ist, von dem ist leider nie die Frage“. Eine Stelle, die bei Aufführungen in der Nazizeit regelmäßig für demonstrative Ovationen der Theaterbesucher sorgte. Heute erleben wir im Zuge des Globalismus teilweise eine Pervertierung dieser Idee, indem eine potentielle Gleichheit aller Menschen im rechtlichen und abstrakten Sinn, zu einer Gleichmacherei und Nivellierung aller Individuen und Kulturen mißbraucht wird.

            Die Vorstellung, dass einfach qua Geburt, durch seine bloße Existenz im Einzelnen Rechte verankert sind, die gegebenenfalls über dem staatlichen, sogenannten „positiven“ Recht stehen, kann diesen zwangsläufig in Kollision mit letzterem bringen. Nichts bleibt dann übrig, als das Zurückgeworfensein des Individuums aufs eigene Gewissen, mit all den Zweifeln und der Ausgesetztheit, der Vogelfreiheit des „Waldgängers“ gegenüber einem allgewaltigen Moloch, dem sich willfährig zu beugen jedem Mitläufer des herrschenden Systems ein besseres Gefühl des Im-Recht-Seins verschafft, als dessen Gegner je haben wird - auch aufgrund unkritisch überkommener Gefahrengewissheit und Feindortung, die unüberprüft auf die herrschende Realität übertragen wird. Mit Scheuklappen versehen, werden die sich wandelnden Formen des Bösen, ängstlich die eigene Denkfaulheit und Bequemlichkeit schützend, ausgeblendet. Ignazio Silone 1988 : „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen, ich bin der Faschismus, sondern, ich bin der Antifaschismus “, und, um nocheinmal Goethes Faust zu zitieren: „Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie (sic) beim Kragen hätte!“

            Sowohl Thoreau als auch Jünger waren solche widerständigen Einzelkämpfer, wie sehr im persönlichen und weltanschaulichen Bereich sie auch immer Antipoden gewesen sein mögen. Was den „Mythos Wald“ anlangt, so haben sie beide ihre ureigenen Facetten jenem wahrscheinlich unsterblichen Topos abgewinnen können und ihm weitere Bedeutungen hinzugefügt. (Die Philosophin Thea Dorn nannte Jüngers Essay „die radikalste Verknüpfung von Wald und Freiheit in der deutschen Literatur“.)                                                                                                         

            Und vielleicht haben uns solche extremen Individualisten auch und gerade heute noch etwas zu sagen, in einer Zeit, die ihr höchstes Ideal in einer falsch verstandenen Gleichheit aller Menschen sieht und vor nichts mehr Angst hat als vor dem Ungewöhnlichen, im geistigen Sinn Radikalen, Überdurchschnittlichen, Über-Normalen, vor dem geistigen Abenteuer, dem gefahrvollen, gewagten - auch bis hin zum abgründigen - Denken mit offenem Ergebnis.
           
            Und der „Mythos Wald“? Vielleicht sind auch da – auf eine wohlverstandene, weder romantisch verklärte, noch rückwärtsgewandte, völkisch blutundbodenbehaftete,  Weise – immer noch Kräfte, Ressourcen und Wirkungen zu entdecken, die neue Energien und Einsichten mobilisieren können, in welchem konkreten oder übertragenen Sinn auch immer der Einzelne seinen ganz persönlichen Zugang finden mag.

Von der Lesung vom 21.5.2017 in der Bibliothek Gleichgewicht, und dem Gespräch von Gabriele Folz-Friedl und Haimo L. Handl zum Thema MYTHOS WALD ist eine Auswahl, redigiert von Diana Wiedra, in unserem Videokanal abrufbar.