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Sonntag, 9. Dezember 2018

Sündenböcke


Haimo L. Handl

Die Sündenböcke

Sogar während der Hochzeit der Aufklärung war das Sündenbockdenken nicht eliminiert worden. Es überdauerte, passte sich an und feiert, gestärkt, fröhliche Urständ in unseren Gesellschaften, ganz gleich, ob moderner Westen oder mittelalterliche moslemische Gemeinschaften oder das offiziell atheistische China. Sündenböcke werden gebraucht und geschlachtet. Hier gibt’s keine Veganer, hier lecken alle Blut und viele, viele baden darin.

Theorien als auch Glaubenssysteme haben ihre Zeiten. Der Kurs schwankt manchmal, aber, ähnlich dem Sündenbockdenken, es gibt nie eine glaubenslose oder theorielose Zeit und Gesellschaft. Gegenwärtig erfahren wir, korrespondierend zur realen Klimakatastrophe eine der Ideen- und Geisteswelt, eine der Theorien und Religionen. Die Temperaturen steigen, erhitzen die Köpfe, bringen das Blut vieler zum Wallen, engen den Blick ein, schaffen Atemnot, so dass die Keuchenden, die Leidenden die Sündenböcke wieder fokussierter suchen und finden, um sich an ihnen abzureagieren oder sich in der Entledigung, einer Art Entsorgung, „gütlich“ zu tun, den immensen Druck zu mindern, den sie innerlich spüren, der ihnen ihr gequältes Leben noch mehr vergällt. Erst wenn der Bock getötet ist, nehmen die Spannungen ab, beruhigt sich der Gehetzte, Verfolgte, Leidende. Er muss den Spieß umdrehen, muss selbst Verfolger, Jäger werden, Töter, nur dann kann er sich Genugtuung verschaffen und kurzzeitige Atempause, bis der ewige Kampf wieder aufgenommen und weitergeführt wird. So war es in der Geschichte, so ist es heute, so wird es morgen sein.

Kulturkritik gibt es in zwei diametralen Bereichen: hier die emanzipatorisch orientierte, positiv denkende, die trotz ihrer Kritik nicht im Negativen versinkt (Freud, Adorno oder auch Sennett), dort die negative, die den Untergang programmiert sieht bzw. die Unmöglichkeit (positiv) human intervenieren zu können (Joseph de Maistre, Oswald Spengler, Carl Schmitt oder René Girard). Gegenwärtig sind die Religionen und extremen Negativtheorien in Hochkonjunktur und mit ihnen der Beifallskommentar der Rechten, der Gläubigen, der Verfolger, Hetzer und Jäger, der Strafenden aller Richtungen. Man könnte, wollte man ein allegorisches Bild fabrizieren, links die Kulturlandschaft zeigen und rechts die Wildnis, die rohe Natur: in der Kultur die Versuche zur Humanität, in der rohen Natur das Regime der Hölle, der Strafe.

Dass in unserer Kultur Strafphantasten wie Dante als hochwertigste Künstler gepriesen werden, zeigt nur eine Verwirrung und Verkommnis: nie kann ein künstlerisches Vermögen die Inhumanität eines Strafen Wollenden, eines Rächers, aufwiegen. Er zeugt vom niederen Stand des Untiers, das er noch ist, auch wenn er es camouflagiert. Auch Religionen tarnen ihr böses Denken, ihr tiefes, unabdingbares Strafbedürfnis, manchmal mit einem Programm der Liebe, einer allerdings, die ins Gegenteil umschlägt, wenn sie nicht nach den Bedürfnissen ihres Gottes, in dessen Namen die Stellvertreter und Propheten walten, geartet ist. Der „liebe Gott“ ist der unerbittliche böse Strafende, der die ewige Verdammnis, etwas, das kein irdischer Scherge und Folterer zu verabreichen vermag, ausspricht. Gott ist wahrlich die Kehrseite des Teufels, beide das Konstrukt Geängstiger, selbst böse werdende oder gewordene Täter.

Als ich vor Jahren von René Girard sein Buch „Das Heilige und die Gewalt“ las (zuerst in der amerikanischen Übersetzung aus dem Jahre 1977, weil die deutsche erst viel später auf den Markt kam und ich das Original, das 1972 erschienen war, nicht lesen konnte), vermochte ich seiner Mimetischen Theorie bzw. seiner Sündenbocktheorie nicht viel abzugewinnen. Er schien mir eine religiöse Außenseiterstimme, ein Franzose, der wie viele andere in den USA seinen Arbeitsplatz und sein Publikum gefunden hat und den katholischen Geist stärkte. Der Kontrast zur positiven Kulturkritik war zu grell, als dass ich Girards Ausführungen hätte näher folgen wollen. Später verstärkte sich meine Abneigung. Ich sah ihn als religiösen Apologeten, als einen, der den Rechten oder faschistoiden Kräften seine Stimme gab oder borgte.

Kürzlich erschien eine Biografie über ihn von Cynthia L. Haven, die von Robert Pogue Harrison in der New York Review of Books besprochen wurde. Ich kenne die Autorin nicht und nicht ihre Biografie. Aber ich kenne Harrison durch etliche Bücher von ihm und las deshalb aufmerksam seine Rezension, die sich auch auf andere Werke von Girard stützt. So zitiert Harrison einige Sätze von Girard aus Les origines de la culture (2004), die er als besonders aktuell für heute empfindet:

“In the affluent West, we live in a world where there is less and less need therefore and more and more desire…. One has today real possibilities of true autonomy, of individual judgments. However, those possibilities are more commonly sold down the river in favour of false individuality, of negative mimesis…. The only way modernity can be defined is the universalization of internal mediation, for one doesn’t have areas of life that would keep people apart from each other, and that would mean that the construction of our beliefs and identity cannot but have strong mimetic components.”

Harrison schreibt dazu:
Since then social media has brought “the universalization of internal mediation” to a new level, while at the same time dramatically narrowing the “areas of life that would keep people apart from each other.”
Social media is the miasma of mimetic desire. If you post pictures of your summer vacation in Greece, you can expect your “friends” to post pictures from some other desirable destination. The photos of your dinner party will be matched or outmatched by theirs. If you assure me through social media that you love your life, I will find a way to profess how much I love mine. When I post my pleasures, activities, and family news on a Facebook page, I am seeking to arouse my mediators’ desires. In that sense social media provides a hyperbolic platform for the promiscuous circulation of mediator-oriented desire. As it burrows into every aspect of everyday life, Facebook insinuates itself precisely into those areas of life that would keep people apart.
Er umreißt damit einige wichtige Aspekte. Distanz ist eine Grundvoraussetzung von Würde. Wer die Distanz zum Anderen aufhebt, kommt ihm zu nahe, beraubt ihn seines direktesten Freiraums, rückt ihm auf die Pelle. Jene, die die Distanz verringern, die Folterer, pellen dann das Opfer, sie nehmen ihm die Haut ab, schälen es, wie man eine Kartoffel pellt.
Die Überlegung von Girard hinsichtlich der falschen Individualität, der negativen Mimetik, illustriert die Lage des Mitläufers, des Anpasslers und Opportunisten, der bei allem mittut, sei es im Höhnen und Kommandieren von straßenwaschenden Juden, sei es im lauten Mob, der gejagte Opfer zu Tode prügelt oder in simplen Alltagshandlungen, die für sich gesehen nicht weiter auffallen, im Verbund mit den anderen Mitläufern jedoch zur Elendstat werden (Hilfe unterlassen oder behindern, geistig an der Hetze mitmachen, heute über die social media ganz einfach aber effektiv möglich). Der Satz von Harrison, „Social media ist he miasma of mimetic desire.” ist herauszustreichen.  Hier wird der Neid als Urtriebskraft angesprochen

Habe ich zu unrecht Girard für mich abgeurteilt, ins Eck gestellt? Nein, denn er stellt das Sündenbockverhalten als Gesundheitsmaßnahme heraus, er holt aus der Geschichte das, was er vordergründig dafür als billigen, griffigen Beleg braucht, er stellt nicht kritisch in Frage, er bejaht in falscher Weise. Was in den Siebzigerjahren vielleicht eine Außenseiterstimme war, geriert sich heute zum Credo von Unverbesserlichen, von Faschisten und anderen engstirnigen Gläubigen. Dazu Harrison:

Girard interpreted archaic rituals, sacrifices, and myth as the symbolic traces or aftermath of prehistoric traumas brought on by mimetic crises. Those societies that saved themselves from self-immolation did so through what he called the scapegoat mechanism. Scapegoating begins with accusation and ends in collective murder. Singling out a random individual or subgroup of individuals as being responsible for the crisis, the community turns against the “guilty” victim (guilty in the eyes of the persecutors, that is, since according to Girard the victim is in fact innocent and chosen quite at random, although is frequently slightly different or distinct in some regard). A unanimous act of violence against the scapegoat miraculously restores peace and social cohesion (unum pro multis, “one for the sake of many,” as the Roman saying puts it).

Der Rekurs auf alte Religionen ist genauso fragwürdig wie der auf vorsintflutliche Sichten und Rituale. Sie stellen nie eine Rechtfertigung dar, höchstens eine Erklärung, die aber gewertet werden müsste. Die Wertung ist akademisch und sozial erfolgt. Girard wurde mit vielen Ehrendoktoraten gepriesen, erhielt den Ordre des Arts et des Lettres. Er ist der Paradekatholik. Er ist jener, der das Sündenbockverhalten „akademisiert“ und abhakbar macht. Er ist ein Wolf im Schafspelz. Die neuen Rechten, die Neofaschisten, kommen ganz ohne diese Academia aus, bleiben aber im Geiste der Sündenbockkultur: sie hetzen, jagen, verfolgen, töten.

Dienstag, 21. August 2018

Prager Frühling – eine kurze Romanze


Haimo L. Handl

Freunde hatten mich angefragt, ob ich zum 50jährigen Gedenken der blutigen Niederschlagung des Prager Frühlings etwas schreiben werde. Ich sann nach, und schreibe jetzt nur, dass ich eigentlich nichts dazu schreibe, weil meine Enttäuschung, meine Abscheu, mein Widerwille gegen die Nachfahren der damaligen Machthaber (es war ja nicht nur die USSR, sondern die willigen, treuen Warschauer Pakt-Staaten Polen, Ungarn und Bulgarien, die einmarschierten; Rumänien und Albanien verweigerten die „Bruderhilfe“; die Scharfmacher aus der DDR nahmen nicht direkt an der Okkupation teil) zu tief sitzt, weil das Projekt des „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ nicht trug, eine trügerische Hoffnung war die, wenn sie wahr geworden wäre, nur bewiesen hätte, dass Sozialismus (Kommunismus) inhuman, unmenschlich ist, was die kommunistischen Realpolitiker nie zulassen wollten, dass solches Denken sich breit mache  – und lange damit Erfolg hatten. Heute ist Sozialismus oder Kommunismus keine Frage mehr. Sie interessiert nicht einmal historisch.

Die Tschechen waren aber nicht einfach Opfer des Warschauer Paktes. Die Gesellschaft war gespalten und der Anteil der „echten Kommunisten“, der moskautreuen, war hoch. Die Echten regierten in allen Satellitenstaaten. Nur das kleine Albanien scherte aus mit einem noch schrecklicheren Diktator, Rumänien hatte aus Führungsgründen des eigenen Diktators und seiner Frau sich abgesondert. Und Tito spielte seine Sonderrolle als Ergebnis seiner Nachkriegspolitik.

Die Tschechen, die Mehrheit zumindest,  hatten 1948 sich selber diktiert und 1968 wieder, immer mit Hilfe des Großen Bruders, aber stets willentlich und überzeugt. Die spätere „Samtene Revolution“ war keine, sondern Ergebnis eines Aufweichungsprozesses, der den ganzen Osten befallen hatte.

Heute erinnern sich wenige an 1948 oder 1968 oder 1989 (Systemwechsel, von vielen als Hinwendung zur Demokratie gesehen, was eine Täuschung war), trotz der überaus vielen Dokumentation im Fernsehen oder im Internet. Das historische Bewusstsein ist kurzlebig und löchrig. 

Die EU hat den Tschechen und Slowaken, die sich 1993 friedlich von den Tschechen trennten, mit enorm hohen Finanzmitteln unterstützt, was aber deren Wertschätzung der EU nicht steigerte oder stabilisierte. Sie nahmen, was sie meinten, dass es ihnen zustehe, und spuckten zurück in den Topf, aus dem sie soffen und fraßen. Heute sind beide Gesellschaften neokapitalistisch organisiert, extrem xenophob, neidig, korrupt und unsolidarisch. Viele in CZ oder der SK leben auf Pump und fast alle schwelgen in nationalchauvinistischen Gefühlen. Sie wollen, wie die faschistisch gewordenen Polen oder Ungarn, nur die Rosinen aus dem EU-Kuchen. Sie erstarken in faschistoiden Politiken und kleinbürgerlichen, bornierten und zugleich egoistischen Abwehrhaltungen. 

Alles, was man 1968 den Östlern in der damaligen CSSR positiv zuschrieb, haben sie selbst entwertet. Der „bessere Teil“ ist also vor die Hunde gegangen und heute regieren wieder alte Seilschaften neben den hochgekommenen Superreichen. Ein Trauerspiel und eine Schande.

Ich will in das Gerede von Frühling und Revolution nicht (mehr) einstimmen. Wenn Besinnung, dann Klagelieder.


Ein Artikel, der heute mittag in der NZZ erschien, zeigt die Polarisierung und die Malaise auf:

Das Gedenken an den Prager Frühling löst in Tschechien erbitterte Kontroversen aus

In Tschechien lösen der russlandfreundliche Präsident und die Kommunisten zum 50. Jahrestag der Niederschlagung der Reformbewegung Kontroversen aus. Sie spiegeln die Polarisierung im Land.
 
 

Sonntag, 1. Juli 2018

50. Todestag von Fritz Bauer

Fritz Bauer (* 16. Juli 1903 in Stuttgart; † 1. Juli 1968 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Jurist. Mit seinem Namen und Wirken als Generalstaatsanwalt in Hessen verbinden sich die Entführung Adolf Eichmanns nach Israel, die positive Neubewertung der Widerstandskämpfer des 20. Juli und die Frankfurter Auschwitzprozesse.
Wikipedia





Wer sich mit Fritz Bauer beschäftigt wird empört und beschämt erkennen, wie tief verankert der Faschismus und Nazismus in Deutschland war und ist. Da hat sich im Wesentlichen nicht viel geändert, nur kosmetisch "modernisiert". Erschütternd.

Vor diesem Hintergrund gewinnen die Machenschaften der RAF als linker Terror, des NSU als nazistischer sowie der jeweiligen Behördenbeteiligungen als Be- und Verhinderungen einer adäquaten Verfolgung und Ahndung ein grelleres Licht: die naziverseuchte Kultur ist nach wie vor fixer Bestandteil der deutschen Gesellschaft, und in gewissem Grade auch der österreichischen, die sich ja feige reinwaschen wollte als Opfer.

Durch die in ganz Europa erstarkende Reaktion und rasante Faschistisierung verschiebt sich das "Rechtsempfinden" (besser gesagt: das Unrechtsempfinden) fatal und ebnet in einem gefährlichen Nationalismus und Chauvinismus den Boden für neue Untaten.

Gedenken, wie die an Fritz Bauer, könnten nur helfen, wenn sie zur Erstarkung republikanischen, demokratischen Verhaltens führten, nicht aber, wenn sie als bloßes Unterhaltungsware der Bewusstseinsindustrie inhaliert werden. Dieser oberflächliche Konsum in unserer verlogenen Spasskultur der Opfer verhindert aber Denken und Handeln nach möglicher Aufklärung, erfüllt also den Tatbestand instrumentalisierter Dummheit nach der alten Definition von Kant.



Donnerstag, 28. Juni 2018

Italien im erstarkenden Faschismus

In der 3sat-Sendung Kulturzeit extra zum Thema Italien vom 27.6.2018 ist auch ein Interview des Philosophen Paolo Flores d'Arcais zu hören, das empfehlenswert ist:





Paolo Flores d’Arcais (* 11. Juli 1944 in Cervignano del Friuli) ist ein italienischer Philosoph und Journalist, Herausgeber des Magazins MicroMega. Er schreibt unter anderem in Zeitungen wie El País, La Repubblica, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Gazeta Wyborcza und gilt als „einer der bedeutendsten Theoretiker der gegenwärtigen italienischen Linken“.
Wikipedia

Samstag, 22. Juli 2017

Freud, Adorno & Trump



Haimo L. Handl

Freud, Adorno & Trump

Viele führen die Ausfälle Donald Trumps auf seine Person zurück und sind versucht, das Phänomen weniger politisch, gesellschaftlich zu deuten, sondern eher personenbezogen, psychologisch. Eine völlig falsche Einschätzung. In Trump zeigt sich das System ohne Maske, entblößt sich der faschistische Kern des Ausbeutesystems, das Zusammenwirken der Institutionen in diesem Prozess, gestützt von einer Mehrheit, die weder demokratisch noch gebildet ist. All dies psychologisch abtun zu wollen, kommt einer fatalen Verniedlichung gleich, die eigentlich eine Kollaboration mit den primitiven faschistischen Kräften und Strömungen darstellt.

Interessant scheint mir in diesem Zusammenhang eine Arbeit von Theodor W. Adorno (1903-1969), der als Emigrant von 1938 bis 1953 in den USA weilte, dort eine seiner intensivsten Arbeitsphasen erlebte, und als sensibler Beobachter und Kritiker sich nicht blenden ließ, nämlich sein Aufsatz „Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda“, der 1951 in den USA publiziert wurde, in den Gesammelten Schriften von Adorno im Band 8 zu finden ist; eine deutsche Übersetzung liegt in der Publikation „Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft“ vor, die 1971 bei Suhrkamp erschien (es 469).

Adorno, der Freud (1856-1939) und der Psychoanalyse sehr kritisch gegenüberstand, lobte dennoch den Weitblick des Psychologen, den er vor allem in seiner „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ (1921) und „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930) ausmachte. (Beide Schriften als Einzelpublikationen erhältlich bzw. im Band 9 der Studienausgabe der Werke Freuds im Fischer Verlag bzw. online im Projekt Gutenberg.)

Adorno war nicht borniert, wie viele seiner Zeitgenossen, die das Übel besonders oder nur im Faschismus des Nationalsozialismus erkannten. Er nahm auch sein Gastland, die USA, von der Kritik nicht aus, ein Umstand, den später die meisten unter dem Diktat der von der westlichen Leitmacht vorgegebenen Politik folgsamen oder kuschenden Intellektuellen nicht (mehr) wagten. Auch seine prononcierte Kritik am realen Sozialismus bzw. Kommunismus gehört in diesen Zusammenhang. Weiters wären jene Stimmen zu beachten, die wohl die USA kritisierten, aber dem Mythos Mao, des damals für Linke vielversprechenden Vorsitzenden und Führers , kritiklos sich unterwarfen, so dass die Millionen von Opfern, die aus seinen menschenverachtenden Maßnahmen resultierten, einfach weggezählt oder übersehen wurden in einer selbst verächtlichen Pseudorationalisierung.

Es mag viele, die Freud lesen oder wieder lesen, also einer Relektüre unterziehen, überraschen, wie plausibel er die Entindividualisierung jener erfasste und beschrieb, die sich einem Führer unterwerfen, sich ihm anvertrauen und ihm willig folgen. Was nicht nur für die totalitären Gesellschaften von damals galt, sondern sich eben auch in so hochentwickelten Gesellschaften wie den USA zeigte und zeigt, was wir im sogenannten Mutterland der Demokratie, Großbritannien mit Schrecken feststellen müssen, was die meisten moslemischen Gesellschaften traurig unter Beweis stellen: ohne den Futterstoff der Depravierten oder Degenerierten (bzw., um korrekt zu sein, jenen, die sich nie zu Persönlichkeiten zu generieren vermochten, denn De-Generation setzt ja Generation voraus!), der willigen Mitläufer, der fanatischen Aktionisten, könnte kein Regime sich durchsetzen, wie es tatsächlich erfolgt. Freuds Schlüsse und Erklärungen können auch gegenwärtig viel aufhellen und klären. Einen solchen Aufhellungsversuch unternahm eben Adorno.

Even if one were to assume that archaic, pre-individual instincts survive, one could not simply point to this inheritance but would have to explain why modern men revert to patterns of behavior which flagrantly contradict their own rational level and the present stage of enlightened technological civilization. This is precisely what Freud wants to do. He tries to find out which psychological forces result in the transformation of individuals into a mass. »If the individuals in the group are combined into a unity, there must surely be something to unite them, and this bond might be precisely the thing that is characteristic of a group.« This quest, however, is tantamount to an exposition of the fundamental issue of fascist manipulation. For the fascist demagogue, who has to win the support of millions of people for aims largely incompatible with their own rational self-interest, can do so only by artificially creating the bond Freud is looking for. If the demagogues' approach is at all realistic – and their popular success leaves no doubt that it is – it might be hypothesized that the bond in question is the very same the demagogue tries to produce synthetically; in fact, that it is the unifying principle behind his various devices.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 412

Was hier massenpsychologisch und soziologisch dargelegt wird, spricht ein zentrales Problem an: wie kommen Leute dazu Ziele zu verfolgen, die ihren eigenen Interessen zuwider handeln, die sich schlussendlich schädigen und schwächen? Die kapitalistische Produktionsweise, das instrumentalisierte Konsumverhalten, die perpetuierte Unmündigkeit sind nicht nur Begleiterscheinungen, sondern Bedingungen für den Vollzug solch paradoxen, unvernünftigen Verhaltens. Eine Art von Egoismus, eine falsch verstandene Freiheit aus dem Erlebnis der Pseudofreiheit des schier unumschränkten Konsums unterstützt diese Haltung der willigen Ausrichtung und gesellschaftlichen Affirmation.

Es gab Revolutionen und Revolten. Es gab und gibt Aufstände. Der Faschismus war in einigen Aspekten antikapitalistisch. Aber er war nie revolutionär. (Wobei man mit dem Begriff der Revolution oder revolutionär vorsichtig sein sollte, da der größte Verrat an der Emanzipation gerade durch jene erfolgte, die dieses Programm auf ihre Fahnen hefteten, die Bolschewiki und später die Gefolgsleute von Mao Tse Dung.)


As a rebellion against civilization fascism is not simply the reoccurrence of the archaic but its reproduction in and by civilization itself. It is hardly adequate to define the forces of fascist rebellion simply as powerful id energies which throw off the pressure of the existing social order. Rather, this rebellion borrows its energies partly from other psychological agencies which are pressed into the service of the unconscious.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 414

Adorno schält langsam, aber konsequent, die Linie heraus, wie er Freuds Theorie versteht und sie gegenüber Vulgärformen und psychologistische Erklärung abgrenzt. Das politische Phänomen ist keine Sache des ES und seiner Energien, keine bloß psychologisch zu erklärende Verhaltensweise Einzelner, die massiert, in großer Menge, auftreten. Adorno will, mit Hilfe Freuds, die gesellschaftlichen Bedingungen erkunden, die eben zu diesen Phänomenen führen.

Freud dwells on the fact that in organized groups such as the Army or the Church there is either no mention of love whatsoever between the members, or it is expressed only in a sublimated and indirect way, through the mediation of some religious image in the love of whom the members unite and whose all-embracing love they are supposed to imitate in their attitude towards each other. It seems significant that in today's society with its artificially integrated fascist masses reference to love is almost completely excluded.(10) Hitler shunned the traditional role of the loving father and replaced it entirely by the negative one of threatening authority.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 414-415
Fußnote 10)
Perhaps one of the reasons for this striking phenomenon is the fact that the masses whom the fascist agitator – prior to seizing power – has to face, are primarily not organized ones but the accidental crowds of the big city. The loosely knit character of such motley crowds makes it imperative that discipline and coherence be stressed at the expense of the centrifugal uncanalized urge to love. Part of the agitator's task consists in making the crowd believe that it is organized like the Army or the Church. Hence the tendency towards over-organization. A fetish is made of organization as such; it becomes an end instead of a means and this tendency prevails throughout the agitator's speeches.

Väterchen Stalin, der unberechenbare Tyrann und Massenmörder, war da facettenreicher in seiner Erscheinung. Er wurde nicht nur gefürchtet und verehrt, sondern auch geliebt. Interessant auch die Rolle vom Führer und Vorsitzenden Mao Tse Dung, der noch mehr Tote auf dem Gewissen hat (was völlig irrelevant ist, weil er, wie die anderen Diktatoren, kein Gewissen hatte, das ihn gemildert hätte, sondern eines, das ihn im Bösen bestärkte, wie auch Trump in den USA von seiner Korrektheit und seinem "Auftrag" unkritisch überzeugt ist – wie das wohlwollende Mitwirkern eines Teils der Massenmedien und die Mehrheit in Repräsentantenhaus bzw. Senat (mit ganz wenigen Ausnahmen und Abweichungen) unter Beweis stellt.

It is one of the basic tenets of fascist leadership to keep primary libidinal energy on an unconscious level so as to divert its manifestations in a way suitable to political ends. The less an objective idea such as religious salvation plays a role in mass formation, and the more mass manipulation becomes the sole aim, the more thoroughly uninhibited love has to be repressed and moulded into obedience. There is too little in the content of fascist ideology that could be loved.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 415

Die Verwandlung der Liebe, die Kanalisierung und Instrumentalisierung libidinöser Objektbesetzung in Gehorsam als Form von unterwerfender Folgschaft, Gefolgschaft, zeigt schon die Problematik des Begriffs Verantwortung und Pflicht, des Wechselbezugs von Pflichterfüllung einerseits (man denke an Hannah Arendts Deutung von Eichmanns Verhalten als typisch Banalem (Bösen), und dem Umerziehen des Subjekts, die re-education, wie sie George Orwell (1903-1950) ein seiner Dystopie „1984“ schildert, wo Winston lernt, den Großen Bruder, den Führer, bedingungslos zu lieben.

By the measures that he takes, the hypnotist awakens in the subject a portion of his archaic inheritance which had also made him compliant towards his parents and which had experienced an individual re-animation in his relation to his father: what is thus awakened is the idea of a paramount and dangerous personality, towards whom only a passive-masochistic attitude is possible, to whom one's will has to be surrendered, – while to be alone with him, ›to look him in the face‹, appears a hazardous enterprise. It is only in some such way as this that we can picture the relation of the individual member of the primal horde to the primal father ... (…)
The primal father is the group ideal, which governs the ego in the place of the ego ideal. Hypnosis has a good claim to being described as a group of two; there remains as a definition for suggestion – a conviction which is not based upon perception and reasoning but upon an erotic tie. This actually defines the nature and content of fascist propaganda.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 415

Jeder große Führer erscheint als omnipotenter Übervater. Er kann sich auf die lange Gewöhnung an dieses Hoffnungsbild halten, welches die Religionen seit je installiert und gepflegt haben und weiter aufrecht halten.

Fascist agitation is centered in the idea of the leader, no matter whether he actually leads or is only the mandatary of group interests, because only the psychological image of the leader is apt to reanimate the idea of the all-powerful and threatening primal father. This is the ultimate root of the otherwise enigmatic personalization of fascist propaganda, its incessant plugging of names and supposedly great men, instead of discussing objective causes.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 417

Das Moment der Personalisierung, penetrant von Hitler und Stalin, bald darauf von Mao gepflegt, wird heute in modernisierter Form generell angewandt: es gelten immer weniger Sachverhalte, sondern Personen, Persönlichkeiten und Kontakte (Beziehungen, Bezüge). In dem Maße, wie diese Personalisierung voranschreitet, fortschreitet, schwächt sie das kritische Denkvermögen, verblendet in einem Falschverständnis von Beziehungen („likes“, Liebe, Anerkenntnis, Bedeutung) Qualität und Quantität von Sozialem, Gesellschaftlichem und Individuellem.

Es werden ja nicht nur Namen genannt, es wird nicht nur auf anerkannte Persönlichkeiten fokussiert, sondern auf nationale Leistungen, auf hohe Standards und die Gefahr wegen ausländischer Einmischung, wegen Feinden im Äußeren und Inneren, das nationale Wohl zu gefährden, zu schmälern oder gar zu verlieren ("America first!"). Jeder Erfolg, Industrialisierung, Produktivität, Profite, dient als Ausweis und Legitimation für den eingeschlagenen Weg, das galt für Hitler und Stalin und Mao, der aber nicht nur wie Stalin oder Hitler jede Kritik verhinderte, sein eigenes Land nachhaltig schwächte. Das Resultat war zwar nicht die völlige Zerstörung, wie das Hitler für Deutschland schaffte, von dessen Regime nur die bedingungslose  Kapitulation übrig blieb, der aber unfreiwillig die Grundlagen für den ungezügelten, ausbeuterischen Kapitalismus schuf, der die Eliten enorm reich machte und jede Kritik von außen, z. B. an den notorischen Menschenrechtsverletzungen, effektiv eliminierte bzw. zu leeren Worten gerinnen ließ.). Ähnliches gilt auch für eine kleine Figur wie den Pascha vom Bosporus, Erdogan, es gilt vollinhaltlich für den Rülpel, Rassisten und Frauenfeind Trump.

Moreover, the primitively narcissistic aspect of identification as an act of devouring, of making the beloved object part of oneself, may provide us with a clue to the fact that the modern leader image sometimes seems to be the enlargement of the subject's own personality, a collective projection of himself, rather than the image of the father whose role during the later phases of the subject's infancy may well have decreased in present- day society. All these facets call for further clarification. The essential role of narcissism in regard to the identifications which are at play in the formation of fascist groups, is recognized in Freud's theory of idealization.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 418

Dass die Einverleibung, das Auffressen, nicht nur für Märchengestalten gilt, sondern konkreter Teil gewisser religiöser Ansichten und Übungen ist, beweist der heilige Akt der Kommunikation, in welchem Gläubige, ähnlich wie Kannibalen, den Leib ihres Gottes essen, also sich einverleiben.

This, again, falls in line with the semblance of the leader image to an enlargement of the subject: by making the leader his ideal he loves himself, as it were, but gets rid of the stains of frustration and discontent which mar his picture of his own empirical self. This pattern of identification through idealization, the caricature of true, conscious solidarity, is, however, a collective one. It is effective in vast numbers of people with similar characterological dispositions and libidinal leanings. The fascist community of the people corresponds exactly to Freud's definition of a group as being »a number of individuals who have substituted one and the same object for their ego ideal and have consequently identified themselves with one another in their ego.« The leader image, in turn, borrows as it were its primal father-like omnipotence from collective strength.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 419

Die Massenmenschen lieben weniger den Führter, den Übervater, als sich selbst über die Projektionsfigur, die der Führer vermittelt. Das könnte erklären, weshalb so viele Frauen den Frauenfeind Trump "lieben" und verehren, ähnlich jenen Frauen, die einem inneren Strafbedürfnis folgend die Nähe oder Gemeinschaft mit Männern suchen, die sie erniedrigen, schlagen oder missbrauchen.

Adorno spricht die Nähe der amerikanischen Faschisten zu den Nationalsozialisten, vor denen er nach Amerika geflohen war, unverhüllt aus. Sie gilt heute unter Trump, nach dem Niedergang des letzten Restes von demokratischer Rechtsstaatlichkeit, mehr als je zuvor.

Freud's psychological construction of the leader imagery is corroborated by its striking coincidence with the Fascist leader type, at least as far as its public build-up is concerned. His descriptions fit the picture of Hitler no less than idealizations into which the American demagogues try to style themselves.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 419

Der Führer erscheint “menschlich”, als jemand, der einerseits (schier) allmächtig ist, andererseits menschliche Züge aufweist, gewisse Schwächen hat, also den Folgsamen, den Mitläufern, den Unteren gar nicht so unähnlich. Trump erscheint, obwohl obszön reich, den Bergarbeitern als einer der ihren…

One of the most conspicuous features of the agitators' speeches, namely the absence of a positive program and of anything they might »give,« as well as the paradoxical prevalence of threat and denial, is thus being accounted for: the leader can be loved only if he himself does not love. Yet, Freud is aware of another aspect of the leader image which apparently contradicts the first one. While appearing as a superman, the leader must at the same time work the miracle of appearing as an average person, just as Hitler posed as a composite of King-Kong and the suburban barber. This, too, Freud explains through his theory of narcissism.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 420

In den christlichen Religionen stellt Jesus als Mensch gewordener Gottessohn diese normale Menschennatur dar, die menschlich leiden und lieben kann, die als Mittler zwischen dem Vater, dem Herrn, dem Urvater,  dient und trotzdem göttlich ist. Er ist übermenschlich und gleichzeitig menschlich. Freuds Erklärung dieses Phänomens mit seinem Narzismusbegriff stieß von Beginn an auf heftige Kritik der Religiösen.

Even the fascist leader's startling symptoms of inferiority, his resemblance to ham actors and asocial psychopaths, is thus anticipated in Freud's theory.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 421

Trump tritt auf als ungebildeter Macho, ein wüster Rülpel, erscheint in seiner Körpersprache wie ein fletschender Pavian, während ein Berufsschauspieler wie Reagan freundlich erschien und die Strohmannfunktion des Staatsführers effektiv erfüllte. Reagan trug zur Maskierung des Ausbeutesystems bei, während Trump die Masken fallen ließ bzw. nie auf- und annahm. Wie man Hitlers "Mein Kampf" damals keine entsprechende Beachtung schenkte, wird den Äußerungen Trumps und seinen Verhaltensweisen unkritisch begegnet. Die Kollaboration von damals ähnelt jener von heute. Wer sich wundert, dass oder wie z.B. Bergarbeiter im reichen Trump ein Vorbild, ein positives Versprechen sehen können, sollte folgende Sätze bedenken:

Accordingly, one of the basic devices of personalized fascist propaganda is the concept of the »great little man,« a person who suggests both omnipotence and the idea that he is just one of the folks, a plain, red-blooded American, untainted by material or spiritual wealth. Psychological ambivalence helps to work a social miracle. The leader image gratifies the follower's twofold wish to submit to authority and to be the authority himself. This fits into a world in which irrational control is exercised though it has lost its inner conviction through universal enlightenment.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 421

Man kann im Internet die vielen Auftritte und Beschwörungen der kleinen Leute, the great little men, der Unterschichtler, an die Trump sich wie ein Schmierenkomödiant wendet, nachverfolgen. Wenn man sich klar macht, dass diese dummen, verblendeten, ungebildeten Horden einem ebenso ungebildeten, aber smarten Führer zujohlen, ihm bedingungslos folgen, kann einem angst werden vor der Gewalt, die sich da aufbaut. Da ist nichts zufällig oder partikular, da ist System dahinter und darin, da zeigt sich der faschistische Kern Amerikas.

All the agitators' standard devices are designed along the line of Freud's exposé of what became later the basic structure of fascist demagoguery, the technique of personalization.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 421

Die Standardwerkzeuge sind alt und erprobt. Die Wirtschaftswerbung gab die Vorlagen, die politische hat sie in ihrer Propaganda ausgefeilt. Dass in den USA, die für viele immer noch als demokratischer Rechtsstaat gelten, die faschistische Ausrichtung tief verankert ist und heute gestärkt wird, zeigt sich nicht zuletzt im notorischen Rassismus gegen Schwarze und Latinos, sondern auch im inhumanen Umgang mit Minderheiten, im schnöden Verhalten nicht nur depravierter Unterschichtler, sondern typischer Mittelklassevertreter, die ihr früher als paradiesisch gedeutetes Leben gefährdet sehen und ihre Angst typischerweise nicht gegen die Hochfinanz, Großunternehmen, Banken und Versicherer richten, die sie zugrunderichten, sondern an Minderheiten, an Sündenböcken auslassen und dabei das Regime der Kriegstreiber und Ausbeuter absichern und stärken.

The tendency to tread on those below, which manifests itself so disastrously in the persecution of weak and helpless minorities, is as outspoken as the hatred against those outside. In practice, both tendencies quite frequently fall together. Freud's theory sheds light on the all-pervasive, rigid distinction between the beloved in-group and the rejected out-group.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 422

Adorno liefert noch eine Beobachtung, die bemerkenswert ist:

Already in 1921 he [Freud] was therefore able to dispense with the liberalistic illusion that the progress of civilization would automatically bring about an increase of tolerance and a lessening of violence against out-groups.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 422-423

Das erschüttert die vulgäre Theorie, dass Wohlstand Faschismus verhindere. Wohlstand hat in den USA weder den Ku Klux Klan verhindert, noch die faschistoide Kirche der Scientologen. Und das Phänomen Trump wird ja nicht nur von den Unterschichtlern getragen, sondern zuerst vom Apparat, der weite Teile der Bevölkerung über Jahrzehnte in eine Lage brachte, die die Herausbildung des primitiven Faschisten begünstigt. Wohlstand mindert zwar die akute Gefahr, bedarf aber zusätzlicher Bildungsanstrengungen und einer anderen, menschenwürdigen Politik, um  tiefgreifende, nachhaltige Änderungen zu erreichen. Da dies nicht und nirgends geschieht, ist nicht zu erwarten, dass wir bald eine menschenwürdige Gesellschaft haben werden.

»The leader or the leading idea might also, so to speak, be negative; hatred against a particular person or institution might operate in just the same unifying way, and might call up the same kind of emotional ties as positive attachment.« It goes without saying that this negative integration feeds on the instinct of destructiveness to which Freud does not explicitly refer in his Group Psychology, the decisive role of which he has, however, recognized in his Civilization and Its Discontent. In the present context, Freud explains the hostility against the out-group with narcissism:
In the undisguised antipathies and aversions which people feel towards strangers with whom they have to do we may recognize the expression of self-love – of narcissism. This self-love works for the self-assertion of the individual, and behaves as though the occurrence of any divergence from his own particular lines of development involved a criticism of them and a demand for their alteration.
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 424

Dem vernünftig Denkenden bzw. dem aufmerksamen Beobachter haben organisierte Religionen immer schon ein Paradebeispiel solchen Verhaltens geliefert. Allein schon die Existenz eines Andersgläubigen oder gar Ungläubigen erzürnt den Gläubigen, rechtfertig sein Mordprogramm, seine Maßnahmen zur Purifikation im Namen Gottes (seines Gottes). Das beschränkt sich nicht nur auf barbarische Islamisten oder fanatische Moslems.

The narcissistic gain provided by fascist propaganda is obvious. It suggests continuously and sometimes in rather devious ways, that the follower, simply through belonging to the in-group, is better, higher and purer than those who are excluded. At the same time, any kind of critique or self-awareness is resented as a narcissistic loss, and elicits rage. It accounts for the violent reaction of all fascists against what they deem zersetzend, ...
Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda. In:  GS 8, S. 424

Die Art, wie große Teile der Bevölkerung in Russland unter Putin Homosexuelle jagen und verurteilen, wie in Amerika die Religiösen es vermögen, gegen Künstler und Wissenschaftler vorzugehen, die sich kritisch äußern, wie Bibliotheken "gereinigt" werden, neue Bücherverbrennungen stattfinden, all dies zeigt die nervöse Abwehr, ja den tiefen Hass auf das Andere, das Fremde, das Feindliche. Das funktioniert nicht nur in der Türkei, im Iran oder in China bzw. Russland, sondern auch in den USA, Großbritannien und vielen Mitgliedsstaaten der EU.

Im Beitrag Adornos zu Freuds Theorie und faschistischer Propaganda finden sich noch viele Stellen, die als Belege anzuführen wären. Es empfiehlt sich die eigene Lektüre.