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Sonntag, 13. Dezember 2015

Die Abenteurer der modernen Kunst

Die sechsteilige Serie über moderne Kunst ist entweder in der Mediathek des SRF noch nachzusehen bzw. in Wiederholungen  und Aussendungen bis Jänner 2016:

Die Abenteurer der modernen Kunst
Picasso & Co. - (2)

Spielfilm · FR/SE/CH 2015

Das Gemälde «Les Demoiselles d'Avignon» ist die Antwort Picassos auf Matisse - und sorgt für Empörung. Und dann werden Apollinaire und Picasso 1911 in einen grossen Skandal verwickelt, den Raub der Mona Lisa aus dem Louvre. Animationsserie über das Kunstgeschehen in Paris zwischen 1906 und 1916.

Der zweite Teil der sechsteiligen Saga erzählt von den ersten künstlerischen Erfolgen der jungen Künstler, die in Paris zusammen gefunden haben. Es kommt zu ersten freundschaftlichen Dissonanzen unter Picasso und seinen Freunden. Diese wurden mit ausgelöst von Vermutungen, dass der junge Spanier Picasso in den Raub der Mona Lisa verwickelt sei.

Die Animationsserie «Die Abenteurer der modernen Kunst» gibt mit einer fulminanten Mischung aus Archivmaterial und Animationen Einblick in das Künstlerleben in Paris zwischen 1900 und 1939, das vom Autorinnentrio Amélie Herrault, Pauline Gaillard und Valérie Loiseleux lebendig und detailgetreu vermittelt wird. Die Kommentarstimme wird von Anke Engelke gesprochen.

Wiederholung:
15.12.2015, 12:55-14:00
19.12.2015, 09:50-10:50


Teil 1:

Die Abenteurer der modernen Kunst: Die Zeit der Bohème

    Sonntag, 6. Dezember 2015, 11:55 Uhr



Video noch 23 Tage verfügbar


Anfang des 20. Jahrhunderts kommen Künstlerinnen und Künstler nach Paris, um ihr Glück zu finden. Unter ihnen sind Picasso, Apollinaire, Sartre, Dalí. Sie begegnen sich, leben, arbeiten und feiern zusammen - und revolutionieren gemeinsam die Kunst. Animierte Dokfilmreihe in europäischer TV-Premiere.

Basierend auf den Büchern des Schriftstellers Dan Franck taucht die sechsteilige Filmreihe in das Pariser Künstlerleben Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein. Der Auftaktfilm erzählt von der Zeit der Bohème, als man in Paris als junger Künstler frei und praktisch ohne Geld leben konnte. Es herrschte Aufbruchstimmung, und trotz kleiner Konkurrenzkämpfe arbeiteten die noch unbekannten Künstler mit Verve zusammen - und stellten die Kunst auf den Kopf.

Die Dokserie «Die Abenteurer der modernen Kunst» gibt mit einer fulminanten Mischung aus Archivmaterial und Animationen Einblick in das Künstlerleben in Paris zwischen 1900 und 1939, das vom Autorinnentrio Amélie Herrault, Pauline Gaillard und Valérie Loiseleux lebendig und detailgetreu vermittelt wird. Die Kommentarstimme wird von Anke Engelke gesprochen.

Die weiteren Folgen der Filmreihe «Die Abenteurer der modernen Kunst», sonntags auf SRF 1:

 
    Folge 3: «Weltmetropole Paris», 13. Dezember 2015, 23.55 Uhr, SRF 1
    Folge 4: «Die Strassenkünstler von Montparnasse», 20. Dezember 2015, 11.55 Uhr, SRF 1
    Folge 5: «Libertad!», 10. Januar 2016, 11.55 Uhr, SRF 1
    Folge 6: «Mitternacht in Paris», 10. Januar 2016, 23.25 Uhr, SRF 1




Donnerstag, 21. Februar 2013

Anais Nins 110. Geburtstag

Anaïs Nin (* 21. Februar 1903 in Neuilly-sur-Seine bei Paris als Angela Anaïs Juana Antolina Rosa Edelmira Nin y Culmell; † 14. Januar 1977 in Los Angeles) war eine französische Schriftstellerin.

Wikipedia

Abbildung aus der englischen Wikipedia, Foto von Elsa Dorfman










Mittwoch, 22. August 2012

Arthur Holitschers 143. Geburtstag

Arthur Holitscher, 22.8.1869 - 14.10.1941, war ein Reiseschriftsteller, Essayist, Romancier und Dramatiker. 1933 kamen Holitschers Bücher auf die Liste der „auszumerzenden Literatur“ und wurden verbrannt. Er floh nach Paris und später nach Genf. Ab 1939 lebte er verarmt und verlassen in einem Quartier der Heilsarmee in Genf, wo er am 14. Oktober 1941 im Alter von 72 Jahren starb. Die Grabrede auf ihn hielt Robert Musil.

Wikipedia

Abbildung aus Gutenberg


Arthur Holitscher - eine Bildvorlage für Kafkas Amerika-Roman? "Der Verschollene" in der Lesart einer Textgenese. Ingo Langenbach, NEUE GESELLSCHAFT / FRANKFURTER HEFTE


Der neue Intellektuelle
Eine Begegnung mit Herrn »Howard Curle«

Aus: Arthur Holitscher: Essays zu Kunst und Literatur, Volk und Welot, 1979; Quelle: Projekt Guttenberg


Wir sind früh in den Palazzo Pitti gekommen, in den Sälen ist kaum noch ein Me<nsch. Gleich schiebe ich mir einen Sessel vor Giorgiones Konzert, während mein Reisegefährte in ziellosem Umherschlendern seinen Genuß zu erjagen versucht.

Ich bin noch gar nicht recht ins Schauen hineingeraten, da kommt er schon, ganz rasch, auf Fußspitzen, durch alle Türen zu mir zurück; er ist weiß wie Linnen, über dem linken Auge hat er den roten Fleck auf der Stirn – so bleibt er vor mir stehen, etwas hat ihm die Rede verschlagen! Es wird Jahr um Jahr unerquicklicher, mit ihm zu reisen. Jetzt geht er zu seinem Kölnischen Wasser heim, und es vergeht ein Tag, es vergehen zwei, eh' ich ihn wieder zu Gesichte bekomme. »Drüben ... vor dem Kardinal von van Dyck steht ein Mensch ... geh und sieh: Ob du es glaubst oder nicht... es ist Oskar Wilde!«

Ich sehe ihn an. Der rote Fleck hat sich ausgebreitet, hat die Schläfe gewonnen. »Oskar Wilde,« bemerke ich ruhevoll, »geboren 1850 zu Dublin, liegt seit dem Herbst 1900 in Bagneux begraben, einem kleinen Vorort von Paris ... übrigens, da du hier bist gerade, willst du, bitte, den Jüngling mit dem Federhut hier im Bilde in Augenschein nehmen? Dieses leere Gespenst! Wenn ich an die Jünglinge von Giorgione denke, den Berliner, den Braunschweiger, den aus Hampton Court: auf Treu und Glauben, dieser hier nie und nimmer!« – »Ich bin, wie du weißt, Wilde wiederholt begegnet, vor seinem Prozeß in Oxford, nachher in Sizilien, in Assisi ...« – »Verzeih: das Konzert – eine alte Freundschaft, die in die Brüche geht, ist wohl eine wert, die man erneuern möchte? Wenn Ihr Euch begegnet seid, wird der Mann dort drin dich wohl wieder erkennen. Hat er dich wieder erkannt?« – »Selbstverständlich: nein. Ich stand neben ihm und er sah mich. Nichts dergleichen.« Sein Gesicht zieht sich vor Leiden zusammen: »Versprich mir, daß du das nicht auf sich beruhen läßt! Denn ich habe ja leider genug für heute!« – »Ärmster!« Schon ist er fort.

Allmählich gleitet alles aus dem Bereich der Aufmerksamkeit hinweg, der Jüngling, der Ordensbruder, die inbrünstige Mittelfigur, ich rücke den Sessel an die Wand zurück und gehe durch die Säle. Vor van Dycks Kardinal steht ein Mann.

– Ein einziges Mal habe ich Oskar Wilde gesehen, einige Wochen vor seinem Tode, im Pavillon Rodin auf der Pariser Weltausstellung. Er war mit einem jungen Franzosen da und sah ruiniert aus. Ich fühlte Trauer in mir wie einen körperlichen Schmerz, als ich ihn so vor mir stehen sah und erkannte. Aber da blickte er zu den Statuen auf und mir wurde im Nu frei und warm zu Sinne. Ich habe den wundervoll beschwingten Blick, mit dem der zerstörte Mensch die Geschöpfe der Kunst grüßte, lebendig in mir erhalten wie eine Lehre. Ich sah dem Mann vor dem van Dyck ins Gesicht. Er hatte sogar den Blick. –

Am Nachmittag lief der Portier des kleinen Palazzo Sibillini am Arno mit ehrerbietigem Rücken durch den Flur vor mir her, die Treppe hinauf und schellte an der alten Eichenpforte, auf der das Wahrzeichen der ausgestorbenen Familie der Sibillini als Türklopfer zu sehen war: eine geharnischte Frau mit offenem Buch in den erhobenen Händen. Außerdem war ein kleines silbernes Sicherheitsschloß in die Eichentür eingelassen und ein Metallschild mit den Worten: »Mr. Howard Curle«.

Im Vorzimmer stand ein livrierter italienischer Antinous, dessen Zügen die verheerende Wirkung der Lektüre von englischen Detektivgeschichten anzusehen war; er stand da und hatte den strengen Auftrag, keinen Unbekannten zu seinem Herrn zu lassen. Ich schrieb auf meine Karte: es handelt sich um einen gemeinsamen Freund. Ich dachte mir: er wird mir doch nicht durch seinen Diener sagen lassen, daß er mit niemandem gemeinsame Freunde besitze! Über meinen Kopf weg führte der Portier mit dem Antinous die augenzwinkernde Geheimsprache der Trinkgeldempfänger. – Der Herr ließ bitten.

Mr. Curle saß in einem prächtigen grünen Damastzimmer zwischen alten Boulemöbeln, hinter deren Scheiben man Porzellan, Bronzemünzen und Pergamentbände erblickte. Er ließ mich in einem Lehnstuhl gegen das Licht niedersitzen, die Junisonne vom Arno her floß glorreich und blendend über sein Gesicht, seine Hände, über die ganze weichliche und ein wenig gedunsene Gestalt mir gegenüber. Ich begann gleich mit der Erklärung: ich komme aus Deutschland, in den Zeitungen steht alle drei, vier Monate einmal die Nachricht, Oskar Wilde sei hier und dort gesehen worden; ich selber habe Wilde ein einziges Mal gesehen, in Paris, auch habe ich über Wildes Sterben und Begräbnis glaubwürdige Mitteilungen empfangen durch einen Freund, der zugegen gewesen ist, einen der wenigen, die die tristen Tage vor dem Tode, die beschämend dürftigen Veranstaltungen nach dem Tode Wildes miterlebt haben.

Herr Howard Curle: »Ihr Freund ist der Maler van 'sGravenhage.«

Ich: »... ja, jawohl, Sir, Sie scheinen unterrichtet zu sein?«

»Ich bin über alles unterrichtet, was sich von Wildes Tode bis zu seiner Beerdigung zugetragen hat.«

»Das genügt mir, ich danke Ihnen, Mr. Curle. Denn nun weiß ich's ja, daß Sie nicht Oskar Wilde sind.«

»Vorausgesetzt... Nun, ich war ja nicht zugegen und habe auch nur meine, ebenfalls recht glaubwürdigen Informationen, die allerdings woanders herkommen als die Ihren!«

»Wie meinen Sie denn das: vorausgesetzt, Mr. Curle?«

»Ich meine damit: ebensowenig der Vater eines Menschen mit Sicherheit zu bestimmen ist, ebensowenig kann man es mit Sicherheit behaupten, daß ein Mensch gestorben ist und begraben wurde.«

»Van 'sGravenhage war dabei, als man den Sarg zugeschlossen und vernietet hat.«

»Sie sprechen ein passables Englisch, Sir, Sie sprechen das Londoner Englisch, ich nehme an, Sie haben sich eine Zeitlang in London aufgehalten. Haben Sie sich da nicht in einer müßigen Stunde die sogenannten »ägyptischen Mysterien« von Maskelyne und Devant angesehen? Zu meiner Zeit war diese Zauberbühne in der Nähe von Piccadilly. Da konnte man und kann man ohne Zweifel heut noch einen lebenden Menschen in Adamsgröße vor den Augen des Publikums verschwinden, einfach in Nichts sich auflösen und verschwinden sehn! Diese Illusion wird durch eine Kombination von geschickt aufgestellten Spiegeln erreicht. Wollen Sie sich nur einen Sarg auf einer Bahre vorstellen, das heißt: einen ziegelförmigen Holzkasten, der auf einem mit schwarzen Tüchern verhängten, im übrigen vollständig hohlen Brettergerüst ruht?«

»Ja, ja, ich sehe das. Wir haben im Deutschen einen trefflichen Ausdruck für dergleichen: wir nennen es Spiegelfechterei. Das gute englische Wort Humbug sagt aber vielleicht dasselbe.«

»Ich kenne die Sitten Deutschlands wenig, Sir, bei uns in England wählt man für den Fall, man hätte jemand Unhöflichkeiten zu sagen, einen neutralen Ort, das Bureau eines Rechtsanwalts, seltener den Klub, niemals die Behausung dessen, den zu beleidigen man vorhat.«

»Ferne liegt es mir, Sie für einen Charlatan erklären zu wollen, Mr. Curle, ich bitte Sie, dies zu glauben. Nach den ersten Minuten unserer Unterhaltung erblicke ich in Ihnen vielmehr einen Mann, der seine Bestimmung unter den Menschen nicht zu finden vermocht hat und sich, begünstigt durch einen außerordentlichen Zufall, mit plötzlichem Entschluß eine wenn auch beschwerliche, so doch unbedingt lohnende Pose angeeignet hat, die es ihm ermöglicht, nun endlich Einer zu sein, Einen vorzustellen. Wenn dieser Eine auch ganz und gar und deutlich und ausgesprochen ein Anderer ist als er selbst!«

Herr Curle sah mich eine Zeitlang nachdenklich an und sprach darauf: »In dieser Lage befindet sich vielleicht jeder Gestorbene? Ein rechtschaffener Toter ist ja gewiß ein schauderhafter Poseur, aber nicht dies ist's, was ich meine.«

Ich nickte: »Ich verstehe Sie vollkommen, Mr. Curle. Jawohl, an eine Art von Totsein habe ich dabei selber gedacht.«

»Wollen Sie die Liebenswürdigkeit haben, mir diese Art ein wenig zu verdeutlichen, Sir?«

»Gewiß, ich will's versuchen. Ich meine: wie viele von denen, die in Wahrheit leben, erleben den Augenblick ihres physischen Todes? Wie viele solcher Götterlieblinge gibt's unter denen, die wirklich gelebt haben? Der Tod, den ich meine, tritt den lebenden, das heißt den tätigen Menschen in dem Augenblicke an, in dem er zu sich spricht: ich muß meine Taktik ändern. Es ist der Augenblick, in dem der Sieger reaktionär wird und sich bemüht, den Nachstrebenden die Möglichkeiten, die ihm selber zum Sieg verholfen haben, abzuschneiden, und es ist der Augenblick, in dem der Untergekriegte sich mit seinem Schicksal versöhnt und die Spuren seines Kampfes vernichtet, sozusagen die Namen der Götter, die auf seinem Wege standen, an die er geglaubt, an denen er gezweifelt hat, aus seinem Herzen stößt, zerbläst wie, wie schlechte Gase ... Es ist aber auch der Augenblick, in dem Einer die totale Selbstvernichtung begehen wird, weil in ihm der Glaube lebt: Drüben erst werde er sein menschenwürdiges Los finden. Tod ist's auf alle Fälle ... so ungefähr dachte ich mir's. Nur scheint es schwer zu sein, mit Anstand und ohne Aufhebens stille zu liegen; wie oft, wenn mir die Ohren gellen, sage ich vor mich hin: schreit doch nicht so, was schreit Ihr denn, wir wissen ja, daß Ihr nur die Stimme überschreien wollt, die in Euch spricht: tot, tot, tot!«

»Nachdem Sie mir auf diese Weise die Art meiner Selbstvernichtung verdeutlicht haben, möchten Sie mir nun nicht sagen, wann in Wildes Leben jener Augenblick eingetreten ist?«

»Der Spötter und Weltmann Wilde wird wohl, als er im Gefängnis seine hohe und reine Zuchthausballade entstehen fühlte, in die Nähe des Augenblicks geraten sein. Vielleicht hat er ihn früher schon gestreift, zur Zeit, da er jene Abhandlung über den Sozialismus und die Menschenseele niedergeschrieben hat – er hat den Augenblick, in dem sein Leben sich hätte verklären können, wohl in einer Distanz empfunden –, gestreift vielleicht, er wurde nicht berührt von ihm, und er ist als ein Lebender gestorben, vermute ich. Denn ich kann mir den Augenblick jenes Todes, von dem wir sprechen, nicht anders vorstellen als einen Blitz, der ein Leben jählings in ein Vorher und ein Nachher auseinander spaltet, auf dem Feld stehen Bäume, schwarz, aufrecht, ohne Laub ... nein, das ist's nicht, was ich sagen will, ich drücke mich schlecht aus, verzeihen Sie ...«

»Nehmen Sie an, Sir, die Legende wäre Wahrheit und Wildes Körper erfüllte noch heute die vorgeschriebenen Bedingungen der Existenz im Fleische. In diesem Falle würde sich die Umkehr ganz gegen Ihre Annahme in Wilde vollzogen haben, und der Augenblick seines angeblichen Todes und Beerdigtwerdens gäbe für Sie und mich das Signal ab dafür, daß der Verschwundene seine Umkehr in die Tat umgesetzt hat. Ist es nicht so? Sie haben indes sicherlich gehört, daß Wilde kurz vor seinem Tode katholisch geworden ist. Diese Prozedur war wohl nichts weiter als das Bemühen eines schlauen Komödianten, seinen gut vorbereiteten Abgang von der Bühne möglichst wirkungsvoll einzuleiten?«

»Nein, ich glaube in Wildes Katholizismus den Beweis dafür zu haben, daß er weiterzuleben gedachte. Ich kenne einige Künstler in England und weiß, wie sie unter ihrem Protestantismus seufzen. Vielleicht wollte Wilde nur sein Erdenleben in einer erhobenen, frei gesteigerten Form weiterführen, sich als Phantasiemensch nicht mehr mit den Wahrheiten des kleinen Einmaleins herumschlagen und wurde katholisch aus dem Grunde, aus dem ein aufgeklärter katholischer Priester, den ich in Rom kannte, es ein für allemal ablehnte, über das Dogma der unbefleckten Empfängnis, der Unfehlbarkeit und so weiter zu debattieren – aus Bequemlichkeit, sagte er, in Wahrheit, weil die Flügel an seinen Schultern schon anfingen, etwas lahm zu werden.«

»Vielleicht ist Wilde katholisch geworden, ganz einfach um seinen Selbstmord, den die Kirche ja verbietet, zu verheimlichen.«

»Oh, Selbstmord, Mr. Curle?!«

»Nun, ebensowenig es sich mit Sicherheit feststellen läßt, ob einer richtig begraben wurde oder nicht, ebensowenig genau kann man nachweisen, ob einer des geruhsamen oder des schlimmen Todes gestorben ist, wenn's der Verstorbene nur einigermaßen geschickt angefaßt hat. Wilde hatte alle Ursache, seinen Selbstmord zu vertuschen; er hat ihn als die schmachvollste Art der Kapitulation des Einzelnen vor der Gesellschaft verworfen!«

Ich sah Herrn Curle an; vielleicht wurde ich jetzt erst seiner ganz verblüffenden Ähnlichkeit mit Wilde gewahr.

»Wie, glauben Sie, Mr. Curle, hätte Wilde denn weitergelebt, wäre er hinter dem Rücken der Menschen von den Toten auferstanden?«

Herr Curle sah mich mit lustigem Zwinkern an, führte eine italienische Handbewegung aus und sprach: »Schwer zu sagen, Sir! Es gibt nur einen Präzedenzfall, und den haben die Theologen verpfuscht. Auf jeden Fall ist das Ableben ein Erlebnis solch schwerwiegender Art, daß es dem, der's aushält, gestattet sein muß, sich auf die ihm eigenste Weise aus der Affäre zu ziehen. Ich denke, ein höflicher und geistvoller Mann wird nach seinem Tode nicht ruhen, ehe er eine Dankesschuld von sich gewälzt hat, die er bei Lebzeiten nicht abtragen konnte. Ich meine: Wilde wird vor allem beim Lord Queensbery vorgesprochen haben, der seinen Prozeß, die späteren Ereignisse und somit auch Wildes Erlösung von der Mitwelt in die Wege geleitet hat. Es ist aber gar nicht unmöglich, daß er den zu Reading hingerichteten Reiter in der Kgl. Leibgarde, C.T.W., dem die Zuchthausballade gewidmet ist, aufgesucht hat ...«

»Man hat Wilde kurz nach seinem Tode in Amerika gesehn!«

»Sir – das halte ich für durchaus unwahrscheinlich. Wer Oskars Briefe aus Amerika und die Abneigung, die er gegen die Staaten hegte, kennt, wird es einem Manne von Geist nicht zumuten, daß er sich gerade dort versteckt, um alle Zweifel an seinem irdischen Tode verstummen zu machen. Man hat ihn, soviel ich weiß, in Avignon, in Turin, in Rom, in Tanger gesehen, all dies beweist natürlich nicht das geringste.«

»Nein, in der Tat, nicht das geringste. Denn ich habe ihn ja heute im Palazzo Pitti gesehen und sogar besucht.«

»Teilen Sie das einer Ihrer deutschen Zeitungen mit, und man wird Sie für einen nicht ernst zu nehmenden Menschen erklären, wahrscheinlich für einen Narren, den man binden sollte.«

»Ich kann's auch einer französischen Zeitung mitteilen!«

»Man wird den Verstorbenen für einen sacré farceur erklären und sich weiter nicht aufregen!«

»Teilte ich's einer englischen Zeitung mit – –«

»Es würden nur ein paar Tische in Bloomsbury und Pimlico, deren Beruf das Sichdrehen ist, in Bewegung geraten und sonst niemand.«

»Übrigens unterschätzen Sie die mögliche Wirkung auf die Gemüter in Deutschland. Man ist dort sehr hinter solchen Sensationen her! Theater, eine Schar, würde Wildes Schauspiele wieder aufs Repertoire setzen!«

»Bitte, mein Herr, sprechen Sie mir um Gottes willen nur nicht von Wildes Theaterstücken!«

»Wilde ist nämlich nach seinem Tode in Deutschland populär geworden.«

Herr Curle, mit allen Zeichen tiefsten Abscheus: »Er hatte also nicht nur recht, sich beizeiten davonzumachen, er hat auch guten Grund, nicht körperlich aufzuerstehen. Die Popularität – ha! – ich will nicht sagen: die Popularität in Deutschland, ich will im allgemeinen sagen: die Popularität! Sir, ich will Ihnen etwas Heiliges aus einem Narrenleben verraten: Die Tragik in Wildes Leben ist nicht in den gewiß furchtbaren Begebenheiten während seines Prozesses und in den nachfolgenden zu suchen, das Tragische in Wildes Leben hat sich während seiner Glanzzeit begeben. Er hat zu viele weltliche Vorteile, zu viel Eitelkeitsnutzen aus seinen Fähigkeiten gezogen; als er dies einsah, kam das Grauenhafte über ihn: er fing die Welt, in der er lebte, er fing sich und vor allem seine Werke um ihrer Wirkung willen zu verachten an. Er beschloß, diese Welt, die ihm sein eitles Bild entgegenwarf, wie einen Spiegel mit einem Schlag des Spazierstockes zu zertrümmern; er beschloß, ins Fegefeuer hinabzusteigen, um später geläutert die Werke aus den Träumen seiner Jugend schaffen zu können – aber o weh! Er stieg verbrannt aus dem Feuer und nicht geläutert, starrte in den Spiegel und entsetzte sich, als er sein Bild darin nicht mehr erblickte. Die Sucht, zu glänzen, Mittelpunkt und ein Erreger des Neides zu sein, saß zu tief drin im Blut seiner Pulse; um sein Selbstbewußtsein bis zu dem Grade zu erhitzen, bei dem seine Dichterkraft zu quellen, zu brausen anfing, benötigte er bitter den flitternden Beifall und das lächelnde Staunen um sich herum. So wurde Wilde ein Schönsprecher, Witzbold und Anekdotenborn der Estaminets und der Kaffeehäuser, vor Leuten, die sich mit dem Gesicht gegen die Wand setzten, um nicht von sich sagen zu hören: ei, sieh da, ich hab den ja neulich mit Wilde gesehn! Und die Werke, die hellen Werke alle blieben ungeschrieben. Da sagte sich eines Tages dieser gewitzigte Geist: So billig hält Gott eben die Buße nicht feil – das ist es. Für Jene, die ihre Person zu weit in den Vordergrund gedrängt haben, bis an den Platz, wo nur das Werk, aber nicht sein Schöpfer stehen darf, für sie gibt's nur eine Sühne, nur ein Zurücktreten: Den Tod, das radikale Verschwinden.«

»Und dennoch – Howard Curle?«

Herr Curle lachte leise in sich hinein, und ziemlich lange. Endlich sprach er: »Wie war das doch, was Sie am Anfang unseres Gesprächs von dem Mann sagten, der seine Bestimmung ... wie war das doch?«

»Ich meinte den, der seinen Platz im Leben nicht zu finden vermocht hat und eine Pose auf sich nimmt, um endlich als Einer dazustehen, ungefähr ...«

»Ich wollte sagen, das ist nicht übel gedacht, wenn auch etwas schwunglos ausgedrückt. Was würden Sie zu einem sagen, der sich die amüsante und lohnende, immerhin etwas unbehagliche Aufgabe gestellt hätte: Den Menschen eine Lehre zu erteilen, indem er sie mystifiziert, weil er weiß, daß das Geheimnisvolle eine ungleich stärkere Suggestion ausübt, als die bestgefügten Worte es je könnten?« Mr. Curle warf sich in die Brust und sprach: »Ja, jawohl, beim Jupiter, Ausdauer, Verschlagenheit gehören schon dazu, um eine derartige Gegenwart aufrechtzuerhalten. Und noch etwas, gewiß, noch etwas mehr ...«

»Sie wollen doch nicht sagen, Sir, daß Sie von Gründen der Menschenliebe, von erzieherischen Gründen sich bestimmen ließen, als ein posthumer Oskar Wilde herumzugehen?«

»Wir vergeuden den wunderhellen Junitag, mein Herr, wir vergeuden ihn. Lassen Sie mich nur kurz sein: die Methode des Lebens, die ich Ihnen da expliziert habe, ist eine Methode, die sich ein ganz phantasiearmer Kopf zurechtgelegt hat und gewiß nicht des Mannes würdig, der von sich sagt:

»he who lives more lives than one,
more deaths than one must die.«

Dies müssen Sie als untrüglichen Beweis dafür gelten lassen, daß ich der Mann bin, dessen Namen Sie auf dem Schild vor meiner Tür gelesen haben, und niemand anders. Nur werden Sie jetzt vielleicht etwas besser von mir denken als vor einer Viertelstunde, und das also wäre gewonnen. Denn ich habe Ihnen klargemacht, wie hier einer seine Pose nicht eigentlich um seines eigenen Nimbus willen auf sich genommen hat, sondern um diesen Nimbus einem Andern zu verleihen, der nicht mehr fähig ist, ihn sich selber zu erwerben. Dies ist übrigens der einzige mir bekannt gewordene Fall, in dem aus einem Dandy ein Heiliger geworden ist. Eine Figur, die der arme Oskar hätte verewigen sollen!«

»Sie werden mir aber zugeben, daß Sie gefallen sind, ins Unheilige, sehr Menschliche, Unterdandyhafte, soeben: da Sie mir gestanden, nicht Wilde zu sein. Wenn es die höchste, unverbrüchliche Pflicht des Dandy ist, in seiner Rolle zu bleiben, so steigert sich diese Pflicht mit ihm ins Heilige empor. Ich brauche jetzt bloß hinzugehen und einem Freunde, der im Hotel auf mich wartet, mitzuteilen, daß ich dem Wilde aus Avignon, Tunis und Turin persönlich begegnet bin und daß es niemand anders ist als ein Herr Howard Curle, begabt mit einer erstaunlichen Ähnlichkeit mit Wilde, und der es im übrigen selber willig zugibt, Herr Howard Curle zu sein – – die Legende ist weggeblasen, und Sie sind der letzte und infamste, entlarvte Snob und ein Spott der Welt!«

»Sie haben unrecht. Sagen Sie es getrost, beweisen Sie es unwiderleglich, daß ich Howard Curle bin und nicht der Andere – die Menschen werden erst recht an die Legende glauben.« Er hatte sich erhoben und geleitete mich zur Tür.

Ich: »Es ist furchtbar, was Sie da von den Menschen sagen!«

Herr Curle: »Man muß gestorben sein, um das von den Menschen zu wissen.«

Ich: »Und wer das von den Menschen weiß, kann gar nichts Klügeres tun als sterben.«

Herr Curle: »In der Tat, Sir, in der Tat. Guten Tag.«

Sonntag, 15. Juli 2012

Walter Benjamins 120. Geburtstag

Walter Bendix Schoenflies Benjamin, 15.7.1892 - 26.9.1940, war ein deutscher Philosoph, Literaturkritiker und Übersetzer der Werke von Balzac, Baudelaire und Marcel Proust.

Wikipedia


Die Waffen von morgen

Schlachten mit Chlorazetophenol, Diphenylaminchlorasin und Dichloräthylsulfid


Die obigen Bezeichnungen werden im kommenden Kriege ebenso populär sein wie »Schützengraben«, »U-Boot«, »Dicke Berta« und »Tank« im vergangenen. Für die zungenbrecherischen chemischen Vokabeln werden gefällige Abkürzungen in wenigen Tagen aufgekommen sein. Und diese, im Laufe einiger Stunden zu nie geahnter Aktualität beförderten Ausdrücke werden an Popularität den Wortschatz aller Frontberichte von 1914 bis 1918 überbieten.

Unmittelbar betreffen sie einen jeden. Der kommende Krieg wird eine geisterhafte Front haben. Eine Front, die gespenstisch bald über diese, bald über jene Metropole, in ihre Straßen und vor jede ihrer Haustüren vorgerückt wird. Dazu wird dieser Krieg, der Gaskrieg aus den Lüften, in nie gekanntem Sinne dieses Wortes, ein wahrhaft »atemraubender« Hasard sein. Denn seine schärfste strategische Eigenart liegt darin: bloßer und radikalster Angriffskrieg zu sein. Gegen die Gasangriffe aus der Luft gibt es keine zulängliche Gegenwehr. Selbst die privaten Schutzmaßregeln, die Gasmasken, versagen in den meisten Fällen. Das Tempo der kommenden kriegerischen Auseinandersetzung wird demnach durch das Bestreben diktiert werden, nicht sowohl sich zu verteidigen, als die vom Gegner verursachten Schrecken durch ein Zehnfaches von Schrecken zu überbieten. Daher ist es belanglos, wenn wohlmeinendere unter den Theoretikern uns das »humane« Tränengas in Aussicht stellen, ja, womöglich für den Gaskrieg Stimmung zu machen suchen, indem sie ihn dem Luftkrieg mit Explosivstoffen gegenüberstellen. Schärfer sehen andere, indem sie für den Gasangriff von vornherein dasjenige Motiv in den Vordergrund stellen, dessen wachsende Bedeutung bereits der vorige Krieg gelehrt hat: letzter Zweck der Aktionen des Flugzeuggeschwaders soll die Vernichtung des feindlichen Willens zum Widerstände sein. Durch einige wenige »raids« soll die Bevölkerung der feindlichen Zentren mit besinnungslosem Entsetzen derart erfüllt werden, daß jeder Appell an die Organisation der Abwehr versagt. Der Schrecken soll sich der Psychose nähern.

Ein Bild, das nichts von Wellsschen und Jules Verneschen Utopien an sich hat: In den Straßen Berlins verbreitet sich bei schönem, strahlendem Frühlingswetter ein Geruch wie von Veilchen. Das dauert einige Minuten lang. Danach wird die Luft erstickend. «Wem es nicht gelingt, aus ihrem Bereich zu entkommen, der wird in wenigen weiteren Minuten nichts mehr erkennen können, sein Gesicht, momentan, verlieren. Und glückt ihm weiterhin keine Flucht oder nimmt ihn kein Abtransport auf, so muß er ersticken. Das alles kann eines Tages eintreten, ohne daß in der Luft irgendein Flugzeug sichtbar, das Surren irgendeines Propellers vernehmbar wäre. Bei unverändert klarem Himmel und blendender Sonne. Aber unsichtbar und unhörbar, 5000 Meter hoch, steht ein Fluggeschwader, das Chlorazetophenol herabtropfen läßt, Tränengas, das »humanste« der neuen Mittel, das, wie bekannt, in den Gasangriffen des letzten Krieges bereits eine Rolle gespielt hat.

Kein zuverlässiges Mittel macht der Geschwader Wahrnehmung möglich, die in einer Höhe von 5 bis 6 Kilometern über der Erdoberfläche sich aufhalten. Zumindest öffentlich ist keins bekannt. Die gedämpfte Ouvertüre, die seit Jahren in den chemischen und technischen Laboratorien sich abspielt, dringt ja nur mit vereinzelten Mißtönen an die Ohren der Öffentlichkeit. Ab und zu erfährt man Dinge, wie die Erfindung eines empfindlichen Fernhörers, der das Surren der Propeller auf große Entfernungen hin registriert. Und einige Monate später dann wieder die Erfindung eines lautlosen Flugzeuges.

Einige Tatsachen, die der amerikanische Kriegskorrespondent William G. Shepherd in der »Liberty« über die »Anwendbarkeit« des französischen Flugparks im Kriege gibt, sind illustrativ.

Frankreich besitzt heute mindestens 2500 Flugzeuge im aktiven Friedensdienst; weitere sind in Reserve. Die Gesamttonnage der französischen Luftkräfte beträgt je nach der Flughöhe 600 bis 3000 Tonnen. Shepherd setzt London. Londons Zentrum mit dem Sitz aller lebenswichtigen Institute des britischen Imperiums bedeckt vier englische Quadratmeilen. Diese erfordern, um auf mehrere Monate hinaus unbewohnbar zu werden, 120 Tonnen Dichloräthylsulfid, Senfgas. Da zu gleicher Zeit über diesem Territorium maximal 250 Flieger – in ein und derselben Luftschicht natürlich – sich aufhalten können, jeder davon mindestens 500 Pfund mit sich führt und dieses Geschwader eine Tonne pro Minute abwirft, so steht – immer nach Shepherds Ansatz – das Herz des britischen Weltreichs nach zwei Stunden still.

An dergleichen Darstellungen ist das Bedenkliche, daß die menschliche Phantasie ihnen nachzukommen sich weigert und gerade das Ungeheure des drohenden Schicksals für die Denkfaulheit ein Vorwand wird. Deren Einrede kommt immer darauf hinaus, daß ein solcher Krieg entweder überhaupt »unmöglich« oder von verschwindend kurzer Dauer sein müßte. In Wahrheit wäre dieser Krieg nur dann im Handumdrehen beendet, wenn die jeweilige Basis der Flugzeuggeschwader den Streitenden bekannt wäre. Das ist nicht der Fall. Diese Basis nämlich braucht keineswegs auf dem Lande zu liegen. Irgendwo im Ozean können die Flugzeuge von den Mutterschiffen, die in den Gewässern des Weltmeeres unausgesetzt ihren Standort wechseln, sich erheben.

Wie sehen jene Giftgase aus, deren Gebrauch die Verabschiedung aller menschlichen Regungen voraussetzt? Bis heute kennen wir siebzehn; unter ihnen sind das Senfgas und das Lewisit die wichtigsten. Gegen beide geben Gasmasken keinen Schutz. Senfgas frißt das Fleisch und führt da, wo es nicht unmittelbar tödlich wirkt, Verbrennungen herbei, deren Heilung drei Monate beansprucht. Monatelang bleibt es an Gegenständen, die einmal mit ihm in Berührung gekommen sind, virulent. In den Regionen, die unter einem Senfgasangriff jemals gelegen haben, kann noch nach Monaten jeder Schritt auf dem Erdboden, jede Türklinke und jedes Brotmesser den Tod bringen. Senfgas macht wie viele andere giftige Gase alle Lebensmittel ungenießbar und vergiftet das Wasser. Die Strategen stellen sich die Verwendung dieses Mittels so vor: Gewisse taktisch wichtige Bezirke sind mit Wällen von Senfgas oder etwa von Diphenylaminchlorasin zu umgeben. Innerhalb dieser Wälle geht alles zugrunde, durch sie kann nichts eindringen. So lassen sich Häuser, Städte, Landschaften derart präparieren, daß monatelang weder animalisches noch pflanzliches Leben in ihnen aufkommen kann. Es erübrigt sich, zu bemerken, daß die Unterscheidung zwischen ziviler und kampftätiger Bevölkerung im Gaskriege fortfällt, damit aber eines der stärksten Fundamente des Völkerrechts. Das »Lewisit« ist ein Arsengift, dringt sofort ins Blut, tötet unwiderruflich, blitzartig alles Getroffene. Monatelang sind alle von schweren Gasangriffen betroffenen Bezirke durch Leichen verpestet. Schutz gibt es in solchen Gebieten natürlich nicht: Keller und Unterstände, die vor Explosivbomben allenfalls schützen, bringen bei Gasangriffen den sicheren Tod, weil das schwere Gas in die Tiefe sinkt.

Nun hat bekanntlich das Zentralkomitee des Völkerbundes eine »Kommission zum Studium des chemischen und bakteriologischen Krieges« eingesetzt. Dieser Kommission gehörten internationale Autoritäten an. Ihr Bericht hat nicht die gebührende Beachtung gefunden. Noch immer behaupten sich in der großen Politik Rüstungs- bzw. Abrüstungsprobleme, deren Belang vor den Tatsachen der chemischen Vorkehrungen in Nichts zerstiebt. Die Beharrlichkeit, mit der bei der Ausführung des Versailler Vertrages durch Deutschland lächerliche Militärrequisiten beanstandet wurden, hat nicht allein ihre unangenehme, sondern vor allem ihre höchst gefährliche Seite. Denn sie lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit vom einzig aktuellen Problem des internationalen Militarismus ab.








Sonntag, 5. Februar 2012

75. Todestag von Lou Andreas-Salomé

Lou Andreas-Salomé – geborene Louise von Salomé; gelegentliches Pseudonym „Henry Lou“ – (12. Februar 1861 in St. Petersburg - 5. Februar 1937 in Göttingen), war eine weitgereiste Schriftstellerin, Erzählerin, Essayistin und Psychoanalytikerin aus russisch-deutscher Familie. Die Art ihrer persönlichen Beziehungen zu prominenten Vertretern des deutschen Geisteslebens – in erster Linie zu Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud – war und ist bis heute Gegenstand unterschiedlicher Interpretationen.

Wikipedia

Lou Andreas-Salomé - Internetseite

H. Walther:  Die Lou-Episode: Friedrich Nietzsche, Paul Rée und Lou Salomé

MedienEdition Welsch zu LAS

Lou Andreas-Salomé:Fenitschka. Eine Ausschweifung (1898)

Hinweise zum Text hier


Auszug des Beginns:


Es war im September, der ſtillſten Zeit des Pariſer Lebens. Die vornehme Welt ſteckte in den Seebädern, die Fremden wurden ſcharenweiſe von der drückenden Hitze vertrieben. Trotzdem drängte ſich an den ſchwülen Abenden auf den Boulevards eine ſo vielköpfige Menge, daß ſie der Hochſaiſon jeder andern Stadt immer noch genügt hätte.
Max Werner flanierte nach Mitternacht über den Boulevard St. Michel, als er in eine kleine Geſellſchaft ihm bekannter Familien hineingeriet. Sie hatten mit durchreiſenden Freunden ein Theater beſucht, und wollten nun dieſen Herren und Damen ein wenig „Paris bei Nacht“ zeigen, — nämlich erſt in einem charakteriſtiſchen Nachtcafé des Quartier latin einkehren, und dann, im Morgengrauen, um die Stunde, wo die Stadt ſchläft, den intereſſanten Trubel bei den Hallen betrachten, wenn der verödete Platz ſich mit den Marktleuten belebt, die ihre Waren vom Lande einfahren und ſie ausbreiten.
Nach einigem Zögern und Schwanken von ſeiten der Damen entſchied man ſich für das Café Darcourt, das um dieſe Stunde ſchon überfüllt war mit den Griſetten und Studenten des Quartiers, und beſetzte ein paar der kleinen Marmortiſche draußen, die auf dem Trottoir, mitten unter den Paſſanten, an den weitgeöffneten, hellerleuchteten Fenſtern entlang ſtanden.
Max Werner kam neben eine junge Ruſſin zu ſitzen, die er zum erſtenmal ſah, — ihren langklingenden Namen überhörte er bei der Vorſtellung, doch wurde ſie von den anderen einfach als „Fenia“ oder „Fenitſchka“ angeredet. In ihrem ſchwarzen nonnenhaften Kleidchen, das faſt drollig unpariſeriſch ihre mittelgroße ganz unauffällige Geſtalt umſchloß, und eine beliebte Tracht vieler Züricher Studentinnen ſein ſollte, machte ſie zunächſt auf ihn keinerlei beſonderen Eindruck. Er muſterte ſie nur näher, weil ihn im Grunde alle Frauen ein wenig intereſſierten, wenn nicht den Mann, dann mindeſtens den Menſchen in ihm, der ſeit einem Jahre doktoriert hatte, und nun ein brennendes Verlangen beſaß, in der Welt der Wirklichkeit praktiſch Pſychologie zu lernen, ehe er von einem Katheder herab welche las: was ihm einſtweilen noch keine begehrenswerte Zukunft ſchien.
An Fenia fielen ihm nur die intelligenten braunen Augen auf, die jeden Gegenſtand eigentümlich ſeelen-offen und klar — und jeden Menſchen wie einen Gegenſtand
— anſchauten, ſowie der ſlaviſche Schnitt des Geſichtes mit der kurzen Naſe: einer von Max Werners Lieblingsnaſen, die da vernünftigen Platz zum Kuſſe laſſen, — was eine Naſe doch gewiß thun ſoll.
Aber dieſes gradezu blaß gearbeitete, von Geiſtesanſtrengungen zeugende Geſicht forderte ſo gar nicht zum Küſſen auf.
Anfangs ſprachen ſie kaum miteinander, denn im Innern des Lokals, neben demſelben Fenſter, an deſſen Außenſeite ſie ſaßen, ſpielte ſich eine erregte Scene ab, die aller Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Dort befanden ſich zwei Pärchen am Tiſch, die ihre Unterhaltung mit Scherzreden und Neckereien begannen, und damit endeten, ſich fürchterlich zu zanken.
Das eine der beiden Mädchen — wenig ſchön und am Verblühen, aber trotzdem ein unverwüſtlich graziöſes Pariſer Köpfchen — wurde ſchließlich vom Gegenpaar mit einer Flut häßlicher Schmähreden überſchüttet, ohne daß ihr eigner Begleiter ihr auch nur im mindeſten beigeſtanden hätte. Vielmehr ſtimmte er bei jedem erneuten Angriff johlend in das brutale Gelächter der beiden andern ein, das ſich bald auch auf die benachbarten Tiſche fortpflanzte, wo neben den erhitzten halbbezechten Männern die geputzten Genoſſinnen des mißhandelten Geſchöpfs mit lärmender Schadenfreude ihre Konkurrentin niederjubelten.
Durch die ſchwere, dumpfe, vom Tabaksrauch und vom Dunſt der Menſchen, Gasflammen und Getränke erfüllte Luft des Lokals ſchallten die rohen Stimmen
laut bis zu dem Tiſch draußen hinüber, an dem es ganz ſtill geworden war. Auf den Geſichtern der Damen prägten ſich deutlich Mitleid, Ekel, Entrüſtung und eine gewiſſe Verlegenheit darüber aus, einer ſolchen Situation beizuwohnen; eine von ihnen knüpfte furchtſam ihren Schleier feſter. Niemand aber war ſo benommen von
dem, was er ſah, wie Fenia.
Sie hatte von allem Anfang an mit ſachlichem Intereſſe um ſich geblickt, jede Einzelheit, die ihr auffiel, mit großer Unbefangenheit beobachtet. Jetzt aber
wurde ſie ganz ſichtlich von einer ſo intenſiven Anteilnahme erfüllt, daß ſie zuletzt, — offenbar ganz unwillkürlich, wie außer ſtande länger paſſiv zu verharren, — ſich langſam erhob und die eine Hand gegen die Lärmenden ausſtreckte, als müſſe ſie eingreifen oder Halt gebieten. Im ſelben Augenblick ward ſie ſich ihrer ſpontanen Bewegung bewußt, hielt ſich zurück, und errötete ſtark, wodurch ſie plötzlich ganz lieb und kindlich, und ein wenig hilflos ausſah.
Während ſie aber ſo daſtand, traf ihr Blick den der Griſette, die in ihrer Ratloſigkeit und Verlaſſenheit angefangen hatte zu weinen, ſo daß große Thränen ihr über die heißen geſchminkten Wangen rollten, und ihre Lippen ſich konvulſiviſch verzogen. Unter dem langen, eigentümlichen Blick, den ſie mit Fenia austauſchte, ver¬
änderte ſich der Ausdruck des weinenden Geſichts; von Fenias Augen ſchien eine Hilfe, eine Liebkoſung, eine Aufrichtung auszugehn, etwas, was die Einſamkeit dieſes
getretenen Geſchöpfes aufhob. Man konnte vom Tiſch aus deutlich den Stimmungswechſel auf ihren Zügen verfolgen, denn ſie ſaß faſt grade gegenüber am Fenſter. Ein Danken, Staunen, Nachſinnen, — ein momentanes Taubwerden für ihre lärmende Umgebung und deren Schmähreden ließ ihre Thränen verſiegen, und ſie achtete kaum noch darauf, daß das Paar neben ihr ſich erhob, um fortzugehn, und auch ihr Begleiter ſeinen ſchäbigen Cylinder vom Wandhaken abhob.
Da ſtieß er ſie brutal mit dem Ellenbogen an und forderte ſie auf, ſich zu beeilen. Sie ſchüttelte den Kopf und erwiderte einige Worte im Pariſer Argot, die man draußen nicht deutlich vernehmen konnte, die aber eine äußerſt deutliche Gebärde der Geringſchätzung und Ablehnung begleitete. Er machte eine verdutzte Miene und rief dadurch neues Gelächter hervor. Diesmal jedoch galt es ihm, dem Geprellten, der mit wütendem Geſicht das Lokal verließ.
Das Mädchen nahm ihr fadenſcheiniges Seidenmäntelchen von der Stuhllehne, hing es um, und ſchaute dabei mit einem ſtolzen und leuchtenden Blick zu Fenia hinüber, die unbeweglich ſtehn geblieben war, — eine ganz wunderlich ernſte, ergriffene Geſtalt inmitten der verſchleierten Damen und der buntgekleideten, lachenden Dämchen um uns her.
Gleich darauf ſah man ihren Schützling aus der Thür treten und am Tiſch vorüberkommen. Aber da geſchah etwas allen ganz Unerwartetes: denn neben Fenia blieb das Mädel ſtehn, öffnete die Lippen, wie um ſie anzuſprechen, und plötzlich, mit einer impulſiven Bewegung, deren Natürlichkeit eine mit ſich fortreißende Anmut beſaß, ſtreckte ſie Fenia beide Hände entgegen.
Dieſe ergriff die dargebotenen Hände und ſchüttelte ſie mit herzhaftem Druck. Einige Augenblicke lang ſtanden ſie da und lächelten einander an wie Schweſtern, während alle verblüfft, intereſſiert, amüſiert um die beiden herum ſaßen. Dann entfernte ſich das Mädchen mit einer Kopfneigung gegen die andern und verſchwand im vorüberhaſtenden Menſchenſtrom.
Man lachte über das kleine Drama, man ſcherzte über Fenias „Erfolg“ und neckte ſie nicht wenig. Sie ſelbſt war ſehr einſilbig geworden.
Eine der Damen mißverſtand ihren ernſthaften Geſichtsausdruck und bemerkte: „Ja, chérie, eine ziemlich unerbetene und unbequeme Freundſchaft! Sie könnte Ihnen eines ſchönen Tages recht peinlich werden, wenn dies Weſen Sie irgendwo auf der Straße wiederfindet und Sie auf das intimſte begrüßt, — zur Ueberraſchung derer, die vielleicht mit Ihnen gehen.“
„Das brauchen Sie nicht zu fürchten,“ widerſprach Max Werner raſch, „ich wette darauf, daß dieſes Mädchen ohne merkbaren Gruß an Ihnen vorübergehen wird, falls es Ihnen je begegnet. Anderswo würden Sie vielleicht von ihrer Dankbarkeit verfolgt werden, — die Franzöſin würde es für eine ſchlechte Dankbarkeit halten, Sie eventuell dadurch zu kompromittieren. Das iſt der franzöſiſche Takt, — der Takt einer alten Kultur, die allmählich bis in alle Schichten eines Volkes durchdringt und ihm ſeine faſt inſtinktive Intelligenz giebt.“ „Ich würde ſie aber gern wiederſehen!“ ſagte Fenia
leiſe.
„Um was zu thun?“
„Ich weiß es nicht. Aber was mich vorhin ſo entſetzte, das war das Gefühl, als ob dieſe Mädchen gleichmäßig ſowohl von den Männern wie von den Genoſſinnen preiſgegeben würden, — als ob ſie gradezu wie in Feindesland lebten. — Ich habe noch nie ſo viel höhniſche Verachtung geſehen, wie in den Mienen der Männer, — ſo viel höhniſche Schadenfreude wie in den Blicken der andern Mädchen. — Und das iſt hier im Lokal, wo ſie ſozuſagen bei ſich iſt, unter den Ihrigen. — Außer¬ halb nun erſt! — O ich denke mir, ein ſolches armes Ding muß nach einer freundlichen, einfach menſchlichen Berührung lechzen.“
„Das iſt richtig. Manchmal ſind ſie ſehr dankbar dafür. Ich hab es mitunter auch ſchon beſtätigt gefunden.“
„Sie?“ Fenia heftete voll Intereſſe ihre hellbraunen Augen auf ihn. Sie war ganz und gar bei der Sache.
„Warum nicht ich?“
„Weil ich mir vorſtelle, daß ſolche Mädchen einem jeden Mann mit Mißtrauen begegnen, — müſſen ſie nicht annehmen, er wolle von ihnen etwas ganz andres als ihr Vertrauen?“
„Donnerwetter!“ dachte er und ſah ſich Fenia genauer an. Dieſer Grad von Unbefangenheit, womit ſie über ſo heikle Dinge mit einem ihr ganz fremden Manne ſprach, hier, in Paris, in der Nacht, in dieſem Café, — und dabei ein Ausdruck in ihren Mienen, als unterhielten ſie ſich über fremdländiſche Käfer.



Freitag, 13. Januar 2012

George Steiner im Gespräch ums Wissen

Gespräch
Eine gewisse Vorstellung vom Wissen
Juliette Cerf, Télérama, Paris; 30. Dezember 2011
In: presseurop - Das Beste aus Europas Presse in 10 Sprachen

"Literatur, Philosophie, Naturwissenschaften: Heute entwickeln sich die Hilfsmittel, mit denen wir die Welt verstehen, voneinander getrennt, wie der Intellektuelle und Humanist George Steiner bedauert. Dabei ist die Kultur das, was uns rettet, insbesondere in Europa. Auszüge."

George Steiner Wikipedia (deutsch)

George Steiner Wikipedia (englisch)

Here an interview in English with Dutch subtitles: "I summon up remembrance of things past":


Hier das auf deutsch Geführte Gespräch im Rahmen der Sendereihe "Sternstunden der Philosophie" des Schweizer Fernsehens: