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Sonntag, 25. November 2018

Moderne Kunst, politisch korrekt


Haimo L. Handl

Moderne Kunst, politisch korrekt

Kürzlich sah ich in ARTE einen Dokumentarfilm von Nicola Graef und Susanne Brand mit dem Titel „Expedition Moderne. Auf den Spuren unentdeckter Kunst“. Es handelt sich um ein eigentümliches Dokument schuldbeladener, westlicher Orientierungslosigkeit mit fadenscheinigen Prämissen und Schlüssen, die eher erstaunen oder verärgern aber nicht Verständnis schaffen, wie es programmatisch den Intentionen der Korrekten entspräche. Im Informationstext heißt es:

Neu auf fremde Kunst blicken – ein Anspruch, der mindestens 100 Jahre zu spät kommt. Denn die Entwicklung der Kunst der Moderne wäre ohne die Beschäftigung mit der Kunst anderer Völker gar nicht möglich gewesen. Jetzt bemühen sich die Museen und Wissenschaftler um eine Kurskorrektur. Was wurde übersehen? Und was ist der richtige Umgang mit der Kunst fremder Völker?

Was macht man, wenn man zu spät ist? Zu spät: aus und vorbei, versäumt. Der erste Satz klingt unerbittlich wie beim Versäumnis des letzten Zuges. Zu spät, abgefahren. Und zwar gleich 100 Jahre zu spät. O je, dann ist es wirklich aus und vorbei.

Schon der Untertitel ist falsch und irreführed. Wer ist auf welchen Spuren unentdeckter Kunst? Ist Kunst abhängig von der Rezeption? Reicht nicht die direkte, braucht es die weltweite, globale Rezeption? Hier trüben unklare Vorstellungen von Öffentlichkeit das Denken, hier vernebeln verschwommene Sichten den Blick auf Eigenständiges bzw. Fremdes oder Neues im Verhältnis zu Eigenem oder Bekanntem. Ist entdeckte Kunst wertvoller? Sicher. Weil unentdeckte keine Ware am Markt ist. Bestimmt also Marktdenken den Kunstwert und leitet unsere guten Menschen und Kunstexperten? Wenn Sie nein sagen, zeigen Sie, wo welche Kunst als Nichtware gesammelt, gehandelt, gezeigt und rezipiert wird.

Zweiter Satz: Die Entwicklung der modernen Kunst wäre ohne die Beschäftigung mit der Kunst anderer Völker gar nicht möglich gewesen. Da sich die moderne Kunst aber, wie man allerorten sehen kann, offensichtlich (offen sichtbar) entwickelt hat, weil wir Veränderungen als Entwicklungen deuten, obwohl kein eigentlicher, linearer Fortschritt messbar ist im Bereich der Kunst, da sie nicht, wie die Naturwissenschaften, Theorien und Fakten schafft, die messbar als neu gegenüber alten, überholten, angesehen werden können oder müssen, spricht man doch von ältester, alter und neuer oder neuester Kunst. Die Attribute sind Hilfskonstruktionen, grob, simpel, aber gerade deswegen im gängigen Gebrauch.

Schlussfolgerung: weil es Entwicklung gab, hatten sich viele also mit der Kunst anderer Völker beschäftigt. Es gibt allerdings keinen Raster, keine Reihung, wie vollständig diese Beschäftigung mit dem Anderen sein kann oder soll, weil nie das GANZE zur Kommunikation steht, weil nie ALLES erfasst werden kann (Das Ganze ist das Unwahre. Adorno). Sogar in der eigenen Kultur gibt es künstlerische Äußerungen und Artefakte, die der Mehrheit entgehen, obwohl sie niemand intendiert versteckt. Könnte es auch eine Entwicklung der modernen Kunst ohne Auseinandersetzung mit der Kunst anderer Völker gegeben haben? Wie haben sich denn die Künste der nicht modernen Völker entwickelt? Auf einem Sonderweg?

Aber stimmt das, kann das stimmen? Das hieße ja, dass jene Gesellschaften, die sich nicht mit der Kunst der Welt, also mit der Allerweltkunst offen dauernd auseinandersetzen, keine Entwicklung ihrer eigenen Kunst hätten erreichen können. Wie sähe jedoch ihre isolierte Kunst aus? Sie wäre idiotisch im Sinne von selbstbezogen und selbstreferentiell, primitiv, wie die Modernen eben das Fremde sahen. Wobei „primitiv“ keine Abwertung war oder ist, sondern eine Unterscheidung. Aber sie wäre immer noch Kunst bzw. sie ist Kunst, auch jenseits der Maßstäbe der Korrekten, die nur die globale gelten lassen wollen und nicht die lokale oder gar persönliche. Stammeskunst, wie man heute nicht mehr sagen darf, war Kunst, auch wenn kein gleichwertiger Austausch mit den anderen Kulturen stattfand, und blieb Kunst, auch als Westler sie sich aneigneten. (Unabhängig der Frage, wann Kulte und Kultobjekte „Kunst“ in unserem Sinne waren oder sind.) Was heißt aber „gleichwertig“ oder „global“? Nach welchen Kriterien? Denen des Zugangs, der Marktposition westlicher Façon? Denen der jeweiligen Staatsmacht? (Hier sind auf benachbartem, engem Raum die „Weltunterschiede“ besonders deutlich in den beiden Koreas!) Und wie fremd oder unverständig darf eine bislang „übersehene“ Kunst sein? Gilt sie erst, wenn sie inkorporiert worden ist, wenn ihr das Eigene genommen wurde, jenes Eigene, das das Fremde war, wenn also in der modernen Welt das Andere handelbare Ware geworden ist, damit vermessen und bewertet? Es scheint, die Filmemacherinnen sind nicht bedächtig und bedenkend genug gewesen, eher politisch korrekt und sich einpassend im Gewand jener, die voranschreiten, Avantgarde bilden. Wofür? Für eine richtige Kurskorrektur.

Dritter Satz: Kurskorrektur. Endlich befleißigen sich die Museen mit Hilfe der Wissenschaftlerinnen um eine Kurskorrektur. Sie stellen fest, was übersehen worden war. Um das feststellen zu können, muss man wissen, was man hätte sehen können. Damals, früher. Ein verwegenes Unterfangen, da doch in der Gegenwart tagtäglich und nachtnächtlich bewiesen wird, dass wir vieles, vieles übersehen, nicht bemerken oder, auch das, was wir sehen, nicht in seiner Tragweite, möglicher Bedeutung erfassen bzw. erahnen. Denn das Sehen und Übersehen hängt weniger mit der Perzeptionsfähigkeit der Sinne zusammen, als mit der Rezeption nach einem kulturellen Training. Wie will man feststellen, was man früher hätte sehen müssen, damals, als andere Sichten galten? Sähe jemand Historisches wie Damalige, also alleine mit damaligen Augen und Verständnis, sie oder er könnte keinen Übertrag ins gegenwärtige Verständnis schaffen. Historiker müssen zumindest doppelbödig und mehrzeitig denken, sich jedoch in der Deutung und Interpretation davor hüten, Vergangenes nach heutigen Werten abzuurteilen. Ohne Kenntnis des Historischen UND des Gegenwärtigen wäre kein Brückenschlag möglich. Der Brückenschlag selbst ist anderer Qualität als die Beschau des Historischen dort oder Gegenwärtigen hier. Es geht um Eigenheiten und Interpretationen mit heutigem Wissen im Blick des Vergangenen UND der historischen Lehre für die Gegenwart, für uns heute, wie wir sie mit unseren heutigen Mitteln gewinnen können. Nie aber geht es um Festlegungen, was hätte sein müssen. Immer nur, was war und, vielleicht, was dazu führte. Alles andere ist Moral, Pädagogik oder Ideologie. Hinsichtlich dieser Komplexität wird es diffizil. Gerade heute, in der globalisierten Welt, verschwinden Eigenheiten, gewinnen globale Aspekte Bedeutung als Ausweis des Gleichen in einer sich extrem angleichenden globalisierten Gesellschaft. Was sagen uns also die Apostellinnen der Korrektheit der Moderne?

Sie sagen den vierten Satz vom richtigen Umgang mit der Kunst fremder Völker. Welche Völker sind wie bekannt bzw. welche sind wirklich fremd? Welches Bild von autochthoner Eigenheit pflegen sie, teilen wir? Wie unterscheidet sich die pluralistische westliche Welt davon? Wie sieht es mit den Völkern in den Koreas oder China aus, also nicht pluralistischen Gesellschaften, oder in Japan? Wie vermessen sie Russland? Was heißt „fremd“ für jene, was für uns? Wie fremd sind sich schon die Europäer der Union, ganz zu schweigen von den anderen? Wie bekannt, anerkannt, heimisch sind die anderen? Welches Verständnis folgt daraus?

Aber das Hauptproblem ist die Frage nach dem richtigen Umgang. Welcher ist der richtige? Einer von UNO-Gremien beschlossener? Einer von Vertretern der nichtwestlichen Welt vorgeschlagener oder praktizierter? Einer von Feministinnen und ihrer gender force formulierter post-kolonialer? Der Forderung nach dem Richtigen, dem Korrekten, sagt auch, dass jeder frühere Umgang unrichtig, inkorrekt war. Überall, global oder nur in der westlichen Welt? Welches Erbe drückt die Frauen, die so kritisch nach Korrektheit rufen, nieder? Wie können sie, so beladen und belastet, überhaupt das Fremde als Fremdes erkennen und seine Bedeutung ermessen? Machen sie es sich nicht zu einfach, weil sie vordergründig Moralen und Politiken folgen, die jetzt en vogue sind?

Es ist ziemlich einfach, historische Ereignisse, Wahrnehmungs- und Deutungsweisen von der heutigen Position aus abzuurteilen. Da wird Goethe niedergemacht, da plustert man über Winckelmann, da sieht man Kolonialismus und falsche Griechenausrichtung, sieht engen Nationalismus in Hölderlin und lächerlichen Idealismus in Schiller: alles war falsch. Wann war welches Denken nach welchen Kriterien „richtig“ und „korrekt“? Wann war eine Gesellschaft gut, annehmbar etc.? Die der Bolschewiki nach der Oktoberrevolution? Die Englands unter Viktoria? Die Amerikas unter den Gründervätern? Man könnte das schier endlos ausweiten. Sind, umgekehrt, die gegenwärtigen Gesellschaften „modern“, „gut“? Bedeutet die Beachtung der Menschenrechte schon eine neokoloniale Bevormundung? Ist nicht schon der westlich bestimmte Kunstmarkt eine reine Ausbeuteeinrichtung? Heißt nicht, seine eigene Kultur hochschätzen, jede andere abwerten? Wann bedeutet unterscheiden NICHT abwerten? Schlussendlich: darf es rechtens überhaupt Eigenes geben? Muss man nicht Viele(s) sein und das Individualdenken aufgeben (kein Ich mehr!)?

Die Korrekturmaßnahmen lesen sich allerdings nicht überzeugend: Leerräumen der Bestände, neue Vermittlung, teure, neue Architektur als angemessene, „wiedergutmachende“ Verpackung für sogenannte „fremde“ Kunst, die kultürlich nicht mehr fremd ist, Änderung der „Erzählweise“ (als ob das neue wäre!). Es geht also um richtige, korrekte Darstellung und die entsprechende Rezeption und Gewissensbereinigung. Es geht um politische Korrektheit durch eine neue Platzzuweisung und als korrekt approbierte Aufmerksamkeit. Nachdem nirgends ein Paradies herrscht, geht es um Schuld. Bei uns im Westen meistens um eine Erbschuld, die Erbsünde. Sind die Verwalter und Verwalterinnen also Anwälte Gottes, der aus dem Paradies vertrieb? Erleben wir auch im Kunstbereich eine fatale Sakralisierung?

Wie werden wir in unserer schnell alternden Zeit in wenigen Jahren mit neuen, heute ungeahnten, unentdeckten, nicht bekannten Erzählweisen umgehen? Werden die die späteren, „wahren“ und „guten“ unsere heutigen korrigierten und „korrekten“ als obsolet und falsch, irrig hinstellen? Was bedeutet das für die (politisch) Korrekten dann? Welche Korrektheit, welche Richtigkeit wird gelten?

Es zeigt sich das Problem der Temporalität, der Unsicherheit. Die Korrekten geben vor, unumstößliche, quasi absolut richtige Ansichten, Sehweisen, Rezeptionen, Kenntnisse zu haben. Aber außenhalb der Ingenieurs- und Naturwissenschaften ist die Unsicherheit noch viel, viel größer, als in diesen. Nirgends, außer in den engstirnigen Religionen, gibt es (ewige) dauernde Wahrheiten. Ist das das verkappte Ziel der sich modern Gebenden?

Gerade in der deutschsprachigen Kultur mit so eminenten modernen Autoren, die sich gehaltvoll und kritisch zur Kunst äußerten, wie Benjamin oder Adorno, Bürger oder Luhmann, Sloterdijk oder Stierle, Szondi oder Gombrich oder Brock und viele andere, wäre man eingeladen tiefer nachzudenken, als vordergründig dem Zeitgeist verpflichtet (filmisch) zu schwadronieren. Ehrbare Intention und guter Wille ersetzen nicht Gültigkeit oder Qualität des Denkens.

Samstag, 17. Januar 2015

Adalbert Stifter zum "Untergang", 1853

In seiner berühmten Vorrede zu seiner Erzählungssammlung "Bunte Steine" schreibt der oberösterreichische Dichter, in einer Art indirekter Antwort an seinen vehementen Kritiker Friedrich Hebbel, über die Gesellschaft, ihre Orientierung und Identität und die Probleme damit, die er damals sah und vorsah. Bemerkenswert, wie hellsichtig und modern das klingt, von dem Prosaisten, der heute nur noch Eingeweihten oder Experten bekannt ist, weil im Bildungssystem für Leute seines Schlags kein Platz mehr ist ...



Adalbert Stifter
Bunte Steine
Erzählungen
Vorrede
Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, daß ich nur das Kleine bilde, und daß meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien. Wenn das wahr ist, bin ich heute in der Lage, den Lesern ein noch Kleineres und Unbedeutenderes anzubieten, nämlich allerlei Spielereien für junge Herzen. Es soll sogar in denselben nicht einmal Tugend und Sitte gepredigt werden, wie es gebräuchlich ist, sondern sie sollen nur durch das wirken, was sie sind. Wenn etwas Edles und Gutes in mir ist, so wird es von selber in meinen Schriften liegen, wenn aber dasselbe nicht in meinem Gemüte ist, so werde ich mich vergeblich bemühen, Hohes und Schönes darzustellen, es wird doch immer das Niedrige und Unedle durchscheinen. Großes oder Kleines zu bilden, hatte ich bei meinen Schriften überhaupt nie im Sinne, ich wurde von ganz anderen Gesetzen geleitet. Die Kunst ist mir ein so Hohes und Erhabenes, sie ist mir, wie ich schon einmal an einem anderen Orte gesagt habe, nach der Religion das Höchste auf Erden, so daß ich meine Schriften nie für Dichtungen gehalten habe, noch mich je vermessen werde, sie für Dichtungen zu halten. Dichter gibt es sehr wenige auf der Welt, sie sind die hohen Priester, sie sind die Wohltäter des menschlichen Geschlechtes; falsche Propheten aber gibt es sehr viele. Allein wenn auch nicht jede gesprochenen Worte Dichtung sein können, so könnten sie doch etwas anderes sein, dem nicht alle Berechtigung des Daseins abgeht. Gleichgestimmten Freunden eine vergnügte Stunde zu machen, ihnen allen bekannten wie unbekannten einen Gruß zu schicken, und ein Körnlein Gutes zu dem Baue des Ewigen beizutragen, das war die Absicht bei meinen Schriften und wird auch die Absicht bleiben. Ich wäre sehr glücklich, wenn ich mit Gewißheit wüßte, daß ich nur diese Absicht erreicht hätte. Weil wir aber schon einmal von dem Großen und Kleinen reden, so will ich meine Ansichten darlegen, die wahrscheinlich von denen vieler anderer Menschen abweichen. Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne halte ich für groß: das prächtig einherziehende Gewitter, den Blitz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja ich halte sie für kleiner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Gesetze sind. Sie kommen auf einzelnen Stellen vor und sind die Ergebnisse einseitiger Ursachen. Die Kraft, welche die Milch im Töpfchen der armen Frau emporschwellen und übergehen macht, ist es auch, die die Lava in dem feuerspeienden Berge emportreibt und auf den Flächen der Berge hinabgleiten läßt. Nur augenfälliger sind diese Erscheinungen und reißen den Blick des Unkundigen und Unaufmerksamen mehr an sich, während der Geisteszug des Forschers vorzüglich auf das Ganze und Allgemeine geht und nur in ihm allein Großartigkeit zu erkennen vermag, weil es allein das Welterhaltende ist. Die Einzelheiten gehen vorüber, und ihre Wirkungen sind nach kurzem kaum noch erkennbar. Wir wollen das Gesagte durch ein Beispiel erläutern. Wenn ein Mann durch Jahre hindurch die Magnetnadel, deren eine Spitze immer nach Norden weist, tagtäglich zu festgesetzten Stunden beobachtete und sich die Veränderungen, wie die Nadel bald mehr bald weniger klar nach Norden zeigt, in einem Buche aufschriebe, so würde gewiß ein Unkundiger dieses Beginnen für ein kleines und für Spielerei ansehen: aber wie ehrfurchterregend wird dieses Kleine und wie begeisterungerweckend diese Spielerei, wenn wir nun erfahren, daß diese Beobachtungen wirklich auf dem ganzen Erdboden angestellt werden, und daß aus den daraus zusammengestellten Tafeln ersichtlich wird, daß manche kleine Veränderungen an der Magnetnadel oft auf allen Punkten der Erde gleichzeitig und in gleichem Maße vor sich gehen, daß also ein magnetisches Gewitter über die ganze Erde geht, daß die ganze Erdoberfläche gleichzeitig gleichsam ein magnetisches Schauern empfindet. Wenn wir, so wie wir für das Licht die Augen haben, auch für die Elektrizität und den aus ihr kommenden Magnetismus ein Sinneswerkzeug hätten, welche große Welt, welche Fülle von unermeßlichen Erscheinungen würde uns da aufgetan sein. Wenn wir aber auch dieses leibliche Auge nicht haben, so haben wir dafür das geistige der Wissenschaft, und diese lehrt uns, daß die elektrische und magnetische Kraft auf einem ungeheuren Schauplatze wirke, daß sie auf der ganzen Erde und durch den ganzen Himmel verbreitet sei, daß sie alles umfließe und sanft und unablässig verändernd, bildend und lebenerzeugend sich darstelle. Der Blitz ist nur ein ganz kleines Merkmal dieser Kraft, sie selber aber ist ein Großes in der Natur. Weil aber die Wissenschaft nur Körnchen erringt, nur Beobachtung nach Beobachtung macht, nur aus Einzelnem das Allgemeine zusammenträgt, und weil endlich die Menge der Erscheinungen und das Feld des Gegebenen unendlich groß ist, Gott also die Freude und die Glückseligkeit des Forschens unversieglich gemacht hat, wir auch in unseren Werkstätten immer nur das Einzelne darstellen können, nie das Allgemeine, denn dies wäre die Schöpfung: so ist auch die Geschichte des in der Natur Großen in einer immerwährenden Umwandlung der Ansichten über dieses Große bestanden. Da die Menschen in der Kindheit waren, ihr geistiges Auge von der Wissenschaft noch nicht berührt war, wurden sie von dem Nahestehenden und Auffälligen ergriffen und zu Furcht und Bewunderung hingerissen: aber als ihr Sinn geöffnet wurde, da der Blick sich auf den Zusammenhang zu richten begann, so sanken die einzelnen Erscheinungen immer tiefer, und es erhob sich das Gesetz immer höher, die Wunderbarkeiten hörten auf, das Wunder nahm zu.
So wie es in der äußeren Natur ist, so ist es auch in der inneren, in der des menschlichen Geschlechtes. Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesmäßigkeit, Wirksamkeit in seinem Kreis, Bewunderung des Schönen, verbunden mit einem heiteren gelassenen Sterben, halte ich für groß: mächtige Bewegungen des Gemütes, furchtbar einherrollenden Zorn, die Begier nach Rache, den entzündeten Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich nicht für größer, sondern für kleiner, da diese Dinge so gut nur Hervorbringungen einzelner und einseitiger Kräfte sind, wie Stürme, feuerspeiende Berge, Erdbeben. Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird. Es gibt Kräfte, die nach dem Bestehen des Einzelnen zielen. Sie nehmen alles und verwenden es, was zum Bestehen und zum Entwickeln desselben notwendig ist. Sie sichern den Bestand des Einen und dadurch den aller. Wenn aber jemand jedes Ding unbedingt an sich reißt, was sein Wesen braucht, wenn er die Bedingungen des Daseins eines anderen zerstört, so ergrimmt etwas Höheres in uns, wir helfen dem Schwachen und Unterdrückten, wir stellen den Stand wieder her, daß er ein Mensch neben dem andern bestehe und seine menschliche Bahn gehen könne, und wenn wir das getan haben, so fühlen wir uns befriedigt, wir fühlen uns noch viel höher und inniger, als wir uns als Einzelne fühlen, wir fühlen uns als ganze Menschheit. Es gibt daher Kräfte, die nach dem Bestehen der gesamten Menschheit hinwirken, die durch die Einzelkräfte nicht beschränkt werden dürfen, ja im Gegenteile beschränkend auf sie selber einwirken. Es ist das Gesetz dieser Kräfte, das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, daß jeder geachtet, geehrt, ungefährdet neben dem anderen bestehe, daß er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, daß er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle andern Menschen ist. Dieses Gesetz liegt überall, wo Menschen neben Menschen wohnen, und es zeigt sich, wenn Menschen gegen Menschen wirken. Es liegt in der Liebe der Ehegatten zu einander, in der Liebe der Eltern zu den Kindern, der Kinder zu den Eltern, in der Liebe der Geschwister, der Freunde zueinander, in der süßen Neigung beider Geschlechter, in der Arbeitsamkeit, wodurch wir erhalten werden, in der Tätigkeit, wodurch man für seinen Kreis, für die Ferne, für die Menschheit wirkt, und endlich in der Ordnung und Gestalt, womit ganze Gesellschaften und Staaten ihr Dasein umgeben und zum Abschlusse bringen. Darum haben alte und neue Dichter vielfach diese Gegenstände benützt, um ihre Dichtungen dem Mitgefühle naher und ferner Geschlechter anheim zu geben. Darum sieht der Menschenforscher, wohin er seinen Fuß setzt, überall nur dieses Gesetz allein, weil es das einzige Allgemeine, das einzige Erhaltende und nie Endende ist. Er sieht es eben so gut in der niedersten Hütte wie in dem höchsten Palaste, er sieht es in der Hingabe eines armen Weibes und in der ruhigen Todesverachtung des Helden für das Vaterland und die Menschheit. Es hat Bewegungen in dem menschlichen Geschlechte gegeben, wodurch den Gemütern eine Richtung nach einem Ziele hin eingeprägt worden ist, wodurch ganze Zeiträume auf die Dauer eine andere Gestalt gewonnen haben. Wenn in diesen Bewegungen das Gesetz der Gerechtigkeit und Sitte erkennbar ist, wenn sie von demselben eingeleitet und fortgeführt worden sind, so fühlen wir uns in der ganzen Menschheit erhoben, wir fühlen uns menschlich verallgemeinert, wir empfinden das Erhabene, wie es sich überall in die Seelen senkt, wo durch unmeßbar große Kräfte in der Zeit oder im Raume auf ein gestaltvolles vernunftgemäßes Ganzes zusammen gewirkt wird. Wenn aber in diesen Bewegungen das Gesetz des Rechtes und der Sitte nicht ersichtlich ist, wenn sie nach einseitigen und selbstsüchtigen Zwecken ringen, dann wendet sich der Menschenforscher, wie gewaltig und furchtbar sie auch sein mögen, mit Ekel von ihnen ab und betrachtet sie als ein Kleines, als ein des Menschen Unwürdiges. So groß ist die Gestalt dieses Rechts- und Sittengesetzes, daß es überall, wo es immer bekämpft worden ist, doch endlich allezeit siegreich und herrlich aus dem Kampfe hervorgegangen ist. Ja wenn sogar der einzelne oder ganze Geschlechter für Recht und Sitte untergegangen sind, so fühlen wir sie nicht als besiegt, wir fühlen sie als triumphierend, in unser Mitleid mischt sich ein Jauchzen und Entzücken, weil das Ganze höher steht als der Teil, weil das Gute größer ist als der Tod, wir sagen da, wir empfinden das Tragische und werden mit Schauern in den reineren Äther des Sittengesetzes emporgehoben. Wenn wir die Menschheit in der Geschichte wie einen ruhigen Silberstrom einem großen ewigen Ziele entgegen gehen sehen, so empfinden wir das Erhabene, das vorzugsweise Epische. Aber wie gewaltig und in großen Zügen auch das Tragische und Epische wirken, wie ausgezeichnete Hebel sie auch in der Kunst sind, so sind es hauptsächlich doch immer die gewöhnlichen, alltäglichen, in Unzahl wiederkehrenden Handlungen der Menschen, in denen dieses Gesetz am sichersten als Schwerpunkt liegt, weil diese Handlungen die dauernden, die gründenden sind, gleichsam die Millionen Wurzelfasern des Baumes des Lebens. So wie in der Natur die allgemeinen Gesetze still und unaufhörlich wirken, und das Auffällige nur eine einzelne Äußerung dieser Gesetze ist, so wirkt das Sittengesetz still und seelenbelebend durch den unendlichen Verkehr der Menschen, und die Wunder des Augenblickes bei vorgefallenen Taten sind nur kleine Merkmale dieser allgemeinen Kraft. So ist dieses Gesetz, so wie das der Natur das welterhaltende ist, das menschenerhaltende.
Wie in der Geschichte der Natur die Ansichten über das Große sich stets geändert haben, so ist es auch in der sittlichen Geschichte der Menschen gewesen. Anfangs wurden sie von dem Nächstliegenden berührt, körperliche Stärke und ihre Siege im Ringkampfe wurden gepriesen, dann kamen Tapferkeit und Kriegesmut, dahin zielend, heftige Empfindungen und Leidenschaften gegen feindselige Haufen und Verbindungen auszudrücken und auszuführen, dann wurde Stammeshoheit und Familienherrschaft besungen, inzwischen auch Schönheit und Liebe so wie Freundschaft und Aufopferung gefeiert, dann aber erschien ein Überblick über ein Größeres: ganze menschliche Abteilungen und Verhältnisse wurden geordnet, das Recht des Ganzen vereint mit dem des Teiles, und Großmut gegen den Feind und Unterdrückung seiner Empfindungen und Leidenschaften zum Besten der Gerechtigkeit hoch und herrlich gehalten, wie ja Mäßigung schon den Alten als die erste männliche Tugend galt, und endlich wurde ein völkerumschlingendes Band als ein Wünschenswertes gedacht, ein Band, das alle Gaben des einen Volkes mit denen des andern vertauscht, die Wissenschaft fördert, ihre Schätze für alle Menschen darlegt und in der Kunst und Religion zu dem einfach Hohen und Himmlischen leitet.
Wie es mit dem Aufwärtssteigen des menschlichen Geschlechtes ist, so ist es auch mit seinem Abwärtssteigen. Untergehenden Völkern verschwindet zuerst das Maß. Sie gehen nach Einzelnem aus, sie werfen sich mit kurzem Blick auf das Beschränkte und Unbedeutende, sie setzen das Bedingte über das Allgemeine; dann suchen sie den Genuß und das Sinnliche, sie suchen Befriedigung ihres Hasses und Neides gegen den Nachbar, in ihrer Kunst wird das Einseitige geschildert, das nur von einem Standpunkte Gültige, dann das Zerfahrene, Umstimmende, Abenteuerliche, endlich das Sinnenreizende, und zuletzt die Unsitte und das Laster, in der Religion sinkt das Innere zur bloßen Gestalt oder zur üppigen Schwärmerei herab, der Unterschied zwischen Gut und Böse verliert sich, der einzelne verachtet das Ganze und geht seiner Lust und seinem Verderben nach, und so wird das Volk eine Beute seiner inneren Zerwirrung oder die eines äußeren, wilderen, aber kräftigeren Feindes.

Da ich in dieser Vorrede in meinen Ansichten über Großes und Kleines so weit gegangen bin, so sei es mir auch erlaubt zu sagen, daß ich in der Geschichte des menschlichen Geschlechtes manche Erfahrungen zu sammeln bemüht gewesen bin, und daß ich einzelnes aus diesen Erfahrungen zu dichtenden Versuchen zusammengestellt habe; aber meine eben entwickelten Ansichten und die Erlebnisse der letztvergangenen Jahre lehrten mich, meiner Kraft zu mißtrauen, daher jene Versuche liegen bleiben mögen, bis sie besser ausgearbeitet oder als unerheblich vernichtet werden.
Diejenigen aber, die mir durch diese keineswegs für junge Zuhörer passende Vorrede gefolgt sind, mögen es auch nicht verschmähen, die Hervorbringungen bescheidenerer Kräfte zu genießen, und mit mir zu den harmlosen folgenden Dingen übergehen.
Im Herbste 1852
Adalbert Stifter

[Das Buch erschien 1853]

Siehe auch:

Bunte Steine, Wikipedia

Adalbert Stifter, Wikipedia

Friedrich Hebbel, Wikipedia

Erschriebene Ordnung
Adalbert Stifters "Nachsommer"
Rezensiosn von Christian Begemann, Literaturkritik.de, 2005

Freitag, 13. Januar 2012

George Steiner im Gespräch ums Wissen

Gespräch
Eine gewisse Vorstellung vom Wissen
Juliette Cerf, Télérama, Paris; 30. Dezember 2011
In: presseurop - Das Beste aus Europas Presse in 10 Sprachen

"Literatur, Philosophie, Naturwissenschaften: Heute entwickeln sich die Hilfsmittel, mit denen wir die Welt verstehen, voneinander getrennt, wie der Intellektuelle und Humanist George Steiner bedauert. Dabei ist die Kultur das, was uns rettet, insbesondere in Europa. Auszüge."

George Steiner Wikipedia (deutsch)

George Steiner Wikipedia (englisch)

Here an interview in English with Dutch subtitles: "I summon up remembrance of things past":


Hier das auf deutsch Geführte Gespräch im Rahmen der Sendereihe "Sternstunden der Philosophie" des Schweizer Fernsehens: