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Dienstag, 6. November 2018

Karl Kraus & Beer-Hofmann & Goethe

»An der Schwelle des Goethejahres«

hat Beer-Hofmann gestanden und der Ravag Worte von so hieratischer Banalität anvertraut, daß die Neue Freie Presse, deren Interessen andauernd zwischen Goethe und Gelles geteilt sind, sich entschloß, sie als Leitartikel zu bringen. Selbst der Satire, die von Natur kein Erbarmen kennt, tut es natürlich leid, einem älteren und geistig bestrebten Autor weh tun zu müssen, der innerhalb dieser Kulturwelt, deren Repräsentanten für eine Teppichfirma Broschüren schreiben, ohne Zweifel eine privat reine und gesinnungsmäßig saubere Feder führt. Und nichts dürfte gewisser sein, als daß die, wie es heißt, »seherisch beschwingten Worte« Beer-Hofmanns, wiewohl sie im Grunde nichts anderes sind als gebändigter Ullmann, noch turmhoch über allem stehen werden, was uns für dieses Jahr der Weihe und des Greuels die ungebändigten vorbehalten. Ich habe die »Iphigenie«-Zurichtung Beer-Hofmanns nicht gesehen und nur Beispiele einer dramaturgischen Ahnungslosigkeit überliefert bekommen, die freilich erschreckend waren. Beer-Hofmann ist Zionist und soll mir das »Gebet an die Sonne von Gibeon«, das ich leider nicht mit dem Ausdruck des Bedauerns zurücknehmen kann, infolge seiner Gläubigkeit, die ihm das volle Verständnis erschwert, persönlich übelnehmen. Ich schätze ihn darum persönlich sehr hoch und nehme ihm nur seine dichterische Produktion in ihrer Gesamtheit übel, wiewohl sie durch ein jedesmaliges langjähriges Werben um die Muse Rachel versöhnlich wirkt, ein alttestamentarischer Zug, der sich von der neujüdischen Literaturmache respektabel abhebt, mag auch das Ringen dieses Jaakob mit dem deutschen Sprachgeist: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn« resultatlos verlaufen. Ich könnte ihm Vers für Vers seines Schaffens, von seinem »Charolais« an, den Nachweis erbringen, wie stark er gewollt hat, und er wäre, anständig und sprachlich bestrebt wie er ist, für meine Aufschlüsse sicherlich dankbar. So wird er wohl auch einsehen, daß keine Himmelsleiter auf dem Gemeinplatz aufstellbar wäre, mit dem er neue Jahr als Goethejahr eröffnet hat:
In diesem neuen noch rätselhaft verhüllten Jahr, durch dessen Torbogen wir heute – bangend und hoffend – schreiten, jährt sich zum hundertsten Mal usw.
Auch das jährt sich schon zum hundertsten Mal, es sagen's aller Orten die Telegraphisten zwischen Klagenfurt und Jericho, die einem alten Brauch zufolge wie alljährlich so auch heuer den sonstigen Sylvesterverkehr erschwert haben. Und von Goethe zu sagen, daß er vor hundert Jahren –
irdischer Zeit, irdischen Maßen entwich, um schwerlos leuchtend sich emporzuheben in alles Künftige –
es klingt mehr, als es bedeutet, und im Vergleich damit ist selbst in der höfischen Definition von Goethes Tod als einem »Schwinden aus dem Hoheitskreise« mehr Metaphysisches enthalten. Beer-Hofmann hat aber ganz richtig beobachtet, daß es sich bei der Hundertjahrfeier dieses Ereignisses nicht um einen bloßen »Gedenktag« handle,
denn sonderbar gleichzeitig an allen Enden – wie geheime rasch zugeraunte Losung die Runde macht – ist ein anderes Wort aufgeflogen, sofort gebietend den Gemütern sich aufzwingend: Gedenkjahr – »Goethe-Jahr«.

Warum nicht? Gar nicht so geheim! Die Presse hat es genau so, leider Gottes, uns zugeraunt wie das Beethovenjahr und das Schubertjahr, und die Schlächtermeister werden eben diesmal Goethebüsten aus Schweineschmalz ausstellen. [Fast eine Vorwegnahme des Volkskünstlers Joseph Beuys in der Nachkriegsrepublik Deutschland.]

An tausend Orten, in tausend Stunden wird in diesem Jahr Ungezählten immer wieder sein Name genannt, die Legende seines Lebens berichtet, sein Wort verkündet werden.
Von Journalisten: allen denen, die da grunzen, wenn »Über allen Gipfeln ist Ruh« zu einer ulkigen Koofmichreklame verwendet wird.
Mir ist heute aufgetragen, mit einem Heroldsruf ihn zu grüßen.
Die Einladung der »Ravag« dürfte etwas neuzeitlicher gefaßt gewesen sein.
Aber
Beer-Hofmann sieht ein –
vermessenes Unterfangen – sein Herold sein zu wollen, leichthin alle Kronen zu melden, die dies Haupt wechselnd tragen darf – ohnmächtiges Unterfangen, feierlich ihn grüßen zu wollen, wo jedes Sich-Neigen zum In-die-Knie-Sinken, jedes grüßende Wort doch immer nur zu hilflos-stammelndem Bekennen tiefster Dankesschuld werden muß.
Das könnte gewiß alles von Glücksmann sein oder von einem gedämpfteren Csokor, aber die Devotion wäre vielleicht eher bei der Einrichtung der »Iphigenie«, und vermutlich auch bei der des ganzen »Faust« für einen Theaterabend, in Form der Resignation am Platze gewesen. Und was sich sonst noch alles an der Schwelle des Goethe-Jahres begibt! Da werden zum Beispiel »die Schatzkammern« ausgeleert,
die, hochkreisend, ein falkenäugiges Erkennen – alles Irdische erfassend – mit seiner Beute füllte!
Ullmann, noch reicher equipiert, hätte da ein titanisch schlichtes Vollbringen mit einem dionysisch unwirschen Behagen hinzugefügt.
Ich stehe hier. Geschlossener Raum umgibt mich. Ich rede.
Damit wäre ganz schlicht der Zustand vor dem Mikrophon bezeichnet. Aber nun kommt die Schilderung dessen, was sich dann im Äthermeer tut. Ehe das Wort sich von Beer-Hofmanns Lippen ganz löst, wird es schon erfaßt:
Von Bergen nicht aufgehalten, von Stürmen kaum gehemmt, wogt es ins Grenzenlose, vermag den Erdball zu umkreisen, landet an allen Küsten, die ihm zum Empfang bereitstehen ...
(Ganz so ist das nicht: es gibt Rückkoppler, Kommunisten, Wellen mit Jazz und sonstigen Geräuschen)
und streift, unerkannt, auf verschneiter Paßhöhe die Wangen des einsamen Wanderers, der nicht ahnt, daß es Menschenbotschaft ist, die er mit seinem Atem in sich trinkt.
Wenn es etwas von Offenbach ist, was da die Wangen des ahnungslosen Wanderers streift, so lobe ich mir die Erfindung – sonst bliebe die Luft auf verschneiter Paßhöhe besser ungeschoren.
Mag dies ein Gleichnis sein!
Mag es. Aber wenn es dann heißt.
Unhemmbar wogten die Worte
diesmal Goethes –
ins Grenzenlose, und wo Herzen offen standen zum Empfang, tonten sie, alterslos, wundervoll auf. Und, der sie nicht hört, der von ihnen nichts weiß – selbst der noch, nimmt sie unbekannt in sich auf
so klingt's auch nicht. Gleichwohl ist es etwas wie die Spur eines Gedankens. Freilich so: Niemals standen die Herzen zum Empfang für Goethe-Worte offen; nicht tausend Menschen unter einer Bevölkerung von elektrisch installierten Höhlenbewohnern haben die »Pandora« gelesen. Aber ebenso wahr, wie häufig von mir ausgesprochen, ist der Hinweis auf etwas wie die ätherischere Sendung des Wortes: die mittelbare sittliche Wirkung des Unfaßbaren, das, wie Beer-Hofmann ganz richtig sagt, »auch den letzten Kerker noch – den der Worte – schon durchbrochen« hat, so daß wir, was Goetheisch ist, »in uns atmen müssen«. Natürlich stimmt es wieder ganz und gar nicht für die heute lebende und lesende Menschheit, die auch ohne die Existenz Goethes nicht tierischer sein könnte. Und wenn der Journalist, der die »seherisch beschwingten Worte« preist, den Seher um des Vergleiches willen rühmt: wie der fromme Bauer die Initialen der heiligen drei Könige an die Tür seines Hauses schreibt, so schreibe jetzt ein großes Volk in der Zeit der Not den Namen Goethes »über die Tür seines Hauses«, so heißt das wirklich zum Schaden den Spott fügen. Keinem Angehörigen der Wertheimwelt wie der Krupnikwelt fällt es ein, den Namen Goethes über die Tür seines Hauses zu schreiben! Die Wiener Allgemeine Zeitung, der Schönheitspflege hingegeben, überschätzt den Zusammenhang ihrer Leser und weiterer Kreise mit Goethe erheblich, wenn sie den Nachbeter des Vorbeters behaupten läßt:
Sich zu Goethe bekennend, wiederum, feierlich und sich vor seinem Genius beugend, flüchtet sich ein großes und wertvolles Volk gleichzeitig in seinen Schutz und baut darauf, daß in Goethes hohem Zeichen das anhebende Jahr friedlicher, glücklicher und menschlicher werde.
Sie schreiben den Namen Goethes über die Tür ihres Hauses? Ihres Komptoirs! Ihres Pissoirs! Mosse hat den Anfang gemacht: mit einem seitenfüllenden Kopf Goethes als Annoncenakquisiteurs. Lug und Phrasentrug, der den Rebbach maskieren soll! Wortgesindel, das dem Tatgesindel den Vorspann macht! Was dieses Kontinent, das alte, das es längst schon so gut wie Amerika hat, mit Goethe verbindet, ist der Hohn der Verwandlung seines edelsten Gedichtes in eine Parole sämtlicher Branchen, ist vor allem der Humor, der tagaus tagein und ganz bestimmt auch im »Goethejahr« das einzige dieser Menschheit geläufige Zitat aus einem Prosadrama umspielt, das Zitat, das aus ihrem Vorstellungskreis wie aus ihren Gerichtssaalrubriken nicht mehr zu entfernen ist. Vor diesem Kulturzustand, der die Abortwand zum Schauplatz aller politischen, geistigen und erotischen Bestrebungen einer Bevölkerung macht, und gegenüber allem Greuel, den uns dieses Jahr vorbehält, dürfte es auch der einzige Bescheid sein, den Goethe selbst seiner Landsmannschaft zu erteilen hätte, wie er ihn ihr sein ganzes leben hindurch erteilt hat. Von der Schwelle des Goethejahres würde er alle Annäherungsversuche einer Gesellschaft, die seinen Dekor braucht, um zu morden, zu rauben und mittels der von ihm verachteten Presse zu lügen, mit einem Fußtritt und dem ihr verständlichsten Goethewort abtun!

(Aus: Karl Kraus: Vor der Walpurgisnacht. Aufsätze 1925-1936)


Montag, 11. Dezember 2017

Super Goethe

Super Goethe

Ferdinand Mount, The New York Review of Books,   December 21, 2017

Goethe: Life as a Work of Art   
by Rüdiger Safranski, translated from the German by David Dollenmayer
Liveright, 651 pp., $35.00
 
Finally, the Biography by Rüdiger Safranski has been translated into English und offers the English reading public a finde work about a truly exceptional man of lettres. 
 
When I studied in the US, I often wondered and was surprised that professors did research in areas they didn't speak the language of. The were totally dependent of translations and assistence by cheap academic beginners. For me it was incomprehensible that one would indulge into Habermas, Nietzsche, Hölderlin or Heidegger, not being trained in the German language.  

Therefore I welcome the translation of Safranski's work because it might brighten the view of some Americans on this pillar and corner stone of German culture. 
 
 
 
 




Mittwoch, 9. August 2017

Niemand hört, als was er weiß



Niemand hört, als was er weiß; niemand vernimmt, als was er empfinden, imaginieren und denken kann. Wer keine Schulstudien hat, kommt in den Fall, alle lateinische und griechische Ausdrücke in bekannte deutsche umzusetzen; dieses geschieht ebenmäßig mit Worten aus fremden Sprachen, deren Aussprache dem Schreibenden unbekannt ist.
Goethe, Schriften zur Literatur, Hör-, Schreib- und Druckfehler (14,300)

Freitag, 31. Oktober 2014

Forschungsplattform zu Goethes Biographica

Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) des Bundes und der Länder hat am 30. Oktober 2014 in Berlin das Akademienprogramm 2015 der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften beschlossen und der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig zusammen mit der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz ein neues Langzeitvorhaben bewilligt. Das Projekt ›PROPYLÄEN. Forschungsplattform zu Goethes Biographica‹ wird Arbeitsstellen am Goethe- und Schiller-Archiv Weimar sowie am Freien Deutschen Hochstift Frankfurt am Main haben; die Gesamtlaufzeit beträgt 25 Jahre mit einem Volumen von rund 570.000 € pro Jahr.

Das Vorhaben, das gemeinsam mit der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz und der Klassik Stiftung Weimar/Goethe- und Schiller- Archiv durchgeführt wird, hat zwei große Ziele: zum einen den Aufbau einer integrierten Forschungsplattform zu Goethes Leben, Wirken und Werk auf Basis der vielschichtig erschlossenen Quellenbestände von Goethes Biographica, zum anderen die Fortführung und den Abschluss der im Goethe- und Schiller-Archiv laufenden historisch-kritischen Editionen der Briefe und Tagebücher von Goethe, der um die Volltextwiedergabe bereicherten Regestausgabe der Briefe an Goethe und der Edition von Goethes ›Begegnungen und Gesprächen‹.

Die Forschungsplattform bietet der scientific community und einem breiten Publikum die Möglichkeit, den Gesamttext von Goethes Biographica samt der erschließenden Kommentare zu nutzen und nach eigenen Bedürfnissen zu strukturieren. Zugleich stellt sie der Forschung eine offene Infrastruktur zur Verfügung, die es ermöglicht, vorhandene Materialien um einschlägige Quellen- und Referenzwerke zu ergänzen und mit diesen zu verbinden und zu verlinken. Das Projekt wird die Goethe-Philologie auf eine völlig neue Grundlage stellen, indem es Goethes Leben, Werk und Epoche in bisher unbekannter Dichte und Tiefe zu erschließen erlaubt.

Zugleich wird die Plattform für die historiographische, kultur- und wissenschafts- geschichtliche Forschung zu dem Zeitraum von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein einzigartiges Quellen- und Datenreservoir bereitstellen. Die Plattform ist auf vielfältige Integration von weiteren Quellenbeständen und wissenschaftlichen Erkenntnissen angelegt und bietet darum der Forschung zu Goethe und zur Goethezeit die einzigartige Chance auf ein nachhaltiges zentrales Forum im digitalen Zeitalter.

Unter der Leitung der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Klaus Manger (Friedrich-Schiller-Universität Jena), Prof. Dr. Ernst Osterkamp (Humboldt-Universität zu Berlin) und Dr. Bernhard Fischer (Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs Weimar) wird das Projekt Arbeitsstellen am Goethe- und Schiller-Archiv Weimar sowie am Freien Deutschen Hochstift Frankfurt am Main haben; die Gesamtlaufzeit beträgt 25 Jahre mit einem Volumen von rund 570.000 € pro Jahr.

Ansprechpartner

Prof. Dr. Klaus Manger, Philosophische Fakultät, Friedrich-Schiller- Universität Jena, Fürstengraben 18, 07743 Jena, erika.boehm@uni-jena.de, T: 03641/944200 , F: 03641/944202

Prof. Dr. Ernst Osterkamp, Institut für Deutsche Literatur, Philosophische Fakultät II, Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10099 Berlin, ernst.osterkamp@rz.hu-berlin.de, T: 030/20939663, F: 030/20939653

Dr. Bernhard Fischer, Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs / Klassik Stiftung Weimar, Hans-Wahl-Str. 4, 99425 Weimar bernhard.fischer@klassik-stiftung.de, T: 03643/545-240, F: 03643/545-241

Hinsichtlich der Goethe-Philologie bzw. Editionsarbeiten siehe auch den informativen Artikel von Ludger Luetkehaus aus dem Jahr 1999:

High Noon in der Goethe-Philologie
Die Frankfurter und die Münchner Ausgabe sind abgeschlosse
Ludger Luetkehaus, DIE ZEIT 35/1999; 26.8.1999


Sonntag, 30. September 2012

Was Nietzsche über große Menschen schrieb, die in Deutschland litten

In Zusammenhang mit dem Text von Hölderlin über die Deutschen hier einer von Nietzsche, der über die Hölderlins, Kleists, Goethes, Beethovens und Wagners spricht und, natürlich, die Deutschen:

Friedrich Nietzsche

Schopenhauer als Erzieher: § 3. (Erste Veröff. 1874)


3.


Ich mache mir aus einem Philosophen gerade so viel als er im Stande ist ein Beispiel zu geben. Dass er durch das Beispiel ganze Völker nach sich ziehen kann, ist kein Zweifel; die indische Geschichte, die beinahe die Geschichte der indischen Philosophie ist, beweist es. Aber das Beispiel muss durch das sichtbare Leben und nicht bloss durch Bücher gegeben werden, also dergestalt, wie die Philosophen Griechenlands lehrten, durch Miene, Haltung, Kleidung, Speise, Sitte mehr als durch Sprechen oder gar Schreiben. Was fehlt uns noch alles zu dieser muthigen Sichtbarkeit eines philosophischen Lebens in Deutschland; ganz allmählich befreien sich hier die Leiber, wenn die Geister längst befreit scheinen; und doch ist es nur ein Wahn, dass ein Geist frei und selbständig sei, wenn diese errungene Unumschränktheit - die im Grunde schöpferische Selbstumschränkung ist - nicht durch jeden Blick und Schritt von früh bis Abend neu bewiesen wird. Kant hielt an der Universität fest, unterwarf sich den Regierungen, blieb in dem Scheine eines religiösen Glaubens, ertrug es unter Collegen und Studenten: so ist es denn natürlich, dass sein Beispiel vor allem Universitätsprofessoren und Professorenphilosophie erzeugte. Schopenhauer macht mit den gelehrten Kasten wenig Umstände, separirt sich, erstrebt Unabhängigkeit von Staat und Gesellschaft - dies ist sein Beispiel, sein Vorbild - um hier vom Äusserlichsten auszugehen. Aber viele Grade in der Befreiung des philosophischen Lebens sind unter den Deutschen noch unbekannt und werden es nicht immer bleiben können. Unsre Künstler leben kühner und ehrlicher; und das mächtigste Beispiel, welches wir vor uns sehn, das Richard Wagners, zeigt, wie der Genius sich nicht fürchten darf, in den feindseligsten Widerspruch mit den bestehenden Formen und Ordnungen zu treten, wenn er die höhere Ordnung und Wahrheit, die in ihm lebt, an's Licht herausheben will. Die "Wahrheit" aber, von welcher unsre Professoren so viel reden, scheint freilich ein anspruchloseres Wesen zu sein, von dem keine Unordnung und Ausserordnung zu befürchten ist: ein bequemes und gemüthliches Geschöpf, welches allen bestehenden Gewalten wieder und wieder versichert, niemand solle ihrethalben irgend welche Umstände haben; man sei ja nur "reine Wissenschaft". Also: ich wollte sagen, dass die Philosophie in Deutschland es mehr und mehr zu verlernen hat, "reine Wissenschaft" zu sein: und das gerade sei das Beispiel des Menschen Schopenhauer.
Es ist aber ein Wunder und nichts Geringeres, dass er zu diesem menschlichen Beispiel heranwuchs: denn er war von aussen und von innen her durch die ungeheuersten Gefahren gleichsam umdrängt, von denen jedes schwächere Geschöpf erdrückt oder zersplittert wäre. Es gab, wie mir scheint, einen starken Anschein dafür, dass der Mensch Schopenhauer untergehen werde, um als Rest, besten Falls, "reine Wissenschaft" zurück zu lassen: aber auch dies nur besten Falls; am wahrscheinlichsten weder Mensch noch Wissenschaft.
Ein neuerer Engländer schildert die allgemeinste Gefahr ungewöhnlicher Menschen, die in einer an das Gewöhnliche gebundenen Gesellschaft leben, also: "solche fremdartige Charaktere werden anfänglich gebeugt, dann melancholisch, dann krank und zuletzt sterben sie. Ein Shelley würde in England nicht haben leben können, und eine Rasse von Shelley's würde unmöglich gewesen sein". Unsere Hölderlin und Kleist und wer nicht sonst verdarben an dieser ihrer Ungewöhnlichkeit und hielten das Clima der sogenannten deutschen Bildung nicht aus; und nur Naturen von Erz wie Beethoven, Goethe, Schopenhauer und Wagner vermögen Stand zu halten. Aber auch bei ihnen zeigt sich die Wirkung des ermüdendsten Kampfes und Krampfes an vielen Zügen und Runzeln: ihr Athem geht schwerer und ihr Ton ist leicht allzu gewaltsam. Jener geübte Diplomat, der Goethe nur überhin angesehen und gesprochen hatte, sagte zu seinen Freunden: Voilà un homme, qui a eu de grands chagrins! - was Goethe so verdeutscht hat "das ist auch einer, der sich's hat sauer werden lassen!" "Wenn sich nun in unsern Gesichtszügen, fügt er hinzu, die Spur überstandenen Leidens, durchgeführter Thätigkeit nicht auslöschen lässt, so ist es kein Wunder, wenn alles, was von uns und unserem Bestreben übrig bleibt, dieselbe Spur trägt". Und das ist Goethe, auf den unsre Bildungsphilister als auf den glücklichsten Deutschen hinzeigen, um daraus den Satz zu beweisen, dass es doch möglich sein müsse unter ihnen glücklich zu werden - mit dem Hintergedanken, dass es keinem zu verzeihen sei, wenn er sich unter ihnen unglücklich und einsam fühle. Daher haben sie sogar mit grosser Grausamkeit den Lehrsatz aufgestellt und praktisch erläutert, dass in jeder Vereinsamung immer eine geheime Schuld liege. Nun hatte der arme Schopenhauer auch so eine geheime Schuld auf dem Herzen, nämlich seine Philosophie mehr zu schätzen als seine Zeitgenossen; und dazu war er so unglücklich, gerade durch Goethe zu wissen, dass er seine Philosophie, um ihre Existenz zu retten, um jeden Preis gegen die Nichtbeachtung seiner Zeitgenossen vertheidigen müsse; denn es giebt eine Art Inquisitionscensur, in der es die Deutschen nach Goethes Urtheil weit gebracht haben; es heisst: unverbrüchliches Schweigen. Und dadurch war wenigstens so viel bereits erreicht worden, dass der grösste Theil der ersten Auflage seines Hauptwerks zu Makulatur eingestampft werden musste. Die drohende Gefahr, dass seine grosse That einfach durch Nichtbeachtung wieder ungethan werde, brachte ihn in eine schreckliche und schwer zu bändigende Unruhe; kein einziger bedeutsamer Anhänger zeigte sich. Es macht uns traurig, ihn auf der Jagd nach irgend welchen Spuren seines Bekanntwerdens zu sehen; und sein endlicher lauter und überlauter Triumph darüber, dass er jetzt wirklich gelesen werde ("legor et legar") hat etwas Schmerzlich-Ergreifendes. Gerade alle jene Züge, in denen er die Würde des Philosophen nicht merken lässt, zeigen den leidenden Menschen, welchen um seine edelsten Güter bangt; so quälte ihn die Sorge, sein kleines Vermögen zu verlieren und vielleicht seine reine und wahrhaft antike Stellung zur Philosophie nicht mehr festhalten zu können; so griff er in seinem Verlangen nach ganz vertrauenden und mitleidenden Menschen oftmals fehl, um immer wieder mit einem schwermüthigen Blicke zu seinem treuen Hunde zurückzukehren. Er war ganz und gar Einsiedler; kein einziger wirklich gleichgestimmter Freund tröstete ihn - und zwischen einem und keinem liegt hier, wie immer zwischen ichts und nichts, eine Unendlichkeit. Niemand, der wahre Freunde hat, weiss was wahre Einsamkeit ist, und ob er auch die ganze Welt um sich zu seinen Widersachern hätte. - Ach ich merke wohl, ihr wisst nicht, was Vereinsamung ist. Wo es mächtige Gesellschaften, Regierungen, Religionen, öffentliche Meinungen gegeben hat, kurz wo je eine Tyrannei war, da hat sie den einsamen Philosophen gehasst; denn die Philosophie eröffnet dem Menschen ein Asyl, wohin keine Tyrannei dringen kann, die Höhle des Innerlichen, das Labyrinth der Brust: und das ärgert die Tyrannen. Dort verbergen sich die Einsamen: aber dort auch lauert die grösste Gefahr der Einsamen. Diese Menschen, die ihre Freiheit in das Innerliche geflüchtet haben, müssen auch äusserlich leben, sichtbar werden, sich sehen lassen; sie stehen in zahllosen menschlichen Verbindungen durch Geburt, Aufenthalt, Erziehung, Vaterland, Zufall, Zudringlichkeit Anderer; ebenfalls zahllose Meinungen werden bei ihnen vorausgesetzt, einfach weil sie die herrschenden sind; jede Miene, die nicht verneint, gilt als Zustimmung; jede Handbewegung, die nicht zertrümmert, wird als Billigung gedeutet. Sie wissen, diese Einsamen und Freien im Geiste - dass sie fortwährend irgend worin anders scheinen als sie denken: während sie nichts als Wahrheit und Ehrlichkeit wollen, ist rings um sie ein Netz von Missverständnissen; und ihr heftiges Begehren kann es nicht verhindern, dass doch auf ihrem Thun ein Dunst von falschen Meinungen, von Anpassung, von halben Zugeständnissen, von schonendem Verschweigen, von irrthümlicher Ausdeutung liegen bleibt. Das sammelt eine Wolke von Melancholie auf ihrer Stirne: denn dass das Scheinen Nothwendigkeit ist, hassen solche Naturen mehr als den Tod; und eine solche andauernde Erbitterung darüber macht sie vulkanisch und bedrohlich. Von Zeit zu Zeit rächen sie sich für ihr gewaltsames Sich-Verbergen, für ihre erzwungene Zurückhaltung. Sie kommen aus ihrer Höhle heraus mit schrecklichen Mienen; ihre Worte und Thaten sind dann Explosionen, und es ist möglich, dass sie an sich selbst zu Grunde gehen. So gefährlich lebte Schopenhauer. Gerade solche Einsame bedürfen Liebe, brauchen Genossen, vor denen sie wie vor sich selbst offen und einfach sein dürfen, in deren Gegenwart der Krampf des Verschweigens und der Verstellung aufhört. Nehmt diese Genossen hinweg und ihr erzeugt eine wachsende Gefahr; Heinrich von Kleist ging an dieser Ungeliebtheit zu Grunde, und es ist das schrecklichste Gegenmittel gegen ungewöhnliche Menschen, sie dergestalt tief in sich hinein zu treiben, dass ihr Wiederherauskommen jedesmal ein vulkanischer Ausbruch wird. Doch giebt es immer wieder einen Halbgott, der es erträgt, unter so schrecklichen Bedingungen zu leben, siegreich zu leben; und wenn ihr seine einsamen Gesänge hören wollt, so hört Beethoven's Musik.
Das war die erste Gefahr, in deren Schatten Schopenhauer heranwuchs: Vereinsamung. Die zweite heisst: Verzweiflung an der Wahrheit. Diese Gefahr begleitet jeden Denker, welcher von der Kantischen Philosophie aus seinen Weg nimmt, vorausgesetzt dass er ein kräftiger und ganzer Mensch in Leiden und Begehren sei und nicht nur eine klappernde Denk- und Rechenmaschine. Nun wissen wir aber alle recht wohl, was es gerade mit dieser Voraussetzung für eine beschämende Bewandtniss hat; ja es scheint mir, als ob überhaupt nur bei den wenigsten Menschen Kant lebendig eingegriffen und Blut und Säfte umgestaltet habe. Zwar soll, wie man überall lesen kann, seit der That dieses stillen Gelehrten auf allen geistigen Gebieten eine Revolution ausgebrochen sein; aber ich kann es nicht glauben. Denn ich sehe es den Menschen nicht deutlich an, als welche vor Allem selbst revolutionirt sein müssten, bevor irgend welche ganze Gebiete es sein könnten. Sobald aber Kant anfangen sollte, eine populäre Wirkung auszuüben, so werden wir diese in der Form eines zernagenden und zerbröckelnden Skepticismus und Relativismus gewahr werden; und nur bei den thätigsten und edelsten Geistern, die es niemals im Zweifel ausgehalten haben, würde an seiner Stelle jene Erschütterung und Verzweiflung an aller Wahrheit eintreten, wie sie zum Beispiel Heinrich von Kleist als Wirkung der Kantischen Philosophie erlebte. "Vor Kurzem, schreibt er einmal in seiner ergreifenden Art, wurde ich mit der Kantischen Philosophie bekannt - und dir muss ich jetzt daraus einen Gedanken mittheilen, indem ich nicht fürchten darf, dass er dich so tief, so schmerzhaft erschüttern wird als mich. - Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist oder ob es uns nur so scheint. Ist's das Letztere, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nichts mehr, und alles Bestreben, ein Eigenthum zu erwerben, das uns auch noch in das Grab folgt, ist vergeblich. - Wenn die Spitze dieses Gedankens dein Herz nicht trifft, so lächle nicht über einen andern, der sich tief in seinem heiligsten Innern davon verwundet fühlt. Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken und ich habe keines mehr." Ja, wann werden wieder die Menschen dergestalt Kleistisch-natürlich empfinden, wann lernen sie den Sinn einer Philosophie erst wieder an ihrem "heiligsten Innern" messen? Und doch ist dies erst nöthig um abzuschätzen, was uns, nach Kant, gerade Schopenhauer sein kann - der Führer nämlich, welcher aus der Höhle des skeptischen Unmuths oder der kritisirenden Entsagung hinauf zur Höhe der tragischen Betrachtung leitet, den nächtlichen Himmel mit seinen Sternen endlos über uns, und der sich selbst, als der erste, diesen Weg geführt hat. Das ist seine Grösse, dass er dem Bilde des Lebens als einem Ganzen sich gegenüberstellte, um es als Ganzes zu deuten; während die scharfsinnigsten Köpfe nicht von dem Irrthum zu befreien sind, dass man dieser Deutung näher komme, wenn man die Farben, womit, den Stoff, worauf dieses Bild gemalt ist, peinlich untersuche; vielleicht mit dem Ergebniss, es sei eine ganz intrikat gesponnene Leinewand und Farben darauf, die chemisch unergründlich seien. Man muss den Maler errathen, um das Bild zu verstehen, - das wusste Schopenhauer. Nun ist aber die ganze Zunft aller Wissenschaften darauf aus, jene Leinewand und jene Farben, aber nicht das Bild zu verstehen; ja man kann sagen, dass nur der, welcher das allgemeine Gemälde des Lebens und Daseins fest in's Auge gefasst hat, sich der einzelnen Wissenschaften ohne eigene Schädigung bedienen wird, denn ohne ein solches regulatives Gesammtbild sind sie Stricke, die nirgends an's Ende führen und unsern Lebenslauf nur noch verwirrter und labyrinthischer machen. Hierin, wie gesagt, ist Schopenhauer gross, dass er jenem Bilde nachgeht wie Hamlet dem Geiste, ohne sich abziehn zu lassen, wie Gelehrte thun, oder durch begriffliche Scholastik abgesponnen zu werden, wie es das Loos der ungebändigten Dialektiker ist. Das Studium aller Viertelsphilosophen ist nur deshalb anziehend, um zu erkennen, dass diese sofort auf die Stellen im Bau grosser Philosophien gerathen, wo das gelehrtenhafte Für und Wider, wo Grübeln, Zweifeln, Widersprechen erlaubt ist und dass sie dadurch der Forderung jeder grossen Philosophie entgehen, die als Ganzes immer nur sagt: dies ist das Bild alles Lebens, und daraus lerne den Sinn deines Lebens. Und umgekehrt: lies nur dein Leben und verstehe daraus die Hieroglyphen des allgemeinen Lebens. Und so soll auch Schopenhauers Philosophie immer zuerst ausgelegt werden: individuell, vom Einzelnen allein für sich selbst, um Einsicht in das eigne Elend und Bedürfniss, in die eigne Begrenztheit zu gewinnen, um die Gegenmittel und Tröstungen kennen zu lernen: nämlich Hinopferung des Ich's, Unterwerfung unter die edelsten Absichten, vor allem unter die der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Er lehrt uns zwischen den wirklichen und scheinbaren Beförderungen des Menschenglücks unterscheiden: wie weder Reichwerden, noch Geehrtsein, noch Gelehrtsein den Einzelnen aus seiner tiefen Verdrossenheit über den Unwerth seines Daseins heraus heben kann und wie das Streben nach diesen Gütern nur Sinn durch ein hohes und verklärendes Gesammtziel bekommt: Macht zu gewinnen, um durch sie der Physis nachzuhelfen und ein wenig Corrector ihrer Thorheiten und Ungeschicktheiten zu sein. Zunächst zwar auch für sich selbst; durch sich aber endlich für Alle. Es ist freilich ein Streben, welches tief und herzlich zur Resignation hinleitet: denn was und wie viel kann überhaupt noch verbessert werden, am Einzelnen und am Allgemeinen!
Wenden wir gerade diese Worte auf Schopenhauer an, so berühren wir die dritte und eigenthümlichste Gefahr, in der er lebte und die im ganzen Bau und Knochengerüste seines Wesens verborgen lag. Jeder Mensch pflegt in sich eine Begrenztheit vorzufinden, seiner Begabung sowohl als seines sittlichen Wollens, welche ihn mit Sehnsucht und Melancholie erfüllt; und wie er aus dem Gefühl seiner Sündhaftigkeit sich hin nach dem Heiligen sehnt, so trägt er, als intellectuelles Wesen, ein tiefes Verlangen nach dem Genius in sich. Hier ist die Wurzel aller wahren Cultur; und wenn ich unter dieser die Sehnsucht der Menschen verstehe, als Heiliger und als Genius wiedergeboren zu werden, so weiss ich, dass man nicht erst Buddhaist sein muss, um diesen Mythus zu verstehen. Wo wir Begabung ohne jene Sehnsucht finden, im Kreise der Gelehrten oder auch bei den sogenannten Gebildeten, macht sie uns Widerwille und Ekel; denn wir ahnen, dass solche Menschen, mit allem ihrem Geiste, eine werdende Cultur und die Erzeugung des Genius - das heisst das Ziel aller Cultur - nicht fördern, sondern verhindern. Es ist der Zustand einer Verhärtung, im Werthe gleich jener gewohnheitsmässigen, kalten und auf sich selbst stolzen Tugendhaftigkeit, welche auch am weitesten von der wahren Heiligkeit entfernt ist und fern hält. Schopenhauers Natur enthielt nun eine seltsame und höchst gefährliche Doppelheit. Wenige Denker haben in dem Maasse und der unvergleichlichen Bestimmtheit empfunden, dass der Genius in ihnen webt; und sein Genius verhiess ihm das Höchste - dass es keine tiefere Furche geben werde als die, welche seine Pflugschar in den Boden der neueren Menschheit reisst. So wusste er die eine Hälfte seines Wesens gesättigt und erfüllt, ohne Begierde, ihrer Kraft gewiss, so trug er mit Grösse und Würde seinen Beruf als siegreich Vollendeter. In der andern Hälfte lebte eine ungestüme Sehnsucht; wir verstehen sie, wenn wir hören dass er sich mit schmerzlichem Blicke von dem Bilde des grossen Stifters der la Trappe, Rancé, abwandte, unter den Worten: "das ist Sache der Gnade". Denn der Genius sehnt sich tiefer nach Heiligkeit, weil er von seiner Warte aus weiter und heller geschaut hat als ein andrer Mensch, hinab in die Versöhnung von Erkennen und Sein, hinein in das Reich des Friedens und des verneinten Willens, hinüber nach der andern Küste, von der die Inder sagen. Aber hier gerade ist das Wunder: wie unbegreiflich ganz und unzerbrechlich musste Schopenhauers Natur sein, wenn sie auch nicht durch diese Sehnsucht zerstört werden konnte und doch auch nicht verhärtet wurde. Was das heissen will, wird jeder nach dem Maasse dessen verstehen, was und wie viel er ist: und ganz, in aller seiner Schwere, wird es keiner von uns verstehen.
Jemehr man über die geschilderten drei Gefahren nachdenkt, um so befremdlicher bleibt es, mit welcher Rüstigkeit sich Schopenhauer gegen sie vertheidigte und wie gesund und gerade er aus dem Kampfe heraus kam. Zwar auch mit vielen Narben und offnen Wunden; und in einer Stimmung, die vielleicht etwas zu herbe, mitunter auch all zu kriegerisch erscheint. Auch über dem grössten Menschen erhebt sich sein eignes Ideal. Dass Schopenhauer ein Vorbild sein kann, das steht trotz aller jener Narben und Flecken fest. Ja man möchte sagen: das was an seinem Wesen unvollkommen und allzu menschlich war, führt uns gerade im menschlichsten Sinne in seine Nähe, denn wir sehen ihn als Leidenden und Leidensgenossen und nicht nur in der ablehnenden Hoheit des Genius.
Jene drei Gefahren der Constitution, die Schopenhauer bedrohten, bedrohen uns Alle. Ein Jeder trägt eine productive Einzigkeit in sich, als den Kern seines Wesens; und wenn er sich dieser Einzigkeit bewusst wird, erscheint um ihn ein fremdartiger Glanz, der des Ungewöhnlichen. Dies ist den Meisten etwas Unerträgliches: weil sie, wie gesagt, faul sind und weil an jener Einzigkeit eine Kette von Mühen und Lasten hängt. Es ist kein Zweifel, dass für den Ungewöhnlichen, der sich mit dieser Kette beschwert, das Leben fast Alles, was man von ihm in der Jugend ersehnt, Heiterkeit, Sicherheit, Leichtigkeit, Ehre, einbüsst; das Loos der Vereinsamung ist das Geschenk, welches ihm die Mitmenschen machen; die Wüste und die Höhle ist sofort da, er mag leben, wo er will. Nun sehe er zu, dass er sich nicht unterjochen lasse, dass er nicht gedrückt und melancholisch werde. Und deshalb mag er sich mit den Bildern guter und tapferer Kämpfer umstellen, wie Schopenhauer selbst einer war. Aber auch die zweite Gefahr, die Schopenhauern bedrohte, ist nicht ganz selten. Hier und da ist einer von Natur mit Scharfblick ausgerüstet, seine Gedanken gehen gern den dialektischen Doppelgang; wie leicht ist es, wenn er seiner Begabung unvorsichtig die Zügel schiessen lässt, dass er als Mensch zu Grunde geht und fast nur noch in der "reinen Wissenschaft" ein Gespensterleben führt: oder dass er gewohnt daran, das Für und Wider in den Dingen aufzusuchen, an der Wahrheit überhaupt irre wird und so ohne Muth und Zutrauen leben muss, verneinend, zweifelnd, annagend, unzufrieden, in halber Hoffnung, in erwarteter Enttäuschung: "es möchte kein Hund so länger leben!" Die dritte Gefahr ist die Verhärtung, im Sittlichen oder im Intellectuellen; der Mensch zerreisst das Band, welches ihn mit seinem Ideal verknüpfte; er hört auf, auf diesem oder jenem Gebiete, fruchtbar zu sein, sich fortzupflanzen, er wird im Sinne der Cultur schwächlich oder unnütz. Die Einzigkeit seines Wesens ist zum untheilbaren, unmittheilbaren Atom geworden, zum erkalteten Gestein. Und so kann einer an dieser Einzigkeit ebenso wie an der Furcht vor dieser Einzigkeit verderben, an sich selbst und im Aufgeben seiner selbst, an der Sehnsucht und an der Verhärtung: und Leben überhaupt heisst in Gefahr sein.
Ausser diesen Gefahren seiner ganzen Constitution, welchen Schopenhauer ausgesetzt gewesen wäre, er hätte nun in diesem oder jenem Jahrhundert gelebt - giebt es nun noch Gefahren, die aus seiner Zeit an ihn heran kamen; und diese Unterscheidung zwischen Constitutionsgefahren und Zeitgefahren ist wesentlich, um das Vorbildliche und Erzieherische in Schopenhauers Natur zu begreifen. Denken wir uns das Auge des Philosophen auf dem Dasein ruhend: er will dessen Werth neu festsetzen. Denn das ist die eigenthümliche Arbeit aller grossen Denker gewesen, Gesetzgeber für Maass, Münze und Gewicht der Dinge zu sein. Wie muss es ihm hinderlich werden, wenn die Menschheit, die er zunächst sieht, gerade eine schwächliche und von Würmern zerfressene Frucht ist! Wie viel muss er, um gerecht gegen das Dasein überhaupt zu sein, zu dem Unwerthe der gegenwärtigen Zeit hinzuaddiren! Wenn die Beschäftigung mit Geschichte vergangener oder fremder Völker werthvoll ist, so ist sie es am meisten für den Philosophen, der ein gerechtes Urtheil über das gesammte Menschenloos abgeben will, nicht also nur über das durchschnittliche, sondern vor allem auch über das höchste Loos, das einzelnen Menschen oder ganzen Völkern zufallen kann. Nun aber ist alles Gegenwärtige zudringlich, es wirkt und bestimmt das Auge, auch wenn der Philosoph es nicht will; und unwillkürlich wird es in der Gesammtabrechnung zu hoch taxirt sein. Deshalb muss der Philosoph seine Zeit in ihrem Unterschiede gegen andre wohl abschätzen und, indem er für sich die Gegenwart überwindet, auch in seinem Bilde, das er vom Leben giebt, die Gegenwart überwinden, nämlich unbemerkbar machen und gleichsam übermalen. Dies ist eine schwere, ja kaum lösbare Aufgabe. Das Urtheil der alten griechischen Philosophen über den Werth des Daseins besagt so viel mehr als ein modernes Urtheil, weil sie das Leben selbst in einer üppigen Vollendung vor sich und um sich hatten und weil bei ihnen nicht wie bei uns das Gefühl des Denkers sich verwirrt, in dem Zwiespalte des Wunsches nach Freiheit, Schönheit, Grösse des Lebens und des Triebes nach Wahrheit, die nur frägt: was ist das Dasein überhaupt werth? Es bleibt für alle Zeiten wichtig zu wissen, was Empedocles, inmitten der kräftigsten und überschwänglichsten Lebenslust der griechischen Cultur, über das Dasein ausgesagt hat; sein Urtheil wiegt sehr schwer, zumal ihm durch kein einziges Gegenurtheil irgend eines andern grossen Philosophen aus derselben grossen Zeit widersprochen wird. Er spricht nur am deutlichsten, aber im Grunde - nämlich wenn man seine Ohren etwas aufmacht, sagen sie alle dasselbe. Ein moderner Denker wird, wie gesagt, immer an einem unerfüllten Wunsche leiden: er wird verlangen, dass man ihm erst wieder Leben, wahres, rothes, gesundes Leben zeige, damit er dann darüber seinen Richterspruch fälle. Wenigstens für sich selbst wird er es für nöthig halten, ein lebendiger Mensch zu sein, bevor er glauben darf, ein gerechter Richter sein zu können. Hier ist der Grund, weshalb gerade die neueren Philosophen zu den mächtigsten Förderern des Lebens, des Willens zum Leben gehören, und weshalb sie sich aus ihrer ermatteten eignen Zeit nach einer Cultur, nach einer verklärten Physis sehnen. Diese Sehnsucht ist aber auch ihre Gefahr: in ihnen kämpft der Reformator des Lebens und der Philosoph, das heisst: der Richter des Lebens. Wohin sich auch der Sieg neige, es ist ein Sieg, der einen Verlust in sich schliessen wird. Und wie entging nun Schopenhauer auch dieser Gefahr?
Wenn jeder grosse Mensch auch am liebsten gerade als das ächte Kind seiner Zeit angesehen wird und jedenfalls an allen ihren Gebresten stärker und empfindlicher leidet als alle kleineren Menschen, so ist der Kampf eines solchen Grossen gegen seine Zeit scheinbar nur ein unsinniger und zerstörender Kampf gegen sich selbst. Aber eben nur scheinbar; denn in ihr bekämpft er das, was ihn hindert, gross zu sein, das bedeutet bei ihm nur: frei und ganz er selbst zu sein. Daraus folgt, dass seine Feindschaft im Grunde gerade gegen das gerichtet ist, was zwar an ihm selbst, was aber nicht eigentlich er selbst ist, nämlich gegen das unreine Durch- und Nebeneinander von Unmischbarem und ewig Unvereinbarem, gegen die falsche Anlöthung des Zeitgemässen an sein Unzeitgemässes; und endlich erweist sich das angebliche Kind der Zeit nur als Stiefkind derselben. So strebte Schopenhauer, schon von früher Jugend an, jener falschen, eiteln und unwürdigen Mutter, der Zeit, entgegen, und indem er sie gleichsam aus sich auswies, reinigte und heilte er sein Wesen und fand sich selbst in seiner ihm zugehörigen Gesundheit und Reinheit wieder. Deshalb sind die Schriften Schopenhauers als Spiegel der Zeit zu benutzen; und gewiss liegt es nicht an einem Fehler des Spiegels, wenn in ihm alles Zeitgemässe nur wie eine entstellende Krankheit sichtbar wird, als Magerkeit und Blässe, als hohles Auge und erschlaffte Mienen, als die erkennbaren Leiden jener Stiefkindschaft. Die Sehnsucht nach starker Natur, nach gesunder und einfacher Menschheit war bei ihm eine Sehnsucht nach sich selbst; und sobald er die Zeit in sich besiegt hatte, musste er auch, mit erstauntem Auge, den Genius in sich erblicken. Das Geheimniss seines Wesens war ihm jetzt enthüllt, die Absicht jener Stiefmutter Zeit, ihm diesen Genius zu verbergen, vereitelt, das Reich der verklärten Physis war entdeckt. Wenn er jetzt nun sein furchtloses Auge der Frage zuwandte: "was ist das Leben überhaupt werth?" so hatte er nicht mehr eine verworrene und abgeblasste Zeit und deren heuchlerisch unklares Leben zu verurtheilen. Er wusste es wohl, dass noch Höheres und Reineres auf dieser Erde zu finden und zu erreichen sei als solch ein zeitgemässes Leben, und dass Jeder dem Dasein bitter unrecht thue, der es nur nach dieser hässlichen Gestalt kenne und abschätze. Nein, der Genius selbst wird jetzt aufgerufen, um zu hören, ob dieser, die höchste Frucht des Lebens, vielleicht das Leben überhaupt rechtfertigen könne; der herrliche schöpferische Mensch soll auf die Frage antworten: "bejahst denn du im tiefsten Herzen dieses Dasein? Genügt es dir? Willst du sein Fürsprecher, sein Erlöser sein? Denn nur ein einziges wahrhaftiges Ja! aus deinem Munde - und das so schwer verklagte Leben soll frei sein". - Was wird er antworten? - Die Antwort des Empedocles.

Freitag, 21. September 2012

Johann Peter Eckermanns 220. Geburtstag

Johann Peter Eckermann,  21.9.1792 - 3.12.1854, war ein deutscher Dichter und enger Vertrauter Goethes.

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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
   
Vorrede


Diese Sammlung von Unterhaltungen und Gesprächen mit Goethe ist größtenteils aus dem mir inwohnenden Naturtriebe entstanden, irgendein Erlebtes, das mir wert oder merkwürdig erscheint, durch schriftliche Auffassung mir anzueignen.

Zudem war ich immerfort der Belehrung bedürftig, sowohl als ich zuerst mit jenem außerordentlichen Manne zusammentraf, als auch nachdem ich bereits jahrelang mit ihm gelebt hatte, und ich ergriff gerne den Inhalt seiner Worte und notierte ihn mir, um ihn für mein ferneres Leben zu besitzen.

Wenn ich aber die reiche Fülle seiner Äußerungen bedenke, die während eines Zeitraumes von neun Jahren mich beglückten, und nun das Wenige betrachte, das mir davon schriftlich aufzufassen gelungen ist, so komme ich mir vor wie ein Kind, das den erquicklichen Frühlingsregen in offenen Händen aufzufangen bemüht ist, dem aber das meiste durch die Finger läuft.

Doch wie man zu sagen pflegt, daß Bücher ihre Schicksale haben, und wie dieses Wort ebensowohl auf ihr Entstehen als auf ihr späteres Hinaustreten in die weite und breite Welt anzuwenden ist, so dürfte es auch von der Entstehung des gegenwärtigen Buches gelten. Monate vergingen oft, wo die Gestirne ungünstig standen, und wo Unbefinden, Geschäfte und mancherlei Bemühungen um die tägliche Existenz keine Zeile aufkommen ließen; dann aber traten wieder günstige Sterne ein, und es vereinigten sich Wohlsein, Muße und Lust zu schreiben, um wieder einen erfreulichen Schritt vorwärts zu tun. Und dann, wo tritt bei einem längeren Zusammenleben nicht mitunter einige Gleichgültigkeit ein, und wo wäre derjenige, der die Gegenwart immer so zu schätzen wüßte, wie sie es verdiente!

Dieses alles erwähne ich besonders aus dem Grunde, um die manchen bedeutenden Lücken zu entschuldigen, die der Leser finden wird, im Fall er etwa so geneigt sein sollte, das Datum zu verfolgen. In solche Lücken fällt manches unterlassene Gute sowie besonders manches günstige Wort, was Goethe über seine weitverbreiteten Freunde sowie über die Werke dieses oder jenes lebenden deutschen Autors gesagt hat, während sich anderes ähnlicher Art notiert findet. Doch wie gesagt: Bücher haben ihre Schicksale schon während sie entstehen.

Übrigens erkenne ich dasjenige, was in diesen Bänden mir gelungen ist zu meinem Eigentum zu machen, und was ich gewissermaßen als den Schmuck meines Lebens zu betrachten habe, mit innigem Dank gegen eine höhere Fügung; ja ich habe sogar eine gewisse Zuversicht, daß auch die Welt mir diese Mitteilung danken werde.

Ich halte dafür, daß diese Gespräche für Leben, Kunst und Wissenschaft nicht allein manche Aufklärung und manche unschätzbare Lehre enthalten, sondern daß diese unmittelbaren Skizzen nach dem Leben auch ganz besonders dazu beitragen werden, das Bild zu vollenden, was man von Goethe aus seinen mannigfaltigen Werken bereits in sich tragen mag.

Weit entfernt aber bin ich auch wiederum, zu glauben, daß hiemit nun der ganze innere Goethe gezeichnet sei. Man kann diesen außerordentlichen Geist und Menschen mit Recht einem vielseitigen Diamanten vergleichen, der nach jeder Richtung hin eine andere Farbe spiegelt. Und wie er nun in verschiedenen Verhältnissen und zu verschiedenen Personen ein anderer war, so kann ich auch in meinem Falle nur in ganz bescheidenem Sinne sagen: dies ist mein Goethe.

Und dieses Wort dürfte nicht bloß davon gelten, wie er sich mir darbot, sondern besonders auch davon, wie ich ihn auf zufassen und wiederzugeben fähig war. Es geht in solchen Fällen eine Spiegelung vor, und es ist sehr selten, daß bei dem Durchgange durch ein anderes Individuum nichts Eigentümliches verloren gehe und nichts Fremdartiges sich heimische. Die körperlichen Bildnisse Goethes von Rauch, Dawe, Stieler und David sind alle in hohem Grade wahr, und doch tragen sie alle mehr oder weniger das Gepräge der Individualität, die sie hervorbrachte. Und wie nun ein solches schon von körperlichen Dingen zu sagen ist, um wie viel mehr wird es von flüchtigen, untastbaren Dingen des Geistes gelten! Wie dem nun aber in meinem Falle auch sei, so werden alle diejenigen, denen aus geistiger Macht oder aus persönlichem Umgange mit Goethe ein Urteil dieses Gegenstandes zusteht, mein Streben nach möglichstes Treue hoffentlich nicht verkennen.

Nach diesen größtenteils die Auffassung des Gegenstandes betreffenden Andeutungen bleibt mir über des Werkes Inhalt selber noch folgendes zu sagen.

Dasjenige, was man das Wahre nennt, selbst in betreff eines einzigen Gegenstandes, ist keineswegs etwas Kleines, Enges, Beschränktes; vielmehr ist es, wenn auch etwas Einfaches, doch zugleich etwas Umfangreiches, das, gleich den mannigfaltigen Offenbarungen eines weit- und tiefgreifenden Naturgesetzes, nicht so leicht zu sagen ist. Es ist nicht abzutun durch Spruch, auch nicht durch Spruch und Spruch, auch nicht durch Spruch und Widerspruch, sondern man gelangt durch alles dieses zusammen erst zu Approximationen, geschweige zum Ziele selber.

So, um nur ein Beispiel anzuführen, tragen Goethes einzelne Äußerungen über Poesie oft den Schein der Einseitigkeit und oft sogar den Schein offenbarer Widersprüche. Bald legt er alles Gewicht auf den Stoff, welchen die Welt gibt, bald alles auf das Innere des Dichters; bald soll alles Heil im Gegenstande liegen, bald alles in der Behandlung; bald soll es von einer vollendeten Form kommen, bald, mit Vernachlässigung aller Form, alles vom Geiste.

Alle diese Aus- und Widersprüche aber sind sämtlich einzelne Seiten des Wahren und bezeichnen zusammen das Wesen und führen zur Annäherung der Wahrheit selber, und ich habe mich daher sowohl in diesen als ähnlichen Fällen wohl gehütet, dergleichen scheinbare Widersprüche, wie sie durch verschiedenartige Anlässe und den Verlauf ungleicher Jahre und Stunden hervorgerufen worden, bei dieser Herausgabe zu unterdrücken. Ich vertraue dabei auf die Einsicht und Übersicht des gebildeten Lesers, der sich durch etwas Einzelnes nicht irren lassen, sondern das Ganze im Auge halten und alles gehörig zurechtlegen und vereinigen werde.

Ebenso wird man vielleicht auf manches stoßen, was beim ersten Anblick den Schein des Unbedeutenden hat. Sollte man aber tiefer blickend bemerken, daß solche unbedeutende Anlässe oft Träger von etwas Bedeutendem sind, auch oft etwas Spätervorkommendes begründen, oder auch dazu beitragen irgendeinen kleinen Zug zur Charakterzeichnung hinzuzutun, so dürften sie, als eine Art von Notwendigkeit, wo nicht geheiliget, doch entschuldiget werden.

Und somit sage ich nun diesem lange gehegten Buche zu seinem Hinaustritt in die Welt das beste Lebewohl, und wünsche ihm das Glück, angenehm zu sein und mancherlei Gutes anzuregen und zu verbreiten.

Weimar, den 31. Oktober 1835.

Mittwoch, 15. August 2012

Wissen & Wahrheit an Mariä Himmelfahrt

 ... the fatal truth, the tree of knowledge is not that of life"
Lord Byron

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
Und grün des Lebens goldener Baum.
Goethe


Heute gedenken die katholischen Christen, denen die Marienverehrung immer noch Bestandteil ihres Glaubens ist, der Himmelfahrt Marias, der sogenannten Gottesmutter. Was hat die fatale Wahrheit, der Baum der Erkenntnis und das Theorieverständnis Fausts damit zu tun? Eigentlich nichts, andererseits doch etwas. Was? Selber rausfinden.

Freitag, 10. August 2012

Goethe und die dichterische Phantasie

Kapitel aus dem Buch von Wilhelm Dilthey: Das Erlebnis und die Dichtung. Lessing, Goethe, Novalis, Hölderlin.
Leipzig, 1906

Eine interessante Deutung der Dichterpersönlichkeit und seines Werks vom Lebensphilosophen und Begründer der Geisteswissenschaften.

Dilthey - Wikipedia

Goethe - Wikipedia

Freitag, 20. Januar 2012

Bettina von Arnim (153. Todestag)

Bettina von Arnim (geborene Elisabeth Catharina Ludovica Magdalena Brentano, auch Bettine;  4. April 1785 in Frankfurt am Main - 20. Januar 1859 in Berlin) war eine deutsche Schriftstellerin und bedeutende Vertreterin der deutschen Romantik.

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Dienstag, 13. Dezember 2011

Nietzsche zu Hölderlin

In unserer Ausgabe # 8, "fremd", bringen wir das Gedicht "Mnemosyne" von Hölderlin und einen Aufsatz dazu von Wolfgang Florey.

Hier als Nachsätze ein paar Überlegungen von Nietzsche zu Hölderlin (aus dem Nachlass):

29[106]

Hölderlin „du wirst durchaus finden, dass jetzt die menschlicheren Organisationen, Gemüther, welche die Natur zur Humanität am bestimmtesten gebildet zu haben scheint, dass diese jetzt überall die unglücklicheren sind, eben weil sie seltener sind als sonst in anderen Zeiten und Gegenden. Die Barbaren um uns her zerreissen unsre besten Kräfte, ehe sie zur Bildung kommen können, und nur die feste tiefe Einsicht dieses Schicksals kann uns retten, dass wir wenigstens nicht in Unwürdigkeit vergehen. Wir müssen das Treffliche aufsuchen, zusammenhalten mit ihm, so viel wir können, uns im Gefühle desselben stärken und heilen und so Kraft gewinnen; das Rohe, Schiefe, Ungestalte nicht nur im Schmerz, sondern als das, was es ist, was seinen Character, seinen eigenthümlichen Mangel ausmacht, zu erkennen.“
Nietzsche: NF 1873, 29(106)

 

29[107]

Hölderlin , „auch ich, mit allem guten Willen, tappe mit meinem Thun und Denken diesen einzigen Menschen (den Griechen) in der Welt nur nach und bin in dem, was ich treibe und sage, oft nur um so ungeschickter und ungereimter, weil ich wie die Gänse mit platten Füssen im modernen Wasser stehe und unmächtig zum griechischen Himmel emporflügle.“ 
Nietzsche: NF 1873, 29(107)

26[405]

Die Art Hölderlin und Leopardi: ich bin hart genug, um über deren Zugrundegehen zu lachen. Man hat eine falsche Vorstellung davon. Solche Ultra-Platoniker, denen immer die Naivetät abgeht, enden schlecht. Irgend Etwas muß derb und grob sein am Menschen: sonst geht er auf eine lächerliche Weise zu Grunde vor lauter Widersprüchen mit den einfachsten Thatsachen: z.B. mit der Thatsache, daß ein Mann von Zeit zu Zeit ein Weib nöthig hat, wie er von Zeit zu Zeit eine rechtschaffene Mahlzeit nöthig hat. Zuletzt haben die Jesuiten herausgebracht, daß Leopardi — — —
Nietzsche: NF 1884, 26(405)

 

15[87]

Man bemerke, daß die delikaten Naturen in ihren Abneigungen vergröbern, die starken in ihren Abneigungen verdünnen, verzärteln, verkränkeln — z.B. Goethe gegen Kleist, gegen Hölderlin
Nietzsche: NF 1888, 15(87)


 

Werbesager Markenbotschaft

Seit 2010 ist die "Markenbotschaft", so nennt man heutzutage einen Slogan einer Marke, "Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein", Merkmal von BIPA, einer zum REWE-Konzern gehörenden Drogeriekette.

Vermutlich wissen die glückseligen Käuferinnen und Käufer der Drogenprodukte nicht, welcher berühmte Satz dem unterliegt: "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!" ist im Faust 1, Vers. 940 zu lesen. Von Goethe. Keine Markenbotschaft.

Samstag, 3. Dezember 2011

Johann Peter Eckermann hat Geburtstag

Eckermann (* 21. September 1792 in Winsen (Luhe); † 3. Dezember 1854 in Weimar) war ein deutscher Dichter und enger Vertrauter Goethes. Er wäre uns ohne seine Sekretariatsarbeit für Goethe, seine Protokollierungen, heute wohl vergessen und unbekannt.

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Eckermann-Internetseite
















Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

1824

Dienstag, den 27. Januar 1824

Goethe sprach mit mir über die Fortsetzung seiner Lebensgeschichte, mit deren Ausarbeitung er sich gegenwärtig beschäftigt. Es kam zur Erwähnung, daß diese Epoche seines spätern Lebens nicht die Ausführlichkeit des Details haben könne wie die Jugendepoche von ›Wahrheit und Dichtung‹.

»Ich muß«, sagte Goethe, »diese späteren Jahre mehr als Annalen behandeln; es kann darin weniger mein Leben als meine Tätigkeit zur Erscheinung kommen. Überhaupt ist die bedeutendste Epoche eines Individuums die der Entwickelung, welche sich in meinem Fall mit den ausführlichen Bänden von ›Wahrheit und Dichtung‹ abschließt. Später beginnt der Konflikt mit der Welt, und dieser hat nur insofern Interesse, als etwas dabei herauskommt.

Und dann, das Leben eines deutschen Gelehrten, was ist es? Was in meinem Fall daran etwa Gutes sein möchte, ist nicht mitzuteilen, und das Mitteilbare ist nicht der Mühe wert. Und wo sind denn die Zuhörer, denen man mit einigem Behagen erzählen möchte?

Wenn ich auf mein früheres und mittleres Leben zurückblicke und nun in meinem Alter bedenke, wie wenige noch von denen übrig sind, die mit mir jung waren, so fällt mir immer der Sommeraufenthalt in einem Bade ein. Sowie man ankommt, schließt man Bekanntschaften und Freundschaften mit solchen, die schon eine Zeitlang dort waren und die in den nächsten Wochen wieder abgehen. Der Verlust ist schmerzlich. Nun hält man sich an die zweite Generation, mit der man eine gute Weile fortlebt und sich auf das innigste verbindet. Aber auch diese geht und läßt uns einsam mit der dritten, die nahe vor unserer Abreise ankommt und mit der man auch gar nichts zu tun hat.

Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen; auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, daß ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt. Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuem gehoben sein wollte. Meine Annalen werden es deutlich machen, was hiemit gesagt ist. Der Ansprüche an meine Tätigkeit, sowohl von außen als innen, waren zu viele.

Mein eigentliches Glück war mein poetisches Sinnen und Schaffen. Allein wie sehr war dieses durch meine äußere Stellung gestört, beschränkt und gehindert! Hätte ich mich mehr vom öffentlichen und geschäftlichen Wirken und Treiben zurückhalten und mehr in der Einsamkeit leben können, ich wäre glücklicher gewesen und würde als Dichter weit mehr gemacht haben. So aber sollte sich bald nach meinem ›Götz‹ und ›Werther‹ an mir das Wort eines Weisen bewähren, welcher sagte: wenn man der Welt etwas zuliebe getan habe, so wisse sie dafür zu sorgen, daß man es nicht zum zweiten Male tue.

Ein weitverbreiteter Name, eine hohe Stellung im Leben sind gute Dinge. Allein mit all meinem Namen und Stande habe ich es nicht weiter gebracht, als daß ich, um nicht zu verletzen, zu der Meinung anderer schweige. Dieses würde nun in der Tat ein sehr schlechter Spaß sein, wenn ich dabei nicht den Vorteil hätte, daß ich erfahre, wie die anderen denken, aber sie nicht, wie ich.«

Samstag, 19. November 2011

Wilhelm Dilthey hat Geburtstag

Wilhelm Dilthey
19.11.1833-1.10.1911

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Texte online:

Ueber die Einbildungskraft der Dichter (1877/1878)

Goethe und die dichterische Phantasie (1877 / 1905)





 

Dr. Zaidi's broad and interdisciplinary research interests include comparative social theory on Islam and modernity, cultural globalization, the philosophy of the human sciences, and, on the empirical side, identity, migration and racism. His comparative analysis of the metaphysical assumptions in the work of Ibn Khaldun, Wilhelm Dilthey and Max Weber indicates that the the demise of metaphysics in the human and the social sciences has been greatly exaggerated.

Dienstag, 1. November 2011

Gesamtausgabe der Briefe an Goethe: Klassik Stiftung Weimar präsentiert neuen Band

Die Gesamtausgabe der Briefe an Goethe in Regestform erschließt mehr als 19.800 Briefe von etwa 3.350 Absendern. Die bisher erschienenen sieben Bände umfassen den Zeitraum 1764 bis 1817 und präsentieren annähernd 11.500 Briefregesten. Sie werden durch Personen- und Werkregister ergänzt.
Der neu erscheinende 8. Band dokumentiert Goethes persönliche Korrespondenz in den Jahren 1818 und 1819. Er enthält die Regesten von mehr als 1.100 Briefen von 340 Absendern.

Am Donnerstag, 03. November 2011, stellt das Goethe- und Schiller-Archiv der Klassik Stiftung Weimar einen neuen Band der Gesamtausgabe der Briefe an Goethe vor.

Den thematischen Schwerpunkt des 8. Bandes bilden Goethes dichterisches und wissenschaftliches Schaffen. Zu nennen sind insbesondere der »West-östliche Divan«, die Fortsetzung seiner Zeitschrift »Über Kunst und Altertum«, die Hefte »Zur Naturwissenschaft überhaupt« und »Zur Morphologie« sowie der anlässlich des Besuchs der russischen Kaiserinmutter Maria Fjodorowna im Dezember 1818 gedichtete Maskenzug. Im bearbeiteten Bandzeitraum 1818/1819 feiert Goethe seinen 70. Geburtstag.
Sein erster Enkel Walter wird geboren, sein langjährige Kollege, Vertrauter und Briefpartner Christian Gottlob von Voigt stirbt, der Schriftsteller August von Kotzebue wird vom Jenaer Studenten Karl Sand ermordet. Alle diese Ereignisse nehmen in den Briefen einen breiten Raum ein.

Die Regestausgabe der Briefe an Goethe zählt neben der historisch- kritischen Ausgabe der Briefe und Tagebücher Goethes, der Herder- Briefausgabe und der »Weimarer Arnim-Ausgabe« zu den laufenden Editionsunternehmen des Goethe- und Schiller-Archivs. In der Regestausgabe sind bislang die Bände 1 bis 8 (1764–1819) erschienen sowie ein Ergänzungsband zu den Bänden 1 bis 5.

Briefe an Goethe
Gesamtausgabe in Regestform
Band 8/1: 1818–1819: Regesten
Band 8/2: 1818–1819: Register
Herausgegeben von der Klassik Stiftung Weimar / Goethe- und Schiller- Archiv Bearbeitet von Manfred Koltes, Ulrike Bischof und Sabine Schäfer Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar
799 Seiten, 12 Abbildungen, 2 Teilbände im Schuber, 129,95 €