Posts mit dem Label Sprache werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sprache werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 16. September 2018

Metaphorische Sprache


Metaphorische Sprache

Haimo L. Handl


Würden wir Aussagen in unserer Alltagssprache „wörtlich“ nehmen, wir türmten Barrieren auf oder Abgrundlöcher, in die wir verwirrt hineinfielen, weil wörtlich genommen Vieles keinen Sinn macht, der kritischen Prüfung nicht standhält. Die Toleranz der Sprache in alltäglichen Sprechakten ermöglicht diese unnötigen Kollisionen, die Missverständnisse zu vermeiden; es geschieht ähnlich der Trägheit unseres Sehnervs, der zusammenhängende „Bewegung“ sieht, sogar über ein Medium, und nicht nur Einzelbilder. Einige Neosophisten wollen die Pseudorationalität hochtreiben, fast wie im pervertierten Sport und seiner Rekordsucht, und pochen auf Rationalität, Wissenschaftlichkeit und was sonst noch alles, nur, um den Unschärfenbereich zu vermeiden, ihn kleinzureden oder verächtlich abzutun. Sogar Poeten wollen rational denkend Poeme kreieren, bar jeder Metaphorik, nackt und nützlich wie die Verlautbarungssprache in der verwalteten und verwaltenden Welt.

In einem Artikel von Anfang September äußerte sich der Schweizer Autor Felix Philipp Ingold über Konkrete Poetik unter anderem folgendermaßen: „Zur Poetik der Konkreten gehörte vorab die Aufbietung von Klarheit, Einfachheit, Ordentlichkeit − insgesamt von Rationalität − im Gegenzug zu gängigen lyrischen Qualitäten wie Gefühligkeit, Stimmung oder Pathos. Der emotionalen Reduktion entsprach auf der Formebene der Verzicht auf hergebrachten Vers- und Strophenbau, auf Metaphernbildung, auf dekorativen und erklärenden Spracheinsatz.“. Also typisch deutsche Spießertugenden der Ordentlichkeit, der Einfachheit, der Klarheit, der Rationalität. Man darf sich fragen, warum denn die Konkreten vergessen sind, weshalb sich einige Klassiker trotz ihrer metaphernreichen Sprache halten.

Vielleicht hängt vielen die euphemistische Nazisprache nach, die eigene Metaphern nutzte, um den „wahren Sachverhalt“ zu kaschieren. Das war zwar auch anderorts üblich, aber der Unterschied lag in der Sanktionsgewalt: wer den nazi-korrekten Sprechakt nicht leistete, lief Gefahr, verfolgt und bestraft zu werden. Auch das hatte sich nicht auf Hitlerdeutschland  beschränkt. Aber offensichtlich wurden ähnliche Sprachpolitiken in der USSR und DDR akzeptiert oder bagatellisierend wegerklärt. Und die frappante Ähnlichkeit der vor allem in den USA zur Hochblüte gekommenen Werbesprache, die auch andere Sprachen infiziert und schwächt, wird heute als moderne Höchstentwicklung gesehen und nicht als Gefahr.

Es bietet sich also ein widersprüchliches Bild. Einerseits eine Literatur wie von Versicherungsagenten oder Buchhaltern verfasst, andererseits eine schwammige, unverbindliche Sprache, die jede Deutung erlaubt und sich nicht mehr festmachen lässt, nicht einmal im metaphorischen Sinn. Je stärker die Sucht nach Eindeutigkeit, desto rigider das Dokumentarische, vermeintlich Authentische, Beobachtbare, Belegte. Imagination und Fiktion sind verdächtig. Alles muss intersubjektiv nachprüfbar sein, belegbar sein.

Weshalb sprechen wir aber im Alltag so unklar, so bildreich? Weil wir keine Maschinen sind. Weil Rationalität nur einen Teilaspekt bildet. Aus manchen Vereinfachungen oder falschen Bildern spricht oft eine eigentümliche Annahme, ein Glauben, wenn nicht eine Überzeugung, aufgrund einer Wertstruktur, die, wird sie hinterfragt, erstaunen mag.

Oft höre ich Leute sagen, etwas sei unvergleichbar. Sie meinen das als höchstes Lob, als einzigartiger Qualitätsausweis. Aber es kann nicht stimmen. Nicht, weil ich dem Ding, der Sache, der Person oder dem Ereignis irgendetwas absprechen möchte. Aber alles, was ich finde, was ich bewerte usw. ist sinnvoll nur rezipierbar, weil ich es vergleiche. Etwas als das Ding an sich nehmen zu wollen, als Absolutes, nicht Zusammenhängendes, wäre nicht als solches wahrnehm- und kommunizierbar. Wir bedürfen des Vergleichs zur Wertung, zur Feststellung der Qualität. Nichts ist für sich alleine, alles hängt zusammen. Die Bedeutung von Zeichen liegt in den Verbindungen, den Relationen, ist nie kontextunabhängig  im Zeichen fixiert.

Vom amerikanischen Architektur- und Kunstkritiker Martin Filler (* 1948) las ich kürzlich in der New York Review of Books einen begeisterten Aufsatz über die weltberühmte bzw. berühmteste Wagner-Sängerin „So vivid are my memories of the incomparable Swedish soprano Birgit Nilsson“, dass er noch jetzt in Erinnerung an sie bebt. Filler, ein hochgescheiter Mann, weiß, wovon er spricht und schreibt. Wir meinen es auch zu wissen, und nehmen die Exklamation nicht wörtlich. Klar, dass er und alle anderen nur durch lange Beobachtung und Bewertung zum Urteil der Einzigartigkeit gelangte, die er dann, als Ausdruck des Höchsten, als unvergleichlich oder unvergleichbar hinstellte.

Es scheint, als ob das realistische Vergleichen, das allem Bewerten innewohnt, oft als Minderung gesehen wird, als profaner Versuch einer Gleichstellung, was aber nicht der Fall ist. Zu Vergleichen heißt nicht gleichzustellen oder gar gleichzuschalten. Da scheint ein Missverständnis vorzuliegen, das man aus vielen Urteilskommentaren heraushören kann: das kann man, das darf man nicht vergleichen oder die hohe Forderung, man solle nicht Äpfeln mit Birnen vergleichen, sondern nur Gleiches mit Gleichem, also Apfel mit Äpfeln. Das ist natürlich Humbug. Die falsche Forderung beruht auf der Annahme von Eindeutigkeit und sofortiger Erkennbarkeit von Sachverhalten, die kein Vergleichen erlaube, weil eh alles klar ist: dies ist das und dieses jenes. Aber so simpel ist die Welt nun mal nicht. Denn wenn dieses und jenes gleich wäre, muss es verglichen worden sein, damit die Gleichheit erkannt und bewertet werden konnte. Das gleiche gilt für Unterschiedenes. Dass etwas anders ist als dieses ist nur durch den Vergleich erkennbar. Es ist ihm nicht eingezeichnet. Der Wunsch nach Inkomparabilität ist einer nach dem Absoluten. Quasi ein religiöser Rest frommen Denkens. Das Absolute ist unabhängig von allem anderen.  Es ist, was es ist, unvergleichbar und offensichtlich. Das wäre das vielbesprochene Ding an sich. Aber dieses Konstrukt wurde schon lange als solches erkannt, kritisiert und zurückgewiesen.

Vergleiche werden meist als negative Relativierung hingestellt. Es gibt Völker, die  finden sich so einzigartig und auserwählt, dass sie nicht verglichen werden wollen. Damit verlangen sie über jeder Kritik zu stehen, weil Kritik nur durch Vergleichen möglich ist, und eben dieses Vergleichen eine Herabsetzung der Einmaligkeit, der Unvergleichbarkeit bedeutete. In Zeiten der Faschistisierung und der identitären Bewegungen wird der oft unschuldig anmutende Anspruch auf Inkomparabilität, auf extreme Eigenheit, auf Superiorität (und darauf fußender Suprematie)  zum Ausweis eines neuen Ariertums, das frech sich hochhebt und alle anderen runter drückt, unterdrückt. Das alte Lied.

Kultürlich ist der übliche Alltagsgebrauch solcher Vereinfachungen von den ideologischen Anmaßungen (z.B. von Islamisten und Israelis) zu unterscheiden. Wenn wer Freddie Mercury als unvergleichbar hinstellt, andere Jimmy Hendrix oder Mireille Mathieu, so wird der Meinungsunterschied zu keinen wirklichen Konflikten führen. Und wenn in der Philosophie jemand heute argumentiert wie zu Kants und Schopenhauers Zeiten, wird das akademisch bleiben. Wenn aber Identitäre, Nationalisten, Chauvinisten, Rassisten, Religionseiferer ihre Lehren als unvergleichbar hinstellen, weisen sie jede kritische Bewertung zurück und verlangen bedingungslose Unterwerfung. Das ist zurückzuweisen.

Samstag, 5. August 2017

Sprache = Sein



"Heidegger steht, scheint mir, der ursprünglichen arabischen Auffassung der Sprache sehr nahe. Denn nach dieser Auffassung dient die Sprache nicht allein als Mittel zum Ausdruck des Seins, sondern in gewisser Hinsicht ist sie eben dieses Sein selbst.
Ferner trenne ich nicht zwischen Dichtung und Denken, im Unterschied zu dem Großteil der arabischen Leser und Kritiker - heute ebenso wie in der Vergangenheit. Vielmehr muß das Denken mit der Dichtung in der dichterischen Vorstellungskraft so verschmolzen werden, als würde der Gedanke aus der Sprache und Dichtung aufsteigen wie der Duft aus der Rose."

Die Wahrheit kommt immer aus der Zukunft.

Adonis im Gespräch mit Stefan Weidner. In: NEUE RUNDSCHAU 109(1998)3:97-106 (S 101)

Donnerstag, 3. August 2017

Sprache zerlegt und verdeckt Hinschauen

Jede Sprache ermöglicht uns, nicht hinschauen zu müssen.
Paul Valèry, Hefte 1:554

 
Die Allgemeinsprache deckt sich nicht mit der Sprache unserer wirklichen Denkmittel. Sie zerlegt weder genau das Denken, noch fügt sie es getreu wieder zusammen.
Paul Valèry, Hefte 1:531

Montag, 21. September 2015

Sprache hat eine Seele?

Jede Seele hat ihre Sprache. Auch jede Sprache?
Was Weltgleichmacher nicht verstehen
Haben Sprachen eine Seele?

Dass die Seele eine Sprache hat, darüber sind sich die Seelenärzte einig. Aber was ist die Seele? Vielleicht das Rätsel einer Wirklichkeit, die uns am Leben hält.
Iso Camartin, NZZ, 19.9.2015

(Foto Handl)

Bin ich ein Weltgleichmacher, weil ich verneine, dass eine Sprache eine Seele eignen könne? Bin ich geistig berschränkt oder materialistisch borniert, dass mir der metaphorische Sprachgebrauch hier zu kurz greift, ins vermeintlich Verbindliche des Religiösen abdriftet? Wenn irgendetwas Nichtorganisches, ein Symbolsystem wie die Sprache z. B., die Schachspielregeln als Spielgrammatik, ebenfalls ein Symbolsystem, keine Seele hat, keine EIGENE Sprache, stellt dies keine Abwertung dar. Denn eine gewisse Sprache schreiben wir als Menschen dem Schach und seinen Regeln zu, der Sprache und ihrer Komplexität usw. usf. Aber kein solches System, wie ausgefeilt auch immer, wird selbstagierend aktiv, spricht. Wir bringen oder vermeinen Dinge und Ereignisse zum Sprechen zu bringen. Keine Historie spricht, keine Natur, kein Kosmos. Wir legen Sinn in alles, wir holen heraus und betten ein in Sinngefüge für UNSERE Orientierung, unser Wohlbefinden, unsere Sicherheit.

Auch wenn Experten (Camartin zitiert den bekannten Schweizer Psychiater Daniel Hell) von einer Sprache der Seele schreiben, gibt es sie konkret nicht. Nur indirekt als Zu- und Abschreibung.

Iso Camartin ist Autor, Übersetzer, Moderator und ehemaliger Literaturprofessor. Er kehrt die Frage um: "Haben auch Sprachen eine Seele?" Er führt dazu aus:

"Dass die Seele eine Sprache hat, die es zu verstehen gilt, sagen uns Psychiater, Psychotherapeuten und Anhänger einer psychosomatischen Medizin.". Nun, auch Hohepriester, Yogis, Gurus und Gesundbeter versichern, dass Seelen sprechen und wandern. Und weiter?
"Man kennt einigermassen den materiellen Körper einer Sprache, bestehend aus Wörtern, aus Regeln ihres Gebrauches, aus Redewendungen, die den Sprechern eigen sind und ihnen besonders passend und originell vorkommen. Dieser Sprachkörper, zu dem jeder Native Speaker einen natürlichen Zugang hat, besteht zusätzlich aus Akzenten und Klangfarben, die einem vertraut sind, die man aber nie ganz zu fassen bekommt. Natürlich gehört zu einem Sprachkorpus auch das Schrifttum, etwa die Gedichte und Erzählungen, die man liest und liebt und niemals missen möchte"
Zuerst fällt auf, dass der erfahrene, ausgewiesene Experte von einem NATÜRLICHEN Zugang des "Native Speaklers" (auch in der Schweiz das obligate Denglish!) zum Sprachkörper spricht. Das ist ein Irrtum, denn die Bezüge sind nicht natürlich, sondern kulturell. Nicht nach meiner Natur, sondern nach der Kultur, in die ich hineingeboren werde, in welcher ich aufwachse und mich soziualisiere, lerne ich die Sprache(n).

Er betont, dass zu diesem natürlichen Sprachkorpus "auch das Schrifttum, etwa die Gedichte und Erzählungen, die man liest und liebt und niemals missen möchte." gehöre. Heute zeichnet sich die Un- und Halbbildung doch gerade dadurch aus, dass viele wenig oder nichts lieben, schon gar nicht vermissen, was sie in der Schule lesen mussten. Ist dieser Mehrheit die Natürlichkeit ihrer Kultürlichkeit abzusprechen? Nein, es ist nur eine andere Kultur.

Es kommt jedoch noch stärker.
"Wenn Philosophen von der Seele reden, meinen sie meistens etwas Geistiges, schwer zu Umschreibendes, jedenfalls kein festzumachendes «Organ» im Innern des Menschen. Vielleicht eine Art von Lebensenergie und Gestaltungskraft, welche jede einzelne Person prägt und durchdringt."
Das klingt so, als ob andere Experten die Seele als etwas Festmachbares sehen. Vielleicht die modisch gewordenen Neurobiologen oder gewisse klinische Psychologen? Im Ernst, wer meint in der Seele nicht etwas Geistiges sehen zu sollen?

Doch dann nimmt er Rekurs auf die Philosophen und Philosophien und schreibt:
"Die Seele ist – in der Ansicht der Philosophen über die Jahrhunderte – das Gehauchte, der Lebensatem, das Bewegende, das Verstehende in uns, die Spinne, welche die Verletzungen ihres Netzes selbst zu heilen und auszubessern vermag. Sie ist das, was in uns träumt, aber auch die Gesinnung, die uns zu Taten anleitet, das Vermögen zu urteilen, das, was uns die Fähigkeit zur Orientierung verleiht. Seele ist, was in uns nicht sterben soll, was zum Körperlichen und Unbeseelten unseres Lebens Sorge trägt."
Dass die Seele das VERSTEHENDE in uns sei, ist bemerkenswert. Von welcher Art Verstehen redet Camartin? Von einem religiösen, mystischen, gläubigen? Die Seele als Geistwesen, ohne welches es kein Verstehen gibt? Also alle Unverständigen als Seelenkranke. Wie werden da die Vernunftbereiche von den anderen Verstehensbereichen unterschieden, getrennt, bewertet?  Weshalb Wissenschaften und Aufklärung, da doch die Seele alles innehat und bietet?

Hier werden einfach abendländische, christliche Erbschaften und Traditionen so gefasst, als ob sie als Generalerklärung taugten. Und wenn Seele Geistiges ist, werden sie keine Mauern halten. Der Brauch der "Seelenfenster" ist anrührig und nett, ist Ausdruck einer Frömmigkeit, die viel für sich hat. Aber mehr nicht. Wer nicht ans Weiterleben und die Unsterblichkeit glaubt, der braucht weder Seelenfenster noch die "Ansicht der Philosophen über die Jahrhunderte" davon. Immerhin hat der Psychologe Sigmund Freud NICHT von einer Unsterblichkeit gesprochen und in "Das Unbehagen in der Kultur" notiert:

"So sinkt mir der Mut, vor meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und ich beuge mich ihrem Vorwurf, daß ich ihnen keinen Trost zu bringen weiß, denn das verlangen sie im Grunde alle, die wildesten Revolutionäre nicht weniger leidenschaftlich als die bravsten Frommgläubigen."
Freud wollte den Trost des Glaubens, der Religion nicht offerieren. Er selbst bedürfte seiner nicht, und er wollte den allzuvielen, die danach dürsteten, nicht Falsches bieten. Ob jetzt Camartin zu den Revolutionären gehört oder braven Frommen, ist nebensächlich. Er und seinesgleichen bedürfen der  Seelensprache im Doppelsinn: sie wollen die Seele der Sprache und die Sprache der Seele.

Ein Prosaist von besonderem Format, Adalbert Stifter, leitet seinen Text "Brigitta" (Erstfassung 1844, Überarbeitung 1847) wie folgt ein (und berührt damit auch das Thema "Seelenkunde"):


Es gibt oft Dinge und Beziehungen in dem menschlichen Leben, die uns nicht sogleich klar sind, und deren Grund wir nicht in Schnelligkeit hervor zu ziehen vermögen. Sie wirken dann meistens mit einem gewissen schönen und sanften Reize des Geheimnißvollen auf unsere Seele. In dem Angesichte eines Häßlichen ist für uns oft eine innere Schönheit, die wir nicht auf der Stelle von seinem Werthe herzuleiten vermögen, während uns oft die Züge eines andern kalt und leer sind, von denen alle sagen, daß sie die größte Schönheit besitzen. Eben so fühlen wir uns manchmal zu einem hingezogen, den wir eigentlich gar nicht kennen, es gefallen uns seine Bewegungen, es gefällt uns seine Art, wir trauern, wenn er uns verlassen hat, und haben eine gewisse Sehnsucht, ja eine Liebe zu ihm, wenn wir oft noch in späteren Jahren seiner gedenken: während wir mit einem Andern, dessen Werth in vielen Thaten vor uns liegt, nicht ins Reine kommen können, wenn wir auch Jahre lang mit ihm umgegangen sind. Daß zuletzt sittliche Gründe vorhanden sind, die das Herz heraus fühlt, ist kein Zweifel, allein wir können sie nicht immer mit der Wage des Bewußtseins und der Rechnung hervor heben, und anschauen. Die Seelenkunde hat manches beleuchtet und erklärt, aber vieles ist ihr dunkel und in großer Entfernung geblieben. Wir glauben daher, daß es nicht zu viel ist, wenn wir sagen, es sei für uns noch ein heiterer unermeßlicher Abgrund, in dem Gott und die Geister wandeln. Die Seele in Augenblicken der Entzückung überfliegt ihn oft, die Dichtkunst in kindlicher Unbewußtheit lüftet ihn zuweilen; aber die Wissenschaft mit ihrem Hammer und Richtscheite steht häufig erst an dem Rande, und mag in vielen Fällen noch gar nicht einmal Hand angelegt haben.
 





Donnerstag, 3. September 2015

Ausgegraben Tumler & Weiss

Buchempfehlungen

Zwei alte Titel, aber immer noch interessant; beide Bücher (und einige andere der Autoren) liegen in unserer Bibliothek auf!

Franz Tumler:
Volterra
Wie entsteht Prosa
Nachwort von Rudolf Hartung
Frankfurt/M., Suhrkamp 1962 (es 108)

Peter Weiss:
Rapporte
Frankfurt/M., Suhrkamp 1968 (es 276)


Franz Tumler (1912-1998), früh schon Nazi (NSDAP-Mitglied, publiziert in Nazi-Organen, hat während der Nazizeit hohe Auflagen in Hiterldeutschland), später dann, als der Zusammenbruch klar war, Abwendung. Nach dem Krieg beispielhafte Karriere im Kulturbetrieb, wo die frühere völkische Gesnnung keinen  Makel darstellte.

Heute wird ein Preis nach ihm benannt. Wenigstens leugnet man nicht sein zeitweiliges Nazitum, wie es noch zur in den Sechzigerjahren der Fall war. Im hier genannten Buch wird mit keinem Wort der braune Fleck erwähnt, konzentriert sich alles auf Literatur und Sprache.

In der neueren Zeit wurde "aufgearbeitet" und "bewältigt". In der Internetseite "Franz Tumler Literaturpreis" heißt es im Absatz "Würdigung":

"Franz Tumler war in der ersten Phase seines literarischen Schaffens ein Sympathisant der NS-Ideologie. Zu jener Zeit waren seine Werke stilistisch stark von Adalbert Stifter beeinflusst und hatten, wie auch später häufig, seine Südtiroler Heimat zum Schauplatz. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzte sich Tumler in einigen zeitgeschichtlichen Romanen mit dem Dritten Reich auseinander, was zu seiner allmählichen Rehabilitation bei der zeitgenössischen Kritik führte. Ende der 1950er Jahre nahm Tumlers Skepsis gegenüber der herkömmlichen, realistischen Literatur zu, er wandte sich von der Position des allwissenden Erzählers ab und ging über zu einer von der literarischen Moderne, vor allem vom Nouveau roman beeinflussten, Erzählweise. Nach einem Schlaganfall 1973 veröffentlichte Tumler nur noch sporadisch neue, vorwiegend lyrische Arbeiten und geriet daher bei der literarischen Öffentlichkeit weitgehend in Vergessenheit. Spätestens seit den 1990er Jahren hat jedoch eine Neuentdeckung eingesetzt, und heute gilt Tumler als bedeutender Autor sowohl der Südtiroler als auch der österreichischen Nachkriegsliteratur. Zu seinen Ehren wurde der Franz-Tumler-Literaturpreis benannt."
Ob einer Nazi oder Stalinist war, soll ihn nicht exkommunizieren. Wir hören Wagner, obwohl er antisemitische Schriften verfasste, einige denken die Philosophie Heideggers, obwohl er Antisemit und Nazi war, einige lesen Hamsun, andere sowjetische Autoren oder lassen sich von Elogen und Parteinahmen für Stalin von westlichen Autoren und Philosophen nicht beeindrucken (Bloch, Brecht & Co.). Warum also bei kleinen Nazis besonders pingelig sein? Weinheber hat sich umgebracht, Benn erhielt den Büchnerpreis und die Gruppe 47 lachte Celan aus.

Die Erzählung VOLTERRA ist lesenswert und die Betrachtung über Prosa hoch interessant. Sie lässt sich in Kontrast stellen zum Text "Laokoon oder Über die Grenzen der Sprache", den der marxistische Schriftseller Peter Weiss, der, als die Nazis an die Macht kamen, emigrierte, hier mit anderen gewichtigen Beiträgen offeriert (besonders lesenswert sein "Gespräch über Dante").

Peter Weiss (1916-1982) hat spät zu schreiben begonnen, aber rasch eine interessierte Leserschaft elektrisiert. Seine Dramen wurden im Westeen mehr als im Osten gespielt. Sein WErk ist sehr umfangreich, seine Stellung in der Literaturgeschichte fest verankert.

In einem Text zu einer Gedenksendung 2007 im Deutschlandradio ist zu lesen:

In Erinnerung geblieben ist vor allem Peter Weiss' Romantrilogie "Ästhetik des Widerstands". Dass der 1918 in Babelsberg bei Potsdam als Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten geborene Weiss zuerst als Maler und Grafiker debütierte, bevor er der viel beachtete politische Schriftsteller wurde, ist weniger bekannt.

Als Marxist wurde er im Westen skeptisch beäugt, und im Osten als Kritiker des Stalinismus und der real existierenden sozialistischen Verhältnisse. Peter Weiss hatte die 40 schon überschritten, als 1960 zum ersten Mal ein Buch von ihm in Deutschland erschien. Mit den autobiografischen Romanen "Abschied von den Eltern" und "Fluchtpunkt" und den großen politischen Dramen wie "Marat / Sade" gelang ihm der Durchbruch.

Erst in den vierziger Jahren begann er zu schreiben. Sein dritter Roman "Das Gespräch der drei Gehenden" (1963), die von einem Heimatlosen handelt, sorgte in der "Gruppe 47" für Diskussionsstoff. Keins seiner Werke ist allerdings so bekannt geworden wie die Romantrilogie "Ästhetik des Widerstands", deren drei Teile 1975, 1978, 1981 erschienen. Sie spiegelt Weiss' eigene Entwicklung, der in den 60er Jahren Marxist und auch Mitglied der schwedischen Kommunistischen Partei geworden war.

Eine interessante Gegenüberstellung: rechts & links, fast gleiche Generation, Tumler 1912, Weiss 1916 geboren. Höchst ungleiche Arbeiten von ungleichen Autoren.

Freitag, 27. Juni 2014

Fliegen bieten Einblicke in die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Sprache

Forscher haben einen zentralen Baustein für die evolutionäre Entwicklung der Sprache aufgespürt. Ein Team der Universität Regensburg hat gemeinsam mit Kollegen in Berlin, Jena und Columbia/Missouri (USA) eine Urform des Gens FOXP2 untersucht, dessen Mutationen bei Menschen zu schweren Sprachstörungen führen. Sie fanden heraus, dass die Urform (FoxP) bei Fruchtfliegen für das Erlernen bestimmter Bewegungen notwendig ist.
Aufgrund dieser Entdeckung lassen sich die Wurzeln der Sprache mehr als 500 Jahrmillionen zurückverfolgen; lange bevor das erste Wort überhaupt gesprochen wurde. Die Forschungsergebnisse sind in der Fachzeitschrift PLoS One" erschienen (DOI: 10.1371/journal.pone.0100648).

Sprachgebrauch setzt zunächst die richtige Artikulation von unterschiedlichen Lauten voraus", so Prof. Dr. Björn Brembs vom Institut für Zoologie der Universität Regensburg, der das internationale Forscherteam koordinierte. Um dies zu schaffen, müssen unsere Muskeln in Lippe, Zunge und Kehlkopf perfekt zusammenarbeiten. Als Kleinkinder erlernen wir diese Fähigkeiten über das Brabbeln", ergänzt Prof. Dr.
Constance Scharff von der Freien Universität Berlin, die die Bedeutung von FoxP bereits für die Entwicklung der Singfähigkeiten von Vögeln nachgewiesen hat.

Die Wissenschaftler untersuchten Fruchtfliegen im Rahmen eines speziellen Lernexperiments, das sich an Prozessen des Spracherwerbs bei Wirbeltieren orientierte. Ähnlich wie Kleinkinder und Singvögel mussten die Fruchtfliegen unterschiedliche Bewegungen mit ihren Flügelmuskeln ausprobieren, um zu lernen, wohin sie fliegen sollten und wohin nicht. Mit einem Wärmestrahl trainierten die Wissenschaftler die Fliegen, eine Bewegung in eine bestimmte Richtung zu vermeiden und entsprechend andere Lenkmanöver durchzuführen. Fruchtfliegen mit einem durch die Forscher manipulierten FoxP-Gen versagten bei diesem Experiment, im Gegensatz zu den unveränderten Kontroll-Exemplaren.
Allerdings hatten die mutierten Fliegen keine Probleme damit, eine bestimmte Flugrichtung zu vermeiden, sofern diese von den Wissenschaftlern an die Darstellung einer bestimmten Farbe gekoppelt wurde. Dieser Befund ist auch beim Menschen bei Patienten mit Mutationen des FOXP2-Gens nachzuweisen. Ebenfalls deckungsgleich mit der Funktion der FoxP- Varianten bei Menschen und Vögeln ist die Beobachtung, dass sich die Struktur von Regionen des Gehirns von Fruchtfliegen im Falle einer FoxP- Mutation verändert. Dies deutet darauf hin, dass FoxP auch andere Gene im Rahmen der Gehirnentwicklung reguliert", sagt Dr. Jürgen Rybak vom Max- Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena, der die morphologischen Untersuchungen der Fliegen-Gehirne vorgenommen hat.

Die Ergebnisse des Forscherteams legen die Vermutung nahe, dass Prozesse des motorischen Lernens und Formen des Spracherwerbs gemeinsame Wurzeln haben, die noch heute bei wirbellosen Tieren zu finden sind.
Möglicherweise liegt der Ursprung noch vor der Trennung in Wirbeltiere und wirbellose Tiere vor über 500 Jahrmillionen bei einem Vorfahren, der die Fähigkeit zum Lernen über Versuch und Irrtum entwickelt hatte.

Vermutlich wurde die Fähigkeit zum Lernen über Versuch und Irrtum zu einem Zeitpunkt nutzbar gemacht, als sich die Stimmbildung bei Wirbeltieren im Allgemeinen und der Sprachgebrauch beim Menschen im Besonderen entwickelte", erklärt Prof. Brembs.

Für Prof. Dr. Troy Zars von der University of Missouri in Columbia, der2007 erstmals das FoxP-Gen im Genom von Fliegen entdeckte, ergeben sich vor diesem Hintergrund bemerkenswerte Schlüsse. Die Untersuchung der FoxP-Variante bei Fruchtfliegen liefert uns einen Startpunkt für ein tieferes Verständnis der Gene, die beim Lernen durch Versuch und Irrtum sowie bei der artspezifischen Kommunikation eine Rolle spielen. Unsere Ergebnisse könnten zudem dabei helfen, die genetischen Grundlagen bestimmter Erkrankungen beim Menschen zum Beispiel von Schizophrenie zu klären", so Prof. Zars.


Titel des Original-Artikels:
Ezequiel Mendoza, Julien Colomb, Jürgen Rybak, Hans-Joachim Pflüger, Troy Zars, Constance Scharff, Björn Brembs: Drosophila FoxP Mutants Are Deficient in Operant Self-Learning, in PLoS ONE" (DOI

Weiterführende Informationen unter:
http://brembs.net/foxp