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Samstag, 1. September 2018

Herbstbeginn

Zwei Sätze:

Die vollkommene Erkenntnis tötet das Handeln: ja wenn sie sich auf das Erkennen selbst bezieht, so tötet sie sich selbst.
Nietzsche

Das faktische Dasein ist, was immer es ist, immer nur als das voll eigene, nicht das Überhauptsein irgendwelcher allgemeiner Menschheit.
Heidegger

Mittwoch, 20. Juni 2018

Stanley Cavell dead

The US-American philosopher Stanley Cavell died on June 19 of this year.

Stanley Louis Cavell (September 1, 1926 – June 19, 2018) was an American philosopher. He was the Walter M. Cabot Professor of Aesthetics and the General Theory of Value, Emeritus, at Harvard University. He worked in the fields of ethics, aesthetics, and ordinary language philosophy. As an interpreter, he produced influential works on Wittgenstein, Austin, Emerson, Thoreau, and Heidegger. His work is characterized by its conversational tone and frequent literary references.

Wikipedia
Photograph from Wikipedia

From the New York Review of Books:

Christopher Benfey, June 20, 2018

From the London Review of Books (Blog):

The Editors, 20 June 2018

Nachtrag:

Das Denken beginnt immer wieder von Neuem – der amerikanische Philosoph Stanley Cavell ist gestorben
Er war Sprachphilosoph, Filmliebhaber und Literaturtheoretiker. Der amerikanische Philosoph widmete sein Leben der Frage, was wir wissen können und was nicht. Und was es bedeutet, wenn wir uns etwas mitteilen. Am Dienstag ist er 91-jährig gestorben.
NZZ, Maria-Sibylla Lotter, 21.6.2018





During my University years in the US I learnt the work of Stanley Cavell due to my interest in aesthetics, film theory and semiotics (which included linguistics and Wittgenstein, Chomsky and George Steiner). With some faculty members I could engage in discussions about Cavell's theories. This experience left a deep impression and a high appreciation for this untypical teacher and theorist.
HLH


Samstag, 26. Mai 2018

45. Todestag von Karl Löwith

Karl Löwith (* 9. Januar 1897 in München; † 26. Mai 1973 in Heidelberg, Pseudonym: Hugo Fiala) war ein deutscher Philosoph. Obwohl protestantisch getauft, wurde er von den Nationalsozialisten als Jude verfolgt und musste 1934 aus Deutschland emigrieren. Löwiths Forschungsschwerpunkte waren Geschichtsphilosophie und das Denken Georg Wilhelm Friedrich Hegels, Friedrich Nietzsches und Martin Heideggers. Seine Werke Von Hegel zu Nietzsche und Weltgeschichte und Heilsgeschehen gelten als Klassiker der philosophischen Literatur der Gegenwart.
Wikipedia


In der Bibliothek Gleichgewicht haben wir das Gesamtwerk Löwiths aufliegend.



 

Freitag, 11. Mai 2018

At The Existentialisit Café und die Verallgemeinerung

2016 erschien von Sarah Bakewell ihr gepriesenes Buch "At the Existentialist Café", das in der amerikanischen und britischen Presse begeistert rezensiert wurde. Diese Besprechungen weckten mein Interesse und ich orderte die Originalausgabe. Meine Erwartungen waren hoch, lobten doch die Autorinnen (z.B. Janet Maslin, NYT) oder Edward Mendelson (NYT) oder in der NZZ Oliver Pfohlmann das Buch über alle Maßen.

Meine Enttäuschung wäre ohne Kenntnis der Rezensionen wahrscheinlich geringer gewesen, meine Nachsicht mit dem Pauschalbild sicher positiver. So aber sprangen mir die bedingten Limitationen einer Teil-Gesamtgeschichte einer Epoche und Bewegung ins Auge und in den Sinn und minderten meine Begeisterung. Ich vermochte auch nichts von dem belobigten philosophischen Verständnis entdecken, jedenfalls nicht in der hohen Qualität, die hervorgehoben worden war.

Eine Textstelle über Heidegger soll mein Unbehagen verdeutlichen:


Auszug S. 176-177 als Hinweis, wie pauschal und nichtssagend Aussagen werden, wenn sie in einem überlangen Werk so viele Aspekte zusammengerafft umfassen und erklären sollen. Aber die Summierung von Trivia, vielen Allgemeinheiten, die ohne Tiefgang aneinandergereiht werden, können doch die Phänomene weder repräsentieren noch erklären. Wozu also? Als allgemeiner Überblick? Was heißt hier „allgemein“? Worin soll der Wert dieses Allgemeinbildes liegen?

„He [Heidegger] kept with him only a few manuscripts, including his recent on Friedrich Hölderlin, whom Heidegger read obsessively. The great local poet of the Danube region, born in 1770 in Lauffen and suffering from bouts of insanity all his life, Hölderlin had set much of his visionary poetry in the local landscape, while also evoking an idealized image of ancient Greece – the very combination that had always fascinated Heidegger. The only other poet who would ever be so important to him was the even more disturbed Georg Trakl, an Austrian schizophrenic and drug addict who died aged twenty-seven in 1914. Trakl’s eerie poems are filled with hunters, young women and strange blue beasts stepping through silent forests by moonlight. Heidegger immersed himself in both poets, and generally explored the question of how poetic language can summon forth Being, and open a space for it in the world.”

Höchst fragwürdig oder falsch:

local poet of the Danube region
Transportiert das Bild des Provinzlers.

suffering from bouts of insanity all his life
Nicht belegt, dass er sein ganzes Leben daran litt. Klischee.

local landscape, while also evoking an idealized image of ancient Greece
Wiederholung des lokalen Images, als ob das sein Hauptaugenmerk neben der Griechen-Orientierung gewesen sei. Diotima und Hyperion als „land scape“? Und die  epochalen Übersetzungen? „land scape“?
Hölderlins Sprachmeisterschaft, die Heidegger faszinierte, und nicht primär die sprachliche Landschaftsmalerei, wird damit übergangen. Der Gehalt und Hintergrund des Fokus auf Griechenland, seine Werte, wird nicht bedacht, sondern in der kurzen Erwähnung gekappt.

the very combination that had always fascinated Heidegger
Nein, Heideggers Faszination war nicht sei je (was soll übrigens so eine dumme Behauptung?) dieselbe wie von Hölderlin, er unterscheidet sich von Hölderlin. Was ihn faszinierte, war das Sein des Seins und die Sprache, die spricht. Hölderlin war ein herausragender Vertreter, ein Hoherpriester davon.

the even more disturbed Georg Trakl
Woran bemisst die Autorin die Grade der Schizophrenie oder Geisteskrankheit? Auf welche Belege stützt sie ihre Behauptung (Hölderlin gestört, Trakl noch mehr oder extrem gestört [krank, wirr, wahnsinnig]?
 
Trakl, an Austrian schizophrenic
So einfach machten es sich nicht einmal Feinde des Poeten!

Trakl’s eerie poems are filled with hunters, young women and srrange blue beasts stepping through silent forests by moonlight.
So beschreibt ein High School kid, ungebildet und beschränkt, etwas durch banale Aufzählung, was verstehend nicht erfasst worden ist. Peinlich. Trakls Gedichte sind vielleicht auch „eerie“, aber es bei dieser Etikettierung zu belassen heißt, falsch attributieren und klischiert kategorisieren. 


Wie soll ich da noch Vertrauen aufbringen und weiterlesen? Liefert Bakewell überall ihre Oberflächenmalerei vom schielenden Sartre, der rührigen Feministin de Beauvoir, des zum Feind gewordenen Camus', des Magiers von Meßkirch, des armen Husserls, des gescheiten Merleau-Ponty oder des religiösen Jaspers? Soll es beim Bild von Cocktails schlürfenden  "Revolutionären" bleiben, die im Café von Freiheit und Sein quatschen, während die Gesellschaft in Brüche geht, zum X. Male?

Nein, kultürlich nicht, denn "Nothingness has a certain something" (Maslin) und die Autorin "asks demanding questions about the ways in which people think about themselves" (Mendelson). Vielleicht ist das Niveau in den USA schon so gesunken, dass die biografischen Narrationen schon genug sind fürs Verständnis?

Samstag, 5. August 2017

Sprache = Sein



"Heidegger steht, scheint mir, der ursprünglichen arabischen Auffassung der Sprache sehr nahe. Denn nach dieser Auffassung dient die Sprache nicht allein als Mittel zum Ausdruck des Seins, sondern in gewisser Hinsicht ist sie eben dieses Sein selbst.
Ferner trenne ich nicht zwischen Dichtung und Denken, im Unterschied zu dem Großteil der arabischen Leser und Kritiker - heute ebenso wie in der Vergangenheit. Vielmehr muß das Denken mit der Dichtung in der dichterischen Vorstellungskraft so verschmolzen werden, als würde der Gedanke aus der Sprache und Dichtung aufsteigen wie der Duft aus der Rose."

Die Wahrheit kommt immer aus der Zukunft.

Adonis im Gespräch mit Stefan Weidner. In: NEUE RUNDSCHAU 109(1998)3:97-106 (S 101)

Donnerstag, 3. August 2017

Trakl still fascinates, at least in the US


The Mysterious Music of Georg Trakl

Stanley Cavell liked to talk about the two myths of reading subscribed to by Western philosophers. “According to one myth the philosopher must have read virtually everything, at least the whole of Western philosophy, broadly conceived,” he wrote in his memoir, Little Did I Know (2010). The other myth specified that philosophers, pure thinkers that they are, should read virtually nothing. “Heidegger is an obvious exemplar of the former myth,” Cavell observed, “Wittgenstein of the latter.”
And yet, both philosophers, the voracious reader and the seemingly reluctant one, found themselves, at pivotal moments in their careers, turning to the arresting work of the early twentieth-century Austrian poet Georg Trakl (1887–1914). Not surprisingly, Wittgenstein and Heidegger responded to Trakl’s striking and still mysterious poems in sharply divergent—one might almost say opposite—ways. James Reidel’s recently completed three-volume translation of Trakl’s major work, timed to coincide with the centennial of the poet’s suicide, allows readers to speculate on what Heidegger and Wittgenstein (along with many other poetry-lovers) may have found so alluring.

Read more at the NEW YORK REVIEW OF BOOKS

See and listen Video at Youtube: Georg Trakl, Der Herbst des Einsamen, read by Haimo L. Handl

Sonntag, 9. Juli 2017

Lese- und Denkabenteuer: Kraus & Co.



Haimo L. Handl

Lese- und Denkabenteuer (Kraus & Co)

Es ist Samstag, der 8. Juli 2017, und die Medien berichten vom G20-Gipfel in Hamburg, von den Widerständen der Protestierer, besonders den Gewaltakten, aber weniger von den Widerständen von Politikern, wie Donald Trump oder Xi Jinping oder Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdoğan und andere rechtsextreme, faschistoide oder offen faschistische „Führer“, neben den farblosen Angestelltentypen der Rechtsstaatlichkeitsvertreter, die allesamt partout ihren Nationalpolitiken, die der Vernunft und dem Allgemeininteresse entgegenstehen, frönen.

Ich erinnere mich der Worte von Karl Kraus (1874-1936) „In dieser großen Zeit, die ich gekannt habe, wie sie noch so klein war“, die ich seit meiner frühen Jugend immer wieder las (wie überhaupt sein faszinierendes Werk!), krame einige Deutungen und Kritiken seines Dramas „Die letzten Tage der Menschheit“ hervor, ärgere mich über Kurzblicker und Kurzdenker, greif zu Walter Benjamins (1892-1940) Aufsatz „Karl Kraus“ worin er in drei Abschnitten „ Allmensch“, „Dämon“ und „Unmensch“ auf die Persönlichkeit von Karl Kraus und wesentliche Züge seiner Arbeit einging und insbesondere die jüdischen Aspekte heraushob, um ihn schlussendlich zwar nicht als typisch selbsthassenden Jude abzuqualifizieren wie es Theodor Lessing getan hat, aber doch als bürgerlichen Unpolitischen, der als giftiger Misanthrop nur Feinde kannte und auf Vernichtung aus war.  

Benjamin kontrastiert Johann Peter Hebel (1760-1826) mit Karl Kraus: „Wenn man bei Johann Peter Hebel die konstruktive, schöpferische Seite des Takts in ihrer höchsten Entfaltung findet, so bei Kraus die destruktive und kritische.“ Dann bemerkt er „Kraus lebt in einer Welt, in der die ärgste Schandtat noch ein faux-pas ist“. Heute, 72 Jahre nach dem 2. Weltkrieg, lehren uns die Führer der führenden Staaten, dass zwar Geschichte sich nicht wiederholt, dass aber jede Schandtat überbietbar ist: Kriege in allen Kontinenten außer, gegenwärtig, in der Antarktis, Flüchtlingsproduktion und –elend wie nie zuvor, instrumentalisierte Hungernöte, Seuchen und Epidemien, darniederliegende oder gebremste Bildung, dürftige Gesundheitsversorgung für die Mehrheit der Weltbevölkerung und eine Medienlandschaft und Massenkommunikation, die weit das übersteigt, das Karl Kraus schon zu seiner Zeit erkannte und erbittert bekämpfte: Schund, Lug und Trug. Sprachverlust, Kurzdenken via Kurznachrichten (twittern), Hass und „shit storm“ im asozialen Netz, zuvorderst „facebook“, und ein Werteverlust sondergleichen, wie ihn weder George Orwell (1903-1950) in seiner Dystopie „1984“ erahnen konnte, noch ein Theodor W. Adorno (1903-1969) in seiner linken Kulturkritik, der heute zur allumfassenden Täuschung führt, wie sie sich in den „alternative facts“ und „fake news“ so dramatisch manifestiert.

Benjamin illustriert die theologische Erbmasse, wie er sie an Karl Kraus festmacht, mit einem Beispiel des Prosaikers Adalbert Stifter (1805-1868), und zwar in einem Zitat aus der Vorrede zu dessen „Bunte Steine“ (1852), worin dieser seinen Standpunkt zum Wertsystem, dem Großen und Kleinen, darlegt. Stifters Sicht, vor 165 Jahren formuliert, ist besonders heutzutage lesenswert. Er erklärt seine Sicht des Kleinen, des Gewöhnlichen versus dem Großen oder Gewaltigen, der Ordnung und Allgemeinheit (Menschenrechte) versus der Unordnung oder des Unsittlichen und sagt:

Wie es mit dem Aufwärtssteigen des menschlichen Geschlechtes ist, so ist es auch mit seinem Abwärtssteigen. Untergehenden Völkern verschwindet zuerst das Maß. Sie gehen nach Einzelnem aus, sie werfen sich mit kurzem Blick auf das Beschränkte und Unbedeutende, sie setzen das Bedingte über das Allgemeine; dann suchen sie den Genuß und das Sinnliche, sie suchen Befriedigung ihres Hasses und Neides gegen den Nachbar, in ihrer Kunst wird das Einseitige geschildert, das nur von einem Standpunkte Gültige, dann das Zerfahrene, Umstimmende, Abenteuerliche, endlich das Sinnenreizende, und zuletzt die Unsitte und das Laster, in der Religion sinkt das Innere zur bloßen Gestalt oder zur üppigen Schwärmerei herab, der Unterschied zwischen Gut und Böse verliert sich, der einzelne verachtet das Ganze und geht seiner Lust und seinem Verderben nach, und so wird das Volk eine Beute seiner inneren Zerwirrung oder die eines äußeren, wilderen, aber kräftigeren Feindes.

Was er von den „untergehenden Völkern“ konstatiert, trifft auf unsere Gesellschaften in Nord und Süd, Ost und West, zu. Seine Sätze klingen wie eine Kommentierung der gegenwärtigen Zu- und Umstände einer wertlosen, das heißt wertelosen Gesellschaft, wie sie sich in den social media äußert. Vor allem sein Befinden, dass das Wissen um den Unterschied zwischen Gut und Böse sich verliere bzw. verloren habe, trifft das Charakteristische, das wir leidvoll heute erfahren. Die Schwärmerei, wie er es nannte, ist zu einem Wesensmerkmal der „Opfer“ geworden, die in unseren Opferkultgesellschaften jammern und die öffentliche Meinung bestimmen (empfehlenswert das Buch „Culture of Complaint. The Fraying of America“ (1993) von Robert Hughes (1938-2012). Es war nur logisch, dass Karl Kraus schon den Terminus der „öffentlichen Meinung“ als falsch und negativ geißelte, was auch Benjamin in seinem Artikel hervorhebt.

Kulturtheoretisch bzw. philosophisch sind Stifters Sätze bedeutsam in ihrem Festmachen, dass das Allgemeine nicht mehr gesehen und geschätzt werde, weil die Mehrheit sich im und am Einzelnen, dem Partikularen, verausgabe („sie setzen das Bedingte über das Allgemeine), was für ein umfassendes Wissen (Wissenschaft) abträglich ist. Und in der Tat, regiert eine Art von Pseudoreligiosität, die das Gefühl, „den Bauch“, vor die Vernunft, das Denken stellt, sodass die Diagnosen von Sigmund Freud (1856-1939), wie er sie klar, deutlich und nüchtern in seinen Schriften „Die Zukunft einer Illusion“ (1927) bzw. „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930) – man beachte die Titelformulierung: IN der Kultur und nicht AN der Kultur – geäußert hatte, in ihrer Tragweite heute anders als zum Zeitpunkt ihrer Publikationen erkannt und gewürdigt werden können.

Karl Kraus pflegte ein schon religiös zu nennendes Verhältnis mit der Sprache; darin verwandt Rainer Maria Rilke (1875-1926), der in seinem zu Recht berühmten Gedicht „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ das Spannungsverhältnis zwischen den Dingen in ihrem Sein und den Dingen in der Sprache, wie sie das Zeichensystem intelligibel und fungibel macht, ausgelotet wird. Benjamin konstatiert diesen Moment bei Kraus: „… cha -rakterisiert ihn [den Journalisten] als „einen Menschen, der für sich selbst und seine Existenz, wie für die bloße Existenz der Dinge, wenig Interesse hat, sondern die Dinge erst in ihren Beziehungen spürt, vor allem dort, wo diese in Ereignissen aufeinandertreffen – und der in diesem Moment erst zusammengeschlossen, wesenhaft und lebendig wird“. Was man mit diesem Satz in Händen hält, ist nichts anderes als das Negativ des Bildes von Kraus.“

Man könnte nun einwenden, dass, semiotisch belegbar, die Bedeutungen keine inhärente Qualität von Zeichen sind, sondern Resultate von Relationen, also Beziehungen. Aber das führte am Kern der Krausschen Kritik als auch der Position von Rilke vorbei. Denn er (und Rilke und andere) sah bzw. sahen Sprache nicht nur als Symbolsystem für Verständigung, sondern wertschätzten darüber hinaus eine zusätzliche Dimension, eine Eigenart oder Wesenheit, die über die Mittelfunktion hinausrecht, wie sie im deutschen Sprachraum besonders Friedrich Hölderlin (1770-1843) oder einer seiner prominenteren Deuter, Martin Heidegger (1889-1976) erkannten und schätzten. Ohne auf die Traditionen im indischen und chinesischen Denken hier einzugehen bzw. Überlegungen aus dem romanischen oder hispanischen Raum (Stéphane Mallarmé [1842-1898]oder Octavio Paz [1914-1998]) zu nennen, sei hier nur an zwei angelsächsische Autoren erinnert, die ähnliche Positionen vertraten, T. S. Eliot (1888-1965) oder George Steiner (*1929).

Wer den ganzen Aufsatz, den dreiteiligen Essay, von Benjamin liest, könnte leicht irritiert sein von dem strengen Verdikt und der Aburteilung, die dieser dämonische Unmensch Kraus, wie Benjamin ihn gekonnt und schillernd ins Bild setzt, erfährt. Bedenkt man dabei die Neurosen Benjamins, die in Interpretationen und das Werk Benjamins Eingang gefunden haben, die Positionierungen seines jüdischen, theologischen Denkens, mag man noch mehr staunen, weil der Autor in anderen Schriften keine solche sensible Aufmerksamkeit den dunklen Seiten jüdischen Denkens und Deutens widmet, wie es der Gegenstand verdiente.

Theodor W. Adorno, der Briefe von Benjamin herausgegeben hat, über den befreundeten Autor schrieb, hat sich auch kenntnisreich zu Karl Kraus geäußert, ohne den Strafton der Entrüstung und Verzerrung , wie ihn Benjamin pflegt. Weshalb ich Benjamin so drastisch skizziere, sei stellvertretend an einem kleinen Textbeispiel von ihm dargelegt, in welchem er Kraus als besonderen Arschkriecher darstellt, wobei seine Spezialität aber die sei, dass er nicht nur schmeichele, wie es für das Hineinkriechen typisch ist, sondern um von innen her zu vernichten. Benjamin:

Freilich gerade in diesem Zusammenhang tritt zutage, wie eng verbunden mit der Grausamkeit des Satirikers die zweideutige Demut des Interpreten ist, die sich im Vorleser bis zum Unfaßlichen steigert. In einen hineinkriechen — so bezeichnet man nicht umsonst die niederste Stufe der Schmeichelei, und eben das tut Kraus: nämlich um zu vernichten.“

Diese Feststellung, die Kraus treffend als Arschkriecher und Ratte oder Gewürm darstellt, ist geeignet, das alte Bild vom jüdischen Ungeziefer bzw. den krankheitserregenden Ratten zu evozieren. Einigen mag das Folterbild einfallen vom Käfig, der dem Delinquenten angebunden wird, von dem aus, wenn die Klappe hochgezogen wird, die hungrige Ratte sich ins und durchs Gesicht oder den After, das Gedärm frisst. Höchst einfühlsam, wie der jüdische Theologe und Literat Benjamin den selbsthassenden Juden, den abscheulichen Misanthropen, zeichnet. (In George Orwells „1984“ gibt es eine Folterszene in Room 101, wo mit hungriger Ratter vor dem Gesicht operiert wird; wer das oder Ähnliches gesehen hat, wird mit Benjamins Bild Schwierigkeiten haben.) Kraus der Arschkriecher, Kraus die Ratte, Kraus der Vernichter von innen heraus. Kaum ein anderer Kritiker, Hasser oder Höhner fand solche Bilder wie dieser Literaturkritiker und jüdische Chefdeuter sie liefert.

Der schon erwähnte bürgerliche und zugleich marxistische Theoretiker (und Musiker) Theodor W. Adorno liefert da ein differenzierteres Bild, vor allem eines, das versucht zu verstehen und nicht abzuurteilen. Neben dem Aufsatz „Sittlichkeit und Kriminalität“ (in Noten zur Literatur III) finden sich an sehr vielen Stellen seines Werks Verweise auf Karl Kraus (Dialektik der Aufklärung, Minima Moralia, Negative Dialektik, Ästhetische Theorie, X Beiträge in den Soziologischen Schriften, Kulturkritik und Gesellschaft, Ohne Leitbild - Parva Aesthetica, Eingriffe, Stichworte und sogar in den musikalischen Schriften.)

Einige Belege aus Adornos Werk:

Die Kraft der Sprache bewährt sich darin, daß in der Reflexion Ausdruck und Sache auseinander treten. Sprache wird zur Instanz von Wahrheit nur am Bewußtsein der Unidentität des Ausdrucks mit dem Gemeinten. Heidegger weigert sich jener Reflexion; er hält inne nach dem ersten Schritt der sprachphilosophischen Dialektik. Repristination ist sein Denken auch darin, daß es durch ein Ritual des Nennens die Gewalt des Namens wiederherstellen möchte. Diese Gewalt indessen ist nicht derart in den säkularisierten Sprachen gegenwärtig, daß sie es dem Subjekt gestatteten. Durch Säkularisierung haben die Subjekte ihnen den Namen entzogen, und ihrer Intransigenz, keines philosophischen Gottvertrauens bedarf die Objektivität der Sprache. Mehr als Signum ist sie nur durch ihre signifikative Kraft, dort wo sie am genauesten und dichtesten das Gemeinte hat. Sie ist nur, soweit sie wird, in der stetigen Konfrontation von Ausdruck und Sache; danach handelte Karl Kraus, der doch selbst einer ontologischen Ansicht von der Sprache zugeneigt haben dürfte. (Jargon der Eigentlichkeit)

Heideggers Beschwerden gegen Kulturphilosophie haben in der Ontologie der Eigentlichkeit verhängnisvolle Folgen: was sie anfangs bloß in die Sphäre kultureller Vermittlung verbannt, stößt sie unverweilt weiter in die Hölle. Der freilich ist die Welt ähnlich genug, eingetaucht in eine trübe Flut von Geschwätz als der Verfallsform von Sprache. Karl Kraus hat das zu der These verdichtet, die Phrase gebäre heute die Wirklichkeit; zumal jene, die unter dem Namen Kultur nach der Katastrophe auferstand. Sie ist, wie Valéry die Politik definierte, in weitem Maß nur noch dazu da, die Menschen von dem abzuhalten, was sie etwas angeht. Eines Sinnes mit Kraus, den er nicht erwähnt, sagt Heidegger in Sein und Zeit: »Das Hören und Verstehen hat sich vorgängig an das Geredete als solches geklammert.« . (Jargon der Eigentlichkeit)

Mehrfach ist, zuerst wohl von Karl Kraus, ausgesprochen worden, daß, in der totalen Gesellschaft, Kunst eher Chaos in die Ordnung zu bringen habe als das Gegenteil. Die chaotischen Züge qualitativ neuer Kunst widerstreiten dieser, ihrem Geist nur auf den ersten Blick. Es sind die Chiffren von Kritik an schlechter zweiter Natur: so chaotisch ist in Wahrheit die Ordnung. (Ästhetische Theorie)

Als Modell mag genannt werden, was gewiß nicht als Wissenschaft auftrat, die Sprachkritik, die Karl Kraus, der Wittgenstein sehr beeindruckte, über Jahrzehnte in der Fackel übte. Sie setzt immanent ein, vielfach orientiert an den Verstößen der Journalistik gegen die Grammatik. Die ästhetische Kritik hatte jedoch von Anbeginn ihre soziale Dimension: sprachliche Verwüstung war für Kraus der Sendbote der realen; schon im Ersten Krieg sah er die Mißbildungen und Phrasen zu sich selbst kommen, deren lautlosen Schrei er längst vorher vernommen hatte. Dies Verfahren ist der Prototyp eines nicht wörtlichen; der welterfahrene Kraus wußte, daß die Sprache, wie sehr auch Konstituens der Erfahrung, doch nicht die Realität schlicht schafft. Durch ihre Verabsolutierung wurde ihm die Sprachanalyse der Zerrspiegel realer Tendenzen sowohl wie das Medium, darin seine Kritik am Kapitalismus zu zweiter Unmittelbarkeit sich konkretisierte. (Einleitung zum »Positivismusstreit in der deutschen Soziologie«)

Die Invektiven von Karl Kraus gegen die Pressefreiheit sind gewiß nicht buchstäblich zu nehmen: im Ernst die Zensur gegen die Skribenten anrufen, hieße den Teufel mit Beelzebub austreiben. Wohl aber sind Verdummung und Lüge, wie sie unterm Schutz der Pressefreiheit gedeihen, nichts dem historischen Gang des Geistes Akzidentelles sondern die Schandmale der Sklaverei, in welcher seine Befreiung spielt, der falschen Emanzipation. (Kulturkritik und Gesellschaft)

Des Antisemitismus zeiht man ihn, den Juden, selbst. Verlogen trachtet die restaurative deutsche Nachkriegsgesellschaft den intransigenten Kritiker unter Berufung darauf loszuwerden. Das drastische Gegenteil steht in ›Sittlichkeit und Kriminalität‹: »Und ist nicht auch der Kretinismus, der die Parteinahme für eine Mißhandelte der ›jüdischen Solidarität‹ zuschreibt, seines Lacherfolges sicher? (Sittlichkeit und Kriminalität)

Klar wirken Ideologie, Bildungshintergrund und Wissen auf Interpretationen und Urteile ein. Auch Sympathie. Adorno war das großzügiger und souveräner als Benjamin. Obwohl mir die religiöse Seite in seinem Sprachbewusstsein überhaupt gegen den Strich geht, schätze ich unvermindert die Schriften von Kraus. Mängel, Einseitigkeiten etc. wiegen da wenig gegen das überaus Positive seines Generalunternehmens. Es geht nicht um Gerechtigkeit oder anerkannte Wissenschaft. Und auch wenn er ein Kind SEINER Zeit war, so war er eines wie kein anderes.

Ähnlich geht es mir mit vielen anderen Autoren. Adorno, den ich ausführlich zitiert habe ist genauswenig von Kritik ausgenommen, wie denn auch im freien Verkehr, wie es mir möglich ist, in Heideggers Schriften Gedanken und Gebäude zu finden, die mir Erkenntnisse zeitigen, mit denen ich positiv arbeite. Ironisch für mich, dass gerade Adorno in seiner etwas einseitigen Kritik an Heidegger jene Schärfe vermissen lässt, die ich von ihm sonst gewohnt bin. Vielleicht trübte ein unübersehbares Naheverhältnis zu ontologischen Fragen seinen Blick? Ach, das ist nicht weiter schlimm, so lange das Denken nicht Halt macht und sich einzäunt, folgsam, gefolgsam, gehorsam.

Freitag, 20. Juni 2014

Neue Titel in der Bibliothek Gleichgewicht

An neuen Titel liegen auf:

  • Felix Christen: Das Jetzt der Lektüre. Hölderlins Ister. Stroemfeld, Frankfurt 2013
  • Martin Heidegger: Hölderlins Hymne "Der Ister". GA Bd. 53, Klostermann, Frankfurt 1984
  • Martin Heidegger: Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung. Klostermann, Frankfurt 2012
  • Martin Heidegger: Unterwegs zur Sprache. Klett-Cotta, 2012 (15. Aufl.)
  • Peter Trawny (Hg.) "Voll Verdienst, doch dichterisch wohnet der Mensch auf dieser Erde." Heidegger und Hölderlin. Martin-Heidegger-Gesellschaft Schriftenreihe. Bd. 6, Klostermann, Frankfurt 2000
  • Harald Hartung: Die Launen der Poesie. Deutsche und internationale Lyrik seit 1980. Wallstein, Göttingen 2014
  • Marie Luise Knott, Georg Witte (Hg.): Mit anderen Worten. Zur Poetik der Übersetzung. 7 Jahre August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur zur Poetik der Übersetzung. Matthes & Seitz, Berlin 2014
  • Adolf Muschg: Im Erlebensfall. Versuche und Reden 2002-2013. C. H. Beck, München 2014
Bibliothek Gleichgewicht, Hauptstr. 13, 2265 Drösing
Di-Mi 15-19 Uhr, Do 15-20 Uhr

Montag, 2. Juni 2014

Eklat und Affäre des Literaturklubs des Schweizer Fernsehens

Elke Heidenreich ist nicht mehr tragbar

Von Guido Kalberer. TAGESANZEIGER, Aktualisiert am 02.06.2014
Nach dem Eklat beim «Literaturclub» ist klar: Die Sendung von SRF muss neu lanciert werden. Es braucht einen neuen Moderator und einen Ersatz für Elke Heidenreich.
Der begrüßenswerte Artikel des Zürcher Tages-Anzeiger bietet Gelegenheit, nicht nur eine peinliche Affäre anzusehen, sondern sich Gedanken über unsere Kulturlandschaft zu machen.

Eigentlich ist es weniger eine peinliche Affäre des traditionsreichen schweizerischen Literaturklubs, sondern eine des Schweizerischen Fernsehens, das sich hinter die populistische Elke Heidenreich stellt, wegen der erwartbaren Quote, und einen Fachmann schmeißt, weil er zu kompetent ist; formal wird das damit begründet, weil er die Erwartungen als Moderator nicht erfüllt habe, obwohl er als Kritiker für diesen Posten engagiert wurde, als Doppelrollenerfüller.

Stefan Zweifel ist von Elke Heidenreich weggepustet worden.

Heidenreich leistet sich ein falsches Zitat, beharrt borniert darauf, und der Moderator-Kritiker, der das bemerkt und korrekt zurückweist, muss gehen. Das ist Schweizer Kultur.

Doch der Reihe nach:

Hier eine Videoaufzeichnung des besagten Literaturklubs vom 22.4.2014:



Literaturclub, 22.04.2014,
Stefan Zweifel, Elke Heidenreich, Rüdiger Safranski und Julian Schütt diskutieren über folgende Bücher:
«Glücklich die Glücklichen» von Yasmina Reza (Hanser)
«Transatlantik» von Colum McCann (Rowohlt)
«Killmousky» von Sybille Lewitscharoff (Suhrkamp)
«Das Blutbuchenfest» von Martin Mosebach (Hanser)
«Schwarze Hefte (1939-1941)» von Martin Heidegger
Der Literaturclub diskutiert die wichtigen Bücher im April: Den neuen Roman des grossen irischen Geschichtenerzählers Colum McCann, die Geschichten der meistgespielten Theaterautorin der Gegewanrt, Yasmina Reza, die beiden aktuellen Romane der beiden Büchner-Preiträger und streitbarsten deutschsprachigen Schriftstellern der Gegenwart, Sybille Lewitscharoff und Martin Mosebach, sowie die geheimen, bisher unveröffentlichten Tagebücher des grossen Kritikers der Moderne, Martin Heidegger.
Abschnitt Martin Heidegger: Schwarze Hefte
Der inzwischen als Moderator entlassene Stefan Zweifel, Elke Heidenreich, Rüdiger Safranski und Julian Schütt diskutieren über Martin Heideggers "Schwarze Hefte" (1939-1941).
Es ist unter anderem das durch Elke Heidenreich gegebene Zitat über den Antisemitismus Martin Heideggers enthalten (etwa bei 04:00), über das derzeit diskutiert wird (bspw. NZZ vom 24.05.2014, Seite 15). Das Zitat ist nicht im besprochenen Buch enthalten. Der Moderator der Sendung (Stefan Zweifel), der Elke Heidenreich hier widerspricht, ist inzwischen entlassen worden. Laut einer Meldung des Tagesanzeigers (25.05.2014) hat Heidenreich inzwischen selbst zugegeben, dass das Zitat nicht von Heidegger stammt.

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Eklat im „Literaturclub“ Was steht bei Heidegger?
Elke Heidenreich erfand im „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens ein Heidegger-Zitat, Moderator Stefan Zweifel bemerkte es. Jetzt muss er die Leitung der Sendung abgeben.
FAZ, 23.05.2014, von Jürg Altwegg, Genf

„Literaturclub“-Streit geht weiter
Das Heidegger-Zitat der Elke Heidenreich
Das Schweizer Fernsehen blamiert sich im Streit um den „Literaturclub“. Trotz erheblicher Kritik an ihrem Verhalten hat sich Stephanie Wappler, die Kulturchefin des Senders, hinter Elke Heidenreich gestellt. Herr Zweifel muss gehen.
FAZ, 31.05.2014, von Jürg Altwegg, Genf

Adolf Muschg kritisiert das SRF
«Literaturclub»-Moderator bekommt Unterstützung.
Anna Kappeler, Schweiz am Sonntag,  24. Mai 2014 23:31
Im Kommentar zum obigen Beitrag ein Brief von Katka Räber-Schneider an die SRF-Chefs Frau Wappler und Herr de Weck:

Katka Räber-Schneider, Basel
Kommentar, 26.5.2014 zum obigen Beitrag

Sehr geehrte Frau Wappler, sehr geehrter Herr de Weck,

selber als Autorin und Literatur- und Filmkritikerin, aber auch als sehr aufmerksame, begeisterte und anspruchsvolle Radiohörerin und Fernsehzuschauerin wende ich mich an Sie, entsetzt und empört, nachdem ich die Meldung gelesen habe, dass Stefan Zweifel die Leitung des Literaturclubs und den Literaturclub verlässt.

Ich habe die meisten Sendungen gesehen, auch die bestimmte vom 22. April 2014, in der Elke Heidenreich so unflätig, undifferenziert und unwissend, und doch wie immer (und dies ist kein pauschalisierendes "Immer", sondern es entspricht der jahrelangen Praxis) sehr selbstsicher, selbstgefällig, rechthaberisch und arrogant ihr Urteil kundtat. Ich kann nicht verstehen, dass die Leitung des Schweizer Fernsehens hinter dieser Frau steht. Wie ist es möglich, dass Elke Heidenreichs loses Mundwerk, das man vielleicht in der sonst meist so moderaten Schweiz dazu benutzen möchte, um Bewegung in eine Diskussion zu bringen und gleichzeitig ein einfacheres Publikum zum Lesen zu animieren, Vorrang bekommt vor der gepflegten, intellektuell geschliffenen und geistreich anregenden Art von Stefan Zweifel? Einerseits geht es da natürlich um die Echtheit eines brisanten Zitats, aber es geht auch um das Gesprächs-Niveau einer solchen Sendung. Selbstverständlich darf und soll gestritten werden, es sollen unbedingt auch unterschiedliche Meinungen aneinander geraten dürfen und ausgetragen werden. Aber die absolute, populistisch gefärbte Art von Elke Heidenreich diffamiert die Sendung, die doch nicht nur die Verkaufszahlen von Büchern heben, sondern das Denken anregen soll. Da sollen gedankliche Impulse, wie sie eben von Rüdiger Safranski, Hildegard Keller oder Stefan Zweifel und anderen angezettelt und ausgetauscht werden und nicht von der dilettantischen Herangehensweise des geistigen und sprachlichen Mittelmasses von Frau Heidenreich getragen, die sich neben falschen Zitaten auch Urteile wie "dämlich", "überflüssig" oder "blöd" bei gestandenen Autorinnen und Autoren erlaubt, die sie sonst gerne an einem Stammtisch von sich geben dürfte, aber nicht in einer intellektuellen, öffentlich gesendeten Runde, der sie leider nicht mal bis zu den Knöcheln reicht. Diese Frau hat für meine Begriffe zudem kein Taktgefühl, ihre Ausdrucksweise finde ich nicht lustig-frech, sondern ungebildet & eingebildet, nicht intellektuell, einfach nur dumm. Sie mag gut sein für Nichtleser, für ein einfacheres Publikum, zu denen sie selber gehört, obwohl sie sich selber viel höher einschätzt. Nicht alle Bücher müssen gefallen, um das geht es gar nicht, und sie sollen selbstverständlich auch kritisiert werden dürfen. Aber nur als persönliches Urteil der kritisierenden Person.
Leider hörte ich auch schon im Radio, dass Elke Heidenreich von mittelmässigen Medienleuten als "Literaturpäpstin" vorgestellt wurde, was absolut lächerlich ist. Wenn früher Marcel Reich-Ranicki so betitelt wurde, dann war es wegen seinem enormen Wissen. Daneben ist eine Elke Heidenreich bloss eine Möchtegernkritikerin und dilettantische Vielleserin. Das kann man ihr gerne zugestehen, aber nicht dieses Niveau als Messlatte für das Schweizer Fernsehen nehmen und einen begabten, gebildeten, geistreichen und gescheiten Mann wie Stefan Zweifel gehen lassen.

Ich selber habe seinerzeit noch bei Werner Weber studiert, dessen Ethos es war, das Literaturkritik in erster Linie vermitteln soll und man als Kritiker oder Kritikerin mit einem grösseren Wissen der Materie die Literatur fürs Publikum (egal wie gebildet das Publikum ist) in einer verständlichen Sprache in einen Kontext stellen soll.
Ich verstehe Stefan Zweifels Beweggründe, dass er unter diesen Voraussetzungen nicht mehr weiter seine will. Aber das Schweizer Fernsehen darf sich doch nicht diese Blösse des Mittelmasses geben und nichts zu diesem Skandal verlauten lassen...

Es hat mich gefreut, das Benedict Neff in der Basler Zeitung vom 24.5.14 das ausspricht, was ich schon lange gedacht habe. Elke Heidenreich hat keinen Respekt vor anderen Meinungen, keine Grandezza, bloss ein freches Mundwerk, das manchen Menschen Eindruck macht, einige vielleicht sogar Angst vor ihrer spitzen Zunge haben. Sie selber gehört zum groben Mittelmass, obwohl sie gerne anderen dieses Urteil zuteil werden lässt.

Die srf, das Schweizer Fernsehen, darf doch nicht so feige sein, und kein Urteil darüber verlauten lassen. Im Zweifel für den Zweifel!

Mit freundlichen Grüssen Katka Räber-Schneider
www.katka-räber-schneider.ch
http://www.schweizamsonntag.ch/ressort/kultur/adolf_muschg_kritisiert_das_srf/

 

Zweifel verliert Machtkampf gegen Heidenreich
Benedict Neff, Basler Zeitung, Aktualisiert am 22.05.2014 24 Kommentare
Er hat recht und muss doch gehen: Stefan Zweifel wurde als Moderator des «Literaturclubs» abgesetzt. Dies nach einem Streit mit Literaturkritikerin Elke Heidenreich. Im Disput um ein Genozid-Zitat kommt auch das SRF nicht gut weg.

Adolf Muschg kritisiert Entlassung von «Literaturclub»-Moderator
Aktualisiert am 25.05.2014 19 Kommentare
Das Schweizer Fernsehen müsse die Entlassung von Stefan Zweifel überdenken, fordert der Schriftsteller Adolf Muschg. Dieses hüllt sich weiterhin in Schweigen - trotz wachsender Kritik

Giftige Mixtur: Heidenreich, Heidegger, Holocaust
Benedict Neff, Basler Zeitung, Aktualisiert am 24.05.2014 26 Kommentare
Die Absetzung von Literaturclub-Moderator Stefan Zweifel wirft einen dunklen Schatten auf das Schweizer Fernsehen. Der Dilettantismus hat im Leutschenbach gesiegt. Ein Kommentar.

SRF übt sich in Selbstverteidigung
Benedict Neff, Basler Zeitung, Aktualisiert am 27.05.2014 5 Kommentare
Zum erfundenen Heidegger-Zitat nimmt SRF weiter keine Stellung. Elke Heidenreich wird inzwischen auch von der Süddeutschen Zeitung kritisiert.

Sendung "Literaturclub"
Eklat um Heidenreichs Heidegger-Fälschung
In der Sendung "Literaturclub" im Schweizer Fernsehen hat die Schriftstellerin Elke Heidenreich gleich doppelt falsch zitiert: Martin Heidegger und die SZ. Trotzdem muss nicht sie, sondern ihr Ko-Moderator den "Literaturclub" verlassen.
Süddeutsche Zeitung, 23.5.2014

Und hier die Verteidigung der Elke Heidenreich:
Wie es zum Heidegger-Zitat im «Literaturclub» kam
GastbeitragStefan Zweifel überwarf sich mit Elke Heidenreich und der «Literaturclub»-Redaktion wegen eines falschen Heidegger-Zitats. Nun nimmt die Kritikerin Stellung.
Tages-Anzeiger, 27.5.2014


Kommentar von Haimo L. Handl:

Heidenreich = Heidenarm
Über eine vermeintlich Reiche, die eigentlich arm ist


Nach ca. fünf Wochen fühlt sich die Literaturunterhalterin und Autorin Elke Heidenreich, die BRIGITTE der Literatur, Frauen und gerechten Gesellschaft von Gutmenschen und Opfern, bemüßigt, eine Art von Erklärung zum Eklat des Literaturklubs vom 22. April abzugeben, der Auslöser für die Entlassung des Moderators und Kritikers Stefan Zweifel war. Ihre Verteidigung ist dürftig, nicht überzeugend und belegt nur die freche Anmaßung, die dieser Person in der Opfergesellschaft als "kämpfender Frau" soviel Platz und Erfolg einräumt.


Sie zitiert falsch. Sie sagt in ihrer Verteidigung, "dann sah ich hoch und sagte, ohne weiter zu zitieren, mit meinen Worten, was ich als Fazit aus Heideggers Worten herausgelesen hatte, nämlich: «Und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland – ?»


Nein, so war es nicht. Die Videoaufzeichnung bietet ein anderes Bild, ein anderes Hören. Aber Frau Heidenreich hätte spätestens beim Einwurf von Stefan Zweifel Möglichkeiten gehabt, auszuweisen, was Zitat war, was IHRE Anmerkung. Sie wies weder auf das Zitat aus dem Dossier hin, also nicht die Originalquelle, noch darauf, wo das Zitat endete, und ihre persönliche Anmerkung begann, was nach ihrer Meinung ja vollkommen klar gewesen sei: "Der Satz war am Ende offen gelassen, es war deutlich mündliche Rede, es war deutlich nicht mehr Zitat.". Nein, war es eben nicht, auch wenn sie bockig-trotzig es wiederholt.


Frau Heidenreich hat weder die Courage noch charakterliche Größe, einen Fehler einzugestehen. Sie hätte ihn sofort aus der Welt schaffen können, aber wie ein Trotzkopf, ein alter halt, stampfte sie "Doch!" und warf schließlich das Buch, ähnlich einem ertappten Schulmädi, auf den Tisch. Die Erklärung dazu ist nicht nur psychologisch zum Trotzverhalten interessant, sondern auch zum Denken. Hören wie die Autorin und Kritikerin:


"Zweifel sagte neben mir: «Also dieser Satz steht aber nicht in dem Band, über den wir jetzt reden.» Ich sagte: «Doch.» Das wiederholte sich noch zweimal, bis ich mein Buch zugegeben ungeduldig und unnötig heftig auf den Tisch warf – das hätte ich mir als Geste sparen können, aber ich wollte endlich meinen Gedanken zu Ende bringen, und Safranski konnte dann auch, s. o., darauf antworten."


Das ist verwegen und frech zugleich. Aber, wahrscheinlich ungewollt, entblößt Frau Heidenreich eine ihrer Denkbedingungen: um endlich ihren Gedanken zu Ende bringen zu können, musste sie ihre Aggressionen los werden. Sie warf wütend das Buch, das Objekt der Störung, auf den Tisch, und konnte weiterdenken. Damit das nicht so alleine dasteht, verbindet sie das mit dem Philosophen Safranski. als ob der sonst "dann auch" nicht hätte antworten können. Die Perfidie dieser Strategie der Tante Brigitte ist offensichtlich. Sie funktioniert hervorragend in der halbgebildeten Opfergesellschaft, in der BRIGITTE-Gesellschaft.


Frau Heidenreich sagt in der Sendung, dass sie keine Lust habe, so etwas zu lesen. Das Zitat, behauptet sie stur, stamme aus dem Buch, Band 96. Stimmt nicht. Später sagt sie, ein Satz stamme aus der Süddeutschen Zeitung, die wiederum empört ist über die falsche Zitierweise der unbedarften Gutmenschin.


Frau Heidenreich betont: "Das bedeutet, und so habe ich es auch aus dem Dossier heraus gelesen (und so deutet es der Herausgeber der Schwarzen Hefte, Peter Trawny, in seinem Nachwort an): Die Mittel der Nationalsozialisten, dieses Ziel vom deutschen Wesen zu erreichen, nimmt Heidegger sehr wohl zur Kenntnis, auch wenn er kein Wort über den Holocaust selbst verliert."


Sie zimmert etwas zurecht. Peter Trawny wird das ebenfalls empört zurückweisen. Frau Heidenreich geht es darum, den Hintergrund, die Zusammenhänge darzulegen, die sie und ihre Aussagen als aufrechten Widerstand gegen den Nazi Heidegger ausweisen sollen, einsam und alleine im Kampf gegen vernebelnde Intellektuelle, die immer tüfteln und unterscheiden wollen, wie der jüngere Stefan Zweifel, wie viele andere... Allerdings unterlässt es die Medienerprobte, den beim Publikum auch beliebten Philosophen Safranski anzugreifen. Aber aus ihren Anwürfen geht der Antiintellektualismus deutlich hervor.


Sie sagt weiter: "Es ist also nicht richtig, mir zu unterstellen, ich hätte das Zitat erfunden oder das Buch nicht richtig gelesen. Es ist meine Pflicht, jedes für die Sendung vorgeschlagene Buch gründlich zu lesen und mir dazu meine Gedanken und meine Notizen zu machen. Die Notizen waren «Die verborgene Deutschheit» und «entbergen», der Rest waren meine zusammenfassenden Gedanken." Aber so stimmt das auch nicht. Immerhin werden jetzt nicht nur Heideggers Buch erwähnt, sondern auch "Notizen" und "entbergen", ohne allerdings zu klären, was von wem kommt und aus welchem Kontext. Der Mehrheit wird die Botschaft im Gedächtnis bleiben: Die Heidenreich ist pflichtergeben, sie hat verantwortlich ihre Pflicht erfüllt. Ja, ja, die Pflichterfüllung...


Sie skizziert ihre Rolle unter anderem damit, dass es ihre Aufgabe sei, die Bücher gründlich zu lesen. Aber hat sie gründlich gelesen? Wie hätte sie nach gründlicher Lektüre zu einem Falschzitat gelangen können? In einigen hämischen Artikeln wurde memoriert, dass z. B. der berühmte Feuilletonchef Fritz J. Raddatz seinen Posten räumen musste wegen eines falschen Zitats. Nicht so Frau Heidenreich. Weil sie ein Opfer ist, eine Frau? Weil sie dem Durchschnitt entspricht und damit Zuschauer bringt, da das große Publikum nun mal ungebildet ist? Proletkult als Geschäft? Was sonst?


Dann teilt sie wieder aus. Angriff ist ja die beste Verteidigung. Die Presse habe "eilig und unreflektiert" die Anwürfe aufgegriffen. Und, natürlich, übertrieben. Dann Klartext: "Es ging nie um dieses Zitat, es ging um Zweifels Entlassung." Alles klar? Klar. In einem Satz davor bedauerte sie die Eskalation, sah sich aber als Opfer, und machte klar: "weise jeden Vorwurf unsauberer Arbeit mit gutem Gewissen von mir." Das ist wirklich deutlicher Klartext. Klingt wie von belangten Managern und Bankern, die ihre weiße Weste zeigen. Sie ist pflichterfüllt, verantwortlich und guten Gewissens. Ein guter Mensch eben. Und dazu noch eine Frau. Eine erfolgreiche. Was will man mehr?


Die SRF kuscht und beugt sich falschem Geschäftsdenken. Die Verantwortlichen, eine Frau Wappler (heißt wirklich so, ist keine Finte, die in Österreich leicht missverstanden werden könnte) und der geschätzte Herr de Weck schweigen sich aus. Eine Abteilungsleiterin reagiert nicht. Das Schweizerische Fernsehen taucht ab und ist feige geworden.


Der Vorfall belegt aber auch eine besorgniserregenden Stand der Gender-Debatte. Frauen werden immer noch bevorzugt als Opfer dargestellt, so dass viele, höchst erfolgreich, als Täterinnen agieren können, denen man Frechheiten einfach nachsieht. Wenn man aber geringe Qualität oder gar Unvermögen nicht mehr realitätsgerecht bewertet, sondern sich von gender criteria und ideologischen Sollsätzen leiten lässt, rutsch man in eine Gesinnungskultur, in der weder Sachen als Dinge, noch Menschen als Subjekte gelten, sondern nur noch Objekte, wie sie der Wahrnehmung dieser Protagonisten erscheinen. Das ist das Gegenteil einer "offenen Gesellschaft", wie sie Sir Karl Popper wollte, ganz zu schweigen einer offenen Gesellschaft, wie sie Aufklärer wie Adorno & Co. wollten, oder couragierte Linke wie George Orwell.


Mit Priesterinnen wie Elke Heidenreich fördern wir eine Angestelltenkultur, das Regime des unduldsamen Untermaßes, das viele allzufreundlich "Mittelmaß" nennen. Was dort als Courage erscheint, ist meist nur frech und anmaßend, nicht eigentlich kritisch. Frau Heidenreich und ihresgleichen erfüllen das enge Programm dieser Halb- und Ungebildeten.

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