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Mittwoch, 20. September 2017
Dienstag, 12. September 2017
Aus Herders Humanitätsbriefen
Ein alter Text zur neuen Zeit, also unserer Gegenwart, weil sich nur wenig änderte, vieles im Kern gleichblieb, und meist nur Formen sich modern abheben:Johann Gottfried Herder:
Briefe zur Beförderung der Humanität
(im Wikipedia-Text Hinweise auf online-Quellen!)
12.
Mich dünkt, Ihre Fragen über den geringen Antheil, den die heutige Dichtkunst an den Händeln der Zeit nimmt, haben Sie Sich selbst beantworten können; denn der Stoff dazu liegt völlig in Ihrem Briefe.Schaffen Sie uns den Zustand der Griechen wieder, und Alcäus, Pindar, Aeschylus sind mit ihnen auch da. In vielerlei Rücksicht aber würden wir diese Zeiten nicht wünschen und uns dagegen an unsrer dichterischen Untheilnehmung begnügen. So wäre es auch in Ansehung der Zeiten Horaz' oder gar der Kreuzzieher und Harfner. Opitz und Logau fühlten die Drangsale des dreißigjährigen Krieges; wider ihren Willen mußten sie an dem Elende, das er verbreitete, Theil nehmen; der Widerschein seiner Flammen glänzt in ihren Gedichten. Kleist, Uz und Gleim trafen auf die Zeiten der preußisch-österreich'schen Kriege; alle Drei fanden darin unverwelkliche Lorbeern, der Erste aber auch bei vieler Noth, die er als Krieger mit bedrücktem Herzen sah, seinen blutigen Tod. Was diese Dichter uns aus theurer Erfahrung sangen, warum mühte es uns, durch neue Erfahrung theuer erkauft, wieder gesungen werden? Tönt uns Kleist's Stimme nicht noch?
»Ihr, denen zwanglose Völker der Herrschaft Steuer vertrauten,
Führt Ihr durch Flammen und Blut sie zur Glückseligkeit Hafen?
Was wünscht Ihr, Väter der Menschen, noch mehrere Kinder? Ist's wenig,
Viel Millionen beglücken? erfordert's wenige Mühe?
O, mehrt Derjenigen Heil, die Eure Fittige suchen,
Deckt sie gleich brütenden Adlern. Verwandelt die Schwerter in Sicheln,
Erhebt die Weisheit im Kittel und trocknet die Zähren der Tugend!«
Die rührende Stimme seines »Grab- und Geburtsliedes«, seine
»Sehnsucht nach Ruhe«, sein »Abschied« hinter »Cissides und Paches« tönt
noch jedem Leser ins Herz, nachdem der Dichter die Gesinnungen seiner
Seele mit Leben und Blut versiegelt. So ist's mit den patriotischen Oden
Uz',
Klopstock's; und der preußische
Kriegssänger ist ebensowol Volks-, Friedens-, Staatssänger geworden, hat
bis auf die neuesten Zeiten fast an jeder großen Angelegenheit Antheil
genommen, die seinem Gesichtskreise irgend nur nahe lag. Führt Ihr durch Flammen und Blut sie zur Glückseligkeit Hafen?
Was wünscht Ihr, Väter der Menschen, noch mehrere Kinder? Ist's wenig,
Viel Millionen beglücken? erfordert's wenige Mühe?
O, mehrt Derjenigen Heil, die Eure Fittige suchen,
Deckt sie gleich brütenden Adlern. Verwandelt die Schwerter in Sicheln,
Erhebt die Weisheit im Kittel und trocknet die Zähren der Tugend!«
Aber, mein Freund, nach unsrer Lage der Dinge halte ich das zu nahe, zu starke Theilnehmen der Dichter an politischen Angelegenheiten beinahe für schädlich. Zu bald nimmt der Dichter einseitige Partei und thut der besten Sache, geschweige einer schwachen, wankenden, mit dem besten Willen Schaden. Dadurch schwächt er die gute Wirkung seiner Gedichte selbst; denn in Kurzem ist die Situation der Zeit vorüber; man sieht die Dinge anders an; man behandelt ihn als einen abgekommenen Barden. Also bleibe die Poesie in ihrem reinen Aether, der Sphäre der Menschheit,
»
Coetusque vulgares et udam
Spernat humum fugiente penna!«
In diesem höheren, freieren Raume begegnen sich alle politische
Meinungen als Freundinnen und Schwestern; denn im Elysium wohnt keine
Feindschaft.Spernat humum fugiente penna!«
Sehr gut also, daß unsre Musenalmanache äußerst wenige politische Oden mit sich führen. Bald würden Zwei gegen einander im Streit liegen; und überhaupt ist's doch nur Spiel, wenn Genien mit Waffen der großen Götter spielen.
Das aber glauben Sie, daß die Poesie als eine Stimme der Zeit unwandelbar dem Geiste der Zeit folge; ja, oft ist sie eine helle Weissagung zukünftiger Zeiten. Lesen Sie in Stolberg's »Jamben«, 1784 gedruckt, den »Rath« (S. 66) und mehrere Gedichte; lesen Sie mehrere, frühere und spätere Oden Klopstock's, und leugnen noch, daß auch auf deutschen Höhen oder in ihren Thälern ein prophetischer Geist der Zeiten wehe! Schade nur, daß er nicht vernommen wird; denn um aller deutschen Redlichkeit willen, welcher Mann von Geschäften läse ein Gedicht, um in ihm die Stimme der Zeit zu hören!
Wir, meine Freunde, wollen den Garten der Grazien und Musen in der Stille bauen. Verständiger Homer, edler Pindar, und Ihr sanften Weisen, Pythagoras, Sokrates, Plato, Aristoteles, Epikur, Zeno, Marc-Antonin, Erasmus, Sarpi, Grotius, Fénélon, St. Pierre, Penn, Franklin, sollt die heiligen Mitwohner unsrer friedlichen Gärten werden. Das aufschießende Korn bedarf mancherlei Witterung; die Saat in der Erde will Ruhe und milden, erquickenden Regen.
13.
Milden erquickenden Regen wünscht die keimende Saat der Humanität in Europa, keine Stürme. Die Musen wohnen friedlich auf ihren heiligen Bergen, und wenn sie ins Schlachtfeld, wenn sie in die Rathskammern der Großen treten, entbieten sie Frieden. Eine edle, würdige That zu loben, ist ihnen ein süßeres Geschäft, als alle Flüche Alcäus' oder Archilochus' auf taube Unmenschen herabzudonnern.Wenn es z. B. in unsern Zeiten einen Regenten gäbe, der an seinem Theil dem barbarischen Menschenerkauf im andern Welttheil entsagte und damit andern Staaten zu ihrem Erröthen ein Beispiel gab; wenn er nach Jahrhunderten der Erste wäre, der die Sclaverei willkürlicher Frohnen und andre erdrückende Lasten seinem Volk entnahm und ein andres seiner Völker von ebenso drückenden Einschränkungen im Handel befreiete; wenn dieser Regent ein hoffnungsvoller königlicher Jüngling, und Einrichtungen dieser Art nur das Vorspiel seiner Regierung wären: Heil dem Dichter, der solche Thaten ohne alle Schmeichelei würdig und schön darstellte! Heil jedem Leser und Hörer, der diesem Sänger einer reinen Humanität mit reinem Herzen zujauchzte!
Freitag, 7. Juli 2017
Ein sprachbeflissener Musicus
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), Briefe an sein Bäsle:
Mannheim, 5. November 1777.
Allerliebstes Bäsle, Häsle!
Ich habe Dero mir so wertes Schreiben richtig erhalten – falten und daraus ersehen – drehen, daß der Herr Vetter – Retter und die Frau Bas – Has und Sie – wie recht wohlauf sind – Rind; wir sind auch, Gott Lob und Dank, recht gesund – Hund. Ich habe heute den Brief – schief von meinem Papa – haha! auch richtig in meine Klauen bekommen – strommen. Ich hoffe, Sie werden auch meinen Brief – trief, welchen ich Ihnen aus Mannheim geschrieben, erhalten haben – schaben. Desto besser, besser desto! Nun aber etwas Gescheutes. Mir ist sehr leid, daß der Herr Prälat – Salat schon wieder vom Schlag getroffen worden ist – fist; doch hoffe ich, mit der Hilfe Gottes – Spottes wird es von keinen Folgen sein – Schwein. Sie schreiben mir – Stier, daß Sie Ihr Versprechen, welches Sie mir vor meiner Abreise von Augsburg getan haben, halten werden, und das bald – kalt; nu, das wird mich gewiß freuen – reuen. Sie schreiben noch ferners, ja, Sie lassen sich heraus, Sie geben sich bloß, Sie lassen sich verlauten, Sie machen mir zu wissen, Sie erklären mir, Sie geben deutlich am Tage, Sie verlangen, Sie begehren, Sie wunschen, Sie wollen, Sie mögen, Sie befehlen, Sie deuten mir an, Sie benachrichtigen mir, Sie machen mir kund, daß ich Ihnen auch mein Porträt schicken soll – scholl. Eh bien, ich werde es Ihnen gewiß schicken – schlicken. Ob Sie mich noch liebhaben? Das glaub ich. Desto besser, besser desto! Ja, so geht es auf dieser Welt, der eine hat den Beutel, der andere hat das Geld; mit wem halten Sie es? Mit mir, nicht wahr? Das glaub ich. Jetzt wunsch ich eine gute Nacht. Morgen werden wir uns gescheut sprechen – brechen; ich sage Ihnen eine Sache Menge zu haben, Sie glauben es nicht gar können; aber hören Sie morgen es schon werden. Leben Sie wohl unterdessen! Was ist das? ists möglich! Ihr Götter! Mein Ohr, betrügst du mich nicht? nein, es ist schon so – welch langer trauriger Ton!
Heut den schreiben fünfte ich dieses. Gestern habe ich mit der gestrengen Frau Kurfürstin gesprochen, und morgen, als den sechsten, werde ich in der großen Gala-Akademie spielen, und dann werde ich extra im Kabinett, wie mir die Fürstin-Kur selbst gesagt hat, wieder spielen. Nun was recht Gescheutes! Es wird ein Brief oder es werden Briefe an mich in Ihre Hände kommen, wo ich Sie bitte, daß – was? – ja, ein Fuchs ist kein Has – ja, daß – nun, wo bin ich denn geblieben? ja recht, beim Kommen; ja, jetzt fallt mirs ein, Briefe, Briefe werden kommen, aber was für Briefe? je nun, Briefe an mich halt; die bitte ich mir gewiß zu schicken. Ich werde Ihnen schon Nachricht geben, wo ich von Mannheim weiters hingehe. Jetzt Numero 2! Ich bitte Sie, warum nicht? Ich bitte Sie, allerliebster Fex, warum nicht? daß Sie, wenn Sie ohnedem an die Madame Tavernier nach München schreiben, ein Kompliment von mir an die zwei Mademoisellen Freysinger schreiben, warum nicht? kurios, warum nicht? Und die jüngere, nämlich die Fräulein Josepha, bitte ich halt recht um Verzeihung, warum nicht? warum sollte ich sie nicht um Verzeihung bitten? kurios, ich wüßte nicht, warum nicht? Ich bitte sie halt recht sehr um Verzeihung, daß ich ihr bishero die versprochene Sonate nicht geschickt habe, aber ich werde sie, sobald es möglich ist, übersenden, warum nicht? was, warum nicht? warum soll ich sie nicht schicken? warum soll ich sie nicht übersenden? warum nicht? kurios, ich wüßte nicht, warum nicht? Nu, also diesen Gefallen werden Sie mir tun? warum nicht? kurios, warum nicht? ich wüßte nicht, warum nicht? Vergessen Sie auch nicht von mir ein Kompliment von mir an Papa und Mama von die zwei Fräulein zu entrichten; dann das ist grob gefehlt, wenn man Vater und Mutter vergessen tut sein müssen lassen haben. Ich werde hernach, wenn die Sonate fertig ist, selbe Ihnen zuschicken und einen Brief dazu, und Sie werden die Güte haben, selbe nach München zu schicken. Nun muß ich schließen, und das tut mich verdrießen. Herr Vetter, gehen wir geschwind zum Heiligen Kreuz und schauen wir, ob noch wer auf ist! Wir halten uns nicht auf, nichts als anläuten, sonst nichts. Nun leben Sie recht wohl, ich küsse Sie tausendmal und bin wie allzeit der alte junge
Sauschwanz Wolfgang Amadeo Rosenkranz.
An alle meine guten Freund – heunt meinen Gruß – Fuß! Addio Fex – Hex bis ins Grab, wenn ichs Leben hab.
Miehnnam ned net5 rebotko 7771.
Mannheim, 13. November 1777.
Ma très chère Nièce! Cousine! Mère, Soeur et Epouse!
Potz Himmel tausend Sakristei, Kroaten schwere Not, Teufel, Hexen, Truden, Kreuz-Battalion und kein End! potz Element, Luft, Wasser, Erd und Feuer, Europia, Asia, Afrika und Amerika, Jesuiter, Augustiner, Benediktiner, Kapuziner, Minoriten, Franziskaner, Dominikaner, Kartäuser und Heilige Kreuzerherren, Canonici regulares und irregulares und alle Bärenhäuter, Spitzbuben, Hundsfütter, Kujonen und Schwänz übereinander, Eseln, Büffeln, Ochsen, Narren, Dalken und Fexen! Was ist das für eine Manier! vier Soldaten und drei Bandalier! so ein Paquet und ein Portrait? Ich war schon voll Begierde – ich glaubte gewiß – dann Sie schrieben mir ja unlängst selbst, daß ich es gar bald, recht gar bald bekommen werde. Zweifeln Sie vielleicht, ob ich auch mein Wort halten werde? Das will ich doch nicht hoffen, daß Sie daran zweifeln! Nu, ich bitte Sie, schicken Sie mir es je ehender, je lieber; es wird wohl hoffentlich so sein, wie ich es mir ausgebeten habe, nämlich im französischen Aufzuge.
Wie mir Mannheim gefällt? so gut einem ein Ort ohne Bäsle gefallen kann. Ich hoffe, auch Sie werden im Gegenteil, wie es auch so ist, meine Briefe richtig erhalten haben, nämlich einen von Hohenaltheim und zwei von Mannheim, und dieser, wie es auch so ist, ist der dritte von Mannheim, aber in allen der vierte, wie es auch so ist. Nun muß ich schließen, wie es auch so ist, dann ich bin noch nicht angezogen, und wir essen jetzt gleich, wie es auch so ist. Haben Sie mich noch immer lieb, wie ich Sie, so werden wir niemalen aufhören uns zu lieben. Wenn auch der Löwe ringsherum in Mauern schwebt, wenn schon des Zweifels harter Sieg nicht wohl bedacht gewesen, und die Tyrannei der Wüterer in Abweg ist geschlichen, so frißt doch Codrus, der weis' Philosophus, oft Rotz für Habermuß, und die Römer, die Stützen meines A--, sind immer, sind stets gewesen und werden immer bleiben – kastenfrei.
Adieu. J'espère que vous aurés déjà pris quelque lection dans la langue française, et je ne doute point, que – Ecoutés: que vous saurés bientôt mieux le françois que moi; car il y certainement deux ans, que je n'ai pas écrit un mot dans cette langue. Adieu cependant. Je vous baise vos mains, votre visage, vos genoux et votre –, afin tout ce que vous me permettés de baiser. Je suis de tout mon coeur.
votre très affectionné Neveu et Cousin
Wolfgang Amadé Mozart.
Salzburg, den 10. Mai 1778.
Blas mir hint nei! Gut ists!
Wohl bekomms!
Liebstes, bestes, schönstes, liebenswürdigstes, reizendstes, von einem unwürdigen Vetter in Harnisch gebrachtes Bäschen oder Violoncellchen!
Ob ich Johannes Chrysostomus Sigismundus Amadeus Wolfgangus Mozartus wohl imstande sein werde, den Ihre reizende Schönheit ( visibilia und ( invizibilia) gewiß um einen guten Pantoffelabsatz erhöhenden Zorn zu stillen, mildern oder zu besänftigen, ist eine Frage, die ich aber auch beantworten will. Besänftigen will primo so viel sagen als jemand in einer Sänfte sanft tragen. Ich bin von Natur aus sehr sanft, und einen Senft esse ich auch gern, besonders zu dem Rindfleisch; mithin ist es schon richtig mit Leipzig, obwohl der Monsieur Feigelrapée durchaus behaupten oder vielmehr beköpfen will, daß aus der Pastete nichts werden soll, und das kann ich ja ohnmöglich glauben; es wäre auch nicht der Mühe wert, daß man sich darum bückte; ja, wenn es ein Beutel voll Konventionskreuzer wäre, da könnte man so etwas endlich aufklauben, heben oder langen. Darum, wie ich gesagt habe, ich könnte es nicht anderst geben; das ist der nächste Preis, handeln lasse ich nicht, weil ich kein Weibsbild bin, und hiemit holla! Ja, mein liebes Violoncellchen, so gehts und stehts auf der Welt, der eine hat den Beutel und der andere das Geld, und wer beides nicht hat, hat nichts, und nichts ist soviel als sehr wenig, und wenig ist nicht viel, folglich ist nichts immer weniger als nicht viel, und viel immer mehr als wenig, und so ist es, so war es und so wird es sein. Mach ein End dem Brief, schließ ihn zu und schick ihn fort an End und Ort. Dero gehorsamster untertänigster Diener.
Latus, hinüber! V. S.
P. S. Ist die Böhmische Truppe schon weg? Sagen Sie mirs, meine Beste, ich bitte Sie um Himmels willen. Ach! sie wird nun in Ulm sein, nicht wahr? O, überzeugen Sie mich dessen, ich beschwöre Sie bei allem, was heilig ist! Die Götter wissen es, daß ich es aufrichtig meine! Lebts Thüremichele noch? Wie hat sich Vogt mit seiner Frau vertragen? haben sie sich schon gekriegt beim Kragen? Lauter Fragen!
Eine zärtliche Ode.
Dein süßes Bild, o Bäschen,
schwebt stets um meinen Blick,
allein ihn trüben Zähren,
daß Du es selbst nicht bist.
Ich seh es, wenn der Abend
mir dämmert; wenn der Mond
mir glänzt, seh ichs und weine,
daß Du es selbst nicht bist.
Bei jenes Tales Blumen,
die ich ihr lesen will,
bei jenen Myrtenzweigen,
die ich ihr stechten will,
beschwör ich Dich, Erscheinung:
auf und verwandle Dich!
Verwandle Dich, Erscheinung,
und werd – o Bäschen selbst!
Finis coronat opus
S. V.
P. T.
Edler von Sauschwanz.
Meine und unser aller Empfehlung an Ihren Herrn Hervorbringer und Frau Hervorbringerin! Adieu, Engel! Mein Vater gibt ihm seinen onkelischen Segen, und meine Schwester gibt ihm tausend cousinische Küssen. Adieu, adieu, Engel!
Mit nächster Ordinäre werde ich mehr schreiben, und zwar etwas recht Vernünftiges und Notwendiges. Und bei diesem hat es sein Verbleiben bis auf weitere Ordre Adieu, adieu, Engel!
Mannheim, 5. November 1777.
Allerliebstes Bäsle, Häsle!
Ich habe Dero mir so wertes Schreiben richtig erhalten – falten und daraus ersehen – drehen, daß der Herr Vetter – Retter und die Frau Bas – Has und Sie – wie recht wohlauf sind – Rind; wir sind auch, Gott Lob und Dank, recht gesund – Hund. Ich habe heute den Brief – schief von meinem Papa – haha! auch richtig in meine Klauen bekommen – strommen. Ich hoffe, Sie werden auch meinen Brief – trief, welchen ich Ihnen aus Mannheim geschrieben, erhalten haben – schaben. Desto besser, besser desto! Nun aber etwas Gescheutes. Mir ist sehr leid, daß der Herr Prälat – Salat schon wieder vom Schlag getroffen worden ist – fist; doch hoffe ich, mit der Hilfe Gottes – Spottes wird es von keinen Folgen sein – Schwein. Sie schreiben mir – Stier, daß Sie Ihr Versprechen, welches Sie mir vor meiner Abreise von Augsburg getan haben, halten werden, und das bald – kalt; nu, das wird mich gewiß freuen – reuen. Sie schreiben noch ferners, ja, Sie lassen sich heraus, Sie geben sich bloß, Sie lassen sich verlauten, Sie machen mir zu wissen, Sie erklären mir, Sie geben deutlich am Tage, Sie verlangen, Sie begehren, Sie wunschen, Sie wollen, Sie mögen, Sie befehlen, Sie deuten mir an, Sie benachrichtigen mir, Sie machen mir kund, daß ich Ihnen auch mein Porträt schicken soll – scholl. Eh bien, ich werde es Ihnen gewiß schicken – schlicken. Ob Sie mich noch liebhaben? Das glaub ich. Desto besser, besser desto! Ja, so geht es auf dieser Welt, der eine hat den Beutel, der andere hat das Geld; mit wem halten Sie es? Mit mir, nicht wahr? Das glaub ich. Jetzt wunsch ich eine gute Nacht. Morgen werden wir uns gescheut sprechen – brechen; ich sage Ihnen eine Sache Menge zu haben, Sie glauben es nicht gar können; aber hören Sie morgen es schon werden. Leben Sie wohl unterdessen! Was ist das? ists möglich! Ihr Götter! Mein Ohr, betrügst du mich nicht? nein, es ist schon so – welch langer trauriger Ton!
Heut den schreiben fünfte ich dieses. Gestern habe ich mit der gestrengen Frau Kurfürstin gesprochen, und morgen, als den sechsten, werde ich in der großen Gala-Akademie spielen, und dann werde ich extra im Kabinett, wie mir die Fürstin-Kur selbst gesagt hat, wieder spielen. Nun was recht Gescheutes! Es wird ein Brief oder es werden Briefe an mich in Ihre Hände kommen, wo ich Sie bitte, daß – was? – ja, ein Fuchs ist kein Has – ja, daß – nun, wo bin ich denn geblieben? ja recht, beim Kommen; ja, jetzt fallt mirs ein, Briefe, Briefe werden kommen, aber was für Briefe? je nun, Briefe an mich halt; die bitte ich mir gewiß zu schicken. Ich werde Ihnen schon Nachricht geben, wo ich von Mannheim weiters hingehe. Jetzt Numero 2! Ich bitte Sie, warum nicht? Ich bitte Sie, allerliebster Fex, warum nicht? daß Sie, wenn Sie ohnedem an die Madame Tavernier nach München schreiben, ein Kompliment von mir an die zwei Mademoisellen Freysinger schreiben, warum nicht? kurios, warum nicht? Und die jüngere, nämlich die Fräulein Josepha, bitte ich halt recht um Verzeihung, warum nicht? warum sollte ich sie nicht um Verzeihung bitten? kurios, ich wüßte nicht, warum nicht? Ich bitte sie halt recht sehr um Verzeihung, daß ich ihr bishero die versprochene Sonate nicht geschickt habe, aber ich werde sie, sobald es möglich ist, übersenden, warum nicht? was, warum nicht? warum soll ich sie nicht schicken? warum soll ich sie nicht übersenden? warum nicht? kurios, ich wüßte nicht, warum nicht? Nu, also diesen Gefallen werden Sie mir tun? warum nicht? kurios, warum nicht? ich wüßte nicht, warum nicht? Vergessen Sie auch nicht von mir ein Kompliment von mir an Papa und Mama von die zwei Fräulein zu entrichten; dann das ist grob gefehlt, wenn man Vater und Mutter vergessen tut sein müssen lassen haben. Ich werde hernach, wenn die Sonate fertig ist, selbe Ihnen zuschicken und einen Brief dazu, und Sie werden die Güte haben, selbe nach München zu schicken. Nun muß ich schließen, und das tut mich verdrießen. Herr Vetter, gehen wir geschwind zum Heiligen Kreuz und schauen wir, ob noch wer auf ist! Wir halten uns nicht auf, nichts als anläuten, sonst nichts. Nun leben Sie recht wohl, ich küsse Sie tausendmal und bin wie allzeit der alte junge
Sauschwanz Wolfgang Amadeo Rosenkranz.
An alle meine guten Freund – heunt meinen Gruß – Fuß! Addio Fex – Hex bis ins Grab, wenn ichs Leben hab.
Miehnnam ned net5 rebotko 7771.
Mannheim, 13. November 1777.
Ma très chère Nièce! Cousine! Mère, Soeur et Epouse!
Potz Himmel tausend Sakristei, Kroaten schwere Not, Teufel, Hexen, Truden, Kreuz-Battalion und kein End! potz Element, Luft, Wasser, Erd und Feuer, Europia, Asia, Afrika und Amerika, Jesuiter, Augustiner, Benediktiner, Kapuziner, Minoriten, Franziskaner, Dominikaner, Kartäuser und Heilige Kreuzerherren, Canonici regulares und irregulares und alle Bärenhäuter, Spitzbuben, Hundsfütter, Kujonen und Schwänz übereinander, Eseln, Büffeln, Ochsen, Narren, Dalken und Fexen! Was ist das für eine Manier! vier Soldaten und drei Bandalier! so ein Paquet und ein Portrait? Ich war schon voll Begierde – ich glaubte gewiß – dann Sie schrieben mir ja unlängst selbst, daß ich es gar bald, recht gar bald bekommen werde. Zweifeln Sie vielleicht, ob ich auch mein Wort halten werde? Das will ich doch nicht hoffen, daß Sie daran zweifeln! Nu, ich bitte Sie, schicken Sie mir es je ehender, je lieber; es wird wohl hoffentlich so sein, wie ich es mir ausgebeten habe, nämlich im französischen Aufzuge.
Wie mir Mannheim gefällt? so gut einem ein Ort ohne Bäsle gefallen kann. Ich hoffe, auch Sie werden im Gegenteil, wie es auch so ist, meine Briefe richtig erhalten haben, nämlich einen von Hohenaltheim und zwei von Mannheim, und dieser, wie es auch so ist, ist der dritte von Mannheim, aber in allen der vierte, wie es auch so ist. Nun muß ich schließen, wie es auch so ist, dann ich bin noch nicht angezogen, und wir essen jetzt gleich, wie es auch so ist. Haben Sie mich noch immer lieb, wie ich Sie, so werden wir niemalen aufhören uns zu lieben. Wenn auch der Löwe ringsherum in Mauern schwebt, wenn schon des Zweifels harter Sieg nicht wohl bedacht gewesen, und die Tyrannei der Wüterer in Abweg ist geschlichen, so frißt doch Codrus, der weis' Philosophus, oft Rotz für Habermuß, und die Römer, die Stützen meines A--, sind immer, sind stets gewesen und werden immer bleiben – kastenfrei.
Adieu. J'espère que vous aurés déjà pris quelque lection dans la langue française, et je ne doute point, que – Ecoutés: que vous saurés bientôt mieux le françois que moi; car il y certainement deux ans, que je n'ai pas écrit un mot dans cette langue. Adieu cependant. Je vous baise vos mains, votre visage, vos genoux et votre –, afin tout ce que vous me permettés de baiser. Je suis de tout mon coeur.
votre très affectionné Neveu et Cousin
Wolfgang Amadé Mozart.
Salzburg, den 10. Mai 1778.
Blas mir hint nei! Gut ists!
Wohl bekomms!
Liebstes, bestes, schönstes, liebenswürdigstes, reizendstes, von einem unwürdigen Vetter in Harnisch gebrachtes Bäschen oder Violoncellchen!
Ob ich Johannes Chrysostomus Sigismundus Amadeus Wolfgangus Mozartus wohl imstande sein werde, den Ihre reizende Schönheit ( visibilia und ( invizibilia) gewiß um einen guten Pantoffelabsatz erhöhenden Zorn zu stillen, mildern oder zu besänftigen, ist eine Frage, die ich aber auch beantworten will. Besänftigen will primo so viel sagen als jemand in einer Sänfte sanft tragen. Ich bin von Natur aus sehr sanft, und einen Senft esse ich auch gern, besonders zu dem Rindfleisch; mithin ist es schon richtig mit Leipzig, obwohl der Monsieur Feigelrapée durchaus behaupten oder vielmehr beköpfen will, daß aus der Pastete nichts werden soll, und das kann ich ja ohnmöglich glauben; es wäre auch nicht der Mühe wert, daß man sich darum bückte; ja, wenn es ein Beutel voll Konventionskreuzer wäre, da könnte man so etwas endlich aufklauben, heben oder langen. Darum, wie ich gesagt habe, ich könnte es nicht anderst geben; das ist der nächste Preis, handeln lasse ich nicht, weil ich kein Weibsbild bin, und hiemit holla! Ja, mein liebes Violoncellchen, so gehts und stehts auf der Welt, der eine hat den Beutel und der andere das Geld, und wer beides nicht hat, hat nichts, und nichts ist soviel als sehr wenig, und wenig ist nicht viel, folglich ist nichts immer weniger als nicht viel, und viel immer mehr als wenig, und so ist es, so war es und so wird es sein. Mach ein End dem Brief, schließ ihn zu und schick ihn fort an End und Ort. Dero gehorsamster untertänigster Diener.
Latus, hinüber! V. S.
P. S. Ist die Böhmische Truppe schon weg? Sagen Sie mirs, meine Beste, ich bitte Sie um Himmels willen. Ach! sie wird nun in Ulm sein, nicht wahr? O, überzeugen Sie mich dessen, ich beschwöre Sie bei allem, was heilig ist! Die Götter wissen es, daß ich es aufrichtig meine! Lebts Thüremichele noch? Wie hat sich Vogt mit seiner Frau vertragen? haben sie sich schon gekriegt beim Kragen? Lauter Fragen!
Eine zärtliche Ode.
Dein süßes Bild, o Bäschen,
schwebt stets um meinen Blick,
allein ihn trüben Zähren,
daß Du es selbst nicht bist.
Ich seh es, wenn der Abend
mir dämmert; wenn der Mond
mir glänzt, seh ichs und weine,
daß Du es selbst nicht bist.
Bei jenes Tales Blumen,
die ich ihr lesen will,
bei jenen Myrtenzweigen,
die ich ihr stechten will,
beschwör ich Dich, Erscheinung:
auf und verwandle Dich!
Verwandle Dich, Erscheinung,
und werd – o Bäschen selbst!
Finis coronat opus
S. V.
P. T.
Edler von Sauschwanz.
Meine und unser aller Empfehlung an Ihren Herrn Hervorbringer und Frau Hervorbringerin! Adieu, Engel! Mein Vater gibt ihm seinen onkelischen Segen, und meine Schwester gibt ihm tausend cousinische Küssen. Adieu, adieu, Engel!
Mit nächster Ordinäre werde ich mehr schreiben, und zwar etwas recht Vernünftiges und Notwendiges. Und bei diesem hat es sein Verbleiben bis auf weitere Ordre Adieu, adieu, Engel!
Dienstag, 1. November 2011
Gesamtausgabe der Briefe an Goethe: Klassik Stiftung Weimar präsentiert neuen Band
Die Gesamtausgabe der Briefe an Goethe in Regestform erschließt mehr als 19.800 Briefe von etwa 3.350 Absendern. Die bisher erschienenen sieben Bände umfassen den Zeitraum 1764 bis 1817 und präsentieren annähernd 11.500 Briefregesten. Sie werden durch Personen- und Werkregister ergänzt.
Der neu erscheinende 8. Band dokumentiert Goethes persönliche Korrespondenz in den Jahren 1818 und 1819. Er enthält die Regesten von mehr als 1.100 Briefen von 340 Absendern.
Am Donnerstag, 03. November 2011, stellt das Goethe- und Schiller-Archiv der Klassik Stiftung Weimar einen neuen Band der Gesamtausgabe der Briefe an Goethe vor.
Den thematischen Schwerpunkt des 8. Bandes bilden Goethes dichterisches und wissenschaftliches Schaffen. Zu nennen sind insbesondere der »West-östliche Divan«, die Fortsetzung seiner Zeitschrift »Über Kunst und Altertum«, die Hefte »Zur Naturwissenschaft überhaupt« und »Zur Morphologie« sowie der anlässlich des Besuchs der russischen Kaiserinmutter Maria Fjodorowna im Dezember 1818 gedichtete Maskenzug. Im bearbeiteten Bandzeitraum 1818/1819 feiert Goethe seinen 70. Geburtstag.
Sein erster Enkel Walter wird geboren, sein langjährige Kollege, Vertrauter und Briefpartner Christian Gottlob von Voigt stirbt, der Schriftsteller August von Kotzebue wird vom Jenaer Studenten Karl Sand ermordet. Alle diese Ereignisse nehmen in den Briefen einen breiten Raum ein.
Die Regestausgabe der Briefe an Goethe zählt neben der historisch- kritischen Ausgabe der Briefe und Tagebücher Goethes, der Herder- Briefausgabe und der »Weimarer Arnim-Ausgabe« zu den laufenden Editionsunternehmen des Goethe- und Schiller-Archivs. In der Regestausgabe sind bislang die Bände 1 bis 8 (1764–1819) erschienen sowie ein Ergänzungsband zu den Bänden 1 bis 5.
Briefe an Goethe
Gesamtausgabe in Regestform
Band 8/1: 1818–1819: Regesten
Band 8/2: 1818–1819: Register
Herausgegeben von der Klassik Stiftung Weimar / Goethe- und Schiller- Archiv Bearbeitet von Manfred Koltes, Ulrike Bischof und Sabine Schäfer Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar
799 Seiten, 12 Abbildungen, 2 Teilbände im Schuber, 129,95 €
Der neu erscheinende 8. Band dokumentiert Goethes persönliche Korrespondenz in den Jahren 1818 und 1819. Er enthält die Regesten von mehr als 1.100 Briefen von 340 Absendern.
Am Donnerstag, 03. November 2011, stellt das Goethe- und Schiller-Archiv der Klassik Stiftung Weimar einen neuen Band der Gesamtausgabe der Briefe an Goethe vor.
Den thematischen Schwerpunkt des 8. Bandes bilden Goethes dichterisches und wissenschaftliches Schaffen. Zu nennen sind insbesondere der »West-östliche Divan«, die Fortsetzung seiner Zeitschrift »Über Kunst und Altertum«, die Hefte »Zur Naturwissenschaft überhaupt« und »Zur Morphologie« sowie der anlässlich des Besuchs der russischen Kaiserinmutter Maria Fjodorowna im Dezember 1818 gedichtete Maskenzug. Im bearbeiteten Bandzeitraum 1818/1819 feiert Goethe seinen 70. Geburtstag.
Sein erster Enkel Walter wird geboren, sein langjährige Kollege, Vertrauter und Briefpartner Christian Gottlob von Voigt stirbt, der Schriftsteller August von Kotzebue wird vom Jenaer Studenten Karl Sand ermordet. Alle diese Ereignisse nehmen in den Briefen einen breiten Raum ein.
Die Regestausgabe der Briefe an Goethe zählt neben der historisch- kritischen Ausgabe der Briefe und Tagebücher Goethes, der Herder- Briefausgabe und der »Weimarer Arnim-Ausgabe« zu den laufenden Editionsunternehmen des Goethe- und Schiller-Archivs. In der Regestausgabe sind bislang die Bände 1 bis 8 (1764–1819) erschienen sowie ein Ergänzungsband zu den Bänden 1 bis 5.
Briefe an Goethe
Gesamtausgabe in Regestform
Band 8/1: 1818–1819: Regesten
Band 8/2: 1818–1819: Register
Herausgegeben von der Klassik Stiftung Weimar / Goethe- und Schiller- Archiv Bearbeitet von Manfred Koltes, Ulrike Bischof und Sabine Schäfer Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar
799 Seiten, 12 Abbildungen, 2 Teilbände im Schuber, 129,95 €
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