Ein alter Text zur neuen Zeit, also unserer Gegenwart, weil sich nur wenig änderte, vieles im Kern gleichblieb, und meist nur Formen sich modern abheben:
Johann Gottfried Herder:
Briefe zur Beförderung der Humanität
(im Wikipedia-Text Hinweise auf online-Quellen!)
12.
Mich dünkt, Ihre Fragen über den geringen Antheil, den die
heutige Dichtkunst an den Händeln der Zeit nimmt, haben Sie Sich selbst
beantworten können; denn der Stoff dazu liegt völlig in Ihrem Briefe.
Schaffen Sie uns den Zustand der Griechen wieder, und
Alcäus, Pindar, Aeschylus sind mit
ihnen auch da. In vielerlei Rücksicht aber würden wir diese Zeiten nicht
wünschen und uns dagegen an unsrer dichterischen Untheilnehmung
begnügen. So
wäre es auch in Ansehung der Zeiten
Horaz' oder gar der Kreuzzieher und Harfner.
Opitz und
Logau fühlten die Drangsale des
dreißigjährigen Krieges; wider ihren Willen mußten sie an dem Elende,
das er verbreitete, Theil nehmen; der Widerschein seiner Flammen glänzt
in ihren Gedichten.
Kleist, Uz und
Gleim trafen auf die Zeiten der
preußisch-österreich'schen Kriege; alle Drei fanden darin unverwelkliche
Lorbeern, der Erste aber auch bei vieler Noth, die er als Krieger mit
bedrücktem Herzen sah, seinen blutigen Tod. Was diese Dichter uns aus
theurer Erfahrung sangen, warum mühte es uns, durch neue Erfahrung
theuer erkauft, wieder gesungen werden? Tönt uns
Kleist's Stimme nicht noch?
»Ihr, denen zwanglose Völker der Herrschaft Steuer vertrauten,
Führt Ihr durch Flammen und Blut sie zur Glückseligkeit Hafen?
Was wünscht Ihr, Väter der Menschen, noch mehrere Kinder? Ist's wenig,
Viel Millionen beglücken? erfordert's wenige Mühe?
O, mehrt Derjenigen Heil, die Eure Fittige suchen,
Deckt sie gleich brütenden Adlern. Verwandelt die Schwerter in Sicheln,
Erhebt die Weisheit im Kittel und trocknet die Zähren der Tugend!«
Die rührende Stimme seines »Grab- und Geburtsliedes«, seine
»Sehnsucht nach Ruhe«, sein »Abschied« hinter »Cissides und Paches« tönt
noch jedem Leser ins Herz, nachdem der Dichter die Gesinnungen seiner
Seele mit Leben und Blut versiegelt. So ist's mit den patriotischen Oden
Uz',
Klopstock's; und der preußische
Kriegssänger ist ebensowol Volks-, Friedens-, Staatssänger geworden, hat
bis auf die neuesten Zeiten fast an jeder großen Angelegenheit Antheil
genommen, die seinem Gesichtskreise irgend nur nahe lag.
Aber, mein Freund, nach unsrer Lage der Dinge halte ich das zu
nahe, zu starke Theilnehmen der Dichter an politischen Angelegenheiten
beinahe für schädlich. Zu bald nimmt der Dichter einseitige Partei und
thut der besten Sache, geschweige einer schwachen, wankenden, mit dem
besten Willen Schaden. Dadurch schwächt er die gute Wirkung seiner
Gedichte selbst; denn in Kurzem ist die
Situation der
Zeit vorüber; man sieht die Dinge anders an; man behandelt ihn als einen
abgekommenen Barden. Also bleibe die Poesie in ihrem reinen Aether, der
Sphäre der Menschheit,
»
Coetusque vulgares et udam
Spernat humum fugiente penna!«
In diesem höheren, freieren Raume begegnen sich alle politische
Meinungen als Freundinnen und Schwestern; denn im Elysium wohnt keine
Feindschaft.
Sehr gut also, daß unsre Musenalmanache äußerst wenige
politische Oden mit sich führen. Bald würden Zwei gegen einander im
Streit liegen; und überhaupt ist's doch nur Spiel, wenn Genien mit
Waffen der großen Götter spielen.
Das aber glauben Sie, daß die Poesie als eine
Stimme der Zeit unwandelbar dem Geiste der Zeit folge; ja, oft ist sie eine helle Weissagung zukünftiger Zeiten. Lesen Sie in
Stolberg's »Jamben«, 1784 gedruckt, den »Rath« (S. 66) und mehrere Gedichte; lesen Sie mehrere, frühere und spätere Oden
Klopstock's, und leugnen noch, daß
auch auf deutschen Höhen oder in ihren Thälern ein prophetischer Geist
der Zeiten wehe! Schade nur, daß er nicht vernommen wird; denn um aller
deutschen Redlichkeit willen, welcher Mann von Geschäften läse ein
Gedicht, um in ihm die Stimme der Zeit zu hören!
Wir, meine Freunde, wollen den Garten der Grazien und Musen in der Stille bauen. Verständiger
Homer, edler
Pindar, und Ihr sanften Weisen,
Pythagoras, Sokrates, Plato, Aristoteles,
Epikur, Zeno, Marc-Antonin, Erasmus, Sarpi, Grotius, Fénélon, St.
Pierre, Penn, Franklin, sollt die heiligen Mitwohner unsrer
friedlichen Gärten werden. Das aufschießende Korn bedarf mancherlei
Witterung; die Saat in der Erde will Ruhe und milden, erquickenden
Regen.
13.
Milden erquickenden Regen wünscht die keimende Saat der
Humanität in Europa, keine Stürme. Die Musen wohnen friedlich auf ihren
heiligen Bergen, und wenn sie ins Schlachtfeld, wenn sie in die
Rathskammern der Großen treten, entbieten sie Frieden. Eine edle,
würdige That zu loben, ist ihnen ein süßeres Geschäft, als alle Flüche
Alcäus' oder Archilochus' auf taube Unmenschen herabzudonnern.
Wenn es z. B. in unsern Zeiten einen Regenten gäbe, der an
seinem Theil dem barbarischen Menschenerkauf im andern Welttheil
entsagte und damit andern Staaten zu ihrem Erröthen ein Beispiel gab;
wenn er nach Jahrhunderten der Erste wäre, der die Sclaverei
willkürlicher Frohnen und andre erdrückende Lasten seinem Volk entnahm
und ein andres seiner Völker von ebenso drückenden Einschränkungen im
Handel befreiete; wenn dieser Regent ein hoffnungsvoller königlicher
Jüngling, und Einrichtungen dieser Art nur das Vorspiel seiner Regierung
wären: Heil dem Dichter, der solche Thaten ohne alle Schmeichelei
würdig und schön darstellte! Heil jedem Leser und Hörer, der diesem
Sänger einer reinen Humanität mit reinem Herzen zujauchzte!