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Sonntag, 7. Oktober 2018

Der Nobelpreis als Farce


Haimo L. Handl

Der Nobelpreis als Farce

Der Nobelpreis, vom Industriellen Alfred Nobel (1833–1896) gestiftet, war für den Stifter und Initiator eine Art Wiedergutmachung und Gewissensberuhigung; nach seinem Testament wird er seit 1901 verliehen. Üb er die Jahre hat er seinen Sinn und seine Aufgabe verloren und passt nicht mehr in die veränderte Zeit. Bei den Naturwissenschaften, wo eine Bemessung preiswürdiger Leistungen sich nachvollziehbar zeigen kann, mag es noch angehen auszuzeichnen, im Falle des Friedenspreises, aber vor allem in der Literatur, ist die Auszeichnung peinlich und ideologische Camouflage.

Sieht man sich an, wer den Friedensnobelpreis in den letzten Jahren erhalten hat, erschrickt man über die vordergründigen Manöver und Auszeichnungen. Der Preis widerspiegelt die Machtverteilung der westlichen Welt, den enormen Einfluss früher von Großbritannien, später von den USA und die Herrschaft wenig oder nicht reflektierter Werte des Christentums und daraus gespeister oder determinierter Staatstheorien.

In den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts finden sich Namen wie Willy Brandt, aber auch Politiker, die gnadenlos eine Kriegspolitik konzipierten und unterstützten, wie Henry Kissinger, Anwar as-Sadat, Menachem Begin, Elie Wiesel, Michail Gorbatschow oder Aung San Suu Kyi, die heute die Massenmorde an den Rohingya deckt, Jassir Arafat, Schimon Peres, Jitzchak Rabin, Jimmy Carter, Al Gore, Barack Obama, Europäische Union, (Obama weitete die amerikanischen Kriege aus, führte den Drohnenkrieg ein, die EU kooperiert mit faschistischen Regimen und unterstützt amerikanische Kriegsmaßnahmen sowie Terrorfinanziers wie Saudi Arabien).

Es sind nicht nur gewisse Persönlichkeiten oder Institutionen, die als preiswürdig erachtet wurden, womit von den brennenden politischen Problemen abgelenkt wurde. Es ist das dahinterliegende Wertsystem, das beleidigt.

Eine völlig veraltete Veranstaltung stellte der Nobelpreis für Literatur dar. Die Konstruktion der Akademie mit absolutistischen Rechten entstammt einem monarchischen Denken, das jeden emanzipatorischen Vorstellungen Hohn spricht. Die hohe Korruption, die Missbrauchsfälle in der Akademie indizieren nicht nur einen Niedergang der schwedischen Gesellschaft hinsichtlich westlicher Werte, sondern auch eine institutionelle Verkommenheit. Es wäre am besten, die Akademie löste sich auf und „streckte die Waffen“. Sie stellt eine andauernde negative Provokation dar. Die Staatsführung, der Monarch, niemand greift ein, die Statuten schützen die Privilegierten und Pfründehalter.

Dabei geht es überhaupt nicht um die Preisträger. Gerechtigkeit kann es nie geben, ist auch nicht ernstlich verlangt (außer von einigen, die solche Auswahlen nicht verstehen wollen). Ab er der Anspruch, „Weltbestes“ auszuzeichnen, ist unhaltbar und peinlich. Den Rekurs darauf brauchte es gar nicht. Alfred Nobel hat in seiner Lebenszeit nach anderen Wertmaßstäben geurteilt und gefordert, dass man künftig danach urteilen solle. Aus und vorbei. Es ist an der Zeit, mit solchem Humbug aufzuhören. Die Nobelpreisstiftung hat sich zu einer Kirche entwickelt, die Ideologie praktiziert. Sie ist unzeitgemäß. Dass Mitglieder auf Lebenszeit praktisch sakrosankt schalten und walten können, ist unerträglich (das ist bei den auf Lebenszeit bestellten Höchstrichtern ähnlich). Solch eine Praxis verträgt sich nicht mit Republikanismus oder offener Gesellschaft. Das sind Überbleibsel einer alten, unguten  Zeit.

Die Massen, auch die vermeintlich gebildeten, verlangen aber nach Zirkus, nach Spielen. Es gibt Versuche eines alternativen Nobelpreises für Literatur, nur am das Geschäft am Laufen zu halten. Man könnte ja daraus eine Art Publikumspreis machen: über die social media ließen sich sicher „gerechtere“ Preisträgerinnen finden. Eigene Spezialeinheiten einer Cyber Police würden prüfen, wie viele Stimmen über automatisierte Systeme produziert wurden. Man hätte neue Affären, neue Arbeitsplätze und eine weltumfassende Ablenkung. Die extreme Orientierung auf Quantität würde das geschwächte Wertsystem bzw. die Wertsysteme unserer Gesellschaften weiter unterminieren und ausdünnen, was den Gesellschaftsveränderinnen nur recht wäre. Der Schein der „demokratischen“ Entscheidungen wäre gewahrt und könnte in tausenden Kursen an Colleges und Volkshochschulen behandelt werden. Das wäre dann ein Beitrag zur Weltliteratur und zum Weltfrieden.


Freitag, 13. Juli 2018

Bibliotheken dem Namen nach

Wozu eigentlich noch Bibliotheken heutzutage?

Bibliotheken waren einst heilige Hallen des Lesens und Wissens. Heute sind sie multifunktionale Alleskönner – zum Glück für uns.
 
NZZ, Roman Bucheli 13.7.2018

Montag, 15. August 2011

Dichterwort

Zwei Beispiele:
1.
"Ein Freund, der zur Besatzungstruppe in Frankreich gehörte, erzählte, er wäre nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes nur deshalb nicht von den Partisanen erschossen worden, weil er sich in der marxistischen Ideologie auskannte.
Viel länger ist es her, dass die Syrakusaner nach der Niederlage des Nikias diejenigen griechischen Gefangenen entließen, die etwas aus dem Euripides zitieren konnten.
Ob heute jemand von uns vor Gericht freigesprochen werden könnte, weil er Goethes Urworte auswendig weiß?
Es gibt auch gegenwärtig Menschen, die Gedichte ernst nehmen. (...) Man geht von dem Unterschied zwischen passivem und aktivem Leser aus, in der Erkenntnis, dass ein Produkt, welches mit den ersten besten Reaktionen, den Antworten von der Stange rechnet, keine Kunst sei. Man fragt, was ein gutes von einem schlechten Gedicht scheide, ob ein Stoff an sich poetisch oder unpoetisch sein könne oder ob nur die Wirkung einer Darstellung darüber befinde. (...)
Man ist unzufrieden mit der Vereinfachung, das dichterische Wort sei emotionellen, das wissenschaftliche rationellen Charakters. ...
Wilhelm Lehmann: Poetische Grundlage (Beginn des Essays. In: W. L.: Kunst des Gedichts. Insel-Verlag 1961

2.
Kaum jemand wäre wohl noch zum Memorieren zu bringen; aufs Geistlose, Mechanische daran beriefe sich bereits der Geistloseste. Aber durch solche Prozesse wird dem Geist etwas von der Nahrung entzogen, an der er sich erst bildet. Der Glaube an den Geist mag den theologischen ins Wesenlose säkularisiert haben, und wenn ihn die sogenannte junge Generation verschmäht, so zahlt sie ihm heim, was er seit je verübte. Aber wo er, seinerseits Ideologie, fehlt, dämmert eine schlimmere herauf.

Der Sozialcharakter, den man mit einem selber höchst anrüchigen Wort auf deutsch geistiger Mensch nennt, stirbt aus.

Der vermeintliche Realismus jedoch, der ihn beerbt, ist nicht näher zu den Sachen, sondern lediglich bereit, unter Verzicht auf toil and trouble, die geistige Existenz komfortabel einzurichten und zu schlucken, was in ihn hineingestopft wird.

Weil kaum mehr ein Junge sich träumt, einmal ein großer Dichter oder Komponist zu werden, darum gibt es wahrscheinlich, übertreibend gesagt, unter den Erwachsenen keine großen ökonomischen Theoretiker, am Ende keine wahrhafte politische Spontaneität mehr.

Bildung brauchte Schutz vorm Andrängen der Außenwelt, eine gewisse Schonung des Einzelsubjekts, vielleicht sogar die Lückenhaftigkeit der Vergesellschaftung. "Ich verstand die Sprache des Äthers, die Sprache der Menschen verstand ich nie", schrieb Hölderlin; ein Jüngling, der so dächte, würde hundertfünfzig Jahre später verlacht oder seines Autismus wegen wohlwollender psychiatrischer Betreuung überantwortet.

Wird aber der Unterschied zwischen der Sprache des Äthers, also der Idee einer wahren Sprache, der der Sache selbst, und der praktischen der Kommunikation nicht mehr gefühlt, so ist es um Bildung geschehen.
Theodor W. Adorno: Theorie der Halbbildung. In: Soziologische Schriften I